Wie war es eigentlich noch …

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Wie war es eigentlich noch …

 

Zum Beispiel mit Hein Vieth, dem Milchmann von Voslapp?

 

Wer heute durch den Wilhelmshavener Stadtteil Voslapp geht, der sieht nicht mehr viel von den Fußstapfen der „Pioniere“ aus der Anfangszeit dieses Ortes als „Reichsheimstätten-Siedlung“.

Fußabdrücke von Frauen und Männern mit Herz und Courage, die oft bis über die Knöchel durch Schiet und Klei laufen mussten, um von Haus zu Haus zu kommen – oder auch nur von den Fahrwegen zu ihrer eigenen Haustür zu gelangen.

 

Einer von den Unternehmern, den Geschäftsleuten der ersten Stunde war Hein Vieth aus Bremen.

Als Bauernjunge von einem großen Hof im Waller Quartier stammend, hatte er von zu Hause aus wohl einiges Kapital an den Füßen, als ihn das Schicksal nach Knyphausersiel trieb.

Irgendeine Missetat, von ihm in seinen jungen Jahren verübt, hatte seinen Vater veranlasst, ihn als Nachfolger auf dem Gut unweit des Waller Bahnhofes auszuschließen. Seine Mutter hat ihn dafür aber noch weit über ihren eigenen Tod hinaus mit ständigen Zuwendungen ihrerseits, bei häufiger drohenden Pleiten, respektierlich über Wasser gehalten. So ist er denn mit seiner Meta und vier kleinen Bremer Kluten in eine Gegend gezogen, in der in den nächsten Tausend Jahren das Leben große Wellen schlagen sollte. Zumindest wurde es zu der Zeit in allen deutschen Gauen regierungsamtlich so verkündet. Der tatsächliche Fortgang der Geschichte hat wieder einmal mehr den Beweis erbracht, dass Menschen den sie regierenden Menschen niemals zuviel Glauben schenken sollten. In der Vergangenheit hätten sie es nicht tun sollen – in der Gegenwart sollten sie sich davor hüten und in der Zukunft möge ihr Verstand sie davor bewahren.

 

In seiner Nähe, am Rüstersieler Maadezug und ein paar Straßenzüge weiter auf Voslapp zu, in Knyphausersiel, saß zur gleichen Zeit Fritz Folkers auf seiner Hausstelle, der Tag für Tag mit seinem einspännigen Rollwagen auf Milchverkaufstour in der Nachbarschaft durch den Fedderwarder-Baugroden unterwegs war. So hieß damals die riesige Baustelle der künftigen Siedlung Voslapp nördlich von Knyphausersiel.

Weil der zweite Weltkrieg, der zu der Zeit noch wie ein junger Mann auf flinken Beinen gen Osten strebte, Fritz Folkers für sein blutiges Handwerk brauchte, hatte Hein Vieth kommissarisch von der NSDAP-Gauleitung die Pferdewagen-Milchtour übertragen bekommen, damit die Versorgung der Volksgenossen und deren Familien mit Molkereiprodukten auch weiterhin gesichert war. Der Bremer Schlaukopf hatte irgendwie das Glück, dass er von den Militärs für das Kriegshandwerk als untauglich angesehen wurde. Vielleicht hatten es auch nur einige Bremer Speck- und Schinkenseiten, oder die eine oder andere Ochsenbrust aus dem Waller Viertel, das ihrige dazu beigetragen. Wer weiß das nach so langer Zeit noch so genau.

Fritz Folkers nun hatte mit Glück die Kriegshändeleien körperlich einigermaßen unbeschadet überstanden, und nach seiner Rückkehr aus dem Feld die Zügel seines Milchwagengespannes wieder in die eigenen Hände genommen.

