Heyersand II

Heyersand II

 

Oder was mag aus Robby geworden sein?

Robby und er waren in der Jugend die besten Freunde gewesen. Es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. So hatte er es damals zumindest empfunden …

Bis Robby dann, ein paar Wochen nach der Rückkehr aus dem dritten Ferienlager, auf einmal nicht mehr in ihrem Kreise auftauchte. Auch auf der Penne sahen sie ihn nicht wieder. Der Beste in der Klasse – der Primus – hatte kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ohne vorher auch nur die geringste Bemerkung darüber fallen zu lassen.

Es kursierte nicht einmal das kleinste Gerücht im Schulalltag, warum er das gemacht haben könne. Selbst die Pauker schienen über die Gründe nichts zu wissen. So taten sie jedenfalls.

Von seiner alten Tante, bei der Robby seit dem Unfalltod seiner Eltern gelebt hatte, konnten sie auch nichts in Erfahrung bringen. Sie zuckte nur immer hilflos mit den Schultern, wenn sie nach ihrem Neffen gefragt wurde.

Er war einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

Das war der Zeitpunkt, an dem Jürgen Köhnen bewußt wurde, daß auch ‚unverbrüchliche’ Jungenfreundschaften nicht ewig währen.

 

Im folgenden Jahr erfuhren sie dann alle, warum Robby im letzten Jahr so plötzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Er war nach ihrem Eintreffen in Hamburg sofort wieder auf die Insel zurückgekehrt, und hatte dort die restlichen Sommermonate auf dem Zeltplatz gearbeitet. Die Liebe zu seiner Freundin Körty war die Triebfeder seines Handelns gewesen. Für die beiden war nämlich das ‚Mann’ und ‚Frau’ werden nicht ohne Folgen geblieben. Ein Kind wuchs in Körtys Bauch heran, sie war schwanger geworden.

Irgendwann, im Spätherbst, hatten die beiden dann der Insel den Rücken gekehrt. Einige Inselbewohner, die sie nach dem Verbleib der beiden fragten, sagten ihnen, Italien wäre ihr Ziel gewesen – andere sprachen von Griechenland, und wieder andere brachten sogar das ferne Polynesien ins Spiel. Von wegen Körtys Buntklörigkeit.

Richtig lagen sie mit ihren Vermutungen alle nicht, denn Jahre später flatterte Jürgen ein Brief ins Haus, dessen Inhalt ihm die wahre Geschichte erzählte.

Robby hatte die Zeilen während eines kurzen Aufenthaltes an der schwedisch-finnischen Grenze geschrieben.

 Allerdings war die Postsendung mit einer unvollständigen Adresse versehen.

Diese Nachlässigkeit Robbys hatte den Brief eine lange Reise machen lassen.

Nach vielen Kreuz- und Querwegen war der Umschlag aber doch noch beim Adressaten gelandet. Die Post hatte nicht aufgegeben nach dem Empfänger des Briefes zu suchen, obwohl er nach dem Abitur, bedingt durch seine Ausbildung, häufig den Wohnort gewechselt hatte.

Die Freimarke trug den Poststempel von ‚Haparanda’. Robby schrieb in dem Brief, er befände sich mit seiner Körty auf dem Weg zu den finnischen Seen. Per Anhalter seien sie schon bis an die Nordspitze des bottnischen Meerbusens gelangt, und warteten jetzt an der schwedisch/finnischen Grenze auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt ins Landesinnere.

Körtys Großeltern mütterlicherseits betrieben dort an einem der zahlreichen Seen eine kleine Landwirtschaft und eine einträgliche Fischerei.

Körtys Mutter stammte nämlich aus Finnland. Während eines Besuches bei holländischen Verwandten hatte sie sich in den Sohn eines batavischen Gewürzhändlers verliebt – eben in Körtys Vater.

 

Auf die Welt gekommen war Körty in Paterswolde, einem kleinen Ort in der Nähe von Groningen, von wo aus ihr Vater seines Vaters Geschäfte im niederländischen Mutterland führte. Er war ein richtiger ‚Pfeffersack’, der zufällig auch noch mit Pfeffer handelte – wie Körty manchmal scherzhaft sagte, wenn sie jemand neugierig nach ihrer Familie fragte.

