Eine Nacht wie keine andere …

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Eine Nacht wie keine andere …

 

als Krönung von Tagen, die so wie sie waren, in der Erinnerung derer die sie erlebten, noch nicht da gewesen.

Seit Tagen schon stand der Sturm in Nordwest – fester vertäut als die Schiffe an der Kaje im südseitigen Norderneyer Hafen. Es war die ruhige Zeit für die Insel der Reichen und Schönen – die Zeit der wenigen Gäste, die eigentlich „Zeit des Atemholen“.

Die Dampfer der „Frisia“ lagen mit Hochbord am Hafenkai – der Fährbetrieb war schon seit dem Vortage aus Sicherheitsgründen eingestellt – und vom Deck der weißen Schiffe konnte man geraden Blickes in den geräumigen Gastraum des hochgelegenen Hafenrestaurants sehen, in dem an diesem Abend des 16. Februar 1962 die Mitarbeiter einer maritimen Behörde ihr winterliches Grünkohlessen hinter sich brachten.

Natürlich waren in den Stunden und Tagen zuvor Sturmwarnungen des Wetteramtes und des Seewetterdienstes allgemein und speziell verbreitet worden – nur haben sie auf der Insel, in den Büros der zuständigen Stellen, wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als die sonst für diese Jahreszeit üblichen auch.

Das Eiland war ja sicher. Da waren sich wohl alle ganz sicher.

Erst die eigenen nassen Füße während des Mitternachtstangos auf der Tanzfläche der Hafenkneipe machten den ausgelassen Feiernden die akute Bedrohung durch den blanken Hans bewusst.

Ein wenig spät, hat im nachhinein manch Katastrophendienstler geäußert, weil angesichts der fehlenden Vorbereitungen offenbar wurde, dass die Insel auch nicht im mindesten für (oder gegen) ein solches Ereignis gerüstet war.

Wofür auch brauchte man Sandsäcke als Hochwasserschutz? Man hatte ja in Westen und Norden die Dünen und im Süden den Deich als sichere Wehr gegen die tosende Nordsee.

Nur hatte man an maßgeblicher Stelle übersehen, dass wegen des am östlichen Nordstrand sich im Bau befindlichen Kurheimes der LVA, wegen der Straßenzuführung dahin, in den schützenden Dünengürtel eine Bresche geschlagen worden war.

Eben durch diese Bresche ergoß sich in guter Wassermanier dann als erstes am späten Abend des 16. Februar das Feuchte der Nordsee in den ansonsten geschützten Inselkessel, um alles was sich in der Stadt unter Hochparterre-Niveau befand zu fluten.

Wenig später – um die Mitternacht – erwies sich dann auch die Mauer der Kaiserpromenade als zu flachbrüstig angelegt. Die auflaufenden Wellen schlugen ständig darüber hinweg und brandeten gegen die Hotelfronten längs der Kaiserstrasse, um sich dann durch die Brandwehrlohnen in das tiefer dahinterliegende Stadtgebiet zu verdrücken.

Dabei unterspülten sie die (zu) flachen Fundamente der mehrgeschossigen Nachkriegsbauten, die sich dadurch jeweils in der Mitte, längs der Treppenhäuser, wie ein Reißverschluß auftaten und sich mit ihren Seitenfronten gegeneinander lehnten.

Ein Gebäude stützte so das andere, was sie allerdings nach der Flut nicht vor dem Abbruch bewahrte.

Wir, die wir noch alle im Jünglingsalter unsere Weihen in den gastronomischen Betrieben auf der Insel erhielten, betrachteten das Spiel der Gewalten schon als ein fesselndes Erleben.

So wie etwa meine Begegnung mit dem Nordseewasser unmittelbar an der Mühle. Mein Zweitjobboss, Melkbuur Edo, hatte sich angeboten, mich in seinem Goli, dem dreirädrigen Goliath Lastesel, mit zum Hafen zu nehmen. Er benötigte meine Hilfe.

Unweit des Krankenhauses, bei der Abfahrt in die Hafensenke, gab es einen gewaltigen Rummser … und dann nur noch schmurgeln und blubbern und zischen. Wir waren mit dem höchsten Tempo, welches das Vehikel hergab, in das graugrüne Nordseewasser gerauscht. Das treue Borgwardsche Arbeitspferd war unversehens zum U-boot geworden. DAS hat selbst dieses robuste Gefährt nicht einfach so weggesteckt.

Was war geschehen? Stunden nach dem offiziellen Hochwasser war die seit mehreren Tiden am Festlanddeich gestaute Flutwelle zurückgelaufen, und hatte die Insel von „Hinten“, von Süden her, durch die offene Flanke Hafen, überrollt. Ein solches „Unmöglich“ war selbst in den Geschichtsbüchern noch nirgendwo verzeichnet. Im Nachhinein erklärte das „Vollaufen“ des Hafenbeckens über den Süddeich auch die blendende Helle über der Insel und die anschließende totale Finsternis.

Gegenüber dem Norderneyer Bahnhof (übrigens dem einzigen mir bekanntem Schienenverkehrsbahnhof zu dem niemals Schienen führten) stand bis zu dem Augenblick des „Wintergewitters“ in der Leechte ein der damaligen Technik entsprechendes Transformatorenhaus – vierkantig, Backstein, fensterlos, drei Etagen hoch. Die Kopfstation des ankommenden Seekabels für die Stromversorgung der Insel.

Durch die weit offene Tür der Station begünstigt, war das Gebäude in Sekundenschnelle geflutet, und begleitet von einem gewaltigen Blitzen und Knallen in tausende kleine Teile zerlegt worden.

