Wir können…

W ir können sehen, hören, fühlen, schmecken,
wir können viele Dinge greifen –
wir müssen nur die Welt entdecken,
und sinnwach durch das Leben streifen.

Ob es der Schmetterlinge Lachen,
ob es der Wolken sinnlich ziehen,
oder der Blitze Donnerkrachen
in hoher Luft zu Bild gediehen.

Wir hör’n der Bäume Äst’ sich biegen
wenn Lüftes Braus’ sie übermannt
wenn Sturmes Händ’ sie heftig wiegen
in Abendsonnens rötlich’ Brand.

Wir hör’n der Vögel Zweiersprach
mit dem Schöpfer uns’rer Erden,
und lauschen ihnen ganz gemach
im Hoffen auf das rechte Werden.

Wir hör’n geformte Steine wispern
in festgefügtem Mauerwerk
wie sie belustigt flüsternd knispern
über erhaben dünkend Menschenzwerg.

So rat’ ich nur dem Wind zu lauschen –
was er auf seinen Schwingen trägt,
wenn Wolken sich am Himmel bauschen
und Gottes Hand die Erd’ bewegt.

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Die Mutprobe oder etwas anderes.

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Er hatte breite Schultern. Er war der Stärkste. Der Größte. Der Klügste und mein bester Freund.

„Was siehst du?”, flüsterte er von unten hoch. Ich klammerte mich am Fenstersims fest.
Krampfhaft bemüht nicht ab zu stürzen und mein Kinn zwischen die Geranientöpfe geklemmt.
„Halt ruhig, sonst sehe ich nichts!”. „Mensch bist du schwer!“, kam es wieder von unten.
Also lies ich mich langsam herunter gleiten.

„Oma Lore hat die Küchenschürze über den Stuhl gehängt und ist in den Nebenraum gegangen.
Das Licht ist aus”. Tom drehte sich zu mir um und klopfte sich den Staub von der Schulter ab.
„Dann nichts wie rein in die gute Stube !”
Er grinste: „Du traust dich doch, oder?” „Klar!”, sagte ich. „Sollte ich zugeben, dass ich Muffensausen hatte?

Sie ist nun weg, lass uns noch…“ Doch er war schon an der Tür, öffnete einen Spalt und war im Küchenvorraum verschwunden.
„Hey, warte doch!” Ich drängte mich schleunigst in das Dunkel, warf dabei einen Stuhl um, dass es nur so polterte.
Mir blieb das Herz stehen.

Das Licht ging an und Oma Lore erschien wie ein Donnerbote.
„Was treibt ihr denn hier im Dunkeln? Wollt ihr kein Licht machen?

Ich sah zu meinem Freund. Er hatte schon das gesamte Kuchenblech unter dem Arm.
In Omis Gesicht wurden die Falten  tiefer.
Jetzt wird sie bestimmt…!

Doch sie schmunzelte nur: „Ihr habt Hunger?
Der Kuchen ist aber noch nicht kalt. Er muss noch eine Weile abkühlen“
Meinen Freund mit ihrem Kuchenblech übersah sie wohlweislich.
„Hier!”  Sie reichte mir zwei rotbackigen Äpfel.
„Setzt euch dorthin und wartet noch ein wenig. Ich schlag schon mal Sahne.”Sie drehte sich um und verschwand in die Küche. Verdutzt stellte Tom das Blech wieder ab und ich reichte ihm den zweiten Apfel.
„So geht es auch”.

Ich sinnierte: Über Großmutters großes Herz, während ich in den Apfel biss.
Dass es hier im Küchenvorraum so herrlich nach Zimt duftete.
Über das Zuhause und die Ehrlichkeit und auch über
meinen Freund:

der klein, mit schmalen Schultern zusammengesunken auf dem Hocker saß und sprachlos verlegen kaute … © Chr.v.M.

Spazierfahrt in`s Tagesglück.

Spazierfahrt in`s Tagesglück.

Wogende Wiesenhalme, die schüchternen Blütenköpfe in den Himmel gesteckt, im Tagesgold dengelt ein Mann, blitzt silbern die Sense, tanzen ahnungslos zwei blaue Schmetterlinge bis es zischt und ein Marienkäfer unbemerkt auf erdbraunen Schuhen landet, Halm um Halm fällt, stoppelig der Boden, lang die Arme weit ausgestreckt dann wieder angewinkelt, den Rücken gekrümmt, Strich um Strich, Fleißbilder in die Luft gehängt, den Schweiß auf der Stirn und eine fröhliche Melodie auf den Lippen, das nun der Wald den Heuduft einfängt und das Peitschen der Hiebe, auch das fliehende Lied auf den Lippen des Bauern bei dem Gedanken eines vollen Schobers und sie weiter fährt unbemerkt,

den rollenden Kinderwagen mit klapperbunten Holzspielzeug über den Kiesweg schiebt und der Specht klopft aus dem Grün im Takt beständig,

wie sie nun gluckst vor Vergnügen, die Kleine. © Chr.v.M.

Pfefferminzatem

Morgens noch Pfefferminzatem
Über dem Zaum
reitet der Neubeginn.
Tagfrische sprüht Arbeitsfunken.

Unter dem Schmalspurtraktor
quillt das Süß der Trauben,
wirbelt den Mittag
schweißttreibend auf,

hängt die Staubfahne klebrig
im Nachmittagsglück,
bis zum weinroten Abend
am Wirtshaustisch
sich sinnlose Debatten zerschlagen
dann ein Torkeln.

Zugeklappt die Bordsteine
zwischen der Dorfidylle
schwimmen sie wieder
in der Mondschale,

die Sterne der Nacht,
vor Freude trunken
bis zum Morgen.

© Chr.v.M.

EBEN noch.

Eben noch den Frühling gespürt,
buntgeträumt in Blütenschäume,
dann aufgewirbelt
über erwachte Weinberge geweht,
dazwischen das Grün wachsen hören
hinter den Sandsteinmauern kriecht Efeu
vom letzten Jahr den Monaten hinterher,
dämpft die Geräusche
der Schmalspurtraktoren
in grünblau der Himmel
schweißdurchzogen
mit hochgekrempelten Ärmeln und schmalen Lippen
den letzten Rest Arbeit mittags noch versprüht
giftgelb
unter den Rebstöcken
bebt das Ungeziefer
bis zum Abendtod,
eben noch
und nun Sonnenheiß,

platzt protzig das Reife.

© Chr.v.M.

Herbst- Blicke

Herbst- Blicke

im Licht des Jahres

manche tage grau durchwirkt im regen
bis die erde zwischen den falten platzt
wiederkehrendes grün aufgebrochen
dann bloß gelegt zum staunen


und hinter sonnengebleichten blättern
erahnte farbvielfalt im himmelbogen
bis der letzter tropfen zittert
seidig kühl an wiegenden stielen

ein funkelndes nass
als konkurrenz im wettbewerb :

color für herbsttage

© Chr.v.M.