 

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Hein Vieth, der indes seine Freude an der Milchverteilerei gefunden hatte, richtete auf einem Ackergrundstück an der Voslapper Flutstrasse (damals noch Hans-Zenker Strasse), gegenüber dem südlichen der zwei Voslapper Rundbunker, in einer hölzernen Bude eine eigene Milchversteilerstelle ein. Auch bei der Erlangung der erforderlichen amtlichen Genehmigung hatten wohl nahrhafte landwirtschaftliche Produkte aus dem Bremer Umland einem positiven Bescheid ein wenig nachgeholfen. Im „Verbindungen pflegen“ belegte Hein Vieth nämlich zumeist einen der ersten Plätze im Wettstreit um gute Platzierungen. [Als Ironie des Schicksals habe ich es in späteren Jahren so manches mal empfunden, dass genau an der Stelle der ersten Vieth’schen Milchbude  Fritz Folkers in direkter Konkurrenz ein großes gleichartiges Geschäft errichtete, und Hein Vieth das Leben erschwerte, was letztendlich mitentscheidend Hein Vieth zur Aufgabe seines Geschäftes veranlasste und den Rückzug nach Bremen ins Waller Quartier bewirkte. Vielleicht wurde da auch noch so manche „alte Rechnung“ beglichen].

 

Es ging aber nicht sehr viel Zeit ins Land, bis Hein Vieth, als der krägele  Handelsmann der er ja nun einmal war, sich schräg gegenüber – an der Ecke zur Hunrichstrasse – eine steinsche Wehrmachtsbaracke als neues Domizil ausgeguckt und zu eigen gemacht hatte. Und wieder hatte die Stütze aus dem Waller Quartier ein wenig gehörig nachgeholfen.

„Well good schmeert, de good foahrt“ – dieser sein Leitsatz stand auch da Pate. Aus Hein Vieth’s blauer Milchbude auf einem Ackergrund war nun quasi über Nacht ein richtiger massiver Tante Emma Laden geworden, während es bei seinem ärgsten Konkurrenten Fritz Folkers bis dato und auch für die nächsten Jahre danach immer noch nur zu einer Holzbude, in der Hohewegstrasse in Roskosch’s Garten, reichte.

 

Anhand der zwei großen Schaufenster, im Giebel rechts und links der Eingangstür des neuen Vieth’schen Domizils, konnte jeder jetzt schon von weitem den Kaufmannsladen erkennen. Die emaillierte blecherne Tafel an der Hausmauer, auf der auf blauem Grund in überdimensionierten weißen Lettern in Schreibschrift das Wort „Milch“ geschrieben stand, tat aller Welt kund, dass dieser Kaufmann die gesundheitsamtliche Erlaubnis besaß, in seinem Laden Milch zu verkaufen.

 

Frischmilch unter die Leute bringen durfte nämlich noch lange nicht jeder Kauf- oder Handelsmann  in unserem Lande – selbst dann nicht, wenn er „original“ den Kaufmannsberuf erlernt hatte. Dafür bedurfte es einer Extra-Genehmigung durch das Veterinäramt der jeweiligen Kommune oder des Kreises, wenn man als normaler „Heringsbändiger“ – wie wir die Lebensmitteleinzelhändler auch nannten, frische Molkereiprodukte im Sortiment führen wollte.

Und diese „Extra-Genehmigung“ hatte dann wiederum sehr viel zu tun mit dem allseits bekannten Vitamin B. als Schmiermittel und zur Pflege guter Verhältnisse.

 

Der Vieth’sche Laden konnte durchaus mit den anderen am Orte ansässigen Lebensmittelgeschäften in Punkto Flächengröße, Einrichtung und Warenangebot mithalten.

In Bedienerfreundlichkeit und Kundenverständnis hatte Hein Vieth niemanden seiner Mitbewerber vor sich und war vielen anderen meist um einige Längen voraus.