Ein Kurzschluß ungeheuren Ausmaßes. Dadurch verloren die Nordwestdeutschen Kraftwerke ( zu der Zeit noch in Wiesmoor ) einen ihrer treuesten Mitarbeiter und das Eiland war in seiner Gänze tagelang ohne Stromversorgung.

Und DAS mitten im Winter. Was ganz sicher auch in manchen Momenten sein Gutes hatte, aber das „Arschkalt“ überwog dabei bei weitem.

Für alle auf der Insel anwesenden Menschen war es eine völlig neue Erfahrung.

Am Tage danach gab es oberhalb der Nordstrandpromenade unterhalb der Wetterwarte keine Gebäude der Strandverwaltung mehr. Was es aber sichtbar wieder gab, das waren die Befestigungsanlagen aus kaiserlichen Blütejahren am Ostende der Insel, die bis dahin unter den Dünen verborgen waren. Die See hatte fünfzig und mehr Meter Dünen von der Breite der Insel einfach fortgespült. Geblieben waren fremdartige Sandsteilwände, wie sie die Insel noch nie vorher geziert hatten. Das Eiland hatte – wie sicher die anderen Inseln auch – über Nacht ein anderes Gesicht bekommen.

Es mag zum Schluß ein bisschen banal klingen, angesichts des großen Elends, das in der Sturmnacht über viele Menschen längs der Küste hereinbrach, aber für uns war es ein einfach ein urgewaltiges Erlebnis – damals in der Sturmnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962.

 ©ee

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Hein Vieth aus Voslapp …

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Hein Vieth aus Voslapp …

Wie war es eigentlich noch …
Zum Beispiel mit Hein Vieth, dem Milchmann von Voslapp?

Wer heute durch den Wilhelmshavener Stadtteil Voslapp geht, der sieht
nicht mehr viel von den Fußstapfen der „Pioniere“ aus der Anfangszeit
dieses Ortes als „Reichsheimstätten-Siedlung“.
Fußabdrücke von Frauen und Männern mit Herz und Courage, die oft bis
über die Knöchel durch Schiet und Klei laufen mussten, um von Haus zu
Haus zu kommen – oder auch nur von den Fahrwegen zu ihrer eigenen
Haustür zu gelangen.
Einer von den Unternehmern, den Geschäftsleuten der ersten Stunde war
Hein Vieth aus Bremen.
Als Bauernjunge von einem großen Hof im Waller Quartier stammend,
hatte er von zu Hause aus wohl einiges Kapital an den Füßen, als ihn das
Schicksal nach Knyphausersiel trieb.
Irgendeine Missetat, von ihm in seinen jungen Jahren verübt, hatte
seinen Vater veranlasst, ihn als Nachfolger auf dem Gut unweit des
Waller Bahnhofes auszuschließen. Seine Mutter hat ihn dafür aber noch
weit über ihren eigenen Tod hinaus mit ständigen Zuwendungen
ihrerseits, bei häufiger drohenden Pleiten, respektierlich über Wasser
gehalten. So ist er denn mit seiner Meta und vier kleinen Bremer Kluten
in eine Gegend gezogen, in der in den nächsten Tausend Jahren das
Leben große Wellen schlagen sollte. Zumindest wurde es zu der Zeit in
allen deutschen Gauen regierungsamtlich so verkündet. Der tatsächliche
Fortgang der Geschichte hat wieder einmal mehr den Beweis erbracht,
dass Menschen den sie regierenden Menschen niemals zuviel Glauben
schenken sollten. In der Vergangenheit hätten sie es nicht tun sollen – in
der Gegenwart sollten sie sich davor hüten und in der Zukunft möge ihr
Verstand sie davor bewahren.
In seiner Nähe, am Rüstersieler Maadezug und ein paar Straßenzüge
weiter auf Voslapp zu, in Knyphausersiel, saß zur gleichen Zeit Fritz
Folkers auf seiner Hausstelle, der Tag für Tag mit seinem einspännigen
Rollwagen auf Milchverkaufstour in der Nachbarschaft durch den
Fedderwarder-Baugroden unterwegs war. So hieß damals die riesige
Baustelle der künftigen Siedlung Voslapp nördlich von Knyphausersiel.

 

Weil der zweite Weltkrieg, der zu der Zeit noch wie ein junger Mann auf
flinken Beinen gen Osten strebte, Fritz Folkers für sein blutiges
Handwerk brauchte, hatte Hein Vieth kommissarisch von der NSDAP-
Gauleitung die Pferdewagen-Milchtour übertragen bekommen, damit die
Versorgung der Volksgenossen und deren Familien mit
Molkereiprodukten auch weiterhin gesichert war. Der Bremer
Schlaukopf hatte irgendwie das Glück, dass er von den Militärs für das
Kriegshandwerk als untauglich angesehen wurde. Vielleicht hatten es
auch nur einige Bremer Speck- und Schinkenseiten, oder die eine oder
andere Ochsenbrust aus dem Waller Viertel, das ihrige dazu beigetragen.
Wer weiß das nach so langer Zeit noch so genau.