So eine außergewöhnliche Deern hier, im ostfriesischen Plattland, anzutreffen forderte die Neugier aber auch förmlich heraus. Ihre Haut sah nämlich aus wie Milchkaffee, während ihre Augen so tiefblau leuchteten, wie das Wasser in den finnischen Seen. Eingerahmt wurde dieses Bild von einer Haarpracht, die so kupfern glänzte wie der rotgoldene Schein der Mitternachtssonne über dem Polarmeer.

Nach ihrer Schulzeit im Land der ‚Kloteklapper’ sollte sie auf Heyersand von der Pike auf das Hotelfach erlernen, um später einmal von einem Onkel in Djakarta die Leitung seines gastronomischen Betriebes zu übernehmen.

Dass dieser Beruf ihr nicht gefiel, das konnte sie nicht sagen – aber in ihren Zukunftsträumen befand sie sich stets bei den Großeltern mütterlicherseits, auf dem einsamen Hof inmitten der finnischen Wälder und Seen. Sie hatte auch noch nirgendwo anders ihre Ferien verbracht.

Und so hatten die beiden sich auf den Weg in den hohen Norden gemacht – zumal es Körtys größter Wunsch war, ihr Kind in der Heimat ihrer Mutter zur Welt zu bringen, wie Robby schrieb.

Die Hinterlassenschaft seiner Eltern, Robbys Erbe, über das er mit 18 Jahren verfügen konnte, gab damals wohl den letzten Anstoß für die Reise in die Region der Mitternachtssonne. Im August feierte er nämlich, noch auf der Insel, seinen achtzehnten Geburtstag. Er war dadurch zwar nicht plötzlich reich im landläufigen Sinne, aber Sorgen um die Zukunft brauchte er sich vorläufig auch nicht zu machen. Die Bankkonten, die ihm von da an zugänglich waren, die durfte man getrost als gut gepolstert bezeichnen. Sein Vater war nämlich nach dem Kriege einer der größten Schwarzhändler Norddeutschlands gewesen.

Seine Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern hatten ihm sogar den Gebrauch eines eigenen Flugzeugs ermöglicht.

Diese für Deutsche damals ‚grenzenlose Freiheit’ hatte ihm und seiner Frau bei einem Absturz über dem Knechtsand in der Elbmündung dann den Tod gebracht.

 

Es war die einzige Nachricht von Robby geblieben. Danach hatte Jürgen von seinem Freund kein Lebenszeichen mehr erhalten. Obwohl er schrieb, sich wieder zu melden, und Jürgen in dem Brief aufforderte sie doch einmal mit Anita in Finnland zu besuchen.

Er hatte in den folgenden Jahren häufig mit dem Gedanken an eine Reise in den hohen Norden geliebäugelt – doch wie sollte man in den unendlichen Weiten da oben jemanden finden, von dem man nicht einmal um den ungefähren Aufenthaltsort wußte.

 

Er holt seine Gedanken aus dem Land der Elfen und Trolle zurück, und versucht vergeblich wieder in der Gegenwart zu denken.

 

Das Eiland Heyersand war damals noch richtig Eiland. Mit viel verschlafener Idylle zwischen den Fischerhäusern, und auch noch reichlich Zeit für die Menschen, um einen ausgiebigen Klönschnack miteinander zu halten.

Bunte Farbkleckse in den sandfarbenen Alltag setzten meist nur die vielen jungen Mädchen vom Festland, die als Kindertanten in den Erholungsheimen, oder als Hausmädchen in den wenigen großen Hotels und vielen kleinen Pensionen ihr Brot verdienten.

Es war ihnen als ‚junge Kerls’ immer wieder eine Freude gewesen, die schwingenden Röcke durch die Inselluft schweben zu sehen.

Er kann sich nicht erinnern damals Mädchen in lange Hosen gekleidet gesehen zu haben.

Heute wirken die Strassen des Städtchens auf dem großen Sandhügel im Wattenmeer auf ihn eher wie eine Kleinausgabe der Königsallee, oder der Hamburger Mönckebergstrasse. Die meisten Hotels mit ihrer klotzigen, eintönigen Form könnten ebenso gut in jeder anderen Ecke des Erdballes stehen

Es hat sich alles schon sehr verändert. Die heutigen Besucher entdecken so spontan nicht mehr allzu viel Schnuckeliges auf dem Eiland.

