Sternstunden …

Sternstunden …

 

Zur Welt gekommen bin ich in einer Zeit, als es in Deutschland noch gehörig dunkel war. Zwei Tage vor dem heiligen Abend im Jahre 1944.

Hilfreiche Hände holten mich mittels Kaiserschnitts aus dem Bauch meiner Mutter an das funzelige Licht der Notbeleuchtung im Bunker des St. Willehad Hospitals in Wilhelmshaven. Die Kaiserschnittgeburt bewirkte, dass ich am Anbeginn meines Erdendaseins nicht gepresst, gedrückt und verunziert ausschaute, wie andere Neuerdenbürger, die den von Mutter Natur eigentlich dafür vorgesehenen Weg, aus der behüteten Enge das Mutterleibes als Wiege des Lebens, in die Freiheit der Welt nehmen müssen.

Als wollte der Herr des Lebens mein Erscheinen auf der Bühne des Lebens noch besonders herausstellen, hatte er mein Haupt schon gleich mit einer Fülle von lockigen dunklen Haaren geschmückt. Es soll prächtig ausgesehen haben. So wurde es mir in späteren Jahren noch oft erzählt.

Das alles geschah in einer für die Menschen in Deutschland mehr als schwarzen Zeit, zwei fingerbreit vor Weihnachten. Der Ort des Geschehens war ein katholisches Krankenhaus mitten im evangelischen norddeutschen Plattland.

In diesem Krankenhaus gab es als Hausbedienstete zu der Zeit noch nur Ordensschwestern, Nonnen also, die im heutigen Sprachgebrauch auch gerne als „schwarz“ bezeichnet werden. Diese Frauen waren damals in der schlechten Zeit zwischen Tod und Verderben wahrhaftig helle Lichtgestalten. Sie waren einfach weiße Engel. Damit ist es wohl recht getroffen. So haben sie auch an Heilig Abend 1944 mit ihren bescheidenen weil beschränkten Mitteln versucht, in den Köpfen und Herzen der Kranken, der Verwundeten und der Hoffnungslosen am Rande des großen Elends ein wenig den Glauben an ein Ende des Schreckens wiederzuerwecken.

Sie sind in der Heiligen Nacht bei Sirenengeheul und Fliegeralarm mit der hölzernen Krippe aus der Weihnachtsgeschichte von Bettstelle zu Bettstelle gezogen, um die Menschen in den Betten und auf den Notpritschen ein wenig zu trösten. Sie hofften, dass die Patienten den Krieg, der über der Stadt und ringsum im Lande tobte, für ein paar Minuten vergessen würden.

Um dem Wunder von Weihnachten ein lebendiges Gesicht zu geben, hatten sie mich, den gerade Neugeborenen, in die Krippe gelegt. Ich soll so zufrieden ausgeschaut haben, dass viele der Leidenden ein wenig Freude mit in die heilige Nacht genommen haben.

Eine geraume Weile später war dann die Hölle des Tausendjährigen Reiches ausgestanden. Die Bevölkerung des Landes musste aus den tiefen Löchern, in denen sie sich nach den Jahren mit Feuer und Tod noch befand, auf die Ebene des normaltäglichen Zusammenlebens wieder herauskriechen.

Allein mein Vater der wollte nicht mehr kriechen – auch nicht nach oben und ins Leben. Ich kann nur vermuten, dass ihm das bis dahin im Leben erlebte für sein Leben reichte.

Er war mit offener TBC von See und aus dem Kriegsgetümmel an den heimischen Herd zurückgekommen. Er litt an der Schwindsucht, wie die Nachbarn es hinter der Hand nannten. Wenn es denn böse Nachbarn waren, und deren gab es in der Zeit auch schon reichlich – dann riefen sie es ihm und uns auch wohl laut hinterher. Als er denn am 29. im Hornung 1952 seine letzte Piep geschmökt, und den Löffel endgültig aus der Hand gelegt hatte, da war auch diese Zeit vorüber. Menschen sind ja sehr vergesslich, besonders wenn es denn um ihr eigenes Fehlverhalten geht.

Wenn ich jetzt schreiben würde, ab da musste unsere Mutter alleine dafür Sorge tragen, dass auch bei uns das Leben wieder in geordnete Bahnen einmünden konnte, so würde das nicht den Tatsachen entsprechen. Unsere Mutter hatte von Anbeginn ihrer Ehe den größten Teil aller Last getragen. Der ihr Angetraute befand sich ja zumeist in seiner Koje auf See, oder an Land in den Betten irgendwelcher Seemannsbräute auf der nördlichen Halbkugel des Globus. Meiner Mutter war mit dem frühen Dahinscheiden des Vaters ihrer Kinder eine große Erleichterung in den Schoß gefallen. Jetzt war sie offiziell das, was sie zuvor immer schon gezwungenermaßen sein musste, nämlich der „Herr im Hause“ .Sie war ein gütiger Herr im Hause, muß ich hinzufügen (sie versuchte es zumindest zu sein, gelungen ist es ihr freilich nicht immer so ganz). Sie war auch weiterhin, so wie auch die Jahre zuvor, ständig unterwegs, um den Familientopf am kochen zu halten.

Und ich als lütten Büdel – denn ich war ja so etwas wie ein Nachkömmling – war fast überall dabei, und habe mit Kinderaugen in viele „Geschäftsvorgänge“ hineinschauen können, die für das Schauen durch Kinderaugen noch gar nicht bestimmt waren..

Wenn ich so an die Jahre und das Erleben meiner Kinderzeit in der Zeit als die Zeit langsam ein wenig hellerer wurde, nach Rückwärts entlang schaue, dann weiß ich, dass mir da doch ganz häufig etwas zugefallen ist, so etwas wie den Menschen 1944 im Bunkerhospital von St. Willhad.

Ich kann mich an viele dieser Momente erinnern, als wenn das Geschehen erst Gestern war.

So auch, wenn wir – meine Mutter und ich – den ganzen langen Tag in Ostfriesland von Haus zu Haus unterwegs waren. Wir beide mit Mamas altem Drahtesel von Fahrrad. Sie saß auf dem Sattel und strampelte in die Pedale, während ich wie ein Königskind gut in dem an der Lenkstange vor ihr befestigten Weidenkorb aufgehoben war. Bei jedem Wetter waren wir unterwegs, selbst bei Sturm und Hagel.

Die Hintour nach Ostfriesland führte stets über Sillenstede und Jever. Kaufmann Gemblers Gemischtwarenladen in Moorwarfen war der erste Halt auf der Strecke. Hier wurde die erste Ware abgeliefert – der erste Tee und der erste Genever blieben hier zurück und harrten hinter dem Ladentresen auf den Verzehr durch die Endgenießer.

Was meine Mutter von Kaufmann Gembler als Gegenwert dafür bekam, das will mir partout nicht wieder einfallen (oder ich habe es gar nicht zu wissen bekommen) – aber was ich stets auf der ersten Station bekam, DAS meine ich heute noch manchmal auf der Zunge zu schmecken.

In einer solchen Zeit wie der damaligen zweimal die Woche schon des Morgens in der Frühe eine große mit Bonbons gefüllte Spitztüte in die Hände gedrückt zu bekommen – DAS war durchaus NICHT normal, und so etwas vergisst ein Mensch wohl auch sein Lebtag nicht wieder.

Ich habe es jedenfalls nicht vergessen.

Ein paar Kilometer weiter und ganz oft in die Pedale treten später gab es immer den nächsten Halt. Bei einem Onkel von mir, dem Mann einer in 42 verstorbenen Schwester meiner Mutter. Tante Anni war nach der Geburt ihres einzigen Kindes dem Kindbettfieber erlegen. Später habe ich oft gedacht, dass sich Schicksale wiederholen, denn ihr Mann ist einige Jahre später auch einem Fieber erlegen, nämlich dem Suff, dem Alkohol, dem er sich schon früh ergeben hatte. Das ist aber eine oder viele andere Geschichten.

Wo wir anschließend am Tage dann in Ostfriesland auch Station machten – und das waren nicht gerade wenige Privathäuser, Bauernhöfe, Kolonialwarenläden und Krüge (Dorfkrüge, Gaststätten) – überall da fiel ein bisschen was für mich ab.

Und die Welt konnte es mir damals durchaus schon ansehen – ich nannte von klein auf an einen unverkennbaren „Speckbauch“ mein Eigen. Bei einer solchen Verwöhnbeköstigung war es ja aber auch kein Wunder.

Bei meiner Tante Leni, als meiner Mutters jüngster Schwester, in Bernuthsfeld währte der Aufenthalt zumeist ein wenig länger. Essen und Trinken standen schon in der Wohnküche auf der Tafel parat, wenn Mama und ich von der Willmsfelder Chaussee in den Sandweg abbogen, der zu ihrer Hausstelle führte. Ganz gleich, welche Zeit die Uhr auch gerade anzeigte.

Ihr Lebensgefährte, Onkel Gustav, der sorgte schon dafür, dass mir auch genug von der besten Wurst und dem leckersten Schinken zwischen die Zähne geriet.

In seiner Alltagsarbeit war er nämlich Schlachter. Er bestand aber auf der Berufsbezeichnung „Metzger“ – er kam nämlich aus dem Westfälischen und war in den Nachkriegswirren bei Tante Helene wegen oder mit irgendwas „hängengeblieben“. Damit teilte er ja das Schicksal vieler „Nachkriegsmänner“, die irgendwo in Deutschland mit irgendwas hängengeblieben waren. Und sei es nur aus Freude, als Spaß an der Sache sozusagen.

Wenn er mich ansah, dann leuchteten auf jeden Fall seine Augen vor Freude.

Tante Leni sagte irgendwann einmal zu mir: „Wenn Gustav di sücht, denn hööcht hüm dat hoast mehr, as wenn he sükk een moied Schlachtschwien ankikkt“. (Wenn Gustav dich sieht, denn freut es ihn fast mehr, als wenn er sich ein schönes Schlachtschwein ansieht.)

Es war schon eine besondere Zeit damals.

Einzig bei meiner Oma, die ein paar hundert Meter weiter schräg übers Moor wohnte, da gab es nix – nicht für mich und nicht für meine Mutter oder für meine Geschwister zuhause.

Meine Oma die war so was von grannig (geizig) – sie ist trotz ihrer bis zum Bersten gefüllten Speisekammer im Bett verhungert.

Sie duldete auch niemanden in ihrem Hause und um sich herum. Alle Besucher, und damit meinte sie vordergründig ihre Familie, die zu ihr ins Haus kämen, die wollten sie eh nur bestehlen. Das meinte sie wirklich so – und das sagte sie auch jedem Menschen so.

Oma Meta war aber gottseidank eine der großen Ausnahmen in der Reihe meiner Kinderzeiterfahrungen.

Denn wo mich der Weg meiner Mutter sonst auch hinführte, überall haben die Menschen mich etwas Besseres wissen lassen.

Bei Djuren zum Beispiel – da im „Bernuthsfelder Hof“ – da stand für mich bereits ein Glas mit Brause auf dem Tresen, kaum dass man drinnen in der Gaststube Mamas Rad draußen an der Hausmauer klötern gehört hatte. Wer hat als ein Steppke, dessen Nase noch nicht einmal über die Tischkante hinausragte, in dieser Zeit denn schon Brause ausgeschenkt bekommen – und das auch noch in einem echten verräucherten Dorfkrug, in einer richtigen Kneipe.

