Irgendwo im Nirgendwo …

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Vor meinem jetzigen Stadtasyl war mein Zuhause ja ein Paradies in einer benachbarten Landgemeinde am derselben gelegen – mit weitem Blick über die Felder – zumindest nach 3 Seiten hin an einem von der Hauptstrasse abzweigendem Schotterweg gelegen.
Es war schon alles etwas weitläufig angelegt mit 450 Haselnußsträucher neben einem großen Sonnenblumenfeld für jeden der vorbeiging ein Sträußchen zum mitnehmen – von einem stetig wachsenden Wall aus allem was in Garten und Gelände an Naturalien wie Strauch- bzw. Baumschnitt und Grünzeug begrenzt, der sogar Füchsen und Rehen aus dem angrenzenden Barkeler Busch als Schlaf- und Ruhequartier diente – die Rehmütter brachten des Öfteren sogar ihre Kitze mit – inmitten dieser Vielfalt dann der gutbestückte Gemüsegarten aufgemischt mit alten Obstbäumen fast vergessener Sorten und einem Teich mit vielen hundert Fischen in vielen Arten – die meisten von ihnen fraßen mir aus der Hand wenn ich sie des Abends mit Futter versorgte.

In meinem Brunnenhaus förderte eine Pumpe aus 30 m Tiefe kristallklares silberflimmerndes Naß zur Versorgung des Ganzen – ehemals und vordem war das Anwesen eine Gärtnerei gewesen die nach dem letzten Betreiber etliche Jahre im Dornröschenschlaf zugebracht hatte – bis ich sie daraus erweckte – die Gebäude befanden sich in einem schrecklichen Zustand und die 10 tausend qm umzu boten das traurige Bild einer vergessenen Wüste. Das nächste Gehöft lag gut hundert Meter weiter den Schlackenweg hoch. Die Nachbarn auf dem Hof betrieben im Nebenerwerb auch eine bescheidene Gemüsegärtnerei. 3 Söhne hatten Magda und Ewald – wobei der Jüngste und der Ältest schon aus dem Hause in der Ferne irgendwo lebten. Nur der mittlere des Trios wohnte wegen seiner etwas schwächlichen Konstitution (obwohl er von Gestalt her ein gestandenes Mannsbild war) noch bei Mama und Papa zuhause. Wie aus heiterem Himmel lag Ewert – so sein Name – plötzlich darnieder. Obwohl es ja ganz sicher nicht aus heiterem Himmel geschah. es war wohl nur nicht erkannt worden.
Beim 27jährigen Ewert wurde ein Tumor im Kopf festgestellt und damit begann seine Odyssee durch viele Heilpaläste mit den unterschiedlichsten Methoden in vielen Gegenden. Seine Eltern liessen nichts unversucht um ihn vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren.
Ihn und sich muß ich dazu sagen, denn in den folgenden 3 Jahren – an seinem 30sten Geburtstag hatte alles Leiden ein Ende – haben seine Eltern wohl mehr gelitten ob ihrer Unfähigkeit dem Sohn helfen zu können, als Ewert selber. Ich habe während meiner
vielen Besuche bei ihm immer nur einen ausgeglichen Freund vorgefunden. Er hatte sich mit allem arrangiert. Auf diese Besuche wollte ich eigentlich auch hinaus. Es war schon Rythus dass ich in der letzten Helle eines jeden schwindenden Tages – seit er die Liegestatt nicht mehr verlassen konnte – bei ihm reinschaute und für eine Weile an seinem Lager verweilte. Bis zu seinem Davongehen an seinem Geburtstag.
Wochen nach der Beisetzung besuchte mich seine Mutter – es war ihr einfach ein Bedürfen mir zu danken.
Während der Leidenszeit ihres Sohnes hätten unzählige Menschen aus Familie, Bekannten- und Freundeskreis mit ihnen wortlos mitgefühlt – auf mich hätte sie aber jeden Tag fast freudig gewartet – immer auf den Moment hin in dem sie meine Bonny um die Hecke streichen sah – dann wußte sie: Ewald kommt gleich hinterher. Ich brachte zwar keine Heilung für ihren Ewert mit – aber ich war der Einzige der Worte mitbrachte, tröstliche und offene Worte die ihnen allen den schweren Weg des Abschieds sehr viel leichter zu gehen gemacht hatten.

Irgendwo im Nirgendwo …

© ee

Herbst- Blicke

Herbst- Blicke

im Licht des Jahres

manche tage grau durchwirkt im regen
bis die erde zwischen den falten platzt
wiederkehrendes grün aufgebrochen
dann bloß gelegt zum staunen


und hinter sonnengebleichten blättern
erahnte farbvielfalt im himmelbogen
bis der letzter tropfen zittert
seidig kühl an wiegenden stielen

ein funkelndes nass
als konkurrenz im wettbewerb :

color für herbsttage

© Chr.v.M.

Warum die Ostereier bunt sind . . .

Warum die Ostereier bunt sind . . .

Vor langer, langer Zeit – die Osterhasen hoppelten noch in Ritterrüstungen durch das Land, um den Kindern zu Ostern die Nester zu füllen – sahen die Eier noch alle gleich aus. Hühnereier konnte niemand so recht von Ostereiern unterscheiden. Den Unterschied konnte man nicht sehen – er war unter der Schale verborgen – Ostereier waren innen fest. Ganz oft passierte es darum, daß die Sonntagskleider, welche die Kinder Ostern immer anziehen mussten – Ostern war nämlich damals auch schon Sonntags – mit Eigelb vollgekleckert waren, weil die Kinder statt eines Ostereies ein Hühnerei aufgeschlagen hatten.

Wie das passieren konnte fragt ihr? Ganz einfach! Die Hühner vertauschten die Eier ab und zu. Die gefiederten Gesellen konnten auch damals schon über die seltsamsten Dinge lachen, und neugierig waren sie sowieso. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer was anderes erzählt, der kennt die Hühner nicht. Aber noch eine Eigenschaft besaßen die Ur-ur-ur-ur-urgroßeltern der jetzigen Hühner: Sie waren neidisch – neidisch auf den Osterhasen. Der konnte gekochte Eier legen. Wenn auch nur zu Ostern – aber immerhin!

Sie rackerten sich das ganze Jahr – Tag für Tag – mit dem Eierlegen ab – wenn eine Henne fleißig war, legte sie sogar zwei Eier an einem Tag – und dann kam am höchsten Eierfeiertag der Welt so ein schlappohriger Hase dahergehoppelt, und stahl ihnen die Schau.

Nicht einmal richtige Federn konnte er vorweisen – aber gekochte Eier legen. Weil die Hühner den Osterhasen auf seinen Touren ständig mit ihren Eiern bewarfen, beschloss die Osterhasengewerkschaft auf einer großen Versammlung, ihren übers Land ziehenden Mitgliedern Ritterrüstungen anzuziehen.

Bloß – in diesen schweren Rüstungen kamen sie nicht so schnell vorwärts – und viele Osternester blieben leer.

Ich muß euch ja bestimmt nicht erzählen, wie traurig die Kinder waren, wenn sie nach mühevoller Suche leere Osternester fanden. Darum füllten die Mamas die leergebliebenen Nester mit Hühnereiern. Das war aber auch nicht die Lösung. Tja – und weil alle Mamas dieser Welt – das war damals auch schon so – an Ostern keine traurigen Kinder mit bekleckerten Sonntagskleidern haben wollten, setzten sie sich unter dem Osterbaum mit den Osterhasen zusammen. Was bei den Beratungen herausgekommen ist, kann man heute noch an jedem Osterfest bestaunen: Die neidischen Hühner konnten ihnen keinen Streich mehr spielen, weil sie von da an Ostern immer eingesperrt wurden, und damit auch wirklich niemand mehr die Eier verwechselte, legten die Osterhasen ab sofort bunte Eier!

©ee

Wir wünschen unseren Lesern sonnigbunte Ostertage + Happy Easter +

bleibt Zuhause und gesund. Den Kranken schnelle Besserung.