Fritz Folkers nun hatte mit Glück die Kriegshändeleien körperlich
einigermaßen unbeschadet überstanden, und nach seiner Rückkehr aus
dem Feld die Zügel seines Milchwagengespannes wieder in die eigenen
Hände genommen.
Hein Vieth, der indes seine Freude an der Milchverteilerei gefunden
hatte, richtete auf einem Ackergrundstück an der Voslapper Flutstrasse
(damals noch Hans-Zenker Strasse), gegenüber dem südlichen der zwei
Voslapper Rundbunker, in einer hölzernen Bude eine eigene
Milchversteilerstelle ein. Auch bei der Erlangung der erforderlichen
amtlichen Genehmigung hatten wohl nahrhafte landwirtschaftliche
Produkte aus dem Bremer Umland einem positiven Bescheid ein wenig
nachgeholfen. Im „Verbindungen pflegen“ belegte Hein Vieth nämlich
zumeist einen der ersten Plätze im Wettstreit um gute Platzierungen.
[Als Ironie des Schicksals habe ich es in späteren Jahren so manches
mal empfunden, dass genau an der Stelle der ersten Vieth’schen
Milchbude Fritz Folkers in direkter Konkurrenz ein großes gleichartiges
Geschäft errichtete, und Hein Vieth das Leben erschwerte, was
letztendlich mitentscheidend Hein Vieth zur Aufgabe seines Geschäftes
veranlasste und den Rückzug nach Bremen ins Waller Quartier bewirkte.
Vielleicht wurde da auch noch so manche „alte Rechnung“ beglichen].
Es ging aber nicht sehr viel Zeit ins Land, bis Hein Vieth, als der
krägele Handelsmann der er ja nun einmal war, sich schräg gegenüber –
an der Ecke zur Hunrichstrasse – eine steinsche Wehrmachtsbaracke als
neues Domizil ausgeguckt und zu eigen gemacht hatte. Und wieder hatte
die Stütze aus dem Waller Quartier ein wenig gehörig nachgeholfen.

„Well good schmeert, de good foahrt“ – dieser sein Leitsatz stand auch
da Pate. Aus Hein Vieth’s blauer Milchbude auf einem Ackergrund war
nun quasi über Nacht ein richtiger massiver Tante Emma Laden
geworden, während es bei seinem ärgsten Konkurrenten Fritz Folkers
bis dato und auch für die nächsten Jahre danach immer noch nur zu einer
Holzbude, in der Hohewegstrasse in Roskosch’s Garten, reichte.
Anhand der zwei großen Schaufenster, im Giebel rechts und links der
Eingangstür des neuen Vieth’schen Domizils, konnte jeder jetzt schon
von weitem den Kaufmannsladen erkennen. Die emaillierte blecherne
Tafel an der Hausmauer, auf der auf blauem Grund in
überdimensionierten weißen Lettern in Schreibschrift das Wort „Milch“
geschrieben stand, tat aller Welt kund, dass dieser Kaufmann die
gesundheitsamtliche Erlaubnis besaß, in seinem Laden Milch zu
verkaufen.
Frischmilch unter die Leute bringen durfte nämlich noch lange nicht
jeder Kauf- oder Handelsmann in unserem Lande – selbst dann nicht,
wenn er „original“ den Kaufmannsberuf erlernt hatte. Dafür bedurfte es
einer Extra-Genehmigung durch das Veterinäramt der jeweiligen
Kommune oder des Kreises, wenn man als normaler „Heringsbändiger“ –
wie wir die Lebensmitteleinzelhändler auch nannten, frische
Molkereiprodukte im Sortiment führen wollte.
Und diese „Extra-Genehmigung“ hatte dann wiederum sehr viel zu tun
mit dem allseits bekannten Vitamin B. als Schmiermittel und zur Pflege
guter Verhältnisse.
Der Vieth’sche Laden konnte durchaus mit den anderen am Orte
ansässigen Lebensmittelgeschäften in Punkto Flächengröße, Einrichtung
und Warenangebot mithalten.
In Bedienerfreundlichkeit und Kundenverständnis hatte Hein Vieth
niemanden seiner Mitbewerber vor sich und war vielen anderen meist
um einige Längen voraus.
Von des Morgens um sieben bis des Abends um sieben Uhr – mit einer
Unterbrechung von 13 – 15 Uhr als Mittagspause – stand die Ladentür
für die Kunden offen. Und das sechs lang Tage die Woche. Des
Sonntags durften Milchgeschäfte wegen des Frischefaktors der Produkte
des Vormittags zwei Stunden ihre Türen für die Kunden öffnen, weil in
den meisten Haushalten ja noch keine Kühlmöbel die Küchen bevölkerten. Die Verbreitung dieser Geräte in Haushaltsgröße setzte erst
um einige Zeit später ein.
Während der gesetzlichen Nichtöffnungszeiten stand für Kunden aber
mehr oder weniger oft die „Hintertür“ offen, denn der Spruch an den
Käuferkreis: „Wenn vorne geschlossen ist, dann ist hintenrum offen“
den hatte fast jeder Kaufmann drauf – denn wer wollte, wer konnte es
sich schon leisten, wegen der strikten Einhaltung der gesetzlichen
Ladenöffnungszeiten, seine Kunden zu verlieren. Wer nämlich nach
Feierabend bei dem einen Kaufmann nichts bekam, der eilte stehenden
Fußes zur Konkurrenz, bekam dort das, wonach er verlangte – und blieb
dann sehr oft dort auch für die „offene“ Zeit als Kunde hängen.
Der „gesetzestreue“ Kaufmann schaute dann meist in die Röhre.
So hat sich durch die Zeiten immer wieder aufs Neue bewiesen, dass
absolute „Gesetzestreue“ sich nur die Menschen leisten können, die es
sich auch leisten können.
Ich habe Perioden miterlebt, in denen bei Hein Vieth mehr
„hintenherum“ als durch die Vordertür verkauft wurde.
An der seitlichen äußeren Hauswand hingen des Abends stets um die 20
„Melkbummen“ – Milchkannen – kopfüber am Kannenholz, die Frau
Meta zuvor mit Hilfe von P3 und Wurzelbürste geschwienkert –
gereinigt hatte.

