Seewind …

Seewind …

„Mamaaa …“
Hell weht Gabis Stimme die Treppe vom Obergeschoß herunter.
„Wann wollten die Mannsleut denn wieder zurück sein? Papa und Opa sind doch zuhause, wenn die Kerzen angezündet werden?“
Gabriele weiß nur, aus dem letzten Telefongespräch mit ihrer Mutter, daß die kleine Flotte vor Tagen noch einmal zum Fang ausgelaufen ist.
Regine hat ihrer Tochter noch nicht gesagt, daß die anderen Kutter schon längst wieder im Hafen liegen. Bis auf die Windsbraut – deren Liegeplatz ist noch leer.
Es wird ihr schwerfallen, ihrer Tochter das zu sagen. Ihr graut, verdammt nochmal, vor den nächsten Tagen – übermorgen ist nämlich Heiligabend.

Die Männer waren vor zwei Tagen zum letzten Fangtörn im alten Jahr ausgelaufen. Das gute Wetter hatte sie dazu veranlasst. Die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sie sich seit längerem befanden, bestärkte sie in ihrem Entschluß, es noch einmal anzugehen.
Die Fangquote, von den Bürokraten im fernen Brüssel ihnen zugeteilt, hatten sie in diesem Jahr nicht ausschöpfen können, obwohl sie viele Stunden länger als sonst die See abgegrast hatten.
Trotz der regelmäßigen Kontrollen der Küstenwacht sorgten raubfischende Kollegen aus den Nachbarländern unablässig dafür, daß die Fischbestände in den Fanggründen sich nicht wieder erholten. Die Preise für heimischen Frischfisch lagen derzeit auch platt am Boden, und außerdem konnte das bevorstehende Weihnachtsfest bei den meisten noch etwas Glanz gebrauchen.
Also hatte man die Maschinen noch einmal auf volle Fahrt voraus gebracht. Die Männer an Bord, und ihre Familien im Dorf, hofften alle miteinander auf einen guten Fang. Und wenn nicht – das Geld, das ihnen der Diesel für diese Fahrt kostete, würde ganz sicher wieder reinkommen.
Die Nordsee zeigte den Schippern beim Auslaufen ihr friedliches Gesicht. Im blassen Wintersonnenschein glänzte sie bis zum Horizont in langgezogener Dünung. Der Him-mel strahlte in wunderlichem Blau, nur ein paar muntere Schäfchenwolken tummelten sich am nordwestlichen Rand
. Der Wind wehte seit ein paar Tagen beständig aus Südost. Er fühlte sich an wie kühle, flüssige Seide.

Zwischen den Männern auf den Decks flog so mancher derbe Scherz hin und her. Die Stimmung auf den Kuttern war gelöst, sie konnte eigentlich gar nicht besser sein.
Keiner von den Mannschaften war am Morgen mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden, niemandem war auf dem Weg zum Hafen eine schwarze Katze von links nach rechts über den Weg gelaufen – was sollte also schon groß passieren.
Mochte Striebus, der alte Decksmann von Harm Dunker, auch noch soviel über das Wetter orakeln, weil ihm das Reißen in den Knochen heftig plagte. Heute gab da keiner was drauf. Sie waren bloß einfach alle guter Dinge.
Der junge Ehemann habe sich in der Nacht bestimmt nicht gut genug zugedeckt, wie Dirk Krüger augenzwinkernd meinte, als Striebus einmal schmerzhaft sein Gesicht verzog. Striebus – er hieß nach seinem holländischen Opa eigentlich Striemulus Buskool, aber das wußte schon gar keiner mehr – war nämlich vor gut vier Wochen noch einmal in den Hafen der Ehe eingelaufen – und das als alter Knochen von fast dreiundsechzig Jahren. Wiebke, die junge Wittfrau von Jan Böhner hatte er geheiratet. Die stramme Deern war man gerade Mitte dreißig.
Jans Kutter war im letzten Herbst, bei blanker See und Sternenfall, des Nachts mit einem Kümo kollidiert. Beide Schiffe waren innerhalb von Minuten gesunken. Fünf Männer blieben dabei auf See – und der tote Jan wurde vom Seeamt in Emden für Alleinschuldig gesprochen. Der verdammte Alkohol war der Grund für das Seeunglück.
So hatte es wenigstens der Kammervorsitzende in seinem Spruch gesagt, und damit die rechtliche Seite geklärt. Ob es aber wirklich alles so stimmte?
Jan Böhners Versicherung war natürlich hocherfreut über diesen Ausgang der Seeamtsverhandlung.
Brauchte sie doch nach diesem Spruch den Hinterbliebenen ihres Versicherungsnehmers nicht einen Pfennig Entschä-digung zahlen.
Die Männer auf den Kuttern sahen das freilich ein wenig anders. Hautnaher. Sie erfuhren täglich in der Praxis, was los war in der Küstenfischerei. Sie wussten zumeist, welche Spielchen auf dem Rücken der Fischer im Interesse der Mächtigen gespielt wurden.
Jan war nicht der einzige Fischer auf der Insel, dessen Kutter plötzlich viel zu groß ausgelegt war, für die Fang-beschränkungen der feinen Herren – da in Brüssel.
Die Hypothekenzinsen für das neue Haus und das fast neue Schiff, zusammen mit den mageren Fängen, hatten Jan dem Genever in die Arme getrieben. Der Rausch färbte die sich auftürmenden Probleme immer so schön rosarot. Und dann stand Wiebke plötzlich mit den drei Kindern alleine da. Ohne Jan, ohne Geld, ohne Kutter und ohne Haus. Sie hatte über Nacht keinen Mann, und die Kinder keinen Vater mehr an ihrer Seite.
Die Familien der Fischersleute standen ihr im Alltag bei, so gut es ging – aber was war das für ein Leben für Mutter und Kinder.
Tja, so sah es aus bei Wiebke Böhner – bis sie nach dem Trauerjahr mit den drei Lütten zu Striebus ins Haus zog, das für ihn alleine sowieso viel zu groß, und viel zu leer war.
Seitdem seine Lissy vor zehn Jahren den Kampf gegen den Krebs aufgegeben und ihn verlassen hatte, fühlte er sich in dem Gemäuer als Fremder. Das war jetzt wieder anders geworden. Es war wieder Leben eingekehrt, in das Haus am Damenpfad.
Die Männer an Bord gönnten den Fünfen natürlich ihr Glück.
So ein paar harmlose Sticheleien mußte Striebus sich dann und wann aber schon gefallen lassen – wenn die Männer unter sich waren.
„Van wägen so’n ollen Bukk, un so een jungen Zääch“
wie Dirk lachend hinterher schickte, bevor er in der Fahrt voraus noch einen Knoten zulegte.
Die sechs Kutter hatten den ganzen Vormittag über gute Fahrt gemacht. Der Wind hatte die Maschinen kräftig unterstützt – bis er plötzlich schlapp machte. Er war einfach weggeknickt, wie es Bernd Sprit schon mal zu vorgerückter Stunde an der Theke im Hafenkrug passierte, wenn er zuviel von Jan ten Doornkaats Seelentröster verkasematuckelt hatte.
Von einem auf den anderen Augenblick verschluckte sie stattdessen ein pottendickes Nebelfeld, von dem selbst die Männer vom Seewetterdienst, trotz modernster Technik, in ihrer Vorausschau nicht den blassesten Schimmer gesehen hatten.
Das Sehen der Männer auf den Schiffen war auch wie abgeschnitten. Es waberte nur noch eine graue Suppe um sie herum. Sie konnten nicht einmal mehr die Hand vor den Augen erkennen.
De griese Katt, vor der sie alle gehörigen Bammel hatten, hatte sie ohne die geringste Vorwarnung von oben her überfallen.

Gabriele ist derweil unterm Dach in der Giebelstube in ihrem Mädchenzimmer zugange. Sie packt ihren Koffer aus. Sie muß zusehen, daß sie die Geschenke, die sie ihrer Familie zum bevorstehenden Weihnachtsfest mitgebracht hat, gut versteckt.
Klein Hinnerk hat nämlich schon um die Ecke geluurt, um zu erspähen, was sich wohl alles so im Reisegepäck seiner Schwester befindet.
„Häst Du ok all wat van d’ Winachskeerl för mi mitbrocht?“ hatte er seine große Schwester plietsch auszuhorchen versucht.
„Hinni – de Winachskeerl kummt doch eers övermörgen Oabend in d’ Huus.“
Auf diese Antwort von Gabriele kniff der Butscher nur ein Auge zu, als er sagte: „Een bietji har he Di oaber joa all för mi mitdoon kunnt.“
Hinni, Hinni – du büst joa all richtich groot, dachte sie nur im Stillen, und drückte ihren kleinen Bruder einmal fest an sich.