Ewald Eden und Christin v. Margenburg

Vom Knirps zum Knaller …

Vom Knirps zum Knaller …

Lebensbilder

Mitte der 1900er Jahre. Die Stadt am Meer – ein Mix aus Kriegshafenhäuseranhängsel und drei alten bäuerlichen Gemeinden – eine Stadt, aus großen Vorstellungen und noch größeren Hoffnungen entstanden, krebst zum zweiten mal in ihrer noch jungen Geschichte auf der Talsohle des Überlebens herum. In intaktem Zustand bot sie dem Betrachter stets ein passables Bild. Kurioserweise war sie immer dann am attraktivsten, wenn ihre Ziehväter sich anschickten, die Welt um sie herum in Schutt und Asche zu legen.

Am Ende war sie dann jedesmal ähnlich kaputt wie die übrige Welt.

Getreu dem Motto: der Teufel frisst seine eigenen Kinder.

Und durch diese, aus dem letzten Loch pfeifende Stadt, radelt nun vergnügt ein kleiner Knirps auf seinem Dreirad. Vergnügt deshalb, weil er ja noch nichts anderes kennt. Seine Welt wird eingegrenzt vom Backfischtanzschuppen Nordseestation, von den Selbstversorgerkleingärten am Grodendeich, von der Übungsschießanlage für die Polizei und die neu erwachenden Marinestreitkräfte. Vater Staat braucht ja Männer, die beim Schießen auch treffen – wenn’s mal wieder knallt. Die Lücken zwischen diesen markanten Punkten schließen das Altenheim Karl-Hinrichs Stift, das Kriegsandenken Bunker an der Ecke der Sportanlage und – ja richtig, der Gottesacker an der Friedenstrasse. Onkel Hannes hat die Nähe vom Altenheim zum Friedhof einmal auf die ihm eigene Weise erklärt: „Well dor in d’ Heim dodblääven is, de brukt noa d’ Kaarkhoff nich mehr so wiet to lopen.“ ( Wer da im Heim totgeblieben ist, der braucht zum „Kirchhof“ nicht so weit zu laufen )

Der Friedhof war in dieser Zeit so ziemlich das einzige Stück geordnete Welt. Dieses Stück geordnete Welt zog den kleinen Knirps auf seinem Dreirad magisch an, dem Dreirad mit dem Korb hinter dem Sattel, in dem man so viele nützliche Dinge verstauen konnte, die man unterwegs fand. Nachdem der kleine Knirps auf seinem Dreirad der geordneten Welt Friedhof wieder einmal einen Besuch abgestattet hatte, war auch da plötzlich nichts mehr in Ordnung. Friedhofswärter, und Mitarbeiter der Verwaltung, flatterten in den nächsten Tagen wie Hühner ohne Köpfe durch die weitläufigen Gräberfelder. Onkel Hannes, der alte Seebär, hatte auch dafür gleich einen seiner Sprüche parat.

„Dat sücht ut, as wenn dor up d’ Kaarkhoff een de Stüürmann de Kompass wächnoahmen hett.“ (Das sieht aus, als wenn da auf dem Friedhof jemand dem Steuermann den Kompass weggenommen hat)

Wie dicht er doch dran war – der alte Seemann, mit seiner zuerst als abwegig belächelten Vermutung. Hatte der kleine Knirps mit dem Dreirad doch all die schönen, emaillierten Grabnummernschilder in seinem Korb gesammelt, und mit nach Hause genommen.

Papa und Onkel Hannes waren darüber hocherfreut – durften sie doch die Nummernschildchen in den folgenden Tagen alle wieder zurückstecken. Dadurch lernten die beiden in einer Woche soviel tote Leute kennen, wie sonst wohl kaum jemand Lebende in seinem ganzen Leben.

Der Knirps auf dem Dreirad fuhr indessen weiter munter durch das Viertel. „Schau immer nach vorn, und niemals zurück, mien Jung.“ Diese Devise hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm eingebleut.

Ein Schrebergarten in der nahen Grodenkolonie hatte es ihm schon seit längerem angetan – oder vielmehr der Schrebergärtner, der in diesem Garten das Regiment führte. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit er seine Pflaumen, Äpfel und Birnen gegen Angriffe von außen auch verteidigte – immer thronte sein Haupthaar streng, und korrekt in der Mitte gescheitelt, zwischen seinen weit abstehenden Segelohren. Dagegen bot das frische grüne Laub des großen Wurzelbeetes, in der Mitte der Gemüsefläche, eher den Anblick einer Reihe krauser Negerköpfe mit grün gefärbten Haaren. Diese krause Unordnung hatte dem Gartenmann ganz sicher seine blinkende Halbglatze beschert. Da musste doch etwas geschehen. Und es geschah auch etwas. Eines schönen Sommermorgens lagen alle jungen Wurzelpflänzchen – jetzt mit plattem Grün – fein säuberlich aufgereiht eins rechts eins links – zu beiden Seiten der Pflanzrille. Aber wie es nun mal so ist im Leben – verkehrte Welt. Hilft man den Menschen nicht, sind sie wütend – hilft man ihnen, sind sie es auch. Jetzt lagen zwar die jungen Wurzeln alle platt, und streng gescheitelt, auf dem Acker – aber der Gärtner hatte sich die Haare gerauft, sodaß die jetzt um seinen Kopf herumstanden wie Negerkrause.

Da war der Knirps auf seinem Dreirad aber schon weitergezogen – weitergezogen zu neuen Taten in seiner kleinen Welt am Groden-deich.

Die kleine Welt am Grodendeich, in der auch Johannes lebte. Johannes – geprägt von seinem Zuhause, und gefangen in einer noch kleineren Welt innerhalb dieser kleinen Welt. Johannes Eltern befehligten als Generalissimo und Generalin das Altenheim auf dem Areal zwischen Göker-, Freiligrath- und Friedenstrasse. Als unbeschränkte Herrscher in ihrem Revier, und als unbeschränkte Herrscher über Johannes, der selbstredend auf seine Art davon profitierte. Da sei nur am Rande die komplette Eisenbahnanlage erwähnt, die Schlachter Th. auf Wunsch des Vaters für den weihnachtlichen Johannesgabentisch liefern musste, um auch im nächsten Jahr Fleisch und Wurst für die Altenheimküche liefern zu dürfen. Das Zimmer von Johannes konnte all die vielen schönen Spielsachen gar nicht mehr bergen, mit denen er überhäuft wurde.

Der Platz in ihm dagegen, der vom lieben Gott für Spielkameraden und Freunde reserviert war – auf diesem Platz herrschte gähnende Leere. Das bemerkten seine Eltern aber nicht. Sie waren viel zu sehr mit dem züchtigen und ruhigstellen der aufmüpfigen alten Leute in ihrer Aufbewahrungsanstalt beschäftigt. Und gerade das schmerzte Johannes unbändig. Er unternahm alles nur ihm mögliche, diesen Platz mit Leben zu füllen, aber irgendwie hatte er sich immer gerade einen Fuß verstaucht, wenn die anderen Kinder an ihm vorüberzogen, und er ihnen folgen wollte. So konnte er ihnen denn nur ständig linkisch hinterhertrotten.

Wie es im realen Leben seit urchristlichen Zeiten ja nun einmal so ist – den Letzten beißen stets die Hunde. General und Generalin Altersheimkommandeur konnten ihrem Filius gar nicht so viele Hosen kaufen, wie die wütenden Alltagshunde ihm zerrissen. Wenn die Meute der Nachwuchsmenschen im Viertel mal wieder etwas ausge-fressen hatte, war es stets der Nachzügler Johannes, den die erbosten Opfer bei der Hose zu fassen bekamen. Auf diese Art war Johannes denn wenigstens zu etwas nütze. Er sicherte der Streitmacht den Rückzug, und schluckte die Energie der Verfolger, die dann manchmal auf seiner roten Wange oder Hintern deutlich zu erkennen war. Wie zum Beispiel nach dem Gefecht mit Lehrer Lämpel.