Von des Morgens um sieben bis des Abends um sieben Uhr – mit einer Unterbrechung von 13 – 15 Uhr als Mittagspause –  stand die Ladentür für die Kunden offen. Und das sechs lang Tage die Woche. Des Sonntags durften Milchgeschäfte wegen des Frischefaktors der Produkte des Vormittags zwei Stunden ihre Türen für die Kunden öffnen, weil in den meisten Haushalten ja noch keine Kühlmöbel die Küchen bevölkerten. Die Verbreitung dieser Geräte in Haushaltsgröße setzte erst um einige Zeit später ein.

 

Während der gesetzlichen Nichtöffnungszeiten stand für Kunden aber mehr oder weniger oft die „Hintertür“ offen, denn der Spruch an den Käuferkreis: „Wenn vorne geschlossen ist, dann ist hintenrum offen“ den hatte fast jeder Kaufmann drauf – denn wer wollte, wer konnte es sich schon leisten, wegen der strikten Einhaltung der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten, seine Kunden zu verlieren. Wer nämlich nach Feierabend bei dem einen Kaufmann nichts bekam, der eilte stehenden Fußes zur Konkurrenz, bekam dort das, wonach er verlangte – und blieb dann sehr oft dort auch für die „offene“ Zeit als Kunde hängen.

Der „gesetzestreue“ Kaufmann schaute dann meist in die Röhre.

So hat sich durch die Zeiten immer wieder aufs Neue bewiesen, dass absolute  „Gesetzestreue“ sich nur die Menschen leisten können, die es sich auch leisten können.

 

Ich habe Perioden miterlebt, in denen bei Hein Vieth mehr „hintenherum“ als durch die Vordertür verkauft wurde.

An der seitlichen äußeren Hauswand hingen des Abends stets um die 20 „Melkbummen“ – Milchkannen – kopfüber am Kannenholz, die Frau Meta zuvor mit Hilfe von P3 und Wurzelbürste geschwienkert – gereinigt hatte.

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Morgens um Klock sechs mussten die Kannen aufgereiht an der Strasse stehen, denn auf die Minute genau tuckerte Peter Janssen aus dem Hooksieler Sengwarder Anteil, mit seinem Fendt Dieselroß aus der Richtung von Wirtin Albers Kuhstall kommend, die Flutstrasse hoch, um frische Milch, Karnemelk (Buttermilch), Klumpenbutter und Käse aus der Hooksieler Molkerei anzuliefern.

Später war es dann ein grüner Viereinhalbtonner, ein rundschnauziger Hanomag der ersten Nachkriegsbaureihe, der dem Hooksieler  Fuhrmann eine schnellere Auslieferung  ermöglichte – und ihm dadurch einen größeren Lieferbezirk und auch vermehrten Fuhrlohn bescherte.

Fuhrmann Janssen war meist mit seinem Gespann gerade eben um die Ecke gebogen, um bei seiner Schwester Elly, in deren Siedlung am Deich, die morgendliche Teepause einzulegen, als auch schon der rahmweiße Frachtwagen der Molkerei Neuende in Sichtweite auftauchte. Von dort wurde Karnmelksbree – Buttermilchbrei, Sahne, Quark und als besondere Spezialität „Schichtkäse“  geliefert. Hein Vieth legte einen ganz engen Maßstab an die Bewertung der  Qualität der Frischeprodukte, die er für seine Kunden einkaufte. Da konnte es denn schon einmal vorkommen, dass auf Grund von Qualitätsschwankungen der Ware oder der Rohstoffe der Hersteller gewechselt wurde.

 

Die Lieferanten gaben sich in den frühen Vormittagsstunden oftmals gegenseitig die Türklinke zu Vieths Laden in die Hand.

Es war nämlich in den Jahren beileibe noch nicht so, wie es in der heutigen Zeit üblich ist, dass ein überdimensionierter Lastwagen ein oder zweimal mit einer Fuhre das gesamte Sortiment, das sich im Angebot des Geschäftes befindet,  anliefert. An diese Art von Logistk war noch nicht zu denken, zumal ja auch noch sehr viele Artikel lose bzw. als Sackware angeliefert wurden, um erst im Laden in Tüten mit handelsüblichen Mengen abgefüllt wurden. Außerdem stand in den vielen Einzelhandelsunternehmen für einen anderen Liefermodus gar nicht ausreichend Lagerraum zur Verfügung.

