Verwehte Zeit.

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Verwehte Zeit

am 01. Januar 1999 – 0.45 Uhr

 

Die ersten Minuten des neuen Jahres sind gerade verstrichen. Was mag wohl kommen – helle Zeit? Dunkle Stunden?

Der Bauch gibt auch keine Antwort. Sonst be-stimmt er schon mal die Richtung. Heute Nacht muß er sich vielleicht erst einmal umschauen.

Wenn ich so die Entwicklung des Miteinander der Menschen nicht nur mit ihresgleichen, sondern auch mit anderen Geschöpfen vergleiche, dann wird es mir doch – na – ein wenig mulmig oder so zu Mute.

Siehste, ich muß nur die Gedanken der Realität zuwenden, und schon spricht der Bauch auch wie-der ein Wörtchen mit.

Die Kompressorphase ist für ein Jahr wieder vorbei. Wenn heute, am späten Neujahrstag, die Köpfe wieder klarer werden, dann ist mit dem Rausch der Silvesternacht auch das Gefühl, Mensch – Mitmensch sein zu müssen bis zum nächsten Weihnachtsfest vorüber. Gerade in der Silvester-nacht von kurz vor Mitternacht, diese hirnlosen Gestalten mit ihren Böllern und Krachern – die Angst der Tiere vor etwas Unbekanntem, Bösem.

Auf einmal verspüre ich das Bedürfen, nach irgend-wo auf dem nördlichen Erdkreis – in eine einsame Hütte und sonst nur Natur.

 

Jetzt sitze ich schon wieder hier, mit Schreiber und Papier. 5 Uhr 45 min zeigt die Uhr. Ich war schon unterwegs ins Nachbardorf. Um einem lieben Mitmenschen, der heute Geburtstag hat, einen Gruß und Glückwünsche in seinen Briefkasten zu füllen. Es wäre eigentlich ein wunderschöner Morgen – man ahnt es. Was man aber sieht und fühlt und riecht hat mehr Ähnlichkeit mit Krieges Schlachten und Vernichtung. Pulvergeruch, Natur voller Müll und torkelnde Gestalten, die meist im Moment nicht einmal wissen, wo sie denn hingehören.

Ich komme mir fast vor wie ein Schwarzseher, aber wer mit wachen Sinnen und ohne Spritnebel im Kopf die zweite Dezemberhälfte rückbetrachtet, der sieht nichts anderes. Das soll für heute Nacht genug sein. Ich werde jetzt ein gutes Frühstück zubereiten, auf das sich alle freuen – und der Bauch kommt dann auch auf andere Gedanken.

 

 

Gerade haben ich den Innenhof und die Strassenfläche vor unserem und des Nachbarn Grundstück von der Hinterlassenschaft der Silvesterknallerei befreit. Dabei hat keiner aus unserem Hause so ein Spektakelding in der Hand gehabt – und der Nachbar ist überhaupt nicht am Orte. Was die Feiernden sich da geleistet haben, dafür gibt es nur eine Bezeichnung: Es ist unter aller Sau.

Bei uns im speziellen Fall waren es jüngere bis ganz junge Menschen. Zum größten Teil auch noch ohne Anstellung, arbeitslos und von öffentlicher Sozialleistung lebend und dabei Unmengen Geldes für Feuerwerkskörper und Alkoholika ausgebend. Woher haben sie es nur, frage ich mich des Öfteren?

Und das alles geschieht völlig ohne auch nur ein bißchen Ordnungsgefühl. Rücksichtnahme auf An-dere ist unter den unbekannten Fremdwörtern angesiedelt.

Das gängige Motto lautet immer öfter und immer lauter: Ich will Spaß !!!

Wobei ich wohl sehe, dass die Ursache nicht bei den jungen Menschen, die sich so verhalten, zu suchen ist. Da muß man den Faden nach rückwärts verfolgen – aber trotzdem, Grenzen müssen gezogen und Pflöcke müssen eingeschlagen werden. Ganz konsequent. Auch wenn sich die jungen Menschen daran mal Beulen und Schrammen holen. Meist geschieht es dann sowieso nur einmal.

Jetzt bin ich ein wenig ins philosophieren geraten, was ich so gar nicht wollte.

Die Sonne scheint, die Mücken tanzen … nein, soweit ist es noch nicht. Aber Plus-Temperaturen, die haben wir doch schon – und im Blumengarten stecken Stauden-, Knollen- und Zwiebelpflanzen die Köpfe und Triebspitzen durch die Erdkrume. Es ist ein sehr bißchen früh im Jahreslauf. Wehe, wehe es kommt der Papa Frost plötzlich angestiefelt, und die Natur hat kein Flöckchen Schnee als schützende Haut!

Jetzt muß das restliche Laub des vergangenen Herbstes zusammengeharkt werden, damit alles Sprießende bei einem Kälteeinbruch nicht einen zu heftigen Knacks bekommt.

In der Küche wird Chikoree geputzt – das erste Mittagsgemüse im neuen Jahr. Damit wären wir wieder beim Bauch angelangt – und der muß auch die Richtung gezeigt bekommen.

 

Soeben läutet das Telefon. Neujahrsgeläute.

Brigitte aus Solingen ist am anderen Ende des Drahtes. Alles Gute zum Neuen Jahr hin und her – und sie fährt am Nachmittag nach Düsseldorf. Sie will zu ihrer „Omi“, zu meiner Mutter. Brigitte sorgt sich um die Omi. Ich verspüre große Erleichterung. Ich sorge mich auch um meine Mama – ich wohne aber 15mal soweit von ihr entfernt, und so ist Brigitte ein wenig mein verlängerter Arm des Sorgens. So etwas ist tröstlich zu wissen.

