Verwehte Zeit…

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Teilauszug aus dem Buch * Verwehte Zeiten *

E in anderes bezeichnendes Ereignis für jene Nachkriegsära war die Hochzeit bzw. der einer jeden Eheschließung vorausgehende Polterabend im Hause der Brauteltern. Der Polterabend von Ursel Dettmann und Fietje Petrak. Die Familie Dettmann wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns. Die heutigen Polterabende – Junggesellenabschiede werden sie ja wohl genannt – sind ja mehr der betroffenen Brautpaaraltersklasse vorbehalten und enden in der Regel in einem aus dem Ruder gelaufenem Besuff mit oft ungeahnten Folgen und sehr viel zerschlagenem Porzellan für die Hochzeiter.

Die Polterabende der Damalszeit waren, was das ‚Porzellan zerschlagen’ und den aushäusigen Teil der Feierei angeht, uns Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft vorbehalten. Für das Poltern und das Glückwünschen erwarteten wir dann allesamt vom Brautpaar ein paar Leckereien und Zuckerwerk.

Im Falle der Hochzeit im Hause Dettmann war das Poltern aber nicht erwünscht. Der Bräutigam wollte es nicht – er konnte es nervlich nicht vertragen. So verbreitete es die Brautmutter als Information in der Nachbarschaft, um frühzeitig die Kinderfreude am Vorabend der Hochzeit abzubiegen. Ich habe mich trotz meines damals noch Kinderverstandes ernst-haft gefragt, warum ein schon in jungen Jahren offensichtlich nervenschwaches Mannsbild denn überhaupt zu heiraten gedachte. Wer heiratete, der musste doch schon über strapazierfähige Nerven verfügen – gleich ob Jung oder Deern. Wir erlebten doch immer wieder hautnah die täglichen Graben-kämpfe zwischen Vätern und Müttern, zwischen verheirateten Paaren. Dass diese Reibereien zumeist in der täglichen Alltagsnot ihren Ursprung hatten, das konnten wir als Nachkriegskinder doch gar nicht verstehen – wir kannten ja noch keine Zeit ohne alltägliche Not um das zum Leben Notwendigste. Die allermeisten von uns jedenfalls nicht.

Es war des Bräutigams persönliches Pech, dass wir für seine Befindlichkeiten kein Verstehen übrig hatten. Für das uns entgehende Zuckerwerk sannen wir auf Vergeltung und suchten nach einem angemessenen Mittel dafür.

Und wir wurden in unserer Köpfe Ideenschmiede fündig. Ruckzuck gab es einen Plan.

Die dafür zur Durchführung benötigten Eimer waren schnell zur Hand, und Jauchegruben für die menschlichen Exkremente hatte es ja hinter jedem Hause. Zwei mit dem Inhalt dieser Gruben gut gefüllte blecherne Marmeladeneimer auf die Treppe vor der besagten Haustür gestellt – dann mittels Segelband an der Klinke befestigt und gehörig losskandalt. Wir wussten, dass wir nicht lange zu warten brauchten, bis dass der entnervte Bräutigam wütend die Türe öffnen würde, DAS war das todsichere Rezept. Nachdem der erste Polterteller auf den Stufen vor der Haustür zu Bruch gegangen war, währte es nämlich keine ganze Minute, bis die Haustür von zwei wütenden Brautleuten aufgerissen wurde, um den unverschämten Störenfrieden von Nachbarschaftsgören dieses Spektakel zu verbieten.

Die Hochzeiter hatten ihre Münder noch gar nicht recht zum Protest geöffnet, da standen sie auch schon bis zu den Knöcheln in der stinkenden Jauche, die sich, mit der sich nach innen öffnenden Türe, in den Hausflur ergossen hatte. Auf unserem sicheren Beobachtungsposten hörten wir dann aus der zweiten Reihe der Polterabendgäste irgendjemand furchtbar laut ‚ach du dicke Scheiße’ fluchen. Dem Ausspruch konnten wir nur von Herzen beipflichten. Im Ganzen betrachtet war es für uns denn doch noch ein gelungener Polterabend geworden. Zumal wir zu vorgerückter Zeit allesamt ein wenig angeschickert in unsere Betten krabbelten. Erfahren durfte natürlich von den Erwachsenen im Hause und in der Nachbarschaft niemand von den Anflügen unseres leichten Rausches. Aus zweierlei Grund nicht. Erstens wegen des Schnapsgenußes, der ja für uns Kinder und Halbwüchsige sowas von tabu und von den Eltern unter Strafe gestellt war, wie es sich die junge Generation heute gar nicht mehr vorzustellen in der Lage ist.

