Die Mutprobe oder etwas anderes.

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Er hatte breite Schultern. Er war der Stärkste. Der Größte. Der Klügste und mein bester Freund.

„Was siehst du?”, flüsterte er von unten hoch. Ich klammerte mich am Fenstersims fest.
Krampfhaft bemüht nicht ab zu stürzen und mein Kinn zwischen die Geranientöpfe geklemmt.
„Halt ruhig, sonst sehe ich nichts!”. „Mensch bist du schwer!“, kam es wieder von unten.
Also lies ich mich langsam herunter gleiten.

„Oma Lore hat die Küchenschürze über den Stuhl gehängt und ist in den Nebenraum gegangen.
Das Licht ist aus”. Tom drehte sich zu mir um und klopfte sich den Staub von der Schulter ab.
„Dann nichts wie rein in die gute Stube !”
Er grinste: „Du traust dich doch, oder?” „Klar!”, sagte ich. „Sollte ich zugeben, dass ich Muffensausen hatte?

Sie ist nun weg, lass uns noch…“ Doch er war schon an der Tür, öffnete einen Spalt und war im Küchenvorraum verschwunden.
„Hey, warte doch!” Ich drängte mich schleunigst in das Dunkel, warf dabei einen Stuhl um, dass es nur so polterte.
Mir blieb das Herz stehen.

Das Licht ging an und Oma Lore erschien wie ein Donnerbote.
„Was treibt ihr denn hier im Dunkeln? Wollt ihr kein Licht machen?

Ich sah zu meinem Freund. Er hatte schon das gesamte Kuchenblech unter dem Arm.
In Omis Gesicht wurden die Falten  tiefer.
Jetzt wird sie bestimmt…!

Doch sie schmunzelte nur: „Ihr habt Hunger?
Der Kuchen ist aber noch nicht kalt. Er muss noch eine Weile abkühlen“
Meinen Freund mit ihrem Kuchenblech übersah sie wohlweislich.
„Hier!”  Sie reichte mir zwei rotbackigen Äpfel.
„Setzt euch dorthin und wartet noch ein wenig. Ich schlag schon mal Sahne.”Sie drehte sich um und verschwand in die Küche. Verdutzt stellte Tom das Blech wieder ab und ich reichte ihm den zweiten Apfel.
„So geht es auch”.

Ich sinnierte: Über Großmutters großes Herz, während ich in den Apfel biss.
Dass es hier im Küchenvorraum so herrlich nach Zimt duftete.
Über das Zuhause und die Ehrlichkeit und auch über
meinen Freund:

der klein, mit schmalen Schultern zusammengesunken auf dem Hocker saß und sprachlos verlegen kaute … © Chr.v.M.

das Problem mit der Aussprache …

Ein Hin und Her zwischen Jannes und seiner Oma –
oder das Problem mit der Aussprache …

G ottseidank hat Jannes seine Oma noch. Die Oma die ist aus seiner Zehnjahressicht wohl schon ganz schön alt, aber sie ist noch so was von plietsch – und das besonders, wenn sie ihm wieder einmal gegen seinen altmodisch strengen Papa zur Seite steht, wenn der mal wieder sagt, dass früher, zu seiner Zeit, doch alles gaaanz anders gewesen sei. Denn guckt Jannes seine Oma nur immer mit einem Blick an, in dem ganz groß die Aufforderung zu lesen ist: Omaaaaaaa … nun sag Du doch mal was – DUUU als seine Mama, Duuuu bist doch schließlich dabeigewesen! Komischerweise kann seine Oma denn auch in ihrem eigenen Gesicht lesen – gerade so, als würde sie vor einem Spiegel stehen … und denn MUSS sie einfach die Sicht von Jannes Papa, die manchmal wirklich ein büschen verbogen ist, wieder ein wenig geraderücken.

Genauso deutlich wie Jannes Oma in solchen Momenten in ihrem Gesicht lesen kann, genauso so deutlich liest sie Jannes oft vor. Seine Oma Plüsch, die kann das Vorlesen aber auch … Sogar in Jannes Schule traut sie sich Geschichten vorzulesen – sie sagt, sie kommt sich dann immer so vor wie in den Jahren, in denen sie auf der großen Theaterbühne mucksmäuschenstill in der Muschel hockte und flüsternd den Schauspielern vor ihr auf der Bühne über ihre Hänger hinweghalf. Jannes seine Oma hatte nämlich ganz ganz viele Spielzeiten als Souffleuse am Schauspielhaus gearbeitet.

Jannes kann daher auch schon verdammt gut lesen. Sein Lehrer, der Herr Blindfisch – nun lacht nicht so, er heißt wirklich so – hatte das letzte Woche vor der ganzen Klasse gesagt. Oma Plüsch übt aber auch regelmäßig mit ihm. Die beiden machen denn ein richtiges Rollenspiel aus den Übungen.

Jannes Papa hat auf der großen Kopiermaschine in seinem Büro extra dafür ganz viele Geschichten vervielfältigt, so dass sie immer beide den gleichen Text vor sich haben, wenn Oma und Enkel in die Leseschlacht ziehen. Wie beim Fußballspielen – oder neeee … Oma Plüsch spielt ja kein Fußball – wie beim Schachspielen geht es dann meistens Unentschieden zwischen den beiden aus.

Nur manchmal macht Jannes sich einen Spaß und bringt Oma Plüsch beim vorlesen ins wackeln. Und zwar immer dann, wenn Oma beim vorlesen ihre Stirn kraust – dann weiß Jannes, dass gleich wieder etwas kommt, bei dem er eingreifen muß. Dann liest Oma Plüsch nämlich wieder „Neu Jork“ oder „Bubbelgum“ und wenn Jannes sie dann mit „aber Oma, das heißt doch „Nju York“ und „Babbelgam“ unterbricht, dann murmelt sie auch schon mal – für Jannes Ohren nicht bestimmt – was von „ach wat, dat olle Pitschginenglisch“ vor sich hin, um gleich darauf – wieder für seine Ohren bestimmt – korrekt weiter zu lesen. Jannes Freude darüber, seine Oma in Punkto Wörter lesen nun endlich schlau gemacht zu haben, sollte aber nicht von langer Dauer sein, denn jetzt geschah etwas, was Jannes sich die Haare raufen ließ –.

Oma Plüsch las ihm aus ihrem Tageblatt aus dem Bericht über die Neueröffnung einer Wurstbraterei den folgenden Satz vor:

In dem rollenden Imbiß am Kartoffelacker kann der hangreigi Kandi neben anderem auch leckere Hämbörger und knackige Fränkforter gegen den Hangir bekommen.

Jannes konnte nicht an sich halten – Omaaaaaaaaaa, da steht doch der hungrige Kunde und Hamburger und Frankfurter und Hunger geschrieben.

Kannst Du denn immer noch nicht richtig lesen …©ee 

zimmer 11

zimmer 11

Sie hetzen die zeit durch regennasse strassen, nur das rauschen
klebt an der türklinke von zimmer 11.

Hier atmen verlegen die stunden kippen in graublau
lichtbündel durch das hohe fenster, die sich tanzend
in stummen bücherregalen verfangen
bis sie ermüdend, breitbeinig – als schatten – auf meiner bettdecke landen.

Sie hatte diesen punkt geklebt unsichtbar haltbar.dort
wo der stukk als blütenrandrose in die decke sich einband um
kichernd sich in zarten wölbungen wieder aufzuwerfen. fast trotzig
dann in gelbgewunden. augenmüde beobachtung und harren , wortloses verstehen.

da saß sie bewegungslos erstarrt von meinem bestaunen.im unbeobachteten moment dieses zarte drehen einer schlittschuhläuferin – sekundenatmend .

Dann schleuderte sie wie ein band den seidigen faden hinter sich –

wölbte ihren bauch wie eine schwangere und tanzte auf dem dünnen seil


in atemloser schönheit.© Chr.v.M.

Es begab sich aber zu der Zeit …

Es begab sich aber …

Es begab sich aber zu der Zeit …

dieser Anfangssatz aus der biblischen Geschichte fiel mir zum Erzählen eines Freundes ein, als ich ihm ein paar Sätze lang schweigend zugehört hatte.

Karl-Heinz berichtete mir von einer Begebenheit aus einer Zeit in der sich für ihn kurz zuvor auch etwas ergeben hatte, das sein Leben zu einem anderen machte. Ihm war vom Schicksal auch ein Untermieter in seinem Körperhaus zugewiesen worden. Krebs nannten die Ärzte den ungebetenen Gast.

Meines Freundes Zuhause befand sich zu der Zeit noch im idyllischen Exter, wo er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau über die Jahre ein zufriedenes und beschauliches Leben führte.

Seine tägliche Gewohnheit der abendlichen Runde um Haus und Garten hatte ihm auch der Gast in seinem Körper nicht verleiden können. Er nahm ihn einfach stets mit zu diesem ihm liebgewordenen Ritual.

Es war in 1993 – dieser frostigkalte Winterabend des 23sten Dezember hatte mit seinen 8 Minusgraden nun wirklich nichts anheimelndes an sich, als Karl-Heinz sich anschickte mit der täglichen Runde um das Grundstückvor dem Zubettgehen seinen Tag zu beschließen. Der Garten und sich das im Garten befindliche Blockhaus lagen friedvoll und dunkel in der frostklaren Nacht, als er anfangs des Weges die ersten Schritte aus dem Haus tat. Auf den letzten Schritten, die ihn wieder zur Haustür führten, lagen Garten und Gartenhäuschen noch genauso friedvoll wie ein Weilchen zuvor, doch das Dunkel des Blockhauses war einem schwachen Lichtschein im Inneren des Häuschens gewichen.

Mit fester Entschlossenheit diesen Umstand zu ergründen näherte sich mein Freund der Laube. Durch das Fenster sah er im funzeligen Schein einer kleinen Taschenlampe, die auf der Tischplatte lag, eine Gestalt in abgerissener Kleidung auf der Eckbank hocken.

Da hatte jemand ein Quartier für die Nacht gesucht und gefunden. Leise und behutsam, um die Nachbarschaft nicht zu wecken und den Obdach suchenden nicht zu erschrecken, machte Karl-Heinz sich bemerkbar bevor er eintrat.

Die blanke Furcht davor, von unter dem Schutz gewährenden Dach vertrieben zu werden, stand dem mageren Menschenkind förmlich ins Gesicht geschrieben.

Dass diese Furcht gegenüber Karl-Heinz völlig unbegründet war, das konnte der Mann in der abgetragenen Kleidung ja nicht wissen. Die Realität hatte ihm gewiß so manchesmal etwas anderes gezeigt.

Die Furcht in dem verhärmten Gesicht war unversehens einem Erstaunen, das sich ganz langsam in unverhohlene Freude verwandelte, gewichen.

Freude und Erleichterung darüber, mit seinen Bündel Habseligkeiten nicht wieder in die eiseskalte Nacht hinaus zu müssen, um sich irgendwo in einem Hauseingang oder unter einer der vielen Brücken einen Platz zu suchen, um da „Platte machen“ zu können.

Mein Freund machte ihm mit wenigen Worten klar, dass er über die bevorstehenden Feiertage bleiben könne, und darüberhinaus solange die Kälte anhalten würde. Karl-Heinz schaltete als erstes die Sicherungen für die Stromversorgung im Blockhaus frei und aktivierte dadurch die angeschlossene Heizung.

Seine Frau, der er gleich von der unerwarteten Einquartierung berichtete, sorgte – ohne ein Wort darüber zu verlieren – für einen gedeckten Tisch im sonst im Winter verwaisten Gartenhaus.

Dem „einsamen Wolf“ wie Karl-Heinzens Frau ihren Gast bei sich benannte, war nur sehr wenig an Information über sich und seine Lebensumstände zu entlocken. Die beiden gaben sich mit dem Wenigen, das von ihrem Gast von alleine preisgegeben wurde, zufrieden.

Vielleicht waren sie auch irgendwo froh, gar nicht mehr über das ihnen unbekannte Schicksal des fremden Zufallsbesuchers zu kennen.

Der Unbekannte wurde die Feiertage über umsorgt, verpflegt und mit Textilien und Fußbekleidung aus dem Bestand des Hausherrn bedacht, ganz so als wenn er schon immer dazugehört hätte.

Am Abend des 2ten Weihnachtstages hatte Karl-Heinz noch einen Punsch mit ihm getrunken, bevor er ihm eine gute Nacht gewünscht – und am folgenden Morgen, als die Hausfrau ihn zum Frühstück einladen wollte, da war die Blockhütte sauber aufgeräumt und verlassen, ganz so, als wenn die Tage zuvor niemand darin genächtigt habe.

Einzig der Geruch von Pfeifentabak hing noch ein paar Tage in der Raumluft. Irgendwie stimmte es die Gastgeber dann ein wenig betrüblich, als nach einer Spanne Zeit auch der Tabakduft als Erinnerung an eine besondere Begegnung sich still und leise davongemacht hatte.

Am Silvesterabend standen die Augenblicke mit ihrem Weihnachtsgast noch einmal fühlbar in ihrer Wohnstube, als Karl-Heinzens Frau – während sie aus dem Fenster schauend in die funkensprühende und knallerige Altjahrsnacht sah -. gedankenverloren die Frage „wo er jetzt wohl ist“ zu ihrem Mann hinüberschickte.

Der Winter polterte anschließend ziemlich grobschlächtig durch den Januar und Februar hindurch, bis ihn im März das Läuten der ersten Schneeglöckchen mit jedem Tag ein wenig mehr vor dem herannahenden Frühling weichen ließ.

Im Frühling, Sommer und Herbst des Jahres geriet auch mit jeden Tag ein wenig mehr das Bild des „einsamen Wolfes“, wie sie ihn fortan nannten, vor den täglichen Alltäglichkeiten des Alltags in den Hintergrund des Denkens der beiden „Gastgeber“ – bis es plötzlich am Abend des 23sten Dezember, genau wie im Vorjahr, wieder im Vordergrund stand. Die verhärmte und rastlose Gestalt vom letzten Weihnachtsfest – im Jahreslauf sichtlich noch mehr geschunden worden – war wieder unter das schützende Dach der Blockhütte zurückgekehrt.

Dieses mal geschah es ohne die Angst im Gesicht aus dem Schutz des Obdaches fortgejagt zu werden – dieses mal saß der junge Mann auch (34 Jahre zählte er gerade) als dritter im Bunde mit Karl-Heinz und seiner Frau an ‘Heilig Abend’ an der festlich gedeckten Tafel in der weihnachtlich nach Tannenbaum duftenden Stube.

Nur seine Verschlossenheit gegenüber Fragen nach dem Woher und Wohin, und vor allem gegenüber der Frage nach dem Warum, die war in ihm offenbar im zurückliegenden Jahr zu einer noch festeren Feste geworden.

Im stillen Einvernehmen hatten Karl-Heinz und seine Frau dann beschlossen nicht weiter zu fragen. Ihre gemeinsame Hoffnung, dass die Wärme Ihres Heims und ihrer Herzen den Eisespanzer um seine Seele herum irgendwann auftauen würde, die wurde schneller als erwartet erfüllt.

In den Tagen zwischen den Jahren – zwischen Weihnachten und Silvester/Neujahr – mußten die beiden eine Besuchsverpflichtung erfüllen, eine Reise zur engeren Familie stand an und konnte auch nicht verschoben werden. Dem mittlerweile nicht mehr völlig fremden Gast wurde der Vorschlag während ihrer beider Ortsabwesenheit das Haus zu hüten gemacht.

Zu Karl-Heinzens und seiner Fraus Freude stimmte ihr Gast diesem Sinnen ohne zu zögern zu.

Vielleicht war es auch sein inneres Denken, von einem mittellosen Almosenempfänger zu jemand zu werden, der dafür eine Leistung erbrachte.

Wie dem auch gewesen sein mag, Karl-Heinz vertraute in diesem Moment seinem eigenen Vertrauen in die Redlichkeit des jungen Mannes, obwohl …. eine kleine Bestätigung seiner „Menschenkenntnis“ und seiner „Vertrauensseligkeit“ bedurfte es dennoch, wenngleich er diese erst nach der Rückkehr von der Stippvisite bekommen würde.

