Alles hat seine Zeit …

.

Es begab sich aber zu der Zeit …

 

dieser Anfangssatz aus der biblischen Geschichte fiel mir zum Erzählen eines Freundes ein, als ich ihm ein paar Sätze lang schweigend zugehört hatte.

Karl-Heinz berichtete mir von einer Begebenheit aus einer Zeit in der sich für ihn kurz zuvor auch etwas ergeben hatte, das sein Leben zu einem anderen machte. Ihm war vom Schicksal auch ein Untermieter in seinem Körperhaus zugewiesen worden. Krebs nannten die Ärzte den ungebetenen Gast.

Meines Freundes Zuhause befand sich zu der Zeit noch im idyllischen Exter, wo er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau über die Jahre ein zufriedenes und beschauliches Leben führte.

Seine tägliche Gewohnheit der abendlichen Runde um Haus und Garten hatte ihm auch der Gast in seinem Körper nicht verleiden können. Er nahm ihn einfach stets mit zu diesem ihm liebgewordenen Ritual.

Es war in 1993 – dieser frostigkalte Winterabend des 23sten Dezember hatte mit seinen 8 Minusgraden nun wirklich nichts anheimelndes an sich, als Karl-Heinz sich anschickte mit der täglichen Runde um das Grundstückvor dem Zubettgehen seinen Tag zu beschließen. Der Garten und sich das im Garten befindliche Blockhaus lagen friedvoll und dunkel in der frostklaren Nacht, als er anfangs des Weges die ersten Schritte aus dem Haus tat. Auf den letzten Schritten, die ihn wieder zur Haustür führten, lagen Garten und Gartenhäuschen noch genauso friedvoll wie ein Weilchen zuvor, doch das Dunkel des Blockhauses war einem schwachen Lichtschein im Inneren des Häuschens gewichen.

Mit fester Entschlossenheit diesen Umstand zu ergründen näherte sich mein Freund der Laube. Durch das Fenster sah er im funzeligen Schein einer kleinen Taschenlampe, die auf der Tischplatte lag, eine Gestalt in abgerissener Kleidung auf der Eckbank hocken.

Da hatte jemand ein Quartier für die Nacht gesucht und gefunden. Leise und behutsam, um die Nachbarschaft nicht zu wecken und den Obdach suchenden nicht zu erschrecken, machte Karl-Heinz sich bemerkbar bevor er eintrat.

Die blanke Furcht davor, von unter dem Schutz gewährenden Dach vertrieben zu werden, stand dem mageren Menschenkind förmlich ins Gesicht geschrieben.

Dass diese Furcht gegenüber Karl-Heinz völlig unbegründet war, das konnte der Mann in der abgetragenen Kleidung ja nicht wissen. Die Realität hatte ihm gewiß so manchesmal etwas anderes gezeigt.

Die Furcht in dem verhärmten Gesicht war unversehens einem Erstaunen, das sich ganz langsam in unverhohlene Freude verwandelte, gewichen.

Freude und Erleichterung darüber, mit seinen Bündel Habseligkeiten nicht wieder in die eiseskalte Nacht hinaus zu müssen, um sich irgendwo in einem Hauseingang oder unter einer der vielen Brücken einen Platz zu suchen, um da „Platte machen“ zu können.

Mein Freund machte ihm mit wenigen Worten klar, dass er über die bevorstehenden Feiertage bleiben könne, und darüberhinaus solange die Kälte anhalten würde. Karl-Heinz schaltete als erstes die Sicherungen für die Stromversorgung im Blockhaus frei und aktivierte dadurch die angeschlossene Heizung.

Seine Frau, der er gleich von der unerwarteten Einquartierung berichtete, sorgte – ohne ein Wort darüber zu verlieren – für einen gedeckten Tisch im sonst im Winter verwaisten Gartenhaus.

 

Dem „einsamen Wolf“ wie Karl-Heinzens Frau ihren Gast bei sich benannte, war nur sehr wenig an Information über sich und seine Lebensumstände zu entlocken. Die beiden gaben sich mit dem Wenigen, das von ihrem Gast von alleine preisgegeben wurde, zufrieden.

