Nelemale und Solamele .

Nelemale und Solamele . . .

N elemale war gerade erst eine Stunde alt – aber sie konnte schon fliegen – eine reine Pracht war das – kann ich euch sagen.  Vorwärts und rückwärts – hochkant und breit – rundherum und steil nach oben.  Sie konnte gar nicht stillsitzen – sie mußte erst alles ausprobieren.

Ach so – ihr wißt ja noch nicht, wer Nelemale überhaupt ist.

Nelemale – Nelemale ist eine kleine schwarze Stubenfliege – ihre Augen die blinkerten wie Sterne, und ihre Flügel – ihre Flügel, die schimmerten wie Weihnachtsglas.

Ihre feinen Beinchen konnte sie nach allen Seiten drehen – sie konnte sich damit am Köpfchen kratzen und im selben Moment die Propeller putzen. Das war so herrlich – sie konnte es selber noch nicht begreifen. Bloß später – wenn sie Schuhe haben mußte – da würde es wohl ein wenig schwierig werden.  Sie brauchte nämlich sechs Schuhe auf einmal – aber bis dahin dauerte es noch.  Jetzt mußte sie sich erstmal in der Welt zurecht finden.

Ihre Welt – das war die Küche.  Mit dem großen Torfofen – und mit den Speck – und Schinkenseiten, mit den Mettwürsten in Kringeln und in langen,  Wurstdärmen – die an den dicken Deckenbalken zum trocknen hingen.  Für eine kleine Stubenfliege, wie Nelemale eine war, war es das Schlaraffenland.  In der großen, dunklen Speisekammer standen Töpfe mit süßem Rahm, mit Schmalz und Grieben und mit gelber Butter.  Sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie sich zuerst hinsetzen sollte. 

All diese Köstlichkeiten dufteten verführerisch – und sie schmeckten noch viel besser.  Hier ein bißchen probieren – da ein bißchen naschen – und zuletzt noch ein wenig am Honig schleckern.  Die Flügel wurden ihr vom hin-  und herfliegen lahm – und die Beine schwer. Es war Zeit, ein wenig zu schlafen.  Hinter der Küchentür stand ein brauner Weidenkorb – innen mit roten Tüchern gepolstert – richtig heimelig sah es darin aus.  Da drin wollte sie eine gemütliche Mittagsstunde halten.  Mit flottem Schwung flog sie in den Korb.  Zwischen den Gerätschaften, die so im Korb herum lagen, richtete sie sich häuslich ein.  Hier noch einen Strich über die Flügel bürsten – da noch das ein oder andere Bein ausschütteln – und dann schlief  Nelemale zwischen Kaffee-flasche, Brotdose, Kautabakstange, Tabaksbeutel und Pfeife ein.  Wenn sie auch nur einen Flügelschlag Ahnung gehabt hätte, was das für ein Korb war – sie wäre da ja nie nicht reingeflogen.  Woher sollte sie es wissen? Sie war doch man gerade erst ein paar Stunden alt.  Kaum das sie eingeschlummert ist, schlägt jemand den Deckel zu – ihr bleibt fast das Herz stehenAuf einen Schlag ist es um sie herum balkendüster.  Na, ja – so kann sie wenigstens in Ruhe schlafen.

Nelemale – wenn du wüsstest, was dich erwartet.  Sie war in Harms Vesperkorb gelandet – und war jetzt auf dem Weg ins Moor.  Harm wollte Torf graben.  Nachmittags zur Kaffeezeit bekam sie erst wieder den Himmel zu sehen.  Der Korbdeckel war noch gar nicht ganz offen, da war sie auch schon draußen.  Doch was war das?  Dies war ja eine ganz andere Welt!

