Törfi Törf . . Adventsgeschichte.

Törfi Törf . . .

Die Zeit schrieb das Jahr 1923. So auch hier in Ostfriesland. Die Gegend war ringsumher winterfest in Schnee und Eis eingepackt. Die Schneedünen reichten häufig bis an die Dachrinnen heran. Klein Hinnerk war man gerade sechs Jahre alt. Seit letzen Ostern ging er nun schon zu Schulmeister Hedemann in die Dorfschule.
Wenn es nachts wieder einmal tüchtig geschneit hatte, dann setzte Papa Hinnerk des Morgens auf seine Schultern und trug ihn Huckepack den Weg bis zur Schule.

Das machten viele Papas so, weil ihre kleinen Stepkes es sonst nicht durch den hohen Schnee geschafft hätten.
Im Schulhaus gab es nur zwei Klassenzimmer – eines war für die Lütten und das andere für die Großen.
Jetzt aber, wo es draussen so bitterkalt war, jetzt saßen alle in einer Stube beisammen. In der hinteren Ecke stand ein großer eiserner Kanonenofen zu bullern. Damit er immer so schön weiterbullern konnte, mußten alle Kinder – egal ob lütt oder groß – jeden Tag von Zuhause Brennmaterial, also Torf mitbringen. Torf hatte jede Familie in der Scheuer.

Den gruben die Papas im Sommer im Moor aus der Erde. Wenn die Torfsoden – so heißen die mächtigen Moorstücke – den Sommer und Herbst lang getrocknet waren, dann wurden sie auf Karren in die Scheuern gebracht, damit die Mamas auf dem
Herd Essen kochen und mit den Öfen die Kammern heizen konnten.
Der Sonntag war mit Besuch bei Oma und Opa schnell vorübergegangen und Rutzbutz war es schon wieder Montagmorgen.
Seit drei Tagen war der Himmel klar – der Schnee war schon richtig gnidderig hart und alt.

Klein Hinnerk stapfte am Morgen alleine los, um zur Schule zu gehen. Seine Holzschuhe hatte seine Mama mit Plünnen – mit alten Tüchern – umwickelt, damit er auf dem glatten Weg nicht ausrutschte.
Ein Stückchen war er schon den Sandweg hochgebösselt, als seine Mama ihm nachgelaufen kam: „Hinni … Hinniiii, dien Törf …!“ Er hatte doch glatt vergessen, die Feuerung für die Schule einzupacken.
Mama gab ihm einen Leinenbeutel mit einem gewaltigen Stück Torf darin in die Hand. Den Leinenbeutel hatte sie extra für den Schultorf genäht.

„Nu mach zu, dass Du zur Schule kommst – du weißt, Lehrer Hedemann mag keine Zuspätkommer“, ermahnte sie ihn noch, als Hinnerk in seinen Plünnenholzschuhen nun so schnell er konnte der Schule zustrumpelte. Er freute sich schon auf die
warme Schulmeisterstube.
Plötzlich hörte er eine feine Stimme sagen: „Du hättest Deiner Mama aber ruhig noch einen Süßen aufschnullern können.“
Er wäre bald auf dem Weg ausgerutscht und hingefallen, so hatte er sich erschrocken. Sein Kopf flog in die Runde – doch er konnte niemanden, der so etwas zu ihm  hätte sagen können, sehen. Aber wer – verflixt nochmal – hatte da denn zu ihm gesprochen?
Das war doch seltsam – er war weit und breit allein, aber er hatte laut und deutlich die Stimme gehört.
„Ich bin hier … hier im Beutel.“ Wie – woooo – was … in dem Beutel? In seinem Torfbeutel konnte doch kein Mensch sein „Ich bin Törfi – ich bin die Torfsode. Bloß Du kannst mich verstehen – helf  mir, bitte. Wenn Du mich nicht im Feuer verbrennen läßt, dann kann ich Dir noch soviel erzählen.“

„Ja … aber ….ich muß doch Torf zum heizen mit in die Schule bringen …“ „Häng mich mit dem Beutel da vorne an den Baum –
wenn Du nach dem Unterricht nach Hause gehst, dann kannst Du mich wieder mitnehmen. Erzähl Deinem Lehrer doch einfach, Du hättest den Torf Zuhause vergessen.“ Die Torfsode schwieg erschöpft vom ungewohnten Reden. „Es soll Dein Schaden auch nicht sein …“ kam noch leise hinterher.
„Pastor Lubina hat aber gesagt, man darf nicht lügen …“ „Du hältst mir das Leben – und das ist keine Lüge.“

Das konnte Klein Hinnerk wohl verstehen. In der Sonntagsschule hatte er schon mal die 10 Gebote gehört – und in denen stand an einer Stelle, du sollst nicht töten. Und wenn ein Stück Torf reden konnte, dann war das doch auch Leben.

