Rückwärtsblicker – Vorwärtsseher .

Rückwärtsblicker – Vorwärtsseher .

Fall` mir nicht in Trauerringe !
Krame nicht in der Erinnerung.
Im Vorwärts gehen ein Neues sehen, denn :

Wer zu lange in den Himmel sieht
verliert Boden unter den Füßen.

© Chr.v.M.

Ein neuer Morgen …

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Ein neuer Morgen …

Leichter Flügelschlag des Windes
treibt lautlos uns’res Lebens Kahn
ein Rufen – leis’ , ein sehr gelindes
zieht uns vom fremden Ufer an

die Zukunft ist’s die uns erwartet
das Morgen – noch in Kindeskleid
wir fühlen uns im Heut’ geborgen
das Gestern liegt zumal ganz weit

Stärke wächst in unser’m Denken
Vertrau’n bestimmt den nächsten Schritt
wie spür’n des Schöpfers Hände lenken
und gehen ohn’ Bedenken mit

© ee

Wortezauber …

Wortezauber …

Mit Worten mag ich gern jonglieren –
vielleicht auch zaubern – dann und wann,
ich mag’s wenn Worte faszinieren
und lassen Sein an Seelen ran.

Ein Wort poliert getrübte Augen,
ein Wort bringt Lächeln ins Gesicht,
ein Wort lässt Seel’ an Seele saugen
und stellt die Freude in das Licht.

Ein Wort macht harsch’ Gedanken zärtlich,
ein Wort macht Wollen zum Begehr,
ein Wort stimmt Menschen menschenfreundlich,
ein Wort macht mürrischsein so schwer.

Drum schmied’ ich viele Alltagsworte
in glühend Feuer zärtlich um –
verteil sie dann an viele Orte,
dreh Abwehr so zu Willkomm’ um.

© ee

Und plötzlich juckt es wieder …

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Und plötzlich juckt es wieder …

Z ur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert. Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Das Geld für meine Bahnfahrkarte sei im Stubenbüffet deponiert. So lautete ihre Ansage an eine meiner Schwestern, die mit ihrer Familie in unserem Haus in Voslapp zurückblieb. Die Strecke hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt.
Einer meiner Brüder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von Händen die zupacken konnten. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung bekannt.
Fidi S., ein Jugendfreund meines ältesten Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Kriege und dem Ende ihrer Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. im Jeverland ins Rheinland gewechselt war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der Rubinhochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter bei seiner Rückreise ins Bergische Land auf seinem Feuerstuhl mitzunehmen.


Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Bahnfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.
Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er’ NSUzeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen auf die Landstrasse gerutscht war.
In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die Anfangs etwas teurer erscheinende Variante Zugfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer heruntergeratteter Strassenlänge an.


Meine Mutter, als dankbare Mitfahrerin, übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch die Kosten für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot seiner honorigen Sozia sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.
Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Deutschlandrundfahrt einschließlich der niederländischen und belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich dann mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abfahrt ins gelobte Land. An der Wesensveränderung meiner Schwester merkte ich, daß irgendetwas ihr Unwohlsein bereitete. Und richtig – das ihr von unserer Mutter anvertraute Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst, oder war unter der Sonne ihrer unerfüllten Wünsche dahingeschmolzen. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.
Der liebe Gott hieß in diesem Fall Fritz Grätz. Seines Zeichens war er Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur im Fernverkehr bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Turnus.
Seine dunkelblauen schwerfälligen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.

Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstrasse Steinwolle aus Blaubasalt als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.
Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere, Menschen die für wenig Geld näher oder weiter weg wollten.
Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere konnten jeweils im Führer-haus mitreisen, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mußten die anderen sich mit einem Platz auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.
Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, mußte sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.

Sich unterwegs etwas zu kaufen, das war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft.
Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal Heute.
Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord zusammengewürfelt hatte. Nach dem Ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Nur geschmökt werden durfte auf dem Zwischendeck nicht.
Und alles ging im Konzert der Strasse unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.
Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.
Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich das Jucken von vor fast sechzig Jahren zu verspüren.

© ee

Der zerbrochene Krug . . .

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Der zerbrochene Krug . . .

Wer kennt es nicht – das Theaterstück.

Als ich kürzlich auf dem Weg meiner Erinnerungen an Dudens Gasthof – mitten im Herzen Sengwardens – meinen Schritt verhielt, um die Erlebnisfarben an den „Deutschen Adler“ – wie er seit Generationen offiziell hieß – aufzufrischen, fand ich keinen Pinsel und keine Farbe. Nichteinmal ein Hauch von Annegret und Bernhard – geschweige denn von Oma Alma, Opa Paul – oder gar von Onkel Hans. Sengwarder Hof steht jetzt in neuzeitlicher, uniformierter Reklameschrift an der Hausfront. Wer die Buchstaben in dem leuchtenden Kasten unbeachtet läßt, sieht bloß eines von vielen gleichgeschalteten Wirtshausschildern vor sich. Die Kreativität in den Köpfen der Werbestrategen der dahinterstehenden Bierbrauer scheint mir wie ein Stier ohne Hörner – oder wie eine Einstellung, die abfärbt. Im Inneren des Hauses – das ich aus der Vergangenheit als quirlige Welt kannte – empfing mich eine Atmosphäre der Gleichgültigkeit. Das Gefühl, jeder Handgriff oder jeder Schritt zum Wohle des Gastes verursacht beim Personal Unbehagen, ließ mich schauern.

