Weißt du noch . . . ???

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Weißt du noch . . . ???

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden, sozusagen ein Fall von „Staatsbeschiß – ein Aktenvorgang.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste.

Auch Zöllner sind bloß Menschen. Na ja – hin und her – Ermittlung – Anklage, Gerichtstermin, Ver-urteilung wegen Verstoßes gegen das Staatsmonopol Spritherstellung, Steuerhinterziehung, unerlaubten Handel treiben, und, und, und …

Schicksalhaft oder verschärfend an der ganzen Misere war nur der Zeitpunkt des entdeckt werden – die Tatausführung zu Billiggeldzeiten – der Urteilsspruch zur neuen D-Markzeit. Dreihundert Reichs-Mark Geldstrafe vor der Währungsreform wären gar nicht erwähnenswert gewesen – ein Fliegenschiss auf einem Fußballfeld sozusagen.

Dreihundert D-Mark nach der Währungsreform, die waren schon ein Knaller. Einige Wochen zuvor hatte jeder Deutsche Staatsbürger ja seine 40 DM Kopfgeld erhalten. Weit springen konnten die Menschen damit wahrlich nicht. Den beiden verurteilten Frauen wurde aber großzügigerweise Ratenzahlung eingeräumt: 5,- DM betrug der monatliche Abtrag an die Staatskasse.

Ein paar Tage nach Zustellung des Strafbefehls wurde meine Mutter ins Zollhaus, in die uns nächste Zolldienststelle, nach Rüstersiel einbestellt. Wir Kinder waren voller Angst, dass unsere Mutter nun eingesperrt werden würde. Bevor sie zum Amt ging kam ihr Versprechen, mit dem sie uns unsere Angst nahm. Es hat die Zeit überdauert. „Wenn man mich einsperrt, dann nehme ich euch alle mit. Dann müssen die da auch für euch alle sorgen.“ Danach ging sie zum Amt – und nahm uns alle mit. Im Gänsemarsch zogen wir die mit Klinkern gepflasterte Strasse von Voslapp nach Rüstersiel. Im Zollamt durften wir zwar nicht mit ihr zusammen in das „Allerheiligste“ vordringen, mit uns beschäftigte sich währenddessen ein älterer Zollsekretär in der Wachstube – aber wir waren der Mutter nahe. Als sie das Büro des Leiters verließ, da schwebte sie förmlich über den geölten Steinholzfußboden der Zollrevierwache nur so dahin. Der Amtsvorsteher hatte die Akte meiner Mutter vor ihren Augen zerrissen und die Fetzen mit einem Lächeln ins Nirwana geschickt. Da irren sie jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich immer noch umher. Ihrer Verpflichtung, 300,- D-Mark als „Bußgeld“in die Staatskasse einzuzahlen, war sie damit entledigt worden.

Frau Burmester hat von diesem „Schuldenerlaß auf dem kleinen Dienstwege“ natürlich erst erfahren, nachdem sie treu und brav 60 Monate lang 5 Mark gezahlt hatte. Das war meine Mutter sich selber schuldig, als kleine späte Genugtuung sozusagen.

Ja ja, die Frau Burmester … von ihr gäbe es so manche Begebenheit zu erzählen. Hier ist schon mal eine davon.

Edens hatten immer Haus- und Nutztiere. In Notzeiten ist es eine sichere Gewähr gegen den familieren Hunger. Eine Milchkuh war bei einem befreundeten Bauern im Nachbardorf Sengwarden aufgestallt, zwei Schweine bevölkerten das Jahr über den Hausstall, Karnickel mümmelten sich in den Stallungen an der Hinterhauswand durch ihr Kaninchendasein, eine Koppel Schafe und eine Ziege ließen es sich auf den gepachteten Deichabschnitten zwischen dem Geniusbankdeich und dem Knyphauser Siel, und ein gutes Dutzend Eierleger im Hühnerauslauf gut gehen. Hühner waren es später, in den Middelsfährer Obstgartenjahren, erheblich mehr von der Anzahl her. Von Middelsfähr und dem Obstgarten berichte ich an anderer Stelle ausführlicher.

Hund und Katze und Meerschweinchen zählten zwar auch zur Familie, sie spielten aber ja in Punkto den menschlichen Hunger stillen für uns keine Rolle.

Und wie es denn so war, wir hatten Hühner, Burmester hatten kein Federvieh im Stall. – also wanderten eines Tages zwei Hühner im Korbe als Hungerhilfe von Eden nach Burmester, um auch in deren Haushalt die tägliche Eierversorgung sicherzustellen. Gratis natürlich.

Wie es sich dann eines Tages so ergab – unsere Hühner waren gerade in der Mauser. Eier auf Vorrat gab es bei uns eh nicht, weil irgendwie immer Menschen da waren, die um Mutters Großherzigkeit wussten und die Eier benötigten. Kurz und gut – wir hatten keine Eier im Hause, als meine Schwester Tilde sich mit kochendem Wasser den Arm verbrühte. Um das Entstehen einer Riesen Brandblase zu verhindern musste da rohes Eigelb drauf. Da Frau Burmester wegen ihrer „Sparsamkeit“ bekannt war, hegte Mutti die Hoffnung von ihr ein Ei aus ihrem Vorrat zu bekommen – obwohl für Burmesters 6 Personenhaushalt ja nur zwei Hühner Eier produzierten.

Mathilde wurde mit der Bitte um ein Ei geschickt. Frau Burmester hatte Vorrat – ein Ei wurd’ gegeben und ein wesensbezeichnender Satz gleich dazu: Mama soll mir das Ei aber schnellstmöglich wieder zurückbringen lassen. Dazu erübrigt sich doch jeder Kommentar.

Noch eine Begebenheit möchte ich als Beleg für Frau Burmesters „Sparsamkeit“ anfügen.

Zweimal im Jahr war bei uns im Hause Schlachtfest – jedes Frühjahr und jeden Herbst sprang ein Schwein über die Klinge. Geschlachtet wurde nur in Monaten die ein „Rudolf“ im Namen führen. In den Monaten ohne dieses „r“ war es einfach zu warm.

Die Hausschlachter gingen in den warmen Monaten anderen Tätigkeiten nach – meist in ihren erlernten Berufen, denn Schlachter hatte in der Regel keiner von den mir bekannten Hausschlachtern gelernt. Beim „gelernten“ Schlachter wird das Ergebnis seiner Bemühungen meist vom Profitdenken bestimmt. Beim „Hausschlachter“ alter Prägung dagegen weitgehend von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der ihm assistierenden Hausfrau. Das alles aber hat mit Frau Burmester nun nicht das Geringste zu schaffen, obwohl es sich hier auch um die Wurst dreht.

Bei unseren Schlachtfesten bekam jedes der anwesenden Kinder einen Kringel geschenkt. Ein Kringel das ist gut 200 Gramm Mettwurst im Ring. Dieser Kringel gehörte dann jeweils dem Kind, das ihn bekommen hatte. Mettwurst soll allgemein an der Luft trocknen, bevor sie zum Verzehr angeschnitten wird. Für den Trockenvorgang werden die Würste unter der Decke – de Böän – am Schornstein oder auf dem Dachboden aufgehängt zum Reifen. Unsere Kringel hatten meist gar keine Zeit zum Reifen oder Trocknen – wir verzimmerten sie schon meist, kaum dass die Pelle, der Wurstdarm, nach dem Füllen trocken war. Wir brauchten ja nicht sparsam damit umgehen, denn bei uns hingen das ganze Jahr über Mettwürste und Speck- oder Schinkenseiten an der Decke und warteten darauf, den Weg alles Vergänglichen gehen zu können.

Burmesters Kinder Gertrud, Herbert, Hans-Georg und Otto hatten ja schnell gespitzt, dass bei Edens wieder ein Schlachtfest bevorstand und zogen am Abend mit ihren Kringeln beglückt nach Hause.

Als das nächste Schlachtfest angesagt war, da hingen die Kringel der Kinder noch immer in Burmesters Küche an der Decke. Soviel zu Frau Burmesters Sparsamkeit.

Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die auch mit Torf und Schwein zusammenhängt, spielt zwischen Eversmeer, Sengwarden und Voslapp. Mutti konnte sich wegen ihrer Aktivitäten im Moor auch zu den Torfproduzenten und -händlern zählen. Wir besaßen in Ostfriesland Land und Rechte um im Moor Torf abzubauen. Zumeist sollte es für den Eigenbedarf sein – in gewissem Rahmen wurde der Torf aber auch verhandelt. In diesem besagten Fall hieß es Torf gegen fettes Schlachtschwein. Schweineanbieter war der Bauer L. bei Sengwarden. Meine Mutter und der Bauer waren sich schnell handelseinig – und sowieso, man kannte sich ja von diversen anderen Alltags-Geschäften her. Ein Fuder Torf stand gegen ein schlachtreifes Borstenvieh.

Den Torf von Ostfriesland nach Wehlens transportieren, das war kein Problem. Fuhrmann Karl Buntkiel aus Alt-Voslapp war für solcherart Unternehmungen stets der richtige Mann. .Sein alter Frachtwagen mit Holzgasmotor erledigte einfach alles. Der Torf kam vormittags zum Bauern auf den Hof und das Schwein sollte dann im Gegenzug des Abends im Schutze der Dunkelheit über die Besat-zungsgrenze an den Kontrolleuren vorbei nach Voslapp geschafft werden. Von wegen der gesetzwidrigen Schwarzschlachterei. So war es zwischen Mutter Sophie und Bauer L. abgesprochen und mit Handschlag besiegelt worden. Als das Fuder Torf aber des Mittags auf dem Hof lag, da bestand Bauer L. plötzlich darauf, dass das Schwein sofort und in der Tageshelle abtransportiert werden sollte.

Wie meiner Mutter gesteckt worden war, warteten am Kontrollpunkt schon die Besatzer aus der benachbarten Kaserne, um die Sau zu beschlagnahmen. Die Serben hatten auch wohl gewaltig Appetit auf Schweinebraten, der ihnen hier aus der Nachbarschaft angekündigt worden war.

Des Bauern Schlitzohrigkeit hatte ihm vielleicht auch eingegeben, das Schwein über den Grenzposten wiederzubekommen. Frei nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Er wollte wohl Torf haben und Schwein behalten. Wahrscheins hatte er sich gute Chancen dafür ausgerechnet, denn Mutter Eden war ja mit dem Fuhrmann allein in fremdem Revier, und der Torf lag im großen Haufen auf dem Hof. Solch einen dicken Strich hatte Bauer L. sein Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen, als wie Sophie ihm jetzt einen durch seine Rechnung machte. Er meinte vielleicht Sophie Eden gut und lange genug zu kennen – er kannte sie nicht. Nicht gut und nicht lange genug.

Fuhrmann B. bewachte also nach strikter Weisung den Torf und Mutter trommelte derweil in Voslapp alle Kringelempfängerkinder zusammen und beor-derte sie umgehend ins Nachbardorf. wer von den Nachwuchsvoslappern irgendwie und irgendwo einen Drahtesel auftreiben konnte, der schloß sich spontan diesem Kreuzzug in das zu der Zeit noch jeverländische Kirchdorf an.

Im Nullkommanichts waren die Torfstücke von vielen flinken Kinderhänden wieder aufgeladen und nahmen anschließend, an den sichtlich enttäuschten Besatzerkontolleuren vorbei, den Weg nach Voslapp. Für unseren eigenen Bedarf blieb dann von dem Fuder nicht viel übrig, weil ja die vielen freiwilligen Helfer auch belohnt werden mussten. Die hinterlistige Rechnung des Bauern aus Wehlens war aber jedenfalls nicht aufgegangen. Das war meiner Mutter der Einsatz wert gewesen.

Das man besser erst gar nicht versuchte mit Sophie Eden solcherart Spielchen zu spielen hatte meine Mutter ihm aufgezeigt.

Zumindest das hatte er wohl begriffen, wie er es später einmal sagte, der Bauer L. aus W.. Und am Ende die Freude, dem reichen Landmann die Suppe versalzen und eine Reihe armer Kinder und deren Familien zu einer warmen Küche verholfen zu haben, hat sie, so glaube ich, mehr gewärmt, als wie das größte Fuder Torf es hätte tun können.

Unsere Mutter setzte sich des Abends, wenn wir Kinder zu Bett waren und alles andere versorgt war, auf einem Stuhl vor den Küchenherd. Die Füße steckte sie in den noch warmen Backofen, weil des Nachts der Herd nur eingelegt war, und der sonstige Raum doch zumeist sehr abkühlte. Dann strickte sie, und wenn wir Kinder denn des Morgens zu Potte kommen mussten, weil die Schule uns rief, dann konnte wieder eines von uns ein Paar in der Nacht von ihr gestrickte lange Wollstrümpfe anziehen. Sie reichten uns stets bis hinauf in die Leisten. Wenn dies hier später vielleicht einmal jemand lesen wird, dann mag er wohl staunend sagen, so etwas gibt es nicht. Und doch war es so.

Eine andere Begebenheit möchte ich erzählen, die manch einer auch ins Reich der Fabel abtun würde.

Meine Schwester Meta war nach ihrer Schulzeit in Stellung gegangen. Das heißt, sie war als Magd bei einem Bauern im Jeverland in Arbeit gekommen. Im ersten Winter kam sie am Abend vor ihrem freien Tag spät mit dem Fahrrad nach Hause. Jede zweite Woche gab es in der bäuerlichen Landwirtschaft am Sonntag frei – aber nur immer die Zeit zwischen dem morgendlichen und dem abendlichen Melken. Ihre Kleidung, ihre Wäsche und alles was sonst dazugehörte, das musste zuhause von der Mutter in Ordnung gebracht werden. Erbärmlich war der Zustand meiner Schwester. Völlig durchnässt, völlig durchgefroren und mit Erfrierungen an den Füßen – auch wegen des dünnen Schuhzeugs. Sie war fast unfähig noch laufen zu können. Unten in der Nähstube auf dem Chaiselongue, unserem französischen Prachtmöbel, machte Mama ihr eine Schlafstatt zurecht, auf der sie dann auch sogleich in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Sie war total erschöpft. Mutter blieb die ganze Nacht auf und umsorgte ihre Tochter. Sie nutzte die Zeit, um zu nähen und zu stricken. Als meine Schwester des Morgens erwachte, konnte sie ein Paar neue Wollstrümpfe anziehen, die unsere Mutter in der Nacht für sie gestrickt hatte – und sie hatte in den Füßen keinen Frost mehr. Sie war vollkommen beschwerdefrei. Was war geschehen? Mutter hatte die ganze Nacht hindurch mit Urin getränkte Umschläge um die frostgepeinigten Füße ihrer Tochter gewickelt. Sie hatte uns Geschwister deswegen ein paar Mal aus dem Schlaf geholt, wenn ihr für die Behandlung der Urin ausging, damit wir unsere Pipi in einen Topf pinkelten. Ein Wunder war geschehen – so schien es.

Mutter konnte aber auch anders sein. Manches mal grenzten ihre erzieherischen Maßnahmen auch fast an Wunder. Meine jüngste Schwester Helene war ja ihrem Gebaren nach schon eher ein Junge. Sie war unangefochten die Anführerin aller in der Nachbarschaft wohnenden Jungen. Die der Mädchen natürlich auch. Unser Schulweg in Voslapp war eigentlich ein kurzer Weg über eine gute Strasse. Helene mitsamt ihrer Clique benutzte aber einen anderen Schulweg – die Verbindung zwischen und hinter den Siedlungen – den Weg durch die Entwässerungsgräben, die ‘Gubbelschlöte’. Dementsprechend sahen sie natürlich auch alle aus, wenn sie aus der Schule durch den Garten nach Hause gestiefelt kamen. Für unsere Mutter war das immer wieder eine riesige Freude, denn nicht nur Helene stand stets zur Reinigung an – nein, auch ihre Gefährten wurden geschrubbt und die Kleidung gewaschen und geflickt. Ansonsten hätte es nämlich bei den meisten von ihnen zuhause ein Riesendonnerwetter gegeben. Eines Tages nun hatte Mama Sophie einen großartigen Einfall – eine grandiose Idee.

Helene wurde ernsthaft von ihr klargemacht, dass, würde sie noch einmal mit den Kameraden durch die Gräben ziehen, meine Mutter ihr eine Stricknadel in den Hintern stechen würde. Wobei Mama ihr zeigte, bis wie tief der Stich beim ersten und um wie viel tiefer der Stich beim zweiten Mal ausfallen würde. Und da unsere Mutter ja allgemein als eine ernsthaftige Person galt, ging Klein-Helene fortan ganz gesittet den normalen Schulweg über die befestigte Strasse. Dadurch war Helene nun keineswegs zu einer Musterknäbin geworden – aber ein kleines Stückchen mehr Mädchen war sie von da an doch.

So reiht sich ein Kindheitserleben an das andere. Es gibt noch viel zu berichten.

Wenn unsere Mutter von zuhause fort war, was ja nahezu täglich der Fall war, blieben wir Geschwister natürlich allein im Hause bis sie von ihren Geschäften zurückkehrte. Wo sechs Kinder sind, da sind naturgemäß auch viele Freunde. Mutters Leitsatz, wenn sie ging, der war stets: Geht nicht mit euren Schulkameraden nach Hause – ich will, wenn ich wiederkomme, von den Eltern der anderen keine Klagen über euch zu hören bekommen. Ich weiß, ihr seid vernünftig – bringt eure Freunde mit nach Hause – wenn dann mal etwas kaputtgeht, dann habe ich wenigstens keinen Streit mit den anderen Eltern. Diese Regel wurde von uns Geschwistern auch eisern befolgt. Dadurch war bei Edens natürlich immer was los. Langeweile war ein Wort, das uns völlig fremd war. Wir kannten Spiele, von denen heute die Kinder keine blasse Ahnung mehr haben. Sie sind zum größten Teil aus dem Wissen der Menschen verschwunden.

Einige Spielchen und ihre Abfolge möchte ich hier festhalten. Vielleicht leben sie eines Tages wieder auf, und erfreuen die Kinder erneut.

Ganz raffiniert war der „Besuch beim Zahnarzt“. Der Patient setzte sich auf den, mit einer bis zum Fußboden reichenden Decke versehenen und mit Löchern in der Sitzfläche präparierten, Behand-lungsstuhl. Ihm wurde ein Umhang umgelegt – der Kusendoktor schaute ihm mit einem zu einem Spiegel umfunktionierten Tee- oder Kaffeelöffel in den Mund. Es wurde mit dem Löffel geklopft und geguckt – und immer wieder kam die besorgte Frage des Doktors: Spürst Du schon etwas? Die Frage wurde solange mit einem Nein beantwortet, bis der unter dem Stuhl versteckte Mitspieler mit Hilfe einer Stricknadel beim Patienten für mehr oder weniger heftige „Zahnschmerzen“ im Podex sorgte.

Als Patienten konnten natürlich nur immer wieder Neulinge angeworben werden, was die Sache manchmal allerdings etwas schwierig gestaltete.

Der Besuch auf der Sternwarte war ein ebenso beliebtes Neulingsspiel.

Der Besucher durfte auf den Beobachtungsstuhl Platz nehmen. Da Sterne ja nur bei Dunkelheit beobachtet werden können, bekam der Sterngucker zuerst einmal einen blickdichten Militärmantel über den Kopf gehängt. Durch einen Ärmel dieses Mantels sollte dann wie durch ein Fernrohr der Sternenhimmel betrachtet werden. Von außen wurde anschließend immer wieder die Frage gestellt, ob denn schon etwas zu sehen sei. Es war solange ein Nein zu vernehmen, bis einer von uns Außenstehenden einen Topf kalten Wassers in den Mantelärmel entleerte. Keiner der Eingeweihten verriet etwas, damit uns die unwissenden Besucher nicht von der Fahne gingen. Jeder von uns war ja einmal auf der Schadensseite gewesen und alle wollten naturgemäß auch mal auf der Seite der Schadenfreude stehen. Diese Genugtuung wollte sich doch niemand entgehen lassen.

Ein ganz vergessenes Vergnügen war das Spiel, das wir „Schlittenfahren“ nannten. Schlittenfahren im Sommer und ohne Schnee. Irgendwie waren wir die Erfinder der späteren Sommerrodelbahnen.

Für dieses Vergnügen benutzten wir die Matratzen unserer Betten aus den Schlafzimmern im ersten Obergeschoß. Es waren die für diese Zwecke hervorragend geeigneten und ein wenig hartleibigen dreigeteilten Seegrasmatratzen, die zu der Zeit ausserhalb der ländlichen Gebiete schon die Strohsäcke oder –schütten ersetzten, die noch in den Alkoven oder Butzen unserer Großeltern zu finden waren. Die einzelnen Teile dienten uns als Schlitten, auf denen wir immer wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinunter „rodelten“. In der Breite füllten sie exakt den Treppenlauf aus. Von dieser Zweckentfremdung der Matratzen durfte unsere Mutter ganz gewiß nichts wissen, das wussten wir. Irgendwann hat sie dann davon erfahren – aber wie gesagt, das war irgendwann – und irgendwann hat sie mir auch einmal erzählt, dass sie davon immer gewusst hat, und dass uns nur nie die Freude am Zuhausebleiben nehmen wollte. Unsere Mutter war schon eine kluge Mutter.