Eine äußerst beliebte und wirksame „Waffe“ unter den Jungs war die „Flitsche“ – in anderen Gegenden vielleicht besser bekannt als „Zwille“. Von diesem wunderbaren Gerät gibt es – wie bei Revolvern auch – verschiedene Ausführungen. Von der Zimmerflak in Astgabelausführung mit Fahrradschlauchgummi bestückt, bis hin zum kleinen, aber ebenso wirksamen Sologummi für den unauffälligen Nahkampf. Die Spitzenkanoniere im Viertel konnten mit dem kleinen Ding sogar blind und rückwärts feuern. Nicht so Johannes. Johannes hatte schon beim sehend vorwärtsschießen seine kleinen Probleme mit der Zielgenauigkeit und Treffsicherheit. Was ihm auch prompt – oder besser gesagt der ganzen Klasse – übel angekreidet wurde. Ausgerechnet in der Rechenstunde beim gefürchteten Lehrer Lämpel wurde ihm diese Schwäche dann zum Verhängnis. Der gestrenge Schulmeister stand mit dem Rücken zur Klasse an der Tafel, und malte in schönster Paukermanier Hieroglyphen auf die grüne Fläche. Von vorne, aus der zweiten Bankreihe, von da, wo der Knirps mit dem Dreirad seinen Platz im Klassenzimmer hatte, trafen den guten Johannes unablässig „Rückwärtsgeschosse“. Er parierte sie so gut es ging, und mit mäßigem Erfolg. Bis – ja, bis Lehrer Lämpel – durch das verhaltene Schlachtengetümmel in seinem Rücken aufgeschreckt – sein Gesicht plötzlich der Klasse zuwandte. Wie gesagt – an der Fähigkeit, das richtige Ziel zu treffen, haperte es bei Johannes mächtig. Und so traf seine – im selben Augenblick abgefeuerte – „Krampe“ auch nicht den Knirps mit dem Dreirad, sondern landete punktgenau auf des Lehrers unwillig gekrauster Pädagogenstirn.

Von mäßigem Erfolg wagte denn nach diesem Treffer keiner mehr zu reden, zumal es in der Folge Strafarbeiten für die ganze Klasse hagelte.

Zur Ehrenrettung der Brüder muß noch gesagt werden, daß nicht einer der Krieger, trotz heftiger Aufforderung Lämpels, Johannes als den Schützen denunzierte. So wurden sie dieses mal alle gebissen – und gegenseitiges Wunden lecken nach verlorener Schlacht schweißt eine Truppe schon seit jeher noch fester zusammen.

Johannes blieb aber noch Jahre seinem Naturell treu, und ließ sich nur ab und zu von einem anderen „Weichei“ des Quartiers in seiner Funktion als Letzter des Rudels vertreten.

Gero stand ihm in der Rangfolge nicht allzu viel voraus. Von drei Tanten zuhause stets und ständig umsorgt, fehlte ihm so ein wenig das Mark in den Knochen – oder anders gesagt, er hatte keinen harten Kern. Was ihn wahrscheinlich selber am meisten ärgerte, wenn er der Truppe immer ein Stück hinterherschlabberte. So etwas ist bei Eroberungsfeldzügen, auf denen sich die Bengels permanent befanden, natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden.

Das nächste Tun und Geschehen war auch mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber was ist im Leben eines Kriegers nicht gefährlich.

Das Kriegsandenken Bunker war im Bewußtsein der jungen Krieger natürlich kein Kriegsandenken. Wie sollte es auch. Für sie war er einfach Teil des realen Lebens – eingebaut in den Alltag.

Dieser Bunker hatte nun eine Besonderheit, die ihn von anderen Schutzbauten aus kriegerischen Tagen unterschied. Er hatte leichte Schlagseite – wie wenn Onkel Hannes manchmal heimwärts segelte, nachdem er in der Sportklause an der Gökerstrasse wieder einmal einen Sturm abgewettert hatte.

Das Bunkerbauwerk hatte gegen Ende des Krieges noch einen Volltreffer abbekommen. „So richtig schön auf die Mütze“, sagte Onkel Hannes. Es war eine der heimtückischen Panzer-knackergranaten gewesen. Durch die Detonation war sogar ein Stück der Treppe im inneren weggesprengt worden. Aber das war Vergangenheit – das war ein Geschehen aus dem Leben der Alten.

Für die jungen Krieger im Viertel war der Koloss Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Endpunkt ihres Beginnens. Je nach dem, was gerade auf dem Plan stand. Eine besondere Funktion erfüllte er auch noch – er war der entscheidende Bewährungspunkt, wenn es darum ging, ein neues Mitglied in den Kreis aufzunehmen.

Bevor der Stammesrat Ja zum Aufnahmebegehren sagte, musste der „Neue“ in den Bunker. In den Bunker hieß, mit einer weißen Fahne über die geborstene Treppe nach oben – bis unters Dach. Wenn die weiße Fahne in einem Lüftungsschacht erschien, dann gehörte der Fahnenträger zum Stamm. Und nur dann.

Diese weiße Fahne – und das Geschehen darum herum – war einigen verknöcherten Alten in der Umgebung schon lange ein Dorn im Auge, den man neutralisieren musste. Unbedingt.

Eines schönen – oder für die Jungen nicht so schönen – Tages war alles mit Kalksandsteinen zugemauert. Verbaut. Anstatt die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden, hatte man sie an so etwas Sinnloses verschwendet. Verstehe einer die Erwachsenen.

Es brach bei den Burschen eine Zeit des Nachdenkens – eine Zeit der verborgenen Tätigkeiten an.

Wieder einmal hatte der Knirps mit dem Dreirad die „zündende“ Idee.

Der Schießstand bekam seine tragende Rolle.

Die Truppe besaß schon enorme Vorräte an Kartuschen. Schöne blanke Messingkartuschen, die von den Kriegern nach jedem Übungsschießen, das auf dem Stand vonstatten ging, gesammelt wurden. Sicherheitsvorkehrungen nach heutigen Maßstäben darf man sich nicht auf damals denken. Dann sagt man sofort: unmöglich.

Auch die Güte der Munition war eine andere in dieser Neustartzeit. Es wurde mit allem geübt und geschossen, was sich noch in Depots und Waffenkammern befand. Darunter befanden sich natürlich auch viele Nichtzünder – „Blindgänger“, wie Onkel Hannes sagte. Es machte sich von den Probanden niemand die Mühe, sie wegzuräumen. Wozu auch. Sie waren ja nur ein Teilchen von vielen anderen Überbleibseln unseliger Zeit. Nicht so für die Nachgeborenen.

Es erstand eine alte Kultur neu. Ersinnen, erfinden, testen – das alles wiederholte sich. Wie immer im Leben, wenn etwas anderes entsteht.

Die ‚Blindgänger’ unter den Patronen wurden ausgeschlachtet, und einem dienlichen Zweck zugeführt – es wurde getestet und immer wieder getestet. Es geschah alles auf den Erfolg gerichtet und unter strengster Geheimhaltung.

Was da ‚geheimgehalten’ wurde, das schielte nur manchmal unter der Decke hervor, wenn irgendwo in einem der Gärten eine verbeulte Konservendose landete, als Beweis einer gelungenen Übung.

Kleine Schwarzpulverhäufchen unter einer umgestülpten Konservendose, als Lunte einen Baumwollfaden – sorgfältig aus einem von Mutters Feudeln herausgelöst – und angezündet. Das war das ganze Geheimnis. Einfach zu lösen – was war daran schon geheimnisvolles. Onkel Hannes hatte nämlich mal etwas von ‚Schießbaumwolle’ erzählt.

