Kinderzeiten.

Nur Steine,
Steine dicht an dicht
und Kies
und Sand.

Dort an der Wand ein Schatten
der auf Brachland fällt
und sich versteckt
im Kinderzelt.

Hier buck das Ritterfräulein Kuchen
fand man den Schatz nach langem Suchen
schlichen Indianer setzten Spuren
begannen erste Fahrradtouren.

Kiesgrube, Abenteuerland
nicht missen die Erinnerung
tief hat sie sich ins Herz gebrannt
die Sehnsucht lehnt noch an der Wand.

Nur Steine,
Steine dicht an dicht
und Kies
und Sand.

© Chr.v.M.

Wohlfühlerlebnisse…

im Sommer wie im Winter : IKEA

Wohlfühlerlebnisse

wohnungsbestückungsstation IKEA
logos wedeln in blaugelben lettern

verlockendes entgegenwinken
günstig, billig, kreischend,

wohlsortierte vielzahl, junges billig
mach mal geld locker vergnügen

warmes licht auf kieferregalen
un
d das ganze stapelbar

heimeliges geldausgeben
zwischen holz, schrauben und bauanleitung

“ schraubst Du noch, oder lebst Du schon“
wohlfühlerlebnissen im kinderpardies

zwischen teddybären mit elchohren
himmelbettgeflüster auf schlafmalschön matratzen

und der geruch nach schwedischem essen
bis an die kasse ein erwachen nun doch die bankkarte…

lags an der krabbelkiste ?
darüber sein verkäufer gelb-blau lächeln

prallgefüllte einkaufwägen
wohlffühlstand auf brechend vollen parkplätzen

und immer einen blick nach hinten
kommt nicht doch noch

ein weihnachtsbaum geflogen ?

© Chr.v.M.

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Wegsehen…

Wegsehen.

Die Sonne den nasskalten Morgen schleiert
von blattlosen Zweigen tröpfelt der Tau
hoch vom Kirchturm ein Glöcklein beiert
die Strasse lang hastet gebeugt eine Frau

die Haare gebunden – den Kopf hüllt ein Tuch
sie verhält ihren Schritt
sie bückt sich – sie scheint was gefunden
ein Schrei teilt die Stille


es fliegt was weit fort

sie verliert ihre Brille
und flieht diesen schrecklichen Ort
in den Staub des Weges war etwas gebunden
das ihrem verschleppten Manne gehört

man hat ihn gefoltert
man hat ihn geschunden
man hat ihre beiden Seelen zerstört
und alle haben sie zugesehen

die Nachbarn die Freunde
das schweigende Dorf

sie alle ließen das Unrecht geschehen
haben das Unterst’ nach oben gekehrt

© ee

Karel Gott – ein Erinnern oder ein ehrlicher Nachruf …

Diese Erinnerungen bleiben . . .

Durch die vielen Musiksendungen und Rückblicke während der „stillen Tage“ bis zum Jahresende rückte so manche eigene, alte Erinnerung wieder in den Vordergrund des Empfindens.

Stars und Sternchen von gestern wurden wieder lebendig. Eine große Zahl von ihnen weilt noch unter uns – andere davon bedeckt schon lange Zeit der grüne Rasen. Einige erfreuen noch heute die Menschen mit ihren Fähigkeiten – bei der weitaus größeren Zahl der Interpreten der Vergangenheit musste man aber erst den Staub des Vergessen fortblasen.

Dabei kommt es häufig darauf an, auf welche Weise man die jeweiligen Erinnerungen eingelagert hat. Kleine Begebenheiten am Rande sind dafür oft ausschlaggebend gewesen.

Das wurde mir wieder einmal deutlich gemacht, als in einer Jahresendabendsendung die „goldene Stimme aus Prag“ – wie sie zu ihrer prominenten Zeit häufig benannt wurde – erklang.

Eine Freundin, die mir am Teetisch gegenübersaß, war sichtbar angetan von den Klängen aus dem Lautsprecher.

Verwunderung über meine Nichtbegeisterung schwang in ihrer Frage mit:

Machst du dir nichts aus der Musik von Karel Gott?

Verwunderung wohl, weil sie von mir wusste, daß ich gute Musik und schöne Stimmen zu schätzen weiß.

Es hatte mich erwischt – nicht meine Freundin mit ihrer berechtigten Frage, sondern das Lied und die Stimme von Karel Gott.