Äußerst beliebt war unter uns Kindern – und da waren es vornehmlich wir Bengels – zur Vorweih-nachtszeit das „Einrauchen“ der Tonpfeifen der Stutenkerle vom Nikolaustag. In Ermangelung originalen Tabaks rollten wir die wintertrockenen Blätter der Hainbuchenhecken und stopften damit die tönernen weißen Pfeifenköpfe, um sie dann mit mehr oder minder großem Erfolg zu schmöken. Mehr oder minder heißt, bei einem „mehr“ war der Erfolg in die Hosen gegangen – bei einem „minder“ beschränkten sich die Folgen auf einen verkorksten Magen und ein grünes Gesicht.

Ein Erleben dieser Art von Häuptlingswürde ist mir besonders lebhaft in der Erinnerung haften geblieben. Unser Stall auf dem Hof hatte über dem Hühnerrefugium einen kleinen Spitzboden unter dem Dachgebälk, auf den wir Kinder uns mit Vorliebe zurückzogen, wenn es etwas zu beschicken oder zu bereden galt, was nicht für die Augen und die Ohren der Großen bestimmt war. In diesem Rückzug von der Alltagswelt fanden auch die ersten Erkundungsstreifzüge in die Gebiete der noch mädchenhaften Weiblichkeiten des anderen Geschlechtes statt. Es waren für uns alle alles prägende Erlebnisse und Erfahrungen – diese noch zaghaften, aber im Nachhinein wunderbaren ersten Schritte in die Erwachsenenwelt hinein.

 

Weißt du noch . . .

 

Die Sommerrosen aus der Zeit –

weißt du noch wie sie rochen?

Die Jugend – sie liegt lang schon weit –

als wir in Hecken uns verkrochen.

 

Ob wir was ausgefressen hatten –

oder weil es bloß so schön,

manchmal war es kühler Schatten –

der uns ließ den Himmel seh’n.

 

Süßgeahnte fremde Welten –

noch nicht gefühltes dunkles Glück,

wie oft begann man uns zu schelten –

zog uns in Unschulds Welt zurück.

 

Doch jedes Riechen prägte Male –

mit jedem Fühlen loderte – zuerst der Kern,

und dann die Schale –

jeder Blick rückte die Kindheit fern.

 

Bis sie in tausend kleinen Stücken

füllte der Jugend engen Raum –

der Kindheitswelt mußt’ man entrücken,

es blieb uns immer nur der Traum.

 

Drum lebe, wenn du Kinder findest –

egal auch wo auf dieser Welt,

den Traum zurück – indem du bindest

die Seele nicht an’s große Geld

 

Ich sehe Feuermale streichen,

der Geist entweichet aus der Flasche –

wenn wir uns nicht die Hände reichen

liegt Unschuld bald in Schutt und Asche.©ee

 

 

Eines schönen Sommertages kam meine schon etwas sehr ältere Kusine Rinelde, die bei uns in der Strasse uns schräg gegenüber wohnte, aufgeregt rufend zu unserer Mutter in die Küche gelaufen. Tant’ Sophie … Tant’ Sophie … euer Hühnerstall brennt. Und tatsächlich – zwischen den roten Dachziegeln stieg intensiver grauer Rauch aus dem Inneren des Stalles auf. Was war die Ursache dieser beängstigenden Rauchentwicklung? Auf dem Hühnerstallboden hockten mein Bruder Hermann mit Gerd Buse und einigen anderen Kriegern – sie rauchten, was das Zeug hielt. So brannte zwar nicht unser Hühnerstall, aber eine überaus kurze Weile später (das jetzt bitte nicht mit dem Begriff ‚kurzweilig’ verwechseln) brannten in den heißesten Lohen die Hintern einiger tapferer Krieger und Friedenspfeifeschmökern. Der böse Zufall wollte es nämlich, dass Gerd Buses Vater Karl das Geschehen ob der Aufgeregtheit meiner Kusine aus erster Hand mitbekommen hatte, weil er gerade auf einen lütten Köhm bei Edens in der Küche weilte. Vater Karl war in seiner Art der Knabenzüchtigung nämlich nicht gerade zimperlich, und seine Pranken waren breiter, als mancher Übeltäter Hintern groß war. Daran konnte dann auch der heftigste Einspruch meiner Mutter nichts ändern. Dieses „Pack Haue“ war aber meines Wissens und nach meiner Erinnerung bei uns damaligen Welterkundlern von vorneherein mit einkalkuliert. Es hat uns auf jeden Fall nicht merklich vom Kurs abgebracht – geschmökt haben wir nach wie vor, eben nur an anderen, an nicht so augenfälligen und gefahrvollen Orten.©ee

 ewaldeden

ein kleiner Teilauszug aus

Verwehte Zeit

Die haben ganz einfach Schiss . . .

Die haben ganz einfach Schiss . . .

Dieser Ausspruch eines Menschen in seinem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen gleich-gültige Gesellschaft, gegen teils kriminelle Machenschaften „geachteter Mitbürger“ und gleichermaßen gegen hinkende Bürokraten – die sich beim Versuch des Spagats zwischen Dienstpflicht und Eigeninteresse nicht selten den Schritt ausleiern – war der Anstoß zu dieser Geschichte.

Ich möchte mit meiner Nachbe- trachtung gewisser Ereignisse keines-wegs den Anspruch absoluter Wahrheit in die Welt hinausschreiben, aber es ist nachvoll-ziehbar – und irgendwo ist es so geschehen.

Es begann ganz einfach mit einem miesen Gefühl zwischen Kopf und Bauch – nicht sofort einzuordnen, und nicht sogleich am festen Nagel aufzuhängen. Ein wohlverdienter Urlaub sollte es werden – diese Bildungsreise nach Südamerika. Erholen wollte man sich vom leicht angestaubten alten Europa. Südamerika deshalb, weil Familienbande über den Atlantik reichten, die noch intakt waren.

Man sah die Reise sozusagen als ein Stück Gemeinschaftspflege – und war auf der anderen Seite der Erdkugel plötzlich in diesem Begriff gefangen. Die Realität am „Urlaubsort“ ließ das – von zu Hause mitgebrachte – Weltbild, in den Köpfen unserer Freunde zu einer unschönen Ansammlung von hässlichen Farben werden.

Sie konnten es nicht einmal mehr als das Werk eines skurrilen Künstlers einordnen. Plötzlich sahen sie, daß ihre Welt auf dem Kopf stand – bislang von ihnen, im fernen Deutschland, unbemerkt. Plötzlich wußten sie auch, warum die sogenannte zivile Weltordnung so häufig unter Kopfschmerzen leidet. Sie stellten ihr Denken spontan auf die Füße, und stellten erleichtert fest, daß sie besser laufen konnten. Kaffee sollte sie in die Zukunft begleiten. Nach sorgfältiger Vorbereitung war der Fahrplan fertig. Die Reise in eine bessere Welt konnte losgehen.

Über die Stationen am steinigen Weg und die vielen verschobenen Wegweiser möchte ich berichten.

Die Strasse führt weniger über sonnige Wiesen, häufiger vorbei an tiefen Schluchten und durch sumpfige Moore, in denen auf toten Baumstümpfen die Geier warten.©ee

Antik-Haus Jever

Antik-Haus Jever

Der Hof von Oldenburg in der jeverschen Stadtmitte – gegenüber des alten Marktes, an der Zufahrt zum Wahrzeichen der Marienstadt, dem wunderschönen Häuptlingsschloss des Fräulein Maria – ist für sich schon eine Sehenswürdigkeit.

Ans Schlosscafe und Hofkonditorei schließt sich nahtlos das Antik-Haus an. Ein Ensemble – wie geschaffen für Augen, die das Besondere lieben. Ebenso wie man bei den Köstlichkeiten der Hofgastro-nomie verweilen muß – genauso wenig kann man am Eingang des Antikhauses vorübergehen.

Die Schönheiten im Innern würden auf jeder Messe einen Preis erringen. Die Ausstattung der Geschäftsräume gleicht dem Inhalt einer riesigen Schatztruhe. Man spürt draußen schon den Sach-verstand und die liebende Hand von Kennern der Materie. Ein Schritt hinein – und der Besucher muß erst einmal innehalten – muß sich die Atmosphäre vergegenwärtigen. Manch einer mag bei den Schlägen einer alten Uhr – oder beim Leuchten einer schmuckvollen Lampe Bilder vom Wohnen seiner Vorfahren in sich fühlen – und vielleicht auch die neue, die nüchterne Zeit mit etwas anderem Empfinden betrachten.

Das Interieur beschränkt sich aber beileibe nicht bloß auf den Bereich des „feinen Wohnens“ – das heißt auf die Einrichtung der guten Stuben – nein, auch aus dem Alltagsbereich wie Küche, Keller und Garten findet der neugierige Sucher liebevoll wiederhergerichtete Gegenstände. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee wird keinem Kunden das Stöbern langweilig werden.

Schauen sie einfach mal rein ins Antik-Haus Jever unweit des Schlosses.©ee

Sternstunden …

Sternstunden …

 

Zur Welt gekommen bin ich in einer Zeit, als es in Deutschland noch gehörig dunkel war. Zwei Tage vor dem heiligen Abend im Jahre 1944.

Hilfreiche Hände holten mich mittels Kaiserschnitts aus dem Bauch meiner Mutter an das funzelige Licht der Notbeleuchtung im Bunker des St. Willehad Hospitals in Wilhelmshaven. Die Kaiserschnittgeburt bewirkte, dass ich am Anbeginn meines Erdendaseins nicht gepresst, gedrückt und verunziert ausschaute, wie andere Neuerdenbürger, die den von Mutter Natur eigentlich dafür vorgesehenen Weg, aus der behüteten Enge das Mutterleibes als Wiege des Lebens, in die Freiheit der Welt nehmen müssen.

Als wollte der Herr des Lebens mein Erscheinen auf der Bühne des Lebens noch besonders herausstellen, hatte er mein Haupt schon gleich mit einer Fülle von lockigen dunklen Haaren geschmückt. Es soll prächtig ausgesehen haben. So wurde es mir in späteren Jahren noch oft erzählt.

Das alles geschah in einer für die Menschen in Deutschland mehr als schwarzen Zeit, zwei fingerbreit vor Weihnachten. Der Ort des Geschehens war ein katholisches Krankenhaus mitten im evangelischen norddeutschen Plattland.

In diesem Krankenhaus gab es als Hausbedienstete zu der Zeit noch nur Ordensschwestern, Nonnen also, die im heutigen Sprachgebrauch auch gerne als „schwarz“ bezeichnet werden. Diese Frauen waren damals in der schlechten Zeit zwischen Tod und Verderben wahrhaftig helle Lichtgestalten. Sie waren einfach weiße Engel. Damit ist es wohl recht getroffen. So haben sie auch an Heilig Abend 1944 mit ihren bescheidenen weil beschränkten Mitteln versucht, in den Köpfen und Herzen der Kranken, der Verwundeten und der Hoffnungslosen am Rande des großen Elends ein wenig den Glauben an ein Ende des Schreckens wiederzuerwecken.

Sie sind in der Heiligen Nacht bei Sirenengeheul und Fliegeralarm mit der hölzernen Krippe aus der Weihnachtsgeschichte von Bettstelle zu Bettstelle gezogen, um die Menschen in den Betten und auf den Notpritschen ein wenig zu trösten. Sie hofften, dass die Patienten den Krieg, der über der Stadt und ringsum im Lande tobte, für ein paar Minuten vergessen würden.

Um dem Wunder von Weihnachten ein lebendiges Gesicht zu geben, hatten sie mich, den gerade Neugeborenen, in die Krippe gelegt. Ich soll so zufrieden ausgeschaut haben, dass viele der Leidenden ein wenig Freude mit in die heilige Nacht genommen haben.

Eine geraume Weile später war dann die Hölle des Tausendjährigen Reiches ausgestanden. Die Bevölkerung des Landes musste aus den tiefen Löchern, in denen sie sich nach den Jahren mit Feuer und Tod noch befand, auf die Ebene des normaltäglichen Zusammenlebens wieder herauskriechen.

Allein mein Vater der wollte nicht mehr kriechen – auch nicht nach oben und ins Leben. Ich kann nur vermuten, dass ihm das bis dahin im Leben erlebte für sein Leben reichte.

Er war mit offener TBC von See und aus dem Kriegsgetümmel an den heimischen Herd zurückgekommen. Er litt an der Schwindsucht, wie die Nachbarn es hinter der Hand nannten. Wenn es denn böse Nachbarn waren, und deren gab es in der Zeit auch schon reichlich – dann riefen sie es ihm und uns auch wohl laut hinterher. Als er denn am 29. im Hornung 1952 seine letzte Piep geschmökt, und den Löffel endgültig aus der Hand gelegt hatte, da war auch diese Zeit vorüber. Menschen sind ja sehr vergesslich, besonders wenn es denn um ihr eigenes Fehlverhalten geht.

Wenn ich jetzt schreiben würde, ab da musste unsere Mutter alleine dafür Sorge tragen, dass auch bei uns das Leben wieder in geordnete Bahnen einmünden konnte, so würde das nicht den Tatsachen entsprechen. Unsere Mutter hatte von Anbeginn ihrer Ehe den größten Teil aller Last getragen. Der ihr Angetraute befand sich ja zumeist in seiner Koje auf See, oder an Land in den Betten irgendwelcher Seemannsbräute auf der nördlichen Halbkugel des Globus. Meiner Mutter war mit dem frühen Dahinscheiden des Vaters ihrer Kinder eine große Erleichterung in den Schoß gefallen. Jetzt war sie offiziell das, was sie zuvor immer schon gezwungenermaßen sein musste, nämlich der „Herr im Hause“ .Sie war ein gütiger Herr im Hause, muß ich hinzufügen (sie versuchte es zumindest zu sein, gelungen ist es ihr freilich nicht immer so ganz). Sie war auch weiterhin, so wie auch die Jahre zuvor, ständig unterwegs, um den Familientopf am kochen zu halten.

Und ich als lütten Büdel – denn ich war ja so etwas wie ein Nachkömmling – war fast überall dabei, und habe mit Kinderaugen in viele „Geschäftsvorgänge“ hineinschauen können, die für das Schauen durch Kinderaugen noch gar nicht bestimmt waren..

Wenn ich so an die Jahre und das Erleben meiner Kinderzeit in der Zeit als die Zeit langsam ein wenig hellerer wurde, nach Rückwärts entlang schaue, dann weiß ich, dass mir da doch ganz häufig etwas zugefallen ist, so etwas wie den Menschen 1944 im Bunkerhospital von St. Willhad.

Ich kann mich an viele dieser Momente erinnern, als wenn das Geschehen erst Gestern war.

So auch, wenn wir – meine Mutter und ich – den ganzen langen Tag in Ostfriesland von Haus zu Haus unterwegs waren. Wir beide mit Mamas altem Drahtesel von Fahrrad. Sie saß auf dem Sattel und strampelte in die Pedale, während ich wie ein Königskind gut in dem an der Lenkstange vor ihr befestigten Weidenkorb aufgehoben war. Bei jedem Wetter waren wir unterwegs, selbst bei Sturm und Hagel.

Die Hintour nach Ostfriesland führte stets über Sillenstede und Jever. Kaufmann Gemblers Gemischtwarenladen in Moorwarfen war der erste Halt auf der Strecke. Hier wurde die erste Ware abgeliefert – der erste Tee und der erste Genever blieben hier zurück und harrten hinter dem Ladentresen auf den Verzehr durch die Endgenießer.

Was meine Mutter von Kaufmann Gembler als Gegenwert dafür bekam, das will mir partout nicht wieder einfallen (oder ich habe es gar nicht zu wissen bekommen) – aber was ich stets auf der ersten Station bekam, DAS meine ich heute noch manchmal auf der Zunge zu schmecken.

In einer solchen Zeit wie der damaligen zweimal die Woche schon des Morgens in der Frühe eine große mit Bonbons gefüllte Spitztüte in die Hände gedrückt zu bekommen – DAS war durchaus NICHT normal, und so etwas vergisst ein Mensch wohl auch sein Lebtag nicht wieder.

Ich habe es jedenfalls nicht vergessen.

Ein paar Kilometer weiter und ganz oft in die Pedale treten später gab es immer den nächsten Halt. Bei einem Onkel von mir, dem Mann einer in 42 verstorbenen Schwester meiner Mutter. Tante Anni war nach der Geburt ihres einzigen Kindes dem Kindbettfieber erlegen. Später habe ich oft gedacht, dass sich Schicksale wiederholen, denn ihr Mann ist einige Jahre später auch einem Fieber erlegen, nämlich dem Suff, dem Alkohol, dem er sich schon früh ergeben hatte. Das ist aber eine oder viele andere Geschichten.

Wo wir anschließend am Tage dann in Ostfriesland auch Station machten – und das waren nicht gerade wenige Privathäuser, Bauernhöfe, Kolonialwarenläden und Krüge (Dorfkrüge, Gaststätten) – überall da fiel ein bisschen was für mich ab.

Und die Welt konnte es mir damals durchaus schon ansehen – ich nannte von klein auf an einen unverkennbaren „Speckbauch“ mein Eigen. Bei einer solchen Verwöhnbeköstigung war es ja aber auch kein Wunder.

Bei meiner Tante Leni, als meiner Mutters jüngster Schwester, in Bernuthsfeld währte der Aufenthalt zumeist ein wenig länger. Essen und Trinken standen schon in der Wohnküche auf der Tafel parat, wenn Mama und ich von der Willmsfelder Chaussee in den Sandweg abbogen, der zu ihrer Hausstelle führte. Ganz gleich, welche Zeit die Uhr auch gerade anzeigte.

Ihr Lebensgefährte, Onkel Gustav, der sorgte schon dafür, dass mir auch genug von der besten Wurst und dem leckersten Schinken zwischen die Zähne geriet.

In seiner Alltagsarbeit war er nämlich Schlachter. Er bestand aber auf der Berufsbezeichnung „Metzger“ – er kam nämlich aus dem Westfälischen und war in den Nachkriegswirren bei Tante Helene wegen oder mit irgendwas „hängengeblieben“. Damit teilte er ja das Schicksal vieler „Nachkriegsmänner“, die irgendwo in Deutschland mit irgendwas hängengeblieben waren. Und sei es nur aus Freude, als Spaß an der Sache sozusagen.

Wenn er mich ansah, dann leuchteten auf jeden Fall seine Augen vor Freude.

Tante Leni sagte irgendwann einmal zu mir: „Wenn Gustav di sücht, denn hööcht hüm dat hoast mehr, as wenn he sükk een moied Schlachtschwien ankikkt“. (Wenn Gustav dich sieht, denn freut es ihn fast mehr, als wenn er sich ein schönes Schlachtschwein ansieht.)

Es war schon eine besondere Zeit damals.

Einzig bei meiner Oma, die ein paar hundert Meter weiter schräg übers Moor wohnte, da gab es nix – nicht für mich und nicht für meine Mutter oder für meine Geschwister zuhause.

Meine Oma die war so was von grannig (geizig) – sie ist trotz ihrer bis zum Bersten gefüllten Speisekammer im Bett verhungert.

Sie duldete auch niemanden in ihrem Hause und um sich herum. Alle Besucher, und damit meinte sie vordergründig ihre Familie, die zu ihr ins Haus kämen, die wollten sie eh nur bestehlen. Das meinte sie wirklich so – und das sagte sie auch jedem Menschen so.

Oma Meta war aber gottseidank eine der großen Ausnahmen in der Reihe meiner Kinderzeiterfahrungen.

Denn wo mich der Weg meiner Mutter sonst auch hinführte, überall haben die Menschen mich etwas Besseres wissen lassen.

Bei Djuren zum Beispiel – da im „Bernuthsfelder Hof“ – da stand für mich bereits ein Glas mit Brause auf dem Tresen, kaum dass man drinnen in der Gaststube Mamas Rad draußen an der Hausmauer klötern gehört hatte. Wer hat als ein Steppke, dessen Nase noch nicht einmal über die Tischkante hinausragte, in dieser Zeit denn schon Brause ausgeschenkt bekommen – und das auch noch in einem echten verräucherten Dorfkrug, in einer richtigen Kneipe.

Des Öfteren ließ Mama mich auch wohl für ein paar Stunden bei den Müllers in Verwahr. Die Müllers hießen Müller, sie waren aber Ackersleute. – es waren nur noch Mutter und Sohn Müller – Vater Müller war aus Rußland nicht wieder heimgekehrt. Er war 1944, trotzdem er Bauer auf eigener Scholle war, in den Krieg gezogen worden, weil er etwas von wahnsinniger Kriegsführung gesagt hatte. Ein Nachbar als strammer Parteigenosse hatte es gehört, und umgehend für die Verschickung gen Osten, an die Front in Feindesland, gesorgt. So war Sohn Renko, obgleich ein noch fast bartloser Jüngling, schon Bauer auf dem Hof an der Willmsfelder Chaussee, direkt am Meerhuser Busch gelegen, geworden.

Mich ließ Mama jedes Mal dort in Verwahr wenn die Zeit sie drängte. Ohne mich als „Vorsitzer“ konnte sie denn doch schneller durchs Moor und zu den abseits gelegenen Hofstellen radeln. Denn ganz gleich wie die Begleitumstände waren, sie durfte keinen Kunden auslassen. Das waren die Menschen in ihren oft Einsiedeleien von Sophie nicht gewohnt, denn viele kannten meine Mutter ja schon als treue und verlässliche Warenzuträgerin aus den Fischhandelstagen meiner Großeltern gleich nach dem ersten Weltkrieg.