Morgens um Klock sechs mussten die Kannen aufgereiht an der Strasse
stehen, denn auf die Minute genau tuckerte Peter Janssen aus dem
Hooksieler Sengwarder Anteil, mit seinem Fendt Dieselroß aus der
Richtung von Wirtin Albers Kuhstall kommend, die Flutstrasse hoch,
um frische Milch, Karnemelk (Buttermilch), Klumpenbutter und Käse
aus der Hooksieler Molkerei anzuliefern.
Später war es dann ein grüner Viereinhalbtonner, ein rundschnauziger
Hanomag der ersten Nachkriegsbaureihe, der dem Hooksieler Fuhrmann
eine schnellere Auslieferung ermöglichte – und ihm dadurch einen
größeren Lieferbezirk und auch vermehrten Fuhrlohn bescherte.
Fuhrmann Janssen war meist mit seinem Gespann gerade eben um die
Ecke gebogen, um bei seiner Schwester Elly, in deren Siedlung am
Deich, die morgendliche Teepause einzulegen, als auch schon der
rahmweiße Frachtwagen der Molkerei Neuende in Sichtweite auftauchte.
Von dort wurde Karnmelksbree – Buttermilchbrei, Sahne, Quark und als
besondere Spezialität „Schichtkäse“ geliefert. Hein Vieth legte einen ganz engen Maßstab an die Bewertung der Qualität der
Frischeprodukte, die er für seine Kunden einkaufte. Da konnte es denn
schon einmal vorkommen, dass auf Grund von Qualitätsschwankungen
der Ware oder der Rohstoffe der Hersteller gewechselt wurde.
Die Lieferanten gaben sich in den frühen Vormittagsstunden oftmals
gegenseitig die Türklinke zu Vieths Laden in die Hand.
Es war nämlich in den Jahren beileibe noch nicht so, wie es in der
heutigen Zeit üblich ist, dass ein überdimensionierter Lastwagen ein
oder zweimal mit einer Fuhre das gesamte Sortiment, das sich im
Angebot des Geschäftes befindet, anliefert. An diese Art von Logistk
war noch nicht zu denken, zumal ja auch noch sehr viele Artikel lose
bzw. als Sackware angeliefert wurden, um erst im Laden in Tüten mit
handelsüblichen Mengen abgefüllt wurden. Außerdem stand in den
vielen Einzelhandelsunternehmen für einen anderen Liefermodus gar
nicht ausreichend Lagerraum zur Verfügung.
So war alles schön verträglich auf- und eingeteilt.
Die Lieferung von Margarine aller Marken, sowie die von Plattenfetten,
besorgte Heino Weschke aus Rüstersiel mit seiner kleinen
Frischdienstfirma mittels seines flinken „Tempo“ Kleintransporters. Die
Margarinesorten der unteren Preislagen – so zum Beispiel die billigen
Marken wie ‚Sanella’ hatte der Teil Volkesmund, der höherwertige
Fette, oder sogar Butter sich als Brotaufstrich leisten konnte, mit dem
Beinamen „Wagenschmiere“ belegt. Die Produkte schmeckten und
schmierten auch dementsprechend.
„Käse“ jeder Art und jeder Sorte zu liefern, das fiel in die Zuständigkeit
der Kleeblattfirma, die in der Deichstrasse am Handelshafen, gegenüber
des Wilhelmshavener Hauptgeschäftes der in ihren anfangszügen auch
aus Hooksiel stammenden Holzhandlung Brader, ihren Stammsitz hatte.
Kleeblattfirma deswegen, weil die Anfangsbuchstaben des
Firmeninhabers I. G. H. (das H stand für Harms) als Firmenlogo das
Bild eines dreiblättrigen Kleeblatts zierten.
Auf dem Lieferantenfahrzeug für Obst, Gemüse und Südfrüchte prangte
in gelblichen Lettern ‚Früchte Wilms’ an den blauen Planen der
Ladebordwände. Mehrheitlich waren bei den Lieferfahrzeugen die
offenen Ladeflächen mit Plane und Spriegel bestückt – wenn überhaupt.
Geschlossene Kasten- oder gar Kühlwagen gab es noch erst sehr selten auf den Strassen zu sehen. Lastkraftwagen durften sogar noch mit zwei
Hängern hinter dem Motorwagen betrieben werden.
Leichte Kuchen, die bei Hein Vieth über den Ladentresen in die Hände
respektive in die Bäuche seiner Kunden gelangten, entstammten der
Backstube des Rüstersieler Bäckermeisters Fritz Ommen. Vielen
Wilhelmshavenern ist er als begeisterter Sänger und langjähriger
Sangesvater der Mannen der Rüstringer Liedertafel noch ein Begriff.
„Krintstuten“ (Korinthen- oder besser bekannt als Rosinenstuten) und
„Wittstut“ – Weißbrot, ob gesüßt oder ungesüßt, musste durch die
Hände und in der Backstube von „Backer Hüdel“, wie wir Bäckermeister
Helmut Hayen aus Sengwarden respektvoll nannten (wenn er es nicht
hörte) geformt und gebacken worden sein.
Die Herstellung und die Lieferung von Schwarzbrot war der
Dampfbäckerei Göcken – die in der Schaarreihe gegenüber von
Warrings Gaststätte „Schützenhof“ angesiedelt war, vorbehalten. Mit
Bäcker Göckens „10 Pfündern“ konnte kein anderes Schwarzbrot in der
Gegend konkurrieren. Das wollte auch wohl keiner ernsthaft tun, denn
man gönnte sich gegenseitig sein ‚Brot’ – von einigen Ausnahmen
einmal abgesehen, herrschte unter den Handwerksmeistern noch so
etwas wie Solidarität.
Unschlagbar in der Herstellung von Landbrot (auch von Bremerbrot)
waren die Bohemanns, gleich ob es Günther oder Walther Bohemanns
Kunst war, die den Broten ihren ‚Torfback’ angedeihen ließen – dieses
„täglich Brot“ war in Geschmack und Güte einfach nicht zu übertreffen.

