Frau mit Kapitänspatent:

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Frau mit Kapitänspatent:

Aus der Werfterprobungsfahrt ist eine Übergabe-fahrt geworden. Die technischen Sachen wie Klassifizierungscheck und Prüfung der Sicherheit liegen schon hinter dem schönen Schiff und seinen Erbauern. Die beruflich bedingte Verhin-derung des Eigners und seiner Frau hat die Termine neu sortiert.

Für uns ist es dadurch sehr viel angenehmer, weil der Törn jetzt eher einer Vergnügungsreise ähnelt. Die Stimmung ist gelöst und locker.

Mit den Eignern begegnen uns zwei Menschen, mit denen wir auf einer Wellenlänge liegen.

Im Lebensalter sind sie uns wohl um einige Jährchen voraus – aber das erweist sich schon nach kurzer Zeit als völlig unerheblich.

Ein freundlicher, morgenkühler Südsüdostwind bläht die dunkelgrünen Segel über unseren Köpfen. Wie auf Kufen schiebt er das schnee-weiße Schiff um die Nordwestecke der Insel.

Traudel und mich beschleicht ein seltsames Gefühl. Es ist schon etwas besonderes, sich unter Segeln wie schwerelos über die See zu bewegen.

Traudel hat seit gut einer halben Stunde nicht ein Wort gesagt. Das Gesicht der Sonne zugewandt, steht sie regungslos an der Reling und schaut dem Spiel des Wassers zu, wenn es vom Bug geteilt, anscheinend schwerelos, zur Seite weicht. Der Wind spielt wie mit tausend Fingern in ihren Haaren. Ihre innere Bewegung spüre ich am Druck ihrer Hand – mit der sie meine Hand hält.

Erst als wir die Marienhöhe umrundet haben, stellt sie einen Satz in die klare Luft.

Wie von einer Glocke hingeläutet ruft sie nur fünf Worte: „ Mein Gott – ist das schön!“

Die anderen wenden sich ihr überrascht zu, und lauschen dem Nachklang ihrer Worte, so, als wenn sie eine Offenbarung gehört hätten.

Es war wohl Traudes Seele, die in diesem Augen-blick vor Glück übergelaufen ist. Jeder an Bord hat es gefühlt. Maria – die Frau des Eigners – kommt ein paar Schritte zu uns herüber. Sie legt mit einer unendlich zärtlichen Bewegung ihren Arm um das Mädchen neben sich. Es scheint, als wenn eine liebende Mutter ihr Kind vor unbe-kannten Gefahren schützen wolle.

Ich denke mir, daß es so aussehen muß.

Es ist ein Bild, an das schon viele große Maler ihr Herz gehängt haben. Ich bedaure im Stillen, daß niemand da ist der knipst.

 

Wetterpetrus meint es heute besonders gut mit uns – er hat diesen Tag in seinem Gutelaune-kalender wohl extra rot angestrichen.

Das Zeug an den Masten will jetzt am liebsten in Ruhe gelassen werden, und so sitzen wir in lockerer Runde auf dem Vordeck. Mit Ausnahme des Rudergängers, der vergnügt im Steuerhaus vor sich hinpfeift.

Der Smutje hat ein richtiges Seemannsfrühstück gezaubert. Die Frauen wollten sich darum kümmern – aber da hat Jann sein Nein vorgesetzt. Noch ist er der Käpten an Bord, und nach alter Seefahrermanier duldet er einfach keine Frauen in der Kombüse. Es gibt keine Widerrede – ich denke, es ist unseren beiden Damen gar nicht so Unrecht.

„Die Emmas werden uns nicht verlassen“ – sagt Jann, und deutet auf die Handvoll Möwen, die uns seit dem Auslaufen begleiten. Zwischen ihren schwingenden Kreisen, die sie um das Schiff drehen, machen sie immer wieder Rast auf den Mastspitzen.

Ich kann mir ein Schiff ohne Möwen – ehrlich gesagt – nicht vorstellen. Diese stolzen Vögel fliegen viele Seemeilen mit auf Meer hinaus, bis das Schiff irgendwann ihr Revier verläßt.

„Soweit wird unser Törn heute nicht gehen. Wir wollen ja nicht auswandern“ – setzt Jann scherzhaft hinzu.

„Ich möchte am liebsten gar nicht wieder zu-rückkehren“ – so, als wenn Traudel laut gedacht hat, verlieren sich ihre Worte in den sich dehnenden Segeln. Wo mein Schatz wohl mit ihren Gedanken ist. Nach dem, was sich in ihrem Gesicht spiegelt, muß sie ganz, ganz weit weg sein.

Wie gerne wäre ich in diesem Augenblick in ihrem Denken. Maria schaut meinen Schatz schräg von der Seite an, als wolle sie sie vor irgendeinem Unheil bewahren.