Wenn sie mich also „zwischenparkte“, dann bedeutete es für sie eine kurzfristige Erleichterung, und für mich war es das reinste Vergnügen, denn die Müllers hatten scheinbar an mir irgendwie einen Narren gefressen. Ich durfte auf dem Bock des Pferdewagens den Kutscher spielen, Renko brachte mir das sich fortbewegen auf einem Pferderücken bei, das Kühemelken, das Schweinetreiben und viele andere Dinge, die einem Stadtkind unbekannt blieben lehrte er mich. Ich war völlig ungebunden, und konnte eigentlich machen was ich wollte. Dass ich trotzdem ständig unter Kontrolle war, das habe ich in den ganzen Jahren nicht einmal bemerkt. Ich war Renko Müller sein Patzmann, sein Großknecht, wie er mich den Nachbarn gegenüber stets benannte.

Seine Mutter – „Tant’ Müller“ wie sie allgemein nur hieß – machte nur für mich zur Teezeit immer Kakao, weil Großknechte, wie sie es mir stets wiederholte, vom Teetrinken doch eine schlappe Nase bekämen. Dass Großknechte vom „ganz was anderes trinken“ eine „schlappe Nase“ bekamen, das hat sie mir wohlweislich verschwiegen, die Gute.

Der Kakao den sie mir bereitete – Schokolade sagte sie vornehm – der war aber auch vornehm. Aus dem dunkelsten Kakaopulver und Milch, die noch warm von der Kuh war, zubereitet – mit viel Zucker und obenauf dann noch ein ordentlicher Schuß vom gelben Rahm …

Es ist jetzt ja leicht verständlich, dass er mir hervorragend geschmeckt hat, und geholfen hat es ganz sicher auch.

Wenn ich die Erinnerung daran Revue passieren lasse, dann ist mir nach so vielen Jahren immer noch zumute, als wenn mir damals ein Engel übers Herz gepinkelt hat.

Auf halbem Wege von Sandhorst nach Dornum – in Willmsfeld am Abzweig der Strasse nach Neuschoo und gegenüber der ersten mit elektrischer Motorkraft betriebenen Getreidemühle – befand sich der Handel von Kaufmann Jülfs. Bei Jülfs gab es einfach alles zu kaufen, was die Menschen auf dem Lande, abseits der großen Heerstrassen, zur Bewältigung des Alltags benötigten. Das war in der Tat auch damals schon eine gehörige Artikelvielfalt, obwohl die Menschen auf ihren Höfen den kleinen Landstellen zumeist noch Selbstversorger waren, zumindest war es so, was den Bedarf für die menschliche Ernährung, das Futter fürs Vieh und das zum Heizen und Kochen benötigte Brennmaterial betraf.

Kaufmann Jülfs und sein Kolonialwarenladen standen natürlich auch als größerer Posten auf der Kundenliste meiner Mutter. So war das, was mir die Mamsell bei unseren Besuchen im Kontor regelmäßig als Wegzehrung in meine Taschen steckte, mit der Zeit auch zu einem größeren Posten auf meiner Leckereienliste geworden. Es waren jedes Mal Kringels in allen Variationen – mal in Teiggebäck, mal in Schokolade und denn wieder aus Fondantmasse. Je nach Jahreszeit und Festrhythmus. Mama hatte man gerade den Dreh vom Hof herunter in Richtung Eversmeer hinter uns gelassen, da war ich jedes Mal schon den Kringels zu Leibe gerückt. Aufhöre zu gnaueln konnte ich immer erst, wenn alle süßen Kringel den Weg in meinen Bauch gefunden hatten. Obwohl, ich wollte eigentlich es gar nicht, weil ich mir jedes Mal vorher fest vorgenommen hatte, einen Teil davon mit nach Hause zu nehmen.

Nach jedem Tag durch Ostfriesland mussten wir ja des Abends wieder Richtung heimatlicher Haustür, was für meine Mutter oftmals ganz schön beschwerlich war, denn erstens hatte sie ja den Tag über schon zigtausende male in die Pedale getreten und zweitens war die Fracht auf dem Fahrrad ja nicht weniger, sondern auf jeden Fall um einiges schwerer geworden. Waren es des Morgens beim Start von zuhause – ausser ein paar Flaschen Brannt als Schmiermittel für den Fall eventueller Kontrollen zwischen den Ortschaften – nur zehn Pfund schwarzerTee (der teure Herrengenever und die edleren Damenliköre wurden in der Regel mit Jan Peters Omnibus – einem Holzgasveteran der kriegerischen Magerjahre – von Fedderwardergroden Richtung Ostfriesland vorausverfachtet, so dass meine Mutter im Verteilerlager zwischen Plaggenburg und Sandhorst nur noch die Regularien zu kontrollieren und bei Bedarf noch geringe Mengen zu verteilen hatte. Nach getaner Arbeit, das heißt nach erfolgreichem Geschäftsverlauf waren es am Abend dann zweifelsfrei einige Pfünder mehr, die mit uns den Heimweg antraten – ja, antreten mussten, weil der Bremerhavener „Willy“ – so hieß der Jeep des amerikanischen Lieferanten – noch in der halben Nacht den Anteil des Colonels mit zurück nach Bremerhaven, in die US-amerikanische Exklave, nehmen musste.

Ein bestimmtes Quantum an Ware ging an bestimmten Tagen eine Teilstrecke wieder den Weg zurück Richtung heimatlicher Produktionsstätte. Das waren die Tage, an denen Weert, der alte Bäcker Ulferts in Hooksiel, auf bestimmte Spirituosen und eine besondere Sorte von Tee sehnsüchtig wartete. Wenn im Warenbestand außerdem noch Restbestände vom zurückliegenden Tag waren, dann blieben diese komplett in Onkel Weert’s Backstube. Dafür gab es dann für uns Besonderheiten, allesamt von Meisterhand gebacken. Wenn ich in meinem Hochsitz vor dem Lenker spitz bekam, dass Hooksiel voraus lag – es mochte noch so düster und bullerig sein, ich spürte es – denn hatte ich von einer Sekunde auf die andere einen heißen Hintern und vermochte in meinem Korb nicht mehr stillzusitzen. Wenn jemand jetzt nach dem Grund für dieses seltsame Verhalten fragt, dann kann ich es recht schnell und einfach erklären – der Grund das war das Ende von einem frischen, noch ofenwarmen Korinthenstuten, das der alte Bäckermeister einfach so vom Ganzen abbrach und mir in meine kleinen Fäuste drückte, kaum dass wir in der Tür der Backstube standen.

Es konnte noch so schietwettrig und ungemütlich sein – in diesem Moment war es für mich jedes Mal, als wenn in seinem Rücken die Sonne aufging.

Jaja … es hat eine Menge solcher Sternstunden in meinem kleinen Leben gegeben. Ich habe das, glaube ich, so ein wenig als mein Weihrauch, Gold und Myrrhe angesehen, weil die heiligen Drei Könige ja an Heiligabend vierundvierzig nicht zu mir ins Bunkerkrankenhaus an die Krippe kommen konnten.

Die Sternschnuppe – das hellste Licht – das habe in der Mitte der fünfziger Jahre zu sehen bekommen. Es war meine Zeit im Hause Vieth – meine Zeit als Hein Vieth sein Jakomo, wie er mich zeit unseres Zusammenlebens in Erinnerung an eine Figur aus seiner Jugendzeit, stets mit einem warmen Schimmer in seinen Augen, nannte.

Hein Vieth, das war ein Milchmann wie er leider nur noch auf alten Erinnerungsbildern zu finden ist. Die Anfänge seines Handels mit Milch- und Molkereiprodukten waren noch von Pferd und Wagen geprägt, von dessen Ladefläche aus er an den Häusern längs der Strassen all die Kuhsaftköstlichkeiten aus der Molkerei Neuende und später dann die der Hooksieler Meierei unter die darbende Stadtbevölkerung brachte.

Die Verhältnisse änderten sich nach dem Ende der kriegerischen Handlungen allmählich, und allmählich veränderte sich auch die Art und Weise des Viethschen Handels vom ambulanten Strassenverkauf über eine stationäre Holzbude hin zu einem richtigen Ladengeschäft in einem stabilen Gebäude. Aus der fahrbaren Milchverteilerstelle war ein handfester und begehbarer Kaufmannsladen geworden.

Und jetzt kommt das, was mich an dieser Sache persönlich betrifft – das, wodurch die besagte Sternschnuppe für mich sichtbar wurde.

Hein Vieth war durch des Schicksals Fügung und durch Verheiratung meiner Schwester Mathilde mit seinem Sohn Lür ja nun amtlich zum Schwiegervater meiner Schwester erklärt worden. Meine Schwester hat dieses neu entstandene Verwandtschaftsverhältnis für sich nicht immer nur als Glücksfall betrachtet – das weiß ich. Dafür gäbe es ganz sicher auch viele Beispiele anzuführen, die ich aber anderen Geschichten vorbehalten möchte.

Für mich, für mich war es ohne jeden Zweifel ein echter Glücksfall, eben eine Sternschnuppe am sonst oftmals trüben Alltagshimmel.

Meine Mutter betrieb ja seit 1948, seit Einführung der neuen Währung – der D-Mark – keine Schwarzhandels- oder Hamstergeschäfte mehr.

Die US-amerikanische Teequelle in Bremerhaven war durch Intervention der Tommis, wie wir die britischen Militärs umgangssprachlich nannten, der britischen Besatzer unseres Landstriches, endgültig trockengelegt. Infolge dieses Quellenschlusses versiegte auch der ständige Zuckerzufluß aus dem Freihafen in unser Rohstofflager als unabdingbarer Grundstoff für meiner Mutters Destilleriebetrieb. Dadurch war auch ihre profitable Schnapsbrennerei als Einnahmequelle lahmgelegt. Eine unvorhersehbare Karambolage mit nach Schwarzgut fahndenden Grünröcken (Zollbeamten) trug ein Übriges zur Einstellung der Produktion bei. Es konnte in unserem Hause fürderhin nicht mehr gebrannt werden. Allerdings war es sehr zum Leidwesen vieler Genießer von Eden’s Qualitätsbränden landauf und landab.

Dafür verbrachte meine Mutter nun Tag für Tag – oft zwei Schichten lang – an einer von des Herrn P.’s vielen Nähmaschinen, an denen sich das halbe weibliche Wilhelmshaven in den Jahren an dem rauen Tuch der Khaki-Unformen für die Tommisoldaten in aller Welt ihre Finger wund nähten. Das hatte ein paar Jahre zuvor auch keine der Schlicktauischen Frauen geahnt, dass sie einmal für die Krieger der „Erzfeinde“ von jenseits des Kanals deren Klamotten und Kampfanzüge zusammengüddern würden.

Der Mann meiner Mutter war ja nun tot, meine Schwestern und Brüder hatte der Drang des Lebens in alle Winde getrieben, und ich war alleine in unserem Zuhause.

Ich war ein Schlüsselkind geworden, was ja an sich nichts Besonderes und kein Einzelfall in der damaligen Zeit war. Die Anzahl der Kinder, die nach dem Schulunterricht in die Obhut eines Kindergartens gingen, die war im unteren einstelligen Promillebereich angesiedelt. Als Kind in einen Kindergarten zu gehen, das war schon etwas sehr Privilegiertes und in unserem Armeleuteviertel nur ganz wenigen vorbehalten.

Trotzdem gab es für mich kein Herumstreichen und nicht wissen wohin mit der freien Zeit. Ich brauchte meine Tage nicht mit gefahrvollen Lausbubenunternehmungen ausfüllen. Da hat mich der Himmel vor bewahrt – ich hatte ja Hein Vieth und seinen Klüterladen.

Jeden Mittag nach der Schule nahm ich Kurs auf das Vieth’sche Anwesen, um Onkel Hein bei seinen Geschäften zur Hand zu gehen. Zu tun gab es für mich da immer etwas.

Was an Produkten im Laden über den Tresen ging, das war ja in seiner Darreichungsform oder in der Art der Verpackung von den in der heutigen Zeit gehandelten Artikeln selbst bei gleicher Substanz himmelweit entfernt. Wer es von den Heutigen zu damaliger Zeit nicht noch erlebt hat, der vermag sich das Szenario eines solchen Geschäftes nur schwer bis gar nicht mehr vorzustellen. Die meisten Waren und Dinge des täglichen Bedarfs waren lose, das heißt als Sackware, in Verkehr. Das Wort „Verpackungsindustrie“ schrieb der Handel noch sehr klein. Es besaß noch kein Börsengewicht in der Wirtschaft.

Ich habe in dieser Zeit bei Hein Vieth in Bereiche des Lebens reinschnuppern und Fertigkeiten erlernen dürfen, die mir ohne diese Verbindung wohl nie so zuteil geworden wären. Wer kann denn heute noch Tüten – Papiertüten natürlich – durch kunstvolles Falten gekonnt schließen. Bei den seidenpapierigen Kekstüten gab ich mir stets besondere Mühe, denn wenn sich die Hausfrauen und Mütter schon die Pfennige vom kargen Haushaltsgeld abknappsten, um an bestimmten Tagen oder zu besonderen Anlässen ihren Lieben die Teetafel mit hauchzartem Gebäck von XOX, Trüller oder auch Bahlsen verlockender zu gestalten, dann hatte auch das Eintüten im Kaufmannsladen eine besondere Mühe verdient. So habe ich es in meinem Kindermenschenverstand damals wohl empfunden. Vielleicht war es aber auch nur die Freude an allem Schönen, das ich dann auch noch mit meinen kleinen Händen selber zu formen imstande war.

Auch bei einer anderen „Fertigkeit“ hätte ich ganz sicher Weltmeisterwürden erringen können, wenn in der Disziplin derartige Wettkämpfe ausgetragen worden wären. „Underberg-Fläschchen mundfertig vorbereiten“ hätte dann die Bezeichnung dieser „Sportart“ lauten müssen.

Von diesen kleinen Seelentröstern mit ihrem hochprozentigen kräuterigen Innenleben musste ich nämlich des Mittags und des Abends jeweils den Inhalt eines Kartons (das waren immerhin 28 Mini-Buddeln) mundgerecht vorbereiten. Das heißt, ich musste an den Flaschenhälsen die bräunliche Papierumhüllung entfernen und die roten Schraubverschlüsse voröffnen, damit Onkel Hein im Bedarfsfall schnell seinen Pegel wieder auffüllen konnte. Er brauchte sich dann nicht unnötig lange mit dem „Vorspiel“ aufzuhalten, wie er mir einmal erklärte. Wenn mir das späterhin in den Sinn kam, dann habe ich manchmal gedacht, dass ihm dadurch sicher so mancher freudige Augenblick entgangen ist.

Die Gebinde, die Faltkartons, waren im dunkleren Teil des Ladens hinter einer Waage versteckt, denn die „Inhalationen“ die musste die Kundschaft vor dem Tresen ja nicht unbedingt mitbekommen.

Vom „Underberg“ soll man für sein Wohlbefinden ja auch heute noch täglich zwei Fläschchen genießen. Dieses „zwei davon trinken“ hat Onkel Hein wahrscheinlich auf seine eigene Art ausgelegt. Angemerkt hat man ihm das nie – nur seine Leber, die hatte wohl jeden Schluck des niederrheinischen Kräuterelixiers notiert, und hat sich, als ihr Maß voll war, in einem relativ noch jungen Rentenalter einfach abgestellt. Ich hätte ihm gerne ein längeres Verweilen auf seinem Waller Altersruhesitz gegönnt, denn was er in seinem (zu kurzen) Verweilen in dieser Welt allein schon mir an Gutem getan hat, allein dafür sitzt er jetzt im Paradies inmitten einer ewiggroßen Schar von kleinen Underbergfläschchen.

Seine Guttaten beschränkten sich ja nicht alleine auf das, was er mir in meinen Prägejahren an Künsten und Fertigkeiten vermittelt hat – die reichten ja viel tiefer ins tägliche Leben hinein.

Jeden Abend, wenn die Uhr sieben geschlagen hatte, dann wurde der Schlüssel im Schloss der Ladentüre umgedreht. Ladenschluß war gesetzlich um 19 Uhr. Da gab es keine Ausnahme von der Regel. Bevor es denn ans Reinemachen ging – im Laden war allerhand sauber zumachen – stand erst einmal das Abendessen auf der Tafel im Esszimmer. Ein Esszimmer gab es damals schon im Hause Vieth. Die Familie wurzelte ja schließlich in bremischen großbäuerlichen Verhältnissen. Es wurde im Hause Vieth nicht profan am Tisch in der Wohnküche gegessen, so wie es in den anderen Voslapper Haushalten geschah, nein, es wurde getafelt. Was da nämlich bei jeder Mahlzeit ablief, das ist nicht einfach nur mit Hunger stillen zu bezeichnen.

Ich habe es immer wieder und oft nicht fassen können, was meinen Augen, meiner Nase, meinem Gaumen und letztendlich meinem Bauch da an Köstlichkeiten geboten wurde. Alles war stilvoll und edel und doch kein bisschen Etepetete – na ja, von Frau Meta einmal abgesehen, die hätte es mit Sicherheit manchmal etwas weniger rustikal gehabt – mehr mit dem Flair eines Bremer Bürgerhauses. Da konnte sie sich aber anstrengen wie sie wollte und tun was sie wollte – Onkel Hein blieb seiner Schlemmernatur treu. Etwas anderes hätte auch gar nicht ins Bild gepasst, so wie er in dem Halbrund des gewaltigen Sofas hinter dem Tisch mit der ovalen Wurzelholzplatte thronte.

Die Menschen, mit denen ich es in den Anfangsjahren meines Lebens tagtäglich zu tun hatte, von denen hatte nicht einer jemals so etwas gesehen – geschweige denn, es auch noch in einer solchen Art genießen dürfen.

Wenn ich dann nach dem Abendbrot (fast hätte ich „Abendmahl“ geschrieben – das wäre denn aber doch wohl ein wenig zu hoch angesiedelt gewesen) und dem Aufklaren im Laden mit müden Gliedern und vollem Bauch nach heimwärts strebte, dann war ich ja von allen Seiten mit allem Möglichen bepackt. Bepackt mit alledem, was Mama und ich so an Nahrungsmitteln zum Leben benötigten.

Ich habe wohl nie Geld für meine Anwesenheit im Hause Vieth in die Hände bekommen – aber die „Naturalien“ die machten mehr an Wert aus, als so mancher Familienvater nach täglich harter Arbeit nach Hause brachte.

Dadurch habe ich in den Jahren gewiß manchen Stern zu Gesicht bekommen, von dem viele andere gar nicht wussten, dass diese Sterne überhaupt am Himmel standen.©ee

 

ewaldeden©2013

auch zu finden auf * Platt * auf unsere Seite hier : https://christinvonmargenburg.wordpress.com/inventur-der-gedanken/schrievhuus/

Schrievhuus

mit vielen weiteren Erzählungen und Gedichten in Platt.

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Bild von poverss auf Pixabay

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Verläßt man den Kirchplatz in Jever über die St. Annen Strasse, muß man nach gut fünfzig Metern unweigerlich den Schritt verhalten. Selbst die flüchtigsten Augen können nicht anders. Eine Galerie schaut man – eine Galerie der besonderen Art. In einem Haus aus der Mitte des vergangenen Jahrtausends wirkt eine Malerin. Kaum eingetreten, ist man von den Seelen gefangen – der Seele des Hauses und der Seele von Bärbel Niemann. Gefragt, warum sie sich gerade in Jever niedergelassen hat, fangen ihre Augen hintergründig an zu leuchten. Liebe auf den ersten Blick hat es bewirkt – nein, nein – lacht sie, kein Mannsbild war der Anlaß – in die Stadt habe sie sich auf das erste Sehen verliebt.

Das Besondere an der Galerie wird dem Besucher dann ganz schnell bewußt – Bärbel Niemann präsentiert sich selbst – eine Malerin der alten Schule mit ständig neuen Ideen. Wer an ihren Malkursen teilnimmt, ist unweigerlich für den Rest seines Lebens Pinsel und Farbe verfallen – und wer nur kommt, um einmal zu schauen – der schaut immer wieder.

Also – Vorsicht! Wer nicht der Faszination des Tuns von Bärbel Niemann erliegen will – der muß um die Galerie in der St. Annen Strasse einen weiten Bogen machen.

