Irgendwo im Nirgendwo …

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Vor meinem jetzigen Stadtasyl war mein Zuhause ja ein Paradies in einer benachbarten Landgemeinde am derselben gelegen – mit weitem Blick über die Felder – zumindest nach 3 Seiten hin an einem von der Hauptstrasse abzweigendem Schotterweg gelegen.
Es war schon alles etwas weitläufig angelegt mit 450 Haselnußsträucher neben einem großen Sonnenblumenfeld für jeden der vorbeiging ein Sträußchen zum mitnehmen – von einem stetig wachsenden Wall aus allem was in Garten und Gelände an Naturalien wie Strauch- bzw. Baumschnitt und Grünzeug begrenzt, der sogar Füchsen und Rehen aus dem angrenzenden Barkeler Busch als Schlaf- und Ruhequartier diente – die Rehmütter brachten des Öfteren sogar ihre Kitze mit – inmitten dieser Vielfalt dann der gutbestückte Gemüsegarten aufgemischt mit alten Obstbäumen fast vergessener Sorten und einem Teich mit vielen hundert Fischen in vielen Arten – die meisten von ihnen fraßen mir aus der Hand wenn ich sie des Abends mit Futter versorgte.

In meinem Brunnenhaus förderte eine Pumpe aus 30 m Tiefe kristallklares silberflimmerndes Naß zur Versorgung des Ganzen – ehemals und vordem war das Anwesen eine Gärtnerei gewesen die nach dem letzten Betreiber etliche Jahre im Dornröschenschlaf zugebracht hatte – bis ich sie daraus erweckte – die Gebäude befanden sich in einem schrecklichen Zustand und die 10 tausend qm umzu boten das traurige Bild einer vergessenen Wüste. Das nächste Gehöft lag gut hundert Meter weiter den Schlackenweg hoch. Die Nachbarn auf dem Hof betrieben im Nebenerwerb auch eine bescheidene Gemüsegärtnerei. 3 Söhne hatten Magda und Ewald – wobei der Jüngste und der Ältest schon aus dem Hause in der Ferne irgendwo lebten. Nur der mittlere des Trios wohnte wegen seiner etwas schwächlichen Konstitution (obwohl er von Gestalt her ein gestandenes Mannsbild war) noch bei Mama und Papa zuhause. Wie aus heiterem Himmel lag Ewert – so sein Name – plötzlich darnieder. Obwohl es ja ganz sicher nicht aus heiterem Himmel geschah. es war wohl nur nicht erkannt worden.
Beim 27jährigen Ewert wurde ein Tumor im Kopf festgestellt und damit begann seine Odyssee durch viele Heilpaläste mit den unterschiedlichsten Methoden in vielen Gegenden. Seine Eltern liessen nichts unversucht um ihn vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren.
Ihn und sich muß ich dazu sagen, denn in den folgenden 3 Jahren – an seinem 30sten Geburtstag hatte alles Leiden ein Ende – haben seine Eltern wohl mehr gelitten ob ihrer Unfähigkeit dem Sohn helfen zu können, als Ewert selber. Ich habe während meiner
vielen Besuche bei ihm immer nur einen ausgeglichen Freund vorgefunden. Er hatte sich mit allem arrangiert. Auf diese Besuche wollte ich eigentlich auch hinaus. Es war schon Rythus dass ich in der letzten Helle eines jeden schwindenden Tages – seit er die Liegestatt nicht mehr verlassen konnte – bei ihm reinschaute und für eine Weile an seinem Lager verweilte. Bis zu seinem Davongehen an seinem Geburtstag.
Wochen nach der Beisetzung besuchte mich seine Mutter – es war ihr einfach ein Bedürfen mir zu danken.
Während der Leidenszeit ihres Sohnes hätten unzählige Menschen aus Familie, Bekannten- und Freundeskreis mit ihnen wortlos mitgefühlt – auf mich hätte sie aber jeden Tag fast freudig gewartet – immer auf den Moment hin in dem sie meine Bonny um die Hecke streichen sah – dann wußte sie: Ewald kommt gleich hinterher. Ich brachte zwar keine Heilung für ihren Ewert mit – aber ich war der Einzige der Worte mitbrachte, tröstliche und offene Worte die ihnen allen den schweren Weg des Abschieds sehr viel leichter zu gehen gemacht hatten.

Irgendwo im Nirgendwo …

© ee

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