Karl-Heinz plazierte im gesamten Wohnbereich scheinbar wertvolle kleine Schätze in bestimmten Positionen, um später festzustellen wie es um die Lauterkeit des Charakters ihres Haushüters bestellt sei.

Als mein Freund mir gerade das erzählte, da habe ich bei mir gedacht, wie sehr Mensch doch stets vom Zweifel an seiner eigenen Lauterkeit geplagt wird.

Nach der Rückkehr ins eigene Heim war durch die absolute Lauterkeit des Hausbesorgers dann endlich das letzte Zipfelchen jeglichen Zweifels beseitigt – es war keiner von den ausgelegten Fallstricken auch nur annähernd berührt worden. Paul, denn mittlerweile kannten sie auch seinen eingetragenen Namen, hatte sich vorbildlich verhalten.

In langen abendlichen Gesprächen hatte Paul sein Bestreben erkennen lassen wieder seßhaft werden zu wollen – und das am liebsten in der näheren Umgebung des Wohnplatzes seiner Wohltäter.

Ein freundlich gesonnener Nachbar stellte daraufhin eine schnuckelige kleine Wohnung in Aussicht, Karl-Heinzens Frau sorgte für die Ordnungsfähigkeit der Papiere ihres inzwischen zum Freund gewordenen Besuchers, und Karl-Heinz mühte sich erfolgreich um eine Arbeitsstelle für ihn bei seinem früheren Arbeitgeber.

Der festen Zusage von der Chefseite war aber noch ein persönliches Vorstellungsgespräch vorgeschaltet.

Als Karl-Heinz sich dazu mit Paul auf den Weg in die Firma machte, weigerte dieser sich vehement den von Karl-Heinz eingeschlagenen Weg mitzufahren, ja, er machte sogar Anstalten das Auto zu verlassen, als Karl-Heinz nicht umgehend auf seine Weigerung reagierte. Karl-Heinz fragte nicht nach dem Grund für die Weigerung – eine Erklärung dafür hätte er mit Sicherheit (noch) nicht bekommen, das wußte er.

Mit der Anstellung in Karl-Heinzens ehemaligem Betrieb klappte es – mit dem Bezug von Pauls neuem Domizil klappte es (viele mitfühlende Menschen aus dem Viertel hatten bereitwilligst dazu beigetragen die Wohnung mit Mobilar und Hausrat auszustatten – Pauls Papiere befanden sich dank der emsigen Hartnäckigkeit von Karl-Heinzens Frau in vorzeigefähigem Zustand – und es bahnte sich zwischen Paul und einer liebevollen Arbeitskollegin so etwas wie ein „Verhältnis“ an, das nach einiger Entstehungsdauer sogar glücklich im Hafen der Ehe mündete. Und irgendwann bekam dann auch Paules Geschichte von seinem wiederholten Auftauchen in gerade dieser Gegend bis hin zu seiner Weigerung eine bestimmte Wegstrecke zu meiden, ein Gesicht.

Vier Jahre zuvor hatte er am Abend des 23sten Dezember auf der betreffenden Strasse durch einen Verkehrsunfall, an dem er sich schuldig fühlte trotz Freispruchs vor Gericht, seine Famile – seine Frau und seine Tochter verloren.

Als mein Freund mir zu ende erzählt hatte, fiel mir wiederum eine Zeile aus der biblischen Geschichte, die da heißt:

„Alles hat seine Zeit …“ ein.© ee

ewaldeden2014-12-08

(ein Erleben von K.-H. von der Pütten von mir in Worte gefaßt und niedergeschrieben)

ein früher herbstmorgen

am morgen…

herbstmorgen

ein früher herbstmorgen müde noch im tagesahnen vor staunenden augenfenstern
bis ein rauschen über laubbaumwipfel fährt und der herbst mit goldenen fingern erste herbstschatten zaubert
auf purpurkronen zwischen aufgescheuchten äste wiegen sich junge birken standhaft in zartem grauweiß

nur das hell hinter den stämmen atmet schwach wie das schweigen und harren vor dem kommenden winter und dahinter wie ein spiegel liegt kühlblank der see mit der andächtigen morgenstille des beginnenden tages

dort klatscht ein trugbild ins wasser mit den himmelsbewegungen unsere sehnsucht gemalt auf wellen

© Chr.v.M.

Maryla …

Maryla …

Maryla nimmt ihre Beine in die Hand – die nackten Füße berühren kaum das Strassenpflaster, so schnell läuft sie. Sie spürt nicht die Kälte, und nicht die schartigen Steine auf dem unbefestigten Weg, der sich, von der vielbefahrenen Hauptstrasse weg, einige hundert Meter wie eine Schlange, den Berg hinunterwindet.

Sie hört nicht, wie Kecko, die Elster, enttäuscht hinter ihr herkreckert. Sie ist laut enttäuscht, weil Maryla ihr keine Brotkanten auf den alten, morschen Baumstumpf gelegt hat. So wie sie es gewohnt ist, wenn Maryla nachmittags von der Schule aus heimwärts geht.

Es gibt keine Brotkanten heute, es bleibt nur beim streicheln des geneigten Köpfchens. Die Brotkanten hat Maryla vor Hunger selber geknabbert, als sie der Musik lauschte – als sie den Mädchen an der Stange vor den blitzenden Spiegeln, durchs Fenster von draussen, zuschaute. Als sie den seidigen Schmuck des Vogels berührt, wünscht Maryla sich auch ein Federkleid, um einfach weit wegfliegen zu können.

In Marylas Kopf schwirrt alles durcheinander. Obendrauf ist die schrille Stimme ihrer Tante – die immer laut zetert, und ihr mit Schlägen droht, wenn sie zu spät nach Hause kommt. Das Gekreische hört sie schon von weitem durch die Luft zittern.

Es ist der Stundenschlag der Turmuhr von Sankt Peter – die immer ein wenig heiser scheppert, als wenn sie erkältet wäre.

Es ist die Musik aus dem alten Fachwerkhaus am Marktplatz, neben der Kirche, vor dem sie nach der Schule häufig stehen bleibt und gebannt lauscht, und es ist die dunkle, warme Stimme, die plötzlich hinter ihr aufklang und die sie fragte, ob sie nicht Lust hätte auch so zu tanzen wie die Mädchen da drinnen.

In dem alten Haus am Markt hat sich nämlich vor etlichen Wochen eine Ballettschule häuslich eingerichtet.

Ohne sich noch einmal nach der dunklen, warmen Stimme umzuschauen, ist sie verschreckt weggerannt. Ihr Herz schlägt mit wildem Pochen bis hoch in den Hals.

Wie gerne möchte sie tanzen – so wie Mamuschka es mit ihr zu Hause immer geübt hat. Zuhause – das ist aber lange her. Es scheint ihr schon fast eine Ewigkeit zu sein. Dabei sind erst zwei Jahre vergangen, seitdem man sie von daheim fortgezerrt hat. Seit zwei Jahren lebt Maryla in einer anderen Welt. In einer Welt ohne Freude, in einer Welt voller Schläge, in einer Welt mit harter Arbeit, und in einer Welt mit nur wenig zu essen.

Maryla denkt oft mit Sehnsucht an ihr schönes Zimmer, mit dem wolkigen runden Himmelbett in der Mitte, wenn sie abends in die Strohschütte über dem Schweinekoben kriecht. Sie schläft nämlich lieber im Stall bei den Tieren, als bei Tante Tulja im Haus.

Die Tiere lassen sie reden – sie hören ihr zu, wenn sie ihnen von ihrer Mamuschka, und von Gilla, erzählt. Bei den Tieren muß sie keine Angst vor Strafe haben, wenn sie ihnen Bilder von den tanzenden Mädchen in der Ballettschule malt.

Im Haus von Tante Tulja muß sie jedes Mal schlafen, wenn Besuch da ist. Dann darf sie auch eines von den schönen Kleidern, und ein Paar von den Schuhen anziehen, die für sie im „Kinderzimmer“ in einem Schrank aufbewahrt werden.

Ihre Mamuschka ist tot – eine Bombe ist im Theater explodiert. Mitten in der Vorstellung, als Mama gerade auf der Bühne des Bolschoijtheaters tanzte. Terroristen hieß es, hätten den Sprengsatz gelegt. So hat sie es von den Erwachsenen aufgeschnappt, wenn die sich unterhielten.

Ihr hatte niemand gesagt, was im fernen Moskau mit ihrer Mamuschka geschehen war. Eines Morgens war nur eine grobschlächtige Frau, mit einem harten Gesicht, in ihrer schönen Wohnung am Newska Prospekt aufgetaucht. Zwei finster dreinschauende Männer in Uniform begleiteten sie.

Sie hatten zehn Minuten in der Küche laut mit Gilla, dem Haus-mädchen, gesprochen, und waren dann wieder gegangen.

Gilla war ihre Ersatzmama, wenn Mamuschka in der Welt herumreiste.

Ihre Mamuschka war mit dem Bolschoijballett viel unterwegs. Daheim, in Sankt Petersburg, tanzte sie nur sehr selten. Früher, da wäre es anders gewesen, hatte Gilla ihr einmal gesagt – früher, als Mamuschka noch mit dem Kirowballett tanzte. Aber das war, bevor Maryla zu ihrem Leben gehörte.

Gilla hatte ihr noch so vieles erzählt. Das meiste hatte Maryla noch nicht verstanden, und noch weniger davon hatte sie behalten.

Gilla hatte ganz rote, verweinte Augen, als sie Maryla erklärte, daß ihre Mamuschka nicht wieder nach Hause kommen würde – weil sie jetzt im Himmel sei, und dort mit den Engeln tanzen müsste. Sie würde aber trotzdem immer auf ihr kleines Töchterchen aufpassen.

Maryla hat auch an diesem Tage nicht alles verstanden. Warum zog ihre Mama plötzlich in den Himmel? Es war gut, daß Gilla da war. Den ganzen Nachmittag verbrachten die beiden dann in ihrem Lieblingseiscafé, sodaß Maryla nicht soviel an ihre Mamuschka denken musste.

Am nächsten Tag war die Frau mit dem harten Gesicht schon am frühen Morgen wieder da, um sie abzuholen. Maryla hatte sich mit beiden Ärmchen, und mit all ihrer Kraft, an Gilla geklammert – sie wollte nicht, daß die fremde Frau sie mitnahm. Alles sträuben hatte ihr aber nicht geholfen.

„Du musst mit mir gehen, weil Du jetzt ein Waisenkind bist.“ Wohl zehnmal sagte die Frau mit dem harten Gesicht ihr diesen Satz. Da hörte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Wort Waisenkind.

Ein großes, schönes Haus mit ganz vielen Kindern würde auch auf sie warten. Es seien Kinder, die, wie sie auch, alle keine Eltern mehr hätten.

Man brachte sie noch am selben Tage aus der Stadt fort, weit aufs Land hinaus.

Acht andere Kinder hockten noch mit ihr gemeinsam in dem alten, klapprigen Kleintransporter auf den hölzernen Bänken, mit dem sie stundenlang über holprige Strassen fuhren.

Keines von den Kindern sprach ein Wort – man hatte ihnen verboten, zu reden. Für jedes Wort von ihnen gab es einen Hieb mit der ledernen Peitsche. Wo man mit dem Leder hintraf, danach wurde nicht geschaut.

Nur die Augen der anderen Kinder versuchten ständig, ihr etwas ohne hörbare Laute zu sagen.

Unterwegs hielt der Fahrer zweimal kurz an. Sie mußten alle aussteigen, und im Gebüsch am Straßenrand Pipi machen.

Sie durften allerdings nur einzeln aussteigen. „Damit sich keiner von euch aus dem Staub macht – und ich es dann nachher ausbaden muß.“ So sagte es die rundliche, ständig schwitzende Frau, die neben dem Fahrer saß, und die ganze Zeit an irgendetwas Grauem strickte, wenn sie nicht gerade einen gehörigen Schluck aus der Wodkaflasche nahm, die sie auch dem schweigsamen Mann am Steuer von Zeit zu Zeit zulangte.

Für den Durst der Kinder stand eine rostige Kanne, mit trübem Wasser gefüllt, zwischen den Bänken. Sie mußten immer erst die brummelige Wärterin fragen, bevor sie aus der großen Schöpfkelle einen Schluck trinken durften.

Marylas Herz flatterte vor Angst. Sie fühlte sich unbehaglich in ihren schönen, neuen Kleidern, inmitten des übelriechenden Schmutzes um sie herum.

Die anderen Kinder trugen alle reichlich zerlumpte Sachen, die schon lange nicht mehr gewaschen worden waren.

Sie hätte sich so gerne ein sauberes Kleidchen angezogen, aber sie hatte überhaupt nichts mit.

Sie durfte nur das mitnehmen, was sie auf dem Leibe trug. Ihre anderen Sachen würde man für sie verwahren, hatte die Frau mit dem harten Gesicht zu Gilla gesagt, als sie Maryla abholte. Am meisten aber vermißte sie die Ballettschuhe, die Mamuschka ihr zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt hatte.

Der Tag war schon dabei, seinen Schlafanzug anzuziehen, als das Auto, durch ein eisernes Tor in einer hohen Mauer, in einen weiträumigen Innenhof polterte. Auf dem rauhen Beton zwischen den Mauern spiegelten sich in zahllosen Pfützen die im Abendrot schimmernden Wolken. Es war die einzige fröhliche Farbe, die Maryla ringsumher sehen konnte.

Das „schöne große Haus“, das die Frau mit dem harten Gesicht ihr versprochen hatte, war schrecklich anzusehen. Der graue Putz bröckelte von den Steinen, und vor den dunklen, tiefen Fensterlöchern waren rostige Eisengitter angebracht.

Die Kinder des Heimes, die auf dem Hof in Reih und Glied, wie zum Appell, angetreten waren, trugen alle die gleichen groben, graugrünen Leinenkleider, und alle hatten sie nackte, kahlgeschorene Köpfe.

Maryla konnte nicht erkennen, ob es Jungen oder Mädchen waren, die da alle stumm, und wie gebannt, auf einen Punkt starrten.

Dieser Punkt war der Mund einer jungen Frau, deren eng anliegende Uniform, wie eine zweite Haut, ihre üppigen Formen umspannte.

Ohne Pause ließ sie immer wieder die gleichen Worte auf die verängstigt dastehenden Kinder heruntersausen.

Nachdem sie alle neun aus dem verbeulten Blechkasten rausgeklettert waren, mußten sie sich, auf Weisung des Fahrers, in einer Reihe hintereinander aufstellen, und so eine zeitlang dem Unterricht zuschauen.

„Damit ihr schon mal seht, wie gute russische Kinder erzogen werden.“

Es war der einzige Satz, den sie von dem Mann, der sie den Weg hierher kutschiert hatte, zu hören bekamen. Wie das knallen einer Peitsche drangen die Worte in ihre Ohren.

Erst als nach einer Weile die junge Frau in der Uniform den Fahrer unwillig anraunzte: „Sergej – jetzt haste lange genug auf meinen Busen gestarrt – hör auf, mich mit den Augen auszuziehen, und bring endlich die Kinder rein“ durften sie ins Haus.

Metallisch dröhnte es durch die mächtige Halle, als ihr hünenhafter Begleiter die wuchtige Tür hinter ihnen ins Schloß fallen ließ.

Steif und still saß Maryla dann eine halbe Stunde später auf einem kalten Schemel, als eine blanke Schere ihre langen, blonden Locken abschnipste. Nur ihre Tränen malten eine heiße Spur über ihre Wangen. Ihr weißes Krägelchen war plötzlich naß und schmutzig. Es sah aus wie ein Stück des aufgeweichten grieseligen Brotes, das man ihnen später zur Nacht zu essen gab, bevor sie auf die Schlafsäle verteilt wurden, und in die Betten kriechen mußten.

