Heyersand X

Heyersand X

 

„Hallo, junger Mann … hallo …!“

Jürgen scheint ganz weit weg zu sein, denn erst beim zweiten Mal reagiert er auf den Ruf der Gestalt in der schlichten Uniform.

„Haben Sie die Schilder nicht gesehen? In den geschützten Gebieten dürfen Sie die Wege …..“

Der Sprecher bricht mitten im Satz ab und steht mit offenem Munde wie ein arabischer Ölgötze auf dem Rand der Senke.

„Mensch …. Jürgen …..Jürgen, Du altes Haus“, bringt er endlich heraus. „Ich bin es … Robby!“

Jürgen, der sich, knatschig über die Störung, unwillig schon halb erhoben hatte, plumpst rückwärts wieder in den Sand, und schaut verstört hoch

Er hätte in diesem Brocken von Kerl seinen Freund aus Jugendtagen niemals wiedererkannt. Zumal der Vollbart und die ungewöhnliche Bekleidung dazu beitragen, den Mann, der jetzt zu ihm in die Kuhle steigt, für einen völlig Fremden zu halten.

Der vor ihm stehende Klotz zieht ihn mit einer Hand in den Stand, um ihn gleich darauf mit der Kraft eines Schraubstockes zu umarmen.

„Mensch Junge … ist das eine Freude, Dich hier  wiederzusehen.“

Jürgen fühlt an seiner Wange so ein bisschen den Bart des Freundes feucht werden.

Als Robby Jürgen loslässt, wischt er sich ungeniert mit der Hand über die Augen.

„Du weißt ja, in manchen Dingen war ich schon immer eine Heulsuse.“

So wie Robby es sagt, klingt es nicht nach einer Entschuldigung für seine Tränen. Es ist einfach die Feststellung einer Tatsache.

Er braucht sich auch nicht zu rechtfertigen – Jürgen spürt nämlich in den Augenwinkeln, daß es ihm selber nicht anders ergeht.

Mit hängenden Armen stehen die beiden Männer sich ein paar Minuten schweigend gegenüber, als ob sie alleine auf der Welt wären, und die Jahre zwischen Damals und Heute einfach aus der Zeit geschnitten sind.

Als die beiden ihre Gefühle wieder eingefangen haben, und den Weg in Richtung Ortsmitte einschlagen, geht es natürlich los mit dem erzählen der jeweiligen Geschichte.

Robby ist damals nach anfänglichen Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zwischen den finnischen Seen ganz schnell mehr als heimisch geworden.

War ihm die Einsamkeit in den nordischen Weiten zuerst auch etwas zu groß geraten, dem Gefühl von Alleinsein wuchsen denn doch keine allzu mächtigen Flügel.

Das grau in graue Häuserdickicht und die Trümmerfelder seiner Heimatstadt hatte er schnell vergessen.

Dem Klapperstorch hatte es bei seinem ersten Besuch nämlich so gut bei ihnen gefallen, daß er noch siebenmal in Folge, auf seinem Zug ins Winterquartier, bei ihnen halt machte, um ein neues Kind abzuliefern. Seine Körty hat ihm nach dem ersten noch sieben Mal weiteren Familienzuwachs geschenkt. Da war ganz schnell nix mehr mit zu wenig Gesellschaft.

„Körty hat anfangs immer nur von einem Kind gesprochen, aber als unser Inselkind da war, hat sie schon auf die nächste Geburt hingefiebert. Das Kinderkriegen ist dann bei ihr zu einer liebenswerten Gewohnheit geworden.“

Robby ist beim denken an die vielen Kleinen rein ins Schwärmen geraten.

Als wenn er Jürgen gegenüber einen Verdacht ausräumen muß, sagt er mit einem verschwörerischen Blitzen in den Augen:

„Mir selbst hat aber auch nicht nur die Machart Freude bereitet – die fertigen Produkte erfreuen mich heut noch ebenso.“

Irgendwie fühlen sich die beiden in ihre Jugendzeit zurückversetzt.