Ein Bild von 40 Jahre zurück wirbelte durch mein Empfinden, und machte die zweifellos eingängige Stimme für mich schrecklich ungenießbar.

Es war Anfangs der neunzehnhundertsiebziger Jahre.

Der kalte Krieg befand sich noch in seiner heißen Phase. Mitten durch Europa zog sich der eiserne Vorhang.

Durchlässig war er zu der Zeit nur für wenige auserwählte Getreue, die ungehindert in beide Richtungen hindurchgehen konnten – oder durften.

Diejenigen Zeitgenossen welche ungehindert hindurchgehen konnten, waren in der Regel Politiker aller Couleur. Die, welche ungehindert hindurchgehen durften – das waren hochrangige Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler oder auch Künstler.

Ohne Zweifel bezahlte ein Teil von ihnen die Reisefreiheit mit Angst und Sorge um ihre nächsten Angehörigen, die ja fast immer als Pfand auf der östlichen Seite zurück blieben.

An der Art und Weise, wie sie sich dann auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs verhielten ließ sich leicht erkennen, zu welcher Kategorie Mensch sie zählten.

Zu diesen Reisebegünstigten gehörte auch der tschechoslowakische Sänger Karel Gott.

Für die damaligen Machthaber in der Tschechoslowakei war er eine ergiebig sprudelnde Devisenquelle. Auftritte in geldharten Ländern bestimmten sein Leben. Der heimische Alltag in Prag – mit den Nöten der kurzgehaltenen Bevölkerung – spielte da wohl nur eine untergeordnete Rolle.

In einer Nobelherberge an der Düsseldorfer Königsallee verdiente ich in den Jahren eine zeitlang meine Brötchen.

Die Lieder von Karel Gott bedeuteten mir sehr viel – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Sänger mit der goldenen Stimme persönlich kennenlernte.

Das ‘Hotel Münch an der Kö’ hatten die Manager des begnadeten Sängers während seiner Auftritte im Rheinland jedesmal für ihn als Standquartier auserkoren.

Das Haus war ebenso gediegen wie teuer. Die Herberge war der Stimme angemessen.

Die Zimmermädchen im Hause stammten fast ausschließlich aus Ländern der ‘Warschauer-Pakt-Staaten’ oder aus dem „neutralen Jugoslawien. Allesamt waren sie freundlich, hilfsbereit – und ebenso schlecht entlohnt wie ihre deutschen Kolleginnen. Bei ihnen hatte das westliche Geld allerdings einen anderen Wert, da sie in ihren Herkommensländern für eine gleiche oder vergleichbare Tätigkeit noch sehr viel weniger Lohn bekommen hätten.

Das soll kein Vorwurf an die Adresse meines damaligen Arbeitgebers sein – die Gastronomietarife waren eben so.

Aber gerade diese Mädchen vergötterten „ihren“ Karel Gott als ein Stück Heimat – als ein kleines Stückchen Traum von Freiheit und Wohlstand.

Es verging kein Tag, an dem nicht ein Hauch von Verehrung in seiner Suite hoch über der Königsallee zu finden war. Es waren meist Gegenstände, die sich die jungen Frauen vom Munde absparten, für die sie dann auf manches andere – vielleicht lebensnotwendigere – verzichteten.

Ich habe aber nicht ein einziges Mal während all der Jahre von dem, großen Karel Gott’ eine kleine Geste des Dankes an sie bemerkt.

Ein eigennütziges, kaltes Herz wandelte durch die westlichen Geldpfründe.

Diese Kälte hat meine Begeisterung für die goldene Stimme aus Prag damals eingefroren.

In diesem Zustand ist sie bis heute geblieben – trotz aller gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahre.

Diese Erinnerungen bleiben!

© ee

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Der Eismann kommt

der Eismann

.

Erinnerung

.

Der Eismann kommt,

Mama der Eismann –

i ch hab’ ihn ganz deutlich klingeln gehört.
Für ’nen klimpernden Fünfer,
oder auch für ’nen Groschen gibt’s Eis,
das die kindlichen Herzen betört.

Der kleine Steppke
mit den rutschenden Strümpfen,
er schaut seine Mama
von unten ’rauf an.

Er spielt mit Gefühlen –

sucht vergebens nach Trümpfen,
bis er das Weinen nicht zurückhalten kann.