Meine Geschwister wohnen zum Teil in greifbarer Nähe um die Mutter herum – es besteht aber kein Drang, sich ein wenig um sie zu kümmern. Sie ziehen es vor, sich gegenseitig zu hassen und sich immer wieder in die Haare zu geraten – um das dann als Vorwand herauszustellen, sich ja gar nicht um die Mutter kümmern zu können, weil – oh, wie praktisch – einer der Streithähne oder Hasser ja bei der Mutter im Hause wohnt. Es ist gerade auch noch derjenige, der die Welt um sich herum nur akzeptiert, wenn sie zu seinen Füßen kriecht, und der sich sonst einen Scheißdreck um irgendetwas kümmert. Vom Charakter und von der Courage und von der Gebrauchsfähigkeit her ist er mit Hut so groß wie ein abgebranntes Zündholz. Schwächeren und Unterlegenen gegenüber erweist er sich aber zunehmend als ein Tyrann.

Ich darf es so sagen, denn ich habe selber Jahre unter ihm – wie kann ich es sagen – zugebracht? Jaaa … zugebracht ist wohl das rechte Benennen. Gelitten habe ich auch, natürlich, aber so will ich es nicht bezeichnen. Ich will darüber ja auch keine Klage führen – ich war ja alt genug. Ich war erwachsen, wie es in der Erwachsenensprache lapidar heißt.

Ich habe lange dafür gebraucht, um mir das alles selber verständlich zu machen. Ich muß es jetzt einfach zu Papier bringen. Vielleicht um ein wenig von der Last des Geschehenen auf diese Blätter abzuladen – vielleicht, um anderen Menschen, die Opfer wurden und heute und bis an ihr Ende Opfer sein werden, irgendwann einmal Hilfe zu leisten bei ihrer Suche nach den Ursachen ihrer Verletzungen, nach dem Beginn ihrer Irritationen.

Eigentlich sollte es am Anfang – in den ersten Minuten des neuen Jahres – nur ein Brief, sollten es nur ein paar Zeilen an einige liebe und vertraute Mitmenschen werden.

Auf einmal war es der Vorsatz fürs neue Jahr die Geschichte, meine Geschichte, Revue passieren zu lassen – nicht der Reihe nach geordnet, sondern so, wie mir das Vergangene gerade in den Sinn kommt. Wer und wessen Tun aus der Erinnerung heraus mir gerade so einfällt, denn irgendwie ist doch alles miteinander verwoben.

 

Brigitte hat ihre Omi gestern Abend mit nach Solingen genommen. In Düsseldorf hat sie einen Zettel auf den Küchentisch gelegt: „komme morgen Abend zurück. Mutter“.

Damit dort keine Suchaktion gestartet wird. Vermißt wird sie von Hermann eh nicht. Solange die Mutter nur buchmäßig in Grafenberg geführt wird, solange braucht er nicht um sein preiswertes warmes Nest zu bangen.

Sobald die Mutter in anderer Umgebung ist, spürt man greifbar, wie sie auftaut.

Brigitte hat für das Düsseldorfer Domizil Schlüssel nachmachen lassen. Damit wir nicht immer hilflos am äußeren Zaun stehen – als Zaungäste in des Wortes Sinn.

Wenn jemand die Mutter besuchen will, dann mußte er bislang nämlich vorher telefonieren, damit das äußere Tor geöffnet wird. Das hinterhältige Denken an der Sache ist nur, der liebe Sohnemann Hermann stellt die Läute des Telefons so leise, dass selbst ein junger Mensch mit Gutgehör die Töne nicht wahrnimmt. Das ist auch eine Taktik, um Kontakte der Mutter mit der Außen- und Mitwelt zu verhindern oder zumindest stark einzuschränken bzw. sie zu kontrollieren.

Diese Verhaltensweise ruft bei mir Erinnerungen wach, die sich weitgehend mit den jetzigen Abläufen decken.

Ja … die Erinnerungen. Mein Bruder Hermann und ich haben jahrelang Tag für Tag gemeinsam gewer-kelt. Aber so in der Rückschau betrachtet war er immer der Reiter und ich immer der Esel. Nie hat uns jemand in vertauschten Positionen gesehen. Wie sollte es denn auch, ein Esel als Reiter – das ist doch sowieso unmöglich.

So war es bis zu dem Zeitpunkt, als der Esel seinen Reiter abgeworfen hat und selbständig anfing die Richtung zu finden. Von der Stunde an war etwas zwischen uns Brüdern zerbrochen. Gott sei Dank.

Um auf die teuflische Taktik zurückzukommen – wenn sich zwischen mir und einem anderen Menschen eine Beziehung anbahnte, dann wurde sie vordergründig von meinem lieben Bruder tatkräftig unterstützt – und, wenn es keiner sah, mit den fiesesten Tricks wieder zum Zerbrechen gebracht. Das Arbeitspferd musste ihm ja erhalten bleiben.

Nach vielen, vielen Erniedrigungen wollte ich dann eines Tages wenigstens einen Minimallohn für die tägliche Schinderei haben. Seine Antwort auf meine Forderung nach einem kleinen Pauschallohn steht noch heute wie ein Feuerzeichen über unserem jahrelangen Zusammenleben: Ich brauche jemand, der für mich arbeitet – Geld kassieren, das kann ich selber.

Das war dann der Moment, in dem ich auf zwei Beinen zu stehen kam.

1972 war es – ich war inzwischen wieder nach Düsseldorf gezogen. Mein Stiefvater Paul (Michel) war Mitte des Jahres verstorben, da holte meine Mutter meinen Bruder aus dem Säufersumpf, in den er nach meiner Trennung von ihm völlig abgesackt war (es fehlte ihm ja das Geld, das ich über die Jahre täglich für ihn und seine Saufkumpane erarbeitet hatte) zu sich nach Düsseldorf. Es sollte wieder ein schicksalhafter Punkt in ihrem Leben und ein großer Fehler sein – wie es sich später als nächste Leidensetappe ihres Lebens erwies.

Ich glaube, all dieses Geschehen ist auf unserem Weg, den wir über diese Erde gehen, von Anbeginn vorgezeichnet.

In ihrem jungen Leben, von ihrer Heirat an, war unsere Mutter Sklavin ihres Ehemannes, des See-manns Hermann Eduard Meino Eden, aus Friederikensiel in der alten Schule gebürtig. Sie musste immer nur arbeiten, Kinder kriegen, schuften, Kinder kriegen, zusätzlich fremder Leuts Kinder großziehen, arbeiten, schuften – DAS war ihr junges Leben!