Mit der ersten Fähre war sie in der Frühe vom Festland aufs Eiland übergesetzt.
Wenn sie gestern Abend in Bremen nicht auf den letzten Drücker den Nachtzug noch erreicht hätte, dann säße sie jetzt bei ihrer Tante auf dem Siel, in der gemütlich warmen Wohnstube, und würde Pottlappen, oder sonst etwas Nützliches häkeln.
Handarbeiten war nämlich zu Tante Dines Lieb-lingsbeschäftigung geworden. Früher blieb ihr nie die Zeit für solche Dinge. Die Arbeit auf dem Hof stand immer an erster Stelle. Sie war deswegen aber nie unglücklich gewesen.
Das Gegenteil war wohl eher der Fall – jetzt fehlten ihr häufig die Tiere, und alles was damit zusammenhing.
Dine wäre über ihre Gesellschaft ganz sicher hocherfreut gewesen. Seit Onkel Hannes Tod wohnte sie nämlich alleine in dem großen Haus hinter dem Deich, gut zweitausend Schritte vom Dorf entfernt. Ab und zu kam es sie schon mal schofel an, wenn die Einsamkeit um sie herum gar zu einsam wurde.
Nach Hannes Tod war sie deswegen ständig von irgendjemand bedrängt worden, doch den Hof zu verkaufen, und unter Menschen zu ziehen. Am Deich würde sie doch trübsinnig werden, hieß es immer wieder. Außerdem könne man doch jeden Tag im Blatt lesen, wie oft abgelegene Höfe ausgeraubt würden – oder gar noch schlimmeres passierte.
Tante Dine wußte wohl, daß der Bürgermeister aus dem Nachbardorf auf den Marschenhof spekulierte. Er passte so schön rund in seinen Besitz.
Die rechts und links daran angrenzenden Ländereien hatte er schon klammheimlich eingeschluckt.
Gabriele hatte einmal mitbekommen, was Onkel Hannes von seinem Nachbarn gehalten hatte:

„De Schwienjakk van Burmester kann sien Halsgatt ok nich vullkriegen. Schasst sehn, de word eens Doachs noch doran ovstikken.“
Die Pläne einer großen Feriensiedlung für Touristen spukten nämlich schon länger in der Gegend herum. Es war noch nichts Offizielles, aber man mußte ja gerüstet sein, wenn die Jagd auf das Bauland losging. Die Darlehnskasse hatte dem Bürgermeister beim zusammenkaufen der Landflächen jede Unterstützung zukommen lassen. Seinem Rendanten war man sowas ja wohl schuldig.
Zumal Onkel Hannes immer etwas aufmüpfig gewesen war, und auf den alljährlichen Vertreterversammlungen häufig das rigorose Geschäftsverhalten der Bank öffentlich kritisierte.
Jetzt, wo der Grizzly tot unterm Grund lag, und nur noch die Wittfrau den Hof bewohnte, witterte man im Kontor über der Bankstube die günstige Gelegenheit, das Fell des Bären unter sich aufzuteilen.
Die Hyänen in den Nadelstreifenanzügen hatten aber die Rechnung ohne Tante Dine gemacht. War Onkel Hannes schon fest wie ein Eichenpfahl gewesen, so war sie wenigstens hart wie Granit.
Gabriele hielt sich sonst gerne bei Opas Schwester auf. Während ihrer Schulzeit, auf der Mädchenschule in der Kreisstadt, war der Hof des Deichvogtes unter der Woche ihr zweites Zuhause gewesen. Von Tante Dine und Onkel Hannes hatte sie in den Jahren ihrer Jungmädchenzeit viel gelernt.
Tante Dine war es auch gewesen, die ihr die Geheimnisse ihres Körpers zu verstehen half, als der sich allmählich überall rundete. Bevor Opas Schwester nämlich, durch ihre Heirat mit dem Deichvogt, mit Leib und Seele Burinski wurde, hatte sie als Hebamme – als Moder Griepsch – unzählige kleine Schreier in der Umgebung ans Licht der Welt geholt. Auch dem Bürgermeister aus dem Nachbar-dorf hatte sie den ersten Klaps seines Lebens auf den Hintern verpaßt.
Sie dachte jetzt manchmal bei sich, damals vielleicht nicht fest genug zugeschlagen zu haben.

Jetzt, wo Gabriele in Elsfleth die Seefahrtsschule besuchte, war sie an den Feiertagen aber doch lieber auf ihrer Insel.
So stand sie schon um sechs am menschenleeren Anleger, und wartete im trüben Licht, der im Wind schaukelnden Bogenlampen, auf die Abfahrt der ersten Fähre.
Auf dem weiten Hafenplatz wimmelte es von Möven, die sich kreischend um die Brocken von Gabrieles Reiseproviant zankten.
Wenn sie an den Wochenenden heimfuhr, schmierte ihre fürsorgliche Hausmutter, bei der sie in Elsfleth wohnte, ihr nämlich immer eine solche Menge Brote für unterwegs, eine ganze Kompanie ausgehungerter Soldaten konnte im Ernstfall wohl eine Woche damit überleben. Tante Betty, wie die Gute hieß, hatte immer Angst, ihr Pensionsmädchen würde ihr sonst auf der Reise verhungern. Die Witwe Brandt wußte selber, daß das Quatsch war – die mageren Steckrübensuppentage ihrer eigenen Jungmädchenzeit hatten sie aber so geprägt.
„Dor kanns nix tägen doon, mien Deern. Wääs man blied, dat see dat so good mit di meent“, hatte Opa achselzuckend gesagt, als sie anfangs zuhause von den Essenspaketen ihrer Wirtin berichtete.
Seitdem hatte sie bei den großen und kleinen „Emmas“ am Hafen einen Stein im Brett. Für die Möven war jedesmal Weihnachten, wenn Gabriele am Anleger auf das Fährschiff wartete.
Die anhängende Nachtmüdigkeit ließ sie trotz des dicken Tuchmantels in der Morgenkälte leicht frösteln.
Sie hätte die Zeit bis zur Abfahrt zwar in der geheizten Wartehalle zubringen können, der abgestandene Müffel da drinnen behagte ihrer Nase aber nicht. Dafür war sie dann der erste Fahrgast an Bord, und konnte sozusagen als Entschädigung, mit der Besatzung an der Back in der Messe, ordentlich frühstücken. Als Kollegin hieß man sie da jederzeit willkommen.
Gott sei dank war sie die Nacht durchgefahren, denn die Reederei stellte, wegen des scheußlichen Wetters, kurz darauf alle Fährverbindungen zu den Inseln ein.
Der Käpten auf der Brücke hatte unterwegs wohl daran gedacht umzukehren, aber die Fahrt zurück in den Festlandshafen wäre bei den herrschenden Windstärken genauso bullerig gewesen, wie das letzte Stück Wasser zur Insel hinüber. Er hatte sich nach reiflichem Überlegen entschieden, den Kurs auf den Inselhafen beizubehalten.
Ihm war es egal, wo sein Schiff vertäut wurde. Er wohnte ständig an Bord. Sein Steuermann hatte aber gemeint, wir sind dann wenigstens alle daheim bei unseren Familien, als der Alte sich mit ihm beratschlagte. Es befanden sich an diesem Morgen ausnahmslos Insulaner an Bord, die denn auch allesamt seine Entscheidung guthießen.
Allerdings konnte man bald darauf im Salon etliche grüne Gesichter ausmachen, denn längst nicht jeder der Inselbewohner war automatisch auch seefest. Eine ganze Reihe von Passagieren sah dann auch unverhofft ihr gutes Frühstück aus dem Magen wieder auftauchen. Claas, der Stuart, hatte beim Spucktüten verteilen nur trocken gemeint: „Villicht will joa een sien Äten wär mit noa Huus näämen.“
Der Dampfer schaukelte ganz schön, aber das kannte Gabi zur Genüge – ja, sie liebte es sogar, wenn der Bootsrumpf auf den Wellen tanzte, und die Schrauben wütend aufheulten, wenn sie kein Wasser um sich herum verspürten.

Nicht von ungefähr wollte sie Schipper werden, wie ihr Vater und Großvater es waren. Mama war mit diesem Berufswunsch ihrer Tochter allerdings ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Sie mochte es sich nicht vorstellen, ihr Mädchen als Seemann irgendwo in der Welt herumschippern zu wissen.
Dabei wollte ihr Mädchen gar nicht irgendwo als Seemann in der Welt herumschippern – sie wollte mit ihrem Kutter, von ihrem Hafen aus, auf ihrer Nordsee, ganz einfach nur fischen. Wie Papa und Opa, und all die anderen es vor ihr seit Generationen getan hatten.
Papa hatten sich, bei der Vorstellung eine Frau als Steuermann im Ruderhaus zu sehen, anfangs auch die Nackenhaare gesträubt, wie er sagte. Bis Opa – von dem eigentlich niemand eine Äußerung dazu erwartet hatte – eines Abends beim Grog im Hafenkrug ruhig und bedächtig in die Tabakwolke um seinen Kopf herum sagte: „Lasst die Deern man zufrieden, die weiß schon was sie will …, und Rock und Nylons wird sie an Bord tja woll nich anzieh’n.“
Damit war das Thema ein für allemal vom Tisch. Deswegen besuchte sie auch jetzt, nach dem Abitur, die Seefahrts-schule in Elsfleth, und kam nur alle Wochen nach Hause, auf die Insel.

Nachdem sie die Großmutter vor zwei Jahren auf dem Kirchhof zur Ruhe gelegt hatten, fuhr Opa nicht mehr so oft mit raus zum fischen. Wenn die Jungen draußen die Hols in die Kutterbäuche winschten, saß er mit einigen anderen ausgedienten Fahrensleuten im alten Bootsschuppen der Genossenschaft, und flickte die Netze und das Tauwerk.
Jeden Abend vor Sonnenuntergang führte ihn sein Weg zum Friedhof. Er sprach dann zur Nacht mit seiner Talea über die Tagesereignisse – genau so, wie sie es zu ihren Lebzeiten stets gehalten hatten.
Manchmal sah man ihn auch stundenlang oben auf dem Dünenkamm bei der alten Wetterwarte sitzen, und in die Weite des Wassers und des Himmels träumen. Seine Piep ging ihm dabei nie aus.
Den Kautabak hatte er sich auf drängen seiner Schwiegertochter abgewöhnt, nachdem einer seiner Priems mal versehentlich im knappen Bikinioberteil einer vollbusigen Urlauberin gelandet war. Was hatte das neugierige Froominsch sich auch plötzlich so tief zu ihm heruntergebeugt, nur um zu sehen, was für eine große Nadel er zum Netze flicken benutzte.
Er hatte sich verlegen, und nach den passenden Worten suchend, bei der Dame entschuldigt, und ihr spontan seine Hilfe angeboten. Ein bißchen rot ist er dabei sogar noch geworden.
Seinen Priem, den wollte sie denn aber doch lieber mit ihren eigenen Händen aus der drangvollen Enge ihres Busens befreien.
Das war zum Beispiel einer der wenigen Momente im Alltag gewesen, die ihn spüren ließen, daß er doch schon etwas älter war.
Die junge Doktersche, die vor einem Jahr die Praxis vom alten Boomgarden übernommen hatte, wollte ihn danach partout auch noch dazu bewegen, den schädlichen Rauchgenuß aufzugeben, wie sie es elegant formulierte. Er solle doch an seine Gesundheit denken. Er – mit seinen 83 Jahren. Als wenn er nix anderes mehr zu bedenken hatte. Er hatte ihr nur kurz und knapp geantwortet:
„Ikk holl up to schmöken, wenn ikk dod bün.“
Die junge Hausärztin schnitt das Thema in seiner Gegenwart denn auch nie wieder an. Jetzt dachte er manchmal: Eelich is de Doktersche doch een heel patent Froominsch.
Er schaute sogar in der letzten Zeit öfter mal bei ihr in die Praxis rein, obwohl ihm gar nichts fehlte. Man konnte so wunderbar über alles mit ihr schnacken.
Sie war nämlich nicht überkandidelt und schickimicki, wie die Mannsleut es alle befürchtet hatten, als Doktor Boomgarden abends im Krug wortgewaltig een Wief als seine Nachfolgerin ankündigte.
Einen feuerspeienden Drachen, mit Haaren auf den Zähnen hatten sie nach Kuddel Boomgardens Schilderung erwartet. Der olle Pferdedoktor hatte sie alle ganz schön ins Boxhorn gejagt – die junge Doktersche entpuppte sich nämlich als verteufelt hübsch und unkompliziert. Obendrein war sie auch noch unverheiratet. Da die Kerls auf der Insel ja nicht alle so alt waren wie er, sollte sich das wohl finden. Er hatte ja das Netzeflicken und sein Piepenschmöken. Das sollte für ihn wohl reichen.