Nachdem genügend Erbsendosen den Luftraum im Viertel durchflogen hatten, war die Testreihe beendet. Jetzt galt es den Ernstfall anzugehen. Nichteinmal „Sprenglöcher“ mußten sie bohren – die waren schon in die Kalksandsteine eingebaut. Von der Ziegelei mitgeliefert sozusagen. Eine Sauarbeit war das Ganze aber doch. Sieben Feudel mußten sorgsam „aufgeribbelt“ werden, bevor genug Lunte zur Verfügung stand. Dirk hatte mal wieder das Schicksal ereilt. Seine Mutter hatte ihn beim zweiten Feudel zerlegen erwischt, und ihm den nassen Lappen gehörig um die Ohren gehauen. Feudel zerstören – das war ja schlimmer als Sabotage beim Kommiss. Die anschließende Woche Stubenarrest hat ihn denn um die Früchte seiner Agententätigkeit gebracht – er konnte die große Sprengaktion, mit der seine Kumpels den Bunker von seinen Fesseln befreiten, nicht miterleben. Ein zweites Mal haben ihre Gegner nicht versucht, den Stammsitz zuzumauern.

Das Zielgebiet eines versteckten Kampfeinsatzes war wieder einmal – wie eigentlich häufig – das Gelände des Reitvereins. Klassenkampf pur war wohl der tiefere Grund für diese ständigen Feldzüge. Was hatten diese hochnäsigen, eingebildeten und doofen Bessereleute-kinder auch in ihrem Viertel zu suchen. Die sollten mit ihren Ackergäulen doch im Villenviertel rumklabastern. Da, wo ihre Erzeuger auch ihre schicken Benzinkutschen im Stall stehen hatten. Die hatten sich in der rechtlosen Zeit mit ihren Mähren einfach auf angeblich verlassenem Gelände häuslich niedergelassen. Von wegen verlassenes Gelände – wertvolle Jagdgründe waren dem Stamm damit einfach geraubt worden. Die müden Alten des Stammes hatten der Landnahme der Fremden widerstandslos zugeschaut – und das schmerzte die jungen Krieger.

So etwas schrie in den Kriegerköpfen doch förmlich nach Rache. Man musste sich mit seiner Truppe ja leider notgedrungen bescheiden. Zum großen Krieg reichten die Kräfte nicht – aber die Eindringlinge unaufhörlich mit kleinen Stichen piesacken – das konnte man schon. Und immer war der Knirps mit dem Dreirad irgendwie vorneweg. Auch wenn er schon lange kein Dreirad mehr fuhr.

Die Reitanlage bewachte ein schrecklicher Mensch, dessen Halbglatze und Hakennase in makellos gewichsten Stiefeln steckten. Zwischen Geierkopf und Stiefeln fuchtelte er unaufhörlich mit einer Peitsche in der Luft herum. So ausstaffiert ging er auch wohl schlafen, denn keiner hatte ihn je anders gesehen. Na ja, den jungen Kriegern fehlte ja auch die Gelegenheit, ihn beim Zubettgehen zu beobachten. Beobachten konnten sie allerdings seine täglichen Gänge zum Häuschen mit Herz. Häuschen mit Herz klingt lieblich – höre ich jemand sagen. Nicht so lieblich klangen die Töne, die durch die dünnen Bretterwände nach draußen schwebten, wenn der gestiefelte Kater – so nannten ihn die Burschen unter sich – seine Notdurft verrichtete, wenn sein blanker Achtersteven das Loch in dem Brett über der Grube ausfüllte. Es klang oftmals so, als wäre ein hungriger Wolf hinter einer schnatternden Gans her. Er litt nämlich unter „Verstopfung“, der Gute. Seitdem ein Granatsplitter im letzten Kriegsjahr ihn liebevoll am Hintern gestreichelt hatte, konnte er die unverdaulichen Reste seiner Nahrung nur sehr schwer wieder loswerden. Onkel Hannes hatte es in seiner sonntäglichen Skatrunde mal auf den Punkt gebracht: „Diederk – dien Mors hett in Frankriek een Schokk kräägen. Du muttst hüm moal düchdich verfäär’n – dat helpt meesttieds.“ (Diederk, dein Hintern hat in Frankreich einen Schock bekommen – Du mußt ihn mal tüchtig erschrecken, das hilft zumeist.)

Der Knirps auf dem Dreirad nahm diese Feststellung seines Onkels mit nach draußen – in den Kriegsrat der mutigen Krieger.

Beim nächsten Palaver fanden sie „die“ Lösung, um dem geplagten gestiefelten Kater in seiner „Not“ zu helfen.

Am folgenden Tag – einem Sonntag – wartete ein kleiner Stoßtrupp darauf, daß der vom Schock „Gepeinigte“ das stille Örtchen am Rande des Hofes aufsuchte. Kaum daß er darin verschwunden war, schlichen die Burschen zur Rückseite – zum Deckel der Lokusgrube. Eine Bierflasche mit Schnappverschluß, mit einem Bröckchen Karbid und ein wenig Wasser präpariert, und hinein in die Jauche – und alle Mann mit Karacho in Deckung. Sie schafften es noch gerade, das letzte Hosenbein zu verstecken, als es auch schon rummste. Der Donner hatte es sich noch nicht mal im Hof bequem machen können, da flitzte der gestiefelte Kater auch schon mit heruntergelassenen Hosen, und von unten bis oben mit dem Inhalt der Grube bekleckert, durch das Gelände.

Und der Knirps auf dem Dreirad konnte sich eine neue Feder in seinen Häuptlingsschmuck stecken.

Das nächste Stückchen Strasse auf dem Weg in das Erwachsen-werden bescherte keinem der Krieger eine Siegesfeder – was die Truppe sich auf diesem Marsch einhandelte, war wohl eher als das Gegenteil von Kampfesehren anzusehen.

An der inneren Deichseite gab es doch tatsächlich eine große, freie, grüne Fläche. Keine Trümmer, keine verlassenen Flakstände, keine heimtückischen Einmannerdbunker waren auszumachen – nur fette Gräser und verschwenderisch blühende Pferdeblumen – auch Löwenzahn oder Pusteblume genannt, tummelten sich auf der Weide. Der Krieg war wohl zu kurz gewesen, sonst hätten die Kriegsherren dieses Fleckchen Erde auch ganz bestimmt noch mit „kriegswichtigen“ Bauten bestückt. Es schien dazuliegen, wie ein vergessenes Land – oder wie eine Paradewiese mit einem Denkmal in der Mitte. Ja, genau – ein Denkmal. Das sagte nämlich einer von der Truppe in die schläfrig am Deich vor sich hindösende Runde. „Denk mal einer sich was aus, womit wir die „Kuh“ da vorne ’n büschen ärgern können.“

Es war nämlich so etwas wie „saure Gurkenzeit“ im Grodenviertel. Die Schule machte Sommerpause, und das schon seit einigen Wochen. Seit einer Woche schon waren sie nicht mehr auf dem „Kriegspfad“ gewesen. Da rosteten ja die Gelenke langsam ein. Das heißt, in den vergangenen Tagen hatte kein Erwachsener im Viertel einen Grund gesehen, über die „Gören“ Klage zu führen.

Die ‚Kuh’ da vorne war die einzige Erhebung in dem weiten Rund. Wenn jeder im Kreise gewusst hätte, was für eine ‚Kuh’ sie sich anschickten zu ärgern – auweia.

„Guckt mal, was die Kuh für ein komisches Euter hat“ – Benno war ganz verwirrt, und voller Zweifel. Die Kühe bei seinem Patenonkel auf dem Hof sahen zwar ringsrum genauso aus – die hatten aber ganz andere Euter – viel größere, und mit langen Fingern dran, aus denen Milch spritzte, wenn Tante Ella an ihnen zog. Bei dieser ‚Kuh’ hing das Euter zwischen den kräftigen Hinterbeinen. „Lütter ist es auch – und Finger zum melken sind auch nicht zu sehen“ – meinte Benno noch zaghaft.

Das wußte Dirk zu erklären. Dirk hatte zu Hause ein Dreimädelhaus – seine drei Schwestern bestimmten seinen häuslichen Lebensrhythmus.