6 Kinder hat sie selber geboren. Ein Haus im Moor, in Eversmeer/Ostfriesland, mit ihren eigenen Händen (mit Unterstützung der Nachbarn) gebaut – immer für ALLES gesorgt. Wohlgemerkt, unsere Mutter. Unser Vater war ja „Saylord“ – immer auf See und immer weit weg. Wenn sein Schiff zum Löschen des Fanges im Emder Hafen lag, wurde die kurze Stippvisite ins Familienheim dazu genutzt, um mit der Ehefrau ein neues Kind zu zeugen, und gleich darauf wieder in See zu stechen. In den nordeuropäischen Häfen vergnügte er sich dann mit den vielen diversen Hafenbräuten und stach auch fleißig woanders hin. Das Geld dafür stand ihm ja in Fülle zur Verfügung. Den Unterhalt der Zuhausefamilie bestritt nämlich komplett die angetraute Ehefrau – unsere Mutter. Sie hat von der Heuer ihres Mannes nie auch nur einen Pfennig zu Gesicht bekommen.

Übermenschliches hat Sophie Eden in ihrem Leben geleistet. Wenn man es schreibt, beschreibt, weiter-erzählt … man muß immer wieder nur ungläubig staunen. Wenn ich nicht wüsste, es ist wahr, und ich würde es von anderen nur hören – ich würde es wohl ins Reich der Fabeln einordnen.

Das Moor und der Wald haben meine Mutter geformt. Der Handel mit allen möglichen Gütern – der Umgang mit Menschen aller Gesellschafts-schichten – das alles hat sie geschliffen und ihren Witz und ihre Weltläufigkeit geprägt.

Ihre Fähigkeit mit Belastungen fertig zu werden und das Leid anderer Menschen zu tragen, die war wohl gottgewollt. Unsere Mutter ging mit den Kindern morgens ins Moor, stets nachdem die Tiere, die Kinder und der Haushalt versorgt waren (immer in dieser Reihenfolge geschah es).

Wenn sie ins Moor zum Torfhocken ging, dann erbrachte sie eine Tagesleistung von 26 tausend Stück Torf. Das war damals eine Inflation von Ziffern, auf die Arbeitsleistung eines Menschen bezogen.

Das Mittagsmahl für die Kinder und sich gab es stets auf dem Feld. Des Abends hieß es dann wieder Vieh, Kinder, Haushalt. Und dann?

Feierabend, Muße? Denkste!

Ran an die Nähmaschine – schneidern und nähen für fremde Leute, damit der Lebensunterhalt bestrit-ten werden konnte. Für die eigenen Kinder nähen, stopfen und stricken war für sie die selbstverständlichste Nebenbeipflicht der Welt.

Ihr Schlafbedürfnis befriedigte sie mal eben so zwischendurch – in Viertelstundenintervallen, an der Nähmaschine sitzend, mit dem Kopf in der Armbeuge. Es war schier unglaublich – meine Mutter konnte einfach ALLES – nichts schien für sie unmöglich zu sein.

Das läuft mir immer wieder durch den Kopf, wenn sie noch Heute – 86jährig – mit mir auf die Baustel-len geht, und – was macht? Arbeiten natürlich.

Selbst der Umgang mit den neuesten Techniken bereitet ihr keine Probleme. Von meiner Mutter habe ich – ich sage es mal einfach so – ALLES. Alles geerbt oder gelernt, oder zumindest die Befähigung vieles zu lernen. Ihre geistigen, sinn- und auch übersinnlichen Fähigkeiten, ihr handwerkliches Geschick, ihre Gabe mit Menschen umzugehen, und nicht zuletzt das ‚sich für Andere bei Anderen einzusetzen’.

Den Sinn, Ereignisse vorauszuspüren, die Gabe, selbst in den trockensten Wüsten Wasser zu finden – einfach alles.

Sie hat an mich aber auch zugleich die Unfähigkeit weitergegeben, das eigne Wohl gegenüber anderen durchzusetzen. Aber was soll ich machen – auch damit lebe ich. Und ich habe von ihr das Gespür für und die Liebe zur Natur mitbekommen – dafür bin ich besonders dankbar, und werde es immer sein.

Ich verspüre Magenschmerzen – Muttis Anrufe las-sen immer mehr ihre seelische Not erkennen. Sie leidet unendlich unter Bruder Hermann. Nicht, dass er sie schlägt oder anderswie verbal Gewalt antut – das ist vor einigen Jahren nur einmal geschehen (natürlich war das einmal zuviel)

Des Nachts und betrunken hat er sie geschlagen. Noch in der Nacht bin ich nach Düsseldorf gefahren und habe ihn in seiner Stammkneipe aufgesucht, seine vordergründigen Freundschaftsbezeugungen abgewehrt und ihn öffentlich zur Rede gestellt. Obwohl er da schon wieder unter Strom stand, hat er es begriffen. Er hatte begriffen, dass ich es ernst meinte mit meiner Drohung ihn umzubringen, wenn er sich noch einmal dazu hinreißen lassen würde, meine Mutter zu schlagen.

Jetzt hat er die Kassette mit Mutters persönlichen Papieren in seinem Zimmer eingeschlossen. Sie kommt nicht an ihre Papiere und Erinnerungen heran. Dabei sitzt sie in den langen Stunden des Alleinseins oft in ihrem Zimmer und lebt in ihren Erinnerungen.

Ich fühle es – sie kommt mir entmündigt und geknebelt vor. Ein unhaltbarer Zustand. Obendrein haben Hermann und seine Freundin sich erdreistet, das Testament, die letztwillige Verfügung der Mut-ter zu öffnen. Ungeheuerlich. Ich muß in den näch-sten Tagen etwas unternehmen. Ich muß meinen Bruder bremsen, bevor er noch ein weiteres Leben mutwillig zerstört.

Und immer wieder kriecht in mir die Erinnerung an mein Nichteinmischen vor langen Jahren ins Bewusstsein – besonders eine Begebenheit in der damaligen Wohnung in Mittelhöhscheid.