Verpasst hat er dann allemal etwas.©ee

Der Regensburger Ludwig …

Der Regensburger Ludwig …

So schmutziggrau wie die zerstörte Umgebung rings um den erbärmlichen Unterstand in dem Ruinenfeld von Stalingrad ist auch der russische Himmel an diesem Morgen des 29sten Januar 43.
Die Stalinorgeln des Gegners sind vor wenigen Minuten verstummt. Von Anbruch der Dunkelheit bis zum Grauen des neuen Tages spielen sie seit Tagen – oder sind es schon Wochen – Nacht für Nacht die gleiche Melodie. Kaum hat das Pfeifen mit dem kurz darauf folgenden Krachen der Einschläge von Osten her aufgehört, setzt es aufs Neue von Süden her ein, um dann nach Westen und Norden weiterzuwandern. Die rote Artillerie zeichnet so Nacht für Nacht ein schauriges Bild der Windrose in die Köpfe der wenigen die übrig geblieben sind von den Vielen die ausgeschickt wurden, um Raum für das eigene Volk zu erobern. Die kümmerlichen Reste einer einst stattlichen Armee – ausharrend im Kessel und bangend was da kommt. Für sie gibt es kein Vorwärts mehr – und schon gar kein zurück. Es gibt nur noch warten auf die Besiegelung der Niederlage und bangen, was dann kommt. Die Prediger des Endsieges haben sich rechtzeitig abgesetzt, oder sie sind in der klirrenden Kälte und angesichts der gefallenen Kameraden verstummt.
Jede der graugesichtigen Gestalten in den vor Dreck starrenden Uniformen sehnt jede Nacht diesen Moment herbei, wenn der Gefechtslärm um sie her von einer Minute auf die andere abbricht. Dann können sie für ein paar Augenblicke versuchen, der Kälte zu trotzen die ihre Glieder immer länger gefangen hält. Wie lange hat sie schon kein Nachschub mehr erreicht? Zwei Wochen? Drei Wochen? Die Zeit verschwimmt in der Erinnerung zu einem trüben Brei mit steinharten eisigen Brocken, wenn ihre ‚eiserne Ration’ in immer kleinere Portionen zerfällt. Die Zeit gefriert zu einem blutigen Klotz, wenn irgendwo ein kleines Fünkchen Freude aufblitzt über herrenlos gewordene Nahrungsreste gefallener Kameraden.
Einzig der ‚Leutnant’ mit seinen über Nacht ergrauten Haaren – alle Kameraden nannten den stillen Ludwig mit der Hornbrille aus den Regensburger Auen nur ‚Herr Leutnant’ – ließ nie auch nur ein Wort der Kritik hören wenn mal wieder einem von seinen Leuten die ‚Zivilisation’ abhanden gekommen war.
Obwohl auf seiner Uniform schon lange keine Rangabzeichen mehr auszumachen waren, hatte er nicht den Respekt und die Achtung der ihm Anvertrauten verloren.
Als einer der ältesten Kameraden in dem zusammengewür-felten Haufen nahm er an diesem Morgen seine an einer Seite leicht lädierte Brille ab, bevor er den beiden Jüngsten unter ihnen, die in ihrer schäbigen Sommeruniform vor Kälte – oder war es aus Angst vor den kommenden Ereignissen – vor sich hinzitterten, seine Arme um die Schultern legte.
Wie ein Vater der seine Söhne beschützen will, schießt es Josef, dem altgedienten Feldwebel aus dem hannoverschen Göttingen durch den Kopf. Und bevor der Josef den Gedanken in seinem halberfrorenen Hirn wieder ausgelöscht hat, tönt in die Friedhofsstille über dem rauchenden Schlachtfeld mit den unzähligen Granattrichtern und den zahllosen zerstörten Häusern die etwas kratzige, aber trotzdem wie das Gesumme friedlicher Hummeln klingende Stimme des Leutnants. Der Ludwig berichtet von lauen Frühlingstagen an den Ufern der bayrischen Flüsse und Seen, von duftendem Ginster und blühendem wilden Mohn. Eine Strophe des Liedes vom Burschen der sein Liebstes vermisst singt er sogar.
Man kann den Gesichtern der lauschenden Kameraden ansehen, daß ihre Herzen ganz weit weg in der Heimat weilen.
Für eine kurze Zeit haben sie das grausige Schlachtfeld und den unweigerlich drohenden Untergang vergessen.
Für eine kurze Weile haben sie die klirrende Kälte und den nagenden Hunger aus ihrem Fühlen verbannt.
Für ein paar Traumminuten lang haben sie das Gelände um sich herum aus den Ohren verloren.
Diese Minutenumläufe des Sekundenzeigers auf der tickenden Uhr des Schicksals haben den vorrückenden Rotarmisten genügt. Als das erbarmungswürdige Häuflein da unten im Keller von der Stippvisite in der Heimat zurückgekehrt ist, schauen sie ringsum in die drohenden Mündungslöcher mattschwarzer russischer Gewehrläufe.
Obwohl die ausdruckslosen Gesichter der Rotarmisten über den Gewehren regungslos zu ihnen hinabstarren, fällt kein einziger Schuß. Die Kameraden mit dem roten Stern am Stahlhelm helfen ihnen sogar fast freundschaftlich dabei aus dem Graben zu klettern.
Oben angekommen können sie ihnen doch wohl nicht ersparen mit erhobenen Händen vor den schussbereiten Gewehren herzumarschieren.
Als der Tag die Spitze seiner um diese Jahreszeit spärlichen Helle erreicht hat, befinden sie sich seit knapp einer Stunde auf einem ziemlich ebenen Feld am Rande eines Wäldchen in der Nähe einer trostlosen, scheinbar menschenleeren Siedlung, auf der sie die folgende und die darauf folgende Nacht unter freiem Himmel auf der blanken Erde zubringen. Dadurch dass man ihnen alles – auch die persönlichen Gegenstände – weggenommen hat, haben sie auch keine Uhr mehr in ihrem Besitz, um wenigstens die Zeit verfolgen zu können.
‚Scheiß auf die Uhren’ sagt der Göttinger Josef schon fast fröhlich. ‚Hätten wir die etwa essen können?’ vollendet er seine ‚Ansprache an mein Volk’, wie er sagt, bevor er gierig in das in der kalten Kohlsuppe eingeweichte russische Steinbrot beißt. Am dritten Tag ist die Lagerherrlichkeit vorbei. Eine endlos scheinende Schlange Feldgrau windet sich über den schmutzigen Schnee und durch tiefe Panzerfurchen in südöstliche Richtung. Das es nach Südosten geht wissen sie vom Leutnant. Der scheint irgendwie einen Draht zum Himmel zu haben. Obwohl keiner der Gefangenen seinen Platz in der Kolonne verlassen darf, und obwohl er von den Essensrationen der letzten Tage nicht einmal die Hälfte für sich behielt, sondern sie an die Kameraden verteilte, die vor Entkräftung bald nicht mehr auf den Beinen stehen konnten, taucht er immer wieder mal hier und mal dort in der Kolonne auf, um dem einen oder anderen Mut zu machen. Niemand von den sie begleitenden Rotarmisten bemerkt es – als wenn der Regensburger Ludwig unsichtbar ist.
Nach einem endlos langen Marsch erreichte der Gefangenentross das Sammellager Beketowka. Irgendeiner der ein wenig russisch konnte, hatte den Namen des Lagers als Latrinenparole in Umlauf gebracht.
In Beketowka verlief alles ungeordnet. Die rote Generalität war auf so viele Plennys in diesem Abschnitt nicht vorbereitet gewesen.
Es mangelte an allem, nur an einem nicht – an Krankheiten und Seuchen die sich, bei Menschen die unter solch katastrophalen Umständen leben müssen, rasend schnell breit machen.
Jeder versuchte so schnell wie möglich dieser Hölle von menschlichen Wracks zwischen flüssigen Exkrementen und Erbrochenem zu entfliehen.
Der Ludwig und der Göttinger Josef hatten das Glück.
Sie ergatterten für den Mittag des 13. März einen Platz innerhalb eines Transports nach Wolsk.
300 Kilometer Bahnfahrt bei 40 Minusgraden im offenen Güterwagen. Für die meisten war es eine Reise in den Tod, der viele schon während der 7 Tage dauernden Fahrt dahinraffte. Dem Leutnant Ludwig sollte nach dem Willen des Herrn wohl ein würdigerer Abschied von dieser Erde beschieden sein, als der als Toter aus dem fahrenden Zug hinausgeworfen zu werden. Am 20. März in Wolsk angekommen ließ ihn der Herr noch mit Hilfe seines Kameraden sein ‚Golgatha’ besteigen, um ihn von der Höhe des Lagerhügels friedlich zu sich zu holen.
Gott war seiner Seele gnädig.© ee

Die Geschichte der Mama O.

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Die Geschichte der Mama O.

 

F ür mich begann die Geschichte mit einem Anruf nach einer Sendung, in der die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom bei mir im Studio zu Gast war.

Diese Mutter hatte von den Widrigkeiten berichtet, die ihr, auf Grund der „Behinderung“ ihrer Tochter, von Institutionen und Behörden in den Weg gelegt wurden.

 

Die Anruferin war durch das Gehörte ermutigt worden. Sie hatte sich ein Herz gefasst, und spontan zum Telefonhörer gegriffen, bevor sie der Mut, den sie plötzlich spürte, wieder verlassen würde.

Mutlosigkeit und Verzweiflung waren mittlerweile zu den bestimmenden Elementen ihres Alltags geworden.

 

Eines ihrer Kinder war nämlich 24 Jahre zuvor auch mit dem berüchtigten Quentchen zuviel – dem doppelten Chromosom 21 – vom Schöpfer bedacht worden.

Was der alte Herr sich dabei denkt, wenn er so etwas macht, werden wir wohl nie ergründen können.

 

Diese Tatsache hat sie auch nie aus der Bahn geworfen. Über die anfänglich „schiefen“ Blicke der Nachbarn hat sie hinweggesehen – über die „schrägen“ Anspielungen im Kollegen- und Bekanntenkreis hat sie hinweggehört.

Wie konnte sich eine 43 jährige, ledige Mutter zweier schon großer Töchter auch erdreisten, noch ein Kind in die Welt zu setzen. „Man“ wußte doch allgemein, daß „so etwas“ nicht gut gehen konnte.

 

Das alles hatte sich aber relativ schnell gelegt. Die Fürsorge, mit der sie fortan ihren Sohn umgab, bewirkte ein Umdenken in ihrer Umgebung. Zumindest scheinbar.

Scheinbar deshalb, weil ihr Lebensgefährte – der Vater ihres Kindes – eines Tages Abstand von ihnen nahm. Er trennte sich von ihr, und dem gemeinsamen Sohn.

Der Druck und die Ablehnung, die von einer ihrer Töchter ausgingen, waren für ihn unerträglich geworden.

Auch das hat sie akzeptiert, und ihren Sohn künftig alleine umsorgt. Sie war plötzlich eine alleinerziehende, berufstätige Mutter – wie es im neudeutschen Sprachgebrauch so schön heißt.

 

Alles hat sie gemeistert – auch das zusätzliche, jahrelange „sich kümmern“ um ihre eigene Mutter, die im hohen Alter intensiver Pflege bedurfte, zwang sie nicht in die Knie.

 

Das Leben im kleiner gewordenen Familienkreis lief seinen gewohnten Gang. Der Sohn wurde größer, die Mama wurde älter, und sah schon ihrem Ruhestand entgegen.

Die Großmutter starb, und die Gemeinschaft wurde noch kleiner.

Jetzt hatte sie noch mehr Zeit für den Sohnemann.

 

Der junge Mann, der er mit seinen 18 Jahren geworden war, benötigte nun einen Betreuer. Juristisch gesehen, gesetzmäßig. Damit auch alles seine Ordnung hat.

In Ordnung, Gesetz ist Gesetz – dachte die Mama, und ließ sich vom zuständigen Gericht als ehrenamtliche Betreuerin bestellen.

Es würde sich ja im täglichen nichts ändern – außer, daß eine Akte angelegt, und sich die Papierberge häufen würden.

Und wieder lief alles seinen gewohnten Gang. Scheinbar.

 

Die Mama war sich gar nicht der Tatsache bewußt geworden, daß sie in der Beziehung zu ihrem Sohn in die zweite Reihe verfrachtet worden war. Ein Amt hatte den Platz in der ersten Reihe für sie eingenommen.

Klar wurde es ihr erst, nachdem sie die Unbilden eines Wohnortwechsels auf sich genommen hatte. Mit dem Umzug in einen anderen Ort – in die Nähe der Behindertenwerkstatt – sollte das Leben für sie beide leichter werden.

 

Auf den Rat der Mitarbeiter ihrer Krankenkasse hin nahm sie das erste Mal in den langen Jahren Urlaub von der Betreuung, um den Umzug in Ruhe bewerkstelligen zu können.

Für den Sohn wurde während dieses Zeitraumes eine Kurzzeitpflege in einer stationären Einrichtung bewilligt.

 

Der Umzug ging über die Bühne, und mit jedem Stück Möbel, welches in das neue Heim verfrachtet wurde, wuchs die Freude auf das „wieder Beisammensein“ in der neuen Bleibe.

Wie heißt es aber so treffend in einem bekannten Schlager: „Freu dich nur nicht zu früh …“

Es blieb nämlich bei der Vorfreude. Nix war mit „wieder Beisammensein“ im neuen Heim.

 

Es wurde amtlicherseits bestimmt, daß der Sohn künftig in der stationären Einrichtung seinen ständigen Aufenthaltsort erhielt.

Es sei an der Zeit, tönte es aus „berufenem Munde“, das Mutter – Kind Verhältnis zwischen der Betreuerin und dem Betreuten ein Mutter – Sohn Verhältnis umzuwandeln.

Dieser Wechsel könne sich nur in einer Behinderten-einrichtung vollziehen, und nur durch den Wechsel in der Betreuung. Ein Berufsbetreuer wurde für ihren Sohn bestellt

Und damit Basta.

So entschied es die scharfkantige Richterin am zuständigen Gericht, nachdem sie die Argumente der Amtsvertreter und Heimbetreiber genügend gewürdigt hatte.

Und noch eines hat die „ehrwürdige Frau Richterin“ getan – sie hat in der „Sache“ entschieden, ohne die Mama anzuhören.

Die schriftliche Ladung zur richterlichen Anhörung erreichte die Mutter erst, als „Ihre Gnaden“ schon entschieden hatte, zu entscheiden.

Nicht daß jetzt irgendjemand irgendwem eine böse Absicht unterstellt – das war ganz sicher nur eine Schlamperei innerhalb der Geschäftsstelle. Es kann ja schon mal passieren, daß die untergeordneten Angestellten eines Gerichtes mit einer galoppierenden Richterin nicht schritthalten können.

 

Leicht schritthalten mit der Sachwalterin des Rechts konnte aber der umgehend bestellte Berufsbetreuer – denn, noch bevor die Mama von der richterlichen Entscheidung Kenntnis erhielt, erhielt sie eine Eilentscheidung des Berufsbetreuers.

Der gute Mann hatte nichts Wichtigeres zu tun, als der Mutter mitzuteilen, sie dürfe aus stichhaltigen Gründen ihren Sohn nur noch dreimal die Woche – und zwar unter der Aufsicht von Heimmitarbeitern – für jeweils zwei Stunden besuchen. Und wieder hieß es Basta.

 

Diese sog. „stichhaltigen Gründe“ entpuppten sich in den folgenden, endlos scheinenden, Widerspruchsverfahren als an den Haaren herbeigezogene Anschuldigungen und Argumente. Zum Teil stammten sie von Personen, die aus ihrer persönlichen Vergangenheit heraus meinten, der Mutter noch offene Rechnungen präsentieren zu müssen. Und jetzt sahen sie die Gelegenheit dafür gekommen.

Sie verbündeten sich mit denen, die, aus verschiedenen anderen Beweggründen heraus, daran interessiert waren, den Sohn in einer stationären Einrichtung zu belassen.

Unterstützung und Hilfe in ihrem Bemühen, ihren Sohn wieder in sein Zuhause zu holen, erhoffte die Mama sich von diversen Advokaten – von Anwälten des Rechts, wie sie dachte.

 

Außer, daß ihr für jeden Federstrich der Juristen gepfefferte Gebührenrechnungen in die Stube flatterten, tat sich aber nichts. Am Ende hörte sie jedesmal nur ein tiefes Bedauern, und die Aussage: „Es hat keinen Zweck, da ist nichts zu machen.“

Einzig ein Rechtsanwalt im Ruhestand – selber Vater eines mongoloiden Kindes, zu dem ihr ein Bekannter den Kontakt vermittelte – machte sich die Mühe, dem Vormundschafts-gericht das Geschehen ausführlich, und verständlich, darzulegen. Dieses Licht in ihrem dunklen Alltag verlosch leider kurz darauf – der Anwalt verstarb.

 

Die Mutter war inzwischen mit ihren Kräften am Ende. Die Art und Weise, in der man sie überall behandelte, ließen ihre Nerven barfuß über Scherben gehen.

 

Als neurotisch, und querulantisch, abqualifiziert, begegnete man ihr allerorts, als wäre sie Luft. Der richterlich bestellte Verfahrenspfleger – natürlich auch ein niedergelassener Anwalt der Rechte – ließ, wohl versehentlich, einmal die Hosen runter, als er in einem Schriftsatz an das Gericht die „ständigen Widersprüche“ der Mutter gegen die Amts-entscheide als Begründung für deren Untauglichkeit als Betreuerin anführte. (Wo kommen wir mit dem Staat denn hin, wenn von amtlicher Seite tatenlos zugesehen wird, wie einfache Bürger anfangen zu denken – und dann gar noch widersprechen)

Es ging soweit, daß im Heim, während ihrer Besuche bei ihrem Sohn, das Personal nicht mehr mit ihr sprach.

Eher das Gegenteil war der Fall – sie wurde unablässig von misstrauischen Augen beobachtet, als wenn sie jeden Moment silberne Löffel stehlen wolle.

Unterschwellig wurde der Mutter sogar unterstellt, mit ihrem Sohn eine sexuelle Beziehung unterhalten zu haben.

 

Das Beschwerde- und Entscheidungshin und -her zwischen Betreuungsamt, Amts-, Land- und Oberlandesgericht gipfelte letztendlich in der Ablehnung, der Forderung der Mutter auf Wiedereinsetzung als Betreuerin, durch die angerufene Kammer. Der Kammervorsitzende schickte dem lapidaren „NEIN“ freundlicherweise noch die Erklärung hinterher, daß eine weitergehende Beschwerde gegen die Entscheidung zwar zulässig sei, aber wegen der klar dargelegten formal-juristischen Ausführungen des zuständigen Amtsgerichts völlig aussichtslos sei.

 

Genau in diese Kerbe schlug dann auch der letzte Rechtsanwalt, den sie mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut hatte. Er sagte ihr wörtlich: Die ganze Sache ist juristisch ausgereizt. Es bleibt für sie nur noch, meine Bemühungen auszugleichen. Die Rechnung wird ihnen zugeschickt.

 

Das hat die Mama dann auch getan, als sie die Liquidation erhielt, denn jede Arbeit ist schließlich ihres Lohnes wert.

Sie hat aber auch noch etwas anderes getan – und zwar etwas, von dem sie während der lange währenden Auseinander-setzungen nicht den Schimmer einer Ahnung besaß.

Wer hätte es ihr auch sagen sollen – Rechtsanwälte besitzen davon ja anscheinend keine Kenntnisse.

 

Die Mama hat sich in ihrer Not, und am Ende ihrer Kräfte, mit einer Beschwerde gegen die Bundesrepublik Deutschland an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straß-burg gewandt.

Und siehe da – fast wäre man geneigt zu sagen, es geschehen noch Zeichen und Wunder – der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Hilferuf gehört, und ihre Beschwerde zur Entscheidung angenommen.

 

Am Schluß bleibt mir nur noch zu sagen: Schauen wir mal, was dabei herauskommt.© ee

Ewald Eden

Foto dank https://pixabay.com/

Maryla

Maryla

Maryla nimmt die Beine in die Hand – ihre nackten Füße berühren kaum das Strassenpflaster, so schnell läuft sie. Sie spürt nicht die Kälte, und nicht die schartigen Steine auf dem unbefestigten Weg, der sich, von der vielbefahrenen Haupt-strasse weg, einige hundert Meter wie eine Schlange den Berg hinunterwindet.

Sie hört nicht, wie Kecko, die Elster, enttäuscht hinter ihr herscheppert. Enttäuscht, weil Maryla ihr keine Brotkanten auf den alten, morschen Baumstumpf gelegt hat. So wie sie es gewohnt ist, wenn Maryla nachmittags aus der Schule heimkommt.

Es gibt keine Brotkanten heute, und kein streicheln des geneigten Köpfchens. Die Brotkanten hat Maryla vor Hunger selber geknabbert, als sie der Musik lauschte – als sie den Mädchen an der Stange vor den blitzenden Spiegeln, durchs Fenster von draußen zuschaute.

In Marylas Kopf schwirrt alles durcheinander. Es ist die schrille Stimme ihrer Tante – die immer laut zetert, wenn sie zu spät nach Hause kommt, und die sie jetzt auch schon von weitem hört. Es ist das Schlagen der Turmuhr von Sankt Peter – die ein wenig heiser scheppert, als wenn sie erkältet wäre. Es ist die Musik aus dem alten Fachwerkhaus am Marktplatz, neben der Kirche, vor dem sie nach der Schule immer stehen bleibt, und gebannt lauscht, und es ist die dunkle, warme Stimme, die plötzlich hinter ihr aufklang, und fragte, ob sie nicht auch so tanzen möchte.

In dem alten Haus am Markt hat sich nämlich vor etlichen Wochen eine Ballettschule häuslich eingerichtet.

Ohne sich noch einmal nach der dunklen, warmen Stimme umzuschauen, ist sie verschreckt weggerannt. Ihr Herz schlägt mit wildem Pochen bis hoch in den Hals.

