Heyersand IX

Heyersand IX

Auf der Höhe der ‚Südergast’ drosselt Hein Briester von der Brücke aus den Antrieb. Er erkundigt sich nach der Lage an Bord der Südergast und verständigt sich mit seinem Kollegen auf dem Schwesterschiff dahingehend, daß er nach dem absetzen der Passagiere und nach löschen der Ladung sofort wieder von der Insel zurückkehrt, um die Fahrgäste zu übernehmen. Es sind zwar zwei Bergungsschlepper im Anmarsch, um die Fähre bei auflaufendem Wasser wieder flott zu machen, aber das wird ja noch Stunden dauern. Die Reederei hat außerdem für das Abbergen der Passagiere und der Ladung vorsorglich einen Schlickrutscher von Greetsiel aus auf den Weg gebracht.

Der Verantwortliche auf der ‚Südergast’ hat in diesem Schlamassel aber nicht seinen Humor verloren, denn die Fahrgäste spielen auf dem festsitzenden Schiff derweil ‚hasch mich, ich bin der Frühling’.

Zwei von seinen Fahrgästen hätten allerdings vorsorglich ihren letzten Willen verfasst und von ihm besiegeln lassen, wie er Hein Briester zum Abschied noch wissen läßt.

Hein Briester läßt die Leute auf der „Südergast“ sich auf ihre Art die Aufregung und die Langeweile vertreiben, und rauscht derweil mit ‚volle Kraft voraus’ der Insel entgegen.

Ein wenig Zeit holt er damit zwar wieder auf, aber trotzdem dauert die Überfahrt wegen des extremen Niedrigwassers gut zwanzig Minuten länger als es normalerweise der Fall ist. Jürgen Köhnen in seinem Salonsessel unten im A-Deck ist es nur recht. Kann er dadurch doch noch ein wenig länger den schönen Dingen des Lebens hinterherträumen.

 

In Windeseile haben die Leute am Anleger der Insel das Schiff verlassen. Plötzlich hat es jeder eilig. Auf Jürgen Köhnen und sein Gepäck wartet auf dem Hafenplatz schon seit dem frühen Morgen ein reichlich genervter Hotelbediensteter.

In seiner bunten Uniform tigert er wie ein unruhiger Löwe im Käfig um seinen vergitterten Elektrokarren herum. Alle paar Minuten scheppert es nämlich in seiner Brusttasche. Der wütende Oberkoch aus der Hotelküche will dann jedesmal wissen, ob der verdammte Kahn mit dem Küchenklempner denn endlich in Sicht ist. Nach dem zehnten Mal fragen hat der bereits angejahrte Hoteldiener den aufdringlichen Knochen von Mobiltelefon mit einem kräftigen Schwung in das Hafenbecken befördert. Vom Hafengrund können jetzt die Plattfische dem Küchenchef Auskunft geben.

Die Stimmung in der Hotelküche ist, genau wie das Handy des Gepäckboys, irgendwo ganz unten gelandet. Es brodelt an der Front. Allzuviel darf nun nicht mehr schief gehen, damit der Kessel nicht doch noch platzt.

Bevor Jürgen Köhnen von Bord geht, reicht ihm der Stuart noch einen beschriebenen Zettel. Die Mitteilung darauf ist vom Käpten. Hein Briester lädt ihn für den Abend zu einem Gespräch in den ‚Lachenden Seehund’ ein. Die kleine Hafenkneipe am Ende der Pier hat den Wandel der Zeit überdauert. Sogar der Name ist unverändert geblieben.

 

Mit wehenden Fahnen geht’s nun erstmal in fliegender Hast zum ‚Phänomen’. ‚Phänomen – Ort der Stille’ heißt sinnigerweise das Hotel mit der nun schweigenden Küche und dem laut brodelnden Küchenchef. Das laute Brodeln ist beim Chefkoch allerdings die Ausnahme. Der Gute ist sonst die Ruhe selbst, der eigentlich nur auf Kälte empfindlich reagiert.

Die Vorstellung, den feinen Gästen des noblen Hauses am Mittag nur kalte Speisen anbieten zu können, hat ihn allerdings dem Siedepunkt sehr nahe gebracht. Die Küchenbrigade geht ihm deshalb seit Stunden respektvoll aus dem Weg.

Jürgen Köhnen gelingt es beim eintreten in die Küche allerdings nicht mehr, einem durch die frostige Luft fliegenden Päckchen Quark aus dem Wege zu gehen, das eigentlich dem Frühstückskellner zugedacht ist, der zum dritten Mal an diesem Morgen an der Küchenklappe laut und fröhlich gut durchgebratene Spiegeleier bestellt. Der Schichtkäse landet schwungvoll am falschen Kinn.