Er hing also den Beutel in das Strauchwerk und ging ohne Feuerung zur Schule. So ganz wohl war ihm nicht dabei, wenn er an Lehrer Hedemanns vergeblichen Blick nach seinem Torf dachte. Aber es war schon seltsam – Schulmeister
Hedemann fragte an diesem Morgen gar nicht nach seinem Brenntorf.

Mittags, auf dem Heimweg, nahm er den Beutel mit Törfi darin dann mit nach Hause.
Die Torfsode sagte nichts und er war noch zu benommen von dem Geschehen, um Törfi von sich aus etwas zu fragen.
Hinnerk versteckte den Beutel mit Törfi erst einmal in der Scheuer, um ihn dann, als Mama und Papa sich nach dem Essen ein Weilchen schlafen gelegt hatten, hervorzuholen und unter seinem Bett zu verstecken.
„Ich dachte doch wahrhaftig, Du hättest mich schon vergessen …“ klang es auf einmal erleichtert aus dem Leinenbeutel.

„Psssscht …. red doch nicht so laut.“
Hinnerk hatte einen hitzigen roten Kopf vor lauter Aufregung. . „du brauchst keine Bange zu haben“ klang es aus dem Beutel – „nur Du kannst mich hören … sonst niemand.“
Nachmittags konnte Hinnerk gar nicht erwarten, dass es endlich Bettgehenszeit wurde. Mama hatte ihren Lütten schon ein paar Mal verwundert angesehen, als er sie zum dritten Mal fragte, wann er denn nun endlich schlafen gehen müsse. So etwas kannte sie von ihrem Butscher doch überhaupt nicht.
Glücklich war es denn soweit – eine halbe Stunde vor der Zeit war Hinnerk schon ausgezogen und geusterte in Schlafhosen durch die Küche. Er hatte sich doch auch tatsächlich freiwillig einen Schwall Wasser durchs Gesicht gespackert. Seine Mama wußte nun wirklich nicht mehr, wie sich auf so etwas einen Reim machen sollte.
„Gute Nacht, mein Lütten – nun schlaf man gut.“
„Nacht, Mama … Du auch …“

Die Kammertür sperrte das Dielenlicht aus seinem Zimmer aus. Sonst mochte er es schon gern ein wenig heller haben, aber heut konnte die Tür gar nicht schnell genug in Schloß schnappen.
Es war noch keine zwei Minuten dunkel in seiner Schlafkammer, als Törfi schon zu ihm von sich zu erzählen begann.
Vor Millionen von Jahren war er ein mächtiger riesiger Baum gewesen. An seinem Stamm hatten sich Wildschweine, Elefanten und Mammuts ihre Schwarten gescheuert. Jaaaa – auch Mammuts, die gab es damals nämlich noch. Eines Tages war dann ein riesenhafter Sturm über die Erde gefegt – ein anderer Stern war mit der Erde zusammengeknallt und dieses Zusammen-krachen hatte den Orkan ausgelöst.
Alles was auf der Erde vorhanden war und wuchs, das wurde verschoben und aus der Richtung gebracht. Das Eis vom Nordpol verschob sich bis an die Alpen und machte alles, was Leben in sich hatte, unter sich platt – selbst die Sprache der Menschen in Ostfriesland. Darum sprechen die Leute da seitdem auch Plattdeutsch.
Sein, Törfis, Leben wurde auch heftig zusammengestaucht und Eis und Geröll verschüttet.

So hatte er viele Millionen Jahre verschlafen und war mit der Zeit ganz von selbst von Holz zu Torf geworden. Er würde heute noch im Moor schlafen, wenn Hinnerks Papa ihn nicht im letzten Sommer ausgegraben und als Torfsode mit nach Hause
genommen hätte.
„Wenn ich nun im Feuer verbrennen soll, dann habe ich ja nichts mehr von der Zeit und kann Dir auch nichts von alledem erzählen, was mir auf meiner langen Reise durch die Zeit begegnet ist. „Keine Bange,“ sagt Hinnerk zu Törfi, „so soll das
nicht passieren. Morgen früh versteck ich Dich erst einmal oben auf dem Hausboden. Da kannst Du denn solange bleiben, bis ich Dich im Frühling nach draussen bringen kann. Wieder ins Moor zurück, da wo Du hingehörst.“
Am nächsten Morgen – lange vor der Aufstehenszeit von Mama und Papa hatte er Törfi schon auf den Boden gebracht. Es gab da nämlich eine dunkle Ecke, in der ihn ganz bestimmt niemand finden würde. Es sollte aber alles ganz anders kommen, als wie Hinnerk es sich schon so schön ausgemalt hatte.