Wie gerne möchte sie tanzen – so wie Mamuschka es mit ihr zu Hause immer geübt hat. Zuhause – das ist aber lange her. Es scheint ihr schon fast eine Ewigkeit zu sein. Dabei sind erst zwei Jahre vergangen, seitdem man sie von zuhause fortgezerrt hat. Seit zwei Jahren lebt Maryla in einer anderen Welt. In einer Welt ohne Freude, in einer Welt voller Schläge, in einer Welt mit harter Arbeit, und in einer Welt mit nur wenig zu essen.

Maryla denkt oft mit Sehnsucht an ihr schönes Zimmer, mit dem wolkigen runden Himmelbett in der Mitte, wenn sie abends in die Strohschütte über dem Schweinekoben kriecht. Sie schläft lieber im Stall bei den Tieren, als bei Tante Tulja im Haus. Die Tiere lassen sie reden – sie hören ihr zu, wenn sie ihnen von Mamuschka und von Gilla erzählt. Bei den Tieren muß sie keine Angst vor Strafe haben, wenn sie ihnen Bilder von den tanzenden Mädchen in der Ballettschule malt.

Im Haus muß sie jedes Mal schlafen, wenn Besuch da ist. Dann darf sie auch eines von den schönen Kleidern, und ein Paar von den Schuhen anziehen, die im „Kinderzimmer“ im Schrank aufbewahrt werden.

Ihre Mamuschka ist tot – eine Bombe ist im Theater explodiert. Mitten in der Vorstellung, als Mama gerade auf der Bühne des Bolschoijtheaters tanzte. Terroristen hieß es, hätten den Sprengsatz gelegt. So hat sie es von den Erwachsenen aufgeschnappt, wenn die sich unterhielten.

Ihr hatte niemand gesagt, was in Moskau passiert war. Eines Morgens war nur eine Frau mit einem harten Gesicht in ihrer schönen Wohnung am Newska Prospekt aufgetaucht. Zwei finster dreinschauende Männer in Uniform begleiteten sie.

Sie hatten zehn Minuten in der Küche laut mit Gilla, dem Haus-mädchen gesprochen, und waren dann wieder gegangen.

Gilla war ihre Ersatzmama, wenn Mamuschka auf Reisen war. Ihre Mamuschka war mit dem Bolschoijballett viel unterwegs. Daheim, in Sankt Petersburg, tanzte sie nur selten. Früher, da wäre es anders gewesen, hatte Gilla ihr einmal gesagt – früher, als Mamuschka noch zum Kirowballett gehörte. Aber das war, bevor Maryla geboren wurde. Gilla hatte ihr noch so vieles erzählt. Das meiste hatte Maryla noch nicht verstanden, und noch weniger davon hatte sie behalten.

Gilla hatte rote, verweinte Augen, als sie Maryla erklärte, daß ihre Mamuschka nicht wieder nach Hause kommen würde – weil sie jetzt im Himmel sei, und dort mit den Engeln tanzen müsste. Sie würde aber trotzdem immer auf ihre kleine Maryla aufpassen.

Maryla hat auch an diesem Tage nicht alles verstanden. Warum zog ihre Mama plötzlich in den Himmel? Es war gut, daß Gilla da war. Den ganzen Nachmittag verbrachten die beiden dann in ihrem Lieblingseiscafé, sodaß Maryla nicht soviel an ihre Mamuschka denken musste.

Am nächsten Tag war die Frau mit dem harten Gesicht schon am frühen Morgen wieder da, um sie abzuholen. Maryla hatte sich mit beiden Ärmchen, und mit all ihrer Kraft, an Gilla geklammert – sie wollte nicht, daß die fremde Frau sie mitnahm. Es hatte ihr nicht geholfen.

„Du musst mit mir gehen, weil Du jetzt ein Waisenkind bist.“ Wohl zehnmal sagte die Frau mit dem harten Gesicht ihr diesen Satz. Da hörte sie zum ersten mal in ihrem Leben das Wort Waisenkind.

Ein großes, schönes Haus mit ganz vielen Kindern würde auch auf sie warten. Es seien Kinder, die, wie sie auch, alle keine Eltern mehr hätten.

Man brachte sie aus der Stadt fort, auf’s Land hinaus. Acht andere Kinder saßen noch mit ihr in dem alten, klapprigen Kleintransporter auf den hölzernen Bänken, mit dem sie stundenlang über holprige Strassen fuhren.

Keines von den Kindern sprach ein Wort – man hatte ihnen verboten, zu reden. Nur die Augen der anderen Kinder versuchten ständig, ihr etwas zu sagen.

Unterwegs hielt der Fahrer zweimal kurz an. Sie mußten alle aussteigen, und im Gebüsch am Straßenrand Pipi machen.

Sie durften allerdings nur einzeln aussteigen. „Damit sich keiner von euch aus dem Staub macht – und ich muß es dann nachher ausbaden.“ So sagte es die rundliche, ständig schwitzende Frau, die neben dem Fahrer saß, und die ganze Zeit an irgendetwas Grauem strickte, wenn sie nicht gerade einen gehörigen Schluck aus der Wodkaflasche nahm, die ihr der schweigsame Mann am Steuer von Zeit zu Zeit zulangte.

Für die Kinder stand eine rostige Kanne, mit trübem Wasser gefüllt, zwischen den Bänken. Sie mußten immer erst die brummelige Wärterin fragen, bevor sie aus der großen Schöpfkelle einen Schluck trinken durften.

Maryla hatte Angst. Sie fühlte sich unbehaglich in ihren schönen, neuen Kleidern, inmitten des übelriechenden Schmut-zes um sie herum.

Die anderen Kinder trugen alle reichlich zerlumpte Sachen, die sicher schon lange nicht mehr gewaschen worden waren.

Sie hätte sich so gerne ein sauberes Kleidchen angezogen, aber sie hatte überhaupt nichts mit.

Ihre anderen Sachen würde man für sie verwahren, hatte die Frau mit dem harten Gesicht zu Gilla gesagt, als sie Maryla abholte. Am meisten aber vermißte sie ihre Ballettschuhe, die Mamuschka ihr zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt hatte.

Der Tag war schon dabei, seinen Schlafanzug anzuziehen, als das Auto, durch ein festes Tor in einer hohen Mauer, in einen weiträumigen Innenhof polterte. Auf dem rauhen Beton zwischen den Mauern spiegelten sich in zahllosen Pfützen die im Abendrot schimmernden Wolken. Es war die einzige fröhliche Farbe, die Maryla ringsumher sehen konnte.

Das „schöne große Haus“, das die Frau mit dem harten Gesicht ihr versprochen hatte, war schrecklich anzusehen. Der Verputz bröckelte von den Steinen, und vor den dunklen, tiefen Fensterlöchern waren rostige Eisengitter angebracht.

Die Kinder des Heimes, die auf dem Hof in Reih und Glied, wie zum Appell, angetreten waren, trugen alle die gleichen groben, graugrünen Leinenkleider, und alle hatten sie nackte, kahlgeschorene Köpfe.

Maryla konnte nicht erkennen, ob es Jungen oder Mädchen waren, die da alle stumm, und wie gebannt, auf einen Punkt starrten.

Dieser Punkt war der Mund einer jungen Frau, deren eng anliegende Uniform, wie eine zweite Haut, ihre üppigen Formen umspannte.

Ohne Pause ließ sie immer wieder die gleichen Worte auf die verängstigt dastehenden Kinder heruntersausen.

Nachdem sie alle neun aus dem verbeulten Blechkasten rausgeklettert waren, mußten sie sich, auf Weisung des Fahrers, in einer Reihe hintereinander aufstellen, und so eine zeitlang dem Unterricht zuschauen.

„Damit ihr schon mal seht, wie gute russische Kinder erzogen werden.“

Es war der einzige Satz, den sie von dem Mann, der sie den ganzen Weg hierher kutschiert hatte, zu hören bekamen. Wie das knallen einer Peitsche drangen die Worte in ihre Ohren.

Erst als die junge Frau in der Uniform den Fahrer anraunzte: „Sergej – jetzt haste lange genug auf meinen Busen gestarrt – hör auf, mich mit den Augen auszuziehen. Bring endlich die Kinder rein“ durften sie ins Haus.

Steif und still saß Maryla dann eine halbe Stunde später auf einem kalten Schemel, als eine blanke Schere ihre langen, blonden Locken abschnipste. Nur ihre Tränen malten eine heiße Spur über die Wangen. Ihr weißes Krägelchen war plötzlich naß und schmutzig. Es sah aus wie ein Stück des aufgeweichten grieseligen Brotes, das man ihnen zur Nacht zu essen gab, bevor sie auf die Schlafsäle verteilt wurden, und in die Betten kriechen mußten.

Ihre Kleider hatte sie alle ausziehen, und abgeben müssen. Bevor sie die „Uniform“ der Heimkinder anziehen durfte, besprühte sie eine Schwester, die einen schmuddeligen grauweißen Kittel trug, mit einem fürchterlich stinkenden Nebel. Jedes der neu angekommenen Kinder musste diese Prozedur über sich ergehen lassen.

Vierzig Kinder schliefen jeweils in einem Saal. Die Fußböden waren mit rissigen Fliesen bedeckt, über die sich die kahlen Wände gespenstisch nackt zur Decke reckten. Eine einzige Glühbirne baumelte in jedem Raum an einem Draht von der Mitte der hohen Decke herab, und verbreitete ihr funzeliges Licht.

Die Betten standen an der rechten Wand, gerade ausgerichtet wie Soldaten auf einem Kasernenhof. Zwanzig Betten unten – zwanzig Betten oben. Mit ihren grob zusammengezimmerten Brettern sahen sie aus wie die Kaninchenställe, die Gillas Papa hinter dem Haus stehen hatte.

Gilla hatte sie nämlich des Sonntags – wenn Mama länger auf Reisen war – häufig mit zu ihren Eltern genommen. Sie wohnten in einem ehemaligen Kolchos außerhalb von Sankt Petersburg.

Das schönste an diesen Besuchen war immer die Stunde in der alten Dorfkirche, weil nach der Predigt die Männer der Gemeinde vor dem Altar tanzten. Einmal ist sie einfach nach vorne gelaufen – mitten in den Kreis der Männer hinein. Einer der Männer hatte sie gepackt, sie auf seine Schultern gesetzt, und mit ihr getanzt, bis ihr schwindelig wurde. Das war schön.

Neben jedem Bett in dem langen Saal war nur ein rostiger Haken in die Wand geschlagen. Für die ’Kleider‘. Darüber befand sich ein schmales Brett für die ‘persönlichen Sachen‘, auf die jedes Kind sorgsam acht geben musste.

Die „persönlichen Sachen“ waren ein Napf und ein Löffel aus Blech, eine uralte Zahnbürste mit einem Holzgriff, und ein Stück braune Knochenseife.

Den verbeulten Napf, und den krummen Löffel, musste jedes Kind selber sauberhalten, und wem Seife oder Zahnbürste abhanden kam, der musste vier Wochen lang ohne diese Dinge auskommen. Das hatte Maryla gleich zu Anfang erfahren müssen – nach der ersten Nacht waren nämlich die Seife und ihre Zahnbürste verschwunden.

Das Mädchen im Bett unter ihr hatte ihr nach ein paar Tagen flüsternd verraten, daß ihnen die Nachtaufsicht die Sachen wegnehmen würde, um die Kinder zur Wachsamkeit zu erziehen. In Wahrheit wurden diese Sachen von den Frauen mit nach Hause genommen, weil sie so etwas für ihre Familien im Dorf nicht kaufen konnten.

Sie sehnte sich so sehr nach ihrer Mamuschka. Warum war sie in den Himmel gezogen, ohne sie mitzunehmen. Und warum war Gilla nicht mit ihr in dieses Heim gekommen.

In den ersten Nächten strich ihr leises Weinen wie ein flüsternder Wind durch den kalten, dunklen Saal.

Die anderen Kinder auf den Strohsäcken unter den ver-schlissenen Wolldecken waren alle mucksmäuschenstill. Als Maryla als Strafe für ihre Ruhestörung zwei Nächte barfuß auf den kalten Fliesen in dem zugigen Flur stehen mußte, da war auch sie anschließend mucksmäuschenstill geworden. Ihr weinen hörte keiner mehr – nicht bei Tag, und nicht in der Nacht. Es hatte sich ganz tief in sie hinein verkrochen, und bildete nun in ihrer Seele einen Tränensee. An dessen Ufer saß sie in den nächsten Wochen häufig, und träumte von ihrer Mamuschka.

Nach drei unendlich langen Monaten hatte Mamuschka im Himmel wohl ihre Gebete gehört, denn eines Mittags stand plötzlich eine fremde Frau vor ihr.

„Ich bin deine Tante Tulja.“ Maryla hatte von einer Tante bisher nichts gewusst – ihre Mamuschka hatte nie davon gesprochen, daß es eine Tante gäbe. Sie sei die Witwe von Mamuschkas Bruder Bordo, der im Krieg in Afghanistan mit seinem Flugzeug abgestürzt war, erfuhr Maryla von der fremden Frau.

„Als einzig lebende Verwandte hab ich mich bereiterklärt, für dich zu sorgen. Ich bin also jetzt Dein Vormund. Komm, und laß uns hier nicht herumtrödeln. Du hast mich sowieso schon vielzuviel Zeit gekostet.“ Noch während ihre ‘Tante’ das sagte, zerrte sie Maryla nach draussen. Zu der Uniform im Hintergrund sagte sie noch: „Die Formalitäten sind schon erledigt“ – und schob Maryla unsanft in ein schäbiges, klappriges Auto hinein.

Alles das fliegt ihr jetzt, bei ihrem hastigen Lauf vom Marktplatz nach Hause, durch den Kopf. Die dunkle, warme Stimme, die sie am Marktplatz von hinten gefragt hat, ob sie nicht auch gerne tanzen möchte, hat diese Bilder in ihrem Kopf ins laufen gebracht.

Es war ihr, als hätte der Pope aus der kleinen Dorfkirche zu ihr gesprochen. Das konnte aber ja nicht sein. Sie war ja viel zu weit weg von Sankt Petersburg.

Die Tante war, vom Kinderheim aus, direkt mit ihr in das schöne Haus am Newska-Prospekt gefahren. Als sie durch das steinerne Tor in die Allee einbogen, die zum Wohnhaus führte, hatte Maryla sich gefreut, wieder zu Hause zu sein. Es war ihr, als würden die steinernen Löwen auf den Torpfeilern ihr zulächeln.

Wenn sie zur anderen Strassenseite, in den Park geschaut hätte – sie hätte vielleicht Gilla unter den Bäumen stehen sehen. Gilla stand im Schatten der riesigen Linden – mit tränen-gefüllten Augen krampfhaft auf ihr Taschentuch beissend, und beobachtend was dort geschah. Das tat sie nun schon seit einigen Wochen, ohne dessen müde zu werden.

Es hatte ihr nämlich fast das Herz gebrochen, die kleine Maryla hergeben zu müssen, die ihr wie eine eigene Tochter geworden war.

In ihrem Leid war sie dem Popen in ihrem Heimatdorf aufge-fallen, dem sie dann alles, was sie wusste, erzählte. Der Pope hatte darauf nach langem Überlegen geantwortet, er werde sehen, was er tun könne.

Ein paar Tage danach trat Gilla, durch Vermittlung des Popen, in der Nähe ihrer alten Stelle eine neue Arbeit als Hausbesorgerin an. Vom Popen war sie gut mit Anweisungen versorgt, was sie in dieser Sache tun könne.

So ging Gilla – Marylas Ersatzmama – mit Feuereifer ans Werk. Jede Minute ihrer freien Zeit verbrachte sie von Stund an im Park auf der anderen Seite der Strasse. Jede Begebenheit schrieb sie fein säuberlich in ein Büchlein, das sie sich eigens für diesen Zweck gekauft hatte. Jeden Besucher, der das Grundstück oder das Haus betrat, beschrieb sie genauestens – jede Veränderung auf der anderen Seite wurde unter Angabe von Tag und Uhrzeit von ihr festgehalten, und die Nummer jedes Autos, das in die Allee einbog, notierte sie. Am Wochenende landeten die Notizen dann regelmäßig beim Väterchen Alex, dem Dorfpopen. Täglich machte „ihre Arbeit“ wie sie ihr Tun nannte, mehr Freude, weil es das Gefühl in ihr stärkte, doch etwas für Maryla erreichen zu können.

Marylas Freude dagegen hielt an diesem Nachmittag nicht lange an. Keine Gilla war da, die ihnen die Tür öffnete – keine vertrauten Geräusche und keine verlockenden Düfte empfingen sie, so wie es sonst immer gewesen war. Ungelüftete kalte Räume, mit in Gruppen zusammengestellten Möbeln, sah sie nur.

„Ich hab das hier alles schon verkauft – dein Leben kostet mir ja schließlich viel Geld“ – geschäftsmäßig kühl, und am Rande sagte die Tante ihr das. „Wir müssen nur noch ein paar Sachen zusammenpacken – ich kann Dir ja nicht alles neu kaufen.“ Als wenn das nicht reichte, tat sie noch obendrauf: „Deine Mutter hat Dich sowieso viel zu sehr verwöhnt.“

Die Tante fing sofort an, viele Dinge zusammenzupacken. Die paar Sachen – wie sie es genannt hatte – das war Mamas Schmuck, das waren die feinen Bilder die Mama gesammelt hatte, das waren die glänzenden Bestecke und die schönen Vasen aus dem großen Eichenschrank in der Wohnstube – und das waren die Bücher, die im Lesezimmer die Schränke füllten.

Für Mamas Bilder und Bücher standen im Lesezimmer Kisten aus Holz bereit, um damit vollgepackt zu werden.

Gilla hatte immer respektvoll: „Nein auch – was für eine schöne Bildersammlung Deine Mama hat“ gesagt, wenn sie im ganzen Haus die Gemälde mit einem Ziegenhaarpinsel abstaubte.

Die Bücher in den Borten, ringsumher an den Wänden, in Mamuschkas „Studierzimmer“ nötigten Gilla, außer der Bewunderung für die prachtvollen Buchrücken, auch noch tiefen Respekt ab. Jedermann konnte es spüren, wenn sie stolz erzählte: „Die gnädige Frau hat mehr Bücher zum lesen, wie der Pater Abt bei uns daheim im Kloster.“

„Steh’ hier nicht ’rum, und halt Maulaffen feil“ – fuhr die Tante Maryla barsch an. „Geh hinauf in Dein Zimmer, und pack Deine Sachen in den Koffer, der da steht. Schlepp aber kein unnützes Zeug mit hinaus, die Fracht kostet viel Geld. Und beeil Dich gefälligst“ rief sie ihr noch hinterher – „ich habe meine Zeit nämlich nicht gestohlen.“

Maryla hätte am liebsten alle ihre Sachen eingepackt, aber der Pappkoffer, den die Tante ihr hingestellt hatte, war nur klein, und sehr schnell voll.

„Puppen und Spielzeug brauchst Du nicht mitnehmen“ – hörte sie ihre Tante von unten her rufen. „Zum spielen ist in Zukunft sowieso keine Zeit – den ganzen Plunder hier hat schon ein Trödler gekauft.“

Sogar ihre Lieblingspuppe, die sie schon so lange hatte, wie sie zurückdenken konnte, nahm die Tante wieder aus dem Koffer heraus.

Maryla wusste nicht, was sie tun sollte. Der Tränensee in ihrer Seele lief über, und sie konnte nur noch still weinen. Dabei drückte sie ganz fest ihre Ballettschuhe an sich. Die hatte sie nämlich unter ihrem Kleidchen versteckt.

Es war ihr, als ob Mamuschka sie mit ihren zarten Händen berührte.

Draussen war es inzwischen schummerig geworden, und im Haus machte sich schon die Dunkelheit breit. In der großen Diele standen fünfzehn prallgefüllte, große Koffer. Mamas schöne Lederkoffer, mit denen sie immer auf Reisen gegangen war.

Der Koffer mit Marylas Sachen stand einsam an der anderen Seite der Haustür – als wenn er sich schämte, und gar nicht dazugehörte.

Die letzte halbe Stunde hatte die Tante in der Küche herumgepoltert. Eine Schüssel mit dampfendem, pappigem Mehlbrei stand auf dem Tisch, daneben lag ein dicker Kanten trockenen Brotes. Es war das Abendessen für Maryla. Ihre Tante selber rührte davon nichts an – ihr wäre durch die Plackerei der Appetit vergangen, sagte sie.

„Aber für Dich Balg muß ich ja was kochen. Die Schlafstelle für heut’ Nacht muß ich für Dich auch noch herrichten. Ich seh’ schon, Du bist mir eine richtige Last.“

Nach dieser Bemerkung rauschte die Tante aus der Küche, und ließ Maryla allein am Tisch zurück. Ganz klein und verloren kam sie sich in der kalten Küche vor.

Nachdem Maryla einen Teil der klebrigen Pappe mühsam hinuntergewürgt hatte, durfte sie schlafen gehen. Obwohl sie sich ganz schrecklich elend fühlte, freute sie sich auf ihr Bett. Ein letztes mal konnte sie in ihrem eigenen Bett schlafen. Auch ohne ihre Puppe dabeizuhaben, und ohne eine Gutenacht-geschichte von Gilla zu hören, schlief sie sofort ein. Sie träumte wohl von ihrer Mama, denn manchmal murmelte sie ein leises “Mamuschka“ in das tränenfeuchte Kissen unter ihrem Köpfchen.