 

Das Ersinnen von „Vergeltungsschlägen“ oder besser das Stillen von Rachedurst fiel uns eigentlich nie sonderlich schwer. Ich möchte das, was wir alles so ausheckten, und dann auch ausführten, beileibe nicht alles gutheißen oder Kindernvon heute zur Nachahmung empfehlen (denen fällt mit Sicherheit selber etwas ein, wenn es denn einmal vonnöten sein sollte). Wir hatten ja die „Bestrafung“ die ja oftmals und in handfester Form direkt auf dem Fuße oder treffender auf dem Hintern folgte, bereits mit einkalkuliert. Aber wenn ich es ehrlich sagen soll (und Ehrlichkeit ist mir bei dieser Erinnerungsabfolge schon ein Anliegen) trotz vieler Strafarbeiten oder Klassenbucheinträge, trotz etlicher Backpfeifen oder Kopfnüsse, trotz so manchen versohlten Hosenbodens – was wir auch angestellt haben, es hat uns oft höllische Freude bereitet. Zumal (fast) nie jemandem durch unser Tun ein körperlicher Schaden zugefügt worden ist.

 

Leiblichen Schaden zugefügt haben sich zu der Zeit leider viele, zu viele Erwachsene. Viele waren wohl auch noch zu sehr in der Gewalt der eben erst vergangenen Tausend Jahre Blutherrschaft verstrickt – auch mehr oder weniger. Wobei dies mehr oder weniger zumeist auch eine mehr oder minder irreführende Aussage ist, denn es war schon ein Paradoxum der Gesellschaft, dass, wer von den Alten mehr Schuld auf sich geladen hatte, sich seltsamerweise am wenigstens schuldbeladen fühlte – und wer von den erwachsenen Bürgern dagegen nur wenig oder gar nicht erkennbar Schuld auf sich geladen hatte, diejenigen trugen oft am schwersten an der Bürde des geschehenen Unrechts.

Voslapp war ja nun eine Siedlung, in der Menschen ein Heim gefunden hatten, nachdem sie von der Reichsführung zum Zwecke des Kriegsschiffbaus, zum Zwecke der Aufrüstung, auf der Kriegsmarine-werft aus allen Ecken und Gauen des Großdeut-schen Reiches zusammengekarrt worden waren. Ohne dicke Pötte konnte man als Arier ja schlecht gegen Engeland ziehen, um dort die Tommis standesgemäß und mit Aussicht auf Erfolg zu vertobacken.

Die uniformierten Teile der Kriegsmarine kamen noch hinzu und machten das Bild noch bunter und verwirrender. Ich habe in Kindertagen anlässlich dieses landsmannschaftlichen Durcheinanders oft gedacht, das es gar nicht alles Deutsche sein könnten, die sich da zankten und stritten, sich gegenseitig bestahlen und denunzierten, sich dann wieder vertrugen und sich auch oft verpaarten.

Nach der bedingungslosen Dönhoffschen Kapitulation im Mai 45 standen die meisten von ihnen plötzlich ohne Arbeit, ohne Erwerbseinkommen da. (Die Männer meist nur, sofern sie überhaupt noch oder schon wieder aus dem Felde oder der Gefangenschaft heimgekehrt waren)

Bei den Männer/Vätern die denn zuhause waren, da gab es überhäufig oft mehr Frust als Lust.

