Auszug aus: „Verwehte Zeit …“

Auszug aus:

„Verwehte Zeit …“

Völlig anders ging es dagegen August Hopf als der Nachfolgeklassenlehrer an. Seine Art mit den ihm anvertrauten Heranwachsenden (denn irgendwie waren wir das ja, auch wenn wir noch halbe Kinder waren) umzugehen, war genau das Gegenteil von dem, was unser alter Halbgott Loki über die Jahre praktiziert hatte. Loki wollte uns mit Druck und Drang am liebsten alles Wissen der Welt eintrichtern, und schaffte es nicht, dafür die passenden Einlässe zu finden – August Hopf betrachtete uns als trockene Schwämme, wie er es einmal nannte, die man nur in ein Meer von Wissen tauchen müsse – vollsaugen täten sie sich dann von ganz alleine.

Wir waren bis zuletzt der festen Überzeugung, den guten Schulmeister in der Hand zu haben, und ihn nach unseren eigenen Vorstellungen beliebig manipulieren zu können. Wir meinten doch tatsächlich, zu bestimmen wo es im Schulunterricht längs ging. In Wahrheit aber waren WIR wie Wachs in seinen Händen. Wenn wir zum Beispiel meinten, ihn mit einer List unsererseits von einer Abfrage unseres Kenntnisstandes auf einem von uns nicht so sehr geschätzten Wissensgebiet abgehalten zu haben, hatte er die Zeit unseres Triumphes genutzt, um unsere Kinderhirne auf seine Art mit all dem zu füllen, was uns später einmal zu intakten Gliedern der menschlichen Gesellschaft werden lassen sollte. August Hopf war ein Schulmeister, ein Pädagoge und Lehrer, wie ich ihn allen Kindern dieser Welt wünsche.

Sein Platz im Klassenzimmer war nicht das Katheder, das erhöhte Lehrerpult – sein Platz war stets die erste Bank in der mittleren Reihe inmitten seiner Schüler. Da saß er, zumeist mit dem Hintern auf der Tischplatte und den rechten Fuß auf die Sitzfläche gestellt, uns alle überblickend.

Zwischen den Fingern seiner Linken rotierte der einmeterfünfzig lange Zeige- oder Rohrstock wie ein rotierender Propeller. Gerade diese Fähigkeit war es, die uns an ihm immer wieder aufs Neue faszinierte und an ihn fesselte. Hatte er doch im Kriegsafrika infolge eines tragischen Missgeschicks durch eine Panzerkette die vorderen Fingerglieder seiner linken Hand verloren. Apropos Afrika – wenn wir das Thema „schwarzer Kontinent“ durch irgendeine Bemerkung oder eine Zwischenfrage ins Spiel brachten, war jede Gefahr eines unliebsamen Unterrichtsthemas für die nächste Stunde gebannt, denn Lehrer August konnte unerschöpflich von seinen Erlebnissen, von seinem Erleben erzählen. Unter General Erwin Rommel hatte er – im „Afrika-Corps“ in den nordafrikanischen Wüstengebieten – als dessen ‘Erster Stabsoffizier’ gedient.

Wir erwähnten „Afrika“ sehr oft, denn es war ein unerschöpflich großes Thema, der Größe und der Bedeutung des Kontinents angepasst – und es gab ja auch eine Reihe unliebsamer Unterrichtsstoffe in unserer Beliebtheitsskala schulischer Notwendigkeiten.

August Hopf hat neben allen seinem anderen Wohltun noch etwas Großartiges getan – er hat nicht, wie andere Pädagogen es gemacht haben, die Landkarte der deutschen Geschichte für die Jahre von 1933 bis 1945 mit einem weißen Fleck versehen. Die meisten unserer Eltern haben es durch ihr Schweigen übrigens nicht anders, nicht besser gemacht, als es die schulischen Weißfärber taten. Dieser grandiose Schulmeister hat uns dieses Stück von ihm miterlebter Geschichte so plastisch nahegebracht, dass wir oft das Gefühl hatten, selber mittendrin gewesen zu sein.

Nicht dass jetzt gleich jemand laut aufschreit „Naziunterricht“ … DAS war es beileibe nicht, denn wenn ich mich so zurückerinnere – wenn nur die Hälfte aller deutschen Wehrmachtsoffiziere – oder auch der deutschen Schwer-Industriellen – so unverblendet und kritisch gewesen wären, der Massenbeschwörer aus Braunau hätte nur halb soviel Unheil anrichten können – obwohl das sicherlich auch noch in der Gänze zu viel gewesen wäre. Auf jeden Fall hat er uns nicht den Blick auf die gerade überstandenen zwölf Blutjahre verwehrt.

Ich muß über diesen Abschnitt Zeit noch einige Worte hier fallen lassen. Es treibt mich einfach um.