Ihre Kleider hatte sie restlos ausziehen und abgeben müssen. Bevor sie dann die „Uniform“ der Heimkinder anziehen durfte, besprühte sie eine Schwester, die einen schmuddeligen graugrünen Kittel trug, mit einem fürchterlich stinkenden Nebel. Jedes der neu angekommenen Kinder musste diese Prozedur über sich ergehen lassen. Das muß sein, damit ihr uns hier kein Ungeziefer einschleppt, war die einzige Begründung, die man ihnen gab.

Vierzig Kinder schliefen jeweils in einem Saal. Die Fußböden waren mit fleckigen, rissigen Fliesen bedeckt, über die sich die kahlen Wände gespenstisch nackt zur Decke reckten. Eine einzige Glühbirne baumelte in jedem Raum, an einem Draht von der Mitte der hohen Decke herab, und verbreitete ihr funzeliges Licht, das nicht einmal bis auf die Erde reichte.

Die Betten standen an der rechten Wand, gerade ausgerichtet wie Soldaten auf einem Kasernenhof. Zwanzig Betten unten – zwanzig Betten oben. Mit ihren grob zusammengezimmerten Brettern sahen sie aus wie die Kaninchenställe, die Gillas Papa hinter dem Haus stehen hatte.

Gilla hatte sie nämlich des Sonntags – wenn Mamuschka länger auf Reisen war – häufig mit zu ihren Eltern genommen. Sie wohnten in einem ehemaligen Kolchos außerhalb von Sankt Petersburg.

Das schönste an diesen Besuchen war immer die Stunde in der alten Dorfkirche, weil nach der Predigt die Männer der Gemeinde vor dem Altar tanzten. Einmal da ist sie einfach nach vorne gelaufen – mitten in den Kreis der Männer hinein. Einer der Männer hatte sie gepackt, sie auf seine Schultern gesetzt, und mit ihr getanzt, bis ihr schwindelig wurde. Das war schön gewesen.

Neben jedem Bett in dem langen Saal war nur ein rostiger Haken in die Wand geschlagen. Für die „Kleider“. Darüber befand sich ein schmales Brett für die „persönlichen Sachen“, auf die jedes Kind sorgsam acht geben musste.

Die „persönlichen Sachen“ waren ein Napf, und ein Löffel, aus Blech, eine uralte Zahnbürste mit einem Holzgriff, und ein Stück braune Knochenseife.

Den verbeulten Napf, und den krummen Löffel, musste jedes Kind selber sauberhalten, und wem Seife oder Zahnbürste abhanden kam, der musste erst einmal vier Wochen lang ohne diese Dinge auskommen. Das hatte Maryla gleich zu Anfang erfahren müssen – nach der ersten Nacht waren nämlich die Seife und ihre Zahnbürste verschwunden.

Das Mädchen im Bett unter ihr hatte ihr nach ein paar Tagen flüsternd verraten, daß ihnen die Nachtaufsicht die Sachen wegnehmen würde, um sie zur Wachsamkeit zu erziehen.

In Wahrheit aber wurden diese Sachen von den Frauen mit nach Hause genommen, weil sie so etwas für ihre Familien im Dorf nicht kaufen konnten.

Sie sehnte sich so sehr nach ihrer Mamuschka. Warum war sie in den Himmel gezogen, ohne sie mitzunehmen? Und warum war Gilla nicht mit ihr in dieses Heim gekommen?

In den ersten Nächten strich ihr leises Weinen wie ein flüsternder Wind durch den kalten, dunklen Saal.

Die anderen Kinder auf den Strohsäcken, unter den verschlissenen Wolldecken, waren alle mucksmäuschenstill.

Als Maryla, zur Strafe für ihre Ruhestörung, zwei Nächte barfuß auf den kalten Fliesen in dem zugigen Flur stehen mußte, da war auch sie anschließend mucksmäuschenstill geworden. Ihr weinen hörte keiner mehr – nicht bei Tag, und nicht in der Nacht. Es hatte sich ganz tief in sie hinein verkrochen, und bildete nun in ihrer Seele einen Tränensee. An dessen Ufer saß sie in den nächsten Wochen häufig, und träumte von ihrer Mamuschka.

Nach drei unendlich langen Monaten hatte Mamuschka im Himmel wohl ihre Gebete gehört, denn eines Mittags stand plötzlich eine fremde Frau vor ihr.

Auf ihre fragenden Blicke bekam sie von der vornehm gekleideten Person zu hören: „Ich bin deine Tante Tulja.“ Maryla hatte von einer Tante bisher nichts gewusst – ihre Mamuschka hatte nie davon gesprochen, daß es eine Tante gäbe. Sie sei die Witwe von Mamuschkas Bruder Bordo, der im Krieg in Afghanistan mit seinem Flugzeug abgestürzt war, erfuhr Maryla von der fremden Frau.

„Als einzig lebende Verwandte hab ich mich bereiterklärt, für dich zu sorgen. Ich bin also jetzt Dein Vormund. Komm, und laß uns hier nicht herumtrödeln. Du hast mich sowieso schon vielzuviel Zeit gekostet.“ Noch während ihre ‘Tante’ das sagte, zerrte sie Maryla nach draussen. Zu der Uniform im Hintergrund sagte sie noch: „Die Formalitäten sind schon erledigt“ – und schob Maryla unsanft in ein schäbiges, klappriges Auto hinein.

Alles das fliegt ihr jetzt, bei ihrem hastigen Lauf vom Marktplatz nach Hause, durch den Kopf. Die dunkle, warme Stimme, die sie am Marktplatz von hinten gefragt hat, ob sie nicht auch gerne tanzen würde, hat diese Bilder in ihrem Kopf ins laufen gebracht.

Es war ihr, als hätte der Pope aus der kleinen Dorfkirche zu ihr gesprochen. Das konnte aber ja nicht sein. Sie war ja viel zu weit weg von Sankt Petersburg.

Die Tante war, vom Waisenheim aus, direkt mit ihr in das schöne Haus am Newska-Prospekt gefahren. Als sie durch das breite Tor in die Allee einbogen, die zum Wohnhaus führte, hatte Maryla sich gefreut, wieder zu Hause zu sein. Es war ihr, als würden die steinernen Löwen auf den Torpfeilern ihr zulächeln.

Wenn sie zur anderen Strassenseite, in den Park geschaut hätte – sie hätte vielleicht Gilla unter den Bäumen stehen sehen. Gilla stand im Schatten der riesigen Linden – mit tränengefüllten Augen krampfhaft auf ihr Taschentuch beissend, und beobachtend was dort geschah. Das tat sie nun schon seit einigen Wochen, ohne dessen müde zu werden.

Es hatte ihr nämlich fast das Herz gebrochen, die kleine Maryla hergeben zu müssen, die ihr wie eine eigene Tochter geworden war.

In ihrem Leid war sie dem Popen in ihrem Heimatdorf aufgefallen. Er hatte sie eine Weile beobachtet, und sie eines Sonntags – nach der Messe – in die Sakristei gebeten. Nach anfänglichem zögern erzählte sie ihm alles, was sie wußte.

Der Pope hatte darauf nach langem Überlegen geantwortet, er werde sehen, was er tun könne.

Ein paar Tage danach trat Gilla, durch Vermittlung des Popen, in der Nähe ihrer alten Stelle eine neue Arbeit als Hausbesorgerin an. Vom Popen war sie gut mit Anweisungen versorgt, was sie in dieser Sache tun könne.

So ging Gilla – Marylas Ersatzmama – mit Feuereifer ans Werk. Jede Minute ihrer freien Zeit verbrachte sie von Stund an im Park auf der anderen Seite der Strasse. Jede Begebenheit schrieb sie fein säuberlich in ein Büchlein, das sie sich eigens für diesen Zweck gekauft hatte. Jeden Besucher, der das Grundstück oder das Haus betrat, beschrieb sie genauestens – jede Veränderung auf der anderen Seite wurde, unter Angabe von Tag und Uhrzeit, von ihr festgehalten, und die Nummer jedes Autos, das in die Allee einbog, notierte sie. Am Wochenende landeten ihre Notizen dann regelmäßig beim Väterchen Alex, dem Dorfpopen. Täglich machte „ihre Arbeit“ wie sie ihr Tun nannte, mehr Freude, weil es das Gefühl in ihr stärkte, doch etwas für Maryla erreichen zu können.

Marylas Freude dagegen hielt an diesem Nachmittag nicht lange an. Keine Gilla war da, die ihnen die Tür öffnete – keine vertrauten Geräusche und keine verlockenden Düfte empfingen sie, so wie es sonst immer gewesen war. Ungelüftete kalte Räume, mit in Gruppen zusammengestellten Möbeln, sah sie nur.

„Ich hab das hier alles schon verkauft – dein Leben kostet mir ja schließlich viel Geld“ – geschäftsmäßig kühl, und am Rande sagte die Tante ihr das. „Wir müssen nur noch ein paar Sachen zusammenpacken – ich kann Dir ja nicht alles neu kaufen.“ Als wenn das nicht reichte, tat sie noch obendrauf: „Deine Mutter hat Dich sowieso viel zu sehr verwöhnt.“

Die Tante fing sofort an, viele Dinge zusammenzupacken. Die paar Sachen – wie sie es genannt hatte – das war Mamas Schmuck, das waren die feinen Bilder die Mama gesammelt hatte, das waren die glänzenden Bestecke und die schönen Vasen aus dem großen Mahagonischrank in der Wohnstube – und das waren die Bücher, die im Lesezimmer die Schränke füllten.

Für Mamas Bilder und Bücher standen im Lesezimmer Kisten aus Holz bereit, um damit vollgepackt zu werden.

Gilla hatte immer respektvoll: „Nein auch – was für eine schöne Bildersammlung Deine Mama hat“ gesagt, wenn sie im ganzen Haus die Gemälde mit einem Ziegenhaarpinsel abstaubte.

Die Bücher in den Borten, ringsumher an den Wänden, in Mamuschkas „Studierzimmer“ nötigten Gilla, außer der Bewunderung für die prachtvollen Buchrücken, auch noch tiefen Respekt ab. Jedermann konnte es spüren, wenn sie stolz erzählte: „Die gnädige Frau hat mehr Bücher zum lesen, wie der Pater Abt bei uns daheim im Kloster.“

„Steh’ hier nicht ’rum, und halt Maulaffen feil“ – fuhr die Tante Maryla barsch an. „Geh hinauf in Dein Zimmer, und pack Deine Sachen in den Koffer, der da steht. Schlepp aber kein unnützes Zeug mit hinaus, die Fracht kostet viel Geld. Und beeil Dich gefälligst“ rief sie ihr noch hinterher – „ich habe meine Zeit nämlich nicht gestohlen.“

Maryla hätte am liebsten alle ihre Sachen eingepackt, aber der Pappkoffer, den die Tante ihr hingestellt hatte, war nur klein, und sehr schnell voll.

„Puppen und Spielzeug brauchst Du nicht mitnehmen“ – hörte sie ihre Tante von unten her rufen. „Zum spielen ist in Zukunft sowieso keine Zeit – den ganzen Plunder hier hat schon ein Trödler gekauft.“

Sogar ihre Lieblingspuppe, ein schwarzes kleines Negermädchen, die ihre Mamuschka ihr vor Jahren aus Spanien mitgebracht hatte, nahm die Tante wieder aus dem Koffer heraus.

Maryla wusste nicht, was sie tun sollte. Der Tränensee in ihrer Seele lief über, und sie konnte nur noch still weinen. Dabei drückte sie ganz fest ihre Ballettschuhe an sich. Die hatte sie nämlich unter ihrem Kleidchen versteckt.

Es war ihr, als ob Mamuschka sie mit ihren zarten Händen berührte.

Draussen war es inzwischen schummerig geworden, und im Haus machte sich schon die Dunkelheit breit. In der Diele standen fünfzehn prallgefüllte, große Koffer. Es Waren Mamas schöne Lederkoffer, mit denen sie immer auf Reisen gegangen war.

Der Koffer mit Marylas Sachen stand einsam an der anderen Seite der Haustür – als wenn er sich seiner Schäbigkeit schämte, und gar nicht dazugehörte.

Die letzte halbe Stunde hatte die Tante in der Küche herumgeklappert.

Eine Schüssel mit dampfendem, pappigem Mehlbrei stand auf dem Tisch, daneben lag ein dicker Kanten trockenen Brotes. Es war das Abendessen für Maryla. Ihre Tante selber rührte davon nichts an – ihr wäre durch die Plackerei der Appetit vergangen, sagte sie.

„Aber für Dich Balg muß ich ja was kochen. Die Schlafstelle für heut’ Nacht muß ich für Dich auch noch herrichten. Ich seh’ schon, Du wirst mir eine richtige Last sein.“

Nach dieser Bemerkung rauschte die Tante aus der Küche, und ließ sie allein am Tisch zurück. Ganz klein und verloren kam sie sich in der kalten Küche vor.

Nachdem Maryla einen Teil der klebrigen Pappe mühsam hinuntergewürgt hatte, durfte sie schlafen gehen. Obwohl sie sich ganz schrecklich elend fühlte, freute sie sich auf ihr Bett. Ein letztes mal konnte sie in ihrem eigenen Bett schlafen. Auch ohne ihre Puppe dabeizuhaben, und ohne eine Gutenachtgeschichte von Gilla zu hören, schlief sie sofort ein. Sie träumte wohl von ihrer Mama, denn manchmal murmelte sie ein leises “Mamuschka“ in das tränenfeuchte Kissen unter ihrem Köpfchen.

Ihre Ballettschuhe, die sie unter der Zudecke versteckt hatte, presst sie auch im Schlaf fest an sich. Die Monate im Schlafsaal des Kinderheims hatten sie schon so einiges gelehrt.

Während Maryla im Kinderzimmer, im ersten Stock der lindgrün angemalten Villa, fest aber unruhig schläft, sitzt ihre Tante im Lesezimmer, am Biedermeiersekretär ihrer verstorbenen Schwägerin, und macht „Kassensturz“, wie sie es nennt.

Sie betrachtet es als eine Fügung des Schicksals, daß ein Onkelsohn von ihr in der Kommandostelle der Truppen des Innenministeriums in Moskau sitzt. Er diente während des russischen Einsatzes in Afghanistan in der gleichen Einheit wie ihr Mann. Sie hatte nach dem Absturz des Kampfflugzeuges, bei dem ihr Mann damals ums Leben kam, nichts rechtes mehr von ihrem Vetter gehört. Bis auf ein paar belanglose Kartengrüße war nichts weiter gekommen, aber das störte sie nicht im Geringsten.

Wenn das Schicksal den Lauf der Dinge andersherum gestaltet hätte – sie hätte es gerade genauso gemacht. Arme Verwandte soll man sich tunlichst vom Halse halten. Und wie kann man das am besten? Indem man sich von ihnen fernhält, wie von lästigen Insekten.

Nichts überträgt sich nämlich so schnell, wie der Geruch der Armut – und nichts auf der Welt wirkt ansteckender wie das Elend.

Vergessen ist das alles. Vergessen seit dem Moment, in dem der Vetter die Namen der Opfer des Terroranschlages auf das Theater auf seinen Schreibtisch bekam. Das Gefühl, unverhofft auf eine Goldader gestoßen zu sein, ließ ihn rege werden.

Am selben Tage noch weckte er die eingeschlafene Verbindung zu seiner Cousine wieder auf.

Schon drei Tage später stattete er seiner „lieben Verwandten“, wie er sie bei seiner Ankunft honigsüß nannte, auf ihrem ländlichen Anwesen, einen Besuch ab. Bei Wodka und Gänsebraten kam man sich am Abend dann schnell näher. Sogar so nahe, daß sie beide am anderen Morgen eng umschlungen im Bett der Tante erwachten. Sie hatten in der Nacht ein längst beendetes Verhältnis wieder heftig aufleben lassen. Warum sollte man das schöne nicht mit dem nützlichen verbinden?

Vetter Basil und Base Tulja brauchten dann auch nicht lange hin und her zu überlegen. Sie waren über eine Goldader gestolpert, die förmlich darauf wartete, ausgebeutet zu werden. Es kam nur darauf an, sich das richtige Werkzeug für die Arbeit zu beschaffen.

Um das zu erreichen, mußten sie allerdings zusammenarbeiten, denn wenn jeder von ihnen allein zu Werke ging, bekam keiner etwas ab von dem Fund.

Der Schlüssel zu dem Schrank, in dem sich das Werkzeug befand – darüber waren sich die beiden klar – war das Kind von Tuljas Schwägerin. Basil war nicht untätig gewesen. Er hatte in der Kürze der Zeit sogar schon ihren Namen und ihren Aufenthaltsort festgestellt. Maryla hieß die Tochter, und sie befand sich seit dem Unglück in der Obhut der staatlichen Fürsorgebehörden, in einem Heim vierhundert Kilometer von Sankt Petersburg entfernt.

Eile war geboten, wollte man für sich noch etwas bewirken. Die Vertreter der Fürsorge würden so einen dicken Goldfisch, der da bei ihnen an der Angel zappelte, sicher nicht so einfach vom Haken lassen, gab er seiner Base zu bedenken.

Da müsste man schon ein bisschen nachhelfen, meinte Vetter Basil. Wenn ein Säckchen Rubel nichts bewirken würde – der Knüppel der Amtsmacht, über die er verfügte, würde es dann schon besorgen. Den wollte Vetter Basil aber nach Möglichkeit im Sack lassen. Sie seien ja schließlich alle Kinder von Mütterchen Rußland, und Russen sollten sich doch wohl mit Russen friedlich einigen können.

Auf jeden Fall hatten Vetter und Base sich schnell auf halbe-halbe geeinigt, und der Herr Kommandeur konnte die Verbindungsdrähte spielen lassen. Wobei er die Rubelchen, die er Tulja gegenüber vorsorglich für die Fürsorge reklamiert hatte, schon auf seiner Hälfte sah.

Seine Stellung im Apparat erschien ihm nämlich völlig ausreichend, aber davon brauchte Base Tulja ja nicht unbedingt etwas zu wissen. Sie würde sowieso genug von dem Kuchen abbekommen, zumal er sich in der Nacht entschlossen hatte, sie wieder öfter zu besuchen. Dieses kleine Extravergnügen stand ihm ja wohl zu, denn das ganze war, wenn man es recht betrachtete, ja sein Verdienst.

Äußerst zufrieden, mit sich und der Welt, fuhr er am nächsten Tag nach Moskau zurück.

Kaum wieder im Ministerium angekommen, saß er bereits mitten in diesem schwierigen Geschäft, wie er es bei sich ausdrückte. Er hatte von unterwegs schon einige Untergebene zu sich ins Büro bestellt, die er mit diversen „Ermittlungen“ betraute.

Er entfaltete jedesmal eine rege Tätigkeit, wenn die Ergebnisse seiner „Mitarbeiter“ bei ihm eintrudelten. Es gab ja so vieles zu regeln, und zu ermitteln. Nur mit Behutsamkeit, und äußerster Vorsicht, würde er das Ziel erreichen.

Die ums Leben gekommene Tänzerin galt in gewissen Kreisen der Hauptstadt schon so ein wenig als Nationalheiligtum. Ihr großes tänzerisches Können bildete dabei unzweifelhaft den Vordergrund, aber andere weibliche Talente der begnadeten Künstlerin spielten da auch wohl mit hinein.

Dass es im Leben der Tänzerin ein Töchterchen gab, war offenbar nur sehr wenigen einflussreichen Personen bekannt, denen es offensichtlich sehr wichtig erschien, daß es auch nach ihrem Tode so blieb.

Diese etwas delikaten Umstände waren auch wohl der Grund für das rasche verschwinden des Kindes im Niemandsland eines Fürsorgeheimes in der russischen Weite.

Während Vetter Basil in Moskau seine Truppen mobilisierte, und Mauern zu durchdringen versuchte, tat Base Tulja in Sankt Petersburg beim zuständigen Gericht ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse, und ihre tiefe Besorgnis um das unmündige Kind ihrer über alles geliebten Schwägerin kund.

Durch diesen Umstand drohte das Kind der berühmten Primaballerina Olga Kersschinski zum Gegenstand des öffentlichen Interesses zu werden.

Die Frage nach dem Vater würde unweigerlich folgen. Eine solche Entwicklung musste unter allen Umständen verhindert werden. Von irgendwo ganz oben war diese Anweisung gekommen, und stolzierte nun bis in die letzte Amtsstube im Lande. Jeder, der nur irgendwie mit der Sache zu tun hatte, gab sie weiter, und niemand fragte danach, woher sie kam.

Fragen in Richtung nach oben zu stellen, das war in Russland schon immer ungesund – oder zumindest mit gewissen Risiken behaftet.

Irgendwo war das Schifflein Maryla, noch in Sichtweite des Ufers, auf ein Riff gelaufen. Es konnte seinen Weg in das unendliche Meer der Verschollenheit nicht fortsetzen.

Jetzt galt es für gewisse Leute, den Schaden mit allen Mitteln zu begrenzen. Das ist aber im Russland von heute auch nicht mehr so ganz einfach zu bewerkstelligen. Vor allem, wenn es verschiedene Interessenlagen gibt.

Da Familienverbundenheit, und verwandtschaftliche Grade, in der russischen Gesellschaft eine hohe Wertstellung einnehmen, konnte man die direkte Tante, die sich, um das nun überall aktenkundige Waisenkind, kümmern wollte, nicht einfach so beiseite schieben. Zumal sie Reputation höheren Ortes genoß. Ein stellvertretender Unterrichter teilte es so seinem Vorgesetzten mit. Dieser wiederum berichtete davon dem stellvertretenden Oberrichter, und der gab es weiter an den Gerichtspräsidenten des Petersburgischen Bezirksgerichts. Alles dies geschah unter dem Siegel der absoluten Geheimhaltung. Also wurde im Herzen Sankt Petersburgs eine Akte angelegt, und amtlicherseits das Vermögen der Verstorbenen ermittelt und aufgelistet.

Auf dem Höhepunkt der pikanten Affäre wurde Vetter Basil sogar an einem trüben Vormittag durch einen Boten zum sofortigen Rapport in den Kreml befohlen.

In seinen Vorstellungen hatte er sich daraufhin schon in den Kellern der Lubljanka auf Nimmerwiedersehen verschwinden gesehen.

Doch es kam alles nicht so, sondern es kam ganz anders. Man befragte ihn über sein Wissen, man drohte ihm mit unabsehbaren Folgen für sich und seine Familie, dann schmeichelte man ihm wieder – und schließlich deckte man stückweise die Karten auf, und arrangierte sich, soweit man es für nötig erachtete. Man konnte absolut kein negatives öffentliches Aufsehen gebrauchen, in dieser an schrecklichen Ereignissen nicht gerade armen Zeit.

So kam es, daß Marylas künftiges Wohlergehen in die Hände ihrer Tante gelegt wurde. Allerdings mit der Bestimmung, das Mädchen Maryla zu adoptieren, und ihren Wohnsitz niemals nach Sankt Petersburg oder nach Moskau zu verlegen. Vetter Basil erhielt als Folge der Übereinkunft die großzügige Gelegenheit, Teile des russischen Riesenreiches auf der Bahnfahrt zu seinem neuen Dienstort – auf der Halbinsel Kamschatka – kennen zu lernen. Er durfte sogar seine Familie mitnehmen. So ist nun mal das Leben – und Sibirien ist unendlich groß, höllisch groß.

Irgendwie waren im Spiel auch weniger guten Karten vorhanden.

Maryla geriet indessen nur von einer Hölle in die andere. Sie war zum Objekt geworden, und den beiden Strippenziehern winkten trotz allem noch viele Vergünstigungen, und einiges Kapital. Trotz der vielen Prozente, die Mütterchen Russland als Anteil beanspruchte.

Auch so ist die Welt – könnte man sagen. Wenn, ja wenn es da nicht Gilla und Väterchen Alex aus dem kleinen Dörfchen unweit von Sankt Petersburg gäbe. Väterchen Alex, der das kleine Mädchen nicht vergessen konnte, das an einem Sonntag in seiner Kirche mit den Männern vor dem Altar getanzt hatte. Und Gilla, die nicht ertragen konnte, daß ihrer kleinen Maryla solch ein schreiendes Unrecht geschah.

Gillas Notizen hatte Väterchen Alex alle auf eine große Tafel geheftet, die in einer Kammer hinter seiner Sakristei an der Wand hing. Jedesmal, wenn ein neuer Zettel bei ihm ankam, steckte er ihn dazu. Jedes mal schob er die schon vorhandenen Informationen hin und her – wie bei einem Puzzlespiel. Auf jedem Zettelchen piekste ein Fähnchen mit Buchstaben oder Zahlen, und von Fähnchen zu Fähnchen spannten sich bunte Bänder. Es sah bald aus wie eine Landkarte – oder, nein – das ganze sah eher aus wie ein Netz.

Ja, es sah tatsächlich aus wie ein riesiges Spinnennetz, was da in vielen Monaten an der Wand entstanden war. Hinter Marylas Namen verbarg sich offenbar eine lange, einflussreiche Familiengeschichte.

Es war nicht das erste mal, das in der Kammer hinter der Sakristei solche Gebilde unter den Händen von Väterchen Alex an der Wand entstanden. Es war auch nicht die einzige Wand im Lande, vor der Frauen oder Männer standen, unter deren Händen sich ähnliche Gebilde formten. Sie alle, und noch viel mehr Menschen, draussen in der weiten ehemaligen Sowjetunion, gehörten einer Organisation an. Sie hatten sich zusammen-gefunden, um sich gegen Unrecht und Willkür zur Wehr zu setzen – und irgendwie war dann plötzlich der Name für diesen Kreis aufgetaucht: „Das Netz“.

Niemand sprach diesen Namen laut aus, aber alle kannten ihn.

Viele fürchteten inzwischen das Netz, weil sich schon sehr viele Missetäter in ihm verheddert hatten, bevor sie von der Spinne gefressen worden waren.

Noch mehr Menschen aber waren schon von dem Netz aufgefangen worden, wenn sie – wie es auch manchmal mit Artisten vom Hochseil geschah – mitten aus dem Leben abstürzten.

Auf Väterchen Alex’s betreiben waren an vielen Orten viele Köpfe, Beine und Hände dabei, Steinchen zusammenzutragen. Bausteine, aus denen für Marylas Leben ein Häuschen werden sollte. Ein anderes als dasjenige, daß ihre Tante und deren Vetter Basil ihr zugedacht hatten.

Marylas Erinnerung hat sie nicht getrogen, als sie die Stimme auf dem Marktplatz mit der des Popen aus der Dorfkirche in Verbindung brachte. Väterchen Alex hat sich selbst auf den weiten Weg gemacht, um ein Bild davon zu bekommen, wie Maryla lebte. Seit fünf Tagen logiert er schon bei seinem Amtsbruder in dem kleinen Städtchen. Und fünf Tage lang beobachtet er schon das kleine Mädchen, in dem verblichenen, abgetragenen Sommerkleidchen, daß jeden Nachmittag vom Schulhaus direkt zu den Fenstern der Ballettschule rennt, um dann eine Zeitlang, stumm und bewegungslos, der Musik zu lauschen, und weltvergessen dem Treiben der tanzenden Mädchen im Hause zuzuschauen.

©ee

Ostfriesenblut.

Seewind …

Mamaaaaa …“

Hell weht Gabis Stimme die Treppe vom Obergeschoß herunter.

Wann wollten die Mannsleut denn wieder zurück sein? Papa und Opa sind doch zuhause, wenn die Kerzen angezündet werden?“

Gabriele weiß nur, aus dem letzten telefonischen Klönschnack mit ihrer Mutter, daß die kleine Flotte vor Tagen noch einmal zum Fang ausgelaufen ist.

Regine hat ihrer Tochter noch nicht gesagt, daß die anderen Kutter schon längst wieder im Hafen liegen. Bis auf die Windsbraut – deren Liegeplatz ist noch leer.

Es wird ihr nicht leichtfallen, ihrer Tochter das zu sagen, soviel weiß sie. Ihr graut nämlich, verdammt nochmal, vor den nächsten Tagen – übermorgen ist nämlich Heiligabend.

Die Männer waren vor zwei Tagen zum letzten Fangtörn im alten Jahr ausgelaufen. Das gute Wetter hatte sie dazu veranlasst. Die schwierige wirtschaftliche Lage, in der sie sich seit längerem befanden, die bestärkte sie in ihrem Entschluß, es im alten Jahr noch einmal anzugehen.

Die Fangquote, von den Bürokraten im fernen Brüssel allen Fischern zugeteilt, hatten sie in diesem Jahr nicht ausschöpfen können, obwohl sie viele Stunden länger als sonst die See abgegrast hatten.

Trotz der regelmäßigen Kontrollen der Küstenwacht sorgten raubfischende Kollegen aus den Nachbarländern unablässig dafür, daß die Fischbestände in den Fanggründen sich nicht wieder erholten. Die Preise für heimischen Frischfisch lagen derzeit auch platt am Boden, und außerdem konnte das bevorstehende Weihnachtsfest bei den meisten noch etwas speckigen Glanz gebrauchen.

Also hatte man die Maschinen noch einmal auf volle Fahrt voraus gebracht. Die Männer an Bord, und ihre Familien im Dorf, sie hofften alle miteinander auf einen guten Fang. Und wenn es nicht so sein sollte – das Geld, das ihnen der Diesel für diese Fahrt kostete, das würde ganz sicher wieder reinkommen.

Die Nordsee zeigte den Schippern beim Auslaufen ihr friedliches Gesicht. Im blassen Wintersonnenschein glänzte sie bis zum Horizont in langgezogener Dünung. Der Himmel strahlte in wunderlichem Blau. Nur ein paar muntere Schäfchenwolken tummelten sich am nordwestlichen Rand. Der Wind wehte seit ein paar Tagen beständig aus Südost. Er fühlte sich an wie kühle, fließende Seide.

Zwischen den Männern auf den Decks flog so mancher derbe Scherz hin und her. Die Stimmung unter den Mannschaften auf den Kuttern war gelöst, sie konnte eigentlich gar nicht besser sein.

Keiner von der Besatzung war am Morgen mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden, niemandem war auf dem Weg zum Hafen eine schwarze Katze von links nach rechts über den Weg gelaufen – was sollte also schon groß passieren.

Mochte Striebus, der alte Decksmann von Harm Dunker, auch noch soviel über das Wetter orakeln, weil ihm das Reißen in den Knochen heftig plagte. Heute gab da keiner was drauf. Sie waren einfach bloß alle guter Dinge.

Der „junge Ehemann“ habe sich in der Nacht bestimmt nicht gut genug zugedeckt, wie Dirk Krüger augenzwinkernd meinte, als Striebus einmal schmerzhaft sein Gesicht verzog. Striebus – er hieß nach seinem holländischen Opa eigentlich Striemulus Buskool, aber das wußte schon gar keiner mehr – war nämlich vor gut vier Wochen noch einmal in den Hafen der Ehe eingelaufen um dort festzumachen – und das als alter Knochen von fast dreiundsechzig Jahren. Wiebke, die junge Wittfrau von Jan Böhner, hatte er geheiratet. Die stramme Deern war man gerade Mitte dreißig.

Jans Kutter war im letzten Herbst, bei blanker See und Sternenfall, des Nachts mit einem Kümo kollidiert. Beide Schiffe waren innerhalb von Minuten gesunken. Fünf Männer blieben dabei auf See – und der tote Jan wurde vom Seeamt in Emden für ‚Alleinschuldig‘ gesprochen. Der verdammte Alkohol wäre der Grund für das Seeunglück gewesen.

So hatte es zumindest der Kammervorsitzende in seinem Spruch gesagt, und damit die rechtliche Seite geklärt. Ganz im Sinne der Versicherung. Ob es aber wirklich alles so stimmte?

Die Leute von Jan Böhners Versicherung waren natürlich hocherfreut über diesen Ausgang der Seeamtsverhandlung.

Brauchten sie aus ihrer Firmenkasse doch nach diesem Spruch den Hinterbliebenen ihres Versicherungsnehmers nicht einen Pfennig Entschädigung zahlen.

Die Männer auf den Kuttern sahen das freilich ein wenig anders. Hautnaher. Sie erfuhren täglich in der Praxis, was los war in der Küstenfischerei. Sie wussten zumeist, welche Spielchen auf dem Rücken der Fischer im Interesse der Mächtigen gespielt wurden.

Jan war nämlich nicht der einzige Fischer auf der Insel gewesen, dessen Kutter plötzlich viel zu groß ausgelegt war, für die Fangbeschränkungen der feinen Herren – da in Brüssel.

Die Hypothekenzinsen für das neue Haus und das fast neue Schiff, zusammen mit den mageren Fängen, hatten Jan dem Genever in die Arme getrieben. Der Rausch färbte die sich auftürmenden Probleme immer so schön rosarot. Und dann stand Wiebke plötzlich mit den drei Kindern alleine da. Ohne Jan, ohne Geld, ohne Kutter und ohne Haus. Sie hatte über Nacht keinen Mann, und die Kinder keinen Vater mehr an ihrer Seite. Und alle vier hatten sie nach kurzer Zeit kein vernünftiges Dach mehr über dem Kopf.

Die Familien der Fischersleute standen ihr im Alltag bei, so gut sie es vermochten – aber was war das für ein Leben für Mutter und Kinder.

Tja, so sah es aus bei Wiebke Böhner – bis sie nach dem Trauerjahr plötzlich mit den drei Lütten zu Striebus ins Haus zog, das für ihn alleine sowieso viel zu groß, und auch viel zu leer war.

Seitdem seine Lissy vor zehn Jahren den Kampf gegen den Krebs aufgegeben und diese Erde verlassen hatte, seitdem fühlte er sich in dem eigenen Gemäuer als Fremder. Das war jetzt wieder anders geworden. Es war wieder Leben eingekehrt in das Haus am Damenpfad.

Die Männer an Bord gönnten den Fünfen natürlich ihr Glück.

So ein paar harmlose Sticheleien mußte Striebus sich dann und wann aber schon gefallen lassen – wenn die Männer unter sich waren.

Van wägen so een ollen Bukk, un so een jungen Zääch“

wie Dirk lachend hinterher schickte, bevor er in der Fahrt voraus noch einen Knoten zulegte, um zu den anderen aufzuschließen.

Die sechs Kutter hatten den ganzen Vormittag über gute Fahrt gemacht. Der Wind hatte die Maschinen kräftig unterstützt – bis er plötzlich schlapp machte. Er war einfach weggeknickt, wie es mit Bernd Sprit schon mal zu vorgerückter Stunde an der Theke im Hafenkrug passierte, wenn er zuviel von Jan ten Doornkaats Seelentröster verkasematuckelt hatte.

Von einem auf den anderen Augenblick verschluckte sie stattdessen ein pottendickes Nebelfeld, von dem selbst die Männer vom Seewetterdienst, trotz modernster Technik bei ihrer Vorausschau, nicht den blassesten Schimmer gesehen hatten.

Das Sehen der Männer auf den Schiffen war auch wie abgeschnitten. Es waberte nur noch eine graue Suppe um sie herum. Sie konnten nicht einmal mehr die Hand vor den Augen erkennen.

De griese Katt, vor der sie alle gehörigen Bammel hatten, hatte sie ohne die geringste Vorwarnung von oben her überfallen.

Gabriele ist derweil unterm Dach in der Giebelstube in ihrem Mädchenzimmer zugange. Sie packt ihren Koffer aus. Sie muß zusehen, daß sie die Geschenke, die sie ihrer Familie zum bevorstehenden Weihnachtsfest mitgebracht hat, gut versteckt.

Klein Hinnerk hat nämlich schon um die Ecke geluurt, um zu erspähen, was sich wohl alles so im Reisegepäck seiner Schwester befindet.

Häst Du ok all wat van d’ Winachskeerl för mi mitbrocht?“ hatte er seine große Schwester plietsch auszuhorchen versucht.

Hinni – de Winachskeerl kummt doch eers övermörgen Oabend in d’ Huus.“

Auf diese Antwort von Gabriele kniff der Butscher nur ein Auge zu, als er sagte: „Een bietji wat har he Di oaber joa all för mi mitdoon kunnt.“

Hinni, Hinni – du büst joa all richtich groot, dachte sie nur im Stillen, und drückte ihren kleinen Bruder einmal fest an sich.

Mit der ersten Fähre hatte sie in der Frühe vom Festland aufs Eiland übergesetzt.

Wenn sie gestern Abend in Bremen nicht auf den letzten Drücker den Nachtzug noch erreicht hätte, dann säße sie jetzt bei ihrer Tante auf dem Siel, in der gemütlich warmen Wohnstube, und würde Pottlappen, oder sonst etwas Nützliches als Alltagsgaben für das bevorstehende Weihnachtsfest häkeln.

Handarbeiten war nämlich zu Tante Dines Lieblings-beschäftigung geworden. Früher blieb ihr nie die Zeit für solche Dinge. Die Arbeit auf dem Hof stand immer an erster Stelle. Sie war deswegen aber nie unglücklich gewesen.

Das Gegenteil war wohl eher der Fall – jetzt fehlten ihr häufig die Tiere, und all die Arbeit die damit zusammenhing.

Dine wäre über ihre Gesellschaft ganz sicher hocherfreut gewesen. Seit Onkel Hannes Tod wohnte sie nämlich alleine in dem großen Haus hinter dem Deich, gut zweitausend Schritte vom Dorf entfernt. Ab und zu kam es sie schon mal schofel an, wenn die Einsamkeit um sie herum denn gar zu einsam wurde.

Nach Hannes Tod war sie deswegen ständig von vielen Dörflern bedrängt worden, doch den Hof einfach zu verkaufen, um dann unter Menschen zu ziehen. Am Deich würde sie doch noch trübsinnig werden, hieß es immer wieder. Außerdem könne man doch jeden Tag im Blatt lesen, wie oft abgelegene Höfe ausgeraubt würden – oder gar noch Schlimmeres passierte.

Tante Dine wußte wohl, daß der Bürgermeister aus dem Nachbardorf auf ihren Marschenhof spekulierte. Er passte so schön rund in seinen Besitz.

Die rechts und links daran angrenzenden Ländereien hatte er in den letzten Jahren nämlich schon klammheimlich eingeschluckt.

Gabriele hatte irgendwann einmal mitbekommen, was Onkel Hannes von seinem Nachbarn gehalten hatte:

De Schwienjakk van Burmester de kann sien Halsgatt ok nich vullkriegen. Schasst sehn, de word eens Doachs noch doran ovstikken.“

Die Pläne einer großen Feriensiedlung für Touristen spukten nämlich schon länger in der Gegend herum. Es war noch nichts Offizielles, aber man mußte ja gerüstet sein, wenn die Jagd auf das Bauland losging. Die Darlehnskasse hatte dem Bürgermeister beim zusammenkaufen der Landflächen denn auch jede nur denkbare Unterstützung zukommen lassen.

Seinem langjährigen Rendanten war man so etwas ja wohl schuldig.

Zumal Onkel Hannes immer etwas aufmüpfig gewesen war, und auf den alljährlichen Vertreterversammlungen der Genossenschaft häufig das rigorose Geschäftsverhalten der Bank öffentlich kritisierte.

Jetzt, wo der Grizzly tot unterm Grund lag, und nur noch die Wittfrau den Hof bewohnte, da witterte man im Kontor über der Bankstube die günstige Gelegenheit, das Fell des Bären unter sich aufzuteilen.

Die Hyänen in den Nadelstreifenanzügen hatten aber die Rechnung ohne Tante Dine gemacht. War Onkel Hannes schon fest wie ein Eichenpfahl gewesen, so war sie wenigstens so hart wie Granit.

Gabriele hielt sich sonst gerne bei Opas Schwester auf. Während ihrer Schulzeit, auf der Mädchenschule in der Kreisstadt, war der Hof des Deichvogtes unter der Woche ihr zweites Zuhause gewesen. Von Tante Dine und Onkel Hannes hatte sie in den Jahren ihrer Jungmädchenzeit viel für das Leben gelernt.

Tante Dine war es auch gewesen, die ihr die Geheimnisse ihres Körpers zu verstehen half, als der sich allmählich überall rundete. Bevor Opas Schwester nämlich, durch ihre Heirat mit dem Deichvogt, mit Leib und Seele Burinski wurde, hatte sie als Hebamme – als Moder Griepsch – unzählige kleine Schreier in der Umgebung ans Licht der Welt geholt. Auch dem Bürgermeister aus dem Nachbardorf hatte sie den ersten Klaps seines Lebens auf den Hintern verpaßt.

Sie dachte jetzt manchmal bei sich, damals vielleicht nicht fest genug zugeschlagen zu haben.

Jetzt, wo Gabriele in Elsfleth die Seefahrtsschule besuchte, war sie an den Feiertagen aber doch lieber auf ihrer Insel.

So stand sie schon um sechs am menschenleeren Anleger, und wartete im trüben Licht, der im Wind schaukelnden Bogenlampen, auf das ‚Leinen los’ der ersten Fähre.

Auf dem weiten Hafenplatz wimmelte es von Möven, die sich kreischend um die Brocken von Gabrieles Reiseproviant zankten.

Wenn sie an den Wochenenden heimfuhr, dann schmierte ihre fürsorgliche Hausmutter, bei der sie in Elsfleth wohnte, ihr nämlich immer eine solche Menge Brote für unterwegs, eine ganze Kompanie ausgehungerter Soldaten konnte im Ernstfall wohl eine Woche damit überleben. Tante Betty, wie die Gute hieß, plagte beständig die Befürchtung, daß ihr Pensionsmädchen ihr sonst wohl auf der Reise verhungern würde. Die Witwe Brandt wußte selber, daß dieses Denken Tüünkram war – die mageren Steckrübensuppentage ihrer eigenen Jungmädchenzeit hatten sie aber nun einmal so geprägt.

Dor kanns nix tägen doon, mien Deern. Wääs man blied, dat see dat so good mit di meent“, hatte Opa achselzuckend gesagt, als sie anfangs zuhause von den Essenspaketen ihrer Wirtin berichtete.

Seitdem hatte sie bei den großen und kleinen „Emmas“ am Hafen einen Stein im Brett. Für die Möven war auf jeden Fall jedesmal Weihnachten, wenn Gabriele am Anleger auf das Fährschiff wartete.

Die anhängende Nachtmüdigkeit ließ sie trotz des dicken Tuchmantels in der Morgenkälte leicht frösteln.

Sie hätte die Zeit bis zur Abfahrt zwar in der geheizten Wartehalle zubringen können, der abgestandene Müffel da drinnen behagte ihr aber nicht. Sie spürte am liebsten einen frischen Wind um ihre Nase wehen.

Dafür war sie dann der erste Passagier an Bord, und konnte sozusagen als Entschädigung für das draußen warten, mit der Besatzung an der Back in der Messe ordentlich frühstücken. Als Kollegin, die sie ja nun bald sein würde, hieß man sie da zu jeder Zeit willkommen.

Gott sei dank war sie die Nacht durchgefahren, denn die Reederei stellte wegen des scheußlichen Wetters kurz darauf alle Fährverbindungen zu den Inseln ein.

Der Käpten auf der Brücke hatte unterwegs wohl daran gedacht umzukehren, aber die Fahrt zurück in den Festlandshafen wäre bei den herrschenden Windstärken genauso bullerig gewesen, wie das letzte Stück Wasser zur Insel hinüber. Er hatte sich nach reiflichem Überlegen entschieden, den Kurs auf den Inselhafen beizubehalten.

Ihm war es schließlich egal, wo sein Schiff vertäut wurde. Er war immer zuhause, denn er wohnte ständig an Bord. Sein Steuermann hatte aber gemeint, wir sind dann wenigstens alle daheim bei unseren Familien, als der Alte sich mit ihm beratschlagte. Es befanden sich nämlich an diesem Morgen ausnahmslos Insulaner an Bord, die denn auch allesamt seine Entscheidung guthießen.

Allerdings konnte man bald darauf im Salon etliche grüne Gesichter ausmachen, denn längst nicht jeder der Inselbewohner war automatisch auch seefest. Eine ganze Reihe von Passagieren sah dann nicht selten ihr gutes Frühstück aus dem Magen wieder auftauchen. Claas, der Stuart, hatte beim Spucktüten verteilen nur trocken gemeint: „Villicht will joa een sien Äten wäär mit noa Huus to näämen.“

Der Dampfer schaukelte ganz schön, aber das kannte Gabi zur Genüge – ja, sie liebte es sogar, wenn der Bootsrumpf auf den Wellen tanzte, und die Schrauben wütend aufheulten, wenn sie kein Wasser um sich herum verspürten.

Denn nicht von ungefähr wollte sie Schipper werden, wie ihr Vater und Großvater es waren. Mama war mit diesem Berufswunsch ihrer Tochter allerdings ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Sie vermochte es sich nicht vorstellen, ihr Mädchen als Seemann irgendwo in der Welt herumschippern zu wissen.

Dabei wollte ihr Mädchen gar nicht irgendwo als Seemann in der Welt herumschippern – sie wollte mit ihrem Kutter, von ihrem Hafen aus, auf ihrer Nordsee, ganz einfach nur fischen. Wie Papa und Opa und all die anderen ihrer Familie es vor ihr seit Generationen getan hatten.

Papa hatten sich bei der Vorstellung, eine Frau als Steuermann im Ruderhaus zu sehen, anfangs auch die Nackenhaare gesträubt, wie er sagte. Bis Opa – von dem eigentlich niemand eine Äußerung dazu erwartet hatte – eines Abends beim Grog im Hafenkrug ruhig und bedächtig in die Tabakwolke um seinen Kopf herum sagte: „Lasst die Deern man zufrieden, die weiß schon was sie will …, und Rock und Nylons wird sie an Bord tja woll nich anzieh’n.“

Damit war das Thema ein für allemal vom Tisch. Deswegen besuchte sie auch jetzt, nach dem Abitur, die Seefahrtsschule in Elsfleth, und kam nur alle Wochen nach Hause, auf die Insel.

Nachdem sie die Großmutter vor zwei Jahren auf dem Kirchhof zur letzten Ruhe gelegt hatten, fuhr Opa nicht mehr so oft mit raus zum fischen. Wenn die Jungen draußen die Hols in die Kutterbäuche winschten, dann saß er mit einigen anderen ausgedienten Fahrensleuten im alten Bootsschuppen der Genossenschaft, und flickte die Netze und das Tauwerk.

Jeden Abend vor Sonnenuntergang führte ihn sein Weg zum Friedhof. Er sprach dann zur Nacht mit seiner Talea über die Tagesereignisse – genau so, wie sie es zu ihren Lebzeiten stets gehalten hatten.

Manchmal sah man ihn auch stundenlang oben auf dem Dünenkamm, bei der alten Wetterwarte sitzen, und in die Weite des Wassers und des Himmels träumen.

Seine Stummelpiep ging ihm dabei nie aus.

Den Kautabak hatte er sich auf drängen seiner Schwiegertochter abgewöhnt, nachdem einer seiner Priems mal versehentlich im knappen Bikinioberteil einer vollbusigen Urlauberin gelandet war. Was hatte das neugierige Froominsch sich auch plötzlich so tief zu ihm heruntergebeugt. Und das nur, um zu sehen, was für eine große Nadel er zum Netze flicken benutzte.

Er hatte sich verlegen, und nach den passenden Worten suchend, bei der Dame entschuldigt, und ihr spontan seine Hilfe angeboten. Ein bißchen rot ist er dabei sogar noch geworden.

Seinen Priem, den wollte sie denn aber doch lieber mit ihren eigenen Händen aus der drangvollen Enge ihres Busens befreien.

Das war zum Beispiel einer der wenigen Momente im Alltag gewesen, die ihn wehmütig spüren ließen, daß er doch schon etwas älter war.

Die junge Doktersche, die vor einem Jahr die Praxis vom alten Boomgarden übernommen hatte, die wollte ihn danach partout auch noch dazu bewegen, den schädlichen Rauchgenuß aufzugeben, wie sie es elegant formulierte. Er solle doch an seine Gesundheit denken. Er – mit seinen 83 Jahren. Als wenn er nix anderes mehr zu bedenken hatte. Er hatte ihr nur kurz und knapp geantwortet:

Ikk holl up to schmöken, wenn ikk dod bün.“

Die junge Hausärztin schnitt das Thema in seiner Gegenwart denn auch nie wieder an. Jetzt dachte er manchmal: Eelich is de Doktersche doch een heel patent Froominsch.

Er schaute sogar in der letzten Zeit öfter mal bei ihr in die Praxis rein. Und das obwohl ihm gar nichts fehlte. Man konnte nämlich so wunderbar über alles mit ihr schnacken.

Sie war nicht so überkandidelt und schickimicki, wie die Mannsleut es alle befürchtet hatten, als Doktor Boomgarden eines Abends im Krug wortgewaltig und für alle überraschend een Wiev als seine Nachfolgerin ankündigte.

Einen feuerspeienden Drachen, mit Haaren auf den Zähnen hatten sie nach Kuddel Boomgardens Schilderung erwartet. Der olle Pferdedoktor hatte sie alle ganz schön ins Boxhorn gejagt – dat Wiev entpuppte sich nämlich als verteufelt hübsch und unkompliziert. Obendrein war sie auch noch unverheiratet. Da die Kerls auf der Insel ja nicht alle so alt waren wie er, sollte sich das denn auch wohl irgendwann finden. Er hatte ja das Netzeflicken und sein Piepenschmöken. Das sollte für ihn bis zum Ende wohl reichen.

Nur wenn mal eine Hand an Bord der Windsbraut fehlte, oder ein längerer Fangtörn anstand – dann war er mit dabei. Dann war er auch plötzlich gar nicht mehr alt und müde – dann war er wieder der alte Käpten Raß. Dann war er wieder der Eichbaum, dem nie eine See zu hoch ging. So auch vor Tagen, als die Fischer gemeinsam beschlossen hatten, vor dem Fest noch einen Törn zu wagen.

Der Nebel, der wie ein dichtes Wattegespinst seit dreißig Stunden über dem Dorf lag, hatte sich am frühen Morgen aufgelöst. Das Meer war wieder zu sehen. Es war noch da, wie stets – doch es tobte in wilder Manier, als ob die Massen der See sich für das Eingesperrtsein im Nebel rächen wollten. Die gespenstische graue Stille war dem auf- und abschwellenden Brausen und Heulen des Sturmes gewichen. Aus Nordwest hatte sich der wilde Geselle klammheimlich herangemacht.

Der Stiem war hinter der undurchdringlichen Wand zu einem grimmigen Ungeheuer geworden, und hatte dann wütend die bleierne, eisige Suppe mit einem gewaltigen Atemzug in sich reingesogen.

Jetzt türmte er die Wellen haushoch aufeinander, wie klein Hinnerk es immer mit seinen Bauklötzen tat, wenn er auf dem Küchenfußboden seine Burgen baute.

Fünf Schiffe der kleinen Inselflotte waren dem Sturm rechtzeitig von der Schüppe gesprungen – sie hatten kurz vor Mitternacht, noch im Nebel, mit blinden Augen aber sonst unbeschädigt, den Hafen erreicht. Sie brachten zwar keinen Fang als Ladung mit, besaßen dafür aber noch Schiff und Leben.

Nur die Windsbraut, sie war der größte von den sechs Fischkuttern die hier zuhause waren, die fehlte noch. Seit mehr als zehn Stunden war sie jetzt schon überfällig – seit mehr als zehn Stunden hatte man keinen Piepser mehr von ihr gehört, obwohl vor jeder Funkkiste im gesamten Bereich ständig jemand saß, der mit übermüdeten Ohren angestrengt in den Äther lauschte.

Wenn Regine von ihrer Arbeit aufsah, und den Kopf ein wenig in den Nacken hob, sah sie durch das Küchenfenster die Mastspitzen der Kutter über der Deichkrone sich hin- und herbewegen. Fünf Spitzen zählte sie – und alle paar Minuten wieder – das gleiche stillhalten der Hände, das gleiche Heben des Kopfes, der gleiche Blick nach draussen – und wieder sah sie nur fünf unruhige Mastspitzen vor den jagenden Wolken des niedrigen Winterhimmels, die ihr die heftig schaukelnden Kutter an der Mole anzeigten. Jedes Mal hoffte sie, daß sich ihr beim nächsten Blick über den Deich sechs Mastspitzen zeigen würden.

Sie hatte es Gabriele während des Teetrinkens gesagt. Die Deern hatte es aufgenommen, als wenn ihre Mutter ihr so nebenbei gesagt hätte, dass der Zug, mit dem Papa und Opa ankämen, sich um ein Weilchen verspäten würde.

In dem Augenblick erkannte auch Regine, daß ihre Deern – von Seele und Charakter her – für die Seefahrt bestimmt war.

Anschließend war Gabi schweigend in ihr Ölzeug gestiegen, hatte sich den Südwester auf ihrem blonden Wuschelkopf festgezurrt, und war nach draußen verschwunden. „Ikk will ähm kieken, ob ich den Mannsleuten am Hafen helfen kann“ rief sie ihrer Mutter über die Schulter von der Tür her noch zu.

Gegen den Sturm gebeugt stapfte sie anschließend mit festen Schritten den Deich hinauf.

Das große, hölzerne Sieltor war fest geschlossen, und binnen und buten zusätzlich mit Sandsäcken abgeschottet. Oben am Deich packte der Sturm sie wutentbrannt, wie mit eisernen Fäusten, und hätte sie um ein Haar wieder die Schräge hinunterbefördert. Wie im Grund angewachsen stand Gabriele aber in ihren schweren Seestiefeln.

Einen solchen Kampf hatte sie schon oft mit dem Sturm ausgefochten. Bei diesem Spiel ließ sich vorher nie sagen, wie es am Ende ausgehen würde.

Sie wollte auf jeden Fall gewinnen – und wenn man gegen den Sturm einmal verlor, dann musste man auch das hinnehmen. Diese Einstellung war ihr Erbgut von Papa und Opa.

Mark di dat, mien Deern“, hatte Opa stets aufmunternd zu ihr gesagt, wenn sie bei irgendeinem Tun den kürzeren gezogen hatte – um dann mit unbeweglichem Gesicht noch hinzuzufügen:

Anners kanns d’ mit de See nich kloarkoamen!“

Die Wellen schlugen, mit weißen Kronen auf den Kämmen, über die Hafenmauer und hüllten die Decksaufbauten der Kutter in flockigen Schaum. Die Männer aus dem Dorf hatten voll zu tun, im Hafenbereich alles zu sichern, und immer wieder zu sichern.

Nichts, was nicht niet- und nagelfest war, hielt auf Dauer den gewaltigen Orkanböen stand. Von den Pricken längs der Hafeneinfahrt war nichts mehr zu sehen. Sie würden später irgendwo irgendwann als Treibgut am Flutsaum landen. Das weite, sonst grünbraune Deichvorland, war kein Deichvorland mehr.

Soweit das Auge reichte, hatte sich alles in eine weißgraue tobende Wildnis verwandelt, die nur von dem trutzig daliegenden Bollwerk des Deiches, und die sich ihm anschließenden Dünen, daran gehindert wurde, sich über das dahinterliegende Land und die Häuser herzumachen.

Gabriele dachte in diesem Moment nicht mehr an Weihnachtsbaum schmücken und an Kerzen anzünden.

In diesen Minuten hoffte sie nur, daß die Männer mit der Windsbraut einen sicheren Hafen erreicht hatten, und daß der Deich dem blanken Hans standhielt.

Dreißig Seemeilen nordwestlich der Insel führten zur gleichen Zeit die total erschöpften Männer an Bord der Windsbraut einen erbitterten Kampf gegen die tobenden Elemente Wasser und Wind. Es war ein Ringen ums Überleben mit ungleichen Waffen.

Das vor wenigen Tagen noch so stolze Schiff hatte seinen Schmuck, und fast all seine Wehrhaftigkeit, verloren. Die Maschine gab keinen Muckser mehr von sich. Die Antriebswelle im Tunnel war gebrochen, als ein enormer Wasserberg das Schiff, wie mit einer Riesenfaust, in den Himmel gehoben und, wie einen Ball auf der Nase eines Seehundes, oben auf dem Wellenkamm balancieren ließ.

Die erste Böe, die den Nebel um die Windsbraut herum in wenigen Augenblicken verschluckte, hatte den hinteren Mast mitsamt der Peil- und Funkantennen abgedreht, und ihn federleicht – wie den Taktstock eines Dirigenten – fortgewirbelt. Als wenn es damit nicht genug war, daß er sich auf diese Art davonmachte, versetzte er Richards Bein zum Abschied noch einen derben Schlag mit seinem unteren Ende.

Das Ladegeschirr, das gleichzeitig mit über Bord gegangen war, verhakte sich in der hinteren Schanz, und drohte das Schiff mit in die Tiefe zu ziehen.

Im letzten Moment war es ihnen mit vereinten Kräften gelungen, die Seile von der Winsch zu trennen und das Heck zu leichtern. Als das Geschirr von der Oberfläche verschwunden war, und sie sich wieder dem Segel zuwenden wollten, spürte Richard sein Bein nicht mehr. Gero und der Alte packten ihn ins vordere Luk. Das war einigermaßen verschont geblieben. Da lag der Käpten nun fest vertäut in einer der Kojen, und hatte Zeit zu denken. Zuviel Zeit.

Richard war seinem Vater jetzt dankbar, daß der beharrlich auf eine Notbesegelung an beiden Masten bestanden hatte. Obwohl die jungen Spezies auf der Werft die Ansichten des alten Schippers für eine überflüssige und kostspielige Gefühlsduselei gehalten hatten. Welcher moderne, seegängige Kutter wurde denn noch mit so etwas ausgerüstet – und wozu sollte die Spielerei, wie der Chief auf der Werft es Richard gegenüber bezeichnete, auch gut sein. Das trieb doch nur die Baukosten in die Höhe.

Richard versuchte daraufhin seinen Vater von seiner Meinung abzubringen. Allerdings blieb es beim Versuch. Der Alte wußte genau was er wollte – und auch warum er so entschieden dafür eintrat. „Mien Jung, ikk kann di nix vöörschrieven. Dat word dien Schkipp – oaber ikk hoap, du hörst up mi.“

Damit war die Sache für den Alten erledigt. Richard folgte, allen Unkenrufen zum Trotz, den Vorstellungen seines Vaters.

Der Alte scheint schon ein bißchen zu spinnen“, hörte Richard in der nächsten Zeit schon mal abschätzig die Werftleute brummeln.

Die neuen Maschinen hätten sich doch bewährt, und unverwüstlich wären sie obendrein. Was sollte da der altertümliche Schnickschnack mit der Besegelung. Na ja, es wäre ja sein Geld, das er da zum Fenster rausschmiss.

Die viel beschworene Robustheit und Unverwüstlichkeit des Materials hatte sich aber in den letzten Stunden auf drastische Weise als Trugbild zu erkennen gegeben.

Richards Vertrauen in die superneuen Techniken hatte dadurch einen gewaltigen Knacks abbekommen. Bei der Vorstellung, manövrierunfähig der See ausgeliefert zu sein, wurde ihm hundeelend zu Mute. Ohne den Weitblick und die Beharrlichkeit des Alten wäre es mit ihnen, und der Windsbraut, jetzt schon zu Ende gewesen. Wenn er nicht so kladdernaß gewesen wäre, man hätte in seinen Augen Tränen blinkern sehen können.

Eine Woge von Glück überschwemmte ihn. In diesem Moment hätte er seinen alten Vater am liebsten umarmt. Aber das machten die Männer von den friesischen Eilanden nicht so schnell.

Zum Glück störten sich die Lenzpumpen nicht an dem, was um sie herum vorging. Ihre isolierten und doppelt geschützten Antriebsmotoren hatten noch nicht eine Sekunde gestottert.

Auch wenn es manchmal unmöglich schien, die überkommenden Seen wieder außenbords zu befördern – sie schafften es doch immer wieder.

Das kleine Segel, das bis zum zerreißen gespannt über dem Vordeck stand, gab den Männern zudem ein bleibendes Gefühl von Hoffnung.

Zweimal hatte der Alte, gemeinsam mit Decksmann Gero, das Stück Zeug schon neu setzen müssen. Selbst die solide Taklerarbeit vermochte dem Sturm nicht lange zu widerstehen.

Es war jedesmal eine verteufelte Schinderei am Mast – aber die beiden hatten es mit vereinten Kräften jedesmal gepackt.

Es befand sich allerdings kein trockener Faden mehr unter ihrem Ölzeug. Wahrscheinlich gab es im ganzen Schiff kein Stück Tuch mehr, das nicht genauso naß war wie die Brecher, die unablässig donnernd auf das Schiff herabstürzten.

Seit Stunden hatten die Drei weder gegessen noch getrunken. Nun hatte der Alte es geschafft, in der Kombüse, die eigentlich gar keine Kombüse mehr war, einen Kessel mit dem restlichen Süßwasser ins kochen zu bringen. Das halbvolle Gefäß füllte er einfach mit Rum auf, und brachte es irgendwie über das schwankende Deck ins Vorluk.

Da keine Trinkbecher mehr an Bord waren – die ständig überkommenden Seen hatten auch unter Deck gnadenlos aufgeräumt – nahm jeder der Drei einen kräftigen Zug aus der Tülle des blanken Kessels.

Sie konnten gegenseitig sehen, wie gut ihnen der heiße Grog tat.

Süchst woll, Gero – wi lääven noch.“

Zufriedenheit klang aus den Worten des Alten, als er Gero die Hand auf die Schulter legte.

Du häst di up disse Foahrt de Breef wüggelk verdeent.“

Beiläufig sagte er es nur, doch Gero wurde gleich ein ganzes Ende größer dadurch.

Die letzten zwei Jahre hatte er nämlich in allen Sielhäfen vergeblich versucht, eine Heuer zu kriegen. Er hatte es trotz aller immer wieder Absagen nicht aufgegeben. Er wollte nun mal Fischer werden, das hatte er sich in den Kopf gesetzt, und niemand hatte es ihm ausreden können.

All sein Mühen war auf dem Festland aber ohne Erfolg geblieben. So einen kleinen Steppke aus einem verrufenen Elternhaus wollte doch niemand an Bord haben. Sein Vater war entlang der Küste als Hein Suupsack eine bekannte Größe, und seine Mutter war aus Verzweiflung über das Schicksal ihres Mannes auch irgendwann an der Buddel gelandet.

Hilflos, und gehörig mit der Welt verquer, war Gero dann im Frühjahr auf der Insel gelandet. Hier fand ihn Opa Raß eines Abends auf seiner verwitterten Bank hocken. Direkt neben der alten Wetterwarte. Wortlos hatte er sich zu ihm gesetzt. Irgendwie hatte er das kleine Häufchen noch kindlichen Elends, da neben ihm auf dem rissigen Holz, gleich ins Herz geschlossen. Der Alte kannte die ganze Misere die dahintersteckte, er kannte sie nur zu gut.

Die Geschichten von Hein Suupsack und seiner Angetrauten drehten auch im Hafenkrug auf der Insel ständig ihre Runden – und es waren beileibe nicht immer die schönsten Erzählungen, die von Mund zu Mund liefen. Dabei hatte alles ganz anders angefangen.

Wer als alter Fahrensmann schon im Trockendock lag, der konnte sich noch gut an die Blütezeit von Hein Suupsack erinnern. Als Decksmann war er gefahren. Er galt zu seiner Zeit bis nach Holland runter als der beste Decksmann, den ein Schipper nur haben konnte.

Mit 14 hatte der kleine Waisenbengel aus dem Kohlenpott seine erste Heuer als Moses bekommen.

Mit 14 war er den Kinderschuhen entwachsen, wie die Oberin des Kinderheimes sich ausdrückte, als sie mit dem kleinen Herbert eines Sonntags nach der Kirche in die Wohnküche bei Talea und Ommo reinschneite. Talea und die Diakonissen-Oberin kannten sich schon seit ihrer Schulzeit in Mecklenburg. Und nun wollte Herbert zur See fahren.

Montagmorgen stand Herbert dann in seinen ersten langen Hosen in der Kombüse der Sturmvogel und schälte Kartoffeln – so gut er es schon konnte

Richard war zu der Zeit noch ein kleiner Büxenschieter mit bunten Strampelhosen an.

Der kleine Herbert, aus dem schon in der ersten Woche Heini geworden war, blieb in den folgenden Jahren der Sturmvogel und seinem Käpten treu.

Bis, tja bis eben zu jener Vorweihnachtssturmnacht im Jahre 54. Da waren sie auch durch die Hölle gefahren – der noch junge Käpten Raß und sein Decksmann. Hein hatte den havarierten Sturmvogel allein nach Hause gebracht. Mit einem Arm. Den anderen hatte ihm die Kette des Fanggeschirrs abgequetscht.

Den Käpten hatte der Ladebaum bei einer Quersee von den Beinen geholt. Besinnungslos lag der im Luk.

Heins Verletzung wurde noch in der gleichen Nacht im Inselkrankenhaus notversorgt. Der Arm sei nicht mehr zu retten, sagte der Doktor.

Am nächsten Morgen brachte ihn der Seenotkreuzer zum Festland rüber. In eine Spezialklinik wurde er verfrachtet. Ende Januar kam eine Karte von Hein aus Göttingen. Eine Krankenschwester hatte sie für ihn geschrieben. Er tauge ja nun nicht mehr für die Seefahrt, und würde darum wohl besser abmustern.

Der Alte fuhr eine Woche darauf mit dem Zug nach Göttingen, um Hein zu sagen, daß das mit dem Abmustern ja wohl ausgemachter Tineff wäre, Aber da war Hein schon nicht mehr in der Klinik.

Niemand dort konnte ihm sagen, wo der sonderbare Einarmige abgeblieben war.

Bis dann die Geschichten von Hein Suupsack an der Küste auftauchten. Als die Geschichten ihn erreichten, hatte der Alte sich gleich auf den Weg gemacht und Hein und seine Familie aufgesucht. Im Gepäck führte er für seinen Decksmann Startgeld für eine neue Existenz als Landfuhrmann mit sich.

Aber Hein hatte sich vor dem Alten in eine der nächsten Kneipen verkrochen – er konnte seinem Käpten so nicht mehr gegenübertreten.

Der Alte hatte das Geld und die Papiere Heins Frau dagelassen – für sie und die Kinder. Hein sollte es sich überlegen, wenn er nach Hause käme. Hein kam zwar drei Tage später wieder nach Hause, aber er konnte nicht mehr überlegen. Er wollte auch nicht mehr überlegen.

Jeden Ersten flatterte seitdem noch immer ein Scheck von der Insel in die kleine Kate am Rande des Moores. Das war der Alte seinem Decksmann schuldig. Der Alte versuchte, seinem Lebensretter etwas zurückzugeben. Nur seine Talea hatte davon gewusst.

Das war aber alles lange her. Und nun gab der Herrgott ihm unversehens Heins Jüngsten in seine Obhut.

Schon am nächsten Tag stand Gero als Decksjunge auf den Planken der Windsbraut. Mit einer echten Heuer in der Tasche.

Richards anfängliches Bedenken, über die spontane Entscheidung seines Vaters, war schnell einer guten Zufriedenheit gewichen. Der Alte hatte wieder einmal die richtige Nase bewiesen. Andere Schipper beneideten Käpten Richard mittlerweile um den kregeln Decksjungen auf seinem Kutter.

Dieser Moment verband die Vergangenheit des Alten mit der Zukunft des jungen Gero. Ein Loch in der Lebenszeit des alten Käpten war plötzlich verschwunden.

Durch den Schulterschlag des Alten war nun auf dem schwer havarierten Schiff aus dem Decksjungen ein richtiger Decksmann geworden.

Der Schulterschlag, der war alter Brauch bei den Fischern auf der Insel. Amtliche Patente sahen die meisten von ihnen seit jeher nur als unumgängliches Obendrauf an.

Es schien, als wenn selbst der Sturm die Bedeutung dieses Augenblicks respektierte.

Einige Atemzüge lang verhielt er sich so still, wie die Gemeinde des Sonntags in der Kirche erwartungsvoll schwieg, wenn der alte Pastor Büscher bedächtig und bedeutsam die Stufen zur Kanzel hinaufstieg. Den Weg ging der alte Gottesmann in den letzten Jahren nicht mehr so häufig. Normalerweise hielt er die Andachten auf seinem Platz vor dem Altar, weil seine Beine bezüglich der Mobilität seinem Geist im Alter wohl ein wenig vorausgeeilt waren. Wenn er aber mal wieder Anstalten machte, die 10 Stufen zu erklimmen, dann wussten die Menschen im Kirchenraum: Gleich setzt es was.

Über ein halbes Jahrhundert besorgte er nun schon die Geschäfte seines Heilands, hier auf der Insel. Der schien mit seinem Filialleiter auf dem Sandhaufen in der Nordsee auch ganz zufrieden zu sein.

Der alte Haudegen war nämlich in seinem langen Leben noch niemals krank gewesen. Die dicksten Stürme hatte er unbeschadet abgewettert, denn er ließ es sich selbst jetzt, in hohem Alter, nicht nehmen, hin und wieder mit den Fischern in ihren Booten auf Fang raus zu fahren.

Nach seiner offiziellen Versetzung in den Ruhestand degradierten die Kirchenoberen in der Landeshauptstadt die Inselkirche einfach zur Zweigstelle einer größeren Nachbargemeinde auf dem Festland. Innerhalb der Firma Gottes hatte sich auch sehr viel verändert – und das meist nicht zum Guten.

Die sinkenden Kirchensteuereinnahmen mußten immer öfter als Begründung dafür herhalten. Die da oben verhielten sich gerade so, als wenn eine Reederei, deren Flotte in schwere See geraten ist, die Kapitäne von den Brücken abzieht.

Der Anspruch auf eine Viertelpastorenstelle wurde der Gemeinde dabei großzügig zugesichert. So ein Schwachsinn war für seinen kleinen Verstand einfach zu hoch gewesen. Er hatte ihn nicht hinnehmen können, und es auch nicht getan.

Was sollten die Menschen denn mit einem viertel Pastor anfangen? Und welches Viertel von dem geteilten Seelsorger stand ihnen überhaupt zu?

Gegen den hartnäckigen Widerstand der Brokatträger blieb er als Hirte bei seiner Herde. Seinem Bischof hatte er während der ersten Auseinandersetzungen darüber einmal öffentlich erklärt:

Ich habe mit meinem Herrgott keinen Zeitvertrag abgeschlossen, als er mich Pastor werden ließ.“

Seit diesem Wort standen die Menschen auf der Insel noch fester hinter ihm.

Die Offizialen in den Elfenbeintürmen waren vielleicht mit der Zeit erleuchtet worden, oder sie scheuten ganz einfach die Auseinandersetzung in den eigenen Reihen. Die ganze Angelegenheit wurde einfach schlichtweg vergessen. Auf jeden Fall erwähnte sie amtlicherseits niemand mehr.

Harm Stint, einer der Kirchenältesten der Gemeinde, hatte es während einer Gemeindeversammlung deutlich kerniger ausgedrückt: „De Kloogschieter in dat moie Tüüchs hevvt de Steert intrukken.“

Das Protokoll vermerkte an dieser Stelle keinen Widerspruch aus den Reihen der Versammelten.

Nun führt der greise Büscher seine Schäfchen schon seit fast fünfzehn Jahren ohne amtlichen Monatssold über die Weiden des Lebens. Dem alten Herrn in seinem Häuschen, da oben an der Himmelsstrasse, dem gefiel es anscheinend so.

Er hatte die Insel nach dem Vorfall nicht zum Niemandsland erklärt. Er ließ es wie gewohnt regnen, er ließ die Sonne weiterhin auf die Insel scheinen, er schenkte den Eltern in gewohnter Manier Kinder – kurzum, er ließ wie eh und je alles wachsen und gedeihen und alles entstehen und vergehen

Und er ließ Pastor Büscher weiterhin den Rotwein geniessen, und seinen Schafen die Leviten lesen – wenn der es denn für nötig hielt.

Der Sturm schien sich an der Windsbraut die Zähne ausgebissen zu haben. Sein schwächer werdendes schnappen nach dem Kutter riß keine neuen Wunden mehr in den geschundenen Schiffskörper. Die drei Männer an Bord atmeten erleichtert auf. Für ein paar Minuten konnten sie die Arme hängen lassen und tief Luft holen.

Es kehrte das sichere Gefühl in sie zurück, wir haben es geschafft.

Als wenn der einsetzende Regen den wütenden Wind einschläferte, verstummte sinnig das brausen und heulen um sie herum. Nach einer Weile war nur noch das klatschen der Wellen am Schiffsrumpf, und das Rollen der aufgebrachten See von darunter zu hören.

Wortlos löste der Alte mit klammen Fingern die kupfernen Spindeln an der Feuerkiste. Im inneren des wasserdichten Verschlages befanden sich die Notraketen. Sie lagen eingebettet in blauen Samt. Bisher hatten sie noch keinen Gebrauch von den sprühenden Lichtern gemacht. Jeder Käpten trug stets die Hoffnung in sich, sie niemals zünden zu müssen.

Der Alte hatte aus gutem Grund damit so lange gewartet. In der Hölle, die sie durchquert hatten, hätte die Signale sowieso niemand bemerkt.

Vorsichtig griff der Alte in die Kiste. Behutsam, so wie man mit einem kostbaren Schatz umgeht, legte er die farbigen Hülsen auf die Steuerkonsole im Ruderhaus – na ja, man konnte zumindest noch erkennen, daß es bis vor Stunden ein Ruderhaus gewesen war Nachdem er die Leuchtpistole vom schützenden Ölpapier befreit hatte, überreichte er sie dem jungen Decksmann.

So Gero, mien Jung – dat ovscheeten, dat is nu alleen dien Soak.“

Bevor er weitersprach, wischte der alte Käpten sich verstohlen mit dem Jackenärmel über sein Gesicht.

Als wenn er eine innere Mauer überwunden hatte, brach es dann aus ihm heraus. „As jungen Keerl hätt dien Voader ok een Schkipp un sien malörten Käpten noa Huus henbrocht – nu wies us, dat du netso good büst as he.“

Jetzt liefen dem alten Kapitän doch die blanken Tränen über die runzlig gewordenen Wangen in seinen Bart. Wie Sterne am dunklen Nachthimmel glitzerten sie in den vom Salzwasser verkrusteten Backenhaaren.

Er drehte Gero den Rücken zu, und murmelte leise, bevor er im vorderen Luk verschwand: „Ikk moot moal ähm noa Richard kieken.“

Ein paar Augenblicke später färbte sich der Himmel über der Windsbraut minutenlang leuchtend rot. Und noch einmal brachte der rote Schein einer Notrakete die Wolkenunterseiten zum glühen. Als das dritte Mal der Himmel anfing zu brennen, mahnte der Alte, der inzwischen wieder aus dem Luk aufgetaucht war, den Decksmann, mit den Notsignalen sparsam umzugehen. Sie wüssten ja schließlich nicht, wie lange es noch so weitergehen würde.

Die Worte waren noch gar nicht ganz in Geros Ohren gelandet, als der Junge schrie: „Käpten …, Käpten …., das dritte Licht ist nicht von uns.“ Gero hätte es gar nicht rufen müssen – ein paar Sekunden später erstrahlte der Himmel zusätzlich in leuchtendem Grün. Das war das Zeichen der Seenotretter. Der Seenotkreuzer hatte, gemeinsam mit anderen Rettungsschiffen, ein riesiges Quadrat um die zuletzt gemeldete Position der Windsbraut ergebnislos durchgepflügt. Nach Abbruch der Suche befand sich die Dietrich Clausen bereits auf Kurs heimatliche Station.

Nun hatten sie die Windsbraut doch noch auf den Radarschirm bekommen. Achtzig Seemeilen von der vermuteten Position entfernt. Der Nordwest hatte den Havaristen bis nah an Neuwerk herangetrieben.

Die Männer auf Deutsche Bucht, und Elbe 1, an denen sie dichtauf vorbei getrieben waren, hatten sie nicht orten können. Auch ihre Antennen lagen nämlich irgendwo auf dem Grund der Nordsee.

Sogar Richard ließ trotz der höllischen Schmerzen in seinem gebrochenen Flunk einen Freudenschrei los.

Wegen der kurzen, noch heftig rollenden See verfehlte die Wurfleine zwar zweimal den Kutter, aber gut eine Stunde später lag der junge Käpten bestens versorgt im Rettungsbett der Dietrich Clausen.

Um den Alten und Gero kümmerte man sich gebührend in der Messe, und die Windsbraut – oder besser das, was von ihr noch übrig geblieben war – hing fest am Haken des Seenotkreuzers.

Der erste Spruch über die Rettung der Windsbraut und ihrer Besatzung ging von Bord der Dietrich Clausen an die Leitzentrale in Bremen.

Die zweite Verbindung sorgte dann dafür, daß Regine, Gabriele und Klein Hinnerk schon am 23. Dezember das bisher schönste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens erhielten: Ein – trotz der Schmerzen und der Erschöpfung – fröhlich über die Funkwellen springendes Moin ihrer Männer von der Windsbraut.

Regentropfen …

Regentropfen …

In unserer Nachbargemeinde steht am Ems-Jade Kanal ein wunderbares Bauwerk aus Fräulein Marias Zeiten – Altmarienhausen. Eigentlich sind es nur die Reste von dem alten Vorwerk, die da so schön im Land stehen.

Das Bauernhaus, das auf der Warft dem Turmbau gleich gegenüber liegt, das ist in späteren Jahren errichtet worden. Als Domänengut war es durch die Zeiten an Landwirte verpachtet.

In langen und schweren Jahren waren diese Güter stolze Bauernhöfe.

Aber wie es dem Land und den Bauern so ergangen ist, in der leichtflüchtigen Neuzeit – das Auskommen mit dem Einkommen wurde immer schwieriger. Wer sich von den Landbewirtschaftern nicht von der und für die Masse verbiegen ließ, der konnte bld auf seiner Landstelle verhungern.

So wurde schließlich auch diese Domäne aus Staates Besitz ausgemustert und an einen neuen Eigentümer verkauft.

Dadurch erhielt man in Oldenburg bzw. in Hannover ja wieder Geld für die eine oder andere neue Staatskarosse.

Irgendwelche Amtspersonen haben es ja gewiß nötiger, mit einem blitzenden Stern auf vier Rädern durch die Gegend kutschiert zu werden, als so ein paar hungrige Landleute ein Leben ohne Not.

Gleich auch wie – die Domäne hatte einen neuen Eigentümer und war ja nun auch keine Domäne mehr.

Von der alten Pächterfamilie stand nur noch eine Tochter im Leben. Sie hatte dort immer noch ihr Zuhause. Die Hofstelle bot ein Bild, des einfachen Friedens. Das Fleckchen Erde war für viele Besucher ein Ort zum verpusten von der Hast des Alltags – ein Paradies in einer ansonsten wüsten Welt. Mit einer kleinen, aber feinen Teestube neben dem Turm, und draußen mit vielem bunten Federvieh in allen Größen und Farben. Zur Freude für die Menschen, die die Hofstelle besuchten.

Der neue Eigentümer hatte aber nun eine Menge Freunde, die allesamt scharf auf diesen blanken Stein waren.

So stellte man höheren Ortes flugs ein Brett auf, um dass die Begehrenden sich versammelten und teilte das Ensemble auf dem Papier auf.

Der eine Part reklamierte die große Scheuer für seine Belange um darin irgendwelche Belanglosigkeiten aufzustellen – im Aufstall fand eine historische Schmiede aus einem anderen Ortsteil der Gemeinde ihren Platz und die Nutzung der kleinen Teestube blieb bei der Alt-Pächterstochter.

Vermutlich saßen im Kontor des neuen Eigentümers aber Leute, denen allesamt das Mittelschott in der Nase fehlte.

Wie anders soll man es sich erklären, dass in der großen Scheune unter der maroden Bedachung über der Ausstellung ein teures Zeltdach zum Schutz gegen die Unbilden der Witterung eingezogen wurde. Jetzt bröckelt und rieselt es vom rötterigen Scheunendach ständig und unablässig auf das Zeltdach hernieder.

Jeder Mensch mit ein wenig Platz fürs Denken im Kopfe hätte doch gewiß für die nicht wenigen Taler, die das Zeltdach gekostet hat, das Scheunendach in Ordnung bringen lassen. Wie ich schon sagte, das fehlende Mittelschott in der Nase.

So, oder fast so sieht es beim Teestubendach auch aus. Kürzlich saß ein Kreis von weiblichen Mitgliedern des Landvolkvereins um die große weiß gedeckte Tafel versammelt, um bei Kaffe und Kuchen einige wichtige Dinge zu bereden. Daran kann nun jeder sehen, dass die Pächterstochter eine weltläufige Wirtin ist – in der Teestube wird nämlich auch Kaffee ausgeschenkt.

Minna Südhoff, die Vereinsvorsitzende, malte gerade mit farbigen Wörtern bunte Bilder von Regen auf verdorrtem Land – ihre letzte Reise hatte sie in den Sudan geführt – als es draußen mit einem gewaltigen anfing zu regnen. Als wenn es aus Eimern geschüttet wurde, so fiel das Wasser aus den Wolken. Man stelle sich den weißen Kaffeetisch vor, mit dem braunschwarzen Kaffee in dem teuren Porzellan – und von der Decke tropft das Wasser in die Tassen.

Niemand wusste angesichts eines solchen Malheurs so recht etwas zu sagen – nur Minna Südhoff, die hatte mal wieder alles fest im Griff. Sieh an, kam von ihr, nun könnt ihr die Ungerechtigkeit in der Welt sehen. Im Sudan vertrocknet die Natur, und hier pinkelt uns der Herrgott in unseren Kaffee.

©ee

ewaldeden©2013-01-13

Bild von Tom Chen auf Pixabay

selbstverständlich in Platt auch hier :

https://christinvonmargenburg.blog/schrievhuus/schrievhuus-poesie-erzaehlungen-liedtexte2/

Wie schnell doch die Jahre dahinfliegen ….

Wie schnell doch die Jahre dahinfliegen ….

Vom 16.auf den 17. Februar 1962 – eine Nacht wie keine andere …

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“. Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten. Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst. Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war. Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee. Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Strassenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war. Eben durch diese Bresche ergoß sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel hinein, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten. Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstraße, um sich dann durch die schmalbrüstigen Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu zwängen. Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluß auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte. Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben. So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe. Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel. Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden. Ein Kurzschluß ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung. Mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem. Für alle auf der Insel anwesenden war es eine völlig neue Erfahrung. Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluß ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

© ee

ewaldeden

Törfi Törf . . Adventsgeschichte.

Törfi Törf . . .

Die Zeit schrieb das Jahr 1923. So auch hier in Ostfriesland. Die Gegend war ringsumher winterfest in Schnee und Eis eingepackt. Die Schneedünen reichten häufig bis an die Dachrinnen heran. Klein Hinnerk war man gerade sechs Jahre alt. Seit letzen Ostern ging er nun schon zu Schulmeister Hedemann in die Dorfschule.
Wenn es nachts wieder einmal tüchtig geschneit hatte, dann setzte Papa Hinnerk des Morgens auf seine Schultern und trug ihn Huckepack den Weg bis zur Schule.

Das machten viele Papas so, weil ihre kleinen Stepkes es sonst nicht durch den hohen Schnee geschafft hätten.
Im Schulhaus gab es nur zwei Klassenzimmer – eines war für die Lütten und das andere für die Großen.
Jetzt aber, wo es draussen so bitterkalt war, jetzt saßen alle in einer Stube beisammen. In der hinteren Ecke stand ein großer eiserner Kanonenofen zu bullern. Damit er immer so schön weiterbullern konnte, mußten alle Kinder – egal ob lütt oder groß – jeden Tag von Zuhause Brennmaterial, also Torf mitbringen. Torf hatte jede Familie in der Scheuer.

Den gruben die Papas im Sommer im Moor aus der Erde. Wenn die Torfsoden – so heißen die mächtigen Moorstücke – den Sommer und Herbst lang getrocknet waren, dann wurden sie auf Karren in die Scheuern gebracht, damit die Mamas auf dem
Herd Essen kochen und mit den Öfen die Kammern heizen konnten.
Der Sonntag war mit Besuch bei Oma und Opa schnell vorübergegangen und Rutzbutz war es schon wieder Montagmorgen.
Seit drei Tagen war der Himmel klar – der Schnee war schon richtig gnidderig hart und alt.

Klein Hinnerk stapfte am Morgen alleine los, um zur Schule zu gehen. Seine Holzschuhe hatte seine Mama mit Plünnen – mit alten Tüchern – umwickelt, damit er auf dem glatten Weg nicht ausrutschte.
Ein Stückchen war er schon den Sandweg hochgebösselt, als seine Mama ihm nachgelaufen kam: „Hinni … Hinniiii, dien Törf …!“ Er hatte doch glatt vergessen, die Feuerung für die Schule einzupacken.
Mama gab ihm einen Leinenbeutel mit einem gewaltigen Stück Torf darin in die Hand. Den Leinenbeutel hatte sie extra für den Schultorf genäht.

„Nu mach zu, dass Du zur Schule kommst – du weißt, Lehrer Hedemann mag keine Zuspätkommer“, ermahnte sie ihn noch, als Hinnerk in seinen Plünnenholzschuhen nun so schnell er konnte der Schule zustrumpelte. Er freute sich schon auf die
warme Schulmeisterstube.
Plötzlich hörte er eine feine Stimme sagen: „Du hättest Deiner Mama aber ruhig noch einen Süßen aufschnullern können.“
Er wäre bald auf dem Weg ausgerutscht und hingefallen, so hatte er sich erschrocken. Sein Kopf flog in die Runde – doch er konnte niemanden, der so etwas zu ihm  hätte sagen können, sehen. Aber wer – verflixt nochmal – hatte da denn zu ihm gesprochen?
Das war doch seltsam – er war weit und breit allein, aber er hatte laut und deutlich die Stimme gehört.
„Ich bin hier … hier im Beutel.“ Wie – woooo – was … in dem Beutel? In seinem Torfbeutel konnte doch kein Mensch sein „Ich bin Törfi – ich bin die Torfsode. Bloß Du kannst mich verstehen – helf  mir, bitte. Wenn Du mich nicht im Feuer verbrennen läßt, dann kann ich Dir noch soviel erzählen.“

„Ja … aber ….ich muß doch Torf zum heizen mit in die Schule bringen …“ „Häng mich mit dem Beutel da vorne an den Baum –
wenn Du nach dem Unterricht nach Hause gehst, dann kannst Du mich wieder mitnehmen. Erzähl Deinem Lehrer doch einfach, Du hättest den Torf Zuhause vergessen.“ Die Torfsode schwieg erschöpft vom ungewohnten Reden. „Es soll Dein Schaden auch nicht sein …“ kam noch leise hinterher.
„Pastor Lubina hat aber gesagt, man darf nicht lügen …“ „Du hältst mir das Leben – und das ist keine Lüge.“

Das konnte Klein Hinnerk wohl verstehen. In der Sonntagsschule hatte er schon mal die 10 Gebote gehört – und in denen stand an einer Stelle, du sollst nicht töten. Und wenn ein Stück Torf reden konnte, dann war das doch auch Leben.

Er hing also den Beutel in das Strauchwerk und ging ohne Feuerung zur Schule. So ganz wohl war ihm nicht dabei, wenn er an Lehrer Hedemanns vergeblichen Blick nach seinem Torf dachte. Aber es war schon seltsam – Schulmeister
Hedemann fragte an diesem Morgen gar nicht nach seinem Brenntorf.

Mittags, auf dem Heimweg, nahm er den Beutel mit Törfi darin dann mit nach Hause.
Die Torfsode sagte nichts und er war noch zu benommen von dem Geschehen, um Törfi von sich aus etwas zu fragen.
Hinnerk versteckte den Beutel mit Törfi erst einmal in der Scheuer, um ihn dann, als Mama und Papa sich nach dem Essen ein Weilchen schlafen gelegt hatten, hervorzuholen und unter seinem Bett zu verstecken.
„Ich dachte doch wahrhaftig, Du hättest mich schon vergessen …“ klang es auf einmal erleichtert aus dem Leinenbeutel.

„Psssscht …. red doch nicht so laut.“
Hinnerk hatte einen hitzigen roten Kopf vor lauter Aufregung. . „du brauchst keine Bange zu haben“ klang es aus dem Beutel – „nur Du kannst mich hören … sonst niemand.“
Nachmittags konnte Hinnerk gar nicht erwarten, dass es endlich Bettgehenszeit wurde. Mama hatte ihren Lütten schon ein paar Mal verwundert angesehen, als er sie zum dritten Mal fragte, wann er denn nun endlich schlafen gehen müsse. So etwas kannte sie von ihrem Butscher doch überhaupt nicht.
Glücklich war es denn soweit – eine halbe Stunde vor der Zeit war Hinnerk schon ausgezogen und geusterte in Schlafhosen durch die Küche. Er hatte sich doch auch tatsächlich freiwillig einen Schwall Wasser durchs Gesicht gespackert. Seine Mama wußte nun wirklich nicht mehr, wie sich auf so etwas einen Reim machen sollte.
„Gute Nacht, mein Lütten – nun schlaf man gut.“
„Nacht, Mama … Du auch …“

Die Kammertür sperrte das Dielenlicht aus seinem Zimmer aus. Sonst mochte er es schon gern ein wenig heller haben, aber heut konnte die Tür gar nicht schnell genug in Schloß schnappen.
Es war noch keine zwei Minuten dunkel in seiner Schlafkammer, als Törfi schon zu ihm von sich zu erzählen begann.
Vor Millionen von Jahren war er ein mächtiger riesiger Baum gewesen. An seinem Stamm hatten sich Wildschweine, Elefanten und Mammuts ihre Schwarten gescheuert. Jaaaa – auch Mammuts, die gab es damals nämlich noch. Eines Tages war dann ein riesenhafter Sturm über die Erde gefegt – ein anderer Stern war mit der Erde zusammengeknallt und dieses Zusammen-krachen hatte den Orkan ausgelöst.
Alles was auf der Erde vorhanden war und wuchs, das wurde verschoben und aus der Richtung gebracht. Das Eis vom Nordpol verschob sich bis an die Alpen und machte alles, was Leben in sich hatte, unter sich platt – selbst die Sprache der Menschen in Ostfriesland. Darum sprechen die Leute da seitdem auch Plattdeutsch.
Sein, Törfis, Leben wurde auch heftig zusammengestaucht und Eis und Geröll verschüttet.

So hatte er viele Millionen Jahre verschlafen und war mit der Zeit ganz von selbst von Holz zu Torf geworden. Er würde heute noch im Moor schlafen, wenn Hinnerks Papa ihn nicht im letzten Sommer ausgegraben und als Torfsode mit nach Hause
genommen hätte.
„Wenn ich nun im Feuer verbrennen soll, dann habe ich ja nichts mehr von der Zeit und kann Dir auch nichts von alledem erzählen, was mir auf meiner langen Reise durch die Zeit begegnet ist. „Keine Bange,“ sagt Hinnerk zu Törfi, „so soll das
nicht passieren. Morgen früh versteck ich Dich erst einmal oben auf dem Hausboden. Da kannst Du denn solange bleiben, bis ich Dich im Frühling nach draussen bringen kann. Wieder ins Moor zurück, da wo Du hingehörst.“
Am nächsten Morgen – lange vor der Aufstehenszeit von Mama und Papa hatte er Törfi schon auf den Boden gebracht. Es gab da nämlich eine dunkle Ecke, in der ihn ganz bestimmt niemand finden würde. Es sollte aber alles ganz anders kommen, als wie Hinnerk es sich schon so schön ausgemalt hatte.

Die Zeiten im Lande waren sehr schlecht. Das Geld in den Taschen der Leute litt an Schwindsucht – es war von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde weniger wert.
Inflation nannten schlaue Leute das.
Und diese Inflation hatte all das, was Hinnerk seine Mama und sein Papa besaßen, aufgezehrt. Auch ihr kleines Häuschen war ihnen weggenommen worden. Darum mußten sie mit Hinnerk ihr Zuhause verlassen und zusehen, dass sie woanders für ihre kleine Familie ein Dach über dem Kopf fanden.
Die Zeit lief weiter. Unerbittlich weiter. Klein Hinnerk wurde größer und älter.

Er gründete bald seine eigene Familie und auch seine Kinder wurden groß und älter. Man, sein Erlebnis mit Törfi Törf hatte
er nie vergessen können. Bald hatte Hinnerk denn auch sein eigenes Großkind Jan auf seinem Schoß sitzen, dem er in Erinnerung an seine eigene Kinderzeit von Törfi Törf erzählen konnte. Der kleine Jan wollte es immer und immer wieder hören.
Wie aber das Leben so läuft – Hinnerk hatte als Opa eines Tages diese Welt verlassen müssen und sein Enkel Jan war so alt, dass er selber schon einen Sohn hatte.

Die Geschichte von Törfi Törf, die war aus seinem Kopf in Erinnerung gaaaanz tief nach unten gerutscht – und sicher wohl auch noch ein bißchen weiter .Opa Hinnerks Erzählen während seiner Kinderzeit die hatte ihn wahrscheinlich ein wenig auf den richtigen Berufsweg geführt – er hatte nach der Schule nämlich studiert und war Historiker geworden.
Vor gar nicht langer Zeit ergab es sich nun, dass alte Häuser, die schon fast tot schienen, weiterleben sollten. Das hatte die Regierung so beschlossen.

Jan gehörte zu den Wissenschaftlern, welche die Häuser, die nicht sterben sollten, bestimmten und deren Geschichte zu ergründen suchten. Der liebe Gott hatte es wohl so vorgesehen, dass auch Opa Hinnerks Elternhaus dazugehörte.
Auf einmal saß ihm wieder die Geschichte von Törfi Törf im Kopf – sie war ganz plötzlich von ganz unten aus seinem Kindheitswissen nach vorne gekrochen und ließ sich von da auch nicht mehr wegschieben.
Strohpuppe für Strohpuppe, Sparren für Sparren, Balken für Balken und Stein für Stein wurde das Haus sorgfältig abgetragen.

Und auf dem Boden – in der dunkelsten Ecke –  wo fast hundert Jahre kein Mensch hingeschaut hatte – da lag immer noch, in dem nun morschen Leinenbeutel, Törfi Törf und wartete darauf, dass Klein Hinnerk, der ja sein Freund war, ihn abholte um ihn ins Moor zurückzubringen.

Jan hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht, den er in Erinnerung an seinen Opa auch Hinnerk genannt. Der holte Törfi Törf mit seinen kleinen Händen da heraus und in den hellen Tag hinein. Er hat ihn denn – zusammen mit seinem Papa Jan – gaaaanz vorsichtig in das Museumsdorf getragen, um ihn da in einem großen und tiefen Loch wieder in die Freiheit zu
entlassen.
Als Törfi dann unten in dem nassen Moorgrund lag, da meinte Jan wie von weither die Worte einer feinen Stimme zu hören:
„Ich grüß’ Opa Hinnerk von Euch ….“
Vielleicht hatte er sich das auch bloß eingebildet – jedenfalls haben Klein Hinnerk und sein Papa Jan in das Loch auch noch einen jungen Baum eingepflanzt, sodass Törfi Törf nun endlich wieder richtig zuhause war. Ganz so, wie Opa Hinnerk noch als kleiner Junge es ihm vor langer Zeit versprochen hatte.©ee

Ewald Eden

Foto : weinstock  on Pixabay

natürlich auch zu finden in unserem KINDERHÄUSCHEN https://christinvonmargenburg.blog/unser-kinderhaeuschen/