ungehörig:

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A n den Mauern ungehörig:
Graffiti politisch BUNT gesprüht.
Nackte Meinung unbeantwortet sichtbar.

© Chr.v. M.

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Der türkische Schriftgelehrte …

Der türkische Schriftgelehrte …



Wir hatten uns sehr früh am Morgen auf den Weg gemacht, damit wir unterwegs nicht in die Mittagshitze gerieten. Den Anblick der schneeweißen Wattesteine, der Sinterfelsen von Denizli, wollten wir genießen. Eine kurze Rast sollte es denn auch nur sein – dort vor der Teestube der kleinen Siedlung im kargen türkischen Hinterland. Seit Stunden waren wir schon unterwegs und wollten nur etwas trinken. An den wenigen Tischen, vor dem weißgekälkten Gemäuer, rechts des Eingangs saßen die Ältesten des Dorfes – schweigend, aber mit blitzenden Augen über ihren schwarzen Bärten. Unablässig wanderten die blankpolierten Perlen der Gebetsketten durch die knochigen Finger der Alten. Es schien, als sei der Rhythmus in dem sie zu den Teegläsern vor ihnen langten in die Zeit geschweißt.
Noch bevor wir ein Wort des Begehrs sagen konnten, standen schon Stühle für uns bereit. Es war ein von sparsamen Gesten begleitetes herzliches Willkommen. Als wenn man gewusst hätte, daß fremde Gäste unterwegs sind.
Die Luft flirrte über dem rötlichgelben Sand vor dem alabasterfarbenen Himmel. Links neben der türlosen Öffnung zum inneren Raum saß im Schneidersitz auf einem goldbestickten Kissen hinter einem niedrigen Tischchen eine eindrucksvolle Gestalt unter einem aufgespannten Segel.
Einfaches Schreibwerkzeug, ein paar Bogen Papier und eine reich verzierte Wasserpfeife nahmen den Platz auf der Tischplatte vor ihr ein. Wir erlebten den ‚Schriftgelehrten’ des Dorfes bei seiner täglichen Arbeit. Im offenen weiten Rund wartete geduldig in der heißen Sonne eine kaum überschaubare Anzahl von Menschen darauf, zum Alten zu treten und auf dem verschlissenen Kissen vor seinem Tisch Platz nehmen zu dürfen. Offensichtlich hatten alle das gleiche Anliegen, denn jeder hielt einen Umschlag in seinen Händen. Nach der Art zu urteilen, in der sie das Papier hielten, mußte jeder Brief ein Schatz sein.
„Was geht da vor?“ wisperte meine Frau mir als Frage zu. „Die Menschen warten darauf, ihre Schriftstücke vorgelesen zu bekommen“, flüsterte ich zurück. Wir wagten beide nicht laut zu sprechen. Auch aus Furcht durch unser Reden die eigenartige Stimmung zu zerstören.
In der Mehrzahl waren es die Frauen des Dorfes, die sich in ehrerbietiger Haltung nacheinander dem Tischchen näherten und den Platz auf dem Kissen einnahmen.
Fast demütig reichten sie dem Alten dann ihren Brief, den der behutsam – so wie man etwas Kostbares an sich nimmt – entgegennahm.
Ohne jede Hast öffnete er mit einem goldenen Messerchen Umschlag für Umschlag. Es schien uns, als fürchte er durch einen schnellen Schnitt die geschriebenen Buchstaben im Inneren zu verletzen.
Bevor er den gefalteten Inhalt entnahm, legte er einen Atemzug lang, mit geschlossenen Augen, seine feingliedrige Rechte auf das Papier. Dabei bewegte er lautlos die Lippen, als wenn er sich für die Verwundung durch den Schnitt entschuldigen wolle.
Außer seiner volltönenden Stimme war anschließend für die Länge des geschriebenen im weiten Rund kein anderer Laut zu vernehmen.
Obwohl wir der Sprache nicht mächtig waren konnten wir die Bedeutung jedes einzelnen Wortes in den Gesichtern der andächtig lauschenden Zuhörer erkennen.
Die Sinterfelsen von Denizli haben wir an diesem Tage nicht mehr zu Gesicht bekommen. Es war uns nicht schade drum – den Besuch dort konnten wir nachholen. Dafür waren uns aber unwiederbringliche Einblicke in die Seelen der Menschen unseres Gastlandes zuteil geworden.

©ee

Wilhelm Gustloff . . .

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Wilhelm Gustloff . . .

E in Glasen ist’s nach Mitternacht
der Sturm heult um die Brücke
es ist als ob die Hölle lacht
des Meeres Brecher Teufels Krücke

Im fahlen Schein der Instrumente
steinhart sind die Gesichter
der Kompaß zittert die Momente
man fürchtet fremde Lichter

Im Ruderhaus – die Spannung dick
man könnte sie zerschneiden
doch sieht man dann des Käptns Blick
man fühlt ihn förmlich leiden

Man müßte ohne Echo sein
für Feindes Horchgeräte
am liebsten wäre er so klein
wie eines Fisches Gräte

stattdessen kämpft sich durch die See
sein Schiff – ein Hochhaus von Format
die Zahl geht in die Tausende
die Flüchtlinge an Bord es hat

Trotz Wintersturms und Eisesjagen
ein U-Boot hat sie im Visier
Torpedos tausend Tode tragen
es waren wohl zehntausendvier

Und feiert man auf Ätherwellen
grad just den zwölften Jahrestag
vom Arierland – dem sonnenhellen
auf See war es ein schwarzer Tag

So steht die Gustloff für Geschichte
vom größten nassen Massengrab
in überlebendem Gesichte
man bis zum End’ es lesen mag.

©ee