Die Mama kann ihm
den Fünfer nicht geben –

den Groschen schon gar nicht,
denn dann gäb’s kein Brot.

So lehrt schon den Kleinen
das tägliche Leben,
zu verzichten auf Freuden
aus bitterer Not.

© ee

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Mein Kater Nicki …

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Mein Kater Nicki …

E s war im vorigen Jahrhundert – und doch ist es erst zehn Jahre her. Wir schrieben 1993 – die Hälfte der in der Zeit verschwundenen hundert Jahre, mit der neunzehn davor, hatte ich miterlebt. Ich führte das traurige, trostlose Leben eines an der Wirklichkeit gescheiterten Fünfzigjährigen. Durch riskante Spe-kulationen in den Jahren zuvor das gesamte Ver-mögen verloren – gefangen in der Vorstellung, daß viel Geld nicht nur beruhigt, sondern auch glücklich macht. Wie ich jetzt weiß, war dies der größte Irrtum meines Lebens.

Wer relativ wohlhabend über die Strassen des Lebens kutschiert, und plötzlich alles verliert, erfährt von einem auf den anderen Augenblick was Men-schen im Alltag mit dem Begriff Freundschaft meinen. Die vielen “ guten Freunde“ hatte über Nacht der Erdboden geschluckt. Selbst die – jeden Tag aufs Neue beschworene – heiße Liebe meiner Verlobten, erwies sich als nicht regenfest. Sie war von einer Stunde auf die nächste bloß noch kalte Asche – die der kleinste Hauch in alle Winde trug.

Eine Drehung um mich selbst – und ich war einsam und allein. Ohne Aussicht auf Zukunft. Einzig meine Mutter hatte an ihrer Liebe zu mir keine Abstriche gemacht.

Arbeitslosigkeit blieb mir erspart – ich hatte noch einen “ Job“ der mich ernährte – doch das Leben war für mich plötzlich ein durchlöcherter Hafersack – ausgelaufen und leer. Diese Leere versuchte ich mit Alkohol zu vertreiben – und solange die Prozente in mir Achterbahn fuhren, lebte ich im trügerischen Glücksrausch. Das war eigentlich recht leicht – wo doch die Zapfstelle – sprich Kneipe – direkt unter meiner Wohnung angesiedelt war. So war das Ritual stets das gleiche – unten volltanken – eine Treppe hochwanken, und rein ins Bett.

Der Zeiger auf der Waage im Bad bewegte sich unbeirrt nach oben. Die ideale neunzig – die ich lange bewahrte – ließ er kalt lächelnd hinter sich. Auf hundertfünfzehn vor dem Kilogramm strebte er zu. Die Scherben in meinem Körper – wie Sodbrennen und Schmerzen in Gliedern und Gelenken – störten ihn nicht im Mindesten. Die Depressionen – die sich in meinem Kopf einnisteten – vertrieb der einzige Freund, der mir geblieben war – Jonny Walker. Frei nach der Devise: der Tag geht – Jonny Walker kommt.

Bevor ich auf der Deponie für gescheiterte Exis-tenzen landete, ereilte mich im August 94 mein Schicksal.

Der Tag hatte mir ein ganz spätes Heimkommen beschert. Vor der Haustür wäre ich fast gestolpert – diesmal nicht über Jonny Walker – der war an diesem Abend noch nicht da – ein Kätzchen war der Grund. Schwarz-weiß im Fell. Winzig klein und hilflos saß es vor meiner Tür. Die Angst in den leuchtend grünen Augen sprang mir förmlich ins Gesicht.

Bis zu diesem Tag – ach was – bis zu dieser Sekunde hatte ich niemals etwas mit Tieren am Hut gehabt – pardon – das ist nicht ganz richtig: Ich hatte sogar täglich innige Beziehung zu Tieren – es gab keinen Tag ohne Schnitzel oder Steak und die abendlichen Kneipenfrikadellen, und es gab keinen Morgen ohne einen ausgewachsenen Kater im Kopf.

Doch zurück zu dem kleinen Knäuel Fell. Ich spürte Mitleid mit dem bißchen Leben – nahm es auf den Arm und mit ins Haus. Morgen – Kleines – morgen bringe ich dich ins Tierheim – war mein Denken.