Die Zeiten im Lande waren sehr schlecht. Das Geld in den Taschen der Leute litt an Schwindsucht – es war von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde weniger wert.
Inflation nannten schlaue Leute das.
Und diese Inflation hatte all das, was Hinnerk seine Mama und sein Papa besaßen, aufgezehrt. Auch ihr kleines Häuschen war ihnen weggenommen worden. Darum mußten sie mit Hinnerk ihr Zuhause verlassen und zusehen, dass sie woanders für ihre kleine Familie ein Dach über dem Kopf fanden.
Die Zeit lief weiter. Unerbittlich weiter. Klein Hinnerk wurde größer und älter.

Er gründete bald seine eigene Familie und auch seine Kinder wurden groß und älter. Man, sein Erlebnis mit Törfi Törf hatte
er nie vergessen können. Bald hatte Hinnerk denn auch sein eigenes Großkind Jan auf seinem Schoß sitzen, dem er in Erinnerung an seine eigene Kinderzeit von Törfi Törf erzählen konnte. Der kleine Jan wollte es immer und immer wieder hören.
Wie aber das Leben so läuft – Hinnerk hatte als Opa eines Tages diese Welt verlassen müssen und sein Enkel Jan war so alt, dass er selber schon einen Sohn hatte.

Die Geschichte von Törfi Törf, die war aus seinem Kopf in Erinnerung gaaaanz tief nach unten gerutscht – und sicher wohl auch noch ein bißchen weiter .Opa Hinnerks Erzählen während seiner Kinderzeit die hatte ihn wahrscheinlich ein wenig auf den richtigen Berufsweg geführt – er hatte nach der Schule nämlich studiert und war Historiker geworden.
Vor gar nicht langer Zeit ergab es sich nun, dass alte Häuser, die schon fast tot schienen, weiterleben sollten. Das hatte die Regierung so beschlossen.

Jan gehörte zu den Wissenschaftlern, welche die Häuser, die nicht sterben sollten, bestimmten und deren Geschichte zu ergründen suchten. Der liebe Gott hatte es wohl so vorgesehen, dass auch Opa Hinnerks Elternhaus dazugehörte.
Auf einmal saß ihm wieder die Geschichte von Törfi Törf im Kopf – sie war ganz plötzlich von ganz unten aus seinem Kindheitswissen nach vorne gekrochen und ließ sich von da auch nicht mehr wegschieben.
Strohpuppe für Strohpuppe, Sparren für Sparren, Balken für Balken und Stein für Stein wurde das Haus sorgfältig abgetragen.

Und auf dem Boden – in der dunkelsten Ecke –  wo fast hundert Jahre kein Mensch hingeschaut hatte – da lag immer noch, in dem nun morschen Leinenbeutel, Törfi Törf und wartete darauf, dass Klein Hinnerk, der ja sein Freund war, ihn abholte um ihn ins Moor zurückzubringen.

Jan hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht, den er in Erinnerung an seinen Opa auch Hinnerk genannt. Der holte Törfi Törf mit seinen kleinen Händen da heraus und in den hellen Tag hinein. Er hat ihn denn – zusammen mit seinem Papa Jan – gaaaanz vorsichtig in das Museumsdorf getragen, um ihn da in einem großen und tiefen Loch wieder in die Freiheit zu
entlassen.
Als Törfi dann unten in dem nassen Moorgrund lag, da meinte Jan wie von weither die Worte einer feinen Stimme zu hören:
„Ich grüß’ Opa Hinnerk von Euch ….“
Vielleicht hatte er sich das auch bloß eingebildet – jedenfalls haben Klein Hinnerk und sein Papa Jan in das Loch auch noch einen jungen Baum eingepflanzt, sodass Törfi Törf nun endlich wieder richtig zuhause war. Ganz so, wie Opa Hinnerk noch als kleiner Junge es ihm vor langer Zeit versprochen hatte.©ee

Ewald Eden

Foto : weinstock  on Pixabay

natürlich auch zu finden in unserem KINDERHÄUSCHEN https://christinvonmargenburg.blog/unser-kinderhaeuschen/

Über https://christinvonmargenburg.wordpress.com/https://christinvonmargenburg.wordpress.com/"In einem Augenblick gewährt die Liebe, was Mühen kaum in langer Zeit erreicht." Johann Wolfgang von Goethe