Sicherlich hat es zu einem großen Teil mit an dem durchlebten Gemetzel in allen Ecken Europas gelegen – dieser Umstand schmälert aber in keiner Weise das Verdienstvolle der damaligen Frauengeneration. Es waren nämlich unbestreitbar überwiegend die deutschen Frauen, die aus einem rauchenden und blutigen Trümmerhaufen in einer relativ kurzen Spanne Zeit wieder einen blühenden Garten gezaubert haben.

Es sind nicht Adenauer, nicht Erhardt, Schumacher, Ollenhauer oder andere Politiker, es sind nicht Krupp, nicht Wagner oder Axel Springer, denen Lob und uneingeschränkter Dank gebührt – die meisten dieser Herren haben den Opferwillen und die Durchhaltekraft dieser Frauen und Mütter nur auf oftmals auch schändliche Weise für sich genutzt, und es ihnen nicht auch nur mit einer Silbe gedankt.

Die Heerscharen der zusammengewürfelten Volks-stämme hatten jedenfalls über Gebühr Zeit und Muße, sich gegenseitig in den Haaren zu liegen und sich zu bekriegen. Das Kriegmachen war ihnen ja noch geläufig Wir empfanden unseren Strassenzug immer als besonders davon betroffen. Im Nachhinein zeigte es sich aber, dass es wohl überall das gleiche Geschehen war, und man es nur nicht so mitbekommen hat. Die Medienwelt war ja nicht mit der von Heute zu vergleichen. In unserer Ecke war der Flickenteppich der Nationen und der verschiedenen Kulturzugehörigkeiten recht bunt gewebt. Wenn man in die Runde schaute, dann sah man ganz Europa auf einem kleinen Fleckchen Erde versammelt. Ostfriesland, Ober- und Niederschlesien, Warthegau, Memelland, Ost- und Westpreußen, Vor- und Hinterpommern, Mecklenburg, Tschechien, Österreich-Ungarn, die Niederlande, Franzmänner und Tommis …. es ging total um uns herum – und jeder parlierte mit sich und den Seinen in seiner heimatlichen Schnacke. Folglich verstand keiner Keinen und jeder hielt den oder die anderen für den oder die schlechteren Menschen.

Bei den Zugehörigkeiten zu den Religionen, zu den Glaubensgemeinschaften, da ging es genauso kun-terbunt zu. Da war nun wirklich alles vertreten, was sich so unter irgendwelchen Kreuzen, Halbmonden oder sonstigen Geisterzeichen auf dem Erdkreis tummelte. Und das in einem, bis Anfang des Hakenkreuzspektakels, fast reinem reformiertem Landstrich. Möge Gott es mir verzeihen, aber es war einfach oftmals Glaubenschaotisch was da abging.

Unsere Nachbarn zur Rechten sorgten stets wieder aufs Neue dafür, dass uns gar nicht bewusst wurde, dass es die heutigen Kommunikationsmittel noch gar nicht gab. Bei unseren Nachbarn war ständig Kurzweil angesagt. Kurzweil mit manchmal langwierigen Folgen. Es war aber alles nicht so tragisch, denn das, was sie sich des Abends aufs Kerbholz laden wollten, das beichteten sie schon des Morgens während der Frühmesse in der Barackenkirche ihrem Pater. So einfach ist das scheinbar unter rechten Katholen. Aufrechte Katholen verkneife ich mir zu sagen.

Irgendetwas machen die Evangelen bei der Glau-bensinterpretation offenbar falsch – oder dem Herr-gott hat seinerzeit Luthers Aufbegehren gegen die bestechliche Kirchenfürsterei doch nicht so gut gefallen.

 

Eine Begebenheit mit einer unserer Nachbarinnen möchte ich nicht verschweigen. Was sich da an einem eisfrostigen Wintertag zwischen unseren Hofgrundstücken abspielte, das lockt heute wohl keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor – Anno Nachkriegsjahre war es aber für die Umstehenden Erwachsenen noch äußerst schinant und für uns Halbgewachsenen ebenso pikant.