Ein Backwerk ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben – der
„dicke“ Zwieback aus der Rüstersieler Backstube von Heinrich Siemens.
In der Herstellung dieser Köstlichkeit konnte ihm wohl keiner seiner
Mitbewerber das Wasser reichen. Stippzwieback und schwarzer Tee
waren das obligatorische Heilmittel bei Magen- und
Darmverstimmungen.

Einzig Brötchen, als kurzlebiges Backwerk, und das unvergessliche
„Kommissbrot“ kamen den kurzen Weg aus der unmittelbaren
Nachbarschaft in das Vieth’sche Verbraucherparadies. Bei der Herstellung dieser Erzeugnisse hatte Bäcker Stamerjohanns durchweg
die Nase vorn. Das hatten nach dem Ende des Krieges auch die Besatzer,
die Serben und später dann die Tommis schnell erkannt. Sie ließen in
den Voslapper Stamerjohanns’chen Backstuben über die Zeit ihrer
Anwesenheit in den Wehlenser Kasernen und in den Gebäuden am
Banter-See (der sog. „Prince Rupert School) ihren Bedarf an Brotlaiben
bei Stamerjohanns decken.
Zweimal die Woche holte ein olivgrüner hochrädriger britischer
Armeelaster die Stamerjohanns’chen Vierkantbrote ab. Sie wurden aus
den höhergelegenen Fenstern der Backstube mittels einer Bretterrutsche
auf die Pritsche des unter den Fenstern stehenden Lastwagens befördert.
So mancher Brotlaib verließ unterwegs die Rutsche, um dann von den
unten darauf wartenden „kleinen Voslappern“ aufgefangen zu werden.
Manches Brot wurde von oben sicherlich mit Absicht auf den „Irrweg“
in die Hände der Kinder geschickt.
So hatte jeder kleine Betrieb in der Stadt und dem Umland seinen Anteil
an der Versorgung der Bevölkerung.
Alle anderen Waren, die – nicht frisch und nur begrenzt haltbar –
geliefert wurden, die kamen entweder aus dem Lager von Hermann
Kluge, abseits des Mühlenwegs angesiedelt, oder aus denen des
Grossisten August Bade in Neuengroden an der Freiligrathstrasse, gleich
hinter dem damals sehr beliebten und bekannten Schuhhaus Gerdes
gelegen. Es waren in erster Linie Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Bohnen
und Linsen. Reis, Mehl, Zucker und Salz gehörten ebenso dazu wie
Sauerkohl, Fassgurken, Senf, Essig und Speiseöl. Dauerbackwaren, wie
Brandzwieback und Feingebäck, vervollständigte, neben
Körperpflegemitteln und Waschpulvern der damals großen Hersteller,
die Palette der wöchentlichen Anlieferungen. Ein ganz besonderes
Ansehen genossen die jeweiligen „Handelsreisenden“ der
Genussmittelfabrikanten wie Teekontore, Kaffeeröstereien, Brenner-
und Brauereien und der mächtigen Tabakwarenindustrie. Diese Herren –
es waren damals nur Männer auf dem Gebiet tätig – genossen stets eine
gewisse Bevorzugung in der Abfertigung und im persönlichen Umgang.
Man darf es sich allerdings nicht so vorstellen wie es heute in den
Märkten üblich ist, mit der Auswahl und dem Warenangebot. Bei dem
die Menschen ja oftmals gar nicht mehr wissen, was sie denn kaufen
sollen, weil ja unter vielen Namen angebotenes irgendwo von dem gleichen Hersteller gefertigt wird. Einer solchen Täuschung waren die
Kunden damals noch nicht ausgeliefert. Die Verbraucher der Damalszeit
konnten noch auf den Grund der Töpfe schauen, in denen die Suppen
meist angerichtet wurden. Von den gebräuchlichsten Produkten fanden
sich nur höchstens drei oder vier Ausführungen von verschiedenen
Herstellern, wenn eine Auswahl überhaupt möglich war. Die Käufer
konnten an der Verschiedenartigkeit des Sortiments noch leicht entlang
schauen.
Bei den im Handel befindlichen Getränken sah es nicht viel anders aus.
Ohne Prozente im Inhalt wurde nur Brause feilgeboten – gezuckertes mit
Kohlensäure versetztes Wasser mit Farbstoff und entsprechendem
Fruchtgeschmack in Gelb, Rot und Grün – ach ja, und Coca Cola, als ein
aus den USA herüber geschwapptes „Erfrischungsgetränk“ war gerade
im Begriff, bei uns in den deutschen Landen Fuß zu fassen.
Auf den Bierflaschen in den Regalen klebten Etiketten der regionalen
Braustätten wie Jever, Ulferts, Becks und Haake-Beck oder
Hemelinger. Die Gerstensäfte aus weiter entfernten Sudkesseln waren