Hermann und ich kamen nachmittags nach Hause – natürlich nicht auf direktem Wege von der Baustelle, sondern aus Fischers Kneipe, der „Kohlsberger Höhe“.

In der Kneipe war die Stimmung gut gewesen. Die meines Bruders zumindest. Ab und an mein leises Begehren, doch endlich nach Hause zu fahren, ließ bei ihm schon Unmut aufkommen. Und noch ein mehr erahnen. Zuhause angekommen – meine Schwägerin verlor vielleicht ein Wort des Bedauerns über das mittlerweile kalt gewordene Essen – und schon krachte es. An dem Nachmittag hat mein Bruder seine Frau verprügelt, ja misshandelt.

Einfache Schläge reichten ihm offenbar nicht mehr. Seine Frau hatte sich in ihrer Not unter dem Wohnzimmertisch verkrochen – doch der Tisch bot ihr nur eine scheinbare Sicherheit – unter dem Tisch wurde sie nämlich von ihrem Mann – meinem Bruder – weiterhin mit den Füßen traktiert.

Ich war unfähig, etwas dagegen zu tun. Es mag niemand glauben, ich hätte mich daran erfreut oder es gar gutgeheißen – wahrlich nicht.

Mein damaliges „Nichtstun“ kostet mich dagegen bis heute einen Teil meines seelischen Friedens.

Die Kinder der beiden – Uwe, damals 4 und Dag-mar, gut 2 Jahre alt – haben all das mit ansehen müssen. Die beiden Kleinen haben damals instink-tiv mehr Mut bewiesen, als ich als ihr großer Onkel es in der Lage war zu tun. Sie schrieen und weinten ganz erbärmlich, weil die Mutter geprügelt wurde. Ihr Mut wurde grausam bestraft. Der Vater versetzte seinem 4 jährigen Sohn einen solchen Schlag – das kleine Menschlein wurde von einer Ecke in der Küche quer durch den Raum in eine Wohnzimmerecke geschleudert. Wie hat der kleine Kerl seinen Mut teuer bezahlt. Und wieder hatte mein Bruder eine Seele auf Dauer beschädigt. Dieser Nachmittag war nur ein Punkt in einer langen Kette von Misshandlungen. Ich träume oft davon.

Eines Tages hat Renate, seine Frau und Mutter der Kinder, dann etwas getan – ob sie es hätte anders anfangen sollen, wer weiß es schon. Sie tat etwas, was ihr wohl als einzige Notwehr blieb: Sie verschwand mit ihren Kindern nach irgendwohin. Ihr Leben wurde dadurch in den ersten Jahren danach bestimmt nicht leichter – aber sie lebte um einiges ungefährlicher, denke ich.

Ich weiß nicht, ob und wie Renate mit den Trümmern ihrer Seele fertig geworden ist. Ich weiß nicht, ob es ihr gelungen ist, die Scherben wieder gebrauchsfähig zu kitten. Wie es Uwe auf seinem Weg bis heute ergangen ist weiß ich so ziemlich – bei Dagmar hingegen tappe ich im Dunkeln. Ich stelle mir die Dagmar immer als eine Pflanze vor, der es gut geht, die relativ normal lebt, die alles, was Menschen und Familien heute so haben, hat. Nur eines hat sie nicht – eine gute Erinnerung an die Kindheit. Sie gehört zu den Geschöpfen Gottes, die ihrer Wurzeln beraubt worden sind.

Wer nicht aus dem Schatz der Erinnerungen an seine Kinderzeit schöpfen kann, der kann von diesem Schatz auch nie etwas an seine Kinder weitergeben. Was sind es nur für betrogenen Menschen. Mir geht es Gott sei Dank ein wenig anders – auch wenn meine Kinderzeit nicht unbedingt und durchgängig süß wie eine gedrehte Kirmes-Zuckerstange war. Ich brauche bloß an irgendein Ereignis zu denken, und – als wenn ich mit dem Denken einen simplen Schalter betätige – ist der Zeitraum um dieses Erleben herum wieder gegenwärtig. Ganz so, als wäre es alles erst gestern geschehen.

„Ich habe an meinen Vater keine gute Erinnerung.“ Wenn ich das im engeren Freundeskreis schon einmal sage, dann heißt es gleich, na ja, du warst ja auch noch klein, als er seiner Krankheit, der Tuberkulose, erlegen ist. Ich versuche meine Freunde dann stets zu korrigieren. Ich kann mich an meinen Vater sehr gut erinnern – nur habe ich an ihn keine ‚gute’ Erinnerung. Ich habe es nicht erleben dürfen, dass er mir nur einmal in meinem kleinen Leben mit der Hand über den Kopf gestrichen hat – ich kann mich weder an eine einzige zärtliche Berührung noch ein einziges liebes Wort von ihm erinnern. Meine Mutter hat diese Ablehnung durch ihren Mann an mir immer wieder gutzumachen versucht. Bis auf so einiges gründlich danebengegangene Geschehen ist es ihr auch gelungen. Ich habe sie einmal vor Jahren gefragt: Mama, du hattest schon 5 Kinder – dann kam 6 Jahre nach dem fünften noch ein sechstes in deine Welt – noch dazu von einem ungeliebten Mann gezeugt – hast du dir in vielen Situationen nicht manches mal gewünscht, du wärest nicht schwanger? Ihre Antwort darauf hat mich auf’s Neue dazu gebracht zu sagen, der liebe Gott richtet’s schon.

Meine Mutter sagte mir: Ach, weißt du – sie sagt oft einfach, ach weißt du, und dann weiß ich, sie teilt mir wieder etwas mit aus ihrem unerschöpflichen Reichtum an Erfahrung und Lebensweisheit. Und das nicht, um mich zu belehren, sondern um mir etwas zu schenken.