Wir Gören spielten in Hof und Garten mit irgendwelchen Gerätschaften – überall wo man anfasste oder wo man hintrat klirrte und knisterte es vor Kälte. Uns juckte es aber überhaupt nicht – wir waren ja warm eingepackt. Der Blick über die Heimstätten-Grundstücksgrenzen war zu der Zeit noch nicht verbaut oder zugewachsen, so wie es heute in der Siedlung ist, sondern man konnte noch ungehindert von A bis nach Z schauen. Zumal die Anlage der Hausreihen geradlinig auf einem Baldur von Schirachschen Reißbrett entstanden war.

Kahler Frost beherrschte die Szene. Auf unserer Seite des trennenden Grabens breitete meine Mutter Wäsche auf der Bleiche aus, damit sie bis zum Einbruch der frühen Dunkelheit knackig durchfror. (Nach der Tageshelle tat jede Hausfrau gut daran, ihre Wäschestücke innerhalb des Hauses in sicher-em Verwahr zu halten, denn auch die nächtlichen Besitzwechsel solcher Dinge wurden oft schon in der Frühmesse gebeichtet und absolutiert.) Auf der anderen Seite stand unsere Nachbarin mit dem Rücken zu uns her vor einer Waschballi, einer Zinkwanne, und rubbelte auf dem Waschbrett die Leibwäsche ihrer Lieben. Man stelle sich das vor: Draußen in der offenen Wanne waschen – und das im Winter bei zweistelligen Minusgraden. Als meine Mutter sah, dass unsere Nachbarin zudem auch noch barfuß am Wirken war, da konnte sie sich doch nicht enthalten, über den Graben hinweg zu fragen: Frau Nachbarin, ist ihnen DAS nicht zu kalt? So ohne Schuhe und Strümpfe. Sie holen sich ja den Tod an den Hals.

Frau Ü. schien die Frage meiner Mutter gar nicht realisiert zu haben – so schien es zumindest, bis … ja bis sie verhalten den Nacken ein wenig drehte und mit einem Griff nach unten ihre Röcke lüftete. Kalt, Frau Eden … es ist doch nicht kalt – sehnsemal – ich hab auch nix drunter an – und bot uns Zuschauenden damit ihre ganze weiblich ausladende Hinterpracht mit allen intimen Nebengelassen zum Blick dar. Wir Kinder haben wohl alle noch eine Zeit gehofft, es möge noch einmal so ein kalter „heißer“ Waschtag sein. Wenn es auch Winter war – unseren Augen war es wie das schauen einer Sommerweide.

 

Noch ein anderes …

Frau Ü. war ein Drachen. Das darf ich so sagen – diese Einschätzung stammt nicht ursprünglich von mir, fast ausnahmslos ALLE Nachbarn sagten es – auch diejenigen, die sonst weichgespült und gut genießbar waren. Ihr Gatterich Rudolf war eine Seele von Mensch, aber eine von den Pantoffeln seiner Frau ziemlich plattgetrampelte Seele. Der gute Rudolf stand nämlich total unter denselben seiner Angetrauten. Mit Ausnahme der seltenen Abende oder Nächte, in denen er einen über den Durst getrunken hatte – wenn Rudi mal dunig war. So etwas kam nicht häufig vor, für uns Kinder geschah es aber eh viel zu selten, weil uns mit jedem Mal „nicht dunig sein“ ein aufregendes Erleben vorenthalten wurde. Egoistisch wie wir Jungen nun einmal waren. Wir durften egoistisch sein. Es war einfach immer wieder herrlich zu erleben, mitzufiebern, mitzuzittern wenn im Nachbarhause die Teller flogen, die Scheiben splitterten oder die Türen krachten. Von den herrlichen Zotigkeiten aus männlichem und weiblichem Munde, die dann jedes Mal krachend und kreischend durch die Nachtluft flogen, ganz zu schweigen.