„Weißte dat denn nich? Beie Kühe is dat wie beie Mädchens – die einen haben große Titis, die anneren kleine – bei welche sindse hoch, und bei mansche hängen se tiefer. Weiß ich von meine Schwestern. Laß uns doch mal gucken, wie die Kuh da durche Gegend wackelt, wenn wir ihr einen an ihr Euter verpuln.“

Und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die langen,, schlanken Zweige, der über die Nachkriegsjahre wild und hoch gewucherten roten Haselnußsträucher am nahen Wallgraben, drängten sich den Burschen förmlich auf. Eine Haselnußrute als ellenlanger Peitschenstiel – das war die Lösung. Damit konnte man der Kuh ein wenig das Euter kitzeln. Gedacht, getan. Der kleine Knirps mit dem Dreirad, der seinen Hintern schon lange nicht mehr auf einem Dreirad durch das Grodenviertel bewegte – konnte geschickt mit dem Schnitzmesser hantieren. Das Handwerk hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm beigebracht, als er mal wieder eine neue Pfeife brauchte. Es war eine Marotte von Onkel Hannes, seinen selbst angebauten Knaster nur in kleinen, selbst geschnitzten Pfeifen zu schmöken.

Einen langen, biegsamen Trieb zu einer Schleuder, mit einer Schlinge am Ende, zurechtzubiegen war eine Sache von Minuten – das ranpirschen an die ‚Kuh’ dauerte schon etwas länger. Die Gute sollte ja nicht verscheucht werden, bevor man einen ‚Treffer’ gelandet hatte.

Der Stoßtrupp war endlich ganz dicht dran – die ‚Kuh’ hatte sich nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Der Richtschütze betätigt den Auslöser, und im gleichen Moment schreit Benno, der auf dem Bauch hinter der Kuh liegt. „Mönsch – die Kuh ischa ’n Ochse!“

Die Erkenntnis kam ihm leider zu spät. Das Werk war schon vollbracht, und der ‚Ochse’, der auch noch ein Bulle war, hatte schon auf der Hinterhand gedreht, und sauste los.

Wer noch, wie von der Tarantel gestochen, lossauste, war das Häuflein Krieger. Die Flucht ging quer durch die Geographie – die Zäune, die sie mühsam überspringen mußten, nahm der wütende Bulle einfach mit. Und dann kam die Rettung – bis zum Hals standen sie in einer grünbraunen stinkenden Masse. Der breite, tiefe Gubbelschlot, um den sie sonst immer einen respektvollen Bogen schlugen, erschien ihnen plötzlich wie das Himmelreich. Auf der anderen, der sicheren Seite, wieder auf irdischen Boden zurück, schauten sie aber wahrlich nicht wie Engel aus. Es war eher ein stummes, geschlagenes Heer nach verlorener Schlacht. So ähnlich wohl wie die Franzosen unter Napoleon dunnemals vor Moskau.

Fahrbare Untersätze standen bei dem kleinen Knirps von der Stunde der ersten Gehversuche an als Leitstern über seinem Weg. Noch keine fünf Jahre auf dem Buckel, war er schon immer erster ‚Mann’ an der Spritze, wenn Papa etwas am Automobil – wie Autos damals noch genannt wurden – zu reparieren hatte. Die schmerzhaften Erfahrun-gen, die er dabei häufig machte, haben ihn nie davon abgehalten, dabeizubleiben. So zum Beispiel Wintertags in seinen kleinen Händen festgefrorene Schraubenschlüssel, die gnadenlos ein Stück Haut mitnahmen, wenn Papa ihn davon befreite. Oder die nicht gerade zimperlich von der Mutter durchgeführten Reinigungsprozeduren – nach seiner Beteiligung am Ölwechsel oder Schmiernippel fetten.

Eines Tages kam auch sein Verhältnis zu den fahrbaren Untersätzen in die Pubertät. Es musste plötzlich etwas ‚handfesteres’ als Dreirad und Fahrrad her. Zum persönlichen Gebrauch, versteht sich.

Der liebe Gott, oder sonst irgendwer, sorgte dafür, daß eine NSU-Quickly seinen Weg kreuzte, und sich in der heimischen Garage häuslich niederließ.

Wie schon gesagt: es war ein Geschenk des Himmels, an dem es viel zu werkeln gab. Es bot sich ihm die Gelegenheit, all das auszuprobieren, was er bis dahin gelernt hatte – und das war wahrlich nicht wenig.

Er schraubte hier – er feilte da ein wenig – er polierte dort – und mit jedem Tun wurde die silbergrüne Quickly ein wenig leichter und einen Tick schneller. Es war, als wenn dem Mopedbackfisch aus Neckarsulm Flügel wuchsen. Kleine stummelige Ansätze zwar erst – aber immerhin. Nach jeder Probefahrt fand einer der jungen Krieger, denen jetzt schon der Schein eines Bartes wuchs, noch einen Kniff zur Verbesserung. Jede durchgeführte Änderung wurde natürlich auf Herz und Nieren getestet. Der Heppenser Groden mit seinen weiten Flächen bot sich ja förmlich als Teststrecke an, zumal Bauer L. das hohe Gras schon fein säuberlich gemäht und in großen Reutern zusammen-gekarrt, zum trocknen aufgestellt hatte.

Mit dem Titel ‚überwältigend’ wagte aber keiner die Verbesserungs-ergebnisse zu benennen. Es war eher so ein Klein-klein. Onkel Hannes, der alte Seebär, der das werkeln seiner ‚Schützlinge’ – wie er die Burschen schon mal bei sich bezeichnete, aufmerksam verfolgte, brachte mit einem ‚genialen’ Dreh Bewegung in die ziemlich festgefahrene Quicklygeschichte.

„Das Ding muß richtig gepfeffert und gesalzen werden – was ihm oben in den Tank reingeschüttet wird, muß ihm am Hintern brennen wie bei euch der Achtersteven, wenn eure Currywurst mit zuviel Tabasco gewürzt ist. Füttert sie man mal mit Methylalkohol – dat helpt.“

Damit hatte Onkel Hannes die Krieger mit einem Hupps mitten in ein böhmisches Dorf gesetzt. Methylalkohol – wat is dat denn? Hörte man sich in der Runde wiederholen. Nur der Knirps mit dem Dreirad wußte um dieses Zaubermittel. Er hatte ja aufgepasst, wenn Onkel Hannes und Papa schwärmerisch von ihrem Zaubertrank, ihrem Feuerwasser, ihrer Freude der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählten.

Apothekenalkohol war nämlich die Grundlage ihrer Höhenflüge in den trüben Tagen gewesen – allerdings ohne Methylzusatz.

Also, was blieb zu tun? Den Hut rumgehen lassen, und Pinunsen sammeln, das war nur eine Sache von Minuten. In die nächste Apotheke rein, und dieses ‚Wundermittel’ kaufen, das dauerte auch nicht länger. Gleich darauf kam auf dem abgemähten Grasland von Bauer L. der große Augenblick. Der Knirps mit dem Dreirad – inzwischen war er zum Häuptling aufgestiegen – hätte liebend gerne die ‚Premierenfahrt’ persönlich gemacht – weil es aber jedem der Krieger danach dürstete, ließ man den großen Manitou entscheiden.

Das Los fiel auf Johannes – der aufmerksame Leser kann sich erinnern: Johannes, das Schlusslicht der jungen Jahre.

Herrgott – was war der glücklich in seiner Haut.

Wie ein blitzender Engel stand die Quickly am Rande der Stoppelwüste. Aufgetankt – aufgesessen – Motor angeschmissen – und Start! Generalstabsmäßig lief alles ab. Man sah förmlich die Erfahrung in Kriegsdingen durch die Sommerluft laufen.

Furios zog die kleine Mopeddame los. Die kaum wahrnehmbaren Stummelflügel, zu der die Künste der Burschen ihr schon verholfen hatten, wurden plötzlich zu ausgewachsenen Engelsschwingen – das Gefährt flog buchstäblich über die Steppe. Johannes vermochte nicht mehr zu lenken, er konnte nicht mehr bremsen – er durfte nur noch mitfliegen. Da dem Quicklyengel vor lauter Flugfreude schier die Augen tränten, sah er nicht den großen Heureuter von Bauer L. in der Flugbahn stehen. Mitten hindurch ging die Passage- und endete etliche Luftmeter weiter mit einer blamablen Bruchlandung in dem großen Misthaufen, den Bauer L. schon zur Düngung seiner Felder von den Höfen der Umgebung zusammengekarrt hatte.