Des Öfteren ließ Mama mich auch wohl für ein paar Stunden bei den Müllers in Verwahr. Die Müllers hießen Müller, sie waren aber Ackersleute. – es waren nur noch Mutter und Sohn Müller – Vater Müller war aus Rußland nicht wieder heimgekehrt. Er war 1944, trotzdem er Bauer auf eigener Scholle war, in den Krieg gezogen worden, weil er etwas von wahnsinniger Kriegsführung gesagt hatte. Ein Nachbar als strammer Parteigenosse hatte es gehört, und umgehend für die Verschickung gen Osten, an die Front in Feindesland, gesorgt. So war Sohn Renko, obgleich ein noch fast bartloser Jüngling, schon Bauer auf dem Hof an der Willmsfelder Chaussee, direkt am Meerhuser Busch gelegen, geworden.

Mich ließ Mama jedes Mal dort in Verwahr wenn die Zeit sie drängte. Ohne mich als „Vorsitzer“ konnte sie denn doch schneller durchs Moor und zu den abseits gelegenen Hofstellen radeln. Denn ganz gleich wie die Begleitumstände waren, sie durfte keinen Kunden auslassen. Das waren die Menschen in ihren oft Einsiedeleien von Sophie nicht gewohnt, denn viele kannten meine Mutter ja schon als treue und verlässliche Warenzuträgerin aus den Fischhandelstagen meiner Großeltern gleich nach dem ersten Weltkrieg.

Wenn sie mich also „zwischenparkte“, dann bedeutete es für sie eine kurzfristige Erleichterung, und für mich war es das reinste Vergnügen, denn die Müllers hatten scheinbar an mir irgendwie einen Narren gefressen. Ich durfte auf dem Bock des Pferdewagens den Kutscher spielen, Renko brachte mir das sich fortbewegen auf einem Pferderücken bei, das Kühemelken, das Schweinetreiben und viele andere Dinge, die einem Stadtkind unbekannt blieben lehrte er mich. Ich war völlig ungebunden, und konnte eigentlich machen was ich wollte. Dass ich trotzdem ständig unter Kontrolle war, das habe ich in den ganzen Jahren nicht einmal bemerkt. Ich war Renko Müller sein Patzmann, sein Großknecht, wie er mich den Nachbarn gegenüber stets benannte.

Seine Mutter – „Tant’ Müller“ wie sie allgemein nur hieß – machte nur für mich zur Teezeit immer Kakao, weil Großknechte, wie sie es mir stets wiederholte, vom Teetrinken doch eine schlappe Nase bekämen. Dass Großknechte vom „ganz was anderes trinken“ eine „schlappe Nase“ bekamen, das hat sie mir wohlweislich verschwiegen, die Gute.

Der Kakao den sie mir bereitete – Schokolade sagte sie vornehm – der war aber auch vornehm. Aus dem dunkelsten Kakaopulver und Milch, die noch warm von der Kuh war, zubereitet – mit viel Zucker und obenauf dann noch ein ordentlicher Schuß vom gelben Rahm …

Es ist jetzt ja leicht verständlich, dass er mir hervorragend geschmeckt hat, und geholfen hat es ganz sicher auch.

Wenn ich die Erinnerung daran Revue passieren lasse, dann ist mir nach so vielen Jahren immer noch zumute, als wenn mir damals ein Engel übers Herz gepinkelt hat.

Auf halbem Wege von Sandhorst nach Dornum – in Willmsfeld am Abzweig der Strasse nach Neuschoo und gegenüber der ersten mit elektrischer Motorkraft betriebenen Getreidemühle – befand sich der Handel von Kaufmann Jülfs. Bei Jülfs gab es einfach alles zu kaufen, was die Menschen auf dem Lande, abseits der großen Heerstrassen, zur Bewältigung des Alltags benötigten. Das war in der Tat auch damals schon eine gehörige Artikelvielfalt, obwohl die Menschen auf ihren Höfen den kleinen Landstellen zumeist noch Selbstversorger waren, zumindest war es so, was den Bedarf für die menschliche Ernährung, das Futter fürs Vieh und das zum Heizen und Kochen benötigte Brennmaterial betraf.

Kaufmann Jülfs und sein Kolonialwarenladen standen natürlich auch als größerer Posten auf der Kundenliste meiner Mutter. So war das, was mir die Mamsell bei unseren Besuchen im Kontor regelmäßig als Wegzehrung in meine Taschen steckte, mit der Zeit auch zu einem größeren Posten auf meiner Leckereienliste geworden. Es waren jedes Mal Kringels in allen Variationen – mal in Teiggebäck, mal in Schokolade und denn wieder aus Fondantmasse. Je nach Jahreszeit und Festrhythmus. Mama hatte man gerade den Dreh vom Hof herunter in Richtung Eversmeer hinter uns gelassen, da war ich jedes Mal schon den Kringels zu Leibe gerückt. Aufhöre zu gnaueln konnte ich immer erst, wenn alle süßen Kringel den Weg in meinen Bauch gefunden hatten. Obwohl, ich wollte eigentlich es gar nicht, weil ich mir jedes Mal vorher fest vorgenommen hatte, einen Teil davon mit nach Hause zu nehmen.

Nach jedem Tag durch Ostfriesland mussten wir ja des Abends wieder Richtung heimatlicher Haustür, was für meine Mutter oftmals ganz schön beschwerlich war, denn erstens hatte sie ja den Tag über schon zigtausende male in die Pedale getreten und zweitens war die Fracht auf dem Fahrrad ja nicht weniger, sondern auf jeden Fall um einiges schwerer geworden. Waren es des Morgens beim Start von zuhause – ausser ein paar Flaschen Brannt als Schmiermittel für den Fall eventueller Kontrollen zwischen den Ortschaften – nur zehn Pfund schwarzerTee (der teure Herrengenever und die edleren Damenliköre wurden in der Regel mit Jan Peters Omnibus – einem Holzgasveteran der kriegerischen Magerjahre – von Fedderwardergroden Richtung Ostfriesland vorausverfachtet, so dass meine Mutter im Verteilerlager zwischen Plaggenburg und Sandhorst nur noch die Regularien zu kontrollieren und bei Bedarf noch geringe Mengen zu verteilen hatte. Nach getaner Arbeit, das heißt nach erfolgreichem Geschäftsverlauf waren es am Abend dann zweifelsfrei einige Pfünder mehr, die mit uns den Heimweg antraten – ja, antreten mussten, weil der Bremerhavener „Willy“ – so hieß der Jeep des amerikanischen Lieferanten – noch in der halben Nacht den Anteil des Colonels mit zurück nach Bremerhaven, in die US-amerikanische Exklave, nehmen musste.

Ein bestimmtes Quantum an Ware ging an bestimmten Tagen eine Teilstrecke wieder den Weg zurück Richtung heimatlicher Produktionsstätte. Das waren die Tage, an denen Weert, der alte Bäcker Ulferts in Hooksiel, auf bestimmte Spirituosen und eine besondere Sorte von Tee sehnsüchtig wartete. Wenn im Warenbestand außerdem noch Restbestände vom zurückliegenden Tag waren, dann blieben diese komplett in Onkel Weert’s Backstube. Dafür gab es dann für uns Besonderheiten, allesamt von Meisterhand gebacken. Wenn ich in meinem Hochsitz vor dem Lenker spitz bekam, dass Hooksiel voraus lag – es mochte noch so düster und bullerig sein, ich spürte es – denn hatte ich von einer Sekunde auf die andere einen heißen Hintern und vermochte in meinem Korb nicht mehr stillzusitzen. Wenn jemand jetzt nach dem Grund für dieses seltsame Verhalten fragt, dann kann ich es recht schnell und einfach erklären – der Grund das war das Ende von einem frischen, noch ofenwarmen Korinthenstuten, das der alte Bäckermeister einfach so vom Ganzen abbrach und mir in meine kleinen Fäuste drückte, kaum dass wir in der Tür der Backstube standen.

Es konnte noch so schietwettrig und ungemütlich sein – in diesem Moment war es für mich jedes Mal, als wenn in seinem Rücken die Sonne aufging.

Jaja … es hat eine Menge solcher Sternstunden in meinem kleinen Leben gegeben. Ich habe das, glaube ich, so ein wenig als mein Weihrauch, Gold und Myrrhe angesehen, weil die heiligen Drei Könige ja an Heiligabend vierundvierzig nicht zu mir ins Bunkerkrankenhaus an die Krippe kommen konnten.

Die Sternschnuppe – das hellste Licht – das habe in der Mitte der fünfziger Jahre zu sehen bekommen. Es war meine Zeit im Hause Vieth – meine Zeit als Hein Vieth sein Jakomo, wie er mich zeit unseres Zusammenlebens in Erinnerung an eine Figur aus seiner Jugendzeit, stets mit einem warmen Schimmer in seinen Augen, nannte.

Hein Vieth, das war ein Milchmann wie er leider nur noch auf alten Erinnerungsbildern zu finden ist. Die Anfänge seines Handels mit Milch- und Molkereiprodukten waren noch von Pferd und Wagen geprägt, von dessen Ladefläche aus er an den Häusern längs der Strassen all die Kuhsaftköstlichkeiten aus der Molkerei Neuende und später dann die der Hooksieler Meierei unter die darbende Stadtbevölkerung brachte.

Die Verhältnisse änderten sich nach dem Ende der kriegerischen Handlungen allmählich, und allmählich veränderte sich auch die Art und Weise des Viethschen Handels vom ambulanten Strassenverkauf über eine stationäre Holzbude hin zu einem richtigen Ladengeschäft in einem stabilen Gebäude. Aus der fahrbaren Milchverteilerstelle war ein handfester und begehbarer Kaufmannsladen geworden.

Und jetzt kommt das, was mich an dieser Sache persönlich betrifft – das, wodurch die besagte Sternschnuppe für mich sichtbar wurde.

Hein Vieth war durch des Schicksals Fügung und durch Verheiratung meiner Schwester Mathilde mit seinem Sohn Lür ja nun amtlich zum Schwiegervater meiner Schwester erklärt worden. Meine Schwester hat dieses neu entstandene Verwandtschaftsverhältnis für sich nicht immer nur als Glücksfall betrachtet – das weiß ich. Dafür gäbe es ganz sicher auch viele Beispiele anzuführen, die ich aber anderen Geschichten vorbehalten möchte.

Für mich, für mich war es ohne jeden Zweifel ein echter Glücksfall, eben eine Sternschnuppe am sonst oftmals trüben Alltagshimmel.

Meine Mutter betrieb ja seit 1948, seit Einführung der neuen Währung – der D-Mark – keine Schwarzhandels- oder Hamstergeschäfte mehr.