 

So war alles schön verträglich auf- und eingeteilt.

Die Lieferung von Margarine aller Marken, sowie die von Plattenfetten, besorgte Heino Weschke aus Rüstersiel mit seiner kleinen Frischdienstfirma mittels seines flinken „Tempo“ Kleintransporters. Die Margarinesorten der unteren Preislagen – so zum Beispiel die billigen Marken wie ‚Sanella’ hatte der Teil Volkesmund, der höherwertige Fette, oder sogar Butter sich als Brotaufstrich leisten konnte,  mit dem Beinamen  „Wagenschmiere“ belegt. Die Produkte schmeckten und  schmierten auch dementsprechend.

„Käse“ jeder Art und jeder Sorte zu liefern, das fiel in die Zuständigkeit der Kleeblattfirma, die in der Deichstrasse am Handelshafen, gegenüber des Wilhelmshavener Hauptgeschäftes der in ihren anfangszügen auch aus Hooksiel stammenden Holzhandlung Brader, ihren Stammsitz hatte. Kleeblattfirma deswegen, weil die Anfangsbuchstaben des Firmeninhabers I. G. H. (das H stand für Harms) als Firmenlogo das Bild eines dreiblättrigen Kleeblatts zierten.

 

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Auf dem Lieferantenfahrzeug für Obst, Gemüse und Südfrüchte prangte in gelblichen Lettern ‚Früchte Wilms’ an den blauen Planen der Ladebordwände. Mehrheitlich waren bei den Lieferfahrzeugen die offenen Ladeflächen mit Plane und Spriegel bestückt – wenn überhaupt. Geschlossene Kasten- oder gar Kühlwagen gab es noch erst sehr selten auf den Strassen zu sehen. Lastkraftwagen durften sogar noch mit zwei Hängern hinter dem Motorwagen betrieben werden.

 

Leichte Kuchen, die bei Hein Vieth über den Ladentresen in die Hände respektive in die Bäuche seiner Kunden gelangten, entstammten der Backstube des Rüstersieler Bäckermeisters Fritz Ommen. Vielen Wilhelmshavenern ist er als begeisterter Sänger und langjähriger Sangesvater der Mannen der Rüstringer Liedertafel noch ein Begriff.

 

„Krintstuten“ (Korinthen- oder besser bekannt als Rosinenstuten) und „Wittstut“ – Weißbrot, ob gesüßt oder ungesüßt, musste durch die Hände und in der Backstube von „Backer Hüdel“, wie wir Bäckermeister Helmut Hayen aus Sengwarden respektvoll nannten (wenn er es nicht hörte) geformt und gebacken worden sein.

 

Die Herstellung und die Lieferung von Schwarzbrot war der Dampfbäckerei Göcken – die in der Schaarreihe gegenüber von Warrings Gaststätte „Schützenhof“ angesiedelt war, vorbehalten. Mit Bäcker Göckens „10 Pfündern“ konnte kein anderes Schwarzbrot in der Gegend konkurrieren. Das wollte auch wohl keiner ernsthaft tun, denn man gönnte sich gegenseitig sein ‚Brot’ – von einigen Ausnahmen einmal abgesehen, herrschte unter den Handwerksmeistern noch  so etwas wie Solidarität.

 

Unschlagbar in der Herstellung von Landbrot (auch von Bremerbrot) waren die Bohemanns, gleich ob es Günther oder Walther Bohemanns Kunst war, die den Broten ihren ‚Torfback’ angedeihen ließen – dieses „täglich Brot“ war in Geschmack und Güte einfach nicht zu übertreffen.