Es war wohl immer noch Johannes sein Schicksal, als letzter zu enden.

©ee

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Nelemale und Solamele .

Nelemale und Solamele . . .

N elemale war gerade erst eine Stunde alt – aber sie konnte schon fliegen – eine reine Pracht war das – kann ich euch sagen.  Vorwärts und rückwärts – hochkant und breit – rundherum und steil nach oben.  Sie konnte gar nicht stillsitzen – sie mußte erst alles ausprobieren.

Ach so – ihr wißt ja noch nicht, wer Nelemale überhaupt ist.

Nelemale – Nelemale ist eine kleine schwarze Stubenfliege – ihre Augen die blinkerten wie Sterne, und ihre Flügel – ihre Flügel, die schimmerten wie Weihnachtsglas.

Ihre feinen Beinchen konnte sie nach allen Seiten drehen – sie konnte sich damit am Köpfchen kratzen und im selben Moment die Propeller putzen. Das war so herrlich – sie konnte es selber noch nicht begreifen. Bloß später – wenn sie Schuhe haben mußte – da würde es wohl ein wenig schwierig werden.  Sie brauchte nämlich sechs Schuhe auf einmal – aber bis dahin dauerte es noch.  Jetzt mußte sie sich erstmal in der Welt zurecht finden.

Ihre Welt – das war die Küche.  Mit dem großen Torfofen – und mit den Speck – und Schinkenseiten, mit den Mettwürsten in Kringeln und in langen,  Wurstdärmen – die an den dicken Deckenbalken zum trocknen hingen.  Für eine kleine Stubenfliege, wie Nelemale eine war, war es das Schlaraffenland.  In der großen, dunklen Speisekammer standen Töpfe mit süßem Rahm, mit Schmalz und Grieben und mit gelber Butter.  Sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie sich zuerst hinsetzen sollte. 

All diese Köstlichkeiten dufteten verführerisch – und sie schmeckten noch viel besser.  Hier ein bißchen probieren – da ein bißchen naschen – und zuletzt noch ein wenig am Honig schleckern.  Die Flügel wurden ihr vom hin-  und herfliegen lahm – und die Beine schwer. Es war Zeit, ein wenig zu schlafen.  Hinter der Küchentür stand ein brauner Weidenkorb – innen mit roten Tüchern gepolstert – richtig heimelig sah es darin aus.  Da drin wollte sie eine gemütliche Mittagsstunde halten.  Mit flottem Schwung flog sie in den Korb.  Zwischen den Gerätschaften, die so im Korb herum lagen, richtete sie sich häuslich ein.  Hier noch einen Strich über die Flügel bürsten – da noch das ein oder andere Bein ausschütteln – und dann schlief  Nelemale zwischen Kaffee-flasche, Brotdose, Kautabakstange, Tabaksbeutel und Pfeife ein.  Wenn sie auch nur einen Flügelschlag Ahnung gehabt hätte, was das für ein Korb war – sie wäre da ja nie nicht reingeflogen.  Woher sollte sie es wissen? Sie war doch man gerade erst ein paar Stunden alt.  Kaum das sie eingeschlummert ist, schlägt jemand den Deckel zu – ihr bleibt fast das Herz stehenAuf einen Schlag ist es um sie herum balkendüster.  Na, ja – so kann sie wenigstens in Ruhe schlafen.

Nelemale – wenn du wüsstest, was dich erwartet.  Sie war in Harms Vesperkorb gelandet – und war jetzt auf dem Weg ins Moor.  Harm wollte Torf graben.  Nachmittags zur Kaffeezeit bekam sie erst wieder den Himmel zu sehen.  Der Korbdeckel war noch gar nicht ganz offen, da war sie auch schon draußen.  Doch was war das?  Dies war ja eine ganz andere Welt!

Ein Summen und Pfeifen und Brummen schwirrte durch die warme Sommerluft – und all die Farben.  Blau und braun und weiß und rot – sie konnte ihre sechskantigen Augen nicht so schnell bewegen, wie die neuen Eindrücke auf sie zukamen.  Große gelbe Schmetterlinge und schwarz-gelb gestreifte Hummeln saßen auf bunten Blumen.  Wenn sie wegflogen, waren sie fast betrunken vom Nektar – so schaukelten sie durch die Luft.  Die wollenen Köpfe vom Löwenzahn und weißes Wollgras flogen mit ihr um die Wette – sie wollten sicher wissen, wer schneller durch die Luft sauste.  In einer Zeit von nichts hatte Nelemale die Küchenwelt vergessen – so leicht ist das.  Hier draussen gab es keine Mauern und Wände – an denen man sich den Kopf stoßen konnte – hier draußen war die unendliche Weite.  Alles um sie herum leuchtete und trillerte und lockte – Nelemale schaffte es bald nicht, sich alles anzusehen.  Fffjjjjiiiieeet – was war das?  Eine Schwalbe war auf Flügellänge an ihr vorbei gesegelt – jungedi – das war ja noch mal gut ausgegangen.  In ihrer Küchenwelt hatte es diese Gefahr nicht gegeben – da mußte man sich als Stubenfliege bloß vor den Honigschleifen – die unter der Decke hingen – in acht nehmen.  Nelemale sah das aber ganz gelassen – beim Teufel brennt das Feuer – und im Himmel gab es eben Schwalben.  Über das aufregende Treiben rings um sie her hat sie noch mit keinem Seufzer an Essen gedacht – plötzlich macht ihr Bauch einen so lauten Hüpfer, daß die Mücke – die neben ihr auf dem Heidekraut sitzt – rückwärts auf die Erde fällt.  Wo ist die Speisekarte – die Speisekarte muß sie unbedingt abfliegen.  Die Tische, über die sie wegfliegt, sind mit den besten Leckereien gedeckt.  Oft sind sie so vollgepackt, daß die Schlemmereien schon über den Rand laufen.  Hoch in die Luft steigt Nelemale – von oben – mit der Sonne im Rücken – kann  sie alles viel besser sehen.

Da vorne – zwischen den Erikabüschen – auf dem kleinen Hügel – als wenn da eine Krone steht.  Rot und grün und honigfarben leuchtet es in die Sonne.  Da muß sie hin – das kann ja nur etwas besonderes sein.  Ohne viel Kringelei steuert Nelemale im Sturzflug darauf  los .  Lange vor den letzten Flügelschlägen steigt ihr schon verlockender Duft in die Nase – da läuft so einer kleinen Stubenfliege ja das Wasser im Munde zusammen.  Kaddaradabumm – was war das?  Benommen guckt sie um sich zu – auf einem großen Torfbrocken liegt sie – auf dem Rücken. Sie muß mit irgend jemand zusammengerasselt sein – auf ihrem Flug in den Speisesaal.  Da wo sie landen wollte, steht ein kleines Mädchen – so zart und fein – man kann glatt durch und durchgucken.  Grüß dich – Nelemale.  Wie Engelsgesang klingt die Stimme, die sie hört.  Ich bin Solamele – die Moorfee – ich muß hier im Moor aufpassen, damit auch alles seinen rechten Gang geht.  Ja man – aber warum hast du mich denn auf dem süßen, gelben Grund nicht essen lassen?  Mein Magen knurrt wie ein alter Hofhund – er hängt mir schon in allen sechs Kniekehlen.  Nelemale war richtig ‘n bißchen wütend auf  ihre neue Bekanntschaft.  Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte – du hättest nie mehr essen können – die kleine Moorfee schlug mit ihren seidenen Flügeln einen anmutigen Bogen.  Paß gut auf – gleich kommt der alte Knister-Knaster.  Seine Lebenskerze ist abgelaufen – den kann ich nicht aufhalten – dann siehst du, was passiert.  Solamele hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, hörte Nelemale ein Brummen.  Eine dicke, blauschimmernde Pferdefliege kam angetrommelt – flog drei, vier Bogen über der Krone – und setzte zur Landung an.  Der Dicke hatte sich auch wohl sein Abendbrot ausgewählt.  Ein paar mal hopste er über den gelben Grund – und dann standen seine Flügel still.

