Eine Nacht wie keine andere …

Eine Nacht wie keine andere …

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“. Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten. Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst. Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war. Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee. Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Straßenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war. Eben durch diese Bresche ergoss sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten. Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstraße, um sich dann durch die Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu verdrücken. Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluss auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte. Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben. So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe. Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel. Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden. Ein Kurzschluss ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung. Mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem. Für alle auf der Insel anwesenden Insulaner und der winterlich bedingten geringen Zahl der Touristen  war es eine völlig neue Erfahrung. Die Kur- und Kinder Erholungseinrichtungen waren natürlich alle rappelvoll. Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluss ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

©ee

Ewald Eden

Abends am See…

Abends am See

Siehst du? Der Mond geht auf!
Wie lange habe ich diesen Anblick vermisst.
Dunkelblaue Wolkenbänke mit leuchtendem Rand –

Setz Dich doch zu mir.
Horch, die Weide, wie sie flüstert.
Ob sie Geheimnisse hat?

Ich bin sicher, sie weiß etwas, was wir nur ahnen.

Versteht vielleicht die Enten,
die sich leise in den Schlaf schnattern –
Schau, da oben ist schon der erste Stern –

ja, die Wega!

Wollen wir zusammen hinfliegen –
durch die Finsternis – du und ich – Hand in Hand?

Wie hell sie ist!
Sie gibt mir Mut.
Es wird nie ganz dunkel werden.

© Gertrud E.

ein blatt im wind

Fotos bei meiner Seelenschwester Gertrud Everding

ein blatt im wind

herbstlaub so golden
und drüber blaut der himmel
ein bergahorn reckt stumm
die dunklen äste ihm entgegen –

doch du schläfst – so lange schon –
ein schlaf aus dem es kein erwachen gibt –

ich rufe – hörst du mich?

wurzeln des baumes
haben dich umfangen
kommt erst der frühling
ist deine kraft in ihm

und seine blätter – seine flügelsamen
sind dann ein stück von dir
so bleibst du mir – ein blatt im wind

DU –

©Gertrud E.

Gertrud Everding

Das besondere Gedicht.

Bild in der Nacht

Bild in der Nacht

Die Kerzen flackern, mich bedrängen Fragen.
Schwarzschatten zucken wild.

Sag, warum gingst du fort ohne Lebwohl zu sagen?
Mir blieb allein dein Bild.

Lächelst du? – Regst gar die Hand, die müde?

Komm doch – winkst du mir zu –
Mir ist so wohl, und alle meine Liebe –

Fliegt dir im Sturme zu.
Ein Martinshorn zerschrillt die Stille.
Vorbei – der Mond blickt schief herein.
Von irgendwo hör ich Rusalkas Lied –

Ich bin allein.

©Gertrud E.

GE 5.01.2012

das besondere Gedicht.

Meiner einer…

Lange hatte ich überlegt ob ich hier diese Zeilen setzen soll. Heute habe den Mut dazu. Meinen schwere Brustkrebs habe ich anscheinend überstanden. Frau fühlt sich irgendwie anders nach der Abnahme. Flach wie ein Bügelbrett bin ich nun. Doch nach der Chemo, danach schwerer Bestrahlung hat sich eine unheilbare Krankheit bei mir breit gemacht. Die freundlichen Ärzte hatten sich überlegt wie sie mir das erklären sollten. Nicht wissend das ich Jahrzehnte lang im Klinikbereich gearbeitet habe.

A L S klingt wie eine Talabfahrt. https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=a+l+s+krankheit

Noch dazu habe ich den schweren Verlauf. Höchstens drei zu erwartende Lebensjahre haben sie mir gegeben. Das erste halbe Jahr ist schon um. Magensonde, künstliche Ernährung, Sauerstoff habe ich bereits erhalten.

Da ich am PC – Laptop nicht alzu lange sitzen kann, werde ich hier immer weniger setzen. Meine 2. Seite ist hier zu finden.https://kurzzeitbegrenzt.blogspot.com/ dort stappelt sich Kurzgeschriebenes und meine fast täglichen Einträgen zum Tagesgeschehen. A m L imes S tehen beschreibt meine jetzige Situation ganz gut.

Ich bitte Euch von Beileidbekundungen Abstand zu nehmen. Jeder Mensch stirbt einmal. Ich bin nicht traurig und habe den Mut zu schreiben :

vielleicht schenkt mir das Leben noch ein klein wenig mehr Zeit… Christin von Margenburg

Horch, in der Luft…

Foto bei Gertrud Everding

Kraniche
Horch, in der Luft
dies Rauschen und Singen,
dies Rufen und Klingen!
Vielhundertfach naht sich
in schimmerndem Reigen
ein Kranichzug.

Spiegeln die Schwingen
im Silber der Wellen,
raschelnd und wispernd
raunt das Schilf.
Fluss hörst du? Sie kommen!
Hoch aus den Lüften
grüßt zu uns nieder
ihr klingender Schrei.