Ihre Ballettschuhe, die sie unter der Zudecke versteckt hatte, presst sie auch im Schlaf fest an sich. Die Monate im Schlafsaal des Kinderheims hatten sie schon so einiges gelehrt.

Während Maryla im Kinderzimmer, im ersten Stock der lindgrünen angemalten Villa, fest aber unruhig schläft, sitzt ihre Tante im Lesezimmer, am Biedermeiersekretär ihrer verstorbenen Schwägerin, und macht „Kassensturz“, wie sie es nennt.

Sie betrachtet es als eine Fügung des Schicksals, daß ein Onkelsohn von ihr, in der Kommandostelle der Truppen des Innenministeriums in Moskau sitzt. Er diente während des russischen Einsatzes in Afghanistan in der gleichen Einheit wie ihr Mann. Sie hatte nach dem Absturz des Kampfflugzeuges, bei dem ihr Mann damals ums Leben kam, nichts rechtes von ihrem Vetter gehört. Mehr als ein paar belanglose Kartengrüße waren nicht gekommen, aber das störte sie nicht im Geringsten.

Wenn das Schicksal den Lauf der Dinge andersherum gestaltet hätte – sie hätte es gerade genauso gemacht. Arme Verwandte soll man sich tunlichst vom Halse halten. Und wie kann man das am besten? Indem man sich von ihnen fernhält, wie von lästigen Insekten.

Nichts überträgt sich nämlich so schnell, wie der Geruch der Armut – und nichts auf der Welt wirkt ansteckender wie das Elend.

Vergessen ist das alles. Vergessen seit dem Moment, in dem der Vetter die Namen der Opfer des Terroranschlages auf das Theater auf seinen Schreibtisch bekam. Das Gefühl, unverhofft auf eine Goldader gestoßen zu sein, ließ ihn rege werden.

Am selben Tage noch weckte er die eingeschlafene Verbindung zu seiner Cousine wieder auf.

Schon drei Tage später stattete er seiner „lieben Verwandten“, auf ihrem ländlichen Anwesen, einen Besuch ab. Bei Wodka und Gänsebraten kam man sich am Abend dann schnell näher. Sogar so nahe, daß sie beide am anderen Morgen eng umschlungen in der Tantes Bett erwachten. Sie hatten in der Nacht ein längst vergangenes Verhältnis erneut heftig aufleben lassen. Tuljas Becken bebte noch nach Stunden von den kräftigen Stößen ihres Vetters, dessen harte Männlichkeit anscheinend gar nicht genug von ihr bekommen konnte. Immer und immer wieder spritzte es heiß in sie hinein.

Vetter Basil und Base Tulja brauchten dann auch nicht lange hin und her zu überlegen. Sie waren über eine Goldader gestolpert, die förmlich darauf wartete, ausgebeutet zu werden. Es kam nur darauf an, sich das richtige Werkzeug für die Arbeit zu beschaffen. Dazu mußten sie allerdings zusammenarbeiten, denn wenn jeder von ihnen allein zu Werke ging, bekam keiner etwas ab von dem Fund.

Der Schlüssel zu dem Schrank, in dem sich das Werkzeug befand – darüber waren sich die beiden klar – war das Kind von Tuljas Schwägerin. Basil war nicht untätig gewesen. Er hatte in der Kürze der Zeit sogar schon ihren Namen und ihren Aufenthaltsort festgestellt. Maryla hieß die Tochter, und sie befand sich seit dem Unglück in der Obhut der staatlichen Fürsorgebehörden, in einem Heim vierhundert Kilometer von Sankt Petersburg entfernt.

Eile war geboten, wollte man für sich noch etwas bewirken. Die Vertreter der Fürsorge würden so einen dicken Goldfisch, der da bei ihnen an der Angel zappelte, sicher nicht so einfach vom Haken lassen, gab er seiner Base zu bedenken.

Da müsste man schon ein bisschen nachhelfen, meinte Vetter Basil. Wenn ein Säckchen Rubel nichts bewirken würde – der Knüppel der Amtsmacht, über die er verfügte, würde es dann schon besorgen. Den wollte Vetter Basil aber nach Möglichkeit im Sack lassen. Sie seien ja schließlich alle Kinder von Mütterchen Rußland, und Russen sollten sich doch wohl mit Russen friedlich einigen können.

Auf jeden Fall hatten Vetter und Base sich schnell auf halbe-halbe geeinigt, und der Herr Kommandeur konnte die Verbindungsdrähte spielen lassen. Wobei er die Rubelchen, die er Tulja gegenüber vorsorglich für die Fürsorge reklamiert hatte, schon auf seiner Hälfte sah.

Seine Stellung im Apparat erschien ihm nämlich völlig ausreichend, aber davon brauchte Base Tulja ja nicht unbedingt etwas zu wissen. Sie würde sowieso genug von dem Kuchen abbekommen, zumal er sich in der Nacht entschlossen hatte, sie wieder öfter zu besuchen, um von ihrer schmackhaften Muschel zu naschen. Dieses kleine Extravergnügen stand ihm ja wohl zu, denn das ganze war, wenn man es recht betrachtete, ja sein Verdienst.

Äußerst zufrieden, mit sich und der Welt, fuhr er am nächsten Tag nach Moskau zurück.

Kaum wieder im Ministerium angekommen, saß er bereits mitten in diesem schwierigen Geschäft, wie er es bei sich ausdrückte. Er hatte von unterwegs schon einige Untergebene zu sich ins Büro bestellt, die er mit diversen „Ermittlungen“ betraute.

Er entfaltete jedesmal eine rege Tätigkeit, wenn die Ergebnisse seiner „Mitarbeiter“ bei ihm eintrudelten. Es gab ja so vieles zu regeln, und zu ermitteln. Nur mit Behutsamkeit, und äußerster Vorsicht, würde er das Ziel erreichen.

Die ums Leben gekommene Tänzerin galt in gewissen Kreisen der Hauptstadt schon so ein wenig als Nationalheiligtum. Ihr großes tänzerisches Können bildete dabei unzweifelhaft den Vordergrund, aber andere weibliche Talente der begnadeten Künstlerin spielten da auch wohl mit hinein.

Dass es im Leben der Tänzerin ein Töchterchen gab, war offenbar nur sehr wenigen einflussreichen Personen bekannt, denen es offensichtlich sehr wichtig erschien, daß es auch nach ihrem Tode so blieb.

Diese etwas delikaten Umstände waren auch wohl der Grund für das rasche verschwinden des Kindes im Niemandsland eines Fürsorgeheimes in der russischen Weite.

Während Vetter Basil in Moskau seine Truppen mobilisierte, und Mauern zu durchdringen versuchte, tat Base Tulja in Sankt Petersburg beim zuständigen Gericht ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse, und ihre tiefe Besorgnis um das unmündige Kind ihrer über alles geliebten Schwägerin, kund.

Durch diesen Umstand drohte das Kind der berühmten Primaballerina Olga Kersschinski zum Gegenstand des öffentlichen Interesses zu werden.

Die Frage nach dem Vater würde unweigerlich folgen. Eine solche Entwicklung musste unter allen Umständen verhindert werden. Von irgendwo ganz oben war diese Anweisung gekommen, und stolzierte nun bis in die letzte Amtsstube im Lande. Jeder, der mit der Sache zu tun hatte, gab sie weiter, und niemand fragte, woher sie kam.

Fragen in Richtung nach oben zu stellen, war in Russland schon immer ungesund – oder zumindest mit gewissen Risiken verbunden.

Irgendwo war das Schifflein Maryla, noch in Sichtweite des Ufers, auf ein Riff gelaufen. Es konnte seinen Weg in das unendliche Meer der Verschollenheit nicht fortsetzen.

Jetzt galt es für gewisse Leute, den Schaden mit allen Mitteln zu begrenzen. Das ist aber im Russland von heute auch nicht mehr so ganz einfach zu bewerkstelligen. Vor allem, wenn es verschiedene Interessenlagen gibt.

Da Familienverbundenheit, und verwandtschaftliche Grade, in der russischen Gesellschaft eine hohe Wertstellung einnehmen, konnte man die direkte Tante, die sich, um das nun überall aktenkundige Waisenkind, kümmern wollte, nicht einfach so beiseite schieben. Zumal sie Reputation höheren Ortes genoß. Ein stellvertretender Unterrichter teilte es so seinem Vorgesetzten mit. Dieser wiederum berichtete davon den stellvertretenden Oberrichter, und der gab es weiter an den Gerichtspräsidenten des Petersburgischen Bezirksgerichts. Alles dies geschah unter dem Siegel der absoluten Geheimhaltung. Also wurde im Herzen Sankt Petersburgs eine Akte angelegt, und amtlicherseits das Vermögen der Verstorbenen ermittelt und aufgelistet.

Auf dem Höhepunkt der pikanten Affäre wurde Vetter Basil sogar an einem trüben Vormittag durch einen Boten zum sofortigen Rapport in den Kreml befohlen.

In seinen Vorstellungen hatte er sich daraufhin schon in den Kellern der Lubljanka auf Nimmerwiedersehen verschwinden gesehen.

Doch es kam alles nicht so, sondern es kam ganz anders. Man befragte ihn über sein Wissen, man drohte ihm mit unabsehbaren Folgen für sich und seine Familie, dann schmeichelte man ihm wieder – und schließlich deckte man stückweise die Karten auf, und arrangierte sich, soweit man es für nötig erachtete. Man konnte absolut kein negatives öffentliches Aufsehen gebrauchen, in dieser an schrecklichen Ereignissen nicht gerade armen Zeit.

So kam es, daß Marylas künftiges Wohlergehen in die Hände ihrer Tante gelegt wurde. Allerdings mit der Bestimmung, das Mädchen Maryla zu adoptieren, und ihren Wohnsitz niemals nach Sankt Petersburg oder nach Moskau zu verlegen. Vetter Basil erhielt als Folge der Übereinkunft die großzügige Gelegenheit, Teile des russischen Riesenreiches auf der Bahnfahrt zu seinem neuen Dienstort – auf der Halbinsel Kamschatka – kennen zu lernen. Er durfte sogar seine Familie mitnehmen. So ist nun mal das Leben – und Sibirien ist unendlich groß, höllisch groß.

Irgendwie hatte das Spiel auch seine weniger guten Karten.

Maryla geriet indessen nur von einer Hölle in die andere. Sie war zum Objekt geworden, und den beiden Strippenziehern winkten trotz allem noch viele Vergünstigungen, und einiges Kapital. Trotz der vielen Prozente, die Mütterchen Russland als Anteil beanspruchte.

Auch so ist die Welt – könnte man sagen. Wenn, ja wenn es da nicht Gilla und Väterchen Alex aus dem kleinen Dörfchen unweit von Sankt Petersburg gäbe. Väterchen Alex, der das kleine Mädchen nicht vergessen konnte, das an einem Sonntag in seiner Kirche mit den Männern vor dem Altar getanzt hatte. Und Gilla, die nicht ertragen konnte, daß ihrer kleinen Maryla solch ein schreiendes Unrecht geschah.

Gillas Notizen hatte Väterchen Alex alle auf eine große Tafel geheftet, die in einer Kammer hinter seiner Sakristei an der Wand hing. Jedesmal, wenn ein neuer Zettel bei ihm ankam, steckte er ihn dazu. Jedes mal schob er die schon vorhandenen Informationen hin und her – wie bei einem Puzzlespiel. Auf jedem Zettelchen piekste ein Fähnchen mit Buchstaben oder Zahlen, und von Fähnchen zu Fähnchen spannten sich bunte Bänder. Es sah bald aus wie eine Landkarte – oder, nein – das ganze sah eher aus wie ein Netz.

Ja, es sah tatsächlich aus wie ein riesiges Spinnennetz, was da in vielen Monaten an der Wand entstanden war. Hinter Marylas Namen verbarg sich offenbar eine lange, einflussreiche Familiengeschichte.

Es war nicht das erste mal, das in der Kammer hinter der Sakristei solche Gebilde unter den Händen von Väterchen Alex an der Wand entstanden. Es war auch nicht die einzige Wand im Lande, vor der Frauen oder Männer standen, unter deren Händen sich ähnliche Gebilde formten. Sie alle, und noch viel mehr Menschen, draussen in der weiten ehemaligen Sowjetunion, gehörten einer Organisation an. Sie hatten sich zusammen-gefunden, um sich gegen Unrecht und Willkür zur Wehr zu setzen – und irgendwie war dann plötzlich der Name für diesen Kreis aufgetaucht: „Das Netz“.

Niemand sprach diesen Namen laut aus, aber alle kannten ihn.

Viele fürchteten inzwischen das Netz, weil sich schon sehr viele Missetäter in ihm verheddert hatten, bevor sie von der Spinne gefressen worden waren.

Noch mehr Menschen aber waren schon von dem Netz aufgefangen worden, wenn sie – wie es auch manchmal mit Artisten vom Hochseil geschah – mitten aus dem Leben abstürzten.

Auf Väterchen Alex’s betreiben waren an vielen Orten viele Köpfe, Beine und Hände dabei, Steinchen zusammenzutragen. Bausteine, aus denen für Marylas Leben ein Häuschen werden sollte. Ein anderes als dasjenige, daß ihre Tante und deren Vetter Basil ihr zugedacht hatten.

Marylas Erinnerung hat sie nicht getrogen, als sie die Stimme auf dem Marktplatz mit der des Popen aus der Dorfkirche in Verbindung brachte. Väterchen Alex hat sich selbst auf den weiten Weg gemacht, um ein Bild davon zu bekommen, wie Maryla seitdem lebte. Fünf Tagen logiert er schon bei seinem Amtsbruder in dem kleinen Städtchen. Und fünf Tage lang beobachtet er das kleine Mädchen in dem verblichenen, abgetragenen Sommerkleidchen schon, daß jeden Nachmittag vom Schulhaus direkt zu den Fenstern der Ballettschule rennt, um dann eine Zeitlang, stumm und bewegungslos, der Musik zu lauschen, und weltvergessen dem Treiben der anderen Mädchen im Hause zuzuschauen.©ee

Illustrationen bei Kenny Anders

Und plötzlich juckt es wieder …

Und plötzlich juckt es wieder …

Zur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert, und sich auf die Socken gemacht Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Die Strecke ins Bergische hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt. Das Geld für meine Bahnfahrkarte wurde in einer Zigarrenkiste in der ‚Werteecke’ im heimischen Stubenbüffet deponiert, denn unsere Wohnung blieb vorerst für uns erhalten. Sie durfte allerdings von Verwandten schon genutzt werden. Als Gegenleistung sollten sie mich bis zu meiner Abreise unter ihre Fittiche nehmen. Meine Mutter ließ bei weitreichenden Entschlüssen zur Sicherheit stets eine Hintertür offen.

Mein Bruder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von fleißigen Händen. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung hinreichend bekannt.

Fidi, ein Jugendfreund meines Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Ende der Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. Friesland ins Rheinland gezogen war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der silbernen Hochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter auf seinem flotten Flitzer mitzunehmen. Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Zugfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.

Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er Zündapp’ Zeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen zu weit auf die Landstraße gerutscht war.

In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die anfangs etwas teurer erscheinende Variante Bahnfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer an. Meine Mutter als dankbarer Mitfahrer übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch den Geldbetrag für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot meiner Mutter sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.

Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Rundfahrt durch die nördlichen Westzonen einschließlich der niederländisch / belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abschied ins gelobte Land. Je näher der Tag rückte, umso mehr merkte ich am Verhalten meiner Betreuer, daß irgendetwas ihnen Unwohlsein bereitete. Und richtig – das von meiner Mutter in dem Holzkästchen deponierte Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.

Der liebe Gott hieß in diesem Fall Karl Grätz. Seines Zeichens Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Verkehr. Seine dunkelblauen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.

Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstraße aus Basaltbrocken Steinwolle als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.

Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere. Menschen die für wenig Geld weit weg wollten, konnten für einen Obolus von fünf Mark bei Grätz mitfahren.

Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere fanden jeweils im Führerhaus Platz, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mussten die anderen sich mit der Unterbringung auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.

Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, musste sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.

Sich unterwegs etwas zu kaufen war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft. Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal heute.

Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord der Grätzchen Kohlendampfer zusammengewürfelt hatte. Nach dem ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Und alles ging im Konzert der Straße unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.

Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.

Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich wieder das Jucken von vor vielen Jahrzehnten zu verspüren.

©ee

Seewind …

Seewind …

„Mamaaa …“
Hell weht Gabis Stimme die Treppe vom Obergeschoß herunter.
„Wann wollten die Mannsleut denn wieder zurück sein? Papa und Opa sind doch zuhause, wenn die Kerzen angezündet werden?“
Gabriele weiß nur, aus dem letzten Telefongespräch mit ihrer Mutter, daß die kleine Flotte vor Tagen noch einmal zum Fang ausgelaufen ist.
Regine hat ihrer Tochter noch nicht gesagt, daß die anderen Kutter schon längst wieder im Hafen liegen. Bis auf die Windsbraut – deren Liegeplatz ist noch leer.
Es wird ihr schwerfallen, ihrer Tochter das zu sagen. Ihr graut, verdammt nochmal, vor den nächsten Tagen – übermorgen ist nämlich Heiligabend.

Die Männer waren vor zwei Tagen zum letzten Fangtörn im alten Jahr ausgelaufen. Das gute Wetter hatte sie dazu veranlasst. Die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sie sich seit längerem befanden, bestärkte sie in ihrem Entschluß, es noch einmal anzugehen.
Die Fangquote, von den Bürokraten im fernen Brüssel ihnen zugeteilt, hatten sie in diesem Jahr nicht ausschöpfen können, obwohl sie viele Stunden länger als sonst die See abgegrast hatten.
Trotz der regelmäßigen Kontrollen der Küstenwacht sorgten raubfischende Kollegen aus den Nachbarländern unablässig dafür, daß die Fischbestände in den Fanggründen sich nicht wieder erholten. Die Preise für heimischen Frischfisch lagen derzeit auch platt am Boden, und außerdem konnte das bevorstehende Weihnachtsfest bei den meisten noch etwas Glanz gebrauchen.
Also hatte man die Maschinen noch einmal auf volle Fahrt voraus gebracht. Die Männer an Bord, und ihre Familien im Dorf, hofften alle miteinander auf einen guten Fang. Und wenn nicht – das Geld, das ihnen der Diesel für diese Fahrt kostete, würde ganz sicher wieder reinkommen.
Die Nordsee zeigte den Schippern beim Auslaufen ihr friedliches Gesicht. Im blassen Wintersonnenschein glänzte sie bis zum Horizont in langgezogener Dünung. Der Him-mel strahlte in wunderlichem Blau, nur ein paar muntere Schäfchenwolken tummelten sich am nordwestlichen Rand
. Der Wind wehte seit ein paar Tagen beständig aus Südost. Er fühlte sich an wie kühle, flüssige Seide.