Bis er sein Kleckerlatz umgebunden , und Messer und Gabel zurecht gelegt hatte – das dauerte ein Weilchen.  Endlich saß er bequem und wollte so richtig loslegen – als es klapp machte – und die Krone sich geschlossen hatte.  Nelemale rutschte vor Schreck das Herz in die Hose – ganz blaß war sie geworden.

Jetzt weißt du – sagte Solamele, die Moorfee – wie es in der Natur zu geht.  Wenn ich meine Augen nicht überall hätte, würde unser Sonnentau alle Tiere auffressen, die ihn besuchen wollten.  Nelemale mußte erstmal kräftig schlucken – der Hunger war ihr rein vergangen – das tat sie sich aber dick hinter die Ohren schreiben.  Als sie sich nach einer Weile umdrehte,  um Solamele zu danken, war die kleine Moorfee schon lange anderswo – um Ordnung zu halten – im Leben hier im Moor.© ee

Karel Gott – ein Erinnern oder ein ehrlicher Nachruf …

Diese Erinnerungen bleiben . . .

Durch die vielen Musiksendungen und Rückblicke während der „stillen Tage“ bis zum Jahresende rückte so manche eigene, alte Erinnerung wieder in den Vordergrund des Empfindens.

Stars und Sternchen von gestern wurden wieder lebendig. Eine große Zahl von ihnen weilt noch unter uns – andere davon bedeckt schon lange Zeit der grüne Rasen. Einige erfreuen noch heute die Menschen mit ihren Fähigkeiten – bei der weitaus größeren Zahl der Interpreten der Vergangenheit musste man aber erst den Staub des Vergessen fortblasen.

Dabei kommt es häufig darauf an, auf welche Weise man die jeweiligen Erinnerungen eingelagert hat. Kleine Begebenheiten am Rande sind dafür oft ausschlaggebend gewesen.

Das wurde mir wieder einmal deutlich gemacht, als in einer Jahresendabendsendung die „goldene Stimme aus Prag“ – wie sie zu ihrer prominenten Zeit häufig benannt wurde – erklang.

Eine Freundin, die mir am Teetisch gegenübersaß, war sichtbar angetan von den Klängen aus dem Lautsprecher.

Verwunderung über meine Nichtbegeisterung schwang in ihrer Frage mit:

Machst du dir nichts aus der Musik von Karel Gott?

Verwunderung wohl, weil sie von mir wusste, daß ich gute Musik und schöne Stimmen zu schätzen weiß.

Es hatte mich erwischt – nicht meine Freundin mit ihrer berechtigten Frage, sondern das Lied und die Stimme von Karel Gott.

Ein Bild von 40 Jahre zurück wirbelte durch mein Empfinden, und machte die zweifellos eingängige Stimme für mich schrecklich ungenießbar.

Es war Anfangs der neunzehnhundertsiebziger Jahre.

Der kalte Krieg befand sich noch in seiner heißen Phase. Mitten durch Europa zog sich der eiserne Vorhang.

Durchlässig war er zu der Zeit nur für wenige auserwählte Getreue, die ungehindert in beide Richtungen hindurchgehen konnten – oder durften.

Diejenigen Zeitgenossen welche ungehindert hindurchgehen konnten, waren in der Regel Politiker aller Couleur. Die, welche ungehindert hindurchgehen durften – das waren hochrangige Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler oder auch Künstler.

Ohne Zweifel bezahlte ein Teil von ihnen die Reisefreiheit mit Angst und Sorge um ihre nächsten Angehörigen, die ja fast immer als Pfand auf der östlichen Seite zurück blieben.

An der Art und Weise, wie sie sich dann auf der westlichen Seite des Eisernen Vorhangs verhielten ließ sich leicht erkennen, zu welcher Kategorie Mensch sie zählten.

Zu diesen Reisebegünstigten gehörte auch der tschechoslowakische Sänger Karel Gott.

Für die damaligen Machthaber in der Tschechoslowakei war er eine ergiebig sprudelnde Devisenquelle. Auftritte in geldharten Ländern bestimmten sein Leben. Der heimische Alltag in Prag – mit den Nöten der kurzgehaltenen Bevölkerung – spielte da wohl nur eine untergeordnete Rolle.

In einer Nobelherberge an der Düsseldorfer Königsallee verdiente ich in den Jahren eine zeitlang meine Brötchen.

Die Lieder von Karel Gott bedeuteten mir sehr viel – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Sänger mit der goldenen Stimme persönlich kennenlernte.

Das ‘Hotel Münch an der Kö’ hatten die Manager des begnadeten Sängers während seiner Auftritte im Rheinland jedesmal für ihn als Standquartier auserkoren.

Das Haus war ebenso gediegen wie teuer. Die Herberge war der Stimme angemessen.

Die Zimmermädchen im Hause stammten fast ausschließlich aus Ländern der ‘Warschauer-Pakt-Staaten’ oder aus dem „neutralen Jugoslawien. Allesamt waren sie freundlich, hilfsbereit – und ebenso schlecht entlohnt wie ihre deutschen Kolleginnen. Bei ihnen hatte das westliche Geld allerdings einen anderen Wert, da sie in ihren Herkommensländern für eine gleiche oder vergleichbare Tätigkeit noch sehr viel weniger Lohn bekommen hätten.

Das soll kein Vorwurf an die Adresse meines damaligen Arbeitgebers sein – die Gastronomietarife waren eben so.

Aber gerade diese Mädchen vergötterten „ihren“ Karel Gott als ein Stück Heimat – als ein kleines Stückchen Traum von Freiheit und Wohlstand.

Es verging kein Tag, an dem nicht ein Hauch von Verehrung in seiner Suite hoch über der Königsallee zu finden war. Es waren meist Gegenstände, die sich die jungen Frauen vom Munde absparten, für die sie dann auf manches andere – vielleicht lebensnotwendigere – verzichteten.

Ich habe aber nicht ein einziges Mal während all der Jahre von dem, großen Karel Gott’ eine kleine Geste des Dankes an sie bemerkt.

Ein eigennütziges, kaltes Herz wandelte durch die westlichen Geldpfründe.

Diese Kälte hat meine Begeisterung für die goldene Stimme aus Prag damals eingefroren.

In diesem Zustand ist sie bis heute geblieben – trotz aller gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten Jahre.

Diese Erinnerungen bleiben!

© ee

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Am Anfang

Am Anfang

A m anfang ,
da gab es nur ein wort.
es war bei gottes geist
in sicherem hort
wir kennen es noch,
das wort heißt magie
und lebte fort in märchen und phantasie.

es heißt, sie haben damit
die erde bestellt.
sie wurden söhne der sonne
und götter genannt,
auch kinder des himmels
in manchem land.

man sprach von asgart, olymp
und dem dach der welt,
dem reich der mitte,
dem himmelszelt
sie trugen das wort,
doch sie waren zu schwach,
worauf das wort
in zwei teile zerbrach.

weiße und schwarze magie
es von nun an gab
die kraft des wortes
sank so herab.
so kam es zur erde
und mit ihm die welt
die gotteskinder
aus dem himmelszelt.

noch immer hatten sie
die macht auf der erde,
das wort magie, das große wort
– WERDE !
doch auch hier
mißbrauchten sie ihre macht
und haben sich so
um das paradies gebracht.

so wurden aus göttern
die menschen geboren
und bald hatten sie auch
die magie verloren.
mit ihren machtansprüchen
in dieser welt
haben sie die erde
zum fegefeuer bestellt .

ihre macht auch bald
zur gewalt degenerierte
und da gewalt sich auch heute
noch immer ausbreitet,
der mensch sich die erde
zur hölle bereitet.

© Chr.v.M.