Nur wenn mal eine Hand an Bord der Windsbraut fehlte, oder ein längerer Fangtörn anstand – dann war er mit dabei. Dann war er auch plötzlich gar nicht mehr alt und müde – dann war er wieder der alte Käpten Raß. Dann war er wieder der Eichbaum, dem nie eine See zu hoch ging. So auch vor Tagen, als die Fischer gemeinsam beschlossen hatten, noch einen Törn zu wagen.

Der Nebel, der wie ein dichtes Wattegespinst seit dreißig Stunden über dem Dorf lag, hatte sich am frühen Morgen aufgelöst. Das Meer war wieder zu sehen. Es war noch da, wie stets – doch es tobte in wilder Manier, als ob die Massen der See sich für das eingesperrtsein im Nebel rächen wollten. Die gespenstische graue Stille war dem auf- und abschwellenden Brausen und Heulen des Sturmes gewichen. Aus Nordwest hatte sich der wilde Geselle klammheimlich herangemacht.
Der Sturm war hinter der undurchdringlichen Wand zu einem grimmigen Ungeheuer geworden, und hatte dann wütend die bleierne, eisige Suppe mit einem gewaltigen Atemzug in sich reingesogen.
Jetzt türmte er die Wellen haushoch aufeinander, wie klein Hinnerk es immer mit seinen Bauklötzen tat, wenn er auf dem Küchenfußboden seine Burgen baute.
Fünf Schiffe der kleinen Inselflotte waren dem Sturm rechtzeitig von der Schüppe gesprungen – sie hatten kurz vor Mitternacht, noch im Nebel, mit blinden Augen aber sonst unbeschädigt, den Hafen erreicht. Sie brachten zwar keine Ladung mit, besaßen dafür aber noch Schiff und Leben.
Nur die Windsbraut, sie war der größte von den sechs Fischkuttern die hier zuhause waren, die fehlte noch. Seit mehr als zehn Stunden war sie jetzt schon überfällig – seit mehr als zehn Stunden hatte man keinen Piepser mehr von ihr gehört, obwohl vor jeder Funkkiste im gesamten Bereich ständig jemand saß, und mit übermüdeten Ohren angestrengt in den Äther lauschte.

Wenn Regine von ihrer Arbeit aufsah, und den Kopf ein wenig in den Nacken hob, sah sie durch das Küchenfenster die Mastspitzen der Kutter über der Deichkrone sich hin- und herbewegen. Fünf Spitzen zählte sie – und alle paar Minuten wieder – das gleiche stillhalten der Hände, die gleiche Bewegung des Kopfes, der gleiche Blick nach draussen – und wieder sah sie nur fünf Mastspitzen vor den jagenden Wolken des niedrigen Winterhimmels, die ihr die heftig schaukelnden Kutter an der Mole anzeigten. Jedes Mal hoffte sie, daß sich ihr beim nächsten Blick über den Deich sechs Mastspitzen zeigen würden.
Sie hatte es Gabriele während des Teetrinkens gesagt. Die Deern hatte es aufgenommen, als wenn ihre Mutter ihr so nebenbei gesagt hätte, der Zug, mit dem Papa und Opa ankommen, verspätet sich um ein Weilchen.
In dem Augenblick erkannte Regine, daß ihre Deern, von Seele und Charakter her, für die Seefahrt bestimmt war.
Anschließend war Gabi in ihr Ölzeug gestiegen, hatte sich den Südwester auf ihrem blonden Wuschelkopf festgezurrt, und war nach draußen verschwunden. „Ikk will ähm kieken, ob ich den Mannsleuten am Hafen helfen kann“ rief sie ihrer Mutter über die Schulter, von der Tür her, noch zu. Gegen den Sturm gebeugt stapfte sie mit sicheren Schritten den Deich hinauf.
Das große, hölzerne Sieltor war fest geschlossen, und binnen und buten mit Sandsäcken abgeschottet. Oben am Deich packte der Sturm sie wutentbrannt, wie mit eisernen Fäusten, und hätte sie um ein Haar wieder die Schräge hinunterbefördert. Wie im Grund angewachsen stand Gabriele aber in ihren schweren Seestiefeln.
Einen solchen Kampf hatte sie schon oft mit dem Sturm ausgefochten. Bei diesem Spiel ließ sich vorher nie sagen, wie es am Ende ausgehen würde.
Sie wollte auf jeden Fall gewinnen – und wenn man gegen den Sturm einmal verlor, dann musste man auch das hinnehmen. Diese Einstellung war ihr Erbgut von Papa und Opa.
„Mark di dat, mien Deern“, hatte Opa stets aufmunternd zu ihr gesagt, wenn sie bei irgendeinem Tun den kürzeren gezogen hatte – um dann mit unbeweglichem Gesicht noch hinzuzufügen:
„Anners kanns d’ mit de See nich kloarkoamen!“

Die Wellen schlugen, mit weißen Kronen auf den Kämmen, über die Hafenmauer und hüllten die Decksauf-bauten der Kutter in flockigen Schaum. Die Männer aus dem Dorf hatten voll zu tun, im Hafenbereich alles zu sichern, und immer wieder zu sichern.
Nichts, was nicht niet- und nagelfest war, hielt auf Dauer den gewaltigen Orkanböen stand. Von den Pricken längs der Hafeneinfahrt war nichts mehr zu sehen, sie landeten irgendwo irgendwann als Treibgut am Flutsaum. Das weite, sonst grünbraune Deichvorland, war kein Deichvorland mehr.
Soweit das Auge reichte, hatte sich alles in eine weißgraue tobende Wildnis verwandelt, die nur von dem trutzig daliegenden Bollwerk des Deiches, und die sich ihm anschließenden Dünen, daran gehindert wurde, sich über das dahinterliegende Land, und die Häuser, herzumachen.
Gabriele dachte in diesem Moment nicht mehr an Weihnachtsbaum schmücken, und an Kerzen anzünden.
In diesen Minuten hoffte sie nur, daß die Männer mit der Windsbraut einen sicheren Hafen erreichten, und daß der Deich dem blanken Hans standhielt.

Dreißig Seemeilen nordwestlich der Insel führten zur gleichen Zeit die total erschöpften Männer an Bord der Windsbraut einen erbitterten Kampf gegen die tobenden Elemente Wasser und Wind. Es war ein Ringen ums überleben mit ungleichen Waffen. Das vor wenigen Tagen noch so stolze Schiff hatte seinen Schmuck, und fast all seine Wehrhaftigkeit, verloren. Die Maschine gab keinen Muckser mehr von sich. Die Welle im Tunnel war gebrochen, als ein enormer Wasserberg das Schiff, wie mit einer Riesenfaust, in den Himmel gehoben, und wie einen Ball auf der Nase eines Seehundes, oben auf dem Wellenkamm balancieren ließ.
Die erste Böe, die den Nebel um die Windsbraut herum in wenigen Augenblicken verschluckte, hatte den hinteren Mast mitsamt der Peil- und Funkantennen abgedreht, und ihn federleicht – wie den Taktstock eines Dirigenten – fortgewirbelt. Als wenn es nicht genug war, daß er sich auf diese Art davonmachte, versetzte er Richards Bein zum Abschied noch einen derben Schlag mit seinem unteren Ende.
Das Ladegeschirr, das gleichzeitig mit über Bord gegangen war, verhakte sich in der hinteren Schanz, und drohte das Schiff mit in die Tiefe zu ziehen.
Im letzten Moment war es ihnen mit vereinten Kräften gelungen, die Seile von der Winsch zu trennen, und das Heck zu leichtern. Als das Geschirr von der Oberfläche verschwunden war, und sie sich wieder dem Segel zuwenden wollten, spürte Richard sein Bein nicht mehr. Gero und der Alte packten ihn ins vordere Luk. Das war einigermaßen verschont geblieben. Da lag der Käpten nun fest vertäut in einer der Kojen, und hatte Zeit zu denken. Zuviel Zeit.