Zwischen den Männern auf den Decks flog so mancher derbe Scherz hin und her. Die Stimmung auf den Kuttern war gelöst, sie konnte eigentlich gar nicht besser sein.
Keiner von den Mannschaften war am Morgen mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden, niemandem war auf dem Weg zum Hafen eine schwarze Katze von links nach rechts über den Weg gelaufen – was sollte also schon groß passieren.
Mochte Striebus, der alte Decksmann von Harm Dunker, auch noch soviel über das Wetter orakeln, weil ihm das Reißen in den Knochen heftig plagte. Heute gab da keiner was drauf. Sie waren bloß einfach alle guter Dinge.
Der junge Ehemann habe sich in der Nacht bestimmt nicht gut genug zugedeckt, wie Dirk Krüger augenzwinkernd meinte, als Striebus einmal schmerzhaft sein Gesicht verzog. Striebus – er hieß nach seinem holländischen Opa eigentlich Striemulus Buskool, aber das wußte schon gar keiner mehr – war nämlich vor gut vier Wochen noch einmal in den Hafen der Ehe eingelaufen – und das als alter Knochen von fast dreiundsechzig Jahren. Wiebke, die junge Wittfrau von Jan Böhner hatte er geheiratet. Die stramme Deern war man gerade Mitte dreißig.
Jans Kutter war im letzten Herbst, bei blanker See und Sternenfall, des Nachts mit einem Kümo kollidiert. Beide Schiffe waren innerhalb von Minuten gesunken. Fünf Männer blieben dabei auf See – und der tote Jan wurde vom Seeamt in Emden für Alleinschuldig gesprochen. Der verdammte Alkohol war der Grund für das Seeunglück.
So hatte es wenigstens der Kammervorsitzende in seinem Spruch gesagt, und damit die rechtliche Seite geklärt. Ob es aber wirklich alles so stimmte?
Jan Böhners Versicherung war natürlich hocherfreut über diesen Ausgang der Seeamtsverhandlung.
Brauchte sie doch nach diesem Spruch den Hinterbliebenen ihres Versicherungsnehmers nicht einen Pfennig Entschä-digung zahlen.
Die Männer auf den Kuttern sahen das freilich ein wenig anders. Hautnaher. Sie erfuhren täglich in der Praxis, was los war in der Küstenfischerei. Sie wussten zumeist, welche Spielchen auf dem Rücken der Fischer im Interesse der Mächtigen gespielt wurden.
Jan war nicht der einzige Fischer auf der Insel, dessen Kutter plötzlich viel zu groß ausgelegt war, für die Fang-beschränkungen der feinen Herren – da in Brüssel.
Die Hypothekenzinsen für das neue Haus und das fast neue Schiff, zusammen mit den mageren Fängen, hatten Jan dem Genever in die Arme getrieben. Der Rausch färbte die sich auftürmenden Probleme immer so schön rosarot. Und dann stand Wiebke plötzlich mit den drei Kindern alleine da. Ohne Jan, ohne Geld, ohne Kutter und ohne Haus. Sie hatte über Nacht keinen Mann, und die Kinder keinen Vater mehr an ihrer Seite.
Die Familien der Fischersleute standen ihr im Alltag bei, so gut es ging – aber was war das für ein Leben für Mutter und Kinder.
Tja, so sah es aus bei Wiebke Böhner – bis sie nach dem Trauerjahr mit den drei Lütten zu Striebus ins Haus zog, das für ihn alleine sowieso viel zu groß, und viel zu leer war.
Seitdem seine Lissy vor zehn Jahren den Kampf gegen den Krebs aufgegeben und ihn verlassen hatte, fühlte er sich in dem Gemäuer als Fremder. Das war jetzt wieder anders geworden. Es war wieder Leben eingekehrt, in das Haus am Damenpfad.
Die Männer an Bord gönnten den Fünfen natürlich ihr Glück.
So ein paar harmlose Sticheleien mußte Striebus sich dann und wann aber schon gefallen lassen – wenn die Männer unter sich waren.
„Van wägen so’n ollen Bukk, un so een jungen Zääch“
wie Dirk lachend hinterher schickte, bevor er in der Fahrt voraus noch einen Knoten zulegte.
Die sechs Kutter hatten den ganzen Vormittag über gute Fahrt gemacht. Der Wind hatte die Maschinen kräftig unterstützt – bis er plötzlich schlapp machte. Er war einfach weggeknickt, wie es Bernd Sprit schon mal zu vorgerückter Stunde an der Theke im Hafenkrug passierte, wenn er zuviel von Jan ten Doornkaats Seelentröster verkasematuckelt hatte.
Von einem auf den anderen Augenblick verschluckte sie stattdessen ein pottendickes Nebelfeld, von dem selbst die Männer vom Seewetterdienst, trotz modernster Technik, in ihrer Vorausschau nicht den blassesten Schimmer gesehen hatten.
Das Sehen der Männer auf den Schiffen war auch wie abgeschnitten. Es waberte nur noch eine graue Suppe um sie herum. Sie konnten nicht einmal mehr die Hand vor den Augen erkennen.
De griese Katt, vor der sie alle gehörigen Bammel hatten, hatte sie ohne die geringste Vorwarnung von oben her überfallen.

Gabriele ist derweil unterm Dach in der Giebelstube in ihrem Mädchenzimmer zugange. Sie packt ihren Koffer aus. Sie muß zusehen, daß sie die Geschenke, die sie ihrer Familie zum bevorstehenden Weihnachtsfest mitgebracht hat, gut versteckt.
Klein Hinnerk hat nämlich schon um die Ecke geluurt, um zu erspähen, was sich wohl alles so im Reisegepäck seiner Schwester befindet.
„Häst Du ok all wat van d’ Winachskeerl för mi mitbrocht?“ hatte er seine große Schwester plietsch auszuhorchen versucht.
„Hinni – de Winachskeerl kummt doch eers övermörgen Oabend in d’ Huus.“
Auf diese Antwort von Gabriele kniff der Butscher nur ein Auge zu, als er sagte: „Een bietji har he Di oaber joa all för mi mitdoon kunnt.“
Hinni, Hinni – du büst joa all richtich groot, dachte sie nur im Stillen, und drückte ihren kleinen Bruder einmal fest an sich.

Mit der ersten Fähre war sie in der Frühe vom Festland aufs Eiland übergesetzt.
Wenn sie gestern Abend in Bremen nicht auf den letzten Drücker den Nachtzug noch erreicht hätte, dann säße sie jetzt bei ihrer Tante auf dem Siel, in der gemütlich warmen Wohnstube, und würde Pottlappen, oder sonst etwas Nützliches häkeln.
Handarbeiten war nämlich zu Tante Dines Lieb-lingsbeschäftigung geworden. Früher blieb ihr nie die Zeit für solche Dinge. Die Arbeit auf dem Hof stand immer an erster Stelle. Sie war deswegen aber nie unglücklich gewesen.
Das Gegenteil war wohl eher der Fall – jetzt fehlten ihr häufig die Tiere, und alles was damit zusammenhing.
Dine wäre über ihre Gesellschaft ganz sicher hocherfreut gewesen. Seit Onkel Hannes Tod wohnte sie nämlich alleine in dem großen Haus hinter dem Deich, gut zweitausend Schritte vom Dorf entfernt. Ab und zu kam es sie schon mal schofel an, wenn die Einsamkeit um sie herum gar zu einsam wurde.
Nach Hannes Tod war sie deswegen ständig von irgendjemand bedrängt worden, doch den Hof zu verkaufen, und unter Menschen zu ziehen. Am Deich würde sie doch trübsinnig werden, hieß es immer wieder. Außerdem könne man doch jeden Tag im Blatt lesen, wie oft abgelegene Höfe ausgeraubt würden – oder gar noch schlimmeres passierte.
Tante Dine wußte wohl, daß der Bürgermeister aus dem Nachbardorf auf den Marschenhof spekulierte. Er passte so schön rund in seinen Besitz.
Die rechts und links daran angrenzenden Ländereien hatte er schon klammheimlich eingeschluckt.
Gabriele hatte einmal mitbekommen, was Onkel Hannes von seinem Nachbarn gehalten hatte:

„De Schwienjakk van Burmester kann sien Halsgatt ok nich vullkriegen. Schasst sehn, de word eens Doachs noch doran ovstikken.“
Die Pläne einer großen Feriensiedlung für Touristen spukten nämlich schon länger in der Gegend herum. Es war noch nichts Offizielles, aber man mußte ja gerüstet sein, wenn die Jagd auf das Bauland losging. Die Darlehnskasse hatte dem Bürgermeister beim zusammenkaufen der Landflächen jede Unterstützung zukommen lassen. Seinem Rendanten war man sowas ja wohl schuldig.
Zumal Onkel Hannes immer etwas aufmüpfig gewesen war, und auf den alljährlichen Vertreterversammlungen häufig das rigorose Geschäftsverhalten der Bank öffentlich kritisierte.
Jetzt, wo der Grizzly tot unterm Grund lag, und nur noch die Wittfrau den Hof bewohnte, witterte man im Kontor über der Bankstube die günstige Gelegenheit, das Fell des Bären unter sich aufzuteilen.
Die Hyänen in den Nadelstreifenanzügen hatten aber die Rechnung ohne Tante Dine gemacht. War Onkel Hannes schon fest wie ein Eichenpfahl gewesen, so war sie wenigstens hart wie Granit.
Gabriele hielt sich sonst gerne bei Opas Schwester auf. Während ihrer Schulzeit, auf der Mädchenschule in der Kreisstadt, war der Hof des Deichvogtes unter der Woche ihr zweites Zuhause gewesen. Von Tante Dine und Onkel Hannes hatte sie in den Jahren ihrer Jungmädchenzeit viel gelernt.
Tante Dine war es auch gewesen, die ihr die Geheimnisse ihres Körpers zu verstehen half, als der sich allmählich überall rundete. Bevor Opas Schwester nämlich, durch ihre Heirat mit dem Deichvogt, mit Leib und Seele Burinski wurde, hatte sie als Hebamme – als Moder Griepsch – unzählige kleine Schreier in der Umgebung ans Licht der Welt geholt. Auch dem Bürgermeister aus dem Nachbar-dorf hatte sie den ersten Klaps seines Lebens auf den Hintern verpaßt.
Sie dachte jetzt manchmal bei sich, damals vielleicht nicht fest genug zugeschlagen zu haben.

Jetzt, wo Gabriele in Elsfleth die Seefahrtsschule besuchte, war sie an den Feiertagen aber doch lieber auf ihrer Insel.
So stand sie schon um sechs am menschenleeren Anleger, und wartete im trüben Licht, der im Wind schaukelnden Bogenlampen, auf die Abfahrt der ersten Fähre.
Auf dem weiten Hafenplatz wimmelte es von Möven, die sich kreischend um die Brocken von Gabrieles Reiseproviant zankten.
Wenn sie an den Wochenenden heimfuhr, schmierte ihre fürsorgliche Hausmutter, bei der sie in Elsfleth wohnte, ihr nämlich immer eine solche Menge Brote für unterwegs, eine ganze Kompanie ausgehungerter Soldaten konnte im Ernstfall wohl eine Woche damit überleben. Tante Betty, wie die Gute hieß, hatte immer Angst, ihr Pensionsmädchen würde ihr sonst auf der Reise verhungern. Die Witwe Brandt wußte selber, daß das Quatsch war – die mageren Steckrübensuppentage ihrer eigenen Jungmädchenzeit hatten sie aber so geprägt.
„Dor kanns nix tägen doon, mien Deern. Wääs man blied, dat see dat so good mit di meent“, hatte Opa achselzuckend gesagt, als sie anfangs zuhause von den Essenspaketen ihrer Wirtin berichtete.
Seitdem hatte sie bei den großen und kleinen „Emmas“ am Hafen einen Stein im Brett. Für die Möven war jedesmal Weihnachten, wenn Gabriele am Anleger auf das Fährschiff wartete.
Die anhängende Nachtmüdigkeit ließ sie trotz des dicken Tuchmantels in der Morgenkälte leicht frösteln.
Sie hätte die Zeit bis zur Abfahrt zwar in der geheizten Wartehalle zubringen können, der abgestandene Müffel da drinnen behagte ihrer Nase aber nicht. Dafür war sie dann der erste Fahrgast an Bord, und konnte sozusagen als Entschädigung, mit der Besatzung an der Back in der Messe, ordentlich frühstücken. Als Kollegin hieß man sie da jederzeit willkommen.
Gott sei dank war sie die Nacht durchgefahren, denn die Reederei stellte, wegen des scheußlichen Wetters, kurz darauf alle Fährverbindungen zu den Inseln ein.
Der Käpten auf der Brücke hatte unterwegs wohl daran gedacht umzukehren, aber die Fahrt zurück in den Festlandshafen wäre bei den herrschenden Windstärken genauso bullerig gewesen, wie das letzte Stück Wasser zur Insel hinüber. Er hatte sich nach reiflichem Überlegen entschieden, den Kurs auf den Inselhafen beizubehalten.
Ihm war es egal, wo sein Schiff vertäut wurde. Er wohnte ständig an Bord. Sein Steuermann hatte aber gemeint, wir sind dann wenigstens alle daheim bei unseren Familien, als der Alte sich mit ihm beratschlagte. Es befanden sich an diesem Morgen ausnahmslos Insulaner an Bord, die denn auch allesamt seine Entscheidung guthießen.
Allerdings konnte man bald darauf im Salon etliche grüne Gesichter ausmachen, denn längst nicht jeder der Inselbewohner war automatisch auch seefest. Eine ganze Reihe von Passagieren sah dann auch unverhofft ihr gutes Frühstück aus dem Magen wieder auftauchen. Claas, der Stuart, hatte beim Spucktüten verteilen nur trocken gemeint: „Villicht will joa een sien Äten wär mit noa Huus näämen.“
Der Dampfer schaukelte ganz schön, aber das kannte Gabi zur Genüge – ja, sie liebte es sogar, wenn der Bootsrumpf auf den Wellen tanzte, und die Schrauben wütend aufheulten, wenn sie kein Wasser um sich herum verspürten.

Nicht von ungefähr wollte sie Schipper werden, wie ihr Vater und Großvater es waren. Mama war mit diesem Berufswunsch ihrer Tochter allerdings ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Sie mochte es sich nicht vorstellen, ihr Mädchen als Seemann irgendwo in der Welt herumschippern zu wissen.
Dabei wollte ihr Mädchen gar nicht irgendwo als Seemann in der Welt herumschippern – sie wollte mit ihrem Kutter, von ihrem Hafen aus, auf ihrer Nordsee, ganz einfach nur fischen. Wie Papa und Opa, und all die anderen es vor ihr seit Generationen getan hatten.
Papa hatten sich, bei der Vorstellung eine Frau als Steuermann im Ruderhaus zu sehen, anfangs auch die Nackenhaare gesträubt, wie er sagte. Bis Opa – von dem eigentlich niemand eine Äußerung dazu erwartet hatte – eines Abends beim Grog im Hafenkrug ruhig und bedächtig in die Tabakwolke um seinen Kopf herum sagte: „Lasst die Deern man zufrieden, die weiß schon was sie will …, und Rock und Nylons wird sie an Bord tja woll nich anzieh’n.“
Damit war das Thema ein für allemal vom Tisch. Deswegen besuchte sie auch jetzt, nach dem Abitur, die Seefahrts-schule in Elsfleth, und kam nur alle Wochen nach Hause, auf die Insel.

Nachdem sie die Großmutter vor zwei Jahren auf dem Kirchhof zur Ruhe gelegt hatten, fuhr Opa nicht mehr so oft mit raus zum fischen. Wenn die Jungen draußen die Hols in die Kutterbäuche winschten, saß er mit einigen anderen ausgedienten Fahrensleuten im alten Bootsschuppen der Genossenschaft, und flickte die Netze und das Tauwerk.
Jeden Abend vor Sonnenuntergang führte ihn sein Weg zum Friedhof. Er sprach dann zur Nacht mit seiner Talea über die Tagesereignisse – genau so, wie sie es zu ihren Lebzeiten stets gehalten hatten.
Manchmal sah man ihn auch stundenlang oben auf dem Dünenkamm bei der alten Wetterwarte sitzen, und in die Weite des Wassers und des Himmels träumen. Seine Piep ging ihm dabei nie aus.
Den Kautabak hatte er sich auf drängen seiner Schwiegertochter abgewöhnt, nachdem einer seiner Priems mal versehentlich im knappen Bikinioberteil einer vollbusigen Urlauberin gelandet war. Was hatte das neugierige Froominsch sich auch plötzlich so tief zu ihm heruntergebeugt, nur um zu sehen, was für eine große Nadel er zum Netze flicken benutzte.
Er hatte sich verlegen, und nach den passenden Worten suchend, bei der Dame entschuldigt, und ihr spontan seine Hilfe angeboten. Ein bißchen rot ist er dabei sogar noch geworden.
Seinen Priem, den wollte sie denn aber doch lieber mit ihren eigenen Händen aus der drangvollen Enge ihres Busens befreien.
Das war zum Beispiel einer der wenigen Momente im Alltag gewesen, die ihn spüren ließen, daß er doch schon etwas älter war.
Die junge Doktersche, die vor einem Jahr die Praxis vom alten Boomgarden übernommen hatte, wollte ihn danach partout auch noch dazu bewegen, den schädlichen Rauchgenuß aufzugeben, wie sie es elegant formulierte. Er solle doch an seine Gesundheit denken. Er – mit seinen 83 Jahren. Als wenn er nix anderes mehr zu bedenken hatte. Er hatte ihr nur kurz und knapp geantwortet:
„Ikk holl up to schmöken, wenn ikk dod bün.“
Die junge Hausärztin schnitt das Thema in seiner Gegenwart denn auch nie wieder an. Jetzt dachte er manchmal: Eelich is de Doktersche doch een heel patent Froominsch.
Er schaute sogar in der letzten Zeit öfter mal bei ihr in die Praxis rein, obwohl ihm gar nichts fehlte. Man konnte so wunderbar über alles mit ihr schnacken.
Sie war nämlich nicht überkandidelt und schickimicki, wie die Mannsleut es alle befürchtet hatten, als Doktor Boomgarden abends im Krug wortgewaltig een Wief als seine Nachfolgerin ankündigte.
Einen feuerspeienden Drachen, mit Haaren auf den Zähnen hatten sie nach Kuddel Boomgardens Schilderung erwartet. Der olle Pferdedoktor hatte sie alle ganz schön ins Boxhorn gejagt – die junge Doktersche entpuppte sich nämlich als verteufelt hübsch und unkompliziert. Obendrein war sie auch noch unverheiratet. Da die Kerls auf der Insel ja nicht alle so alt waren wie er, sollte sich das wohl finden. Er hatte ja das Netzeflicken und sein Piepenschmöken. Das sollte für ihn wohl reichen.

Nur wenn mal eine Hand an Bord der Windsbraut fehlte, oder ein längerer Fangtörn anstand – dann war er mit dabei. Dann war er auch plötzlich gar nicht mehr alt und müde – dann war er wieder der alte Käpten Raß. Dann war er wieder der Eichbaum, dem nie eine See zu hoch ging. So auch vor Tagen, als die Fischer gemeinsam beschlossen hatten, noch einen Törn zu wagen.

Der Nebel, der wie ein dichtes Wattegespinst seit dreißig Stunden über dem Dorf lag, hatte sich am frühen Morgen aufgelöst. Das Meer war wieder zu sehen. Es war noch da, wie stets – doch es tobte in wilder Manier, als ob die Massen der See sich für das eingesperrtsein im Nebel rächen wollten. Die gespenstische graue Stille war dem auf- und abschwellenden Brausen und Heulen des Sturmes gewichen. Aus Nordwest hatte sich der wilde Geselle klammheimlich herangemacht.
Der Sturm war hinter der undurchdringlichen Wand zu einem grimmigen Ungeheuer geworden, und hatte dann wütend die bleierne, eisige Suppe mit einem gewaltigen Atemzug in sich reingesogen.
Jetzt türmte er die Wellen haushoch aufeinander, wie klein Hinnerk es immer mit seinen Bauklötzen tat, wenn er auf dem Küchenfußboden seine Burgen baute.
Fünf Schiffe der kleinen Inselflotte waren dem Sturm rechtzeitig von der Schüppe gesprungen – sie hatten kurz vor Mitternacht, noch im Nebel, mit blinden Augen aber sonst unbeschädigt, den Hafen erreicht. Sie brachten zwar keine Ladung mit, besaßen dafür aber noch Schiff und Leben.
Nur die Windsbraut, sie war der größte von den sechs Fischkuttern die hier zuhause waren, die fehlte noch. Seit mehr als zehn Stunden war sie jetzt schon überfällig – seit mehr als zehn Stunden hatte man keinen Piepser mehr von ihr gehört, obwohl vor jeder Funkkiste im gesamten Bereich ständig jemand saß, und mit übermüdeten Ohren angestrengt in den Äther lauschte.

Wenn Regine von ihrer Arbeit aufsah, und den Kopf ein wenig in den Nacken hob, sah sie durch das Küchenfenster die Mastspitzen der Kutter über der Deichkrone sich hin- und herbewegen. Fünf Spitzen zählte sie – und alle paar Minuten wieder – das gleiche stillhalten der Hände, die gleiche Bewegung des Kopfes, der gleiche Blick nach draussen – und wieder sah sie nur fünf Mastspitzen vor den jagenden Wolken des niedrigen Winterhimmels, die ihr die heftig schaukelnden Kutter an der Mole anzeigten. Jedes Mal hoffte sie, daß sich ihr beim nächsten Blick über den Deich sechs Mastspitzen zeigen würden.
Sie hatte es Gabriele während des Teetrinkens gesagt. Die Deern hatte es aufgenommen, als wenn ihre Mutter ihr so nebenbei gesagt hätte, der Zug, mit dem Papa und Opa ankommen, verspätet sich um ein Weilchen.
In dem Augenblick erkannte Regine, daß ihre Deern, von Seele und Charakter her, für die Seefahrt bestimmt war.
Anschließend war Gabi in ihr Ölzeug gestiegen, hatte sich den Südwester auf ihrem blonden Wuschelkopf festgezurrt, und war nach draußen verschwunden. „Ikk will ähm kieken, ob ich den Mannsleuten am Hafen helfen kann“ rief sie ihrer Mutter über die Schulter, von der Tür her, noch zu. Gegen den Sturm gebeugt stapfte sie mit sicheren Schritten den Deich hinauf.
Das große, hölzerne Sieltor war fest geschlossen, und binnen und buten mit Sandsäcken abgeschottet. Oben am Deich packte der Sturm sie wutentbrannt, wie mit eisernen Fäusten, und hätte sie um ein Haar wieder die Schräge hinunterbefördert. Wie im Grund angewachsen stand Gabriele aber in ihren schweren Seestiefeln.
Einen solchen Kampf hatte sie schon oft mit dem Sturm ausgefochten. Bei diesem Spiel ließ sich vorher nie sagen, wie es am Ende ausgehen würde.
Sie wollte auf jeden Fall gewinnen – und wenn man gegen den Sturm einmal verlor, dann musste man auch das hinnehmen. Diese Einstellung war ihr Erbgut von Papa und Opa.
„Mark di dat, mien Deern“, hatte Opa stets aufmunternd zu ihr gesagt, wenn sie bei irgendeinem Tun den kürzeren gezogen hatte – um dann mit unbeweglichem Gesicht noch hinzuzufügen:
„Anners kanns d’ mit de See nich kloarkoamen!“

Die Wellen schlugen, mit weißen Kronen auf den Kämmen, über die Hafenmauer und hüllten die Decksauf-bauten der Kutter in flockigen Schaum. Die Männer aus dem Dorf hatten voll zu tun, im Hafenbereich alles zu sichern, und immer wieder zu sichern.
Nichts, was nicht niet- und nagelfest war, hielt auf Dauer den gewaltigen Orkanböen stand. Von den Pricken längs der Hafeneinfahrt war nichts mehr zu sehen, sie landeten irgendwo irgendwann als Treibgut am Flutsaum. Das weite, sonst grünbraune Deichvorland, war kein Deichvorland mehr.
Soweit das Auge reichte, hatte sich alles in eine weißgraue tobende Wildnis verwandelt, die nur von dem trutzig daliegenden Bollwerk des Deiches, und die sich ihm anschließenden Dünen, daran gehindert wurde, sich über das dahinterliegende Land, und die Häuser, herzumachen.
Gabriele dachte in diesem Moment nicht mehr an Weihnachtsbaum schmücken, und an Kerzen anzünden.
In diesen Minuten hoffte sie nur, daß die Männer mit der Windsbraut einen sicheren Hafen erreichten, und daß der Deich dem blanken Hans standhielt.