Die US-amerikanische Teequelle in Bremerhaven war durch Intervention der Tommis, wie wir die britischen Militärs umgangssprachlich nannten, der britischen Besatzer unseres Landstriches, endgültig trockengelegt. Infolge dieses Quellenschlusses versiegte auch der ständige Zuckerzufluß aus dem Freihafen in unser Rohstofflager als unabdingbarer Grundstoff für meiner Mutters Destilleriebetrieb. Dadurch war auch ihre profitable Schnapsbrennerei als Einnahmequelle lahmgelegt. Eine unvorhersehbare Karambolage mit nach Schwarzgut fahndenden Grünröcken (Zollbeamten) trug ein Übriges zur Einstellung der Produktion bei. Es konnte in unserem Hause fürderhin nicht mehr gebrannt werden. Allerdings war es sehr zum Leidwesen vieler Genießer von Eden’s Qualitätsbränden landauf und landab.

Dafür verbrachte meine Mutter nun Tag für Tag – oft zwei Schichten lang – an einer von des Herrn P.’s vielen Nähmaschinen, an denen sich das halbe weibliche Wilhelmshaven in den Jahren an dem rauen Tuch der Khaki-Unformen für die Tommisoldaten in aller Welt ihre Finger wund nähten. Das hatte ein paar Jahre zuvor auch keine der Schlicktauischen Frauen geahnt, dass sie einmal für die Krieger der „Erzfeinde“ von jenseits des Kanals deren Klamotten und Kampfanzüge zusammengüddern würden.

Der Mann meiner Mutter war ja nun tot, meine Schwestern und Brüder hatte der Drang des Lebens in alle Winde getrieben, und ich war alleine in unserem Zuhause.

Ich war ein Schlüsselkind geworden, was ja an sich nichts Besonderes und kein Einzelfall in der damaligen Zeit war. Die Anzahl der Kinder, die nach dem Schulunterricht in die Obhut eines Kindergartens gingen, die war im unteren einstelligen Promillebereich angesiedelt. Als Kind in einen Kindergarten zu gehen, das war schon etwas sehr Privilegiertes und in unserem Armeleuteviertel nur ganz wenigen vorbehalten.

Trotzdem gab es für mich kein Herumstreichen und nicht wissen wohin mit der freien Zeit. Ich brauchte meine Tage nicht mit gefahrvollen Lausbubenunternehmungen ausfüllen. Da hat mich der Himmel vor bewahrt – ich hatte ja Hein Vieth und seinen Klüterladen.

Jeden Mittag nach der Schule nahm ich Kurs auf das Vieth’sche Anwesen, um Onkel Hein bei seinen Geschäften zur Hand zu gehen. Zu tun gab es für mich da immer etwas.

Was an Produkten im Laden über den Tresen ging, das war ja in seiner Darreichungsform oder in der Art der Verpackung von den in der heutigen Zeit gehandelten Artikeln selbst bei gleicher Substanz himmelweit entfernt. Wer es von den Heutigen zu damaliger Zeit nicht noch erlebt hat, der vermag sich das Szenario eines solchen Geschäftes nur schwer bis gar nicht mehr vorzustellen. Die meisten Waren und Dinge des täglichen Bedarfs waren lose, das heißt als Sackware, in Verkehr. Das Wort „Verpackungsindustrie“ schrieb der Handel noch sehr klein. Es besaß noch kein Börsengewicht in der Wirtschaft.

Ich habe in dieser Zeit bei Hein Vieth in Bereiche des Lebens reinschnuppern und Fertigkeiten erlernen dürfen, die mir ohne diese Verbindung wohl nie so zuteil geworden wären. Wer kann denn heute noch Tüten – Papiertüten natürlich – durch kunstvolles Falten gekonnt schließen. Bei den seidenpapierigen Kekstüten gab ich mir stets besondere Mühe, denn wenn sich die Hausfrauen und Mütter schon die Pfennige vom kargen Haushaltsgeld abknappsten, um an bestimmten Tagen oder zu besonderen Anlässen ihren Lieben die Teetafel mit hauchzartem Gebäck von XOX, Trüller oder auch Bahlsen verlockender zu gestalten, dann hatte auch das Eintüten im Kaufmannsladen eine besondere Mühe verdient. So habe ich es in meinem Kindermenschenverstand damals wohl empfunden. Vielleicht war es aber auch nur die Freude an allem Schönen, das ich dann auch noch mit meinen kleinen Händen selber zu formen imstande war.

Auch bei einer anderen „Fertigkeit“ hätte ich ganz sicher Weltmeisterwürden erringen können, wenn in der Disziplin derartige Wettkämpfe ausgetragen worden wären. „Underberg-Fläschchen mundfertig vorbereiten“ hätte dann die Bezeichnung dieser „Sportart“ lauten müssen.

Von diesen kleinen Seelentröstern mit ihrem hochprozentigen kräuterigen Innenleben musste ich nämlich des Mittags und des Abends jeweils den Inhalt eines Kartons (das waren immerhin 28 Mini-Buddeln) mundgerecht vorbereiten. Das heißt, ich musste an den Flaschenhälsen die bräunliche Papierumhüllung entfernen und die roten Schraubverschlüsse voröffnen, damit Onkel Hein im Bedarfsfall schnell seinen Pegel wieder auffüllen konnte. Er brauchte sich dann nicht unnötig lange mit dem „Vorspiel“ aufzuhalten, wie er mir einmal erklärte. Wenn mir das späterhin in den Sinn kam, dann habe ich manchmal gedacht, dass ihm dadurch sicher so mancher freudige Augenblick entgangen ist.

Die Gebinde, die Faltkartons, waren im dunkleren Teil des Ladens hinter einer Waage versteckt, denn die „Inhalationen“ die musste die Kundschaft vor dem Tresen ja nicht unbedingt mitbekommen.

Vom „Underberg“ soll man für sein Wohlbefinden ja auch heute noch täglich zwei Fläschchen genießen. Dieses „zwei davon trinken“ hat Onkel Hein wahrscheinlich auf seine eigene Art ausgelegt. Angemerkt hat man ihm das nie – nur seine Leber, die hatte wohl jeden Schluck des niederrheinischen Kräuterelixiers notiert, und hat sich, als ihr Maß voll war, in einem relativ noch jungen Rentenalter einfach abgestellt. Ich hätte ihm gerne ein längeres Verweilen auf seinem Waller Altersruhesitz gegönnt, denn was er in seinem (zu kurzen) Verweilen in dieser Welt allein schon mir an Gutem getan hat, allein dafür sitzt er jetzt im Paradies inmitten einer ewiggroßen Schar von kleinen Underbergfläschchen.

Seine Guttaten beschränkten sich ja nicht alleine auf das, was er mir in meinen Prägejahren an Künsten und Fertigkeiten vermittelt hat – die reichten ja viel tiefer ins tägliche Leben hinein.

Jeden Abend, wenn die Uhr sieben geschlagen hatte, dann wurde der Schlüssel im Schloss der Ladentüre umgedreht. Ladenschluß war gesetzlich um 19 Uhr. Da gab es keine Ausnahme von der Regel. Bevor es denn ans Reinemachen ging – im Laden war allerhand sauber zumachen – stand erst einmal das Abendessen auf der Tafel im Esszimmer. Ein Esszimmer gab es damals schon im Hause Vieth. Die Familie wurzelte ja schließlich in bremischen großbäuerlichen Verhältnissen. Es wurde im Hause Vieth nicht profan am Tisch in der Wohnküche gegessen, so wie es in den anderen Voslapper Haushalten geschah, nein, es wurde getafelt. Was da nämlich bei jeder Mahlzeit ablief, das ist nicht einfach nur mit Hunger stillen zu bezeichnen.

Ich habe es immer wieder und oft nicht fassen können, was meinen Augen, meiner Nase, meinem Gaumen und letztendlich meinem Bauch da an Köstlichkeiten geboten wurde. Alles war stilvoll und edel und doch kein bisschen Etepetete – na ja, von Frau Meta einmal abgesehen, die hätte es mit Sicherheit manchmal etwas weniger rustikal gehabt – mehr mit dem Flair eines Bremer Bürgerhauses. Da konnte sie sich aber anstrengen wie sie wollte und tun was sie wollte – Onkel Hein blieb seiner Schlemmernatur treu. Etwas anderes hätte auch gar nicht ins Bild gepasst, so wie er in dem Halbrund des gewaltigen Sofas hinter dem Tisch mit der ovalen Wurzelholzplatte thronte.

Die Menschen, mit denen ich es in den Anfangsjahren meines Lebens tagtäglich zu tun hatte, von denen hatte nicht einer jemals so etwas gesehen – geschweige denn, es auch noch in einer solchen Art genießen dürfen.

Wenn ich dann nach dem Abendbrot (fast hätte ich „Abendmahl“ geschrieben – das wäre denn aber doch wohl ein wenig zu hoch angesiedelt gewesen) und dem Aufklaren im Laden mit müden Gliedern und vollem Bauch nach heimwärts strebte, dann war ich ja von allen Seiten mit allem Möglichen bepackt. Bepackt mit alledem, was Mama und ich so an Nahrungsmitteln zum Leben benötigten.

Ich habe wohl nie Geld für meine Anwesenheit im Hause Vieth in die Hände bekommen – aber die „Naturalien“ die machten mehr an Wert aus, als so mancher Familienvater nach täglich harter Arbeit nach Hause brachte.

Dadurch habe ich in den Jahren gewiß manchen Stern zu Gesicht bekommen, von dem viele andere gar nicht wussten, dass diese Sterne überhaupt am Himmel standen.©ee

 

ewaldeden©2013

auch zu finden auf * Platt * auf unsere Seite hier : https://christinvonmargenburg.wordpress.com/inventur-der-gedanken/schrievhuus/

Schrievhuus

mit vielen weiteren Erzählungen und Gedichten in Platt.

Wie war es eigentlich noch …

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Wie war es eigentlich noch …

Zum Beispiel mit Hein Vieth, dem Milchmann von Voslapp?

Wer heute durch den Wilhelmshavener Stadtteil Voslapp geht, der sieht nicht mehr viel von den Fußstapfen der „Pioniere“ aus der Anfangszeit dieses Ortes als „Reichsheimstätten-Siedlung“.

Fußabdrücke von Frauen und Männern mit Herz und Courage, die oft bis über die Knöchel durch Schiet und Klei laufen mussten, um von Haus zu Haus zu kommen – oder auch nur von den Fahrwegen zu ihrer eigenen Haustür zu gelangen.

Einer von den Unternehmern, den Geschäftsleuten der ersten Stunde war Hein Vieth aus Bremen.

Als Bauernjunge von einem großen Hof im Waller Quartier stammend, hatte er von zu Hause aus wohl einiges Kapital an den Füßen, als ihn das Schicksal nach Knyphausersiel trieb.

Irgendeine Missetat, von ihm in seinen jungen Jahren verübt, hatte seinen Vater veranlasst, ihn als Nachfolger auf dem Gut unweit des Waller Bahnhofes auszuschließen. Seine Mutter hat ihn dafür aber noch weit über ihren eigenen Tod hinaus mit ständigen Zuwendungen ihrerseits, bei häufiger drohenden Pleiten, respektierlich über Wasser gehalten. So ist er denn mit seiner Meta und vier kleinen Bremer Kluten in eine Gegend gezogen, in der in den nächsten Tausend Jahren das Leben große Wellen schlagen sollte. Zumindest wurde es zu der Zeit in allen deutschen Gauen regierungsamtlich so verkündet. Der tatsächliche Fortgang der Geschichte hat wieder einmal mehr den Beweis erbracht, dass Menschen den sie regierenden Menschen niemals zuviel Glauben schenken sollten. In der Vergangenheit hätten sie es nicht tun sollen – in der Gegenwart sollten sie sich davor hüten und in der Zukunft möge ihr Verstand sie davor bewahren.