Richard war seinem Vater jetzt dankbar, daß er beharrlich auf eine Notbesegelung an beiden Masten bestanden hatte. Obwohl die jungen Spezies auf der Werft die Ansichten des alten Schippers für eine überflüssige und kostspielige Gefühlsduselei gehalten hatten. Welcher moderne, see-gängige Kutter wurde denn noch mit so etwas ausgerüstet – und wozu sollte die Spielerei, wie der Chief auf der Werft es Richard gegenüber bezeichnete, auch gut sein. Das trieb doch nur die Baukosten in die Höhe.
Richard versuchte daraufhin seinen Vater von seiner Meinung abzubringen. Allerdings blieb es beim Versuch. Der Alte wußte genau was er wollte – und auch warum er so entschieden dafür eintrat. „Mien Jung, ikk kann di nix vöörschrieven. Dat word dien Schkipp – oaber ikk hoap, du hörst up mi.“
Damit war die Sache für den Alten erledigt. Richard folgte, allen Unkenrufen zum Trotz, den Vorstellungen seines Vaters.
„Der Alte scheint schon ein bißchen zu spinnen“, hörte Richard in der nächsten Zeit schon mal abschätzig die Werftleute brummeln.
Die neuen Maschinen hätten sich doch bewährt, und unverwüstlich wären sie obendrein. Was sollte da der altertümliche Schnickschnack mit der Besegelung. Na ja, es wäre ja sein Geld das er da zum Fenster rausschmiss.
Die viel beschworene Robustheit und Unverwüstlichkeit des Materials hatte sich aber in den letzten Stunden auf drastische Weise als Trugbild zu erkennen gegeben.
Richards Vertrauen in die superneuen Techniken hatte dadurch einen gewaltigen Knacks abbekommen. Bei der Vorstellung, manövrierunfähig der See ausgeliefert zu sein, wurde ihm hundeelend zu Mute. Ohne den Weitblick und die Beharrlichkeit des Alten wäre es mit ihnen, und der Windsbraut, jetzt schon zu Ende gewesen. Wenn er nicht so kladdernaß gewesen wäre, man hätte in seinen Augen Tränen blinkern sehen können.
Eine Woge von Glück überschwemmte ihn. In diesem Moment hätte er seinen alten Vater am liebsten umarmt. Aber das machten die Männer von den Inseln nicht so schnell.
Zum Glück störten sich die Lenzpumpen nicht an dem, was um sie herum vorging. Ihre isolierten und doppelt geschützten Antriebsmotoren hatten noch nicht eine Sekunde gestottert.
Auch wenn es manchmal unmöglich schien, die über-kommenden Seen wieder außenbords zu befördern – sie schafften es doch immer wieder.
Das kleine Segel, das bis zum zerreißen gespannt über dem Vordeck stand, gab den Männern zudem ein bleibendes Gefühl von Hoffnung. Zweimal hatte der Alte, gemeinsam mit Decksmann Gero, das Stück Zeug schon neu setzen müssen. Selbst die solide Taklerarbeit vermochte dem Sturm nicht lange zu widerstehen.
Es war jedesmal eine verteufelte Schinderei am Mast – aber die beiden hatten es mit vereinten Kräften jedesmal gepackt.
Es befand sich allerdings kein trockener Faden mehr unter ihrem Ölzeug. Wahrscheinlich gab es im ganzen Schiff kein Stück Tuch mehr, das nicht genauso naß war wie die Brecher, die unablässig donnernd auf das Schiff herabstürzten.

Seit Stunden hatten die Drei weder gegessen noch getrunken. Nun hatte der Alte es geschafft, in der Kombüse, die eigentlich gar keine Kombüse mehr war, einen Kessel mit dem restlichen Süßwasser ins kochen zu bringen. Das halbvolle Kochgefäß füllte er einfach mit Rum auf, und brachte es irgendwie über das schwankende Deck ins Vorluk. Da keine Trinkbecher mehr an Bord waren – die ständig überkommenden Seen hatten auch unter Deck gnadenlos aufgeräumt – nahm jeder der Drei einen kräftigen Zug aus der Tülle des blanken Kessels. Sie konnten gegenseitig sehen, wie gut ihnen der heiße Grog tat.
„Süchst woll, Gero – wi lääven noch.“
Zufriedenheit klang aus den Worten des Alten, als er Gero die Hand auf die Schulter legte.
„Du häst di up disse Foahrt de Breef wüggelk verdeent.“
Beiläufig sagte er es nur, doch Gero wurde gleich ein ganzes Ende größer dadurch.
Die letzten zwei Jahre hatte er in allen Sielhäfen vergeblich versucht, eine Heuer zu kriegen. Er wollte nun mal Fischer werden, das hatte er sich in den Kopf gesetzt, und niemand hatte es ihm ausreden können.
All sein Mühen war aber ohne Erfolg geblieben. So einen kleinen Steppke aus einem verrufenen Elternhaus wollte doch niemand an Bord haben. Sein Vater war entlang der Küste als Hein Suupsack eine bekannte Größe, und seine Mutter war aus Verzweiflung über ihren Mann auch irgendwann an der Buddel gelandet.
Hilflos, und mit der Welt verquer, war Gero dann im Frühjahr auf der Insel gelandet. Hier fand ihn Opa Raß eines Abends auf seiner verwitterten Bank, direkt neben der alten Wetterwarte, hocken. Irgendwie hatte er das kleine Häufchen Elend, da neben ihm auf dem rissigen Holz, gleich ins Herz geschlossen. Der Alte kannte die ganze Misere, er kannte sie nur zu gut.
Die Geschichten von Hein Suupsack und seiner Angetrauten drehten auch im Hafenkrug auf der Insel ständig ihre Runden – und es waren beileibe nicht immer die schönsten Erzählungen, die von Mund zu Mund liefen. Dabei hatte alles ganz anders angefangen.

Wer als alter Fahrensmann schon im Trockendock lag, der konnte sich noch gut an die Blütezeit von Hein Suupsack erinnern. Als Decksmann war er gefahren. Er galt zu seiner Zeit bis nach Holland runter als der beste Decksmann, den ein Schipper nur haben konnte.
Mit 14 hatte der kleine Waisenbengel aus dem Kohlenpott seine erste Heuer als Moses bekommen.
Mit 14 war er den Kinderschuhen entwachsen, wie die Oberin des Kinderheimes sich ausdrückte, als sie mit dem kleinen Herbert eines Sonntags nach der Kirche in die Wohnküche bei Talea und Ommo reinschneite. Talea und die Diakonissen-Oberin kannten sich schon seit ihrer Schulzeit in Mecklenburg. Und nun wollte Herbert zur See fahren.
Montagmorgen stand Herbert dann in seinen ersten langen Hosen in der Kombüse der Sturmvogel und schälte Kartoffeln.
Richard war zu der Zeit noch ein kleiner Büxenschieter mit bunten Strampelhosen an.
Der kleine Herbert, aus dem schon in der ersten Woche Heini geworden war, blieb der Sturmvogel und seinem Käpten treu. Bis, tja bis eben zu jener Vorweihnachts-sturmnacht im Jahre 54. Da waren sie auch durch die Hölle gefahren – der noch junge Käpten Raß und sein Decksmann. Hein hatte den havarierten Sturmvogel allein nach Hause gebracht. Mit einem Arm. Die Rechte hatte ihm das Fanggeschirr abgequetscht.
Den Käpten hatte der Ladebaum bei einer Quersee von den Beinen geholt. Besinnungslos lag der im Luk.
Heins Verletzung wurde noch in der gleichen Nacht im Inselkrankenhaus notversorgt. Der Arm sei nicht mehr zu retten, sagte der Doktor.
Am nächsten Morgen brachte ihn der Seenotkreuzer zum Festland rüber. In eine Spezialklinik wurde er verfrachtet. Ende Januar kam eine Karte von Hein aus Göttingen. Eine Krankenschwester hatte sie für ihn geschrieben. Er tauge ja nun nicht mehr für die Seefahrt, und würde darum wohl besser abmustern.
Der Alte fuhr eine Woche darauf mit dem Zug nach Göttingen, um Hein zu sagen, daß das mit dem Abmustern ja wohl ausgemachter Tineff wäre, Aber da war Hein schon nicht mehr in der Klinik.
Niemand konnte ihm sagen, wo der sonderbare Einarmige abgeblieben war.
Bis dann die Geschichten von Hein Suupsack an der Küste auftauchten. Als die Geschichten ihn erreichten, hatte der Alte sich auf den Weg gemacht und Hein und seine Familie aufgesucht. Im Gepäck führte er für seinen Decksmann Startgeld für eine neue Existenz als Fuhrmann mit sich.
Hein hatte sich vor dem Alten in eine der nächsten Kneipen verkrochen – er konnte seinem Käpten so nicht mehr gegenübertreten.
Der Alte hatte das Geld und die Papiere Heins Frau dagelassen – für sie und die Kinder. Hein sollte es sich überlegen, wenn er nach Hause käme. Hein kam zwar drei Tage später wieder nach Hause, aber er konnte nicht mehr überlegen. Er wollte auch nicht mehr überlegen.
Jeden Ersten flatterte noch immer ein Scheck von der Insel in die kleine Kate am Rande des Moores. Das war der Alte seinem Decksmann schuldig. Der Alte versuchte, seinem Lebensretter etwas zurückzugeben. Nur seine Talea hatte davon gewusst.
Das war aber alles lange her. Und nun gab der Herrgott ihm Heins Jüngsten in seine Obhut.
Schon am nächsten Tag stand Gero als Decksjunge auf den Planken der Windsbraut. Mit einer echten Heuer in der Tasche.
Richards anfängliches Bedenken, über die spontane Entscheidung seines Vaters, war schnell einer guten Zufriedenheit gewichen. Der Alte hatte wieder einmal die richtige Nase bewiesen. Andere Schipper beneideten Käpten Richard mittlerweile um den kregeln Decksjungen auf seinem Kutter.
Dieser Moment verband die Vergangenheit des Alten mit der Zukunft des jungen Gero. Ein Loch in der Lebenszeit des alten Käpten war plötzlich verschwunden.
Durch den Schulterschlag des Alten war nun auf dem schwer havarierten Schiff aus dem Decksjungen ein richtiger Decksmann geworden.
Der Schulterschlag, der war alter Brauch bei den Fischern auf der Insel. Amtliche Patente sahen die meisten von ihnen seit jeher nur als unumgängliches Obendrauf an.
Es schien, als wenn selbst der Sturm die Bedeutung dieses Augenblicks respektierte.
Einige Atemzüge lang verhielt er sich so still, wie die Gemeinde des Sonntags in der Kirche bedeutungsvoll schwieg, wenn der alte Pastor Büscher bedächtig die Stufen zur Kanzel hinaufstieg. Den Weg ging der alte Gottesmann in den letzten Jahren nicht mehr so häufig. Normalerweise hielt er die Andachten auf seinem Platz vor dem Altar, weil seine Beine seinem Geist im Alter wohl ein wenig vorausgeeilt waren. Wenn er aber mal wieder Anstalten machte, die 10 Stufen zu erklimmen, dann wussten die Menschen im Kirchenraum: Gleich setzt es was.
Über ein halbes Jahrhundert besorgte er nun schon die Geschäfte seines Heilands, hier auf der Insel. Der schien mit seinem Filialleiter auf dem Sandhaufen in der Nordsee auch ganz zufrieden zu sein.
Der alte Haudegen war nämlich in seinem langen Leben noch niemals krank gewesen. Die dicksten Stürme hatte er unbeschadet abgewettert, denn er ließ es sich selbst jetzt, in hohem Alter, nicht nehmen, hin und wieder mit den Fischern in ihren Booten auf Fang raus zu fahren.
Nach seiner offiziellen Versetzung in den Ruhestand degradierten die Kirchenoberen in der Landes-hauptstadt die Inselkirche einfach zur Zweigstelle einer größeren Nachbargemeinde auf dem Festland. Innerhalb der Firma Gottes hatte sich auch sehr viel verändert – und das meist nicht zum Guten.
Die sinkenden Kirchensteuereinnahmen mußten immer öfter als Begründung dafür herhalten. Die da oben verhielten sich gerade so, als wenn eine Reederei, deren Flotte in schwere See gerät, die Kapitäne von den Brücken abzieht.
Der Anspruch auf eine Viertelpastorenstelle wurde der Gemeinde dabei großzügig zugesichert. So ein Schwachsinn war für seinen kleinen Verstand einfach zu hoch gewesen. Er hatte ihn nicht hinnehmen können, und es auch nicht getan.
Was sollten die Menschen denn mit einem viertel Pastor anfangen? Und welches Viertel von dem geteilten Seelsorger stand ihnen überhaupt zu?
Gegen den hartnäckigen Widerstand der Brokatträger blieb er als Hirte bei seiner Herde. Seinem Bischof hatte er während der ersten Auseinandersetzungen darüber einmal öffentlich erklärt:
„Ich habe mit meinem Herrgott keinen Zeitvertrag abgeschlossen, als er mich Pastor werden ließ.“
Seit diesem Wort standen die Menschen auf der Insel noch fester hinter ihm.
Die Offizialen in den Elfenbeintürmen waren vielleicht mit der Zeit erleuchtet worden, oder sie scheuten ganz einfach die Auseinandersetzung in den eigenen Reihen. Die ganze Angelegenheit wurde schlichtweg vergessen. Auf jeden Fall erwähnte sie amtlicherseits niemand mehr.
Harm Stint, einer der Kirchenältesten der Gemeinde, hatte es während einer Gemeindeversammlung kerniger ausgedrückt: „De Kloogschieter in dat moie Tüüchs hevvt de Steert intrukken.“
Das Protokoll vermerkte an dieser Stelle keinen Wider-spruch aus den Reihen der Versammelten.
Nun führt der greise Büscher seine Schäfchen schon seit fast fünfzehn Jahren ohne amtlichen Monatssold über die Weiden des Lebens. Dem alten Herrn in seinem Häuschen, da oben an der Himmelsstrasse, dem gefällt es anscheinend so wie es ist.
Er hatte die Insel nach dem Vorfall nicht zum Niemandsland erklärt. Er ließ es wie gewohnt regnen, er ließ die Sonne weiterhin auf die Insel scheinen, er schenkte den Eltern in gewohnter Manier Kinder – kurzum, er ließ wie eh und je alles wachsen und gedeihen.
Und er ließ Pastor Büscher weiterhin den Rotwein genies-sen, und seinen Schafen die Leviten lesen – wenn der es denn für nötig hielt.

