Und plötzlich juckt es wieder …

Und plötzlich juckt es wieder …

Zur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert, und sich auf die Socken gemacht Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Die Strecke ins Bergische hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt. Das Geld für meine Bahnfahrkarte wurde in einer Zigarrenkiste in der ‚Werteecke’ im heimischen Stubenbüffet deponiert, denn unsere Wohnung blieb vorerst für uns erhalten. Sie durfte allerdings von Verwandten schon genutzt werden. Als Gegenleistung sollten sie mich bis zu meiner Abreise unter ihre Fittiche nehmen. Meine Mutter ließ bei weitreichenden Entschlüssen zur Sicherheit stets eine Hintertür offen.

Mein Bruder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von fleißigen Händen. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung hinreichend bekannt.

Fidi, ein Jugendfreund meines Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Ende der Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. Friesland ins Rheinland gezogen war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der silbernen Hochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter auf seinem flotten Flitzer mitzunehmen. Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Zugfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.

Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er Zündapp’ Zeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen zu weit auf die Landstraße gerutscht war.

In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die anfangs etwas teurer erscheinende Variante Bahnfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer an. Meine Mutter als dankbarer Mitfahrer übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch den Geldbetrag für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot meiner Mutter sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.

Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Rundfahrt durch die nördlichen Westzonen einschließlich der niederländisch / belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abschied ins gelobte Land. Je näher der Tag rückte, umso mehr merkte ich am Verhalten meiner Betreuer, daß irgendetwas ihnen Unwohlsein bereitete. Und richtig – das von meiner Mutter in dem Holzkästchen deponierte Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.

Der liebe Gott hieß in diesem Fall Karl Grätz. Seines Zeichens Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Verkehr. Seine dunkelblauen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.

Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstraße aus Basaltbrocken Steinwolle als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.

Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere. Menschen die für wenig Geld weit weg wollten, konnten für einen Obolus von fünf Mark bei Grätz mitfahren.

Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere fanden jeweils im Führerhaus Platz, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mussten die anderen sich mit der Unterbringung auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.

Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, musste sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.

Sich unterwegs etwas zu kaufen war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft. Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal heute.

Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord der Grätzchen Kohlendampfer zusammengewürfelt hatte. Nach dem ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Und alles ging im Konzert der Straße unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.

Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.

Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich wieder das Jucken von vor vielen Jahrzehnten zu verspüren.

©ee

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