den heimischen Biertrinkern noch weitgehend fremd.
Die Anzahl der Bezeichnungen auf den Flaschen mit den „härteren“
Sachen, den Spirituosen, bewegte sich in durchaus überschaubarem
Rahmen. Es befand sich noch fast nichts an fremdländischen Bränden
darunter. Whisky, Wodka und Cognac im Angebot zu haben, das war
den wenigen exquisiten „Spirituosen-Geschäften“ in der inneren Stadt
vorbehalten (Stümpel“ war eines davon), oder eben den, ein wenig
exklusiveren, gastronomischen Betrieben. Der größere Umsatz von
Schnaps und Bier wurde zudem vornehmlich in den Gastwirtschaften,
den Kneipen und Krügen, getätigt. Das „Saufen“ wurde nämlich noch
überwiegend der Männerwelt zugeordnet, und nicht als ein
„Kindervergnügen“ betrachtet, sowie es in der Gegenwart häufig genug
geschieht. Frauen „machten“ so etwas denn schon einmal gar nicht.
Auch diese Auffassung hat sich ja im Laufe der Generationen sehr
verändert Zuhause beschränkte sich „das trinken“ für die Kinder und
Halbwüchsigen im Normalfall auf Wasser aus der Wasserleitung, Milch,
Kakao oder Muckefuck zu sich nehmen.
Muckefuck – wer kennt schon noch die Sorten an Spitzbohnen- oder
Malzkaffee, die in den Wandregalen in den Läden einen respektablen
Platz beanspruchten. Als da waren „Franks Korntrank“ oder
„Kathreiner“ und „Lindes“, für die damals schon im Radio Werbung
gefahren wurde. Der echte Bohnenkaffe-, oder mehr noch der Schwarzteegenuß – war in den Haushalten, die ihn sich leisten konnten,
den erwachsenen Familienmitglieder vorbehalten. Ein Spruch der
Mütter und (weniger) der Väter klingt mir heute noch in den Ohren,
wenn sie die begehrlichen Blicke der Kinder hin zu den Tee- oder
Kaffeetassen der Großen mit den Worten abwehrten: „Tee (oder Kaffee)
ist nichts für Kinder – davon bekommen sie bloß schlappe Nasen.“ Der
einzige Grund, warum Kinder nichts vom Tee oder Kaffee süppeln
sollten, das war der Preis für diese Genussmittel. Tee und Kaffee war
nämlich verdammt teuer im Handel.
Schnaps trinken war also Mannsleutsache – und genauso hat Hein Vieth
es auch betrachtet, mit seiner Mitgliedschaft im Kreise der
Wilhelmshavener Honoren, deren Treibensmittelpunkt für lange Zeit das
Hotel Atlantik am Börsenplatz war.
Wer von den Jadestädtern, deren Haupthaare schon leise angegraut und
deren Knochen schon ein wenig alterssteif sind, kann sich nicht noch an
die bekannten Namen aus der Unternehmerszenerie Schlicktaus
erinnern. An Viehhändler Luis Winter, an Lampenschirmfabrikant de
Levie, an Schlachtermeister Wilhelm Werther oder Kaufmann Karl
Lenzing, an die Urgesteinskaufleute Coldewey, an Franz Högemann
oder die Wirtehierarchie der Dekenas … die Liste derer, die das
gesellschaftliche Leben der Stadt mitbestimmten, die könnte ich
ellenlang fortsetzen, über Kohlenhändler, Kinobetreiber und
Pillendreher bis hin zu Advokaten und Medizinern vom alten Schlage.
Die Liste würde hier aber sicherlich den Rahmen sprengen.
Was denn so zwischen den Honoren allgemein abging, bei ihren oft
spektakulären Zusammenkünften, das wusste am nächsten Tage nicht
selten schon der letzte Bürger in der Stadt. Was sich allerdings zwischen
verschwiegenen Mauern des "Hotel Atlantik" in den Nächten der Zünfte
abspielte, darüber wurde dann höchstens mal hinter vorgehaltener Hand
getuschelt. Das betraf denn ja ausschließlich die „bessere Gesellschaft“
von Kaisers Haven.
Auf jeden Fall hat Hein Vieth von den Vorteilen, die ihm durch seine
Mitgliedschaft in diesem Kreise zufielen, einen großen Teil an die
kleinen Sorgenbeißer unter seiner Kundschaft, die so Tag für Tag das
Nötigste zum Leben in seinem Laden anschreiben ließen, weitergereicht.
Um dieses „Stehen“ in zwei Welten – Spagat wird es im sportlichen
Bereich ja wohl genannt, das mit dem einen Fuß bei den Reichen und
mit dem anderen Fuß im Lager der Armen stehend – überhaupt ertragen
zu können, benötigte Hein Vieth binnerwendig wohl immer reichlich Öl auf dem Wasser. Sonst hätte seine Seele garantiert nach kurzer Zeit
Schiffbruch erlitten.