Vielleicht waren sie auch irgendwo froh, gar nicht mehr über das ihnen unbekannte Schicksal des fremden Zufallsbesuchers zu kennen.

Der Unbekannte wurde die Feiertage über umsorgt, verpflegt und mit Textilien und Fußbekleidung aus dem Bestand des Hausherrn bedacht, ganz so als wenn er schon immer dazugehört hätte.

Am Abend des 2ten Weihnachtstages hatte Karl-Heinz noch einen Punsch mit ihm getrunken, bevor er ihm eine gute Nacht gewünscht – und am folgenden Morgen, als die Hausfrau ihn zum Frühstück einladen wollte, da war die Blockhütte sauber aufgeräumt und verlassen, ganz so, als wenn die Tage zuvor niemand darin genächtigt habe.

Einzig der Geruch von Pfeifentabak hing noch ein paar Tage in der Raumluft. Irgendwie stimmte es die Gastgeber dann ein wenig betrüblich, als nach einer Spanne Zeit auch der Tabakduft als Erinnerung an eine besondere Begegnung sich still und leise davongemacht hatte.

Am Silvesterabend standen die Augenblicke mit ihrem Weihnachtsgast noch einmal fühlbar in ihrer Wohnstube, als Karl-Heinzens Frau – während sie aus dem Fenster schauend in die funkensprühende und knallerige Altjahrsnacht sah -. gedankenverloren die Frage „wo er jetzt wohl ist“ zu ihrem Mann hinüberschickte.

Der Winter polterte anschließend ziemlich grobschlächtig durch den Januar und Februar hindurch, bis ihn im März das Läuten der ersten Schneeglöckchen mit jedem Tag ein wenig mehr vor dem herannahenden Frühling weichen ließ.

Im Frühling, Sommer und Herbst des Jahres geriet auch mit jeden Tag ein wenig mehr das Bild des „einsamen Wolfes“, wie sie ihn fortan nannten, vor den täglichen Alltäglichkeiten des Alltags in den Hintergrund des Denkens der beiden „Gastgeber“ – bis es plötzlich am Abend des 23sten Dezember, genau wie im Vorjahr, wieder im Vordergrund stand. Die verhärmte und rastlose Gestalt vom letzten Weihnachtsfest – im Jahreslauf sichtlich noch mehr geschunden worden – war wieder unter das schützende Dach der Blockhütte zurückgekehrt.

Dieses mal geschah es ohne die Angst im Gesicht aus dem Schutz des Obdaches fortgejagt zu werden – dieses mal saß der junge Mann auch (34 Jahre zählte er gerade) als dritter im Bunde mit Karl-Heinz und seiner Frau an ‘Heilig Abend’ an der festlich gedeckten Tafel in der weihnachtlich nach Tannenbaum duftenden Stube.

Nur seine Verschlossenheit gegenüber Fragen nach dem Woher und Wohin, und vor allem gegenüber der Frage nach dem Warum, die war in ihm offenbar im zurückliegenden Jahr zu einer noch festeren Feste geworden.

Im stillen Einvernehmen hatten Karl-Heinz und seine Frau dann beschlossen nicht weiter zu fragen. Ihre gemeinsame Hoffnung, dass die Wärme Ihres Heims und ihrer Herzen den Eisespanzer um seine Seele herum irgendwann auftauen würde, die wurde schneller als erwartet erfüllt.

In den Tagen zwischen den Jahren – zwischen Weihnachten und Silvester/Neujahr – mußten die beiden eine Besuchsverpflichtung erfüllen, eine Reise zur engeren Familie stand an und konnte auch nicht verschoben werden. Dem mittlerweile nicht mehr völlig fremden Gast wurde der Vorschlag während ihrer beider Ortsabwesenheit das Haus zu hüten gemacht.

Zu Karl-Heinzens und seiner Fraus Freude stimmte ihr Gast diesem Sinnen ohne zu zögern zu.

Vielleicht war es auch sein inneres Denken, von einem mittellosen Almosenempfänger zu jemand zu werden, der dafür eine Leistung erbrachte.

Wie dem auch gewesen sein mag, Karl-Heinz vertraute in diesem Moment seinem eigenen Vertrauen in die Redlichkeit des jungen Mannes, obwohl …. eine kleine Bestätigung seiner „Menschenkenntnis“ und seiner „Vertrauensseligkeit“ bedurfte es dennoch, wenngleich er diese erst nach der Rückkehr von der Stippvisite bekommen würde.

