Tauwetter …

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Tauwetter …

 

Der Winter fühlte sich in diesem Jahr offenbar sauwohl in Ostfriesland. Bis kurz vor Weihnachten hatten zwar in den Gärten noch die letzten Herbstblumen ihre bunten Kleider getragen, pünktlich zum Winteranfang sah die Welt jedoch über Nacht völlig anders aus. Es war als wenn ein Zuckerbäcker die Landschaft, das Dorf und den Hafen verwandelt hätte. Abends wirbelte der Nebel von See herkommend noch um die Häuser, und morgens wurden die Menschen geblendet vom glitzernden Weiß der Abermillionen Eiskristalle aus der Werkstatt von Väterchen Frost. Das Thermometer draußen an der Hauswand hatte sich über den tiefen Fall der Temperatur so heftig erschrocken, daß sein feines Glasröhrchen mit der roten Flüssigkeit im Inneren in tausend Teile zersprungen war.

Tante Clärchen, die es im fernen Bayern – wohin sie einem jungen schmucken Gebirgsmariner in ihrer Jugend gefolgt war – mal wieder nicht gehalten hatte, war völlig verzückt über dieses ‚Kalenderbild’ wie sie sagte. So etwas Schönes habe sie in dreißig Jahren Aufenthalts in Bajuwarien nicht zu sehen bekommen.

Die Familie fühlte sich natürlich gebauchpinselt von Tante Clärchens Entzücken, zumal sie im Baziland berufsmäßig in Fremdenverkehr machte. Lütt Hinni, über den Omas Schwester Patin war, verstand das ganze Getue der Großen zwar noch nicht richtig, aber er freute sich, daß seine Tante sich freute damit so gut anzukommen. In zwei Tagen würde sein Weihnachtsgeschenk sicher dementsprechend größer ausfallen.

Der Bürgermeister, der mitten in Tante Clärchens Begeisterung reingerutscht war, weil er mit Opa vorm Fest noch die Fangabrechnung der Kuttergenossenschaft fürs Finanzamt zurechtschustern wollte, hatte gleich die Vision eines Bilderkataloges über das Märchenland Küste im Sinn.

Opa sagte gar nichts dazu – ihn beschäftigten mehr die kleiner gewordenen Fänge des fast abgelaufenen Jahres, und wie er mit den Fischerkollegen die Frostzeit überstehen sollte. Sein Gefühl sagte ihm nämlich, daß der Winter für sie lang und hart werden würde. Recht behielt er, der alte Fahrensmann. Anfang März war nämlich noch kein knacken aus der blanken Decke über dem Wasser zu hören. Meterhoch türmten sich die Eisschollen in der Prielrinne und auf den Wattflächen des Deichvorlandes. Ständig mußte jemand an Bord der Kutter sein, um das Eis von den Bordwänden fernzuhalten. Hinni durfte dabei schon immer kräftig mithelfen.

Die Sorgenfalten in Opas Gesicht wurden aber mit jedem Tag, den der Frost weiter anhielt, tiefer.

Bevor lütt Hinni abends einschlief betete er zum lieben Gott, daß er doch endlich Tauwetter machen sollte, weil sein Opa sich das so sehr wünschte. Der liebe Gott hatte wahrscheinlich aber grad eine Mittelohrentzündung, und konnte ihn deswegen nicht hören. Also mußte er dem lieben Gott helfen – DAS war ihm plötzlich klar wie Kloßbrühe.

Sonntagmorgen ganz früh – Opa hatte die ganze Nacht im Hafen Eis gepickt und schlief noch fest – schlich Lütt Hinni sich in Opas Netzflickerei. Er sammelte alle Tauenden, die in der Winterszeit beim Netzeflicken übrig geblieben waren, aus den Abfallkörben ein, um sie anschließend im Hof und im Garten an die Zweige der Bäume und Sträucher zu hängen. Als Opa dann aufgestanden war, und draußen nach dem Wetter sehen wollte, wurde er von Hinni freudestrahlend mit dem Ruf begrüßt

„Opa … Opa, kiek ähm – ich hab für Dich ganz viel Tau Wetter gemacht!“© ee 

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