Heyersand

Heyersand

 

 Der Fahrer des kleinen, klatschgelben Transporters schickt einen verknit-terten Blick zur Uhr auf dem Armaturenbrett. Es ist viertel vor fünf. Am Himmel sieht es so aus, als ob der Wind die Dunkelheit vor sich her treibt. Die Welt ist noch halb Nacht, und schon halb Tag.

Es ist für Jürgen Köhnen wieder einmal ein richtiger Scheißsonntagmorgen

Normale Bürger räkeln sich um diese Zeit noch in ihren Betten, und genießen den Feiertagsschlaf.

Der Techniker Köhnen dagegen ist schon seit einer halben Stunde unterwegs. Es ist bereits sein siebter Wochenendbereitschaftsdienst in Folge. Heute treibt ihn nach längerer Zeit mal wieder der Notruf eines großen Hotels rüber nach Heyersand.

Seit die Kollegen wissen, daß er zu Hause nichts mehr zum kuscheln im Bett hat, versuchen sie ständig, ihm die allgemein ungeliebten Sonntagsdienste als Braut anzudrehen. Meistens haben sie dann auch noch Erfolg damit.

Ihm scheint es fast so, als wenn die ganze Bagage in seiner Firma befürchtet, er würde als Solist keinen Ton mehr aus seiner Lebensfidel herausbekommen, und sich darum verpflichtet fühlt, ihn ständig unter fremde Leute schicken zu müssen.

Dabei spielt man doch oft viel ungezwungener auf einem Instrument wenn man alleine ist. Selbst wenn die Töne mal schief klingen sollten, selbst dann zieht niemand eine Schnute.

Versteh noch einer die Welt – ihm fällt das manchmal richtig schwer.

 

  Während unter den Rädern seines Wagens der breite Asphaltstreifen wie ein endloses Band dahinfliegt, fliegen durch sein Empfinden die krausesten Gedanken. Das schwarze, in der Mitte durch einen dicken weißen Strich geteilte Band scheint nicht enden zu wollen. Die Wegebauer haben es schnurgerade in die Landschaft gelegt. Es reicht bis weit in den Horizont hinein.

Das einzig schräge an dem Bild vor ihm sind die alten Straßenbäume. Windschief und knorrig stehen sie zu beiden Seiten der Chaussee. Es sieht aus, als wären sie an einer Schnur aufgereiht.

Er sehnt sich ein wenig in die Zeit seiner Jugend zurück, in die Zeit der ersten Fahrradtouren. Die hat er mit seinen Freunden auch hier in diesem Landstrich abgeritten. Nur sah die Gegend damals noch etwas anders aus.

Etwas …… er lacht leise in sich hinein. Das Heute ist mit dem Damals überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn er nur an die gewölbten Klinkerstrassen mit ihrer geschwungenen Linienführung denkt. Als junge Burschen meinten sie oftmals, weibliche Formen darin zu erkennen. Sie wetteiferten dann mit-einander, wer von ihnen diese Formen am treffendsten zu beschreiben vermochte.

Gott, was waren wir doch noch naiv, denkt er.

Die Strassen waren ihm immer mit das Schönste an der Landschaft gewesen. Sie waren Natur in der Natur.

Wie frei hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn ihr Pfadfinderfähnlein die düstere Steinwüste der Alltage hinter sich gelassen hatte, wenn sie der drückenden Müffigkeit des Wohnviertels am Rande der Großstadt entflohen waren.

Es ging ihnen wohl allen so. Sie konnten gar nicht kräftig genug in die Pedale treten.

Wenn sie sich nach der anstrengenden Strampelei mit müden Beinen der Küste näherten, schauten sie alle paar Minuten sehnsüchtig nach der schwarzen Rauchfahne des Schiffes aus.

Sie konnten es gar nicht erwarten, endlich an Bord des pummeligen kleinen Dampfers gehen zu können, um damit nach Heyersand rüberzuschippern. Mit den Männern an Bord waren sie von der ersten Fahrt an vertraut gewesen. Obwohl es eigentlich eher wortkarge Typen waren, die da ihren Dienst ver-sahen – zupackend, knustig und verschlossen.