In seiner Nähe, am Rüstersieler Maadezug und ein paar Straßenzüge weiter auf Voslapp zu, in Knyphausersiel, saß zur gleichen Zeit Fritz Folkers auf seiner Hausstelle, der Tag für Tag mit seinem einspännigen Rollwagen auf Milchverkaufstour in der Nachbarschaft durch den Fedderwarder-Baugroden unterwegs war. So hieß damals die riesige Baustelle der künftigen Siedlung Voslapp nördlich von Knyphausersiel.

Weil der zweite Weltkrieg, der zu der Zeit noch wie ein junger Mann auf flinken Beinen gen Osten strebte, Fritz Folkers für sein blutiges Handwerk brauchte, hatte Hein Vieth kommissarisch von der NSDAP-Gauleitung die Pferdewagen-Milchtour übertragen bekommen, damit die Versorgung der Volksgenossen und deren Familien mit Molkereiprodukten auch weiterhin gesichert war. Der Bremer Schlaukopf hatte irgendwie das Glück, dass er von den Militärs für das Kriegshandwerk als untauglich angesehen wurde. Vielleicht hatten es auch nur einige Bremer Speck- und Schinkenseiten, oder die eine oder andere Ochsenbrust aus dem Waller Viertel, das ihrige dazu beigetragen. Wer weiß das nach so langer Zeit noch so genau.

Fritz Folkers nun hatte mit Glück die Kriegshändeleien körperlich einigermaßen unbeschadet überstanden, und nach seiner Rückkehr aus dem Feld die Zügel seines Milchwagengespannes wieder in die eigenen Hände genommen.

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Hein Vieth, der indes seine Freude an der Milchverteilerei gefunden hatte, richtete auf einem Ackergrundstück an der Voslapper Flutstrasse (damals noch Hans-Zenker Strasse), gegenüber dem südlichen der zwei Voslapper Rundbunker, in einer hölzernen Bude eine eigene Milchversteilerstelle ein. Auch bei der Erlangung der erforderlichen amtlichen Genehmigung hatten wohl nahrhafte landwirtschaftliche Produkte aus dem Bremer Umland einem positiven Bescheid ein wenig nachgeholfen. Im „Verbindungen pflegen“ belegte Hein Vieth nämlich zumeist einen der ersten Plätze im Wettstreit um gute Platzierungen. [Als Ironie des Schicksals habe ich es in späteren Jahren so manches mal empfunden, dass genau an der Stelle der ersten Vieth’schen Milchbude  Fritz Folkers in direkter Konkurrenz ein großes gleichartiges Geschäft errichtete, und Hein Vieth das Leben erschwerte, was letztendlich mitentscheidend Hein Vieth zur Aufgabe seines Geschäftes veranlasste und den Rückzug nach Bremen ins Waller Quartier bewirkte. Vielleicht wurde da auch noch so manche „alte Rechnung“ beglichen].

Es ging aber nicht sehr viel Zeit ins Land, bis Hein Vieth, als der krägele  Handelsmann der er ja nun einmal war, sich schräg gegenüber – an der Ecke zur Hunrichstrasse – eine steinsche Wehrmachtsbaracke als neues Domizil ausgeguckt und zu eigen gemacht hatte. Und wieder hatte die Stütze aus dem Waller Quartier ein wenig gehörig nachgeholfen.

„Well good schmeert, de good foahrt“ – dieser sein Leitsatz stand auch da Pate. Aus Hein Vieth’s blauer Milchbude auf einem Ackergrund war nun quasi über Nacht ein richtiger massiver Tante Emma Laden geworden, während es bei seinem ärgsten Konkurrenten Fritz Folkers bis dato und auch für die nächsten Jahre danach immer noch nur zu einer Holzbude, in der Hohewegstrasse in Roskosch’s Garten, reichte.

Anhand der zwei großen Schaufenster, im Giebel rechts und links der Eingangstür des neuen Vieth’schen Domizils, konnte jeder jetzt schon von weitem den Kaufmannsladen erkennen. Die emaillierte blecherne Tafel an der Hausmauer, auf der auf blauem Grund in überdimensionierten weißen Lettern in Schreibschrift das Wort „Milch“ geschrieben stand, tat aller Welt kund, dass dieser Kaufmann die gesundheitsamtliche Erlaubnis besaß, in seinem Laden Milch zu verkaufen.

Frischmilch unter die Leute bringen durfte nämlich noch lange nicht jeder Kauf- oder Handelsmann  in unserem Lande – selbst dann nicht, wenn er „original“ den Kaufmannsberuf erlernt hatte. Dafür bedurfte es einer Extra-Genehmigung durch das Veterinäramt der jeweiligen Kommune oder des Kreises, wenn man als normaler „Heringsbändiger“ – wie wir die Lebensmitteleinzelhändler auch nannten, frische Molkereiprodukte im Sortiment führen wollte.

Und diese „Extra-Genehmigung“ hatte dann wiederum sehr viel zu tun mit dem allseits bekannten Vitamin B. als Schmiermittel und zur Pflege guter Verhältnisse.

Der Vieth’sche Laden konnte durchaus mit den anderen am Orte ansässigen Lebensmittelgeschäften in Punkto Flächengröße, Einrichtung und Warenangebot mithalten.

In Bedienerfreundlichkeit und Kundenverständnis hatte Hein Vieth niemanden seiner Mitbewerber vor sich und war vielen anderen meist um einige Längen voraus.

Von des Morgens um sieben bis des Abends um sieben Uhr – mit einer Unterbrechung von 13 – 15 Uhr als Mittagspause –  stand die Ladentür für die Kunden offen. Und das sechs lang Tage die Woche. Des Sonntags durften Milchgeschäfte wegen des Frischefaktors der Produkte des Vormittags zwei Stunden ihre Türen für die Kunden öffnen, weil in den meisten Haushalten ja noch keine Kühlmöbel die Küchen bevölkerten. Die Verbreitung dieser Geräte in Haushaltsgröße setzte erst um einige Zeit später ein.

Während der gesetzlichen Nichtöffnungszeiten stand für Kunden aber mehr oder weniger oft die „Hintertür“ offen, denn der Spruch an den Käuferkreis: „Wenn vorne geschlossen ist, dann ist hintenrum offen“ den hatte fast jeder Kaufmann drauf – denn wer wollte, wer konnte es sich schon leisten, wegen der strikten Einhaltung der gesetzlichen Ladenöffnungszeiten, seine Kunden zu verlieren. Wer nämlich nach Feierabend bei dem einen Kaufmann nichts bekam, der eilte stehenden Fußes zur Konkurrenz, bekam dort das, wonach er verlangte – und blieb dann sehr oft dort auch für die „offene“ Zeit als Kunde hängen.

Der „gesetzestreue“ Kaufmann schaute dann meist in die Röhre.

So hat sich durch die Zeiten immer wieder aufs Neue bewiesen, dass absolute  „Gesetzestreue“ sich nur die Menschen leisten können, die es sich auch leisten können.

Ich habe Perioden miterlebt, in denen bei Hein Vieth mehr „hintenherum“ als durch die Vordertür verkauft wurde.

An der seitlichen äußeren Hauswand hingen des Abends stets um die 20 „Melkbummen“ – Milchkannen – kopfüber am Kannenholz, die Frau Meta zuvor mit Hilfe von P3 und Wurzelbürste geschwienkert – gereinigt hatte.

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Morgens um Klock sechs mussten die Kannen aufgereiht an der Strasse stehen, denn auf die Minute genau tuckerte Peter Janssen aus dem Hooksieler Sengwarder Anteil, mit seinem Fendt Dieselroß aus der Richtung von Wirtin Albers Kuhstall kommend, die Flutstrasse hoch, um frische Milch, Karnemelk (Buttermilch), Klumpenbutter und Käse aus der Hooksieler Molkerei anzuliefern.

Später war es dann ein grüner Viereinhalbtonner, ein rundschnauziger Hanomag der ersten Nachkriegsbaureihe, der dem Hooksieler  Fuhrmann eine schnellere Auslieferung  ermöglichte – und ihm dadurch einen größeren Lieferbezirk und auch vermehrten Fuhrlohn bescherte.

Fuhrmann Janssen war meist mit seinem Gespann gerade eben um die Ecke gebogen, um bei seiner Schwester Elly, in deren Siedlung am Deich, die morgendliche Teepause einzulegen, als auch schon der rahmweiße Frachtwagen der Molkerei Neuende in Sichtweite auftauchte. Von dort wurde Karnmelksbree – Buttermilchbrei, Sahne, Quark und als besondere Spezialität „Schichtkäse“  geliefert. Hein Vieth legte einen ganz engen Maßstab an die Bewertung der  Qualität der Frischeprodukte, die er für seine Kunden einkaufte. Da konnte es denn schon einmal vorkommen, dass auf Grund von Qualitätsschwankungen der Ware oder der Rohstoffe der Hersteller gewechselt wurde.

Die Lieferanten gaben sich in den frühen Vormittagsstunden oftmals gegenseitig die Türklinke zu Vieths Laden in die Hand.

Es war nämlich in den Jahren beileibe noch nicht so, wie es in der heutigen Zeit üblich ist, dass ein überdimensionierter Lastwagen ein oder zweimal mit einer Fuhre das gesamte Sortiment, das sich im Angebot des Geschäftes befindet,  anliefert. An diese Art von Logistk war noch nicht zu denken, zumal ja auch noch sehr viele Artikel lose bzw. als Sackware angeliefert wurden, um erst im Laden in Tüten mit handelsüblichen Mengen abgefüllt wurden. Außerdem stand in den vielen Einzelhandelsunternehmen für einen anderen Liefermodus gar nicht ausreichend Lagerraum zur Verfügung.

So war alles schön verträglich auf- und eingeteilt.

Die Lieferung von Margarine aller Marken, sowie die von Plattenfetten, besorgte Heino Weschke aus Rüstersiel mit seiner kleinen Frischdienstfirma mittels seines flinken „Tempo“ Kleintransporters. Die Margarinesorten der unteren Preislagen – so zum Beispiel die billigen Marken wie ‚Sanella’ hatte der Teil Volkesmund, der höherwertige Fette, oder sogar Butter sich als Brotaufstrich leisten konnte,  mit dem Beinamen  „Wagenschmiere“ belegt. Die Produkte schmeckten und  schmierten auch dementsprechend.

„Käse“ jeder Art und jeder Sorte zu liefern, das fiel in die Zuständigkeit der Kleeblattfirma, die in der Deichstrasse am Handelshafen, gegenüber des Wilhelmshavener Hauptgeschäftes der in ihren anfangszügen auch aus Hooksiel stammenden Holzhandlung Brader, ihren Stammsitz hatte. Kleeblattfirma deswegen, weil die Anfangsbuchstaben des Firmeninhabers I. G. H. (das H stand für Harms) als Firmenlogo das Bild eines dreiblättrigen Kleeblatts zierten.