Sie müssen schon ein wenig nach den verborgenen Schönheiten und den Resten von Gestern suchen. Na ja, die Urlauber von Heute haben ja auch meist anderes im Sinn, als die Badegäste von damals.

 

Wenn er sich in der letzten Zeit der Küste nähert, ertappt er sich manchmal dabei, dass er von Weitem schon sehnsüchtig zum Horizont schaut, ob nicht die schwarze Rauchfahne des Dampfers zu sehen ist. In diesen Momenten denkt er dann bei sich: ‚Jetzt geht es aber los mit dir.’

 

Das gleiche denkt er heute Morgen auch, denn sein Kopf fühlt sich so ein bißchen wie knotige Watte an, als wenn er sich dem Wolkenbild am Himmel angepasst hat. Die eiskalte Dusche nach dem Aufstehen hat da auch nicht viel geholfen.

Er läßt die Scheibe in der Fahrertür nach unten surren, um den kalten Fahrtwind im Gesicht zu spüren. „Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, als das Glas in der Versenkung, und die Hitze aus seinem Gesicht verschwindet.

Er möchte sich für die nächsten Stunden am liebsten auch so unsichtbar machen können wie die Türscheibe, um sich von den Anstrengungen der letzten Nacht zu erholen. Er ist ja schließlich kein junger Hüpfer mehr, der, ohne irgendwann schlapp zu machen, nächtelang durch die Betten springen kann.

Das unsichtbar machen, das kann er sich aber für Heute abschminken. Auf Heyersand wartet eine ganze Küchenbrigade schon sehnlich auf ihn.

 

Warum mußte er auch gestern Abend noch in Schröders ‚Gute Stube’ reinschauen, anstatt sich, nach dem kleinen Imbiß in der türkischen Döner-bude, gleich aufs Ohr zu hauen.

Er wußte doch schon vorher, wie es enden würde, wenn er in Patrizias Nähe kam – genauso, wie es immer ausging. Sie fielen übereinander her wie zwei ausgehungerte Tiere über eine fette Beute. Es aber auch jedesmal höllisch himmlisch, einen Vulkan wie Trizi zum kochen zu bringen, um dann auf der glühenden Lava zu tanzen.

 

Stets war er dann der letzte Gast am Tresen, bevor er sich mit der Wirtin für den Rest der Nacht in ein reserviertes Pensionszimmer im Erdgeschoß des Hauses zurückzog.

Ihre privaten Räume auf der zweiten Etage des alten Landgasthofes waren für ihre jeweiligen Tröster schon seit längerem tabu.

Ihr Mann Gerriet hat sie da einmal richtig in die Bredouille gebracht, als er eines Abends überraschend nach Hause gekommen war.

Die Englandfähre, auf der er als Zahlmeister seinen Dienst versah, hatte am Abend wegen eines Ruderschadens das holländische Eemshaven anlaufen müssen. Deshalb entschloss er sich kurzerhand, die Nacht der Zwangspause nicht langweilig einsam in seiner Koje an Bord, sondern lieber kurzweilig zweisam im heimischen Ehebett zu verbringen. Er war mit einem kleinen Flieger schnell über den Dollart hinweg nach Hause gehüpft.

Patrizia hatte es schon als ein wenig unverschämt von ihm empfunden, so unversehens und ohne sich vorher anzumelden bei ihr aufzutauchen. Wäre ihrem Angetrauten das zur Gewohnheit geworden – an die Folgen hatte sie damals gar nicht denken mögen. Sie hätte sich dann ja reinweg überhaupt kein kleines Nebenbeivergnügen mehr gönnen können.

Wenn ihr damaliges ‚Verhältnis’ nicht so sportlich gewesen wäre – ihr läuft noch stets ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn sie bloß mit einer Silbe daran denkt. © ee

 

 

Zusammenhängend Heyersand 1 und 2

dann  hier zu finden  : Schreibwerkstatt

 

mit vielen weiteren Erzählungen .

 

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