Bis Morgen war noch lang – und kleine Katzen-bäuche knurren sicher genauso unerbittlich wie die von großen Menschen. Soviel war bei mir von Biologie noch hängen geblieben. Doch was frißt so ein winziges Etwas? Bei Walt Disney erlebte man ja häufig streunende, heringsstehlende Kater – bloß Heringe fliegen ja nicht so durchs Bergische Land. Thunfischkonserven waren bei mir im Vorrat – also Thunfisch aus der Büchse. Den halben Doseninhalt auf einen Teller verfrachtet – und los ging’s. Eh ich mich versah hatte diese kleine handvoll Katzenleben den Teller leer geputzt. Man konnte den Kohldampf förmlich davonfliegen sehen. Ein kräftiger Schuß Milch machte die Sache rund. Wie muß sich der Thunfisch wohl gefühlt haben – nach dem behag-lichen Schnurren des Kätzchens zu urteilen eins A. Nachdenklich begann ich zu rechnen. Das funk-tionierte an diesem Abend, denn mein Freund Jonny Walker hatte mich ja verpasst. Das kleine Tierchen wog ein knappes Pfund – verzimmerte über hundert Gramm Thunfisch, spülte mit reichlich Milch nach – und platzte nicht! Wenn ich das auf mein Gewicht umrechnete, müßte ich ja über zehn Kilo Fleisch verputzen – und von einer Kuh die Tagesproduktion an Milch hinterher spülen!

Den satten Knuddel nahm ich auf meinen Schoß – streichelte sein zerzaustes Fell mit zärtlichen Fin-gern – die rauhe Zunge leckte meine Hände – und mit jeder Bewegung des Köpfchens verschwand ein Teil der Angst aus seinen Augen.

Fünfzehn Minuten sind ein Nichts in der Ewigkeit – aber fünfzehn Minuten können ein Leben verändern – mir ist es widerfahren. Nach einer Viertelstunde hatte ich keinen Gedanken von Tierheim mehr in meinem Kopf – das kleine Wesen hatte mich adoptiert – und sollte fortan mein Leben bestimmen.

Es wurde noch ein langer Abend im Sessel – spät ging ich zu Bett. Mit meinem neuen Hausgenossen neben mir – auf dem Kopfkissen. Es dauerte noch bis der Schlaf kam. Jonny Walker – den ich an diesem Abend nicht gesehen – hat ihn wahrscheinlich am Kommen gehindert.

Der oft verfluchte Wecker brauchte zur Aufstehzeit nicht in Aktion treten – eine kleine warme Zunge fuhr schon vorher durch mein Gesicht und scheuchte mich aus den Federn. Meine – ich dachte tatsächlich “ meine“ – kleine Katze hinter mir her.

Aus dem Büro zog mir ein seltsamer Duft in die Nase – eine Ahnung legte sich auf meine Gehirn-windungen – wer oben Nahrung in sich reinschiebt, muß unten ja wohl zwangsläufig pupsen. Ob großer Mensch oder kleines Kätzchen – da hat der liebe Gott bei der Konstruktion das gleiche System verwendet. Wieder kam mir mein verschüttetes biologisches Wissen zu Hilfe. An diesem Morgen lernte ich mein Büro gründlich kennen – ich krabbelte durch Ecken, von denen ich bis dahin gar nicht wußte, daß es sie gibt. Im Abfallkarton neben der Papierschneidemaschine wurde ich fündig. Fein säuberlich unter Papierschnipseln verstaut, fand ich des Rätsels Lösung – ein Häufchen Thunfisch, das den langen Weg durch Katzenmagen und Darm gegangen war. Nachdem die “ Abfälle“ beseitigt waren, gab es Nachschub. Für mich Kaffee schwarz und für Kätzchen die zweite Hälfte der Dose Thunfisch mit Milch. Der Weg ins Tierheim hatte abends schon vom Programm gestrichen – statt-dessen führte mich der erste Gang in ein Geschäft für Tierbedarf. Katzenfutter, Kratzbaum, Katzenklo und Katzenstreu standen als Positionen auf meiner Besorgerliste. Wieder zuhause eingetrudelt, nahm mein Findelkind die sanitären Einrichtungen auch sofort an. Das Problem war aus der Welt. Jahre später hat Nicki – so hieß er fortan – bloß noch einmal den Papierkarton benutzt – weil ich ihn versehentlich über Stunden im Büro einsperrte. Die Tierärztin, die wir nachmittags gemeinsam auf-suchten, ordnete meine vierbeinige Begleitung denn endgültig in die Reihe “ Kater“ ein. Nicki war in meine Welt getreten – zwar erst ungefähr zehn Wochen alt – aber doch schon eine starke Persön-lichkeit. Bevor wir in unser – von nun an gemein-sames – Zuhause verschwinden konnten, trat uns mein Nachbar – ihr wißt schon, der Wirt bei dem Jonny Walker wohnt – in den Weg. Verwunderung, Neugier und Besorgnis konnte man in seinem Gesicht erkennen – Sorge wohl mehr um seine Kasse. Wo warst du gestern Abend? Dein Auto stand vor der Tür – von dir war aber keine Nasenspitze zu seh’n. Irgendwie krank . . .? kam noch halbsätzig hinterher. Nein, nein – ich war nicht krank – ich fühlte mich gesund – gesund wie schon lange nicht mehr. Das war „Nicki’s“ erste gute Tat. Mit ihm zusammen zu sein, gefiel mir plötzlich besser, als mit anderen zerknitterten Seelen in der Kneipe zu hocken. Ich konnte sehen, wie mein Gegenüber dachte: Na, Freund – du kommst schon wieder in unseren Kreis zurück – Kumpels wie Jonny Walker kann man nicht so einfach verlassen. Er sollte nicht Recht behalten.