Karl-Heinz plazierte im gesamten Wohnbereich scheinbar wertvolle kleine Schätze in bestimmten Positionen, um später festzustellen wie es um die Lauterkeit des Charakters ihres Haushüters bestellt sei.

Als mein Freund mir gerade das erzählte, da habe ich bei mir gedacht, wie sehr Mensch doch stets vom Zweifel an seiner eigenen Lauterkeit geplagt wird.

Nach der Rückkehr ins eigene Heim war durch die absolute Lauterkeit des Hausbesorgers dann endlich das letzte Zipfelchen jeglichen Zweifels beseitigt – es war keiner von den ausgelegten Fallstricken auch nur annähernd berührt worden. Paul, denn mittlerweile kannten sie auch seinen eingetragenen Namen, hatte sich vorbildlich verhalten.

In langen abendlichen Gesprächen hatte Paul sein Bestreben erkennen lassen wieder seßhaft werden zu wollen – und das am liebsten in der näheren Umgebung des Wohnplatzes seiner Wohltäter.

Ein freundlich gesonnener Nachbar stellte daraufhin eine schnuckelige kleine Wohnung in Aussicht, Karl-Heinzens Frau sorgte für die Ordnungsfähigkeit der Papiere ihres inzwischen zum Freund gewordenen Besuchers, und Karl-Heinz mühte sich erfolgreich um eine Arbeitsstelle für ihn bei seinem früheren Arbeitgeber.

Der festen Zusage von der Chefseite war aber noch ein persönliches Vorstellungsgespräch vorgeschaltet.

Als Karl-Heinz sich dazu mit Paul auf den Weg in die Firma machte, weigerte dieser sich vehement den von Karl-Heinz eingeschlagenen Weg mitzufahren, ja, er machte sogar Anstalten das Auto zu verlassen, als Karl-Heinz nicht umgehend auf seine Weigerung reagierte. Karl-Heinz fragte nicht nach dem Grund für die Weigerung – eine Erklärung dafür hätte er mit Sicherheit (noch) nicht bekommen, das wußte er.

Mit der Anstellung in Karl-Heinzens ehemaligem Betrieb klappte es – mit dem Bezug von Pauls neuem Domizil klappte es (viele mitfühlende Menschen aus dem Viertel hatten bereitwilligst dazu beigetragen die Wohnung mit Mobilar und Hausrat auszustatten – Pauls Papiere befanden sich dank der emsigen Hartnäckigkeit von Karl-Heinzens Frau in vorzeigefähigem Zustand – und es bahnte sich zwischen Paul und einer liebevollen Arbeitskollegin so etwas wie ein „Verhältnis“ an, das nach einiger Entstehungsdauer sogar glücklich im Hafen der Ehe mündete. Und irgendwann bekam dann auch Paules Geschichte von seinem wiederholten Auftauchen in gerade dieser Gegend bis hin zu seiner Weigerung eine bestimmte Wegstrecke zu meiden, ein Gesicht.

Vier Jahre zuvor hatte er am Abend des 23sten Dezember auf der betreffenden Strasse durch einen Verkehrsunfall, an dem er sich schuldig fühlte trotz Freispruchs vor Gericht, seine Famile – seine Frau und seine Tochter verloren.

Als mein Freund mir zu ende erzählt hatte, fiel mir wiederum eine Zeile aus der biblischen Geschichte, die da heißt: „Alles hat seine Zeit …“ ein.© ee

 

ewaldeden2014-12-08

 

(ein Erleben von K.-H. von der Pütten von mir in Worte gefaßt und niedergeschrieben)

Werbeanzeigen

2 Comments on “Alles hat seine Zeit …

  1. musste sofort an die bibel denken, sinngemäss geht es so weiter: es gibt eine zeit zu lachen und es gibt eine zeit zu weinen…, auch wenn für beides was anders mag, du kennst es ja, in der luther-bibel zu suchen ist – jetzt – nicht sinnvolle, denn es gibt eine zeit der gedanken und eine zeit der…

%d Bloggern gefällt das: