Regentropfen …

Regentropfen …

In unserer Nachbargemeinde steht am Ems-Jade Kanal ein wunderbares Bauwerk aus Fräulein Marias Zeiten – Altmarienhausen. Eigentlich sind es nur die Reste von dem alten Vorwerk, die da so schön im Land stehen.

Das Bauernhaus, das auf der Warft dem Turmbau gleich gegenüber liegt, das ist in späteren Jahren errichtet worden. Als Domänengut war es durch die Zeiten an Landwirte verpachtet.

In langen und schweren Jahren waren diese Güter stolze Bauernhöfe.

Aber wie es dem Land und den Bauern so ergangen ist, in der leichtflüchtigen Neuzeit – das Auskommen mit dem Einkommen wurde immer schwieriger. Wer sich von den Landbewirtschaftern nicht von der und für die Masse verbiegen ließ, der konnte bld auf seiner Landstelle verhungern.

So wurde schließlich auch diese Domäne aus Staates Besitz ausgemustert und an einen neuen Eigentümer verkauft.

Dadurch erhielt man in Oldenburg bzw. in Hannover ja wieder Geld für die eine oder andere neue Staatskarosse.

Irgendwelche Amtspersonen haben es ja gewiß nötiger, mit einem blitzenden Stern auf vier Rädern durch die Gegend kutschiert zu werden, als so ein paar hungrige Landleute ein Leben ohne Not.

Gleich auch wie – die Domäne hatte einen neuen Eigentümer und war ja nun auch keine Domäne mehr.

Von der alten Pächterfamilie stand nur noch eine Tochter im Leben. Sie hatte dort immer noch ihr Zuhause. Die Hofstelle bot ein Bild, des einfachen Friedens. Das Fleckchen Erde war für viele Besucher ein Ort zum verpusten von der Hast des Alltags – ein Paradies in einer ansonsten wüsten Welt. Mit einer kleinen, aber feinen Teestube neben dem Turm, und draußen mit vielem bunten Federvieh in allen Größen und Farben. Zur Freude für die Menschen, die die Hofstelle besuchten.

Der neue Eigentümer hatte aber nun eine Menge Freunde, die allesamt scharf auf diesen blanken Stein waren.

So stellte man höheren Ortes flugs ein Brett auf, um dass die Begehrenden sich versammelten und teilte das Ensemble auf dem Papier auf.

Der eine Part reklamierte die große Scheuer für seine Belange um darin irgendwelche Belanglosigkeiten aufzustellen – im Aufstall fand eine historische Schmiede aus einem anderen Ortsteil der Gemeinde ihren Platz und die Nutzung der kleinen Teestube blieb bei der Alt-Pächterstochter.

Vermutlich saßen im Kontor des neuen Eigentümers aber Leute, denen allesamt das Mittelschott in der Nase fehlte.

Wie anders soll man es sich erklären, dass in der großen Scheune unter der maroden Bedachung über der Ausstellung ein teures Zeltdach zum Schutz gegen die Unbilden der Witterung eingezogen wurde. Jetzt bröckelt und rieselt es vom rötterigen Scheunendach ständig und unablässig auf das Zeltdach hernieder.

Jeder Mensch mit ein wenig Platz fürs Denken im Kopfe hätte doch gewiß für die nicht wenigen Taler, die das Zeltdach gekostet hat, das Scheunendach in Ordnung bringen lassen. Wie ich schon sagte, das fehlende Mittelschott in der Nase.

So, oder fast so sieht es beim Teestubendach auch aus. Kürzlich saß ein Kreis von weiblichen Mitgliedern des Landvolkvereins um die große weiß gedeckte Tafel versammelt, um bei Kaffe und Kuchen einige wichtige Dinge zu bereden. Daran kann nun jeder sehen, dass die Pächterstochter eine weltläufige Wirtin ist – in der Teestube wird nämlich auch Kaffee ausgeschenkt.

Minna Südhoff, die Vereinsvorsitzende, malte gerade mit farbigen Wörtern bunte Bilder von Regen auf verdorrtem Land – ihre letzte Reise hatte sie in den Sudan geführt – als es draußen mit einem gewaltigen anfing zu regnen. Als wenn es aus Eimern geschüttet wurde, so fiel das Wasser aus den Wolken. Man stelle sich den weißen Kaffeetisch vor, mit dem braunschwarzen Kaffee in dem teuren Porzellan – und von der Decke tropft das Wasser in die Tassen.

Niemand wusste angesichts eines solchen Malheurs so recht etwas zu sagen – nur Minna Südhoff, die hatte mal wieder alles fest im Griff. Sieh an, kam von ihr, nun könnt ihr die Ungerechtigkeit in der Welt sehen. Im Sudan vertrocknet die Natur, und hier pinkelt uns der Herrgott in unseren Kaffee.

©ee

ewaldeden©2013-01-13

Bild von Tom Chen auf Pixabay

selbstverständlich in Platt auch hier :

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Wie schnell doch die Jahre dahinfliegen ….

Wie schnell doch die Jahre dahinfliegen ….

Vom 16.auf den 17. Februar 1962 – eine Nacht wie keine andere …

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“. Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten. Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst. Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war. Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee. Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Strassenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war. Eben durch diese Bresche ergoß sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel hinein, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten. Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstraße, um sich dann durch die schmalbrüstigen Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu zwängen. Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluß auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte. Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben. So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe. Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel. Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden. Ein Kurzschluß ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung. Mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem. Für alle auf der Insel anwesenden war es eine völlig neue Erfahrung. Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluß ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

© ee

ewaldeden

Törfi Törf . . Adventsgeschichte.

Törfi Törf . . .

Die Zeit schrieb das Jahr 1923. So auch hier in Ostfriesland. Die Gegend war ringsumher winterfest in Schnee und Eis eingepackt. Die Schneedünen reichten häufig bis an die Dachrinnen heran. Klein Hinnerk war man gerade sechs Jahre alt. Seit letzen Ostern ging er nun schon zu Schulmeister Hedemann in die Dorfschule.
Wenn es nachts wieder einmal tüchtig geschneit hatte, dann setzte Papa Hinnerk des Morgens auf seine Schultern und trug ihn Huckepack den Weg bis zur Schule.

Das machten viele Papas so, weil ihre kleinen Stepkes es sonst nicht durch den hohen Schnee geschafft hätten.
Im Schulhaus gab es nur zwei Klassenzimmer – eines war für die Lütten und das andere für die Großen.
Jetzt aber, wo es draussen so bitterkalt war, jetzt saßen alle in einer Stube beisammen. In der hinteren Ecke stand ein großer eiserner Kanonenofen zu bullern. Damit er immer so schön weiterbullern konnte, mußten alle Kinder – egal ob lütt oder groß – jeden Tag von Zuhause Brennmaterial, also Torf mitbringen. Torf hatte jede Familie in der Scheuer.

Den gruben die Papas im Sommer im Moor aus der Erde. Wenn die Torfsoden – so heißen die mächtigen Moorstücke – den Sommer und Herbst lang getrocknet waren, dann wurden sie auf Karren in die Scheuern gebracht, damit die Mamas auf dem
Herd Essen kochen und mit den Öfen die Kammern heizen konnten.
Der Sonntag war mit Besuch bei Oma und Opa schnell vorübergegangen und Rutzbutz war es schon wieder Montagmorgen.
Seit drei Tagen war der Himmel klar – der Schnee war schon richtig gnidderig hart und alt.

Klein Hinnerk stapfte am Morgen alleine los, um zur Schule zu gehen. Seine Holzschuhe hatte seine Mama mit Plünnen – mit alten Tüchern – umwickelt, damit er auf dem glatten Weg nicht ausrutschte.
Ein Stückchen war er schon den Sandweg hochgebösselt, als seine Mama ihm nachgelaufen kam: „Hinni … Hinniiii, dien Törf …!“ Er hatte doch glatt vergessen, die Feuerung für die Schule einzupacken.
Mama gab ihm einen Leinenbeutel mit einem gewaltigen Stück Torf darin in die Hand. Den Leinenbeutel hatte sie extra für den Schultorf genäht.

„Nu mach zu, dass Du zur Schule kommst – du weißt, Lehrer Hedemann mag keine Zuspätkommer“, ermahnte sie ihn noch, als Hinnerk in seinen Plünnenholzschuhen nun so schnell er konnte der Schule zustrumpelte. Er freute sich schon auf die
warme Schulmeisterstube.
Plötzlich hörte er eine feine Stimme sagen: „Du hättest Deiner Mama aber ruhig noch einen Süßen aufschnullern können.“
Er wäre bald auf dem Weg ausgerutscht und hingefallen, so hatte er sich erschrocken. Sein Kopf flog in die Runde – doch er konnte niemanden, der so etwas zu ihm  hätte sagen können, sehen. Aber wer – verflixt nochmal – hatte da denn zu ihm gesprochen?
Das war doch seltsam – er war weit und breit allein, aber er hatte laut und deutlich die Stimme gehört.
„Ich bin hier … hier im Beutel.“ Wie – woooo – was … in dem Beutel? In seinem Torfbeutel konnte doch kein Mensch sein „Ich bin Törfi – ich bin die Torfsode. Bloß Du kannst mich verstehen – helf  mir, bitte. Wenn Du mich nicht im Feuer verbrennen läßt, dann kann ich Dir noch soviel erzählen.“

„Ja … aber ….ich muß doch Torf zum heizen mit in die Schule bringen …“ „Häng mich mit dem Beutel da vorne an den Baum –
wenn Du nach dem Unterricht nach Hause gehst, dann kannst Du mich wieder mitnehmen. Erzähl Deinem Lehrer doch einfach, Du hättest den Torf Zuhause vergessen.“ Die Torfsode schwieg erschöpft vom ungewohnten Reden. „Es soll Dein Schaden auch nicht sein …“ kam noch leise hinterher.
„Pastor Lubina hat aber gesagt, man darf nicht lügen …“ „Du hältst mir das Leben – und das ist keine Lüge.“

Das konnte Klein Hinnerk wohl verstehen. In der Sonntagsschule hatte er schon mal die 10 Gebote gehört – und in denen stand an einer Stelle, du sollst nicht töten. Und wenn ein Stück Torf reden konnte, dann war das doch auch Leben.

Er hing also den Beutel in das Strauchwerk und ging ohne Feuerung zur Schule. So ganz wohl war ihm nicht dabei, wenn er an Lehrer Hedemanns vergeblichen Blick nach seinem Torf dachte. Aber es war schon seltsam – Schulmeister
Hedemann fragte an diesem Morgen gar nicht nach seinem Brenntorf.

Mittags, auf dem Heimweg, nahm er den Beutel mit Törfi darin dann mit nach Hause.
Die Torfsode sagte nichts und er war noch zu benommen von dem Geschehen, um Törfi von sich aus etwas zu fragen.
Hinnerk versteckte den Beutel mit Törfi erst einmal in der Scheuer, um ihn dann, als Mama und Papa sich nach dem Essen ein Weilchen schlafen gelegt hatten, hervorzuholen und unter seinem Bett zu verstecken.
„Ich dachte doch wahrhaftig, Du hättest mich schon vergessen …“ klang es auf einmal erleichtert aus dem Leinenbeutel.

„Psssscht …. red doch nicht so laut.“
Hinnerk hatte einen hitzigen roten Kopf vor lauter Aufregung. . „du brauchst keine Bange zu haben“ klang es aus dem Beutel – „nur Du kannst mich hören … sonst niemand.“
Nachmittags konnte Hinnerk gar nicht erwarten, dass es endlich Bettgehenszeit wurde. Mama hatte ihren Lütten schon ein paar Mal verwundert angesehen, als er sie zum dritten Mal fragte, wann er denn nun endlich schlafen gehen müsse. So etwas kannte sie von ihrem Butscher doch überhaupt nicht.
Glücklich war es denn soweit – eine halbe Stunde vor der Zeit war Hinnerk schon ausgezogen und geusterte in Schlafhosen durch die Küche. Er hatte sich doch auch tatsächlich freiwillig einen Schwall Wasser durchs Gesicht gespackert. Seine Mama wußte nun wirklich nicht mehr, wie sich auf so etwas einen Reim machen sollte.
„Gute Nacht, mein Lütten – nun schlaf man gut.“
„Nacht, Mama … Du auch …“

Die Kammertür sperrte das Dielenlicht aus seinem Zimmer aus. Sonst mochte er es schon gern ein wenig heller haben, aber heut konnte die Tür gar nicht schnell genug in Schloß schnappen.
Es war noch keine zwei Minuten dunkel in seiner Schlafkammer, als Törfi schon zu ihm von sich zu erzählen begann.
Vor Millionen von Jahren war er ein mächtiger riesiger Baum gewesen. An seinem Stamm hatten sich Wildschweine, Elefanten und Mammuts ihre Schwarten gescheuert. Jaaaa – auch Mammuts, die gab es damals nämlich noch. Eines Tages war dann ein riesenhafter Sturm über die Erde gefegt – ein anderer Stern war mit der Erde zusammengeknallt und dieses Zusammen-krachen hatte den Orkan ausgelöst.
Alles was auf der Erde vorhanden war und wuchs, das wurde verschoben und aus der Richtung gebracht. Das Eis vom Nordpol verschob sich bis an die Alpen und machte alles, was Leben in sich hatte, unter sich platt – selbst die Sprache der Menschen in Ostfriesland. Darum sprechen die Leute da seitdem auch Plattdeutsch.
Sein, Törfis, Leben wurde auch heftig zusammengestaucht und Eis und Geröll verschüttet.

So hatte er viele Millionen Jahre verschlafen und war mit der Zeit ganz von selbst von Holz zu Torf geworden. Er würde heute noch im Moor schlafen, wenn Hinnerks Papa ihn nicht im letzten Sommer ausgegraben und als Torfsode mit nach Hause
genommen hätte.
„Wenn ich nun im Feuer verbrennen soll, dann habe ich ja nichts mehr von der Zeit und kann Dir auch nichts von alledem erzählen, was mir auf meiner langen Reise durch die Zeit begegnet ist. „Keine Bange,“ sagt Hinnerk zu Törfi, „so soll das
nicht passieren. Morgen früh versteck ich Dich erst einmal oben auf dem Hausboden. Da kannst Du denn solange bleiben, bis ich Dich im Frühling nach draussen bringen kann. Wieder ins Moor zurück, da wo Du hingehörst.“
Am nächsten Morgen – lange vor der Aufstehenszeit von Mama und Papa hatte er Törfi schon auf den Boden gebracht. Es gab da nämlich eine dunkle Ecke, in der ihn ganz bestimmt niemand finden würde. Es sollte aber alles ganz anders kommen, als wie Hinnerk es sich schon so schön ausgemalt hatte.

Die Zeiten im Lande waren sehr schlecht. Das Geld in den Taschen der Leute litt an Schwindsucht – es war von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde weniger wert.
Inflation nannten schlaue Leute das.
Und diese Inflation hatte all das, was Hinnerk seine Mama und sein Papa besaßen, aufgezehrt. Auch ihr kleines Häuschen war ihnen weggenommen worden. Darum mußten sie mit Hinnerk ihr Zuhause verlassen und zusehen, dass sie woanders für ihre kleine Familie ein Dach über dem Kopf fanden.
Die Zeit lief weiter. Unerbittlich weiter. Klein Hinnerk wurde größer und älter.

Er gründete bald seine eigene Familie und auch seine Kinder wurden groß und älter. Man, sein Erlebnis mit Törfi Törf hatte
er nie vergessen können. Bald hatte Hinnerk denn auch sein eigenes Großkind Jan auf seinem Schoß sitzen, dem er in Erinnerung an seine eigene Kinderzeit von Törfi Törf erzählen konnte. Der kleine Jan wollte es immer und immer wieder hören.
Wie aber das Leben so läuft – Hinnerk hatte als Opa eines Tages diese Welt verlassen müssen und sein Enkel Jan war so alt, dass er selber schon einen Sohn hatte.

Die Geschichte von Törfi Törf, die war aus seinem Kopf in Erinnerung gaaaanz tief nach unten gerutscht – und sicher wohl auch noch ein bißchen weiter .Opa Hinnerks Erzählen während seiner Kinderzeit die hatte ihn wahrscheinlich ein wenig auf den richtigen Berufsweg geführt – er hatte nach der Schule nämlich studiert und war Historiker geworden.
Vor gar nicht langer Zeit ergab es sich nun, dass alte Häuser, die schon fast tot schienen, weiterleben sollten. Das hatte die Regierung so beschlossen.

Jan gehörte zu den Wissenschaftlern, welche die Häuser, die nicht sterben sollten, bestimmten und deren Geschichte zu ergründen suchten. Der liebe Gott hatte es wohl so vorgesehen, dass auch Opa Hinnerks Elternhaus dazugehörte.
Auf einmal saß ihm wieder die Geschichte von Törfi Törf im Kopf – sie war ganz plötzlich von ganz unten aus seinem Kindheitswissen nach vorne gekrochen und ließ sich von da auch nicht mehr wegschieben.
Strohpuppe für Strohpuppe, Sparren für Sparren, Balken für Balken und Stein für Stein wurde das Haus sorgfältig abgetragen.

Und auf dem Boden – in der dunkelsten Ecke –  wo fast hundert Jahre kein Mensch hingeschaut hatte – da lag immer noch, in dem nun morschen Leinenbeutel, Törfi Törf und wartete darauf, dass Klein Hinnerk, der ja sein Freund war, ihn abholte um ihn ins Moor zurückzubringen.

Jan hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht, den er in Erinnerung an seinen Opa auch Hinnerk genannt. Der holte Törfi Törf mit seinen kleinen Händen da heraus und in den hellen Tag hinein. Er hat ihn denn – zusammen mit seinem Papa Jan – gaaaanz vorsichtig in das Museumsdorf getragen, um ihn da in einem großen und tiefen Loch wieder in die Freiheit zu
entlassen.
Als Törfi dann unten in dem nassen Moorgrund lag, da meinte Jan wie von weither die Worte einer feinen Stimme zu hören:
„Ich grüß’ Opa Hinnerk von Euch ….“
Vielleicht hatte er sich das auch bloß eingebildet – jedenfalls haben Klein Hinnerk und sein Papa Jan in das Loch auch noch einen jungen Baum eingepflanzt, sodass Törfi Törf nun endlich wieder richtig zuhause war. Ganz so, wie Opa Hinnerk noch als kleiner Junge es ihm vor langer Zeit versprochen hatte.©ee

Ewald Eden

Foto : weinstock  on Pixabay

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Adventsgeschichte.

Text in der Nachdichtung von Paul Zech:

Es schwamm der Mond
in mein Gemach hinein,
weil er da draußen so allein
bei den entlaubten Bäumen stand.

Ich habe ihm ein Kissen hingerückt,
damit er ruhen konnte,
und er tats beglückt
sich untern Kopf.

Ich legte ihm die Hand
schnell auf die Augen,
und da schlief er auch.
Mich aber plagte schlechte Luft im Bauch.

Sie plagte mich,
bis eine Uhr schon zwölfe schlug.
Da hatte ich verdammt genug
und ließ sie ab, die Luft.

Davon ist zwar der Mond nicht aufgewacht,
doch in dem Fenstereck die Mäusefrau.
Sie hat im ersten Schreck geboren,
was noch gar nicht gar nicht fällig war.

Die kleinen rosa Schnauzen
piepsten da so nett,
dass ich sie zu mir nahm
ins warme Bett.

Mein Gott, die lütten Dinger,
noch ganz nackt und blind:
Wie hat das Elend mich gepackt!
Ich glaub, dass mir was Nasses in die Augen kam.

Dabei hat manches Mädchen schon von mir
ein Kind gekriegt und starb vor Scham.
Die armen Würmer aber kuschten sich
in meine Hand, als wäre ich ihr Vater Mäuserich.

Zuletzt war auch die Mäusefrau so zahm geworden,
dass sie schwänzelnd zu mir kam.
Die schwarzen Augen glänzten froh und gross
in mein Gesicht hinein.

Und plötzlich war ich auch so mäuseklein
wie dieses Tier und nahm es in den Schoß.
Ich habe wohl die ganze Nacht mit ihr verbracht
und an kein andres Weib dabei gedacht.

Nachgedanken:

Im milden Licht der Winternacht
hab ich mich zu den Mäusen aufgemacht.

Du aber fragst, warum denn nur?

Hör zu, es ist kein Tier so klein,
das nicht von dir ein Bruder könnte sein.

© ee

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Bild von Jacques GAIMARD auf Pixabay

Feierabend.

Feierabend …

Frerk kommt nach Hause …

Der Tag graute erst ein wenig über dem Horizont – ganz so, als wenn der Schlaf ihm noch in den Augen hing. Nix war mit rotleuchtendem Himmel heute morgen. Die Zeiger der Uhr in der Hinterküche krochen gerade auf vier Uhr zu, als Claas sachte die Aussentür ins Schloß fallen ließ. Im Kalender stand der Julimonat – und doch war es in dieser Morgenstunde noch lausig kalt.

Gerade so wie an einem dem Sommer vorauseilenden Frühlingstag.

Die düsteren Wolken jachterten spielerisch durch die Luft – ein busiger Stiem aus Südost schob sie wie Spielbälle vor sich her. Gut festhalten mußte Claas seinen Granatschieber wenn der Sturm zugriff. Die Kufen des Wattschlitten hatte er gestern Abend vor der Schlafenszeit noch ordentlich mit einer Speckschwarte bearbeitet – er läuft heute morgen so leicht wie ein junges Mädchen beim Maitanz.

Wo er diese Bild in seinem Kopf hernimmt weiß er nicht – es ist einfach da.

Mit ablaufend Wasser muß er raus. Der beständige Südost treibt die kabbelige See ein ganzes Ende weiter zurück als an den anderen Tagen der Fall ist. Bei dieser Lage kann Claas bis an die äußersten Granatkuhlen schlittern – der Fang heute sollte wohl eine gute Partie werden. Soweit kommt er nämlich höchstens drei- viermal im Jahr.

Die Helligkeit will heute morgen gar nicht so recht in die Hufe kommen. An der Seekante gehen Wasser und Himmel noch ineinander über. Die Korben streichen nur handbreit über das Wasser. Ihr Galpen dringt ihm an diesem Morgen durch alle Knochen – als wenn sie ihn wahrschauen und raten wollten heute doch lieber zuhause zu bleiben. Er wäre verdammt auch noch mal lieber wieder ins warme Bett gekrochen, als das Wetter ihm frostigkühl entgegenlief – aber davon kam kein Granat in den Kessel, unter dem Grete jetzt wohl schon das ingange brachte.

Wenn seine Grete nicht so fix beim Granatpulen wäre, denn würde das bißchen Geld hinten und vorne nicht reichen.

Nachdem sein Kutter nicht mehr von See zurückgekommen war, war es für ihn mit der Aussenfischerei vorbei gewesen. Er hat Glück gehabt sagen die Leute, dass er an dem Tage mit einem gebrochenen Bein zuhause saß.

Glück – was ist das? Sein Steuermann Frerk Clausen und der kleine Decksjunge Hinnerk Bußmann sind den Tag alleine rausgefahren – rausgefahren und nicht wiedergekommen.

Die beiden hatten es auch als Glück empfunden, das sie nicht an Land bleiben mußten und mit seinem Kutter auf Seezunge gehen konnten.

Zwei blecherne Fässer mit Gasöl von Bord des vermißten Kutters wurden von den Suchmannschaften aus der Nordsee geborgen – zehn Minuten vor Helgoland – sonst nix. drei Tage nach der Sturmnacht. An einem Faß vertäut hing Hinnerk Bußmann – er war zumindest nach Hause gekommen.

Gut ein halbes Jahr ist seit dem Unglück schon wieder über den Deich durch die Zeit gezogen – und immer noch ist eine stelle auf dem Kirchhof unbelegt – und immer noch weht die scharze Fahne über dem Hafenturm.

Class seine Augen zieht es ständig dahin – wenn er rausgeht und wenn er reinkommt.

Fünfundzwanzig Jahre ist er mit Frerk Tag für Tag und Seite an Seite draussen gewesen. Nun glaubt er ihn häufig winken zu sehen.

Er ist nun soweit draussen wie seit langem nicht mehr. Er kann fast zur Wasserkante hinspucken. Dat glidderig/grünliche Wasser steht – die Flut schlägt um. Claas muß zusehen dass er das Land erreicht.

Gottseidank steht der Wind gegen die auflaufende Flut. So läuft das unruhige Wasser nicht so aufgeregt hinter ihm her. Durch seine Denkerei ist er heute morgen ein wenig vom geraden Weg abgekommen und hält nun geradewegs auf den Leuchtturm des Nachbardorfes zu. Es ist ein Weg den er, wegen der tieferen Priele die zumeist nicht trocken fallen, sonst tunlichst meidet.Er jumpt mit Schwung durch den letzten Priel – das Wasser geht ihm schon bis zur Leiste – als sein Schlitten irgendwo hinterhakt.

‘Verdammichnochmal’ schimpft er vor sich hin – jetzt nicht auch noch das Malheur dass ich den Schlitten zurücklassen muß. Als wenn das schäumende, quirlende Wasser ihn mit stierem Blick belauert – es greift wohl noch nicht zu, aber es sitzt schon auf der Lauer, als wenn es auf Beute wartet. Claas meint tausend nasse Teufel um sich herum tanzen zu hören. Er zieht schon ein wenig aufgebracht am Schlittentau – noch einmal und noch einmal. Der Schlitten kommt sinnig frei und treibt auf ihn zu. Der Schlitten ist aber nicht alleine – an den Eisen der Kufen hängt unter der Wasseroberfläche etwas. Er greift danach …. und steht wie eine Salzsäule in der auflaufenden See.

Frerk hat ihn gefunden.

Als er aus der Starre erwacht und sich wieder bewegen kann, hat er kein anderes Denken mehr, als nur noch das eine: Wir müssen nach Hause … neeee, nicht ich muß nach Hause – WIR müssen nach Hause.

Wieviel Zeit da weggelaufen ist weiß er nicht, als er mit seiner Fracht – und mit Frerk – auf der festen Kante steht.

‘So Bruder – das haben wir geschafft’. Er spricht mit Frerk als wenn der ihm antworten könnte. Claas ist klatschnaß – und das nicht bloß von dem aufgeregten Wasser – nein, der Schweiß drängt aus allen Poren und läuft ihm in Rinnsalen den Rücken hinunter.

Da hat wohl Jemand etwas angestossen denkt er, weil gerade in diesem Moment Glockengeläut vom Kirchturm herüberschallt.

Und als nach 2 Tagen Pastor Südhoff auf dem Kirchhof an der leeren Stelle, die nun nicht mehr leer ist, das Kreuz schlägt, da wird vom Hafenturm die schwarze Fahne eingezogen – als Zeichen dafür, dass Frerk nun endlich Feierabend hat.

©ee

Maryla …

Maryla …

Maryla nimmt ihre Beine in die Hand – die nackten Füße berühren kaum das Strassenpflaster, so schnell läuft sie. Sie spürt nicht die Kälte, und nicht die schartigen Steine auf dem unbefestigten Weg, der sich, von der vielbefahrenen Hauptstrasse weg, einige hundert Meter wie eine Schlange, den Berg hinunterwindet.

Sie hört nicht, wie Kecko, die Elster, enttäuscht hinter ihr herkreckert. Sie ist laut enttäuscht, weil Maryla ihr keine Brotkanten auf den alten, morschen Baumstumpf gelegt hat. So wie sie es gewohnt ist, wenn Maryla nachmittags von der Schule aus heimwärts geht.

Es gibt keine Brotkanten heute, es bleibt nur beim streicheln des geneigten Köpfchens. Die Brotkanten hat Maryla vor Hunger selber geknabbert, als sie der Musik lauschte – als sie den Mädchen an der Stange vor den blitzenden Spiegeln, durchs Fenster von draussen, zuschaute. Als sie den seidigen Schmuck des Vogels berührt, wünscht Maryla sich auch ein Federkleid, um einfach weit wegfliegen zu können.

In Marylas Kopf schwirrt alles durcheinander. Obendrauf ist die schrille Stimme ihrer Tante – die immer laut zetert, und ihr mit Schlägen droht, wenn sie zu spät nach Hause kommt. Das Gekreische hört sie schon von weitem durch die Luft zittern.

Es ist der Stundenschlag der Turmuhr von Sankt Peter – die immer ein wenig heiser scheppert, als wenn sie erkältet wäre.

Es ist die Musik aus dem alten Fachwerkhaus am Marktplatz, neben der Kirche, vor dem sie nach der Schule häufig stehen bleibt und gebannt lauscht, und es ist die dunkle, warme Stimme, die plötzlich hinter ihr aufklang und die sie fragte, ob sie nicht Lust hätte auch so zu tanzen wie die Mädchen da drinnen.

In dem alten Haus am Markt hat sich nämlich vor etlichen Wochen eine Ballettschule häuslich eingerichtet.

Ohne sich noch einmal nach der dunklen, warmen Stimme umzuschauen, ist sie verschreckt weggerannt. Ihr Herz schlägt mit wildem Pochen bis hoch in den Hals.

Wie gerne möchte sie tanzen – so wie Mamuschka es mit ihr zu Hause immer geübt hat. Zuhause – das ist aber lange her. Es scheint ihr schon fast eine Ewigkeit zu sein. Dabei sind erst zwei Jahre vergangen, seitdem man sie von daheim fortgezerrt hat. Seit zwei Jahren lebt Maryla in einer anderen Welt. In einer Welt ohne Freude, in einer Welt voller Schläge, in einer Welt mit harter Arbeit, und in einer Welt mit nur wenig zu essen.

Maryla denkt oft mit Sehnsucht an ihr schönes Zimmer, mit dem wolkigen runden Himmelbett in der Mitte, wenn sie abends in die Strohschütte über dem Schweinekoben kriecht. Sie schläft nämlich lieber im Stall bei den Tieren, als bei Tante Tulja im Haus.

Die Tiere lassen sie reden – sie hören ihr zu, wenn sie ihnen von ihrer Mamuschka, und von Gilla, erzählt. Bei den Tieren muß sie keine Angst vor Strafe haben, wenn sie ihnen Bilder von den tanzenden Mädchen in der Ballettschule malt.

Im Haus von Tante Tulja muß sie jedes Mal schlafen, wenn Besuch da ist. Dann darf sie auch eines von den schönen Kleidern, und ein Paar von den Schuhen anziehen, die für sie im „Kinderzimmer“ in einem Schrank aufbewahrt werden.

Ihre Mamuschka ist tot – eine Bombe ist im Theater explodiert. Mitten in der Vorstellung, als Mama gerade auf der Bühne des Bolschoijtheaters tanzte. Terroristen hieß es, hätten den Sprengsatz gelegt. So hat sie es von den Erwachsenen aufgeschnappt, wenn die sich unterhielten.

Ihr hatte niemand gesagt, was im fernen Moskau mit ihrer Mamuschka geschehen war. Eines Morgens war nur eine grobschlächtige Frau, mit einem harten Gesicht, in ihrer schönen Wohnung am Newska Prospekt aufgetaucht. Zwei finster dreinschauende Männer in Uniform begleiteten sie.

Sie hatten zehn Minuten in der Küche laut mit Gilla, dem Haus-mädchen, gesprochen, und waren dann wieder gegangen.

Gilla war ihre Ersatzmama, wenn Mamuschka in der Welt herumreiste.

Ihre Mamuschka war mit dem Bolschoijballett viel unterwegs. Daheim, in Sankt Petersburg, tanzte sie nur sehr selten. Früher, da wäre es anders gewesen, hatte Gilla ihr einmal gesagt – früher, als Mamuschka noch mit dem Kirowballett tanzte. Aber das war, bevor Maryla zu ihrem Leben gehörte.

Gilla hatte ihr noch so vieles erzählt. Das meiste hatte Maryla noch nicht verstanden, und noch weniger davon hatte sie behalten.

Gilla hatte ganz rote, verweinte Augen, als sie Maryla erklärte, daß ihre Mamuschka nicht wieder nach Hause kommen würde – weil sie jetzt im Himmel sei, und dort mit den Engeln tanzen müsste. Sie würde aber trotzdem immer auf ihr kleines Töchterchen aufpassen.

Maryla hat auch an diesem Tage nicht alles verstanden. Warum zog ihre Mama plötzlich in den Himmel? Es war gut, daß Gilla da war. Den ganzen Nachmittag verbrachten die beiden dann in ihrem Lieblingseiscafé, sodaß Maryla nicht soviel an ihre Mamuschka denken musste.

Am nächsten Tag war die Frau mit dem harten Gesicht schon am frühen Morgen wieder da, um sie abzuholen. Maryla hatte sich mit beiden Ärmchen, und mit all ihrer Kraft, an Gilla geklammert – sie wollte nicht, daß die fremde Frau sie mitnahm. Alles sträuben hatte ihr aber nicht geholfen.

„Du musst mit mir gehen, weil Du jetzt ein Waisenkind bist.“ Wohl zehnmal sagte die Frau mit dem harten Gesicht ihr diesen Satz. Da hörte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort Waisenkind.

Ein großes, schönes Haus mit ganz vielen Kindern würde auch auf sie warten. Es seien Kinder, die, wie sie auch, alle keine Eltern mehr hätten.

Man brachte sie noch am selben Tage aus der Stadt fort, weit aufs Land hinaus.

Acht andere Kinder hockten noch mit ihr gemeinsam in dem alten, klapprigen Kleintransporter auf den hölzernen Bänken, mit dem sie stundenlang über holprige Strassen fuhren.

Keines von den Kindern sprach ein Wort – man hatte ihnen verboten, zu reden. Für jedes Wort von ihnen gab es einen Hieb mit der ledernen Peitsche. Wo man mit dem Leder hintraf, danach wurde nicht geschaut.

Nur die Augen der anderen Kinder versuchten ständig, ihr etwas ohne hörbare Laute zu sagen.

Unterwegs hielt der Fahrer zweimal kurz an. Sie mußten alle aussteigen, und im Gebüsch am Straßenrand Pipi machen.

Sie durften allerdings nur einzeln aussteigen. „Damit sich keiner von euch aus dem Staub macht – und ich es dann nachher ausbaden muß.“ So sagte es die rundliche, ständig schwitzende Frau, die neben dem Fahrer saß, und die ganze Zeit an irgendetwas Grauem strickte, wenn sie nicht gerade einen gehörigen Schluck aus der Wodkaflasche nahm, die sie auch dem schweigsamen Mann am Steuer von Zeit zu Zeit zulangte.

Für den Durst der Kinder stand eine rostige Kanne, mit trübem Wasser gefüllt, zwischen den Bänken. Sie mußten immer erst die brummelige Wärterin fragen, bevor sie aus der großen Schöpfkelle einen Schluck trinken durften.

Marylas Herz flatterte vor Angst. Sie fühlte sich unbehaglich in ihren schönen, neuen Kleidern, inmitten des übelriechenden Schmutzes um sie herum.

Die anderen Kinder trugen alle reichlich zerlumpte Sachen, die schon lange nicht mehr gewaschen worden waren.

Sie hätte sich so gerne ein sauberes Kleidchen angezogen, aber sie hatte überhaupt nichts mit.

Sie durfte nur das mitnehmen, was sie auf dem Leibe trug. Ihre anderen Sachen würde man für sie verwahren, hatte die Frau mit dem harten Gesicht zu Gilla gesagt, als sie Maryla abholte. Am meisten aber vermißte sie die Ballettschuhe, die Mamuschka ihr zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt hatte.

Der Tag war schon dabei, seinen Schlafanzug anzuziehen, als das Auto, durch ein eisernes Tor in einer hohen Mauer, in einen weiträumigen Innenhof polterte. Auf dem rauhen Beton zwischen den Mauern spiegelten sich in zahllosen Pfützen die im Abendrot schimmernden Wolken. Es war die einzige fröhliche Farbe, die Maryla ringsumher sehen konnte.

Das „schöne große Haus“, das die Frau mit dem harten Gesicht ihr versprochen hatte, war schrecklich anzusehen. Der graue Putz bröckelte von den Steinen, und vor den dunklen, tiefen Fensterlöchern waren rostige Eisengitter angebracht.

Die Kinder des Heimes, die auf dem Hof in Reih und Glied, wie zum Appell, angetreten waren, trugen alle die gleichen groben, graugrünen Leinenkleider, und alle hatten sie nackte, kahlgeschorene Köpfe.

Maryla konnte nicht erkennen, ob es Jungen oder Mädchen waren, die da alle stumm, und wie gebannt, auf einen Punkt starrten.

Dieser Punkt war der Mund einer jungen Frau, deren eng anliegende Uniform, wie eine zweite Haut, ihre üppigen Formen umspannte.

Ohne Pause ließ sie immer wieder die gleichen Worte auf die verängstigt dastehenden Kinder heruntersausen.

Nachdem sie alle neun aus dem verbeulten Blechkasten rausgeklettert waren, mußten sie sich, auf Weisung des Fahrers, in einer Reihe hintereinander aufstellen, und so eine zeitlang dem Unterricht zuschauen.

„Damit ihr schon mal seht, wie gute russische Kinder erzogen werden.“

Es war der einzige Satz, den sie von dem Mann, der sie den Weg hierher kutschiert hatte, zu hören bekamen. Wie das knallen einer Peitsche drangen die Worte in ihre Ohren.

Erst als nach einer Weile die junge Frau in der Uniform den Fahrer unwillig anraunzte: „Sergej – jetzt haste lange genug auf meinen Busen gestarrt – hör auf, mich mit den Augen auszuziehen, und bring endlich die Kinder rein“ durften sie ins Haus.

Metallisch dröhnte es durch die mächtige Halle, als ihr hünenhafter Begleiter die wuchtige Tür hinter ihnen ins Schloß fallen ließ.

Steif und still saß Maryla dann eine halbe Stunde später auf einem kalten Schemel, als eine blanke Schere ihre langen, blonden Locken abschnipste. Nur ihre Tränen malten eine heiße Spur über ihre Wangen. Ihr weißes Krägelchen war plötzlich naß und schmutzig. Es sah aus wie ein Stück des aufgeweichten grieseligen Brotes, das man ihnen später zur Nacht zu essen gab, bevor sie auf die Schlafsäle verteilt wurden, und in die Betten kriechen mußten.

Ihre Kleider hatte sie restlos ausziehen und abgeben müssen. Bevor sie dann die „Uniform“ der Heimkinder anziehen durfte, besprühte sie eine Schwester, die einen schmuddeligen graugrünen Kittel trug, mit einem fürchterlich stinkenden Nebel. Jedes der neu angekommenen Kinder musste diese Prozedur über sich ergehen lassen. Das muß sein, damit ihr uns hier kein Ungeziefer einschleppt, war die einzige Begründung, die man ihnen gab.

Vierzig Kinder schliefen jeweils in einem Saal. Die Fußböden waren mit fleckigen, rissigen Fliesen bedeckt, über die sich die kahlen Wände gespenstisch nackt zur Decke reckten. Eine einzige Glühbirne baumelte in jedem Raum, an einem Draht von der Mitte der hohen Decke herab, und verbreitete ihr funzeliges Licht, das nicht einmal bis auf die Erde reichte.

Die Betten standen an der rechten Wand, gerade ausgerichtet wie Soldaten auf einem Kasernenhof. Zwanzig Betten unten – zwanzig Betten oben. Mit ihren grob zusammengezimmerten Brettern sahen sie aus wie die Kaninchenställe, die Gillas Papa hinter dem Haus stehen hatte.

Gilla hatte sie nämlich des Sonntags – wenn Mamuschka länger auf Reisen war – häufig mit zu ihren Eltern genommen. Sie wohnten in einem ehemaligen Kolchos außerhalb von Sankt Petersburg.

Das schönste an diesen Besuchen war immer die Stunde in der alten Dorfkirche, weil nach der Predigt die Männer der Gemeinde vor dem Altar tanzten. Einmal da ist sie einfach nach vorne gelaufen – mitten in den Kreis der Männer hinein. Einer der Männer hatte sie gepackt, sie auf seine Schultern gesetzt, und mit ihr getanzt, bis ihr schwindelig wurde. Das war schön gewesen.

Neben jedem Bett in dem langen Saal war nur ein rostiger Haken in die Wand geschlagen. Für die „Kleider“. Darüber befand sich ein schmales Brett für die „persönlichen Sachen“, auf die jedes Kind sorgsam acht geben musste.

Die „persönlichen Sachen“ waren ein Napf, und ein Löffel, aus Blech, eine uralte Zahnbürste mit einem Holzgriff, und ein Stück braune Knochenseife.

Den verbeulten Napf, und den krummen Löffel, musste jedes Kind selber sauberhalten, und wem Seife oder Zahnbürste abhanden kam, der musste erst einmal vier Wochen lang ohne diese Dinge auskommen. Das hatte Maryla gleich zu Anfang erfahren müssen – nach der ersten Nacht waren nämlich die Seife und ihre Zahnbürste verschwunden.

Das Mädchen im Bett unter ihr hatte ihr nach ein paar Tagen flüsternd verraten, daß ihnen die Nachtaufsicht die Sachen wegnehmen würde, um sie zur Wachsamkeit zu erziehen.

In Wahrheit aber wurden diese Sachen von den Frauen mit nach Hause genommen, weil sie so etwas für ihre Familien im Dorf nicht kaufen konnten.

Sie sehnte sich so sehr nach ihrer Mamuschka. Warum war sie in den Himmel gezogen, ohne sie mitzunehmen? Und warum war Gilla nicht mit ihr in dieses Heim gekommen?

In den ersten Nächten strich ihr leises Weinen wie ein flüsternder Wind durch den kalten, dunklen Saal.

Die anderen Kinder auf den Strohsäcken, unter den verschlissenen Wolldecken, waren alle mucksmäuschenstill.

Als Maryla, zur Strafe für ihre Ruhestörung, zwei Nächte barfuß auf den kalten Fliesen in dem zugigen Flur stehen mußte, da war auch sie anschließend mucksmäuschenstill geworden. Ihr weinen hörte keiner mehr – nicht bei Tag, und nicht in der Nacht. Es hatte sich ganz tief in sie hinein verkrochen, und bildete nun in ihrer Seele einen Tränensee. An dessen Ufer saß sie in den nächsten Wochen häufig, und träumte von ihrer Mamuschka.

Nach drei unendlich langen Monaten hatte Mamuschka im Himmel wohl ihre Gebete gehört, denn eines Mittags stand plötzlich eine fremde Frau vor ihr.

Auf ihre fragenden Blicke bekam sie von der vornehm gekleideten Person zu hören: „Ich bin deine Tante Tulja.“ Maryla hatte von einer Tante bisher nichts gewusst – ihre Mamuschka hatte nie davon gesprochen, daß es eine Tante gäbe. Sie sei die Witwe von Mamuschkas Bruder Bordo, der im Krieg in Afghanistan mit seinem Flugzeug abgestürzt war, erfuhr Maryla von der fremden Frau.

„Als einzig lebende Verwandte hab ich mich bereiterklärt, für dich zu sorgen. Ich bin also jetzt Dein Vormund. Komm, und laß uns hier nicht herumtrödeln. Du hast mich sowieso schon vielzuviel Zeit gekostet.“ Noch während ihre ‘Tante’ das sagte, zerrte sie Maryla nach draussen. Zu der Uniform im Hintergrund sagte sie noch: „Die Formalitäten sind schon erledigt“ – und schob Maryla unsanft in ein schäbiges, klappriges Auto hinein.

Alles das fliegt ihr jetzt, bei ihrem hastigen Lauf vom Marktplatz nach Hause, durch den Kopf. Die dunkle, warme Stimme, die sie am Marktplatz von hinten gefragt hat, ob sie nicht auch gerne tanzen würde, hat diese Bilder in ihrem Kopf ins laufen gebracht.

Es war ihr, als hätte der Pope aus der kleinen Dorfkirche zu ihr gesprochen. Das konnte aber ja nicht sein. Sie war ja viel zu weit weg von Sankt Petersburg.

Die Tante war, vom Waisenheim aus, direkt mit ihr in das schöne Haus am Newska-Prospekt gefahren. Als sie durch das breite Tor in die Allee einbogen, die zum Wohnhaus führte, hatte Maryla sich gefreut, wieder zu Hause zu sein. Es war ihr, als würden die steinernen Löwen auf den Torpfeilern ihr zulächeln.

Wenn sie zur anderen Strassenseite, in den Park geschaut hätte – sie hätte vielleicht Gilla unter den Bäumen stehen sehen. Gilla stand im Schatten der riesigen Linden – mit tränengefüllten Augen krampfhaft auf ihr Taschentuch beissend, und beobachtend was dort geschah. Das tat sie nun schon seit einigen Wochen, ohne dessen müde zu werden.

Es hatte ihr nämlich fast das Herz gebrochen, die kleine Maryla hergeben zu müssen, die ihr wie eine eigene Tochter geworden war.

In ihrem Leid war sie dem Popen in ihrem Heimatdorf aufgefallen. Er hatte sie eine Weile beobachtet, und sie eines Sonntags – nach der Messe – in die Sakristei gebeten. Nach anfänglichem zögern erzählte sie ihm alles, was sie wußte.

Der Pope hatte darauf nach langem Überlegen geantwortet, er werde sehen, was er tun könne.

Ein paar Tage danach trat Gilla, durch Vermittlung des Popen, in der Nähe ihrer alten Stelle eine neue Arbeit als Hausbesorgerin an. Vom Popen war sie gut mit Anweisungen versorgt, was sie in dieser Sache tun könne.

So ging Gilla – Marylas Ersatzmama – mit Feuereifer ans Werk. Jede Minute ihrer freien Zeit verbrachte sie von Stund an im Park auf der anderen Seite der Strasse. Jede Begebenheit schrieb sie fein säuberlich in ein Büchlein, das sie sich eigens für diesen Zweck gekauft hatte. Jeden Besucher, der das Grundstück oder das Haus betrat, beschrieb sie genauestens – jede Veränderung auf der anderen Seite wurde, unter Angabe von Tag und Uhrzeit, von ihr festgehalten, und die Nummer jedes Autos, das in die Allee einbog, notierte sie. Am Wochenende landeten ihre Notizen dann regelmäßig beim Väterchen Alex, dem Dorfpopen. Täglich machte „ihre Arbeit“ wie sie ihr Tun nannte, mehr Freude, weil es das Gefühl in ihr stärkte, doch etwas für Maryla erreichen zu können.

Marylas Freude dagegen hielt an diesem Nachmittag nicht lange an. Keine Gilla war da, die ihnen die Tür öffnete – keine vertrauten Geräusche und keine verlockenden Düfte empfingen sie, so wie es sonst immer gewesen war. Ungelüftete kalte Räume, mit in Gruppen zusammengestellten Möbeln, sah sie nur.

„Ich hab das hier alles schon verkauft – dein Leben kostet mir ja schließlich viel Geld“ – geschäftsmäßig kühl, und am Rande sagte die Tante ihr das. „Wir müssen nur noch ein paar Sachen zusammenpacken – ich kann Dir ja nicht alles neu kaufen.“ Als wenn das nicht reichte, tat sie noch obendrauf: „Deine Mutter hat Dich sowieso viel zu sehr verwöhnt.“

Die Tante fing sofort an, viele Dinge zusammenzupacken. Die paar Sachen – wie sie es genannt hatte – das war Mamas Schmuck, das waren die feinen Bilder die Mama gesammelt hatte, das waren die glänzenden Bestecke und die schönen Vasen aus dem großen Mahagonischrank in der Wohnstube – und das waren die Bücher, die im Lesezimmer die Schränke füllten.

Für Mamas Bilder und Bücher standen im Lesezimmer Kisten aus Holz bereit, um damit vollgepackt zu werden.

Gilla hatte immer respektvoll: „Nein auch – was für eine schöne Bildersammlung Deine Mama hat“ gesagt, wenn sie im ganzen Haus die Gemälde mit einem Ziegenhaarpinsel abstaubte.

Die Bücher in den Borten, ringsumher an den Wänden, in Mamuschkas „Studierzimmer“ nötigten Gilla, außer der Bewunderung für die prachtvollen Buchrücken, auch noch tiefen Respekt ab. Jedermann konnte es spüren, wenn sie stolz erzählte: „Die gnädige Frau hat mehr Bücher zum lesen, wie der Pater Abt bei uns daheim im Kloster.“

„Steh’ hier nicht ’rum, und halt Maulaffen feil“ – fuhr die Tante Maryla barsch an. „Geh hinauf in Dein Zimmer, und pack Deine Sachen in den Koffer, der da steht. Schlepp aber kein unnützes Zeug mit hinaus, die Fracht kostet viel Geld. Und beeil Dich gefälligst“ rief sie ihr noch hinterher – „ich habe meine Zeit nämlich nicht gestohlen.“

Maryla hätte am liebsten alle ihre Sachen eingepackt, aber der Pappkoffer, den die Tante ihr hingestellt hatte, war nur klein, und sehr schnell voll.

„Puppen und Spielzeug brauchst Du nicht mitnehmen“ – hörte sie ihre Tante von unten her rufen. „Zum spielen ist in Zukunft sowieso keine Zeit – den ganzen Plunder hier hat schon ein Trödler gekauft.“

Sogar ihre Lieblingspuppe, ein schwarzes kleines Negermädchen, die ihre Mamuschka ihr vor Jahren aus Spanien mitgebracht hatte, nahm die Tante wieder aus dem Koffer heraus.

Maryla wusste nicht, was sie tun sollte. Der Tränensee in ihrer Seele lief über, und sie konnte nur noch still weinen. Dabei drückte sie ganz fest ihre Ballettschuhe an sich. Die hatte sie nämlich unter ihrem Kleidchen versteckt.

Es war ihr, als ob Mamuschka sie mit ihren zarten Händen berührte.

Draussen war es inzwischen schummerig geworden, und im Haus machte sich schon die Dunkelheit breit. In der Diele standen fünfzehn prallgefüllte, große Koffer. Es Waren Mamas schöne Lederkoffer, mit denen sie immer auf Reisen gegangen war.

Der Koffer mit Marylas Sachen stand einsam an der anderen Seite der Haustür – als wenn er sich seiner Schäbigkeit schämte, und gar nicht dazugehörte.

Die letzte halbe Stunde hatte die Tante in der Küche herumgeklappert.

Eine Schüssel mit dampfendem, pappigem Mehlbrei stand auf dem Tisch, daneben lag ein dicker Kanten trockenen Brotes. Es war das Abendessen für Maryla. Ihre Tante selber rührte davon nichts an – ihr wäre durch die Plackerei der Appetit vergangen, sagte sie.

„Aber für Dich Balg muß ich ja was kochen. Die Schlafstelle für heut’ Nacht muß ich für Dich auch noch herrichten. Ich seh’ schon, Du wirst mir eine richtige Last sein.“

Nach dieser Bemerkung rauschte die Tante aus der Küche, und ließ sie allein am Tisch zurück. Ganz klein und verloren kam sie sich in der kalten Küche vor.

Nachdem Maryla einen Teil der klebrigen Pappe mühsam hinuntergewürgt hatte, durfte sie schlafen gehen. Obwohl sie sich ganz schrecklich elend fühlte, freute sie sich auf ihr Bett. Ein letztes mal konnte sie in ihrem eigenen Bett schlafen. Auch ohne ihre Puppe dabeizuhaben, und ohne eine Gutenachtgeschichte von Gilla zu hören, schlief sie sofort ein. Sie träumte wohl von ihrer Mama, denn manchmal murmelte sie ein leises “Mamuschka“ in das tränenfeuchte Kissen unter ihrem Köpfchen.

Ihre Ballettschuhe, die sie unter der Zudecke versteckt hatte, presst sie auch im Schlaf fest an sich. Die Monate im Schlafsaal des Kinderheims hatten sie schon so einiges gelehrt.

Während Maryla im Kinderzimmer, im ersten Stock der lindgrün angemalten Villa, fest aber unruhig schläft, sitzt ihre Tante im Lesezimmer, am Biedermeiersekretär ihrer verstorbenen Schwägerin, und macht „Kassensturz“, wie sie es nennt.

Sie betrachtet es als eine Fügung des Schicksals, daß ein Onkelsohn von ihr in der Kommandostelle der Truppen des Innenministeriums in Moskau sitzt. Er diente während des russischen Einsatzes in Afghanistan in der gleichen Einheit wie ihr Mann. Sie hatte nach dem Absturz des Kampfflugzeuges, bei dem ihr Mann damals ums Leben kam, nichts rechtes mehr von ihrem Vetter gehört. Bis auf ein paar belanglose Kartengrüße war nichts weiter gekommen, aber das störte sie nicht im Geringsten.

Wenn das Schicksal den Lauf der Dinge andersherum gestaltet hätte – sie hätte es gerade genauso gemacht. Arme Verwandte soll man sich tunlichst vom Halse halten. Und wie kann man das am besten? Indem man sich von ihnen fernhält, wie von lästigen Insekten.

Nichts überträgt sich nämlich so schnell, wie der Geruch der Armut – und nichts auf der Welt wirkt ansteckender wie das Elend.

Vergessen ist das alles. Vergessen seit dem Moment, in dem der Vetter die Namen der Opfer des Terroranschlages auf das Theater auf seinen Schreibtisch bekam. Das Gefühl, unverhofft auf eine Goldader gestoßen zu sein, ließ ihn rege werden.

Am selben Tage noch weckte er die eingeschlafene Verbindung zu seiner Cousine wieder auf.

Schon drei Tage später stattete er seiner „lieben Verwandten“, wie er sie bei seiner Ankunft honigsüß nannte, auf ihrem ländlichen Anwesen, einen Besuch ab. Bei Wodka und Gänsebraten kam man sich am Abend dann schnell näher. Sogar so nahe, daß sie beide am anderen Morgen eng umschlungen im Bett der Tante erwachten. Sie hatten in der Nacht ein längst beendetes Verhältnis wieder heftig aufleben lassen. Warum sollte man das schöne nicht mit dem nützlichen verbinden?

Vetter Basil und Base Tulja brauchten dann auch nicht lange hin und her zu überlegen. Sie waren über eine Goldader gestolpert, die förmlich darauf wartete, ausgebeutet zu werden. Es kam nur darauf an, sich das richtige Werkzeug für die Arbeit zu beschaffen.

Um das zu erreichen, mußten sie allerdings zusammenarbeiten, denn wenn jeder von ihnen allein zu Werke ging, bekam keiner etwas ab von dem Fund.

Der Schlüssel zu dem Schrank, in dem sich das Werkzeug befand – darüber waren sich die beiden klar – war das Kind von Tuljas Schwägerin. Basil war nicht untätig gewesen. Er hatte in der Kürze der Zeit sogar schon ihren Namen und ihren Aufenthaltsort festgestellt. Maryla hieß die Tochter, und sie befand sich seit dem Unglück in der Obhut der staatlichen Fürsorgebehörden, in einem Heim vierhundert Kilometer von Sankt Petersburg entfernt.

Eile war geboten, wollte man für sich noch etwas bewirken. Die Vertreter der Fürsorge würden so einen dicken Goldfisch, der da bei ihnen an der Angel zappelte, sicher nicht so einfach vom Haken lassen, gab er seiner Base zu bedenken.

Da müsste man schon ein bisschen nachhelfen, meinte Vetter Basil. Wenn ein Säckchen Rubel nichts bewirken würde – der Knüppel der Amtsmacht, über die er verfügte, würde es dann schon besorgen. Den wollte Vetter Basil aber nach Möglichkeit im Sack lassen. Sie seien ja schließlich alle Kinder von Mütterchen Rußland, und Russen sollten sich doch wohl mit Russen friedlich einigen können.

Auf jeden Fall hatten Vetter und Base sich schnell auf halbe-halbe geeinigt, und der Herr Kommandeur konnte die Verbindungsdrähte spielen lassen. Wobei er die Rubelchen, die er Tulja gegenüber vorsorglich für die Fürsorge reklamiert hatte, schon auf seiner Hälfte sah.

Seine Stellung im Apparat erschien ihm nämlich völlig ausreichend, aber davon brauchte Base Tulja ja nicht unbedingt etwas zu wissen. Sie würde sowieso genug von dem Kuchen abbekommen, zumal er sich in der Nacht entschlossen hatte, sie wieder öfter zu besuchen. Dieses kleine Extravergnügen stand ihm ja wohl zu, denn das ganze war, wenn man es recht betrachtete, ja sein Verdienst.

Äußerst zufrieden, mit sich und der Welt, fuhr er am nächsten Tag nach Moskau zurück.

Kaum wieder im Ministerium angekommen, saß er bereits mitten in diesem schwierigen Geschäft, wie er es bei sich ausdrückte. Er hatte von unterwegs schon einige Untergebene zu sich ins Büro bestellt, die er mit diversen „Ermittlungen“ betraute.

Er entfaltete jedesmal eine rege Tätigkeit, wenn die Ergebnisse seiner „Mitarbeiter“ bei ihm eintrudelten. Es gab ja so vieles zu regeln, und zu ermitteln. Nur mit Behutsamkeit, und äußerster Vorsicht, würde er das Ziel erreichen.