Ein erheblicher Teil der Bevölkerung waren keine überzeugten Nationalsozialisten, waren keine Nazis – überzeugte Nationalisten trifft es da schon eher. Wie groß nun welcher Teil war, darüber vermag ich nicht zu spekulieren. An dem Thema haben andere sich schon oft genug vergeblich versucht. Das aber der Teil der deutschen Bevölkerung, der von Nichts eine Ahnung gehabt haben will, so groß war, wie es nach dem Zusammenbruch 1945 immer wieder zu hören war, das hat mir zu keiner Zeit jemand weismachen können. Wenn mir irgendwer von jenen aus der Zeit auch heute noch sagt, ich habe nichts davon mitbekommen, dem kann ich auch jetzt noch immer nur wieder entgegenhalten, doch einmal Mut zu beweisen, zumal diese Art von Mut heute keinem mehr schaden würde. Natürlich kann nicht jeder alles gewusst haben – dafür waren die Kommunikationsmöglichkeiten damals zu sehr gestern. Sagt doch einfach mal, dass ihr Angst hattet, Angst um euer und Angst um das Leben eurer Familien. Sagt doch einfach, dass ihr euch gefürchtet habt, vor den Verbrechern aus dem eigenen Volk, und dass ihr deshalb geschwiegen habt. Das, so denke ich, würde in aller Welt auf Verstehen treffen und den Boden für ein besseres Miteinander bereiten.

DAS wäre die Vorsorge, so etwas nicht so schnell wieder geschehen zu lassen. Meine Mutter, als unpolitische Frau, hat so viel gesehen und miterlebt, dass sie heute noch oft verstummt, wenn sie davon berichtet. Selbst in unserem kleinen örtlich begrenzten Raum in Voslapp war an Charakteren und Machenschaften alles vorhanden.

Am schlimmsten waren die Parteigenossen, die an der sog. Heimatfront kämpften, die dann zuhause stets aufs Neue die eigenen Leute in Angst und Schrecken versetzten. Einige ganz ausgefallene Exemplare gab es darunter. Die Spitze machte der NSDAP Kreisleiter Plenter, der in 1945 von einem alliierten Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. 1955 nach Hause entlassen, spielte er im öffentlichen Leben der Gemeinde ersichtlich keine Rolle mehr. Einige andere Glanzlichter in der Parteienhierarchie möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Da wäre zuvorderst der Ortsgruppenleiter der NSDAP R. Klees zu nennen. Im beruflichen Leben Kriminaler. Einer seiner öffentlichen Auftritte ist es wert, hier seinen Niederschlag zu finden. Ein Teil der Voslapper Frauen waren mitsamt ihrer Kinder im 44er Kriegsjahr aus der unmittelbaren Frontlinie, als die Wilhelmshaven ja galt, in weniger gefährdete dahinterliegende bäuerliche Landstriche evakuiert worden.

Willkommen waren sie als Hungerleider, wie ein Ortsbauernführer es einmal nannte, in keinem Ort des norddeutschen Plattlandes. Zumal die meisten von ihnen ja auch noch aus den Ostfriesen fernen und fremden Stammesgebieten stammten. Fremdes Volk hatte man allenfalls während der Hochzeit des braunen Wahnsinns als Arbeitstiere willkommengeheißen wäre übertrieben gesagt – geduldet, ausgebeutet, misshandelt und missbraucht, das beschreibt es treffender. Wohlgemerkt, NICHT in allen Bauernschaften war es so – aber in erschreckend vielen bäuerlichen Betrieben und Familien wurden die sog. „Fremdarbeiter“ als, na wie eben dem offiziellen Sprachduktus entsprechend – als Untermenschen behandelt. Wobei die deportierten, aus ihrer Heimat zwangsentführten Mädchen und Frauen oft genug herhalten mussten, um die Schwanzläufigkeit des Hofherrn zu befriedigen. Dazu waren sie den Rassenfanatikern dann doch gut genug. Wobei dann oftmals die biologischen Folgen dieser Vergewaltigungen auf grausamste Weise getötet, ermordet wurden.

Aber zurück zu den aus der Schusslinie gebrachten Frontgebietseinwohnern. Die Mütter brachten ja ausser der Angst vor Fliegerangriffen und hungrige Kinder nichts mit als wertlose Lebensmittelkarten, mit denen die Bauern allerhöchstens ihre Kuhstallwände hätten behängen können. Viele der Mütter hatten deshalb nach kurzer Zeit des Ausharrens inmitten der Feinde im eigenen Lande, kehrtgemacht und waren an ihre Wohnorte zurückgekehrt. Dort konnten sie wenigstens in den eigenen Betten ruhen oder auch sterben, denn die Schiffsgeschütze der feindlichen Armada belegten auch das Hinterland bis zu 50 Kilometer weit landeinwärts mit ihren Tod und Verderben bringenden Kalibern.

Nur, die Heimkehr in die Wohnorte bzw. in die eigenen Wohnungen war die Zuwiderhandlung gegen einen Führerbefehl und gleichzusetzen mit Desertion, also Fahnenflucht oder gar Sabotage. Die Frauen wussten das, und kehrten trotzdem heim. Der Ortsgruppenleiter K. wusste es auch – und tat es ihnen auf unserem Straßenplatz auch öffentlich kund, nachdem er alle Einwohner zusammenbefohlen hatte, um volksschädlichen „Gerüchten“, nach denen Männer in schwarzen und braunen Uniformen aus den Fenstern der oberen Stockwerke eines Krankenhauses im Ostfriesischen neugeborene Kinder von nichtarischen Müttern mit Hurra auf die Strasse geschmissen hätten, entgegenzutreten, die eine gewisse Frau H. nach ihrer Rückkehr aus einer ostfriesischen Kleinstadt „verbreitet“ hatte.