Wenn der junge Kerl im Kohlenbunker – ‚Hein duk di’ nannten damals alle den langaufgeschossenen Hein Briester – einmal besonders gut drauf war, sahen sie am Ende der Überfahrt auch schon mal aus wie frischgebackene Schornsteinfegerlehrlinge.

 

Das kleine Inselwäldchen, inmitten des Eilandes, hatte es ihnen in den Jahren besonders angetan. In den alten Wehrmachtszelten fühlten sie sich wie die Indianer und Trapper in den Wildwest – Groschenromanen, die sie allesamt mit Begeisterung in sich hineinfraßen.

Mit Wehmut denkt er an die Abende in den Dünen zurück. An die Augenblicke, wenn sie die ersten Hürden der Schüchternheit gegenüber dem schwachen Geschlecht überwunden hatten.

Oh Gott, was war das für ein Gefühl gewesen, zum ersten Mal ‚das Andere’ berühren zu dürfen. Die aufgesetzte jungmännerhaftige Welterfahrenheit, die die meisten von ihnen zur Schau trugen, wenn es ums scharwenzeln vor den Mädchen ging – die hatte dann plötzlich vor dem süßen Geheimnis Reißaus genommen. Sie hatte klopfenden Herzen und roten Ohren Platz gemacht.

Irgendwann war in ihren Sommern auf Heyersand jeder von ihnen zum ‚Mann’ geworden. Auch wenn selten jemand aus der Clique darüber redete, nachdem ‚Es’ geschehen war – sie hatten es gegenseitig in ihren Gesichtern erkennen können.

„Ach ja, schöne Zeit – würdest du doch noch einmal wiederkommen ….“ Es ist ihm gar nicht bewußt geworden, daß er laut gedacht hat.

 

Er kann seine Gedanken nicht von den Bildern lösen. Was wohl aus ihnen allen, die dabei gewesen sind, geworden sein mag? Nach dem Abitur hatten die Klassenkameraden sich im Aufbaurausch der jungen Bundesrepublik komplett aus den Augen verloren.

Wie mag es der blonden Anita, seiner ersten stürmischen Liebe, ergangen sein? Ob sie das gefunden hat, wonach sie sich damals immer sehnte? Eine große Familie mit ganz vielen Kindern war ihr Traumbild gewesen. Als einziges Kind schon ziemlich alter Eltern sehnte sie sich nach einem richtigen ‚Trubelhaufen’ eigener Sprößlinge. Wenn sie unter vielen Geschwistern aufgewachsen wäre, hätte sie vielleicht anders gedacht.

Sie hatte sich so sehr gewünscht, von ihm einen dicken Bauch zu bekommen, daß ihm manchmal schon angst und bange war. Das mit dem ‚dicken Bauch’ ist aber nicht geschehen – obwohl sie beide sich immer wieder heftig gemüht hatten.

Vielleicht war es auch gut so, denn nicht nur bei ihm zu Hause wäre dann garantiert der Teufel los gewesen. Seine Großmutter, die ihm sonst vieles nachsah, stieg ihm nämlich schon bei dem harmlosesten Techtelmechtel aufs Dach. Wenn sie denn davon Wind bekam. Seltsamerweise war das aber regelmäßig der Fall. Sie hatte wohl einen besonderen Sinn dafür entwickelt.

Während des letzten Ferienlagers vor der Reifeprüfung fand er Anita dann nicht mehr auf der Insel.

Sie hatte auf dem Eiland auch keine Zeichen für ihn hinterlassen, denen er hätte folgen können. Es war, als ob der Wind sie in unbekannte Fernen fort-getragen hatte. Wer weiß, wozu es gut gewesen war.

In seinem Herzen entdeckt er allerdings heute noch oft ihre Fußspuren. Ein Stückchen von ihm hatte sie mitgenommen, und dafür von sich etwas in seiner Seele zurückgelassen. Er brauchte damals eine lange Zeit, um zu begreifen, daß sie endgültig weg war.© ee

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