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Auf dem Lieferantenfahrzeug für Obst, Gemüse und Südfrüchte prangte in gelblichen Lettern ‚Früchte Wilms’ an den blauen Planen der Ladebordwände. Mehrheitlich waren bei den Lieferfahrzeugen die offenen Ladeflächen mit Plane und Spriegel bestückt – wenn überhaupt. Geschlossene Kasten- oder gar Kühlwagen gab es noch erst sehr selten auf den Strassen zu sehen. Lastkraftwagen durften sogar noch mit zwei Hängern hinter dem Motorwagen betrieben werden.

Leichte Kuchen, die bei Hein Vieth über den Ladentresen in die Hände respektive in die Bäuche seiner Kunden gelangten, entstammten der Backstube des Rüstersieler Bäckermeisters Fritz Ommen. Vielen Wilhelmshavenern ist er als begeisterter Sänger und langjähriger Sangesvater der Mannen der Rüstringer Liedertafel noch ein Begriff.

„Krintstuten“ (Korinthen- oder besser bekannt als Rosinenstuten) und „Wittstut“ – Weißbrot, ob gesüßt oder ungesüßt, musste durch die Hände und in der Backstube von „Backer Hüdel“, wie wir Bäckermeister Helmut Hayen aus Sengwarden respektvoll nannten (wenn er es nicht hörte) geformt und gebacken worden sein.

Die Herstellung und die Lieferung von Schwarzbrot war der Dampfbäckerei Göcken – die in der Schaarreihe gegenüber von Warrings Gaststätte „Schützenhof“ angesiedelt war, vorbehalten. Mit Bäcker Göckens „10 Pfündern“ konnte kein anderes Schwarzbrot in der Gegend konkurrieren. Das wollte auch wohl keiner ernsthaft tun, denn man gönnte sich gegenseitig sein ‚Brot’ – von einigen Ausnahmen einmal abgesehen, herrschte unter den Handwerksmeistern noch  so etwas wie Solidarität.

Unschlagbar in der Herstellung von Landbrot (auch von Bremerbrot) waren die Bohemanns, gleich ob es Günther oder Walther Bohemanns Kunst war, die den Broten ihren ‚Torfback’ angedeihen ließen – dieses „täglich Brot“ war in Geschmack und Güte einfach nicht zu übertreffen.

Ein Backwerk ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben – der „dicke“ Zwieback aus der Rüstersieler Backstube von Heinrich Siemens. In der Herstellung dieser Köstlichkeit konnte ihm wohl keiner seiner Mitbewerber das Wasser reichen. Stippzwieback und schwarzer Tee waren das obligatorische Heilmittel bei Magen- und Darmverstimmungen.

Einzig Brötchen, als kurzlebiges Backwerk, und das unvergessliche „Kommissbrot“ kamen den kurzen Weg aus der unmittelbaren Nachbarschaft in das Vieth’sche Verbraucherparadies. Bei der Herstellung dieser Erzeugnisse hatte Bäcker Stamerjohanns durchweg die Nase vorn. Das hatten nach dem Ende des Krieges auch die Besatzer, die Serben und später dann die Tommis schnell erkannt. Sie ließen in den Voslapper Stamerjohanns’chen Backstuben über die Zeit ihrer Anwesenheit in den Wehlenser Kasernen und in den Gebäuden am Banter-See (der sog. „Prince Rupert School) ihren Bedarf an Brotlaiben bei Stamerjohanns decken.

Zweimal die Woche holte ein olivgrüner hochrädriger britischer Armeelaster die Stamerjohanns’chen Vierkantbrote ab. Sie wurden aus den höhergelegenen Fenstern der Backstube mittels einer Bretterrutsche auf die Pritsche des unter den Fenstern stehenden Lastwagens befördert.

So mancher Brotlaib verließ unterwegs die Rutsche, um dann von den unten darauf wartenden „kleinen Voslappern“ aufgefangen zu werden.

Manches Brot wurde von oben sicherlich mit Absicht auf den „Irrweg“ in die Hände der Kinder geschickt.So hatte jeder kleine Betrieb in der Stadt und dem Umland seinen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung.

Alle anderen Waren, die – nicht frisch und  nur begrenzt haltbar – geliefert wurden, die kamen entweder aus dem Lager von Hermann Kluge, abseits des Mühlenwegs angesiedelt, oder aus denen des Grossisten August Bade in Neuengroden an der Freiligrathstrasse, gleich hinter dem damals sehr beliebten und bekannten Schuhhaus Gerdes gelegen. Es waren in erster Linie Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen und Linsen. Reis, Mehl, Zucker und Salz gehörten ebenso dazu wie Sauerkohl, Fassgurken, Senf, Essig und Speiseöl. Dauerbackwaren, wie Brandzwieback und Feingebäck, vervollständigte, neben Körperpflegemitteln und Waschpulvern der damals großen Hersteller, die Palette der wöchentlichen Anlieferungen. Ein ganz besonderes Ansehen genossen die jeweiligen „Handelsreisenden“ der Genussmittelfabrikanten wie Teekontore, Kaffeeröstereien, Brenner- und Brauereien und der mächtigen Tabakwarenindustrie. Diese Herren – es waren damals nur Männer auf dem Gebiet tätig – genossen stets eine gewisse Bevorzugung in der Abfertigung und im persönlichen Umgang.

Man darf es sich allerdings nicht so vorstellen wie es heute in den Märkten üblich ist, mit der Auswahl und dem Warenangebot. Bei dem die Menschen ja oftmals gar nicht mehr wissen, was sie denn kaufen sollen, weil ja unter vielen Namen angebotenes irgendwo von dem gleichen Hersteller gefertigt wird. Einer solchen Täuschung waren die Kunden damals noch nicht ausgeliefert. Die Verbraucher der Damalszeit konnten noch auf den Grund der Töpfe schauen, in denen die Suppen meist angerichtet wurden. Von den gebräuchlichsten Produkten fanden sich nur höchstens drei oder vier Ausführungen von verschiedenen Herstellern, wenn eine Auswahl überhaupt möglich war. Die Käufer konnten an der Verschiedenartigkeit des Sortiments noch leicht entlang schauen.

Bei den im Handel befindlichen Getränken sah es nicht viel anders aus. Ohne Prozente im Inhalt wurde nur Brause feilgeboten – gezuckertes mit Kohlensäure versetztes Wasser mit Farbstoff und entsprechendem Fruchtgeschmack in Gelb, Rot und Grün – ach ja, und Coca Cola, als ein aus den USA herüber geschwapptes „Erfrischungsgetränk“ war gerade im Begriff, bei uns in den deutschen Landen Fuß zu fassen.

Auf den Bierflaschen in den Regalen klebten Etiketten der regionalen Braustätten wie  Jever, Ulferts, Becks und Haake-Beck oder Hemelinger. Die Gerstensäfte aus weiter entfernten Sudkesseln waren den heimischen Biertrinkern noch weitgehend fremd.

Die Anzahl der Bezeichnungen auf den Flaschen mit den „härteren“ Sachen, den Spirituosen, bewegte sich in durchaus überschaubarem Rahmen. Es befand sich noch fast nichts an fremdländischen Bränden darunter. Whisky, Wodka und Cognac im Angebot zu haben, das war den wenigen exquisiten „Spirituosen-Geschäften“ in der inneren Stadt vorbehalten (Stümpel“ war eines davon), oder eben den, ein wenig exklusiveren, gastronomischen Betrieben. Der größere Umsatz von Schnaps und Bier wurde zudem vornehmlich in den Gastwirtschaften, den Kneipen und Krügen, getätigt. Das „Saufen“ wurde nämlich noch überwiegend der Männerwelt zugeordnet, und nicht als ein „Kindervergnügen“ betrachtet, sowie es in der Gegenwart häufig genug geschieht. Frauen „machten“ so etwas denn schon einmal gar nicht. Auch diese Auffassung hat sich ja im Laufe der Generationen sehr verändert  Zuhause beschränkte sich „das trinken“ für die Kinder und Halbwüchsigen im Normalfall auf Wasser aus der Wasserleitung, Milch, Kakao oder Muckefuck zu sich nehmen.

Muckefuck – wer kennt schon noch die Sorten an Spitzbohnen- oder Malzkaffee, die in den Wandregalen in den Läden einen respektablen Platz beanspruchten. Als da waren „Franks Korntrank“ oder „Kathreiner“ und „Lindes“, für die damals schon im Radio Werbung gefahren wurde. Der echte Bohnenkaffe-, oder mehr noch der Schwarzteegenuß – war in den Haushalten, die ihn sich leisten konnten, den erwachsenen  Familienmitglieder vorbehalten. Ein Spruch der Mütter und (weniger) der Väter klingt mir heute noch in den Ohren, wenn sie die begehrlichen Blicke der Kinder hin zu den Tee- oder Kaffeetassen der Großen mit den Worten abwehrten: „Tee (oder Kaffee) ist nichts für Kinder – davon bekommen sie bloß schlappe Nasen.“ Der einzige Grund, warum Kinder nichts vom Tee oder Kaffee süppeln sollten, das war der Preis für diese Genussmittel. Tee und Kaffee war nämlich verdammt teuer im Handel.

Schnaps trinken war also Mannsleutsache – und genauso hat Hein Vieth es auch betrachtet, mit seiner Mitgliedschaft im Kreise der Wilhelmshavener Honoren, deren Treibensmittelpunkt für lange Zeit das Hotel Atlantik am Börsenplatz war.

Wer von den Jadestädtern, deren Haupthaare schon leise angegraut und deren Knochen schon ein wenig alterssteif sind, kann sich nicht noch an die bekannten Namen aus der Unternehmerszenerie Schlicktaus erinnern. An Viehhändler Luis Winter, an Lampenschirmfabrikant de Levie, an Schlachtermeister Wilhelm Werther oder Kaufmann Karl Lenzing, an die Urgesteinskaufleute Coldewey, an Franz Högemann oder die Wirtehierarchie der Dekenas … die Liste derer, die das gesellschaftliche Leben der Stadt mitbestimmten, die könnte ich ellenlang fortsetzen, über Kohlenhändler, Kinobetreiber und Pillendreher bis hin zu Advokaten und Medizinern vom alten Schlage. Die Liste würde hier aber sicherlich den Rahmen sprengen.

Was denn so zwischen den Honoren allgemein abging, bei ihren oft spektakulären Zusammenkünften, das wusste am nächsten Tage nicht selten schon der letzte Bürger in der Stadt. Was sich allerdings zwischen verschwiegenen Mauern des „Hotel Atlantik“ in den Nächten der Zünfte abspielte, darüber wurde dann höchstens mal hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Das betraf denn ja ausschließlich die „bessere Gesellschaft“ von Kaisers Haven.

Auf jeden Fall hat Hein Vieth von den Vorteilen, die ihm durch seine Mitgliedschaft in diesem Kreise zufielen, einen großen Teil an die kleinen Sorgenbeißer unter seiner Kundschaft, die so Tag für Tag das Nötigste zum Leben in seinem Laden anschreiben ließen, weitergereicht.