Diese tapfere Frau hat, trotz der Drohung des K. die Verbreiter solcher Gerüchte künftig eigenhändig am nächsten Laternenpfahl aufzuhängen, die „Gerüchte“ als ihr und ihrer Kinder eigenes Erleben an dem besagten Abend vor aller Ohren dann wiederholt. Wenn der besagte Ortsgruppenführer nicht selber vom geschwind nahenden Ende der braunen Schreckensherrschaft überzeugt gewesen wäre – er hätte seine Drohungen mit dem eigenhändigen Aufhängen unzweifelhaft wahr gemacht.

Einige Monate nach des Krieges Ende bekleidete besagter Richard dann schon wieder die Position eines „Ortsgruppenführers“ – fast übergangslos und völlig reibungslos war er vom NSDAP Ortsgruppenleiter zum Gemeinschaftsleiter des wiedererstandenen Deutschen Siedlerbundes mutiert. Und kein Mensch aus der Siedlung hatte anscheinend etwas dagegen einzuwenden gewagt.

Ein anderes Exemplar der Gattung wandelbarer PG möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, Elektromeister Curt H. aus der Nähe von Pirna

Zugezogener Sachse, erster Einwohner der aus dem Schlick des Baugrodens gestampften Werftarbeitersiedlung Voslapp, Parteigänger der ersten Stunde und als stellvertretender NSDAP Ortsgruppenleiter auch Kämpfer an der Heimatfront. Außerdem ein Maulfechter ersten Ranges und im Nachkriegsdeutschland auch gleich wieder der Stellvertreter des schon erwähnten Gemeinschaftsleiters K. Auch ein in der Farbe des Pelzes gewendeter Wolf.

Elektriker Curt war in 38 dem Werben der Reichsführung erlegen und mit seiner Familie aus den elbsandsteinischen Sachsenbergen in die Kriegshafenstadt gezogen, um dort beim Erstarken der Kampfkraft der Marine zu helfen. Er half dann aber wohl eher beim Unterdrücken der Bevölkerung.

In der Hänsel-Saga gab es noch eine pikante oder doch bemerkenswerte Variante der gesellschaftlichen Querordnung.

Elly, was die Angetraute des Sachsenimportes Curt war, war unter anderem sehr gebärfreudig. Zwei Exemplare des Familiennachwuchses waren schon in der Pirnaer Zeit der jungen Ehe in die Welt gesetzt worden. Fünf weitere wurden dann noch in der salzigen Nordseeluft gezeugt. Gezeugt und teilausgetragen, wohlgemerkt. Das Licht der Welt erblickten sie stets im sächsischen Pirna, damit sie dort die heilige Taufe empfangen konnten.

In Schlicktau, im Bannkreis der parteilichen Amtsmacht des Vaters war das Bekennen zu einer der christlichen Glaubensgemeinschaften in dieser Art schlecht möglich.

Bei den drei letzten Lebendgeburten war das Versteckspiel nicht mehr möglich – sie wurden letztendlich der Jugendweihe anheim gegeben.

Frau Ellys überdimensionierte Brüste zierte übrigens ein wohl ebenso überdimensioniertes goldenes Mutterkreuz der NS-Frauenschaft.

Ebenso groß und mächtig wie ihre Brüste und ihr Hintern war auch ihre Hinterhältigkeit und ihre Rachsucht. Ich hätte damals gerne liebenswertere Sachsen, so wie sie mir immer wieder auf meinem späteren Weg begegnet sind, kennengelernt.

Von den Elbsandsteinkindern scheint sich heute keines mehr an die Zuhause Leidenszeit erinnern zu wollen.

Ich kann viele Bilder der hungersüchtigen Nachkriegstage nicht aus meinem Erinnern tilgen. Eines davon zeigt mir Vater und Mutter Hänsel regelmäßig des Abends in ihrer Wohn-Küche sitzend, die feinsten Delikatessen (soweit sie in den Geschäften am Ort zu kaufen waren) genüsslich in sich reinschaufelnd, während die Kinder oben in nur einer Kammer in den klammen Betten lagen – jedes mit einem harten Kanten Brot in der Faust, der von der fürsorglichen Mutter zuvor mit Spitzbohnenkaffee, dem sog. Muckefuck, angefeuchtet und spärlich mit Zucker überrieselt worden war. Dieses Zurschaustellen von Kindesmissachtung war auch eine Art von Kindesmisshandlung. Sie taten es öffentlich, weil es ja immer für alle Vorübergehenden durch die unverhangenen Fenster sichtbar, geschah – und kein Mensch sagte oder tat etwas dagegen. Auch in der Beziehung hat sich in unserer Gesellschaft nicht sichtbar viel geändert.

Eine Begebenheit in Albert Heerens Laden in der Flutstrasse macht diese elterliche Handlungsweise noch deutlicher. Albert Heeren residierte damals als gerade selbstständiger Kaufmann im ausgebauten Kleinviehstall seines Schwiegervaters Knuth. In diesem beschränkten Geviert gab es praktisch auch alles das käuflich zu erwerben, was für die Menschen damals in Gemischtwarenläden, in Einzelhandelsgeschäften feilgeboten wurde. Bei Heerens gab es in den Anfangsjahren nur keine Frischmilch – so weit war Albert noch nicht konzessioniert worden.

Bedingt oder gefördert durch die wachsende Zahl von Badegästen in unserem Ort, bekam er aber dann aber doch die Berechtigung zum Milchverkauf und somit zog etwas verspätet die ersehnte Milchpumpe als Statussymbol in sein Geschäft ein.