Ein Backwerk ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben – der „dicke“ Zwieback aus der Rüstersieler Backstube von Heinrich Siemens. In der Herstellung dieser Köstlichkeit konnte ihm wohl keiner seiner Mitbewerber das Wasser reichen. Stippzwieback und schwarzer Tee waren das obligatorische Heilmittel bei Magen- und Darmverstimmungen.

 

Einzig Brötchen, als kurzlebiges Backwerk, und das unvergessliche „Kommissbrot“ kamen den kurzen Weg aus der unmittelbaren Nachbarschaft in das Vieth’sche Verbraucherparadies. Bei der Herstellung dieser Erzeugnisse hatte Bäcker Stamerjohanns durchweg die Nase vorn. Das hatten nach dem Ende des Krieges auch die Besatzer, die Serben und später dann die Tommis schnell erkannt. Sie ließen in den Voslapper Stamerjohanns’chen Backstuben über die Zeit ihrer Anwesenheit in den Wehlenser Kasernen und in den Gebäuden am Banter-See (der sog. „Prince Rupert School) ihren Bedarf an Brotlaiben bei Stamerjohanns decken.

Zweimal die Woche holte ein olivgrüner hochrädriger britischer Armeelaster die Stamerjohanns’chen Vierkantbrote ab. Sie wurden aus den höhergelegenen Fenstern der Backstube mittels einer Bretterrutsche auf die Pritsche des unter den Fenstern stehenden Lastwagens befördert.

So mancher Brotlaib verließ unterwegs die Rutsche, um dann von den unten darauf wartenden „kleinen Voslappern“ aufgefangen zu werden.

Manches Brot wurde von oben sicherlich mit Absicht auf den „Irrweg“ in die Hände der Kinder geschickt.

 

So hatte jeder kleine Betrieb in der Stadt und dem Umland seinen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung.

 

Alle anderen Waren, die – nicht frisch und  nur begrenzt haltbar – geliefert wurden, die kamen entweder aus dem Lager von Hermann Kluge, abseits des Mühlenwegs angesiedelt, oder aus denen des Grossisten August Bade in Neuengroden an der Freiligrathstrasse, gleich hinter dem damals sehr beliebten und bekannten Schuhhaus Gerdes gelegen. Es waren in erster Linie Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen und Linsen. Reis, Mehl, Zucker und Salz gehörten ebenso dazu wie Sauerkohl, Fassgurken, Senf, Essig und Speiseöl. Dauerbackwaren, wie Brandzwieback und Feingebäck, vervollständigte, neben Körperpflegemitteln und Waschpulvern der damals großen Hersteller, die Palette der wöchentlichen Anlieferungen. Ein ganz besonderes Ansehen genossen die jeweiligen „Handelsreisenden“ der Genussmittelfabrikanten wie Teekontore, Kaffeeröstereien, Brenner- und Brauereien und der mächtigen Tabakwarenindustrie. Diese Herren – es waren damals nur Männer auf dem Gebiet tätig – genossen stets eine gewisse Bevorzugung in der Abfertigung und im persönlichen Umgang.

Man darf es sich allerdings nicht so vorstellen wie es heute in den Märkten üblich ist, mit der Auswahl und dem Warenangebot. Bei dem die Menschen ja oftmals gar nicht mehr wissen, was sie denn kaufen sollen, weil ja unter vielen Namen angebotenes irgendwo von dem gleichen Hersteller gefertigt wird. Einer solchen Täuschung waren die Kunden damals noch nicht ausgeliefert. Die Verbraucher der Damalszeit konnten noch auf den Grund der Töpfe schauen, in denen die Suppen meist angerichtet wurden. Von den gebräuchlichsten Produkten fanden sich nur höchstens drei oder vier Ausführungen von verschiedenen Herstellern, wenn eine Auswahl überhaupt möglich war. Die Käufer konnten an der Verschiedenartigkeit des Sortiments noch leicht entlang schauen.