Hein Vieth sein Öl für die Seele kam direktemang aus dem
Niederrheinischen. Jeder Schluck hatte seine eigene Flasche um sich
herum und war außerdem sorgfältig in bräunliches Umpapier gedreht.
Gedacht war der kräuterige Inhalt vom Sinne des Erfinders her
eigentlich zur Unterdrückung von lästigem Magendrücken nach zu
reichlichem Genuß zu guten Essens. Aber des Menschen Seele sitzt ja
auch irgendwo im Bauch.

Bei Hein Vieth muß die Seele stets ordentlich gewütet haben, denn zwei
Packen von diesen Tröstern täglich – und da in jedem Packen 24 Stück –
leerte er im Laufe eines jeden Tages spielend.
Wenn er sich in der schummerigen Hülsenfrucht-Ecke vor der
altertümlichen Bizerba-Waage aufhielt, dann konnte niemand so recht
ausmachen, ob er gerade an seiner Zigarre schnullerte, oder ob sich der
Inhalt eines Underberg Fläschchens den Weg zu seiner Seele suchte.
Gut getan hat ihm wohl beides, jeweils auf die eine oder andere Art.
.Hein Vieth hatte nämlich auch im Hause keinen leichten Stand. Er ließ
es sich im Ladengeschäft allerdings niemals anmerken, wenn hinter der
Türe, auf der „Privat“ stand, einmal wieder Gewitterwolken unter der
niedrigen Decke hingen – wenn seine Meta ihm einmal wieder
Vorhaltungen machte, weil er zu sorglos und zu leichtfertig mit ihrem
teuren Gut umging, weil er bei einem armen Schlucker, von dem sie
nach ihrer Meinung schon lange über Gebühr etwas zu fordern hatten,
wieder etwas ins Buch geschrieben hatte,
Meta fiel das Abgeben nämlich nicht so sehr leicht. Am liebsten kratzte
sie alles zusammen, zu einem großen Haufen, um sich dann, wie eine
Kluckhenne über ihre Eier, darüber zu hocken.
Hein Vieth war aber im Grunde seines Wesens seiner Meta dankbar für
ihr Verhalten, für ihre Wachsamkeit. Wäre sie es nicht gewesen, denn
hätte Hein Vieth mit Sicherheit nicht lange zu den Honoren der Stadt
gezählt. Vielleicht hätte er für seine Familie und für sich auch
irgendwann einen Kaufmann suchen müssen, der ihm das Nötigste zum
Leben ins Buch geschrieben hätte. Genau davor hatte Frau Meta eine
unbändige Angst. Er konnte mit dieser Angst seiner Meta umgehen –
und weil er damit umgehen konnte, darum konnte er auch damit leben.
Geändert hat er seine Gewohnheiten sein Lebtag aber nicht um einen
Deut – und das war auch gut so.

Wenn er nämlich wusste – und Hein Vieth wusste auf diesem Gebiet
sehr vieles – dass irgendwo in einem Haushalt seiner Kunden am
nächsten Tag für die Familie rein gar nichts mehr an Essbarem für die
Kinder auf dem Tisch stehen würde, dann stand dort des Morgens in
aller Frühe wie aus heiterem Himmel schon mal eine Tüte oder ein
Karton mit Lebensmitteln, die in kein Buch geschrieben waren, vor der
Tür.
Einen von den kleinen Bremer Kluten aus der Vorkriegszeit hatte Hein
Vieth als Vater bei einem seiner Kollegen im Nachbarstadtteil – bei
Hermann Ehrling – in die Lehre gegeben, damit der dort in die ehrbare
Kaufmannschaft hineingelernt wurde. Er sollte dort die
„Heringsbändigerei“ von der Pike auf erlernen, um dann zu gegebener
Zeit den väterlichen Betrieb übernehmen zu können. Hein wollte den
Betrieb von Hein Vieth nach alter Bremer Sitte zu Hein Vieth & Sohn
machen.
Weil Hein Vieth selber ja nicht aus einer Kaufmannsfamilie stammte,
war es Zeit seines Lebens sein großer und blieb bis an seines Lebens
Ende sein unerfüllter Traum. Wie das Leben eben so spielt.
Aus dem Jungen ist gewiß ein umtriebiger „Heringsbändiger“ geworden
– Hermann Ehrling war ja ein gewiefter Ausbilder. Ein stückweit ist er
denn auch bei seinem Vater eingestiegen – er hat den Laden
geschmissen, wie die Leute sagten, aber das auch bloß so lange, bis er
feststellte, dass die „Heringe“ die in seinem Netz zurückblieben, für ihn
und seine Ansprüche sehr viel zu klein waren, um von ihnen großartig
leben zu können.
Er ist dann irgendwann angefangen, auf eigene Faust mit größeren
Tieren zu handeln, und ehe Hein Vieth nur einmal mit den Augen
kneifen konnte, standen er und seine Meta wieder alleine vor ihrem
Lebenswerk.
Eine geraume Weile haben die beiden seinem Traum noch
hinterhergetrauert – das ist gewiß. So gewiß aber, wie Hein Vieth mit
beiden Beinen fest im Leben verwurzelt war, so schnell hat er das
„Hinterhertrauern“ wieder abgelegt und weiter nach Vorne geschaut.
Die Zeit für die kleinen Tante Emma Läden neigte sich nämlich dem
Ende zu. Überall in den Stadtvierteln schossen „Discounterläden“ und
„Einkaufscentren“ wie Pilze aus der Erde.
Hein Vieth wollte sich dem Trend, oder der Notwendigkeit zu
expandieren, nicht mehr ergeben – er wollte seinen Laden nicht mehr
vergrößern.

Er hat dann nach seiner Meinung das einzig Richtige getan, er hat das
Glück, als es an ihm vorbeilief, und ihn danach fragte, was denn sein
Laden kosten würde, am Hemdzipfel gefasst und daran festgehalten. Er
hat den Laden von jetzt auf gleich an gute Käufer übergeben, die
innerhalb der Mauern eine Gastwirtschaft einrichteten.
Das es gute Käufer waren, das kann man immer noch sehen, denn die
Familie von damals sitzt heute, als mittlerweile Hoteliers, an der Ecke.
Hein Vieth hat seinen Lebenskreis geschlossen, in dem er seine letzten
Jahre als Verwalter auf dem einst elterlichen Bauerngut im Waller
Quartier zugebracht hat. Den kleinen Flaschen vom Niederrhein hat er
auch da im Bremischen bis zu seinem letzten Atemzug die Treue
gehalten.© ee

 

ewaldeden©2013-02- 12

Plötzlich brach ihre Welt zusammen …

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Plötzlich brach ihre Welt zusammen …

E in junges blühendes Mädchen erfreute sich an ihrem Leben. Sie konnte wohl nicht so gut hören wie andere, vielleicht – aber was machte das schon.

In ihrer frühen Kindheit hatte sie durch irgendeinen Umstand eine Gehörschädigung erlitten, die zu spät erkannt wurde. Wie so vieles in unserer Gesellschaft zu spät erkannt wird.