Jürgen rettet die Situation, indem er seinem lauten „Moin mitnanner“ ein unbekümmertes: „eine Quarkspeise wollt’ ich mir sowieso grad bestellen“ folgen läßt.

Durch das herzhafte Gelächter, das seine Reaktion bei der Mannschaft auslöst, hat sich im Nullkommanichts die gewittrige Atmosphäre aus der Küche verzogen.

Stattdessen ziehen nach nicht einmal dreißig Minuten schon die ersten Kochschwaden in Richtung Dunstabzug. Mit ihnen verschwinden auch die letzten Sorgenfalten, aus dem Gesicht des schon wieder lachenden Küchenchefs, in den Filteranlagen über den Herden. Ganz gegen das Reglement spendiert der sogar für jeden in der Küche ein kleines Gläschen Schampus.

Als Zugabe, und als kleine Erinnerung an diesen verworrenen Morgen, erhalten die Kochkünstler von Jürgen Köhnen noch ein, wieder völlig neu in das Sortiment der Firma Kochtopf & Co aufgenommenes, Küchengerät – einen handgeschnitzten hölzernen Kochlöffel. Nach gründlicher Überprüfung aller anderen Funktionen der Kochmaschinen dieser Essensschmiede verabschiedet sich Jürgen Köhnen aus dem ‚Phänomen’, das nun wieder als ‚Ort der Stille’ lautstark für seine warme Küche werben kann.

Nach einem guten Essen bei einem alten Freund nutzt er den Nachmittag für einige in Kürze sowieso fällig werdende Routineüberprüfungen anderer Inselküchen. Dadurch weist sein Arbeitsbericht für die Firma keine Lücken auf, wenn er für die Rückfahrt erst das Schiff am nächsten Morgen nimmt.

Den privaten Abend mit Hein Briester im ‚Lachenden Seehund’ will er sich nämlich nicht entgehen lassen.

Vielleicht ist es auch so, daß er endlich die Mauer zwischen sich und ‚Hein duk di’ einreißen möchte, die er in seiner Jugend als halbfertiger Erwachsener bedenkenlos mit errichtet hatte. Er hadert ein wenig mit sich, daß der Anstoß dazu nun von Hein Briester ausgegangen ist.

 

Dieses ‚mit sich hadern’ treibt ihn am späten Nachmittag scheinbar ziellos über die Insel. Er sucht die Orte und Plätze auf, die für ihn besonders stark mit seinen Erinnerungen verbunden sind. Er umkreist ein paar Mal den Zeltplatz am Rande des Argonnerwäldchens. Von dem Zeltplatz, so wie er ihn aus seiner Jugend kennt, ist fast nichts geblieben.

Die Anlage hat sich zum modernen Campingplatz gemausert, auf dem der Rastende alles das wiederfindet, vor dem er von zuhause vielleicht gerade Reißaus genommen hat. Versteh noch einer die Menschen. Lagerfeuerromantik und Petroleumlicht ist nicht mehr. Zelte sieht er auch nur noch wenige. Das Areal ist mit Mobilheimen bestückt, in die sich die Gäste einmieten können. Überall blinkern und blenkern bunte Lichterketten zwischen den Wohnwagen, und moderne Grillgeräte verbreiten exotische Gerüche in der Abendluft. Bläuliches flimmern aus den Fensteröffnungen der blechernen Wohnkisten zeigt, daß die Fernseher drinnen laufen.

Überlautes Gedudel aus Musikmaschinen kräuselt sich in seinen Ohren. Er schüttelt sich unwillig, als ob sich das Bild dadurch wandeln würde.

Etwas abseits der Freizeiteinrichtung läßt ihn der Anblick einer kleinen, von niederen Sanddornbüschen umstandenen Mulde den Schritt verhalten. In der Rinde einer alten Kiefer ist noch schwach, ganz groß und verwachsen, ein Herz mit einem Pfeil und den Buchstaben A + J zu erkennen. Unversehens sitzt er im Sand, und meint Anita neben sich zu fühlen. Er kann sogar ihren Duft riechen.

Es ist genau wie damals – vor vierzig Jahren.

Er hat den Platz wiedergefunden, an dem sie beide ihre Jungfräulichkeit’ verloren.© ee 

Über https://christinvonmargenburg.wordpress.com/https://christinvonmargenburg.wordpress.com/"In einem Augenblick gewährt die Liebe, was Mühen kaum in langer Zeit erreicht." Johann Wolfgang von Goethe

2 Gedanken zu “Heyersand IX

    • du musst bloss die türe vom kühlschrank weit auf lassen
      dann gehts schon
      hier zeigt das thermometer 40 grad an
      nur in der wohnung ist es kühler
      einen lieben gruss
      christin

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.