Bei den im Handel befindlichen Getränken sah es nicht viel anders aus. Ohne Prozente im Inhalt wurde nur Brause feilgeboten – gezuckertes mit Kohlensäure versetztes Wasser mit Farbstoff und entsprechendem Fruchtgeschmack in Gelb, Rot und Grün – ach ja, und Coca Cola, als ein aus den USA herüber geschwapptes „Erfrischungsgetränk“ war gerade im Begriff, bei uns in den deutschen Landen Fuß zu fassen.

Auf den Bierflaschen in den Regalen klebten Etiketten der regionalen Braustätten wie  Jever, Ulferts, Becks und Haake-Beck oder Hemelinger. Die Gerstensäfte aus weiter entfernten Sudkesseln waren den heimischen Biertrinkern noch weitgehend fremd.

Die Anzahl der Bezeichnungen auf den Flaschen mit den „härteren“ Sachen, den Spirituosen, bewegte sich in durchaus überschaubarem Rahmen. Es befand sich noch fast nichts an fremdländischen Bränden darunter. Whisky, Wodka und Cognac im Angebot zu haben, das war den wenigen exquisiten „Spirituosen-Geschäften“ in der inneren Stadt vorbehalten (Stümpel“ war eines davon), oder eben den, ein wenig exklusiveren, gastronomischen Betrieben. Der größere Umsatz von Schnaps und Bier wurde zudem vornehmlich in den Gastwirtschaften, den Kneipen und Krügen, getätigt. Das „Saufen“ wurde nämlich noch überwiegend der Männerwelt zugeordnet, und nicht als ein „Kindervergnügen“ betrachtet, sowie es in der Gegenwart häufig genug geschieht. Frauen „machten“ so etwas denn schon einmal gar nicht. Auch diese Auffassung hat sich ja im Laufe der Generationen sehr verändert  Zuhause beschränkte sich „das trinken“ für die Kinder und Halbwüchsigen im Normalfall auf Wasser aus der Wasserleitung, Milch, Kakao oder Muckefuck zu sich nehmen.

Muckefuck – wer kennt schon noch die Sorten an Spitzbohnen- oder Malzkaffee, die in den Wandregalen in den Läden einen respektablen Platz beanspruchten. Als da waren „Franks Korntrank“ oder „Kathreiner“ und „Lindes“, für die damals schon im Radio Werbung gefahren wurde. Der echte Bohnenkaffe-, oder mehr noch der Schwarzteegenuß – war in den Haushalten, die ihn sich leisten konnten, den erwachsenen  Familienmitglieder vorbehalten. Ein Spruch der Mütter und (weniger) der Väter klingt mir heute noch in den Ohren, wenn sie die begehrlichen Blicke der Kinder hin zu den Tee- oder Kaffeetassen der Großen mit den Worten abwehrten: „Tee (oder Kaffee) ist nichts für Kinder – davon bekommen sie bloß schlappe Nasen.“ Der einzige Grund, warum Kinder nichts vom Tee oder Kaffee süppeln sollten, das war der Preis für diese Genussmittel. Tee und Kaffee war nämlich verdammt teuer im Handel.

Schnaps trinken war also Mannsleutsache – und genauso hat Hein Vieth es auch betrachtet, mit seiner Mitgliedschaft im Kreise der Wilhelmshavener Honoren, deren Treibensmittelpunkt für lange Zeit das Hotel Atlantik am Börsenplatz war.

Wer von den Jadestädtern, deren Haupthaare schon leise angegraut und deren Knochen schon ein wenig alterssteif sind, kann sich nicht noch an die bekannten Namen aus der Unternehmerszenerie Schlicktaus erinnern. An Viehhändler Luis Winter, an Lampenschirmfabrikant de Levie, an Schlachtermeister Wilhelm Werther oder Kaufmann Karl Lenzing, an die Urgesteinskaufleute Coldewey, an Franz Högemann oder die Wirtehierarchie der Dekenas … die Liste derer, die das gesellschaftliche Leben der Stadt mitbestimmten, die könnte ich ellenlang fortsetzen, über Kohlenhändler, Kinobetreiber und Pillendreher bis hin zu Advokaten und Medizinern vom alten Schlage. Die Liste würde hier aber sicherlich den Rahmen sprengen.