Mittlerweile hat sich Robbys und Körtys Nachwuchs über das weite Finnland ausgebreitet, und schon zwanzig Enkel für die Großfamilie hinzuproduziert.

Das Land und seine Bewohner scheinen sehr fruchtbar zu sein

 

Die Landwirtschaft der Großeltern haben Körty und Robby nach deren Tod aufgegeben. Wo der Großvater einst ackerte hat heute die Natur wieder das Sagen.

Die ertragreiche Fischerei hat sich dagegen im Laufe der Jahre gemausert. Robbys exzellente Kenntnisse in Biologie, die ihn schon auf der Oberschule auszeichneten, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen. Robby hatte von jeher goldene Hände im Umgang mit allem, was mit Leben und Natur zusammenhing. Da brauchte die große Kinderschar denn auch niemanden verwundern.

Drei seiner Söhne führen jetzt gemeinsam das Regiment über die ausgedehnten Edelfischzüchtereien, die aus Körtys großelterlichem Betrieb hervorgegangen sind.

„Nachdem ich nicht mehr jeden Tag in allen Ecken nach dem Rechten sehen muß, haben wir uns einen Traum erfüllt – nämlich die Rückkehr an den Ursprung unserer Liebe.“

Ein paar Atemzüge lang schweigt der große Kerl an Jürgens Seite.

„Um ehrlich zu sein – unsere älteste Tochter hat uns so ein bißchen dazu getrieben. Sie wollte den Platz kennenlernen, an dem ihre Eltern sie gezeugt haben. Körty und sie haben, ohne mich zu fragen, einfach alles in die Wege geleitet. “

Er kann sich nicht enthalten, hinterher zu schieben:

„Sie haben es aber gut gemacht“.

Robby hat mitbekommen, daß Jürgen ihn schon ein paarmal von der Seite her aufmerksam musterte. Was Wunder aber auch – Urlauber sind in der Regel anders gekleidet.

„Stört Dich etwas an meiner Aufmachung?“

schmunzelt er zu seinem Freund hinüber.

„Nein, nein … nur … Du siehst so… so amtlich aus …“ Jürgen fühlt sich ertappt, und weiß nicht so recht, wie er sich ausdrücken soll.

„Na, auf jeden Fall siehst Du nicht aus wie ein gewöhnlicher Kurgast, oder ein verspäteter Flitterwöchner.“

Robby lacht laut auf.

„Ich trage meine finnische Uniform. Das ist bei uns die Dienstkleidung der ehrenamtlichen Ranger, zu denen ich gehöre.“

Er erwähnt mit keinem Wort, daß er der Kommodore aller finnischen Ranger ist, und daß sie hier im offiziellen Gästehaus der Kurverwaltung logieren. Angeberei kann er nämlich auch heute noch nicht leiden.

 Es hat sich überraschend so ergeben, daß ich meine Erfahrungen von Zuhause hier einbringen darf.“

Wie selbstverständlich kommt ihm dieses ‚von Zuhause’ über die Lippen.

Jürgen Köhnen registriert im Moment nicht so recht, was sein Freund ihm erzählt.

Seine Gedanken schweifen immer wieder ab, und eilen in den Abend voraus. Das Treffen mit Hein Briester im ‚lachenden Seehund’ beschäftigt ihn unaufhörlich.

Durch die überraschende Frage seines Freundes nach Anita, und seine Äußerung,

„ich habe die ganzen Jahre angenommen, ihr beide seid glücklich verheiratet“,

ist der Gedankenwirrwarr in seinem Kopf nur noch größer geworden.

„Nee … sind wir nicht … konnten wir ja nicht … sie war ja dann nicht mehr da… aber wieso hast Du das geglaubt?“

Jürgen Köhnen stammelt wie ein ertappter Sünder herum, und fühlt sich unversehens in ein dichtes Nebelfeld versetzt.© ee 

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