Zugegeben – manches mal ist es mir schon ein wenig schwer angekommen – ab und an war ich auch zu schwach, um zu widerstehen – aber jede Stunde mit Nicki stärkte mir das Rückgrat. Elend kam mich immer dann an, wenn ich ihn allein gelassen hatte – jedesmal fiel er ein Stück zurück in seine Ängs-tlichkeit. Meine Nähe war für ihn wohl das Himmelreich – als wenn er mit unsichtbaren Fäden an mir festgebunden war, folgte er mir auf Schritt und Tritt. In des Wortes wahrstem Sinn. Er ließ auch nicht den Ansatz einer Diskussion zu – nachts schlief er in meinem Bett – Sommers über und Winters unter der Decke – wie es sich gehörte. Den Wecker hatte Nicki vom ersten Morgen an ersetzt. Wenn seinem Wecken kein spontanes Aufstehen folgte, schimpfte er wie eine alte Ziege. Zeitung lesen wurde zum Prozedere – immer lag Nicki auf dem Geschriebenen. Das Blatt in der Luft haltend lesen, war für ihn die Aufforderung, aus den Seiten Papier-wolle zu machen. Egal was ich ohne ihn machte – er betrachtete alles als Liebesentzug. Oder wie anders soll man es bewerten, wenn man sich an den Computer setzt – und die Tastatur ist schon von einem schnurrenden Fellberg eingenommen. Durch den Einsatz von viel Geduld – und kleinen bestechlichen Leckereien – meinerseits, nahm er davon mit der Zeit Abstand. Selbst die Badewanne flößte ihm keine Scheu ein – pflegte ich meinen gestreßten Körper im warmen Wasser, saß mein Nicki neugierig auf dem Wannenrand – obwohl Nässe für ihn so etwas wie das Weihwasser für den Teufel war. Tropfen davon betrachtete er schon als Mörderbande. Die Neugier hielt solange an, bis er einmal ins Badewasser rutschte. In eine Folter-kammer wähnte er sich wohl geraten. Nachdem er dieser Hölle entronnen war, konnte ich – geschunden und zerkratzt – aus dem rosa gefärbten Naß steigen. Die Tribüne Wannenrand war für ihn ab da tabu – er begnügte sich mit dem Platz im Parkett. Als blutiger Anfänger in Sachen Katzenhaltung besaß ich natür-lich keinen blassen Schimmer von dem, was ich mir mit Nicki angetan hatte. Woher sollte ich auch wissen, daß eine Katze dem Menschen in Psycho-logie haushoch überlegen ist? Soweit reichte mein verblasstes Schulwissen denn doch nicht – und überhaupt – hatte ich davon je etwas gelernt? Kater Nicki zeigte mir mit unendlicher Geduld, wie wertlos im Grunde alles Wertvolle ist, mit dem wir Menschen uns umgeben. Begreifen wird dem Menschen wahrlich nicht leicht gemacht – begriffen habe ich es dann aber doch. Und wenn dieser Prozess mal nicht so flutschen wollte, strafte mein Gefährte mich mit dem Entzug seiner Liebe und Zuneigung. Egoistisch wie Menschen nun mal angelegt sind, wollte und konnte ich darauf nicht verzichten – auch nicht für kurze Zeit.

