ein wundersamer Richter.

Der 27. November 2014 – ein vertaner Tag …

und ein wundersamer Richter.

 

Bild von b0red auf Pixabay

Eine Berufungsverhandlung vor dem Bremer Landgericht.

 

G estern war für mich wiedereinmal solch ein Tag, den ich am Abend am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte. Wer kennt es nicht, dieses gefühlte Erleben der nutzlosen Verschwendung kostbaren Lebensvolumens.

Es war ein Tag auf der Beobachterbank in einem kaufherrenzeitlichen hanseatischen Gerichtshaus. Ein über dem Eingangsportal in Gold geletterter Schriftzug „Gerichtshaus“ empfing mich denn auch in der diesigen Kühle des novembrigen norddeutschen Innenstadtmorgens, als ich die Stufen zum Palast der bremischen Justitia erklomm.

„Bremische Justitia“ deswegen, weil laut Bekunden des wackeren Vorsitzenden Richters der 51. Strafkammer die stadtbremischen Justiz- bzw. Ordnungsgesetze gegenüber den gesamtföderalen Bundesgesetzen mit einigen Besonderheiten, um nicht zu sagen Merkwürdigkeiten, ausgestattet seien.

Der Vorsitzende Richter meinte sogar, den Angeklagten (einen niedersächsischen Polizeiamtsrat a. D.) dahingehend belehren zu müssen, dass Polizisten am Ort des Geschehen immer „Herr des selbigen“ seien und anordnen bzw. machen könnten was sie wollten – der beteiligte Bürger hätte sich immer dem zu fügen und unterzuordnen.

Eventuelle Unrechts- oder Gesetzwidrigkeiten in den Handlungen und Anordnungen der Staatsdiener wären stets NUR im nachhinein zu betrachten bzw. zu bewerten oder mit Beschwerde zu belegen.

Prima, habe ich da nur gedacht – wenn ich nun durch eine solche „unrechte oder gesetzwidrige Handlung“ eines Ordnungshüters mein Leben verlieren würde, dann hätte ich danach theoretisch zumindest noch die Möglichkeit, mich bei der landesbremischen Justitia zu beschweren.

Äußerst generös geregelt das Ganze.

Sieben lange Stunden wurde nun im Gerichtssaale mit Worten gefochten, die mal scharfes Florett und auch wohl mal rustikales Schwert waren – abgelöst von Wortstrecken in denen von einzelnen Beteiligten nur leeres Stroh gedroschen wurde. Auffallend war der mehrmalige Hinweis des Saalherren von hinter der Galerie, an die als Zeugen vernommenen Polizeibeamten, daß sie bestimmte dezidierte Fragen des Angeklagten an sie nicht zu beantworten bräuchten.

Was die Zeugen dann auch tunlichst nicht taten. DAS hätte ich an deren Stelle denn auch gemacht.

So ganz geheuer oder gesetzeskonform erschienen die „Regieanweisungen“ von oberhalb der Richtergalerie dem Angeklagten auf seinem Armesünderbänkchen offenbar auch nicht, denn warum sonst hätte er sich – wie geschehen – beim Vorsitzenden Richter für dessen emsiges Bemühen, den als Zeugen auftretetenden Polizeibeamten die von ihm offenbar gewünschten Antworten in den Mund zu legen, in humoriger Weise bedankten sollen.

 

Während der, sich über weite Strecken wie Kaugummi hinziehenden, langen Verhandlungsrunden habe ich mich wiederholt gefragt, welche Funktion ´die den Vorsitzenden Richter flankierenden und permanent schweigenden Randfiguren hinter der Galerie wohl haben.

Ich weiß, daß sie als Vertreter der Staatsanwaltschaft respektive als Schöffen bezeichnet werden, natürlich. Doch drängte sich mir in langen Abschnitten des Geschehen ob des wort- und reglosen Dahockens der Eindruck auf, es mit Marionetten zu tun zu haben. Nach Einvernahme des letzten Zeugen zog sich das Gericht zur Urteilsberatung und -findung zurück.

Die Anmerkung des Richters: „Um fünf vor halb fünf ist die Urteilsverkündung“ gewährte den Personen im Saale von vor der Galerie exakt 13 Minuten Zeit um sich die Beine zu vertreten oder sich irgendwie zu erleichtern. Wie gesagt 13 Minuten.

Punkt 5 min vor halb 5 ertönte aus des Richters Munde die Verkündung des Urteil, das da lautete:

Die Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichtes Bremen vom soundsovielten in der Strafsache so und so wird abgewiesen.“

Das war kurz, korrekt und präzise ausgedrückt.

Doch dann folgte aus des Richters Munde bis Schlag 17 Uhr als Monolog eine 34 Minuten währende Urteilsbegründung .

Und da habe ich mich gefragt, wie ein Richter – und mag er noch so wacker sein – es in nur 13 Minuten Zeit zuwege bringt, mit den beteiligten Schöffen eine 7 Stunden dauernde Verhandlung in der Sache zu bewerten – zu einem einvernehmlichen Urteil zu gelangen UND eine 34 Minuten Vorlesezeit währende Urteilsbegründung zu verfassen.

Das hat bei mir die Ehrfurcht vor einem wundersamen Richter hervorgerufen.

Oder war es doch ganz anders, und Richter Alleingang hatte diese „Urteilsbegründung“ schon fertigverfasst in der Lade liegen?

Irgendwie überkamen mich dabei Erinnerungen an Roland Freisler und den Deutschen Volksgerichtshof.© ee

 

ewaldeden-2014-11-28

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Ein Gedanke zu “ein wundersamer Richter.

  1. Sehr gut geschrieben. So kommt es mir auch immer mehr vor. Wenn ich dann auch noch höchstpersönlich Erfahrungen ähnlicher Art machen darf, und dann auch noch „Recht und Gesetz“ schweigen, erinnert es verdächtig an vergangene, unrühmlich deutsche Zeiten.
    Beste Wünsche zum Wochenende! Liebe Grüße, Michael.

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