Ein Summen und Pfeifen und Brummen schwirrte durch die warme Sommerluft – und all die Farben.  Blau und braun und weiß und rot – sie konnte ihre sechskantigen Augen nicht so schnell bewegen, wie die neuen Eindrücke auf sie zukamen.  Große gelbe Schmetterlinge und schwarz-gelb gestreifte Hummeln saßen auf bunten Blumen.  Wenn sie wegflogen, waren sie fast betrunken vom Nektar – so schaukelten sie durch die Luft.  Die wollenen Köpfe vom Löwenzahn und weißes Wollgras flogen mit ihr um die Wette – sie wollten sicher wissen, wer schneller durch die Luft sauste.  In einer Zeit von nichts hatte Nelemale die Küchenwelt vergessen – so leicht ist das.  Hier draussen gab es keine Mauern und Wände – an denen man sich den Kopf stoßen konnte – hier draußen war die unendliche Weite.  Alles um sie herum leuchtete und trillerte und lockte – Nelemale schaffte es bald nicht, sich alles anzusehen.  Fffjjjjiiiieeet – was war das?  Eine Schwalbe war auf Flügellänge an ihr vorbei gesegelt – jungedi – das war ja noch mal gut ausgegangen.  In ihrer Küchenwelt hatte es diese Gefahr nicht gegeben – da mußte man sich als Stubenfliege bloß vor den Honigschleifen – die unter der Decke hingen – in acht nehmen.  Nelemale sah das aber ganz gelassen – beim Teufel brennt das Feuer – und im Himmel gab es eben Schwalben.  Über das aufregende Treiben rings um sie her hat sie noch mit keinem Seufzer an Essen gedacht – plötzlich macht ihr Bauch einen so lauten Hüpfer, daß die Mücke – die neben ihr auf dem Heidekraut sitzt – rückwärts auf die Erde fällt.  Wo ist die Speisekarte – die Speisekarte muß sie unbedingt abfliegen.  Die Tische, über die sie wegfliegt, sind mit den besten Leckereien gedeckt.  Oft sind sie so vollgepackt, daß die Schlemmereien schon über den Rand laufen.  Hoch in die Luft steigt Nelemale – von oben – mit der Sonne im Rücken – kann  sie alles viel besser sehen.

Da vorne – zwischen den Erikabüschen – auf dem kleinen Hügel – als wenn da eine Krone steht.  Rot und grün und honigfarben leuchtet es in die Sonne.  Da muß sie hin – das kann ja nur etwas besonderes sein.  Ohne viel Kringelei steuert Nelemale im Sturzflug darauf  los .  Lange vor den letzten Flügelschlägen steigt ihr schon verlockender Duft in die Nase – da läuft so einer kleinen Stubenfliege ja das Wasser im Munde zusammen.  Kaddaradabumm – was war das?  Benommen guckt sie um sich zu – auf einem großen Torfbrocken liegt sie – auf dem Rücken. Sie muß mit irgend jemand zusammengerasselt sein – auf ihrem Flug in den Speisesaal.  Da wo sie landen wollte, steht ein kleines Mädchen – so zart und fein – man kann glatt durch und durchgucken.  Grüß dich – Nelemale.  Wie Engelsgesang klingt die Stimme, die sie hört.  Ich bin Solamele – die Moorfee – ich muß hier im Moor aufpassen, damit auch alles seinen rechten Gang geht.  Ja man – aber warum hast du mich denn auf dem süßen, gelben Grund nicht essen lassen?  Mein Magen knurrt wie ein alter Hofhund – er hängt mir schon in allen sechs Kniekehlen.  Nelemale war richtig ‘n bißchen wütend auf  ihre neue Bekanntschaft.  Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte – du hättest nie mehr essen können – die kleine Moorfee schlug mit ihren seidenen Flügeln einen anmutigen Bogen.  Paß gut auf – gleich kommt der alte Knister-Knaster.  Seine Lebenskerze ist abgelaufen – den kann ich nicht aufhalten – dann siehst du, was passiert.  Solamele hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, hörte Nelemale ein Brummen.  Eine dicke, blauschimmernde Pferdefliege kam angetrommelt – flog drei, vier Bogen über der Krone – und setzte zur Landung an.  Der Dicke hatte sich auch wohl sein Abendbrot ausgewählt.  Ein paar mal hopste er über den gelben Grund – und dann standen seine Flügel still.

Bis er sein Kleckerlatz umgebunden , und Messer und Gabel zurecht gelegt hatte – das dauerte ein Weilchen.  Endlich saß er bequem und wollte so richtig loslegen – als es klapp machte – und die Krone sich geschlossen hatte.  Nelemale rutschte vor Schreck das Herz in die Hose – ganz blaß war sie geworden.

Jetzt weißt du – sagte Solamele, die Moorfee – wie es in der Natur zu geht.  Wenn ich meine Augen nicht überall hätte, würde unser Sonnentau alle Tiere auffressen, die ihn besuchen wollten.  Nelemale mußte erstmal kräftig schlucken – der Hunger war ihr rein vergangen – das tat sie sich aber dick hinter die Ohren schreiben.  Als sie sich nach einer Weile umdrehte,  um Solamele zu danken, war die kleine Moorfee schon lange anderswo – um Ordnung zu halten – im Leben hier im Moor.© ee

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