In der Sonne frieren…

 

 

Deutschland hat ein Stück Geschichte hinter sich, dass trotz aller Bemühungen es zu polieren, keinen rechten Glanz bekommt. Ich denke, man mag es nicht her zeigen – wie ein unansehnliches Besteck, das nur im engeren Alltagsgebrauch auf dem Tisch erscheint. Auf meinem Weg durch die Zeit bewegt mich immer wieder aufs Neue die Leere im Innern vieler Menschen, denen ich begegne. Sei es, dass sie noch den Schwamm in der Hand halten, mit dem sie die Bilder fort gewischt haben – sei es, dass sie auf einen unbefleckten Bogen Papier sehen, auf den niemand geschrieben hat. Wer von den dabei gewesenen seinen „Ich weiß es noch“ Tresor ausgeräumt hat, mag sein Alter genießen und dieses Buch beiseite legen. Wer in seinem Wissen über diesen Abschnitt Vergangenheit Lücken sieht, dem empfehle ich weiterzulesen. Meine Erinnerungen an Erzähltes und Erlebtes mögen manchem vielleicht helfen, diese Lücken zu schließen. Ich danke allen, die in ihrem Reden mit mir, zu diesem Buch beigetragen haben – besonders denen, die eigenes Fehlverhalten als solches erkannt – und darüber nicht geschwiegen haben.. Ewald Eden.

 

 

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 247 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 84 Seiten
  • Verlag: Gedankenflut (21. Juli 2013)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00E368Q7G

Kindle Edition :  3.09 Euro

Taschenbuch :   6.89  Euro

seine Worte gegen das Vergessen … berührend, wahrheitsgetreu, wichtig und  wortgewaltig. Ein empfehlenswertes Taschenbuch das auch auch als Kindle Edition zu erhalten ist.

über Amazon           :                                 Amazon : in der Sonne frieren

Dem Himmel ein Stück näher …

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Dem Himmel ein Stück näher …

E in guter alter Freund, mit dem ich über Jahre keinen oder nur sporadischen Kontakt pflegen konnte, war durch des Schicksals Walten mir unversehens wieder ganz nahe gerückt worden. Seine langjährige Partnerin, mit der er gemeinsam in jugendlichen Drangjahren so manchen Strauß mit einer dahinsiechenden politischen Gesellschaft ausgefochten hatte, war, für ihn und sicher auch für andere, vor Jahresfrist ohne große Vorwarnung von seiner Seite abberufen worden. Das war mir aus diversen Nachrufen in den medialen Netzwerken bekannt.

Nun hatte mich eine Mutter aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft gebeten ein paar Momente der kirchlichen Trauung ihrer Tochter zur Erinnerung für sie im Bild festzuhalten. Die Besiegelung des Eheversprechens würde durch den Pastor der Baptistengemeinde in deren Bethaus in Jever stattfinden.

Ohne zu zögern und ohne zu wissen auf wen und auf was ich dort treffen würde, sagte ich zu. Erfreut, verblüfft und verwundert zugleich erkannte ich in dem Bräutigam meinen alten Freund aus einer vergangenen Zeit.

Klar hatte er und auch mich durch nicht so schöne körperliche Unbefindlichkeiten in der äusseren Erscheinung ein wenig verändert – meines Freundes innere Einstellung zum Leben hatte aber offensichtlich auch eine bedeutsame „Kurskorrektur“ erfahren. Von der Rebellion zur Reformation – so war mein Denken bei unserer Begegnung während der Trauzeremonie. Mein Freund war für mich auf der Suche nach einem neuen Weg für alle seine Tage. Die Bitte an mich, doch seiner in Kürze anstehenden Aufnahme in die evangelisch-freikirchliche Baptistengemeinschaft und der damit verbundenen Taufe beizuwohnen habe ich dann mit Freuden und einer gewissen unbekannten Erwartung von etwas Ungewöhnlichem entsprochen.

Irgendwie trieb mich auch die Neugierde, denn die Art und Weise der Taufe sollte ja nicht den allgemein bekannten Ritual der „Kleinstkindstaufe“ – mittels einer priesterlichen handvoll geweihten Wassers auf das Haupt des Täuflings getröpfelt – der christlich ausgerichteten Amtskirchen in unserem Lande entsprechen. Meine Wißbegierde wurde gestillt, mein „Unwissen“ in dieser Hinsicht gründlich ausgeräumt, denn was mich beim Eintritt in den auf allen Plätzen gefüllten Kirchenraum berührte war ein Willkommen der Seelen aller in dem Raum anwesenden Personen. Die hingebungsvoll an der Orgel sitzende Organistin, der Anblick der augenscheinlich mit ihrem Instrument verschmolzenen Flötistin und der mit seiner Klampfe eins gewordene Gitarrist bildeten eine den Ohren wohlgefällige Klammer um die mit fröhlicher Begeisterung singende Gemeinschaft. Und in alldem lebensfrohen Miteinander der Generationen wurden mittendrin schon lebenserfahrene Menschen als Geschöpfe Gottes nach Johannes des Täufers Vorbild „ganzkörpergetauft“.

In dem Moment ging mir auf, dass mein Freund nicht mehr nach seinem Weg suchte, sondern dass er ihn gefunden hatte. Ich muß gestehen, dass auch ich mich in diesen Augenblicken dem Himmel ein Stück näher gefühlt habe.

©ee 

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Schreibwerkstatt 2

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thanks

Der Instrumentenladen …

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Der Instrumentenladen …

Jette und Heidi hatten ein schönes, langes Wochenende vor sich. Keine große Planung für eine kleine Reise, oder so. Nix von dat. Jette war man noch so eben an einer kleinen Reise nach Leipzig vorbeigerutscht. Ein Husten quälte sie seit ein paar Tagen.

Sie hatte sich doch im alten Jahr, noch von jemand, den sie gar nicht so recht mochte, zu etwas überreden lassen, was sie auch gar nicht so recht mochte.  Es sah fast so aus, als wenn der liebe Gott da ein bißchen Verhinderer gespielt hätte – er hatte Jette einfach krank werden lassen, sodaß sie den Bus, mit den  abgedrehten Doppelkatholiken aus dem Münsterland, alleine sausen lassen mußte. Kaum das die Abgase des Reisegefährtes in der schönen Siegerlandluft nicht mehr zu riechen waren, ging es ihr auch schon wieder erheblich besser.

Auf diese Weise konnten Heidi und Jette, ein ganz schön verlängertes Wochenende lang, einfach ihren Neigungen freien Lauf lassen. Also – die Seele baumeln lassen, und Lüste streicheln war angesagt. Und das alles ohne gesellschaftlichen Zwang. Schon  am ersten Tag blühten die beiden richtig auf.

Sie konnten malen, schreiben, kochen, essen, schwimmen gehen – so wie es ihnen gerade einfiel, nur nach Lust und Laune. Ach, ja – Skippo spielen natürlich auch. Hee – ihr wißt nicht, was Skippo ist? Skippo ist das Spiel, was richtige Weibsen süchtig macht. Jetzt wißt ihr es – mehr will ich euch dazu auch nicht verraten.

Bei allem, was sie in ihrer Glückseligkeit so anstellten, hörten sie Musik, zu der sie dann am liebsten auch noch eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hätten.

Für den Sonntagmorgen hatten sich Heidi und Jette einen Saunagang vorgenommen. Diesmal sollte es eine gemischte Sauna sein. Von wem von den Beiden die Idee dazu gekommen war, wussten sie schon nicht mehr. Das war ja auch piepegal. Heidi hatte sich zwar leicht geschüttelt, als sie an die vielen kleinen Probleme dachte, die sie in der „gemischten Sauna“ zu sehen bekommen würden, aber laß es uns angehen – wir werden es überleben, meinte sie nur zu Jette, die angesichts dieser Aussichten schon verhalten in sich rein lachte.

Der Sonntagmorgen stand vor der Tür – die Sauna stand plötzlich auch vor ihnen, also – nix wie raus aus den Klamotten, und nix wie rein in den Schwitzkasten.

So ein ganz klein wenig trieb Heidis unbekümmerte Eingangsbemerkung Jette denn aber doch eine leichte Röte ins Gesicht:

„Mein Gott, Jette – was ist das nur für ein schöner Musikinstrumentenladen. Guck doch nur mal die vielen kleinen Flöten, die hier überall herumhängen.“

© ee

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