Doch zurück zu Elly und Co. Mutter Hänsel stand mit ihrer Lieblingstochter in der schummrigen Gemüseecke des mit Kunden gefüllten Heerenschen Ladens. Ungeachtet der vielen Nachbarsfrauen und –kinder standen sie da und verzehrten in aller Seelenruhe eine komplette Hand Bananen – so von der Faust weg in den Mund. Es schien sie nicht im Mindesten zu stören, dass jeder, der sie beobachtete wusste, dass ihre anderen Kinder wie Hungerhaken durch die Zeit liefen, als sie mit vollem Munde kundtat, dass sie sich ja sonst nichts gönnen würde.

Den Hänselkindern – den Jüngeren zumindest, weil die Älteren mit Hilfsdiensten in der Nachbarschaft schon weitgehend für sich selber sorgten – konnte man salopp gesagt, das Vaterunser durch die Backen blasen. So hohlwangig kamen sie daher, wenn ihr Nachhauseweg von der Schule sie in aller Regel durch die Küche von Mutter Eden führte, in der es für jeden, der durch sie hindurchzog, immer etwas gegen den Hunger und den Durst gab.

Die einzige Nachbarschaftsverbindung, die Elly und ihr Mann gemeinsam pflegten, war die zu den Wünnenbergs in der Fedderwarderstrasse. Wilhelm W. und Curt H. waren Kumpaneros noch aus ihrer Bonzenzeit bei der NSDAP. Die Ehefrauen trugen sinnigerweise auch noch den gleichen Vornamen, nämlich Elly. Ein unbefangener Beobachter konnte sie ohne weiteres für Zwillingsschwestern halten, wenn er sie bei ihren Hin- und Herwegen gemeinsam die Strasse blockieren sah. Wenn sie nebeneinander liefen, dann nahmen sie in der Tat die ganze Schmalbreite der Strasse ein. Ein Nachbar in der Strasse schätzte die beiden Grazien einmal scherzhaft aber durchaus zutreffend auf 1 Meter 60 nach drei Seiten. Ich hätte zu gerne doch mal nachgemessen. Auf den ausladenden Hinterteilen konnten bei den beiden Frauen gut zwei Kinder Platz finden. Mindestens zehn mal am Tage schuffelte das Gespann bei uns durch die Hohewegstrasse, in jeweils wechselnder Richtung – und jedes Mal war für die Zeit der Passage die schmale Strasse für jeden anderen Verkehr blockiert.

 

Wenn ich mich an so manche Begebenheit aus der frühen Zeit der Verbindung meiner ältesten Schwester Meta mit Siegfried, dem ältesten Hänselsproß, erinnere, dann spüre ich auch heute noch nur Verachtung für diese Frau, für diese Eltern. Meta und Jungsiegfried trugen sich mit Heiratsabsichten, weil sie sich vorzeits schon etwas ‘bestellt hatten’, wie man bei uns in bäuerlicher Gegend zu sagen pflegt, wenn eine Niederkunft ins Haus steht. Meta war im Kindaustragen ja nicht mehr so gänzlich ungeübt – ein ‘Butenbeenskind’, eine uneheliche Geburt, hatte sie ja schon im Alter von 17 Jahren hinter sich gebracht. Es gab da nur ein Problem – beide Eheaspiranten waren noch nicht volljährig. Meine Schwester eh noch nicht, und der werdende Papa war auch noch keine 21.

Das war aber augenscheinlich nicht das größte Problem – die Kacke war richtig am dampfen, weil des Beschälers Eltern nicht an den Bocksprung ihres Sohnes glaubten – oder wohl dran glaubten, es aber nicht gelten lassen wollten, weil Sohnemann sich offensichtlich das falsche Pferd zum Reiten ausgesucht hatte. Zwischen den Familien bestand nun überhaupt keine Annäherungschance. Meine Mutter unterstützte die Brautleute zwar nach Kräften, denn der Braten schmorte ja in der Röhre, und noch ein Butenbeenskind sollte ihre Tochter doch nicht bekommen. DAS störte den Drachen Elly und ihren Bändiger aber nicht im Geringsten – sie ließen es drauf ankommen. Letztendlich erteilte das Vormundschaftsgericht die Eheschließungserlaubnis für die beiden minderjährigen Verlobten, sodass es am 28. September 1954 doch noch mit der Heiraterei klappte, und KEIN zweites uneheliches Kind das Licht der Welt erblicken mußte.

Heute schon können das vielleicht nur noch wenige und später wohl niemand mehr verstehen, aber unehelich geborene Kinder waren für die Mädchen und Frauen durch die Zeit ein ewiger Makel, der sie „entwertete“. Wohl gemerkt traf der Bannstrahl der Moral NUR die Mütter – die Väter, die es ja natürlicherweise auch gab, die brauchten da keine Ächtung der Gesellschaft zu fürchten. Deren Samen konnte so häufig und wann immer es möglich war auf fruchtbaren un- oder außerehelichen Boden fallen. Es schaute sie NIEMAND deswegen auch nur im Mindesten schräg an.

Bis zur Entscheidung des Vormundschaftsrichters pro Hochzeit musste jung Siegfried des Abends um 22 Uhr zuhause sein – SO wollten es seine Eltern. Ansonsten blieb die Türe verschlossen, und der arme Kerl konnte sehen, wo er die Nacht dann verbrachte. Meist war es die Werkstatt von E-Meister Curt, in der Siegfried ja auch einen Teil seiner Lehrzeit zugebracht hatte. Die Werkbank kannte er also, und erfuhr auf diese Weise, dass man auf Werkbänken auch schlafen kann. Eine solche Erfahrung haben sich in den ersten Jahren nach dem Kriege übrigens viele junge Männer auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft in ganz Deutschland sozusagen „erschlafen“.