Ach weißt Du – als ich in 44 schwanger mit dir war, und ich durch die Schwangerschaft soviel schwere Krankheit hab’ durchleiden müssen, dass ich oft gefragt habe, lieber Gott – warum ich? Ich hab’ doch mein Soll erfüllt. Aber als du dann da warst, da habe ich bald begriffen, warum. Der Schöpfer hatte dich mir zum Trost geschenkt. Du wurdest etwas mehr als 24 Stunden geboren, bevor der heilige Abend anbrach. Du warst wie alle Kaiserschnittkinder faltenlos und schier – dazu hattest du schon lange lockige schwarze Haare. Auf die Welt gekommen bist du in einem schrecklichen Krieg, von dem niemand zu der Zeit wusste, wie lange es noch dauern würde mit dem Schlamassel. Die Nonnen im katholischen St. Willehad-Hospital haben dich wohl als Zeichen des Himmels betrachtet – jedenfalls lagst du in der Christnacht in ihrer Krippe, als sie damit von Bett zu Bett durch den Luftschutz-Bunker zogen. In den schweren Jahren nach dem Krieg warst du der einzige Mensch, dem ich alles erzählen konnte, der mir immer still zuhörte.

Mama musste ja auch nach dem Krieg weiterhin für alle sorgen – und der Kreis war ja nicht kleiner und das „Sorgen“ nicht leichter geworden. Jetzt waren es 6 Kinder UND der Ehemann. Der ach so stolze Seemann kam krank von Bord und aus dem Krieg und nach Deutschland zurück. Tuberkulose brachte er in seinem Körper mit – die damalige Volkskrankheit Nummer eins.

Grosse Teile der Besatzung ‚seines’ Schiffes waren davon betroffen. Seine Kameraden haben zumeist noch lange, zum Teil sehr lange damit und danach gelebt – nur der Stiesel von meinem ‘Vater’ machte immer genau das Gegenteil von dem, was ihm in seiner Situation gut getan hätte. Er war einfach keinem Rat zugänglich, gleich von welcher Seite auch immer er kam. So hat er z.B. bis zu seiner letzten Stunde am 29. Februar 1952 geraucht. Und zwar geraucht wie ein Schlot, trotz fast keiner Lunge mehr. Ein viertel Pfund Tabak – Steinbömer Gelb – ging täglich in blauen Dunst auf. Und DEN mußte meine Mutter auch noch täglich besorgen.

Die schwerste Zeit für meine Mutter war immer die, wenn ihr Ehemann einmal wieder für eine Weile im Wilhelmshavener Marine-Lazarett lag. Sie arbeitete seit der Währungsreform vorwiegend in jadestädtischen Bekleidungswerken, wechselweise im Textilhof an der Ulmenstrasse oder in den ehemaligen Kommandatur-Kasernen zwischen Rhein- und Ebertstrasse als Näherin. Sie machte zeitweise täglich 2 Schichten an zwei ‚Schiebebändern’ gleichzeitig. Alle 45 Sekunden, sich auf dem Stuhl drehend, die Nähmaschine wechselnd. An der einen Maschine die Passĕ und auf der anderen die Knopflöcher nähen. ‚Schiebebänder’ als ‚Vorfließbänder’ waren zu der Zeit DAS produktionssteigernde Mittel in den Wilhelmshavener Uniformschneidereien.

Statt ‚Uniformschneidereien’ drängt es mich, einfach ‚Frauenschindereien’ zu schreiben, denn die Vorgehensweisen der angestellten Bandleiter zur Steigerung der Produktionszahlen waren alles andere als menschenwürdig. Die Herren verstanden ihr Handwerk, das sie ja nicht selten in der Hitlerschen SS gelernt hatten. Wenn meine Mutter von den Widerwärtigkeiten der Bandleiter wie etwa eines Kubitza erzählte, dann habe ich mich als kleiner Steppke schon immer gefragt, warum so grundböse Menschen in einer Fabrik mit einem erzkatholischen Besitzer so viel ‚Gutes’ tun durften.

Zwischen den Schichten in der Näherei schwang meine Mutter sich dann aufs Fahrrad und peeste zum Krankenhaus, um dort den Ehemann zu beköstigen.

In den Krankenhäusern der Jadestadt gab es damals nur die jeweils mögliche (nicht nötige) medizinische Versorgung. Wenn Angehörige der Patienten am Ort wohnten, dann oblag denen die Versorgung mit Essen und Trinken.

Meiner Mutters „dritte Schicht“ beschränkte sich aber ja nicht auf den Lazarettpart. Im Stadtnorden – in Voslapp da gab es ja noch sechs Kinder, die darauf warteten, von der Mutter versorgt zu werden. Also hieß es nach der Klinik in die Pedale zu treten und das Zuhause ansteuern, um da nach dem Rechten zu schauen – zu schauen, ob diejenigen Kinder die schon tatkräftig mithalfen, auch nicht überfordert waren.

Die (relativ) leichteste Zeit war für meine Mutter jedes Mal dann, wenn sich ihr Mann entweder in Wildeshausen oder in Blankenburg in den dortigen sog. ‚Lungenheilstätten’ aufhielt. Dann konnte meine Mutter unbeschwerter ihren vielen Pflichten und ihren vielen, vielen schlecht entlohnten Beschäftigungsverhältnissen nachgehen. Auf die Hungerlohnarbeiten bei einigen jeverländischen Bauern werde ich später noch näher eingehen.

Ich hatte immer das Gefühl, Arbeit, noch mehr Arbeit würde meine Mutter zu noch mehr Tun anspornen. Sie war bei aller Arbeit, die auf ihr lastete, stets fröhlich (zumindest haben wir Kinder sie meist so erlebt) – sie hatte immer ein offenes Ohr für die Belange der Kinder (und da beileibe nicht nur für uns, ihre eigenen Kinder – auch unsere Freunde und Schulkameraden genossen ihr „zuhörenkönnen“, dem dann in der Regel gleich das „helfenkönnen“ folgte.