Wenn Gäste aus Getränkenot mit bunt zusammengewürfelten Thermoskannen zwischen den Tischreihen hin-  und herwehen – oder gar das dazugehörige Gebäck auf Servietten selbst zum Tisch tragen müssen – obwohl genügend dienstbare Geister am Tresen anwesend sind, wird es keinen Gast verleiten zu verweilen. Ich habe nur wehmutsvoll den vergangenen Zeiten hinterher geschaut. Der abschließende  Blick in die ungepflegte Toilettenanlage hat mich ganz schnell hinausgetrieben. Schade für das Haus um die vertane Chance.

Meine Punkteliste habe ich in der Tasche gelassen. © ee

Ewald Eden

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Irgendwo im Nirgendwo …

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Vor meinem jetzigen Stadtasyl war mein Zuhause ja ein Paradies in einer benachbarten Landgemeinde am derselben gelegen – mit weitem Blick über die Felder – zumindest nach 3 Seiten hin an einem von der Hauptstrasse abzweigendem Schotterweg gelegen.
Es war schon alles etwas weitläufig angelegt mit 450 Haselnußsträucher neben einem großen Sonnenblumenfeld für jeden der vorbeiging ein Sträußchen zum mitnehmen – von einem stetig wachsenden Wall aus allem was in Garten und Gelände an Naturalien wie Strauch- bzw. Baumschnitt und Grünzeug begrenzt, der sogar Füchsen und Rehen aus dem angrenzenden Barkeler Busch als Schlaf- und Ruhequartier diente – die Rehmütter brachten des Öfteren sogar ihre Kitze mit – inmitten dieser Vielfalt dann der gutbestückte Gemüsegarten aufgemischt mit alten Obstbäumen fast vergessener Sorten und einem Teich mit vielen hundert Fischen in vielen Arten – die meisten von ihnen fraßen mir aus der Hand wenn ich sie des Abends mit Futter versorgte.

In meinem Brunnenhaus förderte eine Pumpe aus 30 m Tiefe kristallklares silberflimmerndes Naß zur Versorgung des Ganzen – ehemals und vordem war das Anwesen eine Gärtnerei gewesen die nach dem letzten Betreiber etliche Jahre im Dornröschenschlaf zugebracht hatte – bis ich sie daraus erweckte – die Gebäude befanden sich in einem schrecklichen Zustand und die 10 tausend qm umzu boten das traurige Bild einer vergessenen Wüste. Das nächste Gehöft lag gut hundert Meter weiter den Schlackenweg hoch. Die Nachbarn auf dem Hof betrieben im Nebenerwerb auch eine bescheidene Gemüsegärtnerei. 3 Söhne hatten Magda und Ewald – wobei der Jüngste und der Ältest schon aus dem Hause in der Ferne irgendwo lebten. Nur der mittlere des Trios wohnte wegen seiner etwas schwächlichen Konstitution (obwohl er von Gestalt her ein gestandenes Mannsbild war) noch bei Mama und Papa zuhause. Wie aus heiterem Himmel lag Ewert – so sein Name – plötzlich darnieder. Obwohl es ja ganz sicher nicht aus heiterem Himmel geschah. es war wohl nur nicht erkannt worden.
Beim 27jährigen Ewert wurde ein Tumor im Kopf festgestellt und damit begann seine Odyssee durch viele Heilpaläste mit den unterschiedlichsten Methoden in vielen Gegenden. Seine Eltern liessen nichts unversucht um ihn vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren.
Ihn und sich muß ich dazu sagen, denn in den folgenden 3 Jahren – an seinem 30sten Geburtstag hatte alles Leiden ein Ende – haben seine Eltern wohl mehr gelitten ob ihrer Unfähigkeit dem Sohn helfen zu können, als Ewert selber. Ich habe während meiner
vielen Besuche bei ihm immer nur einen ausgeglichen Freund vorgefunden. Er hatte sich mit allem arrangiert. Auf diese Besuche wollte ich eigentlich auch hinaus. Es war schon Rythus dass ich in der letzten Helle eines jeden schwindenden Tages – seit er die Liegestatt nicht mehr verlassen konnte – bei ihm reinschaute und für eine Weile an seinem Lager verweilte. Bis zu seinem Davongehen an seinem Geburtstag.
Wochen nach der Beisetzung besuchte mich seine Mutter – es war ihr einfach ein Bedürfen mir zu danken.
Während der Leidenszeit ihres Sohnes hätten unzählige Menschen aus Familie, Bekannten- und Freundeskreis mit ihnen wortlos mitgefühlt – auf mich hätte sie aber jeden Tag fast freudig gewartet – immer auf den Moment hin in dem sie meine Bonny um die Hecke streichen sah – dann wußte sie: Ewald kommt gleich hinterher. Ich brachte zwar keine Heilung für ihren Ewert mit – aber ich war der Einzige der Worte mitbrachte, tröstliche und offene Worte die ihnen allen den schweren Weg des Abschieds sehr viel leichter zu gehen gemacht hatten.

Irgendwo im Nirgendwo …

© ee

Am falschen Ort . . .

Am falschen Ort . . .

I ch stehe hier an Meeres Säumen
mein Innerstes ist weit von hier
ach – könnt’ ich endlos Sehnsucht träumen
ach – wär’ mein Sein ohn’ End’ bei dir

Ist mir als ob ich hüllenlos
wohl über Welten schwebe
der Zwang in mir wird riesengroß
flieg’ übers Meer und lebe

Ich kann mich wenden still und dreh’n
will alles das vergessen
muß immer wieder rückwärts geh’n
von Nordlands Weiten sinnbesessen

Mein Traum der harret der Erfüllung
durchdringt mich bis ins kleinste Haar
ist weit entfernt von jeder Stillung
fesselt mich – so Jahr auf Jahr.

© ee