Dreißig Seemeilen nordwestlich der Insel führten zur gleichen Zeit die total erschöpften Männer an Bord der Windsbraut einen erbitterten Kampf gegen die tobenden Elemente Wasser und Wind. Es war ein Ringen ums überleben mit ungleichen Waffen. Das vor wenigen Tagen noch so stolze Schiff hatte seinen Schmuck, und fast all seine Wehrhaftigkeit, verloren. Die Maschine gab keinen Muckser mehr von sich. Die Welle im Tunnel war gebrochen, als ein enormer Wasserberg das Schiff, wie mit einer Riesenfaust, in den Himmel gehoben, und wie einen Ball auf der Nase eines Seehundes, oben auf dem Wellenkamm balancieren ließ.
Die erste Böe, die den Nebel um die Windsbraut herum in wenigen Augenblicken verschluckte, hatte den hinteren Mast mitsamt der Peil- und Funkantennen abgedreht, und ihn federleicht – wie den Taktstock eines Dirigenten – fortgewirbelt. Als wenn es nicht genug war, daß er sich auf diese Art davonmachte, versetzte er Richards Bein zum Abschied noch einen derben Schlag mit seinem unteren Ende.
Das Ladegeschirr, das gleichzeitig mit über Bord gegangen war, verhakte sich in der hinteren Schanz, und drohte das Schiff mit in die Tiefe zu ziehen.
Im letzten Moment war es ihnen mit vereinten Kräften gelungen, die Seile von der Winsch zu trennen, und das Heck zu leichtern. Als das Geschirr von der Oberfläche verschwunden war, und sie sich wieder dem Segel zuwenden wollten, spürte Richard sein Bein nicht mehr. Gero und der Alte packten ihn ins vordere Luk. Das war einigermaßen verschont geblieben. Da lag der Käpten nun fest vertäut in einer der Kojen, und hatte Zeit zu denken. Zuviel Zeit.

Richard war seinem Vater jetzt dankbar, daß er beharrlich auf eine Notbesegelung an beiden Masten bestanden hatte. Obwohl die jungen Spezies auf der Werft die Ansichten des alten Schippers für eine überflüssige und kostspielige Gefühlsduselei gehalten hatten. Welcher moderne, see-gängige Kutter wurde denn noch mit so etwas ausgerüstet – und wozu sollte die Spielerei, wie der Chief auf der Werft es Richard gegenüber bezeichnete, auch gut sein. Das trieb doch nur die Baukosten in die Höhe.
Richard versuchte daraufhin seinen Vater von seiner Meinung abzubringen. Allerdings blieb es beim Versuch. Der Alte wußte genau was er wollte – und auch warum er so entschieden dafür eintrat. „Mien Jung, ikk kann di nix vöörschrieven. Dat word dien Schkipp – oaber ikk hoap, du hörst up mi.“
Damit war die Sache für den Alten erledigt. Richard folgte, allen Unkenrufen zum Trotz, den Vorstellungen seines Vaters.
„Der Alte scheint schon ein bißchen zu spinnen“, hörte Richard in der nächsten Zeit schon mal abschätzig die Werftleute brummeln.
Die neuen Maschinen hätten sich doch bewährt, und unverwüstlich wären sie obendrein. Was sollte da der altertümliche Schnickschnack mit der Besegelung. Na ja, es wäre ja sein Geld das er da zum Fenster rausschmiss.
Die viel beschworene Robustheit und Unverwüstlichkeit des Materials hatte sich aber in den letzten Stunden auf drastische Weise als Trugbild zu erkennen gegeben.
Richards Vertrauen in die superneuen Techniken hatte dadurch einen gewaltigen Knacks abbekommen. Bei der Vorstellung, manövrierunfähig der See ausgeliefert zu sein, wurde ihm hundeelend zu Mute. Ohne den Weitblick und die Beharrlichkeit des Alten wäre es mit ihnen, und der Windsbraut, jetzt schon zu Ende gewesen. Wenn er nicht so kladdernaß gewesen wäre, man hätte in seinen Augen Tränen blinkern sehen können.
Eine Woge von Glück überschwemmte ihn. In diesem Moment hätte er seinen alten Vater am liebsten umarmt. Aber das machten die Männer von den Inseln nicht so schnell.
Zum Glück störten sich die Lenzpumpen nicht an dem, was um sie herum vorging. Ihre isolierten und doppelt geschützten Antriebsmotoren hatten noch nicht eine Sekunde gestottert.
Auch wenn es manchmal unmöglich schien, die über-kommenden Seen wieder außenbords zu befördern – sie schafften es doch immer wieder.
Das kleine Segel, das bis zum zerreißen gespannt über dem Vordeck stand, gab den Männern zudem ein bleibendes Gefühl von Hoffnung. Zweimal hatte der Alte, gemeinsam mit Decksmann Gero, das Stück Zeug schon neu setzen müssen. Selbst die solide Taklerarbeit vermochte dem Sturm nicht lange zu widerstehen.
Es war jedesmal eine verteufelte Schinderei am Mast – aber die beiden hatten es mit vereinten Kräften jedesmal gepackt.
Es befand sich allerdings kein trockener Faden mehr unter ihrem Ölzeug. Wahrscheinlich gab es im ganzen Schiff kein Stück Tuch mehr, das nicht genauso naß war wie die Brecher, die unablässig donnernd auf das Schiff herabstürzten.

Seit Stunden hatten die Drei weder gegessen noch getrunken. Nun hatte der Alte es geschafft, in der Kombüse, die eigentlich gar keine Kombüse mehr war, einen Kessel mit dem restlichen Süßwasser ins kochen zu bringen. Das halbvolle Kochgefäß füllte er einfach mit Rum auf, und brachte es irgendwie über das schwankende Deck ins Vorluk. Da keine Trinkbecher mehr an Bord waren – die ständig überkommenden Seen hatten auch unter Deck gnadenlos aufgeräumt – nahm jeder der Drei einen kräftigen Zug aus der Tülle des blanken Kessels. Sie konnten gegenseitig sehen, wie gut ihnen der heiße Grog tat.
„Süchst woll, Gero – wi lääven noch.“
Zufriedenheit klang aus den Worten des Alten, als er Gero die Hand auf die Schulter legte.
„Du häst di up disse Foahrt de Breef wüggelk verdeent.“
Beiläufig sagte er es nur, doch Gero wurde gleich ein ganzes Ende größer dadurch.
Die letzten zwei Jahre hatte er in allen Sielhäfen vergeblich versucht, eine Heuer zu kriegen. Er wollte nun mal Fischer werden, das hatte er sich in den Kopf gesetzt, und niemand hatte es ihm ausreden können.
All sein Mühen war aber ohne Erfolg geblieben. So einen kleinen Steppke aus einem verrufenen Elternhaus wollte doch niemand an Bord haben. Sein Vater war entlang der Küste als Hein Suupsack eine bekannte Größe, und seine Mutter war aus Verzweiflung über ihren Mann auch irgendwann an der Buddel gelandet.
Hilflos, und mit der Welt verquer, war Gero dann im Frühjahr auf der Insel gelandet. Hier fand ihn Opa Raß eines Abends auf seiner verwitterten Bank, direkt neben der alten Wetterwarte, hocken. Irgendwie hatte er das kleine Häufchen Elend, da neben ihm auf dem rissigen Holz, gleich ins Herz geschlossen. Der Alte kannte die ganze Misere, er kannte sie nur zu gut.
Die Geschichten von Hein Suupsack und seiner Angetrauten drehten auch im Hafenkrug auf der Insel ständig ihre Runden – und es waren beileibe nicht immer die schönsten Erzählungen, die von Mund zu Mund liefen. Dabei hatte alles ganz anders angefangen.

Wer als alter Fahrensmann schon im Trockendock lag, der konnte sich noch gut an die Blütezeit von Hein Suupsack erinnern. Als Decksmann war er gefahren. Er galt zu seiner Zeit bis nach Holland runter als der beste Decksmann, den ein Schipper nur haben konnte.
Mit 14 hatte der kleine Waisenbengel aus dem Kohlenpott seine erste Heuer als Moses bekommen.
Mit 14 war er den Kinderschuhen entwachsen, wie die Oberin des Kinderheimes sich ausdrückte, als sie mit dem kleinen Herbert eines Sonntags nach der Kirche in die Wohnküche bei Talea und Ommo reinschneite. Talea und die Diakonissen-Oberin kannten sich schon seit ihrer Schulzeit in Mecklenburg. Und nun wollte Herbert zur See fahren.
Montagmorgen stand Herbert dann in seinen ersten langen Hosen in der Kombüse der Sturmvogel und schälte Kartoffeln.
Richard war zu der Zeit noch ein kleiner Büxenschieter mit bunten Strampelhosen an.
Der kleine Herbert, aus dem schon in der ersten Woche Heini geworden war, blieb der Sturmvogel und seinem Käpten treu. Bis, tja bis eben zu jener Vorweihnachts-sturmnacht im Jahre 54. Da waren sie auch durch die Hölle gefahren – der noch junge Käpten Raß und sein Decksmann. Hein hatte den havarierten Sturmvogel allein nach Hause gebracht. Mit einem Arm. Die Rechte hatte ihm das Fanggeschirr abgequetscht.
Den Käpten hatte der Ladebaum bei einer Quersee von den Beinen geholt. Besinnungslos lag der im Luk.
Heins Verletzung wurde noch in der gleichen Nacht im Inselkrankenhaus notversorgt. Der Arm sei nicht mehr zu retten, sagte der Doktor.
Am nächsten Morgen brachte ihn der Seenotkreuzer zum Festland rüber. In eine Spezialklinik wurde er verfrachtet. Ende Januar kam eine Karte von Hein aus Göttingen. Eine Krankenschwester hatte sie für ihn geschrieben. Er tauge ja nun nicht mehr für die Seefahrt, und würde darum wohl besser abmustern.
Der Alte fuhr eine Woche darauf mit dem Zug nach Göttingen, um Hein zu sagen, daß das mit dem Abmustern ja wohl ausgemachter Tineff wäre, Aber da war Hein schon nicht mehr in der Klinik.
Niemand konnte ihm sagen, wo der sonderbare Einarmige abgeblieben war.
Bis dann die Geschichten von Hein Suupsack an der Küste auftauchten. Als die Geschichten ihn erreichten, hatte der Alte sich auf den Weg gemacht und Hein und seine Familie aufgesucht. Im Gepäck führte er für seinen Decksmann Startgeld für eine neue Existenz als Fuhrmann mit sich.
Hein hatte sich vor dem Alten in eine der nächsten Kneipen verkrochen – er konnte seinem Käpten so nicht mehr gegenübertreten.
Der Alte hatte das Geld und die Papiere Heins Frau dagelassen – für sie und die Kinder. Hein sollte es sich überlegen, wenn er nach Hause käme. Hein kam zwar drei Tage später wieder nach Hause, aber er konnte nicht mehr überlegen. Er wollte auch nicht mehr überlegen.
Jeden Ersten flatterte noch immer ein Scheck von der Insel in die kleine Kate am Rande des Moores. Das war der Alte seinem Decksmann schuldig. Der Alte versuchte, seinem Lebensretter etwas zurückzugeben. Nur seine Talea hatte davon gewusst.
Das war aber alles lange her. Und nun gab der Herrgott ihm Heins Jüngsten in seine Obhut.
Schon am nächsten Tag stand Gero als Decksjunge auf den Planken der Windsbraut. Mit einer echten Heuer in der Tasche.
Richards anfängliches Bedenken, über die spontane Entscheidung seines Vaters, war schnell einer guten Zufriedenheit gewichen. Der Alte hatte wieder einmal die richtige Nase bewiesen. Andere Schipper beneideten Käpten Richard mittlerweile um den kregeln Decksjungen auf seinem Kutter.
Dieser Moment verband die Vergangenheit des Alten mit der Zukunft des jungen Gero. Ein Loch in der Lebenszeit des alten Käpten war plötzlich verschwunden.
Durch den Schulterschlag des Alten war nun auf dem schwer havarierten Schiff aus dem Decksjungen ein richtiger Decksmann geworden.
Der Schulterschlag, der war alter Brauch bei den Fischern auf der Insel. Amtliche Patente sahen die meisten von ihnen seit jeher nur als unumgängliches Obendrauf an.
Es schien, als wenn selbst der Sturm die Bedeutung dieses Augenblicks respektierte.
Einige Atemzüge lang verhielt er sich so still, wie die Gemeinde des Sonntags in der Kirche bedeutungsvoll schwieg, wenn der alte Pastor Büscher bedächtig die Stufen zur Kanzel hinaufstieg. Den Weg ging der alte Gottesmann in den letzten Jahren nicht mehr so häufig. Normalerweise hielt er die Andachten auf seinem Platz vor dem Altar, weil seine Beine seinem Geist im Alter wohl ein wenig vorausgeeilt waren. Wenn er aber mal wieder Anstalten machte, die 10 Stufen zu erklimmen, dann wussten die Menschen im Kirchenraum: Gleich setzt es was.
Über ein halbes Jahrhundert besorgte er nun schon die Geschäfte seines Heilands, hier auf der Insel. Der schien mit seinem Filialleiter auf dem Sandhaufen in der Nordsee auch ganz zufrieden zu sein.
Der alte Haudegen war nämlich in seinem langen Leben noch niemals krank gewesen. Die dicksten Stürme hatte er unbeschadet abgewettert, denn er ließ es sich selbst jetzt, in hohem Alter, nicht nehmen, hin und wieder mit den Fischern in ihren Booten auf Fang raus zu fahren.
Nach seiner offiziellen Versetzung in den Ruhestand degradierten die Kirchenoberen in der Landes-hauptstadt die Inselkirche einfach zur Zweigstelle einer größeren Nachbargemeinde auf dem Festland. Innerhalb der Firma Gottes hatte sich auch sehr viel verändert – und das meist nicht zum Guten.
Die sinkenden Kirchensteuereinnahmen mußten immer öfter als Begründung dafür herhalten. Die da oben verhielten sich gerade so, als wenn eine Reederei, deren Flotte in schwere See gerät, die Kapitäne von den Brücken abzieht.
Der Anspruch auf eine Viertelpastorenstelle wurde der Gemeinde dabei großzügig zugesichert. So ein Schwachsinn war für seinen kleinen Verstand einfach zu hoch gewesen. Er hatte ihn nicht hinnehmen können, und es auch nicht getan.
Was sollten die Menschen denn mit einem viertel Pastor anfangen? Und welches Viertel von dem geteilten Seelsorger stand ihnen überhaupt zu?
Gegen den hartnäckigen Widerstand der Brokatträger blieb er als Hirte bei seiner Herde. Seinem Bischof hatte er während der ersten Auseinandersetzungen darüber einmal öffentlich erklärt:
„Ich habe mit meinem Herrgott keinen Zeitvertrag abgeschlossen, als er mich Pastor werden ließ.“
Seit diesem Wort standen die Menschen auf der Insel noch fester hinter ihm.
Die Offizialen in den Elfenbeintürmen waren vielleicht mit der Zeit erleuchtet worden, oder sie scheuten ganz einfach die Auseinandersetzung in den eigenen Reihen. Die ganze Angelegenheit wurde schlichtweg vergessen. Auf jeden Fall erwähnte sie amtlicherseits niemand mehr.
Harm Stint, einer der Kirchenältesten der Gemeinde, hatte es während einer Gemeindeversammlung kerniger ausgedrückt: „De Kloogschieter in dat moie Tüüchs hevvt de Steert intrukken.“
Das Protokoll vermerkte an dieser Stelle keinen Wider-spruch aus den Reihen der Versammelten.
Nun führt der greise Büscher seine Schäfchen schon seit fast fünfzehn Jahren ohne amtlichen Monatssold über die Weiden des Lebens. Dem alten Herrn in seinem Häuschen, da oben an der Himmelsstrasse, dem gefällt es anscheinend so wie es ist.
Er hatte die Insel nach dem Vorfall nicht zum Niemandsland erklärt. Er ließ es wie gewohnt regnen, er ließ die Sonne weiterhin auf die Insel scheinen, er schenkte den Eltern in gewohnter Manier Kinder – kurzum, er ließ wie eh und je alles wachsen und gedeihen.
Und er ließ Pastor Büscher weiterhin den Rotwein genies-sen, und seinen Schafen die Leviten lesen – wenn der es denn für nötig hielt.

Der Sturm schien sich an der Windsbraut die Zähne aus-gebissen zu haben. Sein schwächer werdendes schnappen nach dem Kutter riß keine neuen Wunden mehr in den geschundenen Schiffskörper. Die drei Männer an Bord atmeten erleichtert auf. Für ein paar Minuten konnten sie die Arme hängen lassen und tief Luft holen.
Es kehrte das sichere Gefühl in sie zurück, wir haben es geschafft.
Als wenn der einsetzende Regen den wütenden Wind einschläferte, verstummte sinnig das brausen und heulen um sie herum. Nach einer Weile war nur noch das klatschen der Wellen am Schiffsrumpf, und das rollen der aufgebrachten See von darunter zu hören.
Wortlos löste der Alte mit klammen Fingern die kupfernen Spindeln an der Feuerkiste. Im inneren des wasserdichten Verschlages befanden sich die Notraketen. Sie lagen eingebettet in blauen Samt. Bisher hatten sie noch keinen Gebrauch von den sprühenden Lichtern gemacht. Jeder Käpten trug stets die Hoffnung in sich, sie niemals zünden zu müssen.
Der Alte hatte aus gutem Grund damit so lange gewartet. In der Hölle, die sie durchquert hatten, hätte die Signale sowieso niemand bemerkt.
Vorsichtig griff der Alte in die Kiste. Behutsam, so wie man mit einem kostbaren Schatz umgeht, legte er die farbigen Hülsen auf die Steuerkonsole im Ruderhaus – na ja, man konnte zumindest noch erkennen, daß es bis vor Stunden ein Ruderhaus gewesen war Nachdem er die Leuchtpistole vom schützenden Ölpapier befreit hatte, überreichte er sie dem jungen Decksmann.
„So Gero, mien Jung – dat ovscheeten, dat is nu alleen dien Soak.“
Bevor er weitersprach, wischte der alte Käpten sich verstohlen mit dem Jackenärmel durchs Gesicht.
Als wenn er eine innere Mauer überwunden hatte, brach es dann aus ihm heraus. „As jungen Keerl hätt dien Voader ok een Schkipp un sien Käpten noa Huus henbrocht – nu wies us, dat du netso good büst as he.“
Jetzt liefen dem alten Kapitän doch die blanken Tränen über die runzlig gewordenen Wangen in seinen Bart. Wie Sterne am dunklen Nachthimmel glitzerten sie in den vom Salzwasser verkrusteten Backenhaaren.
Er drehte Gero den Rücken zu, und murmelte leise, bevor er im vorderen Luk verschwand: „Ikk moot moal ähm noa Richard kieken.“
Ein paar Augenblicke später färbte sich der Himmel über der Windsbraut minutenlang leuchtend rot. Und noch einmal brachte der rote Schein einer Notrakete die Wolkenunterseiten zum glühen. Als das dritte Mal der Himmel anfing zu brennen, mahnte der Alte, der inzwischen wieder aus dem Luk aufgetaucht war, den Decksmann, mit den Notsignalen sparsam umzugehen. Sie wüssten ja schließlich nicht, wie lange es noch so weitergehen würde.
Die Worte waren noch gar nicht ganz in Geros Ohren gelandet, als der Junge schrie: „Käpten …, Käpten …., das dritte Licht ist nicht von uns.“ Gero hätte es gar nicht rufen müssen – ein paar Sekunden später erstrahlte der Himmel zusätzlich in leuchtendem Grün. Das war das Zeichen der Seenotretter. Der Seenotkreuzer hatte, gemeinsam mit anderen Rettungsschiffen, ein riesiges Quadrat um die zuletzt gemeldete Position der Windsbraut ergebnislos durchgepflügt. Nach Abbruch der Suche befand sich die Dietrich Clausen bereits auf Kurs heimatliche Station.
Nun hatten sie die Windsbraut doch noch auf den Radarschirm bekommen. Achtzig Seemeilen von der vermuteten Position entfernt. Der Nordwest hatte den Havaristen bis nah an Neuwerk herangetrieben.