Hör noch lange ihr Rufen,
und Sehnsucht ergreift mich,
ich weiß nicht warum.
Auf der Koppel die Weiden
dort, mit knospenden Zweigen,
lauschen noch lange und winken
dem Kranichzug.©Gertrud E
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Gertrud Everding
März 91 / Altmark

Das besondere Gedicht.

in Zeitlupe

in Zeitlupe

deine zeit betrachten
wie sie erblüht
während du ihr silben schreibst
mit zarten zerbrechlichen flügeln

nicht wissend:
wird sie mein schlafendes ohr
je erreichen
nicht wissend: wachen wir

ich halte mein seele
an orpheus reich
presse mich
durch tagesgestein zu dir

zeit die uns durchsichtig scheint
und kurz
um in vergrößerungen wieder

länger zu werden

diese zeit betrachten…

wie sie erblüht
und du buchstaben setzt
bis sie tanzen froh

vor meinen augen

sie dreht sich
dreht sich
auch heute

um das verlorene UNS .

© Chr.v.M.

das Problem mit der Aussprache …

Ein Hin und Her zwischen Jannes und seiner Oma –

oder das Problem mit der Aussprache …

Gottseidank hat Jannes seine Oma noch. Die Oma die ist aus seiner Zehnjahressicht wohl schon ganz schön alt, aber sie ist noch so was von Plietsch – und das besonders, wenn sie ihm wieder einmal gegen seinen altmodisch strengen Papa zur Seite steht, wenn der mal wieder sagt, dass früher, zu seiner Zeit, doch alles gaaanz anders gewesen sei. Denn guckt Jannes seine Oma nur immer mit einem Blick an, in dem ganz groß die Aufforderung zu lesen ist: Omaaaaaaa … nun sag Du doch mal was – DUUU als seine Mama, Duuuu bist doch schließlich dabeigewesen! Komischerweise kann seine Oma denn auch in ihrem eigenen Gesicht lesen – gerade so, als würde sie vor einem Spiegel stehen … und denn MUSS sie einfach die Sicht von Jannes Papa, die manchmal wirklich ein büschen verbogen ist, wieder ein wenig geraderücken. Genauso deutlich wie Jannes Oma in solchen Momenten in ihrem Gesicht lesen kann, genauso so deutlich liest sie Jannes oft vor. Seine Oma Plüsch, die kann das Vorlesen aber auch …

Sogar in Jannes Schule traut sie sich Geschichten vorzulesen – sie sagt, sie kommt sich dann immer so vor wie in den Jahren, in denen sie auf der großen Theaterbühne mucksmäuschenstill in der Muschel hockte und flüsternd den Schauspielern vor ihr auf der Bühne über ihre Hänger hinweghalf. Jannes seine Oma hatte nämlich ganz ganz viele Spielzeiten als Souffleuse am Schauspielhaus gearbeitet. Jannes kann daher auch schon verdammt gut lesen. Sein Lehrer, der Herr Blindfisch – nun lacht nicht so, er heißt wirklich so – hatte das letzte Woche vor der ganzen Klasse gesagt. Oma Plüsch übt aber auch regelmäßig mit ihm. Die beiden machen denn ein richtiges Rollenspiel aus den Übungen. Jannes Papa hat auf der großen Kopiermaschine in seinem Büro extra dafür ganz viele Geschichten vervielfältigt, so dass sie immer beide den gleichen Text vor sich haben, wenn Oma und Enkel in die Leseschlacht ziehen. Wie beim Fußballspielen – oder neeee …

Oma Plüsch spielt ja kein Fußball – wie beim Schachspielen geht es dann meistens Unentschieden zwischen den beiden aus. Nur manchmal macht Jannes sich einen Spaß und bringt Oma Plüsch beim vorlesen ins wackeln. Und zwar immer dann, wenn Oma beim vorlesen ihre Stirn kraust – dann weiß Jannes, dass gleich wieder etwas kommt, bei dem er eingreifen muß. Dann liest Oma Plüsch nämlich wieder „Neu Jork“ oder „Bubbelgum“ und wenn Jannes sie dann mit „aber Oma, dass heißt doch „Nju York“ und „Babbelgam“ unterbricht, dann murmelt sie auch schon mal – für Jannes Ohren nicht bestimmt – was von „ach wat, dat olle Pitschginenglisch“ vor sich hin, um gleich darauf- wieder für seine Ohren bestimmt – korrekt weiter zu lesen. Jannes Freude darüber, seine Oma in Punkto Wörter lesen nun endlich schlau gemacht zu haben, sollte aber nicht von langer Dauer sein, denn jetzt geschah etwas, was Jannes sich die Haare raufen ließ –. Oma Plüsch las ihm aus ihrem Tageblatt aus dem Bericht über die Neueröffnung einer Wurstbraterei den folgenden Satz vor: In dem rollenden Imbiß am Kartoffelacker kann der hangreigi Kandi neben anderem auch leckere Hämbörger und knackige Fränkforter gegen den Hangir bekommen. Jannes konnte nicht an sich halten –

Omaaaaaaaaaa, da steht doch der hungrige Kunde und Hamburger und Frankfurter geschrieben. Kannst Du denn immer noch nicht richtig lesen …©ee

ewaldeden