Um dieses „Stehen“ in zwei Welten – Spagat wird es im sportlichen Bereich ja wohl genannt, das mit dem einen Fuß bei den Reichen und mit dem anderen Fuß im Lager der Armen stehend – überhaupt ertragen zu können, benötigte Hein Vieth binnerwendig wohl immer reichlich Öl auf dem Wasser. Sonst hätte seine Seele garantiert nach kurzer Zeit Schiffbruch erlitten.

Hein Vieth sein Öl für die Seele kam direktemang aus dem Niederrheinischen. Jeder Schluck hatte seine eigene Flasche um sich herum und war außerdem sorgfältig in bräunliches Umpapier gedreht. Gedacht war der kräuterige Inhalt vom Sinne des Erfinders her eigentlich zur Unterdrückung von lästigem Magendrücken nach zu reichlichem Genuß zu guten Essens. Aber des Menschen Seele sitzt ja auch irgendwo im Bauch.

Bei Hein Vieth muß die Seele stets ordentlich gewütet haben, denn zwei Packen von diesen Tröstern täglich – und da in jedem Packen 24 Stück – leerte er im Laufe eines jeden Tages spielend.

Wenn er sich in der schummerigen Hülsenfrucht-Ecke vor der altertümlichen Bizerba-Waage aufhielt, dann konnte niemand so recht ausmachen, ob er gerade an seiner Zigarre schnullerte, oder ob sich  der Inhalt eines Underberg Fläschchens den Weg zu seiner Seele suchte.

Gut getan hat ihm wohl beides, jeweils auf die eine oder andere Art.

Hein Vieth hatte nämlich auch im Hause keinen leichten Stand. Er ließ es sich im Ladengeschäft allerdings niemals anmerken, wenn hinter der Türe, auf der „Privat“ stand, einmal wieder Gewitterwolken unter der niedrigen Decke hingen – wenn  seine Meta ihm einmal wieder Vorhaltungen machte, weil er zu sorglos und zu leichtfertig mit ihrem teuren Gut umging, weil er bei einem armen Schlucker, von dem sie nach ihrer Meinung schon lange über Gebühr etwas zu fordern hatten, wieder etwas ins Buch geschrieben hatte,

Meta fiel das Abgeben nämlich nicht so sehr leicht. Am liebsten kratzte sie alles zusammen, zu einem großen Haufen, um sich dann, wie eine Kluckhenne über ihre Eier, darüber zu hocken.

Hein Vieth war aber im Grunde seines Wesens seiner Meta dankbar für ihr Verhalten, für ihre Wachsamkeit. Wäre sie es nicht gewesen, denn hätte Hein Vieth mit Sicherheit nicht lange zu den Honoren der Stadt gezählt. Vielleicht hätte er für seine Familie und für sich auch irgendwann einen Kaufmann suchen müssen, der ihm das Nötigste zum Leben ins Buch geschrieben hätte. Genau davor hatte Frau Meta eine unbändige Angst. Er konnte mit dieser Angst seiner Meta umgehen – und weil er damit umgehen konnte, darum konnte er auch damit leben. Geändert hat er seine Gewohnheiten sein Lebtag aber nicht um einen Deut – und das war auch gut so.

Wenn er nämlich wusste – und Hein Vieth wusste auf diesem Gebiet sehr vieles – dass irgendwo in einem Haushalt seiner Kunden am nächsten Tag für die Familie rein gar nichts mehr an Essbarem für die Kinder auf dem Tisch stehen würde, dann stand dort des Morgens in aller Frühe wie aus heiterem Himmel schon mal eine Tüte oder ein Karton mit Lebensmitteln, die in kein Buch geschrieben waren, vor der Tür.

Einen von den kleinen Bremer Kluten aus der Vorkriegszeit hatte Hein Vieth als Vater bei einem seiner Kollegen im Nachbarstadtteil – bei Hermann Ehrling – in die Lehre gegeben, damit der dort in die ehrbare Kaufmannschaft hineingelernt wurde. Er sollte dort die „Heringsbändigerei“ von der Pike auf erlernen, um dann zu gegebener Zeit den väterlichen Betrieb übernehmen zu können. Hein wollte den Betrieb von Hein Vieth nach alter Bremer Sitte zu Hein Vieth & Sohn machen.

Weil Hein Vieth selber ja nicht aus einer Kaufmannsfamilie stammte, war es Zeit seines Lebens sein großer und blieb bis an seines Lebens Ende sein unerfüllter Traum. Wie das Leben eben so spielt.

Aus dem Jungen ist gewiß ein umtriebiger „Heringsbändiger“ geworden – Hermann Ehrling war ja ein gewiefter Ausbilder. Ein stückweit ist er denn auch bei seinem Vater eingestiegen – er hat den Laden geschmissen, wie die Leute sagten, aber das auch bloß so lange, bis er feststellte, dass die „Heringe“ die in seinem Netz zurückblieben, für ihn und seine Ansprüche sehr viel zu klein waren, um von ihnen großartig leben zu können.

Er ist dann irgendwann angefangen, auf eigene Faust mit größeren Tieren zu handeln, und ehe Hein Vieth nur einmal mit den Augen kneifen konnte, standen er und seine Meta wieder alleine vor ihrem Lebenswerk.

Eine geraume Weile haben die beiden seinem Traum noch hinterhergetrauert – das ist gewiß. So gewiß aber, wie Hein Vieth mit beiden Beinen fest im Leben verwurzelt war, so schnell hat er das „Hinterhertrauern“ wieder abgelegt und weiter nach Vorne geschaut.

Die Zeit für die kleinen Tante Emma Läden neigte sich nämlich dem Ende zu. Überall in den Stadtvierteln schossen „Discounterläden“ und „Einkaufscentren“ wie Pilze aus der Erde.

Hein Vieth wollte sich dem Trend, oder der Notwendigkeit zu expandieren, nicht mehr ergeben – er wollte seinen Laden nicht mehr vergrößern.

Er hat dann nach seiner Meinung das einzig Richtige getan, er hat das Glück, als es an ihm vorbeilief, und ihn danach fragte, was denn sein Laden kosten würde, am Hemdzipfel gefasst und daran festgehalten. Er hat den Laden von jetzt auf gleich an gute Käufer übergeben, die innerhalb der Mauern eine Gastwirtschaft einrichteten.

Das es gute Käufer waren, das kann man immer noch sehen, denn die Familie von damals sitzt heute, als mittlerweile Hoteliers, an der Ecke. Hein Vieth hat seinen Lebenskreis geschlossen, in dem er seine letzten Jahre als Verwalter auf dem einst elterlichen Bauerngut im Waller Quartier zugebracht hat. Den kleinen Flaschen vom Niederrhein hat er auch da im Bremischen bis zu seinem letzten Atemzug die Treue gehalten.

ewaldeden©2013-02-12

Der Zirkus ist da .

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Der Zirkus ist da.

E in Ruf geht durch die Strassen –
am Dorfrand wird es bunt,
jeder soll Arbeit ruhen lassen –
für Stunden geht die Kurzweil rund.

Die Augen sehen Zirkusluft –
die Ohren hör’n Vergangenheit,
in Nasen da steigt fremder Duft –
Erinnerung macht Herzen weit.

Menschen sind aus vielen Winden –
herbeigeeilt von ganz weit her,
hier kann man das Glück noch finden –
Lachen läuft wohl kreuz und quer.

Träume flimmern – fremde Laute
fliegen durch den Sommertag –
dazwischen auch wohl altvertraute
Töne – wie ein Glockenschlag.

Für Stunden ist die Zeit verschwunden –
zeitlang ist man wieder Kind,
Jugendträume losgebunden –
wiegen sich im Sommerwind.

Tiere wie aus Märchenbüchern –
ziehen rund in der Manege,
fahrend’ Volk in wehend Tüchern –
tanzt mit Raubvieh im Gehege.

Der letzte Beifall ist verweht –
der Hut geht durch der Klatscher Rund,
das Baashaupt in der Mitte steht –
tut auch schon den Abschied kund.

So famos wie sie gekommen –
ebenso leise gehen sie,
sie haben keinem was genommen –
bloß Freud’ für alle brachten sie.

© ee

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Das Kalenderblatt … vom 11. September 2001

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Das Kalenderblatt …

vom 11. September 2001

10. September – 18 Uhr –

C laas hockt nun schon seit Stunden an seinem Schreibtisch – unzählige Zeitungen und Bücher sind in Stapeln auf der Tischplatte verteilt. Ich muß mir wohl bald ein größeres Möbel zulegen, schleicht als Ahnung durch sein Denken.

Die weißen Stücke wechseln von einer Hand in die andere – seine Augen wischen ungeduldig über die Buchstaben und Bilder. Sie finden nichts, an dem sie sich festhalten können. Es muß doch was geben – schießt es ihm durch den Kopf. Es gibt doch wohl keinen Tag auf der Welt, an dem es nichts zu bedenken gibt.

„Mein Junge – das Abendessen ist fertig!“ ruft Mudder aus der Küche .

„Ich komm’ gleich“ – antwortet er, ohne dass er so recht dahinter kommt.

Sein Denken sucht in dem heillosen Durcheinander von bedrucktem Papier nach Informationen, mit denen man den 11. September behängen kann. Er benötigt für seine Radiosendung morgen noch Begebenheiten für das „Kalenderblatt“ des Tages – Wissenswertes vergangener Tage.

Harrijeeses – hat er sich erschrocken – Mudder steht vor dem Schreibtisch.

„Nu komm aber erst her zu essen. Kannst doch nachher weitermachen – Vadder is auch schon drinnen. Die Bratkartoffeln werden sonst doch kalt.“

Recht hat sie. Es wäre auch wirklich zu schade. Für den anderen Hin- und Herkram bleibt ihm ja noch die ganze Nacht Zeit.

„Na mein Jung – kannst den Knoten nicht aufkriegen?“ meint Vadder, als Claas sich an den Küchentisch setzt. „Was gibt es denn so wichtiges“ kommt da denn noch hinterher.

„Das ist es ja man grade – ich kann beim besten Willen nicht so recht was finden – ich brauch was, was die Hörer vom Stuhl haut. Dieser komische elfte September will und will partout nichts hergeben. Er fährt sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, als wenn die da etwas finden könnten.

„1986 sind an diesem Tag in Polen alle politischen Gefangenen freigelassen worden“ – sagt Mudder so ganz nebenbei.

Claas und Vadder drehen beide zugleich den Kopf zu ihr hin – und sehen sie verwundert an.

„Woher weißt du DAS denn?“ kommt es als ein Wort aus zwei Mündern. Die beiden Mannsleute gucken Mudder an, als sei sie ein Weltwunder.

„Ja, meint ihr beiden denn wirklich, ich kann nur Bohnensuppe kochen – und meinen Kopf hab’ ich bloß, weil die Haarschneiderin auch irgendwo von leben muß?“

Man hört deutlich, wie den beiden Kerls der Mund zuklappt.

„Jana – die kleine Polin, die mit mir die Schule sauber macht – die hat mir das erzählt. Ihr Sohn ist damals auch freigekommen. Sein Vater ist kurz vorher noch erschossen worden – in Danzig. Auf der Leninwerft. Er war Lech Walesas rechte Hand.“

Wooooow – denkt Claas, so kenn ich Mudder ja gar nicht – und laut sagt er: Du hast dich doch sonst nich für Poli“ – weiter kommt er nicht.