Bei Tant’ Eden war allgemein Treffpunkt vor, aber zumeist nach jeder Aktion, wenn dabei etwas „schiefgelaufen“ war. Ob es zerrissene oder vom Schlötegubbel (Grabendreck) versaute oder durch-nässte Klamotten waren, ob es war, daß wir in des Nachbarn Garten erwischt worden waren, oder irgendwo bei einem Nachbarn eine zerdepperte Scheibe ersetzt werden musste. Bei Eden’s gab es kein Tabuthema. Bei Eden’s war es immer warm – bei Eden’s gab es immer Hilfe – bei Eden’s gab es immer zu essen und trinken – bei Eden lag ständig Nadel und Faden parat, um Löcher in den Strümp-fen zu stopfen – und vor allem anderen, bei Eden’s gab es wegen solcher Kindermalöre keine Dresche, sowie es in so vielen anderen Zuhausen gang und gäbe war.

Oftmals gab es obendrein noch Torf als Heizmaterial, etwas vom letzten Schlachten oder Früchte aus dem Eden Garten mit nach Hause.

So hat meine Mutter mit ihrer Art viele Kindergesichter zum Strahlen und viele Kinderpopos vor schmerzhaften Schlägen bewahrt. Die Kinder konnten doch gar nichts dafür, dass sie in diesem schrecklich armen Nachkriegsdeutschland nur eine Hose oder ein Paar Strümpfe zum anziehen besas-sen. (Obschon es auch nach dem grandios verlorenen Weltkriegsgetümmel auch in Deutschland noch viele Menschen gab, die sich in Sattheit und im Überfluß tummelten. Da soll mir niemand etwas anderes erzählen wollen.)

Zugegeben – aus damaliger Sicht war „ein Hintern voll“ manchmal durchaus angebracht – wir waren ganz gewiß nicht immer Engel bei unserem Tun. (Wir nannten es ja unverblümt „Arschvoll kriegen“, wenn wir das Für und Wider irgendeiner von uns geplanten Aktion gegeneinander „abwogen“. Manche Taten waren ein anschließendes „Jackstück voll“ einfach wert.)

Bis 1948 – bis nach der Währungsreform, bis zum neuen Geld – war „Hamstern“ ja für viele Fami-lienvorstände die einzige Möglichkeit, um sich und die Seinen über Wasser zu halten. Es war einfach der nackte Selbsterhaltungstrieb. Viele Menschen tauschten alles, aber wirklich alles, was sich noch an Wertsachen in ihrem Besitz befand, gegen irgendwie Essbares für die Familie ein. Durch diesen Umstand ist so mancher Bäcker, Bauer oder Schlachter – eben alle, die mit der Herstellung von Nahrungsmitteln befasst waren, zu einem Spott-preis in den Besitz von Dingen gelangt, von denen sie bis dato nicht einmal zu träumen gewagt hatten.

Meine Mutter brauchte nicht um Essbares hamstern gehen (unser Vater wäre eh nicht dazu befähigt gewesen, auch ohne Tuberkuloseerkrankung nicht) – dank ihrer vielen Talente hat sie diese Notzeiten vollkommen anders bewältigt. Mama war ständig im Lande unterwegs – vornehmlich mit dem Fahrrad – für bestimmte Touren benutzte sie den Dampfer nach Bremerhaven, der zu der Zeit noch „Linie“ fuhr. Es war sozusagen schon ein „Butterdampfer“, wenn auch natürlich wegen völlig anderer Voraussetzungen, als die späteren Vergnügungs-Butterschiffe.

Wenn meiner Mutters Fahrrad einmal streikte – zumeist waren diverse Plattfüße der Bereifung der Anlaß für diese Streikwellen, dann bedurfte es eines „Flickens“ für den Schlauch. Da aber Fahrradflickzeug ebenso knapp war wie alles andere zum Leben Notwendige, erforderte eine Reifenpanne in der Regel einen längeren Fußmarsch. Da konnten es dann schon mal leicht 20 Kilometer sein, die auf Schusters Rappen abgelaufen werden mussten, denn Ostfriesland ist zu Fuß verdammt weitläufig und dünn besiedelt.

Tee war eines der Hauptgüter im „Handelshaus Sophie Eden.“ Mutter war in Ostfriesland unter der Bezeichnung ‘radelnder Handelsdampfer’ in fast jedem Hause ein Begriff, zumal sie ja von Kindes-beinen an durch ihre Eltern mit sämtlichen Handelsaktivitäten und mit den Menschen im Lande vertraut war.

Der Tee gelangte auf recht abenteuerlichen Wegen in meiner Mutter Besitz. In Altengroden, im Flücht-lingslager an der Maade, wohnte eine Frau Ziolek. Sie war aus der polnischen Ecke Deutschlands gegen Kriegesende vor den Rotarmisten geflüchtet. Frau Ziolek hatte einen Sohn, der Mitte der 20er Jahre in die neue Welt ausgewandert war, um in den USA zum US-Bürger zu werden. Schicksalhaft wie so vieles andere auch, kam dieser Sohn 1945 als Angehöriger der amerikanischen Besatzungs-truppen nach Deutschland zurück. Als Offizier in einer Versorgungskompanie der NAAVI.

Der Seehafen Bremerhaven wurde sein Standort als Basis für der Amis Logistik im besetzten Germany. Bremerhaven und Wilhelmshaven sind ja durch die Luft nur einen Katzensprung weit voneinander entfernt, aber in 45 waren es Welten, oder konkret gesagt, es trennten diese beiden Nachbarhafenstädte die verschiedenen Besatzungszonen.

In Bremerhaven waren es vom 8. Mai 45 an gleich die US-Amerikaner – in Wilhelmshaven, als des Reiches Kriegshafen Nummer 1, da war es völlig anders. Wilhelmshaven und der Nordteil des Kreises Friesland wurden von der, von den britischen Inseln aus operierenden, polnischen Exilarmee eingenommen, nachdem diese, von Holland kommend, Ostfriesland durchquert hatte.