Verhaltensweisen und Dinge, auf die ich mich ein-gelassen habe, behielt ich immer für mich. Meine Begleiter aus dem Freundeskreis von Jonny Walker hätten mich für meschugge erklärt. Sicher wären Anfragen in diversen Landeskrankenhäusern, auf einen freien Platz für mich, eingegangen. Wer das Glücksgefühl nicht kennt, das hochkommt, wenn die Katze ihrem Menschen verziehen hat, kann überhaupt nicht mitreden. Man vergisst spontan Verhaltensweisen, die der Katze missfallen. So einfach ist das. Nicki entwickelte sich zum Welt-meister im Kratzen. Ob es die Wand in der Gästetoilette war – an der er kratzte, als gelte es Weltmeisterwürden zu erringen – oder der gemüt-liche Sessel in meinem Büro – den meine Mutter mir schenkte, und den er, durch alle Schichten seines Sessellebens, bis auf das hölzerne Gestell bear-beitete. Bei meiner Mutter kam richtig Freude auf – ich konnte ihre schwarzen Gedanken förmlich sehen – und verstanden hat sie meinen Meister bis heute nicht. Nicki gab dem Unverständnis aber auch stän-dig neue Nahrung. Besonders wenn er auf Fliegen-jagd war – und diese einfältige Fliege ausgerechnet auf den schönen Samtvorhängen saß, die Mutter extra für mein Wohnzimmerfenster genäht hatte. Teure Samtvorhänge – wie sie immer wieder beton-te. Irgendwann erkor er sich eine Mauerecke in der Diele als Kratzobjekt. Als er sich bis auf den blanken Ziegel durchgearbeitet hatte, brachte ich sogenannte Kratzbretter an der Ecke an. Haben sich kluge Leute einfallen lassen, damit die Katzen was zu tun haben. Nicki hat diese Kratzbretter mit dem Hintern nicht angesehen – geschweige denn daran gekratzt. Gute Ratschläge, wie ich meinen Kater erziehen könnte, bekam ich bergeweise – franko und gratis. Bloß – die Absender dieser wohl gutge-meinten Tipps besaßen keinen Schimmer Ahnung von der Materie Kreatur Katze. Das ging von vorsichtigen Schlägen mit der Zeitung bis hin zum Krallen knipsen mittels einer Nagelschere – wie mein Bruder mir zuriet. Nachdem ich meinem Bruder anbot, bei ihm vorher “ sonst was“ mit der Nagelschere abzuzwacken, war auch dieser Vor-schlag ein für allemal vom Tisch. Durch Nicki lebte ich mein Leben mit Nicki. Auf vier mal dreihun-dertfünfundsechzig Tage gemeinsamen Weges konnten wir schon zurückschauen – die Kneipe und mein früherer Freund Jonny Walker waren mir fremd geworden – lief in einer abendlichen Katerschmusestunde ein Satz aus meinem Kopf: Mein kleiner Kater Nicki – ich liebe ihn so sehr – nicht für Geld und gute Worte geb‘ ich ihn wieder her. In diesem Moment tat sich mir eine neue Welt auf – nach dreimal laut wiederholen und einer Stun-de am Computer war der Text meines ersten Liedes fertig. Für die zugehörige Musik brauchte ich entschieden länger. Es war ja schließlich mein Erstgeborenes – jede Mutter kann mir das wohl nachfühlen. Es wurde letztendlich eine Spiegelplatte – eine musikalische Kostbarkeit für mich – mit sachkundiger Hilfe einer kleinen Plattenfirma her-gestellt. Die Wirrungen des Fühlens, dann plötzlich das Lied im Radio zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mein Kind hatte laufen gelernt – und nicht nur das – viele Menschen hat es bisher bewogen, anders über Katzen zu denken – ja, sie oftmals sogar dazu gebracht Heimkatzen ein neues Zuhause zu geben. Mein Leben hat dieser Markstein wohl nicht in eine andere Richtung gebracht – das hatte Nicki vier Jahre vorher bewirkt – aber mein Weg wurde heller und breiter. Freunde stehen auch wieder am Wege – sie heißen jedoch nicht mehr Jonny Walker und sie protzen nicht mit Prozenten. Ich habe erfahren, daß wer Tiere liebt – und seine Aufgabe darin gefunden hat, ihnen zu helfen – keine Krücke mit dem Namen Alkohol benötigt. Wem Bedrängnis und Not Begleiter durch den Alltag sind, wird in einem kleinen Wesen – wie mein Kater Nicki eines war – die bessere Wegbegleitung finden. Ganz gleich, wie holprig ihm der Lauf durch das Leben auch erscheinen mag.