Was denn so zwischen den Honoren allgemein abging, bei ihren oft spektakulären Zusammenkünften, das wusste am nächsten Tage nicht selten schon der letzte Bürger in der Stadt. Was sich allerdings zwischen verschwiegenen Mauern des „Hotel Atlantik“ in den Nächten der Zünfte abspielte, darüber wurde dann höchstens mal hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Das betraf denn ja ausschließlich die „bessere Gesellschaft“ von Kaisers Haven.

Auf jeden Fall hat Hein Vieth von den Vorteilen, die ihm durch seine Mitgliedschaft in diesem Kreise zufielen, einen großen Teil an die kleinen Sorgenbeißer unter seiner Kundschaft, die so Tag für Tag das Nötigste zum Leben in seinem Laden anschreiben ließen, weitergereicht.

Um dieses „Stehen“ in zwei Welten – Spagat wird es im sportlichen Bereich ja wohl genannt, das mit dem einen Fuß bei den Reichen und mit dem anderen Fuß im Lager der Armen stehend – überhaupt ertragen zu können, benötigte Hein Vieth binnerwendig wohl immer reichlich Öl auf dem Wasser. Sonst hätte seine Seele garantiert nach kurzer Zeit Schiffbruch erlitten.

Hein Vieth sein Öl für die Seele kam direktemang aus dem Niederrheinischen. Jeder Schluck hatte seine eigene Flasche um sich herum und war außerdem sorgfältig in bräunliches Umpapier gedreht. Gedacht war der kräuterige Inhalt vom Sinne des Erfinders her eigentlich zur Unterdrückung von lästigem Magendrücken nach zu reichlichem Genuß zu guten Essens. Aber des Menschen Seele sitzt ja auch irgendwo im Bauch.

Bei Hein Vieth muß die Seele stets ordentlich gewütet haben, denn zwei Packen von diesen Tröstern täglich – und da in jedem Packen 24 Stück – leerte er im Laufe eines jeden Tages spielend.

Wenn er sich in der schummerigen Hülsenfrucht-Ecke vor der altertümlichen Bizerba-Waage aufhielt, dann konnte niemand so recht ausmachen, ob er gerade an seiner Zigarre schnullerte, oder ob sich  der Inhalt eines Underberg Fläschchens den Weg zu seiner Seele suchte.

Gut getan hat ihm wohl beides, jeweils auf die eine oder andere Art.

.Hein Vieth hatte nämlich auch im Hause keinen leichten Stand. Er ließ es sich im Ladengeschäft allerdings niemals anmerken, wenn hinter der Türe, auf der „Privat“ stand, einmal wieder Gewitterwolken unter der niedrigen Decke hingen – wenn  seine Meta ihm einmal wieder Vorhaltungen machte, weil er zu sorglos und zu leichtfertig mit ihrem teuren Gut umging, weil er bei einem armen Schlucker, von dem sie nach ihrer Meinung schon lange über Gebühr etwas zu fordern hatten, wieder etwas ins Buch geschrieben hatte,

Meta fiel das Abgeben nämlich nicht so sehr leicht. Am liebsten kratzte sie alles zusammen, zu einem großen Haufen, um sich dann, wie eine Kluckhenne über ihre Eier, darüber zu hocken.

Hein Vieth war aber im Grunde seines Wesens seiner Meta dankbar für ihr Verhalten, für ihre Wachsamkeit. Wäre sie es nicht gewesen, denn hätte Hein Vieth mit Sicherheit nicht lange zu den Honoren der Stadt gezählt. Vielleicht hätte er für seine Familie und für sich auch irgendwann einen Kaufmann suchen müssen, der ihm das Nötigste zum Leben ins Buch geschrieben hätte. Genau davor hatte Frau Meta eine unbändige Angst. Er konnte mit dieser Angst seiner Meta umgehen – und weil er damit umgehen konnte, darum konnte er auch damit leben. Geändert hat er seine Gewohnheiten sein Lebtag aber nicht um einen Deut – und das war auch gut so.