Der Sturm schien sich an der Windsbraut die Zähne aus-gebissen zu haben. Sein schwächer werdendes schnappen nach dem Kutter riß keine neuen Wunden mehr in den geschundenen Schiffskörper. Die drei Männer an Bord atmeten erleichtert auf. Für ein paar Minuten konnten sie die Arme hängen lassen und tief Luft holen.
Es kehrte das sichere Gefühl in sie zurück, wir haben es geschafft.
Als wenn der einsetzende Regen den wütenden Wind einschläferte, verstummte sinnig das brausen und heulen um sie herum. Nach einer Weile war nur noch das klatschen der Wellen am Schiffsrumpf, und das rollen der aufgebrachten See von darunter zu hören.
Wortlos löste der Alte mit klammen Fingern die kupfernen Spindeln an der Feuerkiste. Im inneren des wasserdichten Verschlages befanden sich die Notraketen. Sie lagen eingebettet in blauen Samt. Bisher hatten sie noch keinen Gebrauch von den sprühenden Lichtern gemacht. Jeder Käpten trug stets die Hoffnung in sich, sie niemals zünden zu müssen.
Der Alte hatte aus gutem Grund damit so lange gewartet. In der Hölle, die sie durchquert hatten, hätte die Signale sowieso niemand bemerkt.
Vorsichtig griff der Alte in die Kiste. Behutsam, so wie man mit einem kostbaren Schatz umgeht, legte er die farbigen Hülsen auf die Steuerkonsole im Ruderhaus – na ja, man konnte zumindest noch erkennen, daß es bis vor Stunden ein Ruderhaus gewesen war Nachdem er die Leuchtpistole vom schützenden Ölpapier befreit hatte, überreichte er sie dem jungen Decksmann.
„So Gero, mien Jung – dat ovscheeten, dat is nu alleen dien Soak.“
Bevor er weitersprach, wischte der alte Käpten sich verstohlen mit dem Jackenärmel durchs Gesicht.
Als wenn er eine innere Mauer überwunden hatte, brach es dann aus ihm heraus. „As jungen Keerl hätt dien Voader ok een Schkipp un sien Käpten noa Huus henbrocht – nu wies us, dat du netso good büst as he.“
Jetzt liefen dem alten Kapitän doch die blanken Tränen über die runzlig gewordenen Wangen in seinen Bart. Wie Sterne am dunklen Nachthimmel glitzerten sie in den vom Salzwasser verkrusteten Backenhaaren.
Er drehte Gero den Rücken zu, und murmelte leise, bevor er im vorderen Luk verschwand: „Ikk moot moal ähm noa Richard kieken.“
Ein paar Augenblicke später färbte sich der Himmel über der Windsbraut minutenlang leuchtend rot. Und noch einmal brachte der rote Schein einer Notrakete die Wolkenunterseiten zum glühen. Als das dritte Mal der Himmel anfing zu brennen, mahnte der Alte, der inzwischen wieder aus dem Luk aufgetaucht war, den Decksmann, mit den Notsignalen sparsam umzugehen. Sie wüssten ja schließlich nicht, wie lange es noch so weitergehen würde.
Die Worte waren noch gar nicht ganz in Geros Ohren gelandet, als der Junge schrie: „Käpten …, Käpten …., das dritte Licht ist nicht von uns.“ Gero hätte es gar nicht rufen müssen – ein paar Sekunden später erstrahlte der Himmel zusätzlich in leuchtendem Grün. Das war das Zeichen der Seenotretter. Der Seenotkreuzer hatte, gemeinsam mit anderen Rettungsschiffen, ein riesiges Quadrat um die zuletzt gemeldete Position der Windsbraut ergebnislos durchgepflügt. Nach Abbruch der Suche befand sich die Dietrich Clausen bereits auf Kurs heimatliche Station.
Nun hatten sie die Windsbraut doch noch auf den Radarschirm bekommen. Achtzig Seemeilen von der vermuteten Position entfernt. Der Nordwest hatte den Havaristen bis nah an Neuwerk herangetrieben.

Törfi Törf . . Adventsgeschichte.

Törfi Törf . . .

Die Zeit schrieb das Jahr 1923. So auch hier in Ostfriesland. Die Gegend war ringsumher winterfest in Schnee und Eis eingepackt. Die Schneedünen reichten häufig bis an die Dachrinnen heran. Klein Hinnerk war man gerade sechs Jahre alt. Seit letzen Ostern ging er nun schon zu Schulmeister Hedemann in die Dorfschule.
Wenn es nachts wieder einmal tüchtig geschneit hatte, dann setzte Papa Hinnerk des Morgens auf seine Schultern und trug ihn Huckepack den Weg bis zur Schule.

Das machten viele Papas so, weil ihre kleinen Stepkes es sonst nicht durch den hohen Schnee geschafft hätten.
Im Schulhaus gab es nur zwei Klassenzimmer – eines war für die Lütten und das andere für die Großen.
Jetzt aber, wo es draussen so bitterkalt war, jetzt saßen alle in einer Stube beisammen. In der hinteren Ecke stand ein großer eiserner Kanonenofen zu bullern. Damit er immer so schön weiterbullern konnte, mußten alle Kinder – egal ob lütt oder groß – jeden Tag von Zuhause Brennmaterial, also Torf mitbringen. Torf hatte jede Familie in der Scheuer.

Den gruben die Papas im Sommer im Moor aus der Erde. Wenn die Torfsoden – so heißen die mächtigen Moorstücke – den Sommer und Herbst lang getrocknet waren, dann wurden sie auf Karren in die Scheuern gebracht, damit die Mamas auf dem
Herd Essen kochen und mit den Öfen die Kammern heizen konnten.
Der Sonntag war mit Besuch bei Oma und Opa schnell vorübergegangen und Rutzbutz war es schon wieder Montagmorgen.
Seit drei Tagen war der Himmel klar – der Schnee war schon richtig gnidderig hart und alt.

Klein Hinnerk stapfte am Morgen alleine los, um zur Schule zu gehen. Seine Holzschuhe hatte seine Mama mit Plünnen – mit alten Tüchern – umwickelt, damit er auf dem glatten Weg nicht ausrutschte.
Ein Stückchen war er schon den Sandweg hochgebösselt, als seine Mama ihm nachgelaufen kam: „Hinni … Hinniiii, dien Törf …!“ Er hatte doch glatt vergessen, die Feuerung für die Schule einzupacken.
Mama gab ihm einen Leinenbeutel mit einem gewaltigen Stück Torf darin in die Hand. Den Leinenbeutel hatte sie extra für den Schultorf genäht.