„Unsere fliegenden Begleiter haben ihren Ver-wandten heute Abend viel zu erzählen.“ Jann schmunzelt bei seinen Worten. „Mit der Baunummer vierzehn ausgeflogen, und mit der Nordwehen wieder nach Hause gekommen. Das passiert auch nicht jeden Tag – und nicht jeder Möwe, wenn es dann das gleiche Schiff ist.“

Traude und ich sind die einzigen die gucken, als wie wenn Jann gesagt hätte, mitten in der Nord-see ist ein Bahnhof. Die Überraschung ist perfekt – wir sind richtig kalt erwischt worden.

 

  Die Dreimeilengrenze liegt schon eine Weile hinter uns – wir haben längst die deutschen Hoheitsgewässer verlassen.

Mit feierlichen Worten übergibt Jann das Schiff, und die Verantwortung dafür, an seinen Eigner. Wir haben unversehens einen neuen Kapitän, und das Schiff hat einen anderen Namen.

Nur der Wind und die Wellen singen ihr Lied als Jann die schwarz-rot-goldene Flagge einholt – sogar die Möwen halten für kurze Zeit ihren Schnabel. Man könnte meinen, sie wüssten um den Sinn dieser Zeremonie.

Unsere Hände haben darauf gewartet, daß Barge von seinem Schiff Besitz ergreift.

Als er die neue Nationalflagge setzt, fangen wir an zu klatschen, als würde nach einer Wagnerauf-führung der Vorhang fallen. Am Heck flattert nun das schwedische Tuch. Ein seltsames Gefühl schleicht sich wohl in jeden von uns ein.

Ab sofort wird auf diesem Schiff schwedisch ge-sprochen, flachst Barge.

Er tut es wohl. um seine eigene Ergriffenheit ein bißchen zu verdecken.

Die provisorischen Bezeichnungen an Bug und Heck sind entfernt worden.

Es prangt in goldenen Lettern ‚Nordwehen’ am Schiffsrumpf. Am Heck steht in großen Buchstaben KRISTINEBERG darunter.

Es ist richtig ein bißchen feierlich – mit hier und da einer Freudenträne im Auge, und Sonnen-schein auf den Gesichtern. Uns allen ist im Bauch wohl so ein bißchen nach Hochzeit, oder der Taufe eines neuen Erdenbürgers.

Der Smut hat die Sektkelche gefüllt – hin und her und kreuz und quer wird angestoßen. Übrigens – es bleibt das einzige Gläschen mit Prozenten an Bord. Jann hat da ganz strikte Regeln, seitdem es ihm und sechs anderen Seeleuten fast das Leben gekostet hat, weil ein betrunkener Steuermann das Schiff – auf dem er Heuer hatte – aus dem Ruder laufen lassen ließ.

Auch Barge als neuer Kapitän und Eigner denkt so. Maria könnte jetzt nach Regel und Recht die Kochhoheit übernehmen, aber mit Freuden überlässt sie dem Smutje auch für den Rest der heutigen Reise die Kombüse.

Die Zukunft wird mir hoffentlich noch genug Gelegenheit geben, unter Deck am Herd zu stehen – meint sie lachend, als Jann sie darauf anspricht.

Die Schiffsglocke ertönt. Es ist zwölf Uhr mittags. Barge hat zum ersten Mal die Wach-ablösung geläutet.

Wir kreuzen den Hauptschiffahrtsweg der Deut-schen Bucht.

„Es ist so etwas wie eine Autobahn für große Schiffe – wenn es denn miteinander zu vergleichen ist“ – erklärt Jann Traudel auf ihre Frage, was so ein Wort denn auf See bedeute.

„Es ist die Anlaufroute zu den deutschen Häfen – mit garantierter Wassertiefe. Wenn das nicht ge-regelt wäre, würde es wohl ein riesiges Tohuwa-bohu vor der Küste geben.

Die Pötte, die sich auf dem Hauptschiffahrtsweg befinden, haben absolute Vorfahrt vor kreu-zenden Wasserfahrzeugen. Wer diese Regel als Käpten oder Steuermann nicht beachtet, der wird im Ernstfall zumeist sein Patent los. Vielen Frei-zeitskippern hat es auch schon mehr gekostet.“

„Patent“ – fragt Traudel erstaunt- „habt ihr was erfunden, daß man euch das Patent wegnehmen kann?“

Alle lachen. Nur Maria meint, als Landratte darf man schon solche Fragen stellen. Ihr ist es auch nicht anders ergangen, als sie zu ihrem Barge ins eiskalte Wasser der Seefahrerei gesprungen ist.

Und zu Traude gewandt, fügt sie hinzu:

„Ein Patent ist für Schiffsführer so etwas wie ein Führerschein für Autolenker. Wenn du magst, er-kläre ich dir das später genauer.“

Die Mannsleute lachen nicht mehr – denn bei Licht besehen ist Maria die Ranghöchste an Bord. Sie besitzt, was übrigens für eine Frau sehr unge-wöhnlich ist, das Kapitänspatent für große Fahrt. So ganz nebenbei ist sie Schiffbauingenieurin.

Prof. Dr. Ing. und Inhaberin eines Lehrstuhls an einer schwedischen Universität. Auf die Nautik ist sie erst durch Barge richtig neugierig gemacht worden.