Ein bisschen spitz fällt Mudder ihm ins Wort: „Nicht für Politik interessiert, meinst du wohl? Ihr beide hättet mich ja mal fragen können . aber neeee, Politik – das ist ja Mannsleutsache!“

„Höhö…“ – man sieht Vadder deutlich seine Ratlosigkeit an.

„Brauchst gar nicht höhö zu sagen“ grient Mudder über die linke Gesichtshälfte – „ich hab’ mein Kreuz bei den Wahlen auch immer da gemacht, wo ich meinte, dass es da hingehört. Und nicht da, wo ich es nach deiner Meinung machen sollte! So, nun weißt du DAS auch gleich!“

Mudder ist sichtlich ein ganzes Stück größer geworden.

„Nun esst ihr man weiter – sonst wird noch alles kalt.“

Mudder ist ganz Mudder geblieben – so, als wenn sie sich überhaupt nicht bewusst ist, dass sie in fünf Minuten die gesamte Familienweltordnung auf den Kopf gestellt hat.

Vadder sagt nichts. Er fuhrwerkt mit der Gabel in den Bratkartoffeln herum, als wenn es auf der Welt für ihn nichts wichtigeres gäbe.

Das soeben gehörte muß er erst mal verdauen. Seinem Gesicht ist aber der Stolz auf seine Frau anzusehen.

Eine Weile vernimmt man nur Gabelklappern in der Küche.

Vadder hat sogar vergessen, den Fernseher anzustellen, um die Nachrichten mitzubekommen.

„Einundsechzig hat an diesem Tag Borgward in Bremen doch pleite gemacht – wenn ich mich recht besinn …“ Kann es sein, dass Vadder verlorenes Gebiet zurückgewinnen will – in dem er diesen Satz in die Luft stellt?

Mattigkeit hängt über dem Küchentisch – so, als wenn die Worte erst mal Reaktion entwickeln müssten.

„Ach …., weißt du noch, Vadder? Sechsundfünfzig … am elften September …“

Als Mudder das sagt, macht sie ein Gesicht, wie Schmitz Katze am Sonntagmorgen.

„Hannover … Filmpalast. Die erste Aufführung von HOCHZEIT auf IMMENHOF – mit Heidi Brühl und Paul Klinger …“ – Mudder sieht aus, als hätte sie darin selbst mitgespielt.

Vadder nimmt seine Brille ab. „Was hat DAS denn mit Politik zu tun?“

Verwirrtheit schwingt in seiner Stimme mit.

„Mit Politik nichts – aber mit Liebe , du Dööspaddel. An dem Tag waren wir nämlich das erste mal zusammen im Kino!“

Mudder ist reinweg ein bisschen franterig – so kommt es Claas zumindest vor – aber da muß er Vadder insgeheim beistehen. Mit dieser weiblichen Logik kommt er auch nicht so richtig zurecht.

Vadder kratzt sich angelegentlich den Kopf. „Wenn ich mir das so ins Gedächtnis zurückrufe – Mudder – du hast recht. Aber ehrlich – von dem Film hab ich damals nicht allzu viel mitbekommen.“

Als er das auf seine plietsche Art sagt, guckt Mudder zumal ganz anders aus.

„Das spür ich heute noch.“ Weiter sagt sie nichts.

Claas fühlt sich plötzlich irgendwie fehl am Platz, und meint, dass er einen Dreh kriegen muß. Indem er aufsteht, sagt er laut: „Denn will ich man wieder in meine Bücher reinkriechen – einen Teil hab ich ja schon zu wissen bekommen.“

Er lässt seine Eltern allein – vielleicht kommt den beiden heute ja noch mehr Vergangenheit entgegen.

Er macht noch zwei Schritte in den Garten – ein paar Atemzüge Frischluft tanken – und dann verzieht er sich wieder in seine Arbeitsstube. Am Schreibtisch hat auch noch niemand weitergemacht. Na ja – wer sollte auch.

Das verflixte Kalenderblatt für den 11. September.

Friedrich Schillers Jungfrau fällt ihm ein. Und dass die Tragödie am elften September vor zweihundert Jahren das erste mal aufgeführt worden ist – aber das will morgen garantiert auch keiner wissen.

Schiet drauf – er legt sein Manuskript für die Sendung morgen erst mal an die Seite – vielleicht hat er in der Nacht ja noch eine geistige Eingebung.

Ein paar Stunden später – eine Reihe von Gedichten und Geschichten hat Claas in der Zwischenzeit aufgearbeitet – muß er eine kleine Pause machen.

Das Manuskript mit dem halbfertigen Kalenderblatt grinst ihn an. Wart’ man, du kommst auch noch dran – sagt er in Gedanken zu dem Stückchen Papier.

Jetzt erst mal ’ne Zigarette schmöken – und ein paar Minuten die Flimmerkiste anmachen – mal eben sehen, was in der Welt so in den letzten Stunden geschehen ist.

Er tickert auf der Fernbedienung ziellos hin und her – aaahhh – N3 – das dritte Programm für Norddeutschland – das lässt er laufen – das passt in seine Stimmung.

Mit halbem Auge und Ohr verfolgt er das Geschehen, das über den Schirm flimmert – der andere Teil seiner Sinne drüselt ein wenig vor sich hin – sein Tag war ja auch lang genug.

Plötzlich ist er wach wie ein Hafenlicht – CIA – Geheimakten geöffnet – Dokumentarfilm – Chile – General Schreiber – Allende – Putsch!

Tausend Kerzen leuchten in seinem Kopf.

Die Schläfrigkeit ist verflogen – DAS ist sein Kalenderblatt!

1971 – Putsch in Chile – 11. September!

Der US amerikanische Geheimdienst hat seine Archive öffentlich gemacht.

Was er in den nächsten Minuten an Informationen erfährt, sorgt dafür, dass er in den nächsten Stunden von Magenschmerzen geplagt wird. Für das „um die Ecke bringen“ von General Ernesto Schreiber – dem Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte – und der Ermordung von Chiles freigewähltem Präsidenten Salvador Allende – ist die US amerikanische Regierung verantwortlich.

Nein, nein – nicht der Eisverkäufer in Florida und auch nicht der Viehzüchter in Texas, nicht der schwarze Schuhputzer in Manhattan und nicht der Fährmann auf dem Mississippi – nein – der damalige Präsident Richard Nixon und sein engster Vertrauter Henry Kissinger waren die Drahtzieher und Auftraggeber!

Die beiden hatten sich die ganze Sache ausgedacht, weil sie meinten, ein Volk, welches sich freiwillig einen Kommunisten zum Präsidenten wählt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein.

Und bevor nun diese Krankheit noch mehr Menschen in Südamerika anstecken würde, müssten die Menschen – die von dieser „Seuche“ befallen – schnell und rigoros beseitigt werden.

Das Tun anzuschieben war dem menschenfreundlichem Henry Kissinger 50 tausend Dollar in Bargeld, und eine Lebensversicherung für den Täter über 250 tausend Dollar wert.

So hoch war die Entlohnung des Offiziers, der General Schreiber morgens beim verlassen seines Hauses erschossen hat.

Um Salvadore Allende brauchten sich die feinen Herren in Washington dann keine Gedanken mehr zu machen.

Das der ins Jenseits befördert wurde, dafür sorgte dann der auf den ersten Platz nachgerückte zweite General im chilenischen Militär selbst.

Das modernsten technischen Gerätschaften hat Henry Kissinger dem chilenischen Militär zukommen lassen. Getarnt als Diplomatengepäck nahm es den Weg nach Süden – Schiffsladungsweise. Auf der Strasse nach Süden …

Ironie, denkt Claas, als ihm dieses Lied einfällt.

Ein Oberst der US – Armee – 1971 Militärattache in der us-amerikanischen Botschaft in Santiago, und damit Kissingers verlängerter Arm – hat jetzt, dreißig Jahre später knapp und präzise kundgetan, dass die US-Regierung nichts dazugelernt hat.

Auf die Frage, ob ihm aus heutiger Sicht die Folterungen und die Morde an hunderttausende von Chilenen nicht leid täten – oder er seine Mittäterschaft zumindest bedauern würde, antwortete der leutselige alte Herr mit einem freundlichen Lächeln um die Augen: „Das Geschehen in Chile ist nur ein Großreinemachen gewesen. Die Schuld der Chilenen war es sowieso – warum wählten sie sich einen Kommunisten zum Präsidenten.“

Henry Kissinger, den die Reporter versuchten zu befragen, hat abgeblockt und sich weggedreht.

Vielleicht wollte er auch bloß nicht noch mal lügen – so, wie er es vor dem amerikanischen Kongress tat, als er beschwor, mit den Geschehnissen im fernen Chile nicht das geringste zu tun zu haben. Er schwor es mit der selben Hand, mit der er Tags zuvor die Zahlanweisungen für den Mörder unterzeichnete – und mit der er vierundzwanzig Stunden später den Befehl zur Ermordung General Schreibers unterzeichnete. Daran lässt sich überdeutlich erkennen, was ein Wort von Politikern generell wert ist.

Der Filmbericht ist schon eine Stunde Geschichte, als Claas sich aufrichtet und seinen Körper reckt. Das, was er vor einer Stunde gehört und gesehen hat, liegt jetzt fein säuberlich geschrieben vor ihm. Nun ist das verflixte Kalenderblatt auch zufrieden – lauert ihn gar nicht mehr so hinterhältig von unten herauf an.

Harrijesses – die Uhr zeigt gleich fünf. Claas lässt auf seinem Schreibtisch alles einfach so liegen, und kriecht in die Falle. Eine klitzekleine Mütze voll Schlaf braucht er denn doch noch – von wegen des klaren Kopfes morgen.

11. September 7. 28 Uhr

„Claas … Claas, du musst aufstehen … du hast doch um neun einen Termin. Es ist gleich halb acht.“

Mudder hat ihm eine leckere Tasse Tee ans Bett gebracht, und zieht die Vorhänge zur Seite, um das Morgenlicht hereinzulassen.

So richtig will das gehörte noch gar nicht durch die Ohren in seinen Kopf kriechen – er ist doch eben erst eingeschlafen.

„Komm – nun trink man erst einen Schluck Tee, damit du zu Verstand kommst – und wenn du soweit bist, dann hab ich auch das Frühstück fertig.“

Auf ihrem Gesicht liegt ein Strahlen, als wenn sie noch mit Vadder in Hannover im Filmpalast sitzt.

„Bei dir hat aber noch lange das Licht gebrannt. Hast du dein Kalenderblatt denn fertig? Sonst – ich hab heut morgen schon etwas in der Zeitung für dich gefunden.“

Ihre gesprochenen Sätze sausen so an seinen Ohren vorbei – er muß sein Denken erst mit einem Schwall kalten Wassers auf festen Grund stellen.