Eines Abends – er kam von seiner Arbeitsstelle nach Feierabend stets erst zu uns nach Hause – auch wohl wegen der doppelten „Befriedigung“. Zum einen gab es bei uns ständig genügend Nahrung für den „Bauch“, und zum anderen fand sich garantiert immer ausreichend und toll Amüsement für den „Schlauch“. Jung Siegfried ließ sich auch gerne von meiner Schwester führen, in seinem Sinnen sie zu verführen. Kleinen, wissbegierigen Brüdern kann man ja so leicht nüscht verheimlichen.

Eines Abends hatte er sich entweder nicht früh genug von den Fleischtöpfen seiner Schwiegermama in spe, oder aber von der fleischlichen Versuchung seiner geliebten Zukünftigen trennen können – jedenfalls zeigte die Klock, die Uhr, zwei Minuten nach Zapfenstreich, als er vor der elterlichen Türe stand und nicht eingelassen wurde. Auch das Notquartier väterliche Werkstatt war ihm an diesem Abend verwehrt, weil die Tür zu der Kaschemme verschlossen – was sonst nie der Fall war. Seine Mutter Elly wollte provozieren, warum sonst hätte sie ihn aus dem Oberfenster heraus auffordern sollen, wieder dahin zu gehen, wo er sich die ganzen Abende herumtreiben würde.

Er tat es, und fand nach längerem Umherirren für den Rest der Nacht ein Lager im Zimmer eines meiner älteren Brüder, den er durch Steinwürfe ans Fenster aus dem Schlaf geweckt hatte. Meine Mutter saß währenddessen in Peines Uniformwerkwerk im Wilhelmshavener Textilhof an der Ulmenstrasse am Schiebeband vor ihrer Nähmaschine zu güddern, zu nähen, um den Akkord zu schaffen. Noch bevor sie am nächsten Tag davon erfuhr, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn aus einer Notlage heraus unter unserem Familiendach genächtigt hatte, hielt sie schon eine Vorladung in ihren Händen, mittels der man sie aufforderte, umgehend auf dem 4. Polizeirevier in der Posener Strasse zu erscheinen. Gegen sie, meine Mutter, läge eine Anzeige wegen Kuppelei vor. Eine gewisse Elly Hänsel würde sie eines oder mehrerer Vergehen gegen den Kuppeleiparagraphen bezichtigen.

DAS war Elly Hänsel. Wie ich schon erwähnte, ich hätte damals schon gerne andere Sachsen kennengelernt.

Ab da nächtigte jung Siegfried in ähnlichen Notsituationen im elterlichen Hause seines Schulfreundes Fritz Poppen, das schräg gegenüber der Hänselsiedlung stand. Das war denn keine Kuppelei und nicht sittenwidrig.

Und wieder einmal zeigte sich die menschliche Neigung, Peinigern gleich welcher Art bei ihrem schändlichen Tun nachzugeben. Besser wäre es für alle Beteiligten gewesen, habe ich manches mal gedacht, dem Weibsbild die Zunge herauszuschneiden. Dann hätte sie in ihrem noch recht langen Leben viele Verleumdungen und auch sonst recht hässliche Verlautbarungen nicht mehr unter die Leute bringen können.

Nach der Entbindung meiner Schwester, die bei uns zuhause stattfand, ließ Frau Elly siedlungsweit verbreiten, dass, wenn sie wüsste, dass das Kind ihrer Schwiegertochter von ihrem Sohn stamme, sie sich dazu herablassen und die Schwelle zu unserem Hause überschreiten würde. Da ihr die Gewißheit aber fehle …

Gott sei Dank ist es nie dazu gekommen, obwohl die von ihr angezweifelte Vaterschaft für Jedermann an der Gesichtsgleiche des Kindes erkenntlich war. Denn wenn sie bei uns im Hause aufgetaucht wäre, dann wäre es für mich so gewesen, als hätte der Teufel eine Kirche geschändet.

Diesem Kind folgten noch drei Sprösslinge aus unverkennbar der gleichen Pfeife (die Anzahl der Abtreibungen während der Ehe schwankt selbst im Wissen der direkt Beteiligten, darum nenne ich hier keine rechnerische Größe). Wenn die Enkel im Nachbarstadtteil – in dem sie Anfangs wohnten – sich auf den Weg machten, um ihre Papa-Oma zu besuchen, dann war deren Tür entweder verschlossen, oder die Oma forderte sie durch die spaltweit geöffnete Tür auf, zu ihrer anderen Oma, die eine Straßenecke entfernt von ihr wohnte, weiterzugehen. Zur Begründung führte sie stets Zeitmangel an, was nicht einmal von der Hand zu weisen war.

Seit dem Unfalltod ihres Mannes, der sich, in seinem Goggomobil sitzend, frontal mit einem Großraumfahrzeug der städtischen Verkehrsbetriebe angelegt hatte, war sie nämlich sehr mit der Pflege zwischenmenschlicher europäischer Beziehungen beschäftigt.