Die polnischen Erstbesatzer nutzten natürlich die Gunst der Stunde und rechneten mit den Teilen der Zivilbevölkerung ab, die während des Tausendjährigen Reiches so manche Schandtat an polnischen Zwangsarbeitern (Deportierten und Kriegsgefangenen) begangen hatten. Innerhalb der Grenzen der Jadestadt machten sich nach einer gewissen Übergangszeit die Tommys daran, sich häuslich einzurichten. Solange die britische Churchill-Regierung den Plan verfolgte Wilhelmshaven als des Teufels Küche dem Meer zurückzugeben, solange hatten sie den Polen das Feld überlassen. Nachdem dieser Plan auf Druck von Uncle Sam aufgegeben worden war, übernahm die britische Rheinarmee selber das Gebiet. Und damit jede Kriegspartei auf der Seite der Sieger ein Stück Sieg auskosten konnte, wurden Teile der serbischen Armee ins Jeverland gesetzt. Das Herzstück der serbischen Besatzung waren die Kasernenanlagen im Wilhelmshaven benachbarten Wehlens – einem Ortsteil der Landgemeinde Sengwarden.

Zwischen jeder Besatzungszone bestanden ja Grenzen, und an diesen Grenzen wurde natürlich kontrolliert, um die Hoheitsrechte der Besatzer herauszustellen.

So wurde denn des Nachts der Tee aus den Beständen der US-Armee durch andere Besatzungszonen hindurch illegal nach Altengroden verbracht. Es war Schmuggelei reinster Art.

Ein amerikanischer Soldat sorgte sich um seine Nazideutsche Mutter. Er gehörte zwar zu den Siegern nach diesem furchtbaren Krieg, aber auch Sieger haben ihre Gesetze.

Morgens, noch vor Tag und Tau, holte unsere Mutter den Tee von Altengroden ab. Zuhause dann den Tee in Portionen gut verpackt, ging es in aller Frühe weiter. Und wieder über Zonengrenzen hinweg, nach Ostfriesland hinein. War die Zeit auch noch so schlecht – Ostfriesen brauchten ihren Tee. Tee war geldes– ach was sage ich, Tee war goldeswert. Der Tee wurde von meiner Mutter in ganz Ostfriesland gegen Fettigkeiten eingetauscht. Fettigkeiten bedeuteten zu der Zeit nicht Staucherfett oder Schmieröle – Fettigkeiten das waren Butter, Speck, Wurst und Schinken. Diese Fracht musste des Abends wieder, unter oftmals Schweiß und Blut treibenden Umständen nach Voslapp zurück, und von da aus – nachdem 10% davon als Courtage abgezweigt worden waren – dann weiter nach Altengroden-Lager, um dort dann wieder gegen Tee aus Bremerhaven eingetauscht zu werden.

Immer auf’s Neue. Das war auch eine funktionierende Weltwirtschaft.

Eine andere Quelle zur Deckung dessen, was wir so zum Überleben benötigten (es gab einfach keine unnützen Sachen) war Mutters Schnapsbrennerei. Das war natürlich ein Kapitel für sich. Wenn Mutter etwas machte – und es gab fast nichts, was sie nicht machte – machte sie es den Umständen nach immer professionell.

Alle Welt brannte Schnaps – und alle Welt wusste, dass alle Welt Schnaps brannte. Es machten die, die es konnten, und auch die, die es meinten zu können versuchten es mit mehr oder minder großem Erfolg. Die Ergebnisse und Erzeugnisse der Destillier-künstler sprachen Bände. Es wurde Fusel aus allen möglichen und unmöglichen Grundstoffen ge-brannt. Der Wohlstandslaie von heute würde sich wundern, wenn er erführe, aus was man alles Fusel machen kann. Aus Rüben, aus Kartoffeln, aus Obst aller Sorten, aus Getreide, ja sogar aus Kartoffel- oder Rübenschalen wurde Sprit gebrannt. Das was dann aus den Kühlschlangen in die Gläser tropfte und nach dem Genuß die Hirne der Trinker vernebelte oder lähmte, das war auch häufig danach. Die Grünröcke – so nannten wir damals die Zöllner – brauchten nur immer ihren Nasen nachzugehen, um Schwarzbrennern bei ihrem ungesetzlichen Tun auf die Schliche zu kommen.

Nicht so war es bei Mutter Eden. Ihrer Devise, ein Schuß Professionalität ist selbst beim in der Nase bohren vonnöten, blieb sie auch bei der Genever- Herstellung treu. In diesem Sinne führte sie übri-gens alle ihre Unternehmungen durch. Gute Pla-nung und gute Vorbereitung bringt gute Erfolge. Als Basisrohstoff kam bei unserer Mutter nur feinster weißer Zucker in Frage. Nichts anderes.

Dieser Rohstoffeinsatz wurde möglich durch den Fettigkeiten-Anteil aus der Teehandelei.

1 kg Zucker ergab am Ende des Brannt-Prozesses ¾ Liter feinstes Destillat. Zweimaliger Brannt war in meiner Mutters Destillerie obligatorisch. Unter dem lief gar nichts – die Spitzenbrände mit hohem Ver-edelungscharakter wurden gar dreimal gebrannt. Dadurch verringerte sich zwar die „Endmasse“ um ein paar Pinnchen, aber die Resttröpfchen die hatten es dann umso mehr in sich. Sophies Spirituosen waren frei von jeglichen Fuselölen. Selbst nach reichhaltigstem Zuspruch gab es am Morgen danach keine Kopfschmerzen, das heißt, war auch der Dunas noch so dick – der Klarverstand kehrt’ stets zurück.

Das 95 %ige Destillat war astrein – sozusagen Apotheken-Qualität.

Der Zusatz von destilliertem Wasser machte letzt-endlich aus jedem Kilogramm Zucker 3 Nullsiebener Flaschen besten 32 %igen Korn bzw. fünf 1/1 Flaschen edelsten Likörs vielfältiger Richtung. Die Damenwelt in der elenden Nachkriegszeit wollte schließlich auch ab und an zum „Genuß“ kommen. Sie wusste einen edlen Tropfen ebenso zu schätzen, wie die Mannsleuthorden.

Und wie das alles hervorragend funktionierte. Für den Rohstoff Zucker sorgten die Umsätze im Fett- und Teehandel. Flaschen mit Original-Etiketten und -verschlüssen lieferte Kaufmann Georg Coldewey jun., während die fertigen Eszenzen von zwei erfahrenen F’grodener „Alchimisten“ (Ernst Lück und Fritz Grabner) hergestellt und geliefert wurden. Das Ganze Prozedere war einfach perfekt.