Eines Abends – wir lagen schon im ersten tiefen Schlummer – weckten uns nachtesfremde Geräusche. Fernes Singen kündigte des betrunkenen Rudolfs Heimkehr an. Es war so deutlich und so weittragend zu hören, weil die einzige natürliche Lärmquelle der damaligen Zeit ja schlief – nämlich die Kinder. Autos gab es ja fast keine, Fluglärm gab es auch nur in bescheidenen Anfängen, denn es brummerten ja nur ab und zu die in Upjever stationierten dicknackigen Propellermaschinen der Tommys über unsere Köpfe hinweg. Der heutige Flugverkehr war ja noch Zukunftsmusik – oder sollte ich besser sagen, ein Zukunftsalptraum? Großvolumige Musikanlagen gab es nur zu besonderen Anlässen, wenn aus Anlass einer der wenigen öffentlichen Veranstaltungen Hänsels Kurt an den Lichtmasten längs der Wohnstrassen seine aus der Nazizeit herübergeretteten riesigen Druckkammerlautsprecher befestigte. Wenn die Dinger losbrüllten, dann war es noch 5 Kilometer weiter im Nachbardorf zu hören.

Fernsehen gab es nur erst im Laboratoriumsstadium – was blieb denn in den stillen Abend- und noch stilleren Nachtstunden? Manchmal streitende oder auch trunkene Erwachsene. Und davon durften wir doch nichts versäumen, wenn die kleinen Leute ihren großen Auftritt hatten.

Aber zurück zu besagtem Abend mit Rudi Rednos.

Der ferne Gesang wurde langsam lauter und deutlich schräger. Wir hatten uns schon Gedanken darüber gemacht, warum das Näherkommen wohl so ungewöhnlich sinnig vor sich ging.

Die Spannung löste sich, als Rudolf Ü. in unsere Strasse einbog – er trug sein Fahrrad auf dem Buckel. Das Laufen ging noch – wenn auch im zickzackigen Breitgang – das Radfahren wohl offenbar nicht mehr. Dafür waren die Strassen anscheinend nicht breit genug. All die Unbill, die sich wohl in den Wochen seit seinem letzten Rausch in Kopf und Bauch und Seele so bei ihm gesammelt hatte, die ließ er in einem sich ständig wiederholenden Singsang in ein oder zwei Sätzen artikuliert in die Nachtluft wehen. „Ich bin der Herr im Hause – ich werd dir zeigen, wer hier zu sagen hat.“ Immer und immer wieder grölte er diesen Text in die Dunkelheit. Es war so, wie wenn er sich immer wieder selbst ermutigte. Bei seinem Zuhause angekommen, scheiterte sein Versuchen, eingelassen zu werden an der Abwesenheit seines Hausdrachens. Seine Angetraute war nämlich im Wissen und Ahnen dessen, was da mit Gesang im Zickzackkurs auf sie zugestolpert kam, vorsorglich durch die Hintertür bei einer couragierten Nachbarin vis á vis des Straßenplatzes in Deckung gegangen. Mit dieser, mit ihrem Sohn alleinlebenden Wittfrau, lag sie ansonsten in schöner Regelmäßigkeit in heftigem Streit, in Situationen wie dieser hielten die beiden so oder im Grunde vielleicht gar nicht so sehr verschiedenen Frauen zusammen wie die Flintenweiber vergangener Epochen. Die Türen der Heimstatt hatte Frau Ü. vor ihrem strategischen Rückzug hinter die Frontlinie des Sonstgegners allesamt verriegelt und verrammelt, und sich dann klammheimlich mit den Kindern aus dem Staub gemacht. DAS hätte sie dieses Mal besser unterlassen, denn im Gegensatz zu früheren oder gewohnten Bränden hatte ihr Rudolf während des abendlichen Gelages wohl die letzten Hemmungen in Alkohol ertränkt. Und er fand die Ursache all seines Verdrusses auch noch ausgeflogen.

Was würde er tun? Wir alle warteten gespannt auf den nächsten Akt des Dramas von Gegenüber und verfolgten das Geschehen natürlich mit äußerster Neugier von unserem, direkt dem Nachbarhause zugewandten Dachfenster aus. Ob der verschlossenen Türen wurde Rudolfo immer missgestimmter. Wir hörten es an seinen kurzatmiger werdenden Gesängen. Er holte sich seine langstielige Axt aus dem Kleinviehstall – die Axt, mit der er mit seinen Söhnen sonst in den Nächten den Chausseebäumen den Garaus machte, um sie anschließend daheim zu verfeuern – und öffnete mit ein paar mehr oder minder gezielten Hieben die beiden Außentüren der Heimstatt. Ich nehme an, die Schläge waren minder gezielt, denn zur Reparatur derselben benötigte er am nächsten Tag meines Bruders sachkundige Tischlerhilfe.