Die Leere in ihrem Hause hatte sie mit der ersten Generation griechischer Gastarbeiter aufgefüllt. Bei den Gastarbeitern der ersten Stunden handelte es sich in der Regel um potente Mannsbilder, die alleine ihre Heimatländer, und meist auch ihre dortigen Familien, verlassen hatten, um in der goldenen Bundesrepublik am verheißenen wirtschaftlichen Wohlstand teilzuhaben.

Solange das Gespenst des Familiennachzuges von ausländischen Arbeitskräften noch nicht greifbare Wirklichkeit geworden war, gelang ihnen das auch vorzüglich. Und nicht nur das – man ließ sie auch teilhaben am Reichtum der, wegen der Nochkriegsfolgen an Männermangel in großer Zahl vorhanden, unbemannten Weiblichkeit in mittlerem und reiferem Alter.

Es wurden in Gastarbeiterkreisen damals tatsächlich Vergleiche darüber angestellt, wer von ihnen wohl das Glückslos der „besseren Matratze“ gezogen hatte. Auch das störte niemanden in der Gesellschaft, obwohl alle darum wussten. Nahmen die potenten und unbefriedigten Südländer der Gesellschaft doch ein Stückweit die Verpflichtung ab, sich um diese zum Teil vereinsamten und auch gefühlsvernachlässigten Frauen zu kümmern, denn zum Trümmerräumen in den zerstörten Städten brauchte man sie ja nicht mehr, und eine Flut von Mischlingskindern hatte man, wegen der zum größten Teil schon ausgedienten Gebärmuttern der lusteshungrigen Witwen, auch nicht mehr zu fürchten. Das war die Realität – aber die war wiederum zu real, um sie den kleinen vor der Tür stehenden Enkelkindern begreiflich zu erklären. So ist sie durch die Jahre mit (fast) allen Kindern und Enkeln umgegangen. Irgendwann wird alles Andauernde eben auch zur Normalität.

So kam es denn, dass Altsohn Siegfried und Schwiegertochter Meta Ende der Neunzehnachtziger Jahre die Siedlung von Mutter Elly übernahmen, das heißt, sie kauften die Immobilie. Mit Sicherheit waren da auch ein paar juristische Tricks mit im Spiel, denn genügend Moos, um alle Geschwister, das heißt alle Erbberechtigten regulär in ihren Ansprüchen befriedigen zu können, soviel Moos hat mein Schwager niemals im Leben besessen. Im Schulden anhäufen – etwas auf „Auge“ kaufen, darin hatte er sein Lebtag aber schon wiederholt eine gewisse Fertigkeit bewiesen. Das „Siedler spielen“ geschah nicht etwa aus Siedlungslust oder Spaß am Gärtnern – DAS war ganz einfach noch eine Trotzreaktion meiner Schwester auf die Geschehnisse in ihrer Frühehezeit, in deren Folge meine Mutter der Tochter und dem Schwiegersohn die Siedlerfähigkeit auf der eigenen Scholle abgesprochen hatte – ja, absprechen musste.

Andernfalls wäre ihr der Anspruch auf die eigene Siedlerstelle, den sie mit fast unmenschlicher Anstrengung erworben hatte, verlustig gegangen.

1996 nahmen meine Schwester und ihr Mann dann die ach so geliebte Frau Elly zu sich in Pflege. Vorgeblich geschah es aus „Kindespflicht“ – um aber der Wahrheit die Ehre zu geben – Geldgier, und die aus der Leichtlebigkeit heraus entstandene permanente Geldnot der beiden, war wohl die Triebfeder ihres Handelns, denn als es darum ging, unserer, ihrer von Demenz betroffenen Mutter im hohen Alter im Alltag ein wenig nur zur Seite zu stehen, formulierte meine Schwester Meta ihre Haltung dazu mit dem Satz, so wörtlich: „Den Scheiß muß ich mir nicht antun.“ Bei unserer Mutter war nämlich – im Gegensatz zu Frau Elly – nichts abzusahnen. Mama Sophie hatte ihre „Güter“ und die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel stets mit warmen Händen, wie sie es immer nannte, unter ALLE ihre Kinder und Kindeskinder verteilt. In deren Augen waren es wohl keine hohen Güter, denn Dinge, kleine aber feine Geschenke, für die Sophie, um sie ihren Enkeln zu besonderen Anlässen schenken zu können, noch bis ins hohe Alter regelmäßig einer bezahlten Tätigkeit als Hauswirtschafterin in einem Düsseldorfer Industriellenhaushalt nachging, wurden von den meisten der Beschenkten nur am Rande oder gar nicht gewürdigt.

Ich habe oft beobachten können, dass sie die von der Oma mühsam erarbeitete und liebevoll ausgewählte Kostbarkeit mit nichtssagender Miene mit der rechten Hand in Empfang nahmen, und im folgenden Moment das Teil mit der gleichen Gleichgültigkeit mit der linken Hand für immer beiseite legten. Das hat mich eines Tages dazu bewogen, meine Mutter darum zu bitten, ihre Verpflichtung zum Schenken einmal grundsätzlich zu überdenken. Sie hat es getan.

Jedenfalls hat Schwager Siegfried dem, auf dem Konto seiner Mutter ruhenden Batzen Geld Bewegung verschafft, indem er ihn in die Räder eines neuen Autos umformte – dieses Automobil war denn auch das erste in der siegfriedschen Autobesitzergeschichte, das nicht auf Wechseln durch den wechselvollen Alltag rollte.