„Nu mach zu, dass Du zur Schule kommst – du weißt, Lehrer Hedemann mag keine Zuspätkommer“, ermahnte sie ihn noch, als Hinnerk in seinen Plünnenholzschuhen nun so schnell er konnte der Schule zustrumpelte. Er freute sich schon auf die
warme Schulmeisterstube.
Plötzlich hörte er eine feine Stimme sagen: „Du hättest Deiner Mama aber ruhig noch einen Süßen aufschnullern können.“
Er wäre bald auf dem Weg ausgerutscht und hingefallen, so hatte er sich erschrocken. Sein Kopf flog in die Runde – doch er konnte niemanden, der so etwas zu ihm  hätte sagen können, sehen. Aber wer – verflixt nochmal – hatte da denn zu ihm gesprochen?
Das war doch seltsam – er war weit und breit allein, aber er hatte laut und deutlich die Stimme gehört.
„Ich bin hier … hier im Beutel.“ Wie – woooo – was … in dem Beutel? In seinem Torfbeutel konnte doch kein Mensch sein „Ich bin Törfi – ich bin die Torfsode. Bloß Du kannst mich verstehen – helf  mir, bitte. Wenn Du mich nicht im Feuer verbrennen läßt, dann kann ich Dir noch soviel erzählen.“

„Ja … aber ….ich muß doch Torf zum heizen mit in die Schule bringen …“ „Häng mich mit dem Beutel da vorne an den Baum –
wenn Du nach dem Unterricht nach Hause gehst, dann kannst Du mich wieder mitnehmen. Erzähl Deinem Lehrer doch einfach, Du hättest den Torf Zuhause vergessen.“ Die Torfsode schwieg erschöpft vom ungewohnten Reden. „Es soll Dein Schaden auch nicht sein …“ kam noch leise hinterher.
„Pastor Lubina hat aber gesagt, man darf nicht lügen …“ „Du hältst mir das Leben – und das ist keine Lüge.“

Das konnte Klein Hinnerk wohl verstehen. In der Sonntagsschule hatte er schon mal die 10 Gebote gehört – und in denen stand an einer Stelle, du sollst nicht töten. Und wenn ein Stück Torf reden konnte, dann war das doch auch Leben.

Er hing also den Beutel in das Strauchwerk und ging ohne Feuerung zur Schule. So ganz wohl war ihm nicht dabei, wenn er an Lehrer Hedemanns vergeblichen Blick nach seinem Torf dachte. Aber es war schon seltsam – Schulmeister
Hedemann fragte an diesem Morgen gar nicht nach seinem Brenntorf.

Mittags, auf dem Heimweg, nahm er den Beutel mit Törfi darin dann mit nach Hause.
Die Torfsode sagte nichts und er war noch zu benommen von dem Geschehen, um Törfi von sich aus etwas zu fragen.
Hinnerk versteckte den Beutel mit Törfi erst einmal in der Scheuer, um ihn dann, als Mama und Papa sich nach dem Essen ein Weilchen schlafen gelegt hatten, hervorzuholen und unter seinem Bett zu verstecken.
„Ich dachte doch wahrhaftig, Du hättest mich schon vergessen …“ klang es auf einmal erleichtert aus dem Leinenbeutel.

„Psssscht …. red doch nicht so laut.“
Hinnerk hatte einen hitzigen roten Kopf vor lauter Aufregung. . „du brauchst keine Bange zu haben“ klang es aus dem Beutel – „nur Du kannst mich hören … sonst niemand.“
Nachmittags konnte Hinnerk gar nicht erwarten, dass es endlich Bettgehenszeit wurde. Mama hatte ihren Lütten schon ein paar Mal verwundert angesehen, als er sie zum dritten Mal fragte, wann er denn nun endlich schlafen gehen müsse. So etwas kannte sie von ihrem Butscher doch überhaupt nicht.
Glücklich war es denn soweit – eine halbe Stunde vor der Zeit war Hinnerk schon ausgezogen und geusterte in Schlafhosen durch die Küche. Er hatte sich doch auch tatsächlich freiwillig einen Schwall Wasser durchs Gesicht gespackert. Seine Mama wußte nun wirklich nicht mehr, wie sich auf so etwas einen Reim machen sollte.
„Gute Nacht, mein Lütten – nun schlaf man gut.“
„Nacht, Mama … Du auch …“

Die Kammertür sperrte das Dielenlicht aus seinem Zimmer aus. Sonst mochte er es schon gern ein wenig heller haben, aber heut konnte die Tür gar nicht schnell genug in Schloß schnappen.
Es war noch keine zwei Minuten dunkel in seiner Schlafkammer, als Törfi schon zu ihm von sich zu erzählen begann.
Vor Millionen von Jahren war er ein mächtiger riesiger Baum gewesen. An seinem Stamm hatten sich Wildschweine, Elefanten und Mammuts ihre Schwarten gescheuert. Jaaaa – auch Mammuts, die gab es damals nämlich noch. Eines Tages war dann ein riesenhafter Sturm über die Erde gefegt – ein anderer Stern war mit der Erde zusammengeknallt und dieses Zusammen-krachen hatte den Orkan ausgelöst.
Alles was auf der Erde vorhanden war und wuchs, das wurde verschoben und aus der Richtung gebracht. Das Eis vom Nordpol verschob sich bis an die Alpen und machte alles, was Leben in sich hatte, unter sich platt – selbst die Sprache der Menschen in Ostfriesland. Darum sprechen die Leute da seitdem auch Plattdeutsch.
Sein, Törfis, Leben wurde auch heftig zusammengestaucht und Eis und Geröll verschüttet.

So hatte er viele Millionen Jahre verschlafen und war mit der Zeit ganz von selbst von Holz zu Torf geworden. Er würde heute noch im Moor schlafen, wenn Hinnerks Papa ihn nicht im letzten Sommer ausgegraben und als Torfsode mit nach Hause
genommen hätte.
„Wenn ich nun im Feuer verbrennen soll, dann habe ich ja nichts mehr von der Zeit und kann Dir auch nichts von alledem erzählen, was mir auf meiner langen Reise durch die Zeit begegnet ist. „Keine Bange,“ sagt Hinnerk zu Törfi, „so soll das
nicht passieren. Morgen früh versteck ich Dich erst einmal oben auf dem Hausboden. Da kannst Du denn solange bleiben, bis ich Dich im Frühling nach draussen bringen kann. Wieder ins Moor zurück, da wo Du hingehörst.“
Am nächsten Morgen – lange vor der Aufstehenszeit von Mama und Papa hatte er Törfi schon auf den Boden gebracht. Es gab da nämlich eine dunkle Ecke, in der ihn ganz bestimmt niemand finden würde. Es sollte aber alles ganz anders kommen, als wie Hinnerk es sich schon so schön ausgemalt hatte.

Die Zeiten im Lande waren sehr schlecht. Das Geld in den Taschen der Leute litt an Schwindsucht – es war von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde weniger wert.
Inflation nannten schlaue Leute das.
Und diese Inflation hatte all das, was Hinnerk seine Mama und sein Papa besaßen, aufgezehrt. Auch ihr kleines Häuschen war ihnen weggenommen worden. Darum mußten sie mit Hinnerk ihr Zuhause verlassen und zusehen, dass sie woanders für ihre kleine Familie ein Dach über dem Kopf fanden.
Die Zeit lief weiter. Unerbittlich weiter. Klein Hinnerk wurde größer und älter.

Er gründete bald seine eigene Familie und auch seine Kinder wurden groß und älter. Man, sein Erlebnis mit Törfi Törf hatte
er nie vergessen können. Bald hatte Hinnerk denn auch sein eigenes Großkind Jan auf seinem Schoß sitzen, dem er in Erinnerung an seine eigene Kinderzeit von Törfi Törf erzählen konnte. Der kleine Jan wollte es immer und immer wieder hören.
Wie aber das Leben so läuft – Hinnerk hatte als Opa eines Tages diese Welt verlassen müssen und sein Enkel Jan war so alt, dass er selber schon einen Sohn hatte.

Die Geschichte von Törfi Törf, die war aus seinem Kopf in Erinnerung gaaaanz tief nach unten gerutscht – und sicher wohl auch noch ein bißchen weiter .Opa Hinnerks Erzählen während seiner Kinderzeit die hatte ihn wahrscheinlich ein wenig auf den richtigen Berufsweg geführt – er hatte nach der Schule nämlich studiert und war Historiker geworden.
Vor gar nicht langer Zeit ergab es sich nun, dass alte Häuser, die schon fast tot schienen, weiterleben sollten. Das hatte die Regierung so beschlossen.

Jan gehörte zu den Wissenschaftlern, welche die Häuser, die nicht sterben sollten, bestimmten und deren Geschichte zu ergründen suchten. Der liebe Gott hatte es wohl so vorgesehen, dass auch Opa Hinnerks Elternhaus dazugehörte.
Auf einmal saß ihm wieder die Geschichte von Törfi Törf im Kopf – sie war ganz plötzlich von ganz unten aus seinem Kindheitswissen nach vorne gekrochen und ließ sich von da auch nicht mehr wegschieben.
Strohpuppe für Strohpuppe, Sparren für Sparren, Balken für Balken und Stein für Stein wurde das Haus sorgfältig abgetragen.

Und auf dem Boden – in der dunkelsten Ecke –  wo fast hundert Jahre kein Mensch hingeschaut hatte – da lag immer noch, in dem nun morschen Leinenbeutel, Törfi Törf und wartete darauf, dass Klein Hinnerk, der ja sein Freund war, ihn abholte um ihn ins Moor zurückzubringen.

Jan hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht, den er in Erinnerung an seinen Opa auch Hinnerk genannt. Der holte Törfi Törf mit seinen kleinen Händen da heraus und in den hellen Tag hinein. Er hat ihn denn – zusammen mit seinem Papa Jan – gaaaanz vorsichtig in das Museumsdorf getragen, um ihn da in einem großen und tiefen Loch wieder in die Freiheit zu
entlassen.
Als Törfi dann unten in dem nassen Moorgrund lag, da meinte Jan wie von weither die Worte einer feinen Stimme zu hören:
„Ich grüß’ Opa Hinnerk von Euch ….“
Vielleicht hatte er sich das auch bloß eingebildet – jedenfalls haben Klein Hinnerk und sein Papa Jan in das Loch auch noch einen jungen Baum eingepflanzt, sodass Törfi Törf nun endlich wieder richtig zuhause war. Ganz so, wie Opa Hinnerk noch als kleiner Junge es ihm vor langer Zeit versprochen hatte.©ee

Ewald Eden

Foto : weinstock  on Pixabay

Weihnachten wird`s…

Weihnachten …

Der graue Wintertag friert sich feucht durch die Stunden. Dezember steht im Kalender – der vierundzwanzigste. Wenn nicht der gewaltige grüne Weihnachtsbaum – drinnen in der Bahnhofshalle – mit tausend Lichtern durch das gläserne Dach blinkern würde – Bernd wäre nicht in den Sinn gekommen, daß Weihnachten ist. Seit gut zwei Stunden sitzt er hier draußen auf der Bank – mitten zwischen den Gleisen – wo sonst die Straßenbahnen und Omnibusse abfahren. Den Rucksack mit seinen Habseligkeiten hat er, zwischen seinen Füßen, auf der Erde stehen. Alles ist durchnässt. Die letzte Nacht war regnerisch – und er hatte kein Dach über dem Kopf. Einzig Fenna – seine treue Fenna gab ihm Wärme für seine klammen Hände. Sie hockt an seiner Seite – mit dem Kopf auf seinem Knie. Ihre braunen Augen kriechen ihm ins Herz. Er wollte sich doch im Bahnhof bloß ein wenig aufwärmen – er und sein Hund.