Der Vertrieb dieser hochprozentigen Kostbarkeiten funktionierte ebenfalls wie geschmiert – na ja, zumeist zumindest. Es gab wohl keine Schankwirtschaft und keinen Krug im damaligen Amt Wittmund bzw. im Kreis Aurich, in der oder dem zu besonderen Anlässen den Gästen NICHT Schnaps von Sophie Eden kredenzt wurde. Wie gesagt, zu besonderen Anlässen, denn die geistigen Getränke von Sophie Eden waren für den alltäglichen Besuff viel zu kostbar.

Tjaaa … und diese besonderen Anlässe, die hatten es zumeist in sich.

Es waren die wieder regelmäßig stattfindenden Feuerwehrfeste, die Betriebsfeste der Zollinspek-tionen, die Polizeijahresfeiern, diverse Behörden-Weihnachtsfeiern und so weiter (in vielen Amtsleiter-Schreibtischschubladen befanden sich natürlich auch etliche dieser Art Tröster).

Die große Mehrheit der Konsumenten wusste übrigens, aus welcher Quelle der Saft sprudelte. Im Nachhinein kann ich sagen, meine Mutter hat so manches Mal mit dem Teufel getanzt – und ihm dabei meistens ein Stückchen seines Schwanzes beraubt.

Es ging immer gut – bis eines Tages in der Logistik ein Teilchen ausfiel und in der Eile durch ein Rädchen ersetzt wurde, welches keine Zähne hatte. Ein Kurier – es war auch noch gerade ein Zollinspektor – war ausgefallen, es hatte ihn der Schlag getroffen. WAS sollte man nun tun? Aus dem Visiterkreis meiner Eltern bot sich so schnell nur Frau Burmester an. Sie war schon einige Male mit kleineren Kurierfahrten betraut worden, denn Nahrung und Feuerung, die es mindestens einbrachte, die brauchte selbst der Dümmste – und Frau Burmester war nicht gerade eine der Hellsten. Dieses Mal handelte es sich um eine größere Warensendung und außerdem um eine ‘Terminsache’.

Es musste Stoff von der feinsten Art für diverse offizielle Veranstaltungen ins Ostfriesenland transportiert werden. Wenn meine Mutter wegen der größeren Mengen den Transport nicht mit dem Fahrrad besorgen konnte, dann wurde die Fracht über Jan Peters, dem Holzgasungetüm, das zweimal am Tage die Strecke Fedderwardergroden – Aurich Pferdemarkt via Jever- Wittmund und Plaggenburg bediente. abgewickelt.

Für diese Sendung nun hieß das Ziel Gasthof und Saalbetrieb Emil Götz in Plaggenburg. Eine für damalige Verhältnisse Riesensause stand dort ins Haus – der Kreisfeuerwehrball – der erste nach dem Kriege. Die Mutter begleitete Frau Burmester von der Voslapper Brennstätte zum Bus an der Endhaltestelle vor der F’grodener Schule Warthestrasse.

Die Begleitung eines Kuriers war sonst nicht üblich, bei dieser Notlösung hielt meine Mutter es aber wohl für angebracht. Wie gesagt, Sophie konnte um die Ecke der Zeit schauen, und 3 Kilometer mit der Fracht waren ja für eine in dem Metier nicht so erfahrene Frau auch eine ganz schöne Puckelei.

Die Mutter begleitet Frau Burmester also zum Bushalt. Den Koffer und die Taschen hatte sie auf dem Drahtesel vertäut. Als sie um die letzte Straßen-ecke bei Fritz Buschers Fahrradschusterei und Gasolintankstelle in die Elbingerstrasse einbiegen, sehen sie auf den letzten hundert Metern bis zum Omnibus nur noch Grün. Um den Omnibus herum wuselte ein ganzes Geschwader von Zollkontrolleuren. Meine Mutter hat späterhin vermutet, dass sie einer ihrer Mitbewerber aus der Schwarzbrennerszene in Oldenburg angeschwärzt hatte, denn es waren durchweg Zollbeamte aus der Huntestadt, die da an diesem Morgen ihrem Schnüfflerhandwerk nachgingen. Von den Wasserkanten-Grünröcken war so etwas nämlich nicht zu erwarten, weil, die gesamte hiesige Schwadron zählte ja mit zu ihren besten Kunden.

So gab es auf offener Strasse also eine Blitzverabschiedung – Frau B. musste notgedrungen alleine mit dem schweren Gepäck die Reststrecke hinter sich bringen. Sophie wusste in dem Augenblick, dass die Sache schief ausgehen würde, und sie hatte nur einen Gedanken – nämlich den, so schnell wie möglich nach Hause zu britschen, um die Produktionsanlage vor dem amtlichen Zugriff zu bewahren. Auch in einer solchen Brandsituation bewies sich wieder einmal mehr der kühle Kopf, die klare Linie – und die weise Vorausschau, die sie für solche Eventualitäten die geeigneten Vorkehrungen treffen lassen hatte.

Zuhause, unter dem elterlichen Schlafzimmerfuß-boden, befand sich ein bombensicheres Versteck. Die Voslapper Siedlungshäuser waren nämlich im Vorkriegsgalopp hochgezogen worden. Es waren in den Grodenschlick einfach Ringmauern mit darü-berliegenden Balken und Dielen gesetzt worden. Unter den Fußböden der Häuser war nach wie vor der Naturboden auszumachen. Unter unserem Hau-se konnte man noch den ehemaligen Verlauf eines Prieles erkennen. In die Dielen des Holzfußbodens im Schlafzimmer hatte mein ältester Bruder Hinrich ein Viereck geschnitten – perfekt und für ein ungeübtes Auge nicht zu erkennen – aber Klappe. Na ja, bei einem solchen Lehrherrn wie mein Bruder ihn hatte, war diese Art der Qualitätsarbeit natürlich kein Wunder. In der Werkstätten Fritz A. Adenas auf dem Heppenser Berg erlernte er zu der Zeit das Handwerk eines Möbeltischlers unter Obhut des legendären Tischlermeisters Karl Egts.

©ee

Ewald Eden

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