Die nahe oder nächste Zukunft war damit erst einmal gesichert, denn Ellys Witwenrente aus des Curtes Unfalltod und ein gleichermaßen erkleckliches Sümmchen aus der Pflegeversicherung waren ja Monat für Monat gesicherte Einkünfte. Da ließ sich dann schon ein wenig mit herumpupsen und auf noch größeren Füßen leben.

Die wahren Beweggründe der Inpflegenahme offenbarten sich dem aufmerksamen Beobachter in der Verhaltensänderung der „geliebten“ Mutter und Schwiegermutter gegenüber, als deren Konten leergeräumt und gelöscht waren. Um das turnusmäßige Pflegegeld und die Rentenbeträge zu erhalten, darum brauchte man ja nicht mehr zu buhlen. Ich muß es einfach einmal so direkt schreiben – wenn es um einen geldwerten Vorteil ging oder geht, dann tanzt meine Schwester Meta notfalls sogar mit dem Teufel – und der ihr hündisch ergebene Siegfried macht die Musik dazu.

Das Verhalten meiner Schwester gegenüber ihrer Schwiegermutter ist ja kein Einzelfall und nicht mit „später Rache“ oder „wie du mir, so ich dir“ zu erklären. Bei „Martha“ als dem vorhergehenden Betreuungsfall waren es nämlich frappierend ähnlich gestaltete Abläufe in der Behandlungsweise. Martha wurde nach dem Dahinscheiden ihres Ehemannes zwecks Betreuung in den Metaschen Haushalt aufgenommen. Der verstorbene Schorsch hatte nämlich zugunsten seiner Angetrauten eine Anzahl Kapitalverträge, mit teils erklecklichen Sümmchen dahinter, hinterlassen. Irgendwann wurden diese Verträge fällig und die Summen fielen in den Schoß meiner Schwester. Nach der Wahrung einer (un)angemessenen „Anstandsfrist“ verschwand Frau Martha dann plötzlich aus dem häuslichen Kreis und tauchte in einem Pflegeheim unter. Nicht ein einziges Mal hat meine Schwester sie dort noch besucht.

Den „Scheiß“ wollte sie sich dann auch nicht mehr antun, denn es gab ja nichts, im Verhältnis sich lohnendes, mehr abzuräumen. Es hatte sich ja „plötzlich und unerwartet“ der fettere Brocken ‚Schwiegermutter Elly’ im Netz verfangen, den man an Bord zu holen sich doch nicht versagen durfte.

Meine Mutter wiederholte sich nur immer, wenn sie ein übers andere Mal entschlossen kundtat, um nichts in der Welt bei ihrer Tochter Meta wohnen zu wollen. Ich habe ihr nur immer darin beipflichten können – und das nicht, um ihr Recht zu geben oder sie in ihrer Meinung zu bestärken – sooooo nicht. Es war schon meine eigene Erfahrung, auf der meine Zustimmung basierte. Eine Zeitlang logierten mein Bruder und ich nämlich im Kreise der Metaschen Großfamilie in einer weiträumigen zweigeschossigen Wohnung in Mariensiel. Es war eine Wohnung, die wir Brüder meiner Schwester und meinem Schwager für ihre Familie angemietet hatten und über Jahre finanzierten, weil der Sohn meines Bruders aufgrund seiner eigenen zerrütteten familiären Verhältnisse bei unserer Schwester sozusagen als Pflegesohn untergebracht war.

Es war eine verdammt teure Pflegestelle, denn außer den Wohnungskosten beinhaltete das Pflegegeld auch noch das Haushaltsgeld für alle im Haushalt lebenden Leute (zeitweilig waren es zehn Personen) und die Bereitstellung eines Autos für unsere Schwester, bzw. für den Familienbedarf. Einige Tausend Märker Wechselschulden aus Schwager Siegfrieds Automobileskapaden, die wir übernommen hatten, waren auch noch zu begleichen, da Schwager Blitz sonst wegen etlicher geplatzter Wechsel in den Kahn gewandert wäre.

Das war ganz schön viel Moos, kann ich nur sagen. Es war für meinen Chefbruder aber ja ein Klacks, denn erstens verdienten wir gut, weil wir wie die Irren malochten (wenn mein Bruder seinen Rausch von den Gelagen mit seinen Saufkumpanen auspennte, dann war ich ja stets von Beginn der Tageshelle bis zum Dunkelwerden auf der jeweiligen Baustelle am werkeln). Unser gemeinsamer Verdienst reichte für die Bedürfnisse meines Bruders und die meiner Schwester Familie. Den Weg in meine Tasche hat über die Jahre nie auch nur eine Mark gefunden. Aber wie gesagt – ICH hätte es ändern können.

Mit meinem Neffen Uwe war es eh ein Drama ohne Ende. Was dem Menschenkind in seinem Leben an Tragik widerfahren ist, das ist schon ein gehörig’ Maß über das allgemein erträgliche Geschehen hinaus. Obwohl ihm sein Vater in der Früh-Kinderzeit ohne Zweifel ein Stück seiner Seele zerschlagen hatte, ist er – solange sein Vater unter den Lebenden weilte – nach väterlicher Anerkennung hungernd, hinter ihm hergelaufen. Bekommen hat er sie nie.

In 1970 – wir waren nach München und Rosenheim, nach Neckarsulm und dem Abstecher nach Saudi-Arabien auf einer Baustelle der pädagogischen Hochschule Köln am Lindenthal Gürtel gelandet – direkt neben einem katholischen Mädchenpensionat gelegen. Diese Baustelle, dieser Standort hat uns so manches erzählenswerte Erleben beschert, zumal der verantwortliche Bauleiter gleich uns ein Nordlicht war – Günther S. aus der gleichnamigen Oldenburger Unternehmer Dynastie.