Die ums Leben gekommene Tänzerin galt in gewissen Kreisen der Hauptstadt schon so ein wenig als Nationalheiligtum. Ihr großes tänzerisches Können bildete dabei unzweifelhaft den Vordergrund, aber andere weibliche Talente der begnadeten Künstlerin spielten da auch wohl mit hinein.

Dass es im Leben der Tänzerin ein Töchterchen gab, war offenbar nur sehr wenigen einflussreichen Personen bekannt, denen es offensichtlich sehr wichtig erschien, daß es auch nach ihrem Tode so blieb.

Diese etwas delikaten Umstände waren auch wohl der Grund für das rasche verschwinden des Kindes im Niemandsland eines Fürsorgeheimes in der russischen Weite.

Während Vetter Basil in Moskau seine Truppen mobilisierte, und Mauern zu durchdringen versuchte, tat Base Tulja in Sankt Petersburg beim zuständigen Gericht ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse, und ihre tiefe Besorgnis um das unmündige Kind ihrer über alles geliebten Schwägerin kund.

Durch diesen Umstand drohte das Kind der berühmten Primaballerina Olga Kersschinski zum Gegenstand des öffentlichen Interesses zu werden.

Die Frage nach dem Vater würde unweigerlich folgen. Eine solche Entwicklung musste unter allen Umständen verhindert werden. Von irgendwo ganz oben war diese Anweisung gekommen, und stolzierte nun bis in die letzte Amtsstube im Lande. Jeder, der nur irgendwie mit der Sache zu tun hatte, gab sie weiter, und niemand fragte danach, woher sie kam.

Fragen in Richtung nach oben zu stellen, das war in Russland schon immer ungesund – oder zumindest mit gewissen Risiken behaftet.

Irgendwo war das Schifflein Maryla, noch in Sichtweite des Ufers, auf ein Riff gelaufen. Es konnte seinen Weg in das unendliche Meer der Verschollenheit nicht fortsetzen.

Jetzt galt es für gewisse Leute, den Schaden mit allen Mitteln zu begrenzen. Das ist aber im Russland von heute auch nicht mehr so ganz einfach zu bewerkstelligen. Vor allem, wenn es verschiedene Interessenlagen gibt.

Da Familienverbundenheit, und verwandtschaftliche Grade, in der russischen Gesellschaft eine hohe Wertstellung einnehmen, konnte man die direkte Tante, die sich, um das nun überall aktenkundige Waisenkind, kümmern wollte, nicht einfach so beiseite schieben. Zumal sie Reputation höheren Ortes genoß. Ein stellvertretender Unterrichter teilte es so seinem Vorgesetzten mit. Dieser wiederum berichtete davon dem stellvertretenden Oberrichter, und der gab es weiter an den Gerichtspräsidenten des Petersburgischen Bezirksgerichts. Alles dies geschah unter dem Siegel der absoluten Geheimhaltung. Also wurde im Herzen Sankt Petersburgs eine Akte angelegt, und amtlicherseits das Vermögen der Verstorbenen ermittelt und aufgelistet.

Auf dem Höhepunkt der pikanten Affäre wurde Vetter Basil sogar an einem trüben Vormittag durch einen Boten zum sofortigen Rapport in den Kreml befohlen.

In seinen Vorstellungen hatte er sich daraufhin schon in den Kellern der Lubljanka auf Nimmerwiedersehen verschwinden gesehen.

Doch es kam alles nicht so, sondern es kam ganz anders. Man befragte ihn über sein Wissen, man drohte ihm mit unabsehbaren Folgen für sich und seine Familie, dann schmeichelte man ihm wieder – und schließlich deckte man stückweise die Karten auf, und arrangierte sich, soweit man es für nötig erachtete. Man konnte absolut kein negatives öffentliches Aufsehen gebrauchen, in dieser an schrecklichen Ereignissen nicht gerade armen Zeit.

So kam es, daß Marylas künftiges Wohlergehen in die Hände ihrer Tante gelegt wurde. Allerdings mit der Bestimmung, das Mädchen Maryla zu adoptieren, und ihren Wohnsitz niemals nach Sankt Petersburg oder nach Moskau zu verlegen. Vetter Basil erhielt als Folge der Übereinkunft die großzügige Gelegenheit, Teile des russischen Riesenreiches auf der Bahnfahrt zu seinem neuen Dienstort – auf der Halbinsel Kamschatka – kennen zu lernen. Er durfte sogar seine Familie mitnehmen. So ist nun mal das Leben – und Sibirien ist unendlich groß, höllisch groß.

Irgendwie waren im Spiel auch weniger guten Karten vorhanden.

Maryla geriet indessen nur von einer Hölle in die andere. Sie war zum Objekt geworden, und den beiden Strippenziehern winkten trotz allem noch viele Vergünstigungen, und einiges Kapital. Trotz der vielen Prozente, die Mütterchen Russland als Anteil beanspruchte.

Auch so ist die Welt – könnte man sagen. Wenn, ja wenn es da nicht Gilla und Väterchen Alex aus dem kleinen Dörfchen unweit von Sankt Petersburg gäbe. Väterchen Alex, der das kleine Mädchen nicht vergessen konnte, das an einem Sonntag in seiner Kirche mit den Männern vor dem Altar getanzt hatte. Und Gilla, die nicht ertragen konnte, daß ihrer kleinen Maryla solch ein schreiendes Unrecht geschah.

Gillas Notizen hatte Väterchen Alex alle auf eine große Tafel geheftet, die in einer Kammer hinter seiner Sakristei an der Wand hing. Jedesmal, wenn ein neuer Zettel bei ihm ankam, steckte er ihn dazu. Jedes mal schob er die schon vorhandenen Informationen hin und her – wie bei einem Puzzlespiel. Auf jedem Zettelchen piekste ein Fähnchen mit Buchstaben oder Zahlen, und von Fähnchen zu Fähnchen spannten sich bunte Bänder. Es sah bald aus wie eine Landkarte – oder, nein – das ganze sah eher aus wie ein Netz.

Ja, es sah tatsächlich aus wie ein riesiges Spinnennetz, was da in vielen Monaten an der Wand entstanden war. Hinter Marylas Namen verbarg sich offenbar eine lange, einflussreiche Familiengeschichte.

Es war nicht das erste mal, das in der Kammer hinter der Sakristei solche Gebilde unter den Händen von Väterchen Alex an der Wand entstanden. Es war auch nicht die einzige Wand im Lande, vor der Frauen oder Männer standen, unter deren Händen sich ähnliche Gebilde formten. Sie alle, und noch viel mehr Menschen, draussen in der weiten ehemaligen Sowjetunion, gehörten einer Organisation an. Sie hatten sich zusammen-gefunden, um sich gegen Unrecht und Willkür zur Wehr zu setzen – und irgendwie war dann plötzlich der Name für diesen Kreis aufgetaucht: „Das Netz“.

Niemand sprach diesen Namen laut aus, aber alle kannten ihn.

Viele fürchteten inzwischen das Netz, weil sich schon sehr viele Missetäter in ihm verheddert hatten, bevor sie von der Spinne gefressen worden waren.

Noch mehr Menschen aber waren schon von dem Netz aufgefangen worden, wenn sie – wie es auch manchmal mit Artisten vom Hochseil geschah – mitten aus dem Leben abstürzten.

Auf Väterchen Alex’s betreiben waren an vielen Orten viele Köpfe, Beine und Hände dabei, Steinchen zusammenzutragen. Bausteine, aus denen für Marylas Leben ein Häuschen werden sollte. Ein anderes als dasjenige, daß ihre Tante und deren Vetter Basil ihr zugedacht hatten.

Marylas Erinnerung hat sie nicht getrogen, als sie die Stimme auf dem Marktplatz mit der des Popen aus der Dorfkirche in Verbindung brachte. Väterchen Alex hat sich selbst auf den weiten Weg gemacht, um ein Bild davon zu bekommen, wie Maryla lebte. Seit fünf Tagen logiert er schon bei seinem Amtsbruder in dem kleinen Städtchen. Und fünf Tage lang beobachtet er schon das kleine Mädchen, in dem verblichenen, abgetragenen Sommerkleidchen, daß jeden Nachmittag vom Schulhaus direkt zu den Fenstern der Ballettschule rennt, um dann eine Zeitlang, stumm und bewegungslos, der Musik zu lauschen, und weltvergessen dem Treiben der tanzenden Mädchen im Hause zuzuschauen.

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