Brücke und Maschine sind bei ihr in einer Person vereint. In einer sehr weiblichen Person übrigens, wenn man einmal die äußeren Formen als Maß-stab betrachtet.

Eigentlich will sie da gar nichts von hören, aber Jann kann nicht umhin, uns das kund zutun.

Find’ ich nobel von ihm – er ist zwar auch Kapitän, aber nur für kleine und mittlere Fahrt. Für die Schipperei auf den sieben Weltmeeren hat er nur das Steuermannspatent. Damit ist das Thema abgehakt. Jann hat sowieso schon sein Redepensum für drei normale Tage verbraucht. Jetzt muß er sich erst einmal mit Hingabe seiner Pfeife widmen. Er tut es so intensiv – von ferne könnte man meinen, der Schoner wäre ein Segelschiff unter Dampf.

Rilko sitzt oben auf dem Kajütdach, und widmet sich seiner Passion. Mit leichten schnellen Blei-stiftstrichen bannt er die vorbeiziehenden Schiffe auf Zeichenkarton. Kunstvolle Skizzen stapeln sich in seiner Mappe. Vielleicht wird ja einmal ein Buch daraus, in dem dann mancher alte Fahrensmann sein Schiff entdeckt, und damit seiner Vergangenheit nachhängen kann.

Es ist Seemannsmittag an Bord. Wir finden nicht viel Hin- und Hergetue auf der Back. Jeder hat einen Teller und Messer und Gabel vor sich. In der Mitte thront eine Riesenschüssel mit Labskaus. Dazu kann sich jeder nach Belieben selbst mit Rollmöpsen, Spiegeleiern und sauren Gurken bedienen.

Die Bezeichnung ‚Eintopf’ täuscht. Der Smut hat ein Meisterstück abgeliefert. Nach einem guten Nachschlag könnte man sich noch alle zehn Finger – oder besser gesagt ‚sükk um d’ Muul schlikken’ – wie es so schön in Ostfriesland heißt.

 

  Was ist das? Musik zieht über das Deck – ganz zart, ganz leicht – sie klingt wie ein Tüllschleier, der sich im Nachtwind bauscht.

Barge hat seine Handharmonika mit an Bord. Maria lächelt – „ohne seinen geliebten Trekkbüdel fühlt mein Mann sich nicht wohl.“

Wir lauschen alle gebannt den weichen Tönen, die zu uns heraufsteigen. Der eine oder andere summt vor sich hin – irgendwo haben wir die Lieder alle schon mal gehört.

Plötzlich ertönt über unseren Köpfen ein heller Sopran:

 

  „Dor wäär eenmool een olen Kassen – mit Noamen heet he Maghellan …“

 

Edeltraud steht auf dem Kajütdach und singt inbrünstig Rolling Home.

Woher kennt mein Glück Seemannslieder, frage ich mich erstaunt. In der nächsten halben Stunde wird uns – die wir andächtig lauschen – nahe gebracht, daß Seemannslieder und Chantys auch von einer Frauenstimme zu Herzen gehend dar-geboten werden können. Ich glaub’ wir Männer kommen uns schon ein bißchen bedrüppelt vor. Die eine Frau an Bord ist ein weiblicher Chief-professor mit Kapitänspatent, die andere singt alle Seemannslieder wie ein alter Fahrensmann ..…

Aber wissen wollen wir es nun doch – wo hat Traude die Gesangskunst erlernt?

„Unser Kirchenchorleiter in Nienburg war früher Seemannspastor“gesteht Traudel auf unser drängen.

„Wir hatten einen dicken Packen Seemanns- und Küstenlieder im Programm. Schade, dass ich meine Gitarre nicht dabei habe…..“

Barge feixt vor sich hin. „Keine Gitarre, keine Gitarre … wie wär’s denn mit meiner Klampfe – kleine Frau?“ und reicht Traudel ein Saiteninstrument mit den Worten: „Es soll keiner sagen, auf schwedischen Seglern herrsche Trübsal.“

Die Eiländer sind aber auch nicht ohne – denn Jann hat aus irgendeiner Tasche seine Pustmusik gezaubert und verstärkt mit den Tönen seiner Mundharmonika das Orchester. Und was machen wir, die wir ohne Musik-möbel sind? Wir singen – wir singen, bis die Schwarte kracht.

Was uns bei unseren hervorragenden Musikanten nicht sonderlich schwer fällt.

Wenn wir auch nicht Alle alle Texte kennen – die Refrains sitzen in jedem Kopfe, und kommen aus jeder Kehle.

So ist unversehens aus dem schicken Gaffelschoner ein schwedisches Musikschiff geworden.

Unsere Troyer haben wir längst gegen leichte Hemden getauscht, denn die Sonne heizt uns, trotz der leichten Brise, noch kräftig ein. Eigentlich ist es das richtige Wetter, um über Bord zu springen, und ein paar Runden zu schwimmen.

Aber bei der Dünung, und zehn Seemeilen südwestlich von Helgoland, wäre es sicherlich ein leichtsinniges Unterfangen. Also genießen wir die Sonne, das Wiegen der Planken auf den Wellen – und machen Musik. © ee

 Ewald Eden

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