© ee

auch zu finden in unserer Schreibwerkstatt hier :

https://christinvonmargenburg.blog/inventur-der-gedanken/unsere-schreibwerkstatt/unsere-schreibwerkstatt-2/

Dem Himmel ein Stück näher …

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Dem Himmel ein Stück näher …

E in guter alter Freund, mit dem ich über Jahre keinen oder nur sporadischen Kontakt pflegen konnte, war durch des Schicksals Walten mir unversehens wieder ganz nahe gerückt worden. Seine langjährige Partnerin, mit der er gemeinsam in jugendlichen Drangjahren so manchen Strauß mit einer dahinsiechenden politischen Gesellschaft ausgefochten hatte, war, für ihn und sicher auch für andere, vor Jahresfrist ohne große Vorwarnung von seiner Seite abberufen worden. Das war mir aus diversen Nachrufen in den medialen Netzwerken bekannt.

Nun hatte mich eine Mutter aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft gebeten ein paar Momente der kirchlichen Trauung ihrer Tochter zur Erinnerung für sie im Bild festzuhalten. Die Besiegelung des Eheversprechens würde durch den Pastor der Baptistengemeinde in deren Bethaus in Jever stattfinden.

Ohne zu zögern und ohne zu wissen auf wen und auf was ich dort treffen würde, sagte ich zu. Erfreut, verblüfft und verwundert zugleich erkannte ich in dem Bräutigam meinen alten Freund aus einer vergangenen Zeit.

Klar hatte er und auch mich durch nicht so schöne körperliche Unbefindlichkeiten in der äusseren Erscheinung ein wenig verändert – meines Freundes innere Einstellung zum Leben hatte aber offensichtlich auch eine bedeutsame „Kurskorrektur“ erfahren. Von der Rebellion zur Reformation – so war mein Denken bei unserer Begegnung während der Trauzeremonie. Mein Freund war für mich auf der Suche nach einem neuen Weg für alle seine Tage. Die Bitte an mich, doch seiner in Kürze anstehenden Aufnahme in die evangelisch-freikirchliche Baptistengemeinschaft und der damit verbundenen Taufe beizuwohnen habe ich dann mit Freuden und einer gewissen unbekannten Erwartung von etwas Ungewöhnlichem entsprochen.

Irgendwie trieb mich auch die Neugierde, denn die Art und Weise der Taufe sollte ja nicht den allgemein bekannten Ritual der „Kleinstkindstaufe“ – mittels einer priesterlichen handvoll geweihten Wassers auf das Haupt des Täuflings getröpfelt – der christlich ausgerichteten Amtskirchen in unserem Lande entsprechen. Meine Wißbegierde wurde gestillt, mein „Unwissen“ in dieser Hinsicht gründlich ausgeräumt, denn was mich beim Eintritt in den auf allen Plätzen gefüllten Kirchenraum berührte war ein Willkommen der Seelen aller in dem Raum anwesenden Personen. Die hingebungsvoll an der Orgel sitzende Organistin, der Anblick der augenscheinlich mit ihrem Instrument verschmolzenen Flötistin und der mit seiner Klampfe eins gewordene Gitarrist bildeten eine den Ohren wohlgefällige Klammer um die mit fröhlicher Begeisterung singende Gemeinschaft. Und in alldem lebensfrohen Miteinander der Generationen wurden mittendrin schon lebenserfahrene Menschen als Geschöpfe Gottes nach Johannes des Täufers Vorbild „ganzkörpergetauft“.

In dem Moment ging mir auf, dass mein Freund nicht mehr nach seinem Weg suchte, sondern dass er ihn gefunden hatte. Ich muß gestehen, dass auch ich mich in diesen Augenblicken dem Himmel ein Stück näher gefühlt habe.

©ee 

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natürlich auch gespeichert in unserer Schreibwerkstatt 2 hier auf Worthaus

Schreibwerkstatt 2

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Bild von Andii Samperio auf Pixabay

thanks