„Vor fünfundzwanzig Jahren – am 11. September – haben jugoslawische Nationalisten ein amerikanisches Flugzeug in ihre Gewalt gebracht. Der Flieger wollte bloß von Neuyork nach Chikago …stell dir mal vor, du willst nur eben von Hamburg nach München fliegen … und plötzlich sagt unterwegs ein Verrückter, das ist nun mein Flieger – und ihr, die ihr an Bord seid, seid alle meine Geiseln!“

Bei den letzten Worten dreht Mudder sich vom Fenster weg, zu ihm hin – „… du hörst mir ja gar nicht zu…“ Enttäuschung ist aus ihrer Stimme herauszuhören – Enttäuschung darüber, dass er noch nicht am Rechner sitzt, und ihre Neuigkeiten reintickert.

„Mudder … tu mir einen Gefallen … laß mir noch ein paar Minuten Ruhe …“ – ziemlich lahm klingt seine Stimme bei diesen Worten.

„Ich wollte dir doch bloß …“ – mehr kriegt Mudder nicht heraus.

„Ist ja schon gut, Moderke – ich weiß das wohl. Aber ich hab die Nacht noch soviel auf mein Kalenderblatt bekommen – ich muß sich das erst mal alles setzen lassen.“

Das sagen und aus dem Bett springen ist eines – er nimmt seine Mudder in den Arm … und drückt ihr einen Kuß auf die Augen. Er weiß, sie meint es immer nur gut mit ihm – und mit der Ruhe ist es nun eh vorbei.

„Na – denn will ich man …“ sagt sie leise – streicht verstohlen mit der Hand über ihre Augen, und zieht die Kammertür unhörbar ins Schloß. Claas hat gespürt, dass sie sich keinen Reim darauf machen kann. Wie sollte sie auch. Sie kann ja nicht wissen, dass ihm das Kalenderblatt wie Stacheldraht im Magen liegt.

Eine Viertelstunde später sitzt er in der Küche. Vor ihm auf dem Küchentisch steht ein weichgekochtes Ei, Mudders selbstgemachte Marmelade und frischer handgebackener süßer Stuuten ( gesüßtes Weißbrot ) – daneben liegt die Zeitung – was kann es eigentlich morgens schöneres geben?

Der Stuten ist noch warm. Gestern zur Abendbrotzeit war noch Mehl in der Tüte. Das ganze Haus riecht noch heimelig nach Backofen.

„Mir war gestern am Abend so zumute – ich musste meinen beiden Mannsleuten einfach noch was Gutes tun“ – bei diesen Worten schiebt sie ihm noch ein gehöriges Stück Stuten auf sein Brotbrett.

Gestern morgen hätte er das Stück noch ohne zu zögern verzimmert – allein schon um Mudder zu zeigen, wie gut ihm ihre Fürsorge tut. Heute morgen kann er das nicht – die Bilder der vergangenen Nacht nehmen einfach zuviel Raum ein.

„Sei mir nicht bös’ – das ess’ ich, wenn ich nachher nach Hause komme.“

Verständnis blitzt in den Augen von Mudder, als sie sagt:

„Trink’ wenigstens noch eine Tasse Tee, bevor du aus dem Haus gehst …“ – mehr kommt da nicht. Als wenn sie um den Stacheldraht weiß, der sich um seinen Magen gedreht hat.

Claas ist heilfroh, dass es heute morgen nicht eine gar so wichtige Sache ist. Seine Gedanken gehen nämlich einen anderen Weg.

Wie kann ein Mensch – wie Henry Kissinger – von dem er sonst soviel gehalten hat, der aus seiner eigenen Kindheitsgeschichte ja eigentlich etwas anderes wissen müsste, so einen Irrweg gehen? Oder ist er so verbiestert durch das vergangene Geschehen, dass ihm Menschenleben nichts mehr bedeuten?

Das kann aber doch nicht sein – denn hätte er es doch nicht heimlich getan!

Eine Antwort kann Claas sich auf seine Fragen nicht geben – und Henry Kissinger kann er auch nicht fragen. Vielleicht wird ihm wohler, wenn er nachher darüber reden kann.

Die Terminsache läuft so über ihn hinweg – zwölf Uhr ist es, als er das Verlagsgebäude wieder verlässt. Mudder rechnet sicher schon zu Mittag mit ihm. Er ruft kurz zu Hause an, damit sie weiß, dass er nicht kommt. An eine Mutter, die zum Weltgeschehen aus ihrer Sicht etwas zu sagen hat – daran muß er sich auch erst gewöhnen. Aber nicht heute – und nicht jetzt.

Der Wind, der übers Wasser herkommt, muß ihm oben auf dem Deich erst mal den Kopf ein wenig freiwehen. Wenn bei ihm mal irgend etwas quer sitzt, hier oben auf dem Deich – mit dem weiten Wasser der Nordsee vor sich – läuft sich das meist alles wieder zurecht. Am schönsten ist es bei anlandigem Wind – wenn der Sturm so richtig über die See hinweggefegt ist, und von Norden das Gefühl von Weite und Freiheit auf seinen Schultern trägt.

Mit klarem Kopf und von Wind und Salzluft geröteter Haut geht er auf Sendung. Den Menschen im weiten Land ein wenig in ihrer und seiner Muttersprache zu erzählen – auf Plattdeutsch mit seinen Worten Bilder malen, die seine Hörer mit den Ohren sehen können.

Fünfzehn Uhr und zehn Minuten. In fünf Minuten ist das Kalenderblatt an der Reihe.

Im Redaktionsraum laufen die Nachrichtenmaschinen. Vierundzwanzig Stunden am Tage vornan sein, mit alldem was in der Welt passiert. Wenn man der Zweite ist, der den Menschen etwas erzählt, hat man in der gefräßigen Konkurrenzwelt meist schon verloren.

So ist es nun mal.

Claas will gerade „sein“ Kalenderblatt, was ihn schon wieder von unten herauf reichlich schief belauert, unter die Hörerschaft bringen, als alle im Studio wie versteinert auf die Bildschirme starren.

Nur die Bilder laufen … und laufen … und laufen!

In New York sind zwei große Passagiermaschinen in die Türme des „World Trade Centers“ gekracht.

Claas weiß nicht, was in den Kollegenköpfen vor sich geht – sein erster Gedanke ist:

Der Allmächtige hat seine Mühlen in Gang gesetzt – und zwischen den großen Mühlsteinen ist ein Gemenge von Menschenwerk und Menschen – und sein Kalenderblatt – das er nicht mehr losgeworden ist – liegt oben auf den Mühlsteinen – und dreht sich mit!

Auf dem weißen Papier steht plötzlich nichts weiter mehr drauf, als: Chile … Chile … Chile… und die Menschheit steht drumherum – und kann die Mühle nicht anhalten …

© ee

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Die Welt.

Die Welt

Die Welt sie ist nur Schall –

die Welt sie ist nur Rauch,
und übelriechend ist sie auch.
Stellt sich oft schellackglänzend dar,
geschmückt mit fremder Häupter Haar.

Surft um die Erd‘ auf machterheischend‘ Kufen
durchbrettert Wänd‘ und überwindet Stufen.
Es stört sie nicht die Klag‘ der Opfer Massen,
sie prostet sich – man kann‘s nicht fassen –

sich selbst noch hochzufrieden zu.

Was soll aus einer Welt nur werden
die fern von jeglicher Moral
des Teufels Werk verricht‘t auf Erden
und Menscheit führt ins Jammertal …

©ee

2021-09-10

Pusteblume

Pusteblume

Pusteblume blüht am Wege
weißlichgrau ihr runder Schopf
steht inmitten gelber Vettern
mit Federfliegern auf dem Kopf

dicke Backen kräftig pusten
fort sind sie die tausend Haar
fliegen fort bei allen Wettern
kommen wieder übers Jahr

dann sind sie erst wie die Verwandten
quittengelb und sonnenfroh
blühen an des Weges Kanten
blühen zwischen Heu und Stroh

wenn sie dann die Sonn’ genossen
und das Viehzeug sie verschmäht
ist die Jugend schnell verflossen
sie als Pusteblum’ erneut verweht
.

© ee

Nachtgeflüster….

Der Tag er schüttelt sein müdes Haupt
ist Stunden des Weges gezogen
er hat nicht mehr an den Abend geglaubt
fühlte sich schon um die Ruhe betrogen

die Ruhe nach des Sommers Hitze
die Ruhe nach den flirrend Lüften

aus denen zitternd schossen Blitze
bis tief hinein in Berges Klüften

der Tag streicht sich sein heißes Tagesgesicht
er wischt sich den Schweiß aus den Augen
ganz langsam erschöpft sich sein helles Licht
mag kaum noch zum Adjöh sagen taugen

sucht tastend am westlichen Himmelsrand
mit rötlich scheinenden Händen
die ausseh’n wie schwelender Wolkenbrand
nach des Abends schützenden Wänden

als er sie endlich gefunden
ist fast schon der neue Tag nah
am Horizont bläuend gebunden
im nordischen Mittsommernachtsjahr.

© ee

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Bild von poverss auf Pixabay

Eine Galerie der besonderen Art . . .

Verläßt man den Kirchplatz in Jever über die St. Annen Strasse, muß man nach gut fünfzig Metern unweigerlich den Schritt verhalten. Selbst die flüchtigsten Augen können nicht anders. Eine Galerie schaut man – eine Galerie der besonderen Art. In einem Haus aus der Mitte des vergangenen Jahrtausends wirkt eine Malerin. Kaum eingetreten, ist man von den Seelen gefangen – der Seele des Hauses und der Seele von Bärbel Niemann. Gefragt, warum sie sich gerade in Jever niedergelassen hat, fangen ihre Augen hintergründig an zu leuchten. Liebe auf den ersten Blick hat es bewirkt – nein, nein – lacht sie, kein Mannsbild war der Anlaß – in die Stadt habe sie sich auf das erste Sehen verliebt.

Das Besondere an der Galerie wird dem Besucher dann ganz schnell bewußt – Bärbel Niemann präsentiert sich selbst – eine Malerin der alten Schule mit ständig neuen Ideen. Wer an ihren Malkursen teilnimmt, ist unweigerlich für den Rest seines Lebens Pinsel und Farbe verfallen – und wer nur kommt, um einmal zu schauen – der schaut immer wieder.

Also – Vorsicht! Wer nicht der Faszination des Tuns von Bärbel Niemann erliegen will – der muß um die Galerie in der St. Annen Strasse einen weiten Bogen machen.

Verpasst hat er dann allemal etwas.©ee

Die Malerin.

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Die Malerin.

I ch sehe bunte Bilder wehen
in lieblichsten Farben

und sattesten Tönen von zarter Hand
auf die Leinwand gebracht

wie flammende Sterne
in finsterster Nacht

ich sehe leuchtendes himmlisches Blau
wie man es selten kann finden

ich sehe das lockende Rot einer Frau
mit dem sie die Liebe will binden

ich sehe das keimende Grün junger Blätter
seh’ Knospen von blühenden Linden

in sonnengelb strahlendem Frühlingswetter
ich seh’ nach Lavendel duftende Heide

seh’ rosarot schwebende Wölkchen
ach wie ich das Weiss des Flieders beneide

und die in ihm
sich tummelnden Schmetterlingswölkchen

darüber spannt sich ein Regenbogen
wie ein beschützendes göttliches Dach

lärmende Welt hat sich zurückgezogen
es gibt nur noch Stille

verschwunden der Krach.

© ee

Foto auf https://pixabay.com/de/

merci