Nachdem er mit seinem Universalschlüssel Marke Holzfäller grobschlächtig die Türen seines Hauses geöffnet und sich ungehinderten Einlaß in sein Heim verschafft hatte, begann er im Hause akribisch und gründlich Ordnung zu schaffen. Die nächste Stunde entwickelte sich denn auch zu seiner Sternstunde. Mit wütender Kraft ging er trotz seines Dunas planvoll vor – er vollzog sozusagen einen geordneten Feldzug gegen einen Pseudo- oder Ersatzgegner. Jeder Schlag, zu dem er ausholte, und der irgendwo und irgendwie einen toten Gegenstand traf, der galt wohl im Grunde seiner herrischen und oft heimtückischen ‘besseren’ Hälfte. Ganz gewiß war ein solches Vorgehen keine gute Art des miteinander Abrechnens – vor allem war es in der Folge ein sehr kostspieliges Vergnügen, das sich der Herr des Hauses da gerade leistete, denn nichts, rein gar nichts war am Ende heile und unbeschädigt geblieben. Angefangen bei den hölzernen Läden vor den Fenstern über sämtliche Scheiben derselben bis hin zu den letzten Kleinmöbeln in den Wohnräumen. Alles das hatte durch die zerdepperten Fenster und die zersplitterten Türen hindurch, den Weg nach draußen, in das Grün rings um das Haus herum, gefunden. Mit Rudolfs Hilfe natürlich. Und da ging er auch nicht im Zickzackkurs vor – wenn auch immer noch lauthals singend.

Gesungen hat der wieder nüchterne Familienvater am nächsten Morgen und auch einige Zeit danach nicht mehr. Sicherlich waren ihm dazu angesichts des Schlachtfeldes, das sich aller Augen am Morgen bot, auf längere Sicht die Noten abhanden gekommen.

Der hellende Morgen bot den Betrachtern (und dazu zählten wohl ALLE Nachbarn – auch die angeblich desinteressierten) ein Bild wie nach einem Bombenangriff der alliierten Kriegsgegner (an diese Bilder konnten sich diejenigen in der Strasse, die schon laufen konnten, zumeist noch gut erinnern)

Zerborstene Fensterscheiben, ringsherum Trümmer und inmitten der – rauchende Trümmer will ich nun nicht sagen – aber inmitten der demolierten Reste herrschte Friede, Freude, Eierkuchen …. Neeeeeeee …Eierkuchen stimmt ja nun auch wieder nicht. Wenn es die man noch manken der Einöde gegeben hätte. Dafür war aber ja im Hause und in der Speisekammer nun absolut nichts an Zutaten mehr vorhanden.

Rudolf hatte sich am Morgen danach wieder bereitwillig unter die Pantoffeln seines Ehegesponstes begeben und schaffte in den darauf folgenden Monaten täglich immer noch ein paar Stunden zusätzlich, um die Pinunsen für die Beseitigung der Schäden der Sturmnacht zu verdienen. Materialien waren zu der Zeit nämlich noch verdammt rar und teuer. Verglasung für ein komplettes Einfamilienhaus konnte sich kein Malerbetrieb man so einfach aus dem Ärmel schütteln – obwohl Malermeister Hinni Westerholt wegen der nahen Nachbarschaft mit Sicherheit alles daran setzte, um das Heim derer von Ü. wieder regendicht und wetterfest zu machen.

Wir Kinder in der Strasse waren jedenfalls dankbar für solche Begebenheiten und warteten meist schon ungeduldig auf die nächste Aufführung in irgendeinem Zimmertheater irgendwo in unserer unmittelbaren Umgebung.

©ee

Ewald Eden

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