Wegen familiärer „nicht so ganz Päßlichkeiten“ hatte er irgendwann der väterlichen Firma den Rücken gekehrt und war als Bauingenieur zum Baukonzern ‚inbau’ in Leverkusen (einer Tochter der Phillip Holzmann AG) gewechselt. Die Firma ‚inbau’ war in den Jahren auf dem Gebiet des großindustriellen Fertigbaus in Europa führend. Gefördert hatte diesen enormen Aufschwung auf dem Fertigteilsektor mit Sicherheit der in den Mittsechzigerjahren enorme Nachholbedarf hinsichtlich der Errichtung öffentlicher Großbauten – in Nord-Rhein-Westfalen vor allen Dingen im Bereich der Erweiterung von Universitäten und Hochschulen. In den südlichen Bundesländern waren es dagegen überwiegend die wie Pilze aus der Erde emporschießende Einkaufszentren, mit für die Damalszeit ungewohnten Ausmaßen. Heute wären solcherart Bauten für viele Größenwahnler der Immobilienbranche gewiß nichts anderes mehr als Kleckerkram, wenn man die heutigen, selbst in magersüchtigen Dünnbrettkommunen in die Ortsbilder gewuchteten Konsumklötze, die dann nach ihrer Fertigstellung häufig selber jeden Leerstandsrekord an Verkaufsflächen brechen, oder aber die, sich in ihrem Umkreis befindliche, bis dahin zumeist intakte urbane Groß- und Einzelhandelsstruktur mit Brachialgewalt zerstören. Es hat in der Wirtschaftsgeschichte unseres Landes wohl noch keinen Zeitabschnitt gegeben, in dem Klein- und Mittelgeschäfte in Handwerk und Handel in einer solchen Menge so rasend schnell den Bach hinunter gegangen sind, als in Deutschland im ersten Jahrzehnt nach der rücksichtslosen “Entsorgung“ der DDR.

Und immer noch hat der Wahnsinn kein Ende. Einige wenige Profiteure – bei einer Gesamtzahl von ca. 80 Millionen Einwohnern sind es nur einige, obwohl ihre Anzahl schon ganz erklecklich scheint – haben unser Land mit allem Drum und Dran bedingungs- und skrupellos an wirklich wenige mächtige und gierige Hintermänner der Finanz(unter)welt verkauft. Frei nach dem Motto: „ Nichts ist unmöglich – man kann alles (ver)kaufen – es kommt, wie immer, auch dabei nur auf den Preis an.

Auf den Preis kam es bei uns, bei den „Malochern“, bei den „Handarbeitern“, in den sechziger und eingangssiebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch an. Wir mussten auf unserem Gebiet ganz heftig hinter den Groschen herkriechen.

Hinterherkriechen deshalb, weil unser Werk zuvorderst der Fußboden war, auf dem nach seiner Fertigstellung durch uns die Massen fröhlich herumtrampelten. Ich bin davon überzeugt davon, in meinem Arbeitsleben auf den Knien kriechend einmal den Globus umrundet zu haben, wenn nicht noch mehr.

Es war ein hartes Geschäft um Massen und Moneten.

Wer in dem Kampf nicht mithalten konnte, der wurde meist gnadenlos abgehängt, und musste sich mit den Krumen, die von den Tischen der Großkopferten fielen, bescheiden. So war es in den Jahren damals – es war aber ein Kampf unter Heroen auf beiden Seiten.

In der Jetztzeit sind es auf der einen Seite fast ausschließlich geldgeile gewissenlose Manager- und Abzockertypen, denen auf der Arbeitnehmerseite in der Regel rechtlose, machtlose Habenichtse, die von den Regierenden jedweder Farbe den globalen Finanzhaien ausgeliefert, oder zutreffender skrupellos zum Fraß vorgeworfen werden, während sie ihren Gewerkschaftsführen, von denen sie schnöde im Stich gelassen oder gar heimtückisch hintergangen und verraten werden, ohnmächtig gegenüberstehen.

Heute wird öffentlich und viel schwadroniert von den strukturellen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern. Hier finanzschwache und dort finanzstarke Länder – der arme Norden steht dem reicheren Süden gegenüber – die einstigen Perlen deutscher Wirtschaftsmacht, wie Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Bremen am ständigen Tropf der einst als hinterwäldlerisch angesehenen „Südstaaten“ der Republik. Ich habe mich zu meiner aktiven Malocherzeit angesichts der zwischen Nord/West und Süd oftmals gravierenden Unterschiede in der Lohnstruktur und dem so sehr verschiedenen Umgang mit den werktätigen „Ressourcen“ in diesen Landstrichen des Öfteren gefragt, worin diese Verhaltensweisen wohl begründet waren (oder immer noch sind, obwohl da ein großer Umbruch stattgefunden hat).

Während unserer Arbeits-Einsätze für Nordrheinische Unternehmen im Vorfeld der olympischen Spiele München 1972 ist uns immer wieder greifbar der Unterschied in der Wertschätzung von Arbeitskraft Süd und Arbeitskraft Nord/West klargeworden. Das Auseinanderklaffen der Schere im Lohnniveau war schlichtweg unbegreiflich.

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