Wenn er nämlich wusste – und Hein Vieth wusste auf diesem Gebiet sehr vieles – dass irgendwo in einem Haushalt seiner Kunden am nächsten Tag für die Familie rein gar nichts mehr an Essbarem für die Kinder auf dem Tisch stehen würde, dann stand dort des Morgens in aller Frühe wie aus heiterem Himmel schon mal eine Tüte oder ein Karton mit Lebensmitteln, die in kein Buch geschrieben waren, vor der Tür.

Einen von den kleinen Bremer Kluten aus der Vorkriegszeit hatte Hein Vieth als Vater bei einem seiner Kollegen im Nachbarstadtteil – bei Hermann Ehrling – in die Lehre gegeben, damit der dort in die ehrbare Kaufmannschaft hineingelernt wurde. Er sollte dort die „Heringsbändigerei“ von der Pike auf erlernen, um dann zu gegebener Zeit den väterlichen Betrieb übernehmen zu können. Hein wollte den Betrieb von Hein Vieth nach alter Bremer Sitte zu Hein Vieth & Sohn machen.

Weil Hein Vieth selber ja nicht aus einer Kaufmannsfamilie stammte, war es Zeit seines Lebens sein großer und blieb bis an seines Lebens Ende sein unerfüllter Traum. Wie das Leben eben so spielt.

Aus dem Jungen ist gewiß ein umtriebiger „Heringsbändiger“ geworden – Hermann Ehrling war ja ein gewiefter Ausbilder. Ein stückweit ist er denn auch bei seinem Vater eingestiegen – er hat den Laden geschmissen, wie die Leute sagten, aber das auch bloß so lange, bis er feststellte, dass die „Heringe“ die in seinem Netz zurückblieben, für ihn und seine Ansprüche sehr viel zu klein waren, um von ihnen großartig leben zu können.

Er ist dann irgendwann angefangen, auf eigene Faust mit größeren Tieren zu handeln, und ehe Hein Vieth nur einmal mit den Augen kneifen konnte, standen er und seine Meta wieder alleine vor ihrem Lebenswerk.

Eine geraume Weile haben die beiden seinem Traum noch hinterhergetrauert – das ist gewiß. So gewiß aber, wie Hein Vieth mit beiden Beinen fest im Leben verwurzelt war, so schnell hat er das „Hinterhertrauern“ wieder abgelegt und weiter nach Vorne geschaut.

Die Zeit für die kleinen Tante Emma Läden neigte sich nämlich dem Ende zu. Überall in den Stadtvierteln schossen „Discounterläden“ und „Einkaufscentren“ wie Pilze aus der Erde.

Hein Vieth wollte sich dem Trend, oder der Notwendigkeit zu expandieren, nicht mehr ergeben – er wollte seinen Laden nicht mehr vergrößern.

Er hat dann nach seiner Meinung das einzig Richtige getan, er hat das Glück, als es an ihm vorbeilief, und ihn danach fragte, was denn sein Laden kosten würde, am Hemdzipfel gefasst und daran festgehalten. Er hat den Laden von jetzt auf gleich an gute Käufer übergeben, die innerhalb der Mauern eine Gastwirtschaft einrichteten.

Das es gute Käufer waren, das kann man immer noch sehen, denn die Familie von damals sitzt heute, als mittlerweile Hoteliers, an der Ecke. Hein Vieth hat seinen Lebenskreis geschlossen, in dem er seine letzten Jahre als Verwalter auf dem einst elterlichen Bauerngut im Waller Quartier zugebracht hat. Den kleinen Flaschen vom Niederrhein hat er auch da im Bremischen bis zu seinem letzten Atemzug die Treue gehalten.

 

ewaldeden©2013-02-12

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