An meine Schwester

An meine Schwester

Rosen hab´ ich auf dein Grab gelegt,

Der Wind weht leise drüber hin,

trägt fernen Klang zu mir herüber.

Schwalben segeln hoch im Blau,

über dem goldenen  Abendlicht.

Braune Käfer  nippen am Lavendel,

laufen im Grase hin und her. –

Wie nah du mir jetzt bist –

Mir ist, als wär´s erst gestern,

daß ich dich geseh´n;

und ruhst doch Jahre schon
in dieser Erdengruft.

Da stehst du plötzlich neben mir,

ernst und doch so froh,

den hellen Mantel
nur locker umgelegt.

„Schau nur die Sonne!“

Du legst den Arm um mich.

Gemeinsam geh´n wir
durch die Gräberreihen.

Nun  weiß  ich es,
du bist kein Traum.
Mit deinen grünen Augen
siehst du mich an.


 “Alles ist gut,  du mußt nicht trauern.

Am Ende des bangen Todesweges

strahlt ja so hell das Licht,
das uns zum Vater nach Hause bringt.

Da ist  zu Ende alles Leid. –

Drum sei nun fröhlich und sei stark.

Du weißt es doch,
niemals bist du  allein.

Engel steh´n an deiner Seite,

an jedem neuen  Tag,

auch wenn du sie nicht spürst.

Nichts kann dir schaden.“ –

Dann bist du  fort

 und nur ein leiser Hauch

streicht über mein Gesicht.


Am Horizont zerglüht die Sonne.
Doch bleibt mir deine Stimme
noch lang´ im Ohr.

 ©Gertrud E.


Gertrud Everding
Juni 1997