Um diese Zeit war doch nichts mehr los – in der großen Halle. Die Menschen saßen doch alle lange in ihren Stuben – zwischen brennenden Kerzen und Weihnachtsgeschenken. Aber nein – Penner – Penner haben sie ihn geschimpft – die beiden schneidigen jungen Männer in den schwarzen Uniformen, mit den glänzenden Stiefeln – in denen sich die Kerzen spiegelten. Ob die wohl auch Zehntausend Bücher gelesen hatten – ob die wohl auch Frau und drei Kinder auf einen Schlag verloren hatten – bloß weil ihre Augen einmal für zwei Sekunden nicht an der richtigen Stelle waren? So wie er es erlebt hat – er, Doktor Bernd Krüger. Chefchemiker war er in einem großen Pharmakonzern. Damals waren viele ungeborene Kinder durch ein neues Medikament verkrüppelt worden – dieses Medikament war seine Entwicklung. Die Geldleute in der Konzernspitze hatten keine Zeit abzuwarten – abzuwarten, ob das neue Produkt auch nach längerer Zeit ohne Nebenwirkung blieb. Er hat damals sein Zeichen darunter gesetzt – weil er seinen Stuhl behalten wollte.

Als die ersten Kinder ohne Arme das Licht der Welt erblickten, hat der Herrgott ihm zuerst das Liebste genommen – anschließend haben die Menschen sein Haus und seinen Besitz aufgeteilt. Er ist mit seinem Herrgott nicht verquer darüber – er hatte es ja verdient. So sieht er die Sache – und lebt seitdem auf der Strasse. In den Augen der Besitzenden als Penner. Penner haben im Bahnhof nichts verloren – also haben sie da auch nichts zu suchen. Die Bahn kann den Leuten mit Geld in der Tasche und einem Dach über dem Kopf so einen Anblick nicht zumuten. Er möchte zu gerne wissen, was in den Köpfen unter den roten Baretts vorhanden ist. Die letzten Groschen – die er in der Hosentasche zusammen gekramt hatte – reichten bei Aldi gerade für eine Portion Grützwurst – Fenna und ihm füllte es knapp einen hohlen Zahn – aber mehr gab es heute nicht.

Vor nicht allzu langer Zeit befand sich im Bahnhof noch die Bahnhofsmission – das bedeutete wenigstens einmal am Tage eine warme Suppe und trock’nen Aufenthalt. Das Paradies gehört der Vergan-genheit an – die Türen sind zugenagelt. Der neue Bahnboss propagierte die Bahnhofsmission als Schandfleck. Durch das draussen sitzen, und die Wärme in der Bahnhofshalle ansehen, verzieht die Kälte sich auch nicht aus den Knochen. Bernd schultert seinen Rucksack und trippelt los. Wenn ihn jetzt jemand fragen würde, wo er hin will – er könnte bestimmt nichts antworten. Fenna läuft wie ein Schatten an seiner Seite – keine Handbreit Platz ist zwischen ihrem Kopf und seinem linken Bein. Erst einmal laufen, laufen, laufen – damit das Blut wieder kreiselt. Was zuerst kreiselt, ist das unbändige Hungergefühl. Wenn leere Därme schreien könnten, dann wäre es auf den Strassen bestimmt nicht so still. Wie lange er schon mit Fenna an den Häuserreihen entlang trippelt, weiß er nicht. Eine geschützte Stelle – an der er mit seinem Hund lagern kann, hat er noch nicht gefunden. Im Grunde ist es ihm auch egal – dann ist die Nacht wenigstens nicht mehr so erbärmlich lang.

Plötzlich sind die beiden nicht mehr allein – ein kleiner, weißer Hund wuselt um die beiden herum. Aus einer Seitenstrasse kommt ihnen ein älterer Herr entgegen – nein, er macht keinen Bogen um den Penner – er kommt direkt auf Fenna und Bernd zu – bleibt zwei Schritte vor ihnen stehen – krauelt Fenna den Kopf – und fängt an zu reden. Erzählt, daß er seit drei Jahren allein – das seine Frau schon auf der großen Reise ist, und das seine Kinder keine Zeit haben. Bloß den jüngsten Sohn – ein Krüppel, wie manche Leute sagen – umsorgt er seit dreißig Jahren.

Bernd kann kein Wort herausbringen. Mit Hoffnung in der Stimme lädt der alte Mann die beiden ein, mit ihnen Weihnachten zu feiern – und führt sie zu einem großen Haus. Bevor die Tür hinter ihnen ins Schloß fällt, sieht Bernd durch ein Loch in den Wolken einen einzigen Stern am Himmel blinken –

und unversehens weiß er wieder, warum Weihnachten ist.© ee

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Bild von poverss auf Pixabay

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Verläßt man den Kirchplatz in Jever über die St. Annen Strasse, muß man nach gut fünfzig Metern unweigerlich den Schritt verhalten. Selbst die flüchtigsten Augen können nicht anders. Eine Galerie schaut man – eine Galerie der besonderen Art. In einem Haus aus der Mitte des vergangenen Jahrtausends wirkt eine Malerin. Kaum eingetreten, ist man von den Seelen gefangen – der Seele des Hauses und der Seele von Bärbel Niemann. Gefragt, warum sie sich gerade in Jever niedergelassen hat, fangen ihre Augen hintergründig an zu leuchten. Liebe auf den ersten Blick hat es bewirkt – nein, nein – lacht sie, kein Mannsbild war der Anlaß – in die Stadt habe sie sich auf das erste Sehen verliebt.

Das Besondere an der Galerie wird dem Besucher dann ganz schnell bewußt – Bärbel Niemann präsentiert sich selbst – eine Malerin der alten Schule mit ständig neuen Ideen. Wer an ihren Malkursen teilnimmt, ist unweigerlich für den Rest seines Lebens Pinsel und Farbe verfallen – und wer nur kommt, um einmal zu schauen – der schaut immer wieder.

Also – Vorsicht! Wer nicht der Faszination des Tuns von Bärbel Niemann erliegen will – der muß um die Galerie in der St. Annen Strasse einen weiten Bogen machen.

Verpasst hat er dann allemal etwas.©ee

und viel mehr …

Photo by Ketut Subiyanto on Pexels.com

Zoofachgeschäft

und viel mehr …

Ein Thema im Kreis meiner befreundeten Tierschützer war der Anstoß, mich einmal im Fachhandel ein wenig umzuschauen. Verwirrende Vielfalt im Sortiment – das war mein erster Eindruck. Wer, fragte ich mich, soll sich da zurechtfinden. Welches Frauchen von Mietze, welches Herrchen von Bello hat den Sachverstand, das alles zu sortieren, zu bewerten, und dann die für sie oder ihn die richtige Wahl zu treffen.

Natürlich die Verkäufer – oder Fachberater, wie es heute heißt.

Nach dem zehnten oder elften Schnuppergespräch kam ich mir vor, als wenn mein Hörgehirn sich in spanischen Reitern an irgendeiner Frontlinie verstrickt hätte. Ein schier unentwirrbares Knäuel von Informationen drehte sich in meinem Kopf. Ich war soweit, meine imaginären Kois mit Hundefutter zu versorgen, und dem Wellensittich getrocknete Büffelhaut anzubieten. Auf zehn stets gleich lautende Fragen bekam ich – grob geschätzt fünf Neckermannkataloge voll – verschiedene Antworten. Aufgeben wollte ich schon – ganz einfach die Segel streichen, auf meiner Suche nach dem richtigen Hafen für meine Arche Noah.

Doch plötzlich schwamm mein Schiff in ruhiger See – ein Lotse war an Bord gekommen. Er führte mich mit Kompetenz und sicherer Hand an einen geschützten Liegeplatz. Abseits der großen Heerstrassen und fern allen Trubels – am Schortenser Mühlen- Ecke Kreuzweg fand ich ein Paradies für Tiere und Tierfreunde. Gut sortiert und reich bestückt die Geschäftsräume. Ebenso gut sortiert und reich bestückt, in Wissen und Auskunftsbereitschaft, der Mensch inmitten dieser Welt. Auf jede Frage von mir kam von Tobias Saathoff eine klare, verständliche Antwort. Der angehende Tierheilpraktiker gab ein gutes Bild ab. Ich hatte für die Brötchen, die ich mir wünschte, einen Bäcker gefunden. Neben einem Sack voll handfester Informationen nahm ich noch ein sehr gutes, und angenehmes Gefühl mit nach Hause:

In diesem Zoofachgeschäft kostet nicht jedes Wort gleich einen Taler.

©ee

Photo by Jean van der Meulen on Pexels.com

Ein Stück Seele am Kirchplatz . . .

Ein Stück Seele am Kirchplatz .

Wenn man sich den jeverschen Kirchplatz als Bummelziel auserkoren hat – zum kaufen oder einfach so zum gucken – kommt man einfach nicht an einem kleinen Schaufenster vorbei. Selbst Rückwärtsläufer werden magisch von diesem Viereck angezogen. Was haben diese acht Quadratmeter verglaster Hausfront, was andere in der Reihe nicht haben? Wenn man denn davorsteht, sieht man es – ein Schritt in den „Laden“ hinein und man fühlt es – in der Werkstatt von Sina Christine Jostes bekommen Seelen ein Gesicht.

Entweder ein neues – oder ihr altes zurück. Unter den Händen der kunsthandwerklichen Buchbinderin mit den ostfriesischen Wurzeln und dem unnachahmlichen Schweizer Dialekt entstehen Dinge, die das Gesicht derjenigen Menschen widerspiegeln, die sie in Auftrag gegeben haben. Doch nicht nur das – sie macht auch Gedanken und Gefühle längst dahingegangener Schreiber oder Schreiberinnen wieder gegenwärtig –

mögen sie auf ihrem Weg durch die Zeit auch noch so sehr gelitten haben. Restaurierung kostbarer Buchedelsteine ist ihr Spezialgebiet –

sie vorzeigewürdig neu einzukleiden ist ihr stetes Bemühen. Sina Christine Jostes – ein weiblicher Christian Dior der Buchbindekunst

hat mal ein begeisterter französischer Kunde gesagt, als er eine vorher völlig zerfledderte Bibel – ein Erbstück seiner Urahnen – von ihr zurückbekam.

Einzig die Unnahbarkeit großer Geister sucht man bei ihr vergebens –

wann und wo auch immer – Sina Christine Jostes hat für jeden ein offenes Ohr.©ee

Antik-Haus Jever

Antik-Haus Jever

Der Hof von Oldenburg in der jeverschen Stadtmitte – gegenüber des alten Marktes, an der Zufahrt zum Wahrzeichen der Marienstadt, dem wunderschönen Häuptlingsschloss des Fräulein Maria – ist für sich schon eine Sehenswürdigkeit.

Ans Schlosscafe und Hofkonditorei schließt sich nahtlos das Antik-Haus an. Ein Ensemble – wie geschaffen für Augen, die das Besondere lieben. Ebenso wie man bei den Köstlichkeiten der Hofgastro-nomie verweilen muß – genauso wenig kann man am Eingang des Antikhauses vorübergehen.

Die Schönheiten im Innern würden auf jeder Messe einen Preis erringen. Die Ausstattung der Geschäftsräume gleicht dem Inhalt einer riesigen Schatztruhe. Man spürt draußen schon den Sach-verstand und die liebende Hand von Kennern der Materie. Ein Schritt hinein – und der Besucher muß erst einmal innehalten – muß sich die Atmosphäre vergegenwärtigen. Manch einer mag bei den Schlägen einer alten Uhr – oder beim Leuchten einer schmuckvollen Lampe Bilder vom Wohnen seiner Vorfahren in sich fühlen – und vielleicht auch die neue, die nüchterne Zeit mit etwas anderem Empfinden betrachten.

Das Interieur beschränkt sich aber beileibe nicht bloß auf den Bereich des „feinen Wohnens“ – das heißt auf die Einrichtung der guten Stuben – nein, auch aus dem Alltagsbereich wie Küche, Keller und Garten findet der neugierige Sucher liebevoll wiederhergerichtete Gegenstände. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee wird keinem Kunden das Stöbern langweilig werden.

Schauen sie einfach mal rein ins Antik-Haus Jever unweit des Schlosses.©ee

Das Dreimädelhaus …

Das Dreimädelhaus …

Wer von den Menschen im Stadtnorden kennt sie nicht – die alte Gaststätte, im fast in Vergessenheit geratenen Ortsteil Hörn. An einer der ältesten Wilhelmshavener Strassen – der Möwenstrasse – gelegen.

Zu Kaiser Wilhelms Zeiten war es die Fortefikationsstrasse – der Verbindungsweg zwischen den Fortanlagen rings um den Marinestandort. Es war die wohl wichtigste Strasse in der Jadestadt, und den sie umgebenden Gemeinden.

Die Zeit, als auf dem Straßenschild noch „Mövenstrasse“ stand – die Zeit ist nicht zurückzuholen. Die Zeit, als sich die Eisenbahner vom gegenüberliegenden Bahnhof Hörn, morgens in aller Herrgottsfrühe, im Dreimädelhaus die klammen Finger, und die Nasen wärmten. Am berühmten „fünf Uhr Grog“ der Wirtin. Unvergessen auch die Zeiten, in denen Freitags die Männer aus dem Stadtnorden in Scharen in den Saal strömten. Der Saal war als Außenposten des Arbeitsamtes die Zahlstelle für das Stempelgeld – und die Gaststätte davor der Ort für rosa Wolkenträume vieler Väter.

Das alles wollen die jungen Wirtsleute, die das Dreimädelhaus seit kurzem wieder mit Leben erfüllen, ganz gewiß nicht zurückholen.

Die herzliche Gastfreundschaft vergangener Tage wieder lebendig zu machen – das haben sie sich zum Ziel gesetzt. Mit Ehrgeiz und Feuereifer gehen sie die Sache an. Das Dreimädelhaus soll wieder Treffpunkt für Jung und Alt werden. Veranstaltungen für jeden Geschmack, und für jeden Geldbeutel – mag er noch so schmal sein – stehen auf dem Programm.

Geselliges miteinander bei Musik und Tanz bilden die solide Grundlage.

Das Dornröschen des Stadtnordens ist aus dem Schlaf erwacht.

Ich wünsche ihm ein langes und munteres Leben.

©ee

Heilsbringer . . .???

Mir ist schlecht – ganz schlicht und einfach übel zumute. Die Worte, die aus mir herauskommen, haben Angst, daß man ihnen das Elend ansieht, über das sie berichten sollen. Mein Weg führte mich wieder einmal durch die Randgebiete der Gemeinde Sande.

Auf einem ehemaligen Bauernhof, nahe des Sander See, hat sich ein Verein häuslich eingerichtet. Ein Verein der Hilfe verspricht – Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens. Inmitten der Natur – wie es im Prospekt heißt – bietet man dort vielfältige Möglichkeiten zur „Entfaltung und Erholung“ – die „Licht- und Friedensarbeit für Mensch und Umwelt“ unterstützend. Mir schlug jedoch bei meinem Gang über das Gelände ein Empfinden von verbrannter Erde entgegen. Eingangs begrüßte meine Sinne ein sterbender Flieder. Ich hab’ ihn nur trösten können – helfen konnte ich ihm nicht mehr. Die Spritzmittel, mit der irgendjemand das Erdreich verseuchte, zerstörten seinen Lebenswillen. Kein Vogel, der mit seinem Gesang das Ohr erfreute, war zu hören – kein Schmetterling, der im flüchtigen Flug den Augen schmeichelte, war zu sehen. Die lange Allee zum Kernstück des Ganzen – dem Seminarhaus – säumt

vernichtete Natur. Ich habe in den letzten Jahren selten so viele Pflanzen weinen sehen – ich habe selten so viel Kleingetier seine vergiftete Lebensgrundlage beklagen hören. Höllenbilder von entlaubten Wäldern, aus den Zeiten des Vietnamkrieges, wischten durch mein Bewußtsein. Die Besucher sah mein Inneres Auge, in Schutzanzüge gekleidet, nach der Quelle des Lichts suchen, die zu finden ihnen im Prospekt versprochen war.

Auf der großen Wiese im Zentrum – auf der sich eigentlich Feen und Gnome tummeln sollen – schienen mir die langen, verkrümmten Blütenstände des Löwenzahns wie die verbrannten Gliedmaßen unschuldiger Opfer eines Wahnsinnsangriffs. Der Regenbogen hatte seine Farben verloren. Vergebens hielt ich nach Kräutern Ausschau. Ich war erstaunt, beim Verlassen des Ortes der Erleuchtung, keine Schleuse vorzufinden, in der man mich von den Giften befreite, die ich ohne Zweifel an den Schuhen hatte. Ich kann den Pächtern dieser „Oase“ nur noch empfehlen, wenigstens Hinweisschilder aufzustellen, auf denen die Besucher vor dem verlassen der befestigten Wege gewarnt werden. Für die sprachlosen Mitgeschöpfe käme diese Warnung dann allerdings zu spät.©ee

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Er hatte breite Schultern. Er war der Stärkste. Der Größte. Der Klügste und mein bester Freund.

„Was siehst du?”, flüsterte er von unten hoch. Ich klammerte mich am Fenstersims fest.
Krampfhaft bemüht nicht ab zu stürzen und mein Kinn zwischen die Geranientöpfe geklemmt.
„Halt ruhig, sonst sehe ich nichts!”. „Mensch bist du schwer!“, kam es wieder von unten.
Also lies ich mich langsam herunter gleiten.

„Oma Lore hat die Küchenschürze über den Stuhl gehängt und ist in den Nebenraum gegangen.
Das Licht ist aus”. Tom drehte sich zu mir um und klopfte sich den Staub von der Schulter ab.
„Dann nichts wie rein in die gute Stube !”
Er grinste: „Du traust dich doch, oder?” „Klar!”, sagte ich. „Sollte ich zugeben, dass ich Muffensausen hatte?

Sie ist nun weg, lass uns noch…“ Doch er war schon an der Tür, öffnete einen Spalt und war im Küchenvorraum verschwunden.
„Hey, warte doch!” Ich drängte mich schleunigst in das Dunkel, warf dabei einen Stuhl um, dass es nur so polterte.
Mir blieb das Herz stehen.

Das Licht ging an und Oma Lore erschien wie ein Donnerbote.
„Was treibt ihr denn hier im Dunkeln? Wollt ihr kein Licht machen?

Ich sah zu meinem Freund. Er hatte schon das gesamte Kuchenblech unter dem Arm.
In Omis Gesicht wurden die Falten  tiefer.
Jetzt wird sie bestimmt…!

Doch sie schmunzelte nur: „Ihr habt Hunger?
Der Kuchen ist aber noch nicht kalt. Er muss noch eine Weile abkühlen“
Meinen Freund mit ihrem Kuchenblech übersah sie wohlweislich.
„Hier!”  Sie reichte mir zwei rotbackigen Äpfel.
„Setzt euch dorthin und wartet noch ein wenig. Ich schlag schon mal Sahne.”Sie drehte sich um und verschwand in die Küche. Verdutzt stellte Tom das Blech wieder ab und ich reichte ihm den zweiten Apfel.
„So geht es auch”.

Ich sinnierte: Über Großmutters großes Herz, während ich in den Apfel biss.
Dass es hier im Küchenvorraum so herrlich nach Zimt duftete.
Über das Zuhause und die Ehrlichkeit und auch über
meinen Freund:

der klein, mit schmalen Schultern zusammengesunken auf dem Hocker saß und sprachlos verlegen kaute … © Chr.v.M.