Das lernen in der Schule ging, als Folge davon, bei ihr etwas langsamer voran. Nicht daß jetzt gleich jemand denkt, sie wäre durch diesen Umstand schwer benachteiligt, oder gar geistig behindert – weit gefehlt dieses Denken.

Bei ihr lief das begreifen nur etwas langsamer ab. Und wie es so ist im Leben, was langsamer und bedächtiger vor sich geht, das gerät auch nicht so leicht ins stolpern.

Andererseits blieb ihr sicherlich so manche Unbill dadurch erspart. Der Straßenverkehr erschien ihr nicht so laut – die Flugzeuge vom nahen Düsseldorfer Flughafen lärmten für sie weniger schrecklich, und wer mit ihr redete, der sprach dann eben ein kleines bißchen lauter – wenn es sein mußte. Meistens mußte es nämlich gar nicht sein – denn mit dem verstehen der leisen Töne hatte sie seltsamerweise überhaupt keine Schwierigkeiten.

Die Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, und die sie auch jetzt noch begleiteten – und halfen, wenn sie mal irgendwo nicht so leicht mit klar kam – die wussten das. Ihre Freunde, und die Freunde der Familie, die wussten das auch.

Nur die Mitarbeiter des Jugendamtes – die ständig im Hintergrund herumfuhrwerkten, die wussten das scheinbar nicht. Brauchten sie aber auch nicht zu wissen, denn sie war ja bei ihren Großeltern gut aufgehoben.

Irgendwann am Ende ihrer Jungmädchenzeit verliebte sie sich in einen jungen Mann. Was ja ganz natürlich ist. Es erging ihr genauso, wie es anderen jungen Frauen auch ergeht. Die Liebe fragt nämlich überhaupt nicht danach, ob jemand gut, oder nicht so gut, hören kann – sie kommt sowieso auf leisen Sohlen daher. Sie macht auch keinen Test, ob derjenige, den sie glücklich machen will, den Namen des dritten Kaisers von China kennt.

Mit siebzehn wurde sie schwanger. Was auch natürlich ist, wenn Menschen zweierlei Geschlechts sich lieben. Ihren achtzehnten Geburtstag feierte sie gemeinsam mit ihrem Liebsten, mit ihrer Familie, und mit dem werdenden Leben in ihrem Bauch. Alle freuten sich mit ihr auf den Nachwuchs. Es war der schönste Geburtstag in ihrem Leben.

Zumal ja an diesem Tage das Jugendamt sich sein Mitspracherecht an ihrem Leben sich irgendwo hinstecken konnte. Wobei man sich manchmal fragt, ob das „Jugendamt“ überhaupt so etwas hat, wo es sich solche Dinge hinstecken kann.

Na, das ist ja auch egal. Auf jeden Fall müssen die Amtsleute über ihren „es zu sagen haben“ Verlust ganz schön wütend geworden sein – denn, was sie dann taten, ist nicht anders zu erklären, als das sie vor Wut blind waren.

Oder waren sie vielleicht doch nicht blind, sondern nur ein ganz klein wenig den Talern zugeneigt, die verzweifelte kinderlose Ehepaare schon mal einfach irgendwo so herumliegen lassen? Das ist nicht zu glauben, weil sie doch dem Wohl der Kinder verpflichtet sind, meint ihr?

Da drängt sich denn doch so spontan die Frage auf, welcher Kinder Wohl sie wohl im Auge haben.

Die Eile, und die Art und Weise, in der sie sofort nach der Niederkunft und Entbindung, der nun volljährigen Mutter, zu Werke gingen, läßt so viele Deutungen zu, wie in einem Versandhauskatalog Artikel aufgeführt sind.

Drei ganze Tage schien für die junge Mutter und ihrem Sohnemann die Sonne. Mit ihrem Sonnenschein in den Armen wollte sie am dritten Tage heim zu ihren Großeltern, damit sie sich alle gemeinsam an dem hellen Licht erfreuen konnten.

Am Morgen der Entlassung von der Wöchnerinnenstation ließ der zuständige Arzt plötzlich Nebel auf die strahlenden Gesichter fallen.

Sie könne ihren Sohn nicht mit nach Hause nehmen – er habe Gelbsucht. So hieß es. Die würde bei Säuglingen schon mal auftreten.

Nur Stunden später entpuppte sich die Krankheit aber als etwas ganz anderes.

Am Wöchnerinnenbett, in der Klinik, erschienen amtsab-gesandte Herolde in ihren noblen Trachten, und verkündeten im Namen des Volkes die Beschlagnahme des Kindes, und die Zuführung in andere Hände.

Die „anderen Hände“ waren praktischerweise auch gleich anwesend. Als wenn man vorsichtshalber vorher noch sehen wollte, was man sich einhandelte. Wer kauft schon gerne „die Katze im Sack“?

Was nicht anwesend war, oder der jungen, volljährigen Mutter nicht ausgehändigt, oder zumindest gezeigt wurde, das war ein obrigkeitlicher Beschluß – eine Anordnung, oder dergleichen.

Dazu ließen sich die Herolde erst Tage später herab. Denn – wer ist man denn!

Einen Handel schlugen die amtlichen Herolde seltsamerweise aber doch noch vor: Wenn die junge Mutter sich mit ihrem Kind gemeinsam in ein Heim begäbe, dann würde man von der Wegnahme absehen, man handele schließlich stets menschlich.

Sogar eine geistig Behinderte sollte das erkennen können. Halleluja!

Sie müsse sich allerdings auf der Stelle entscheiden, weil im Hintergrund die „anderen Hände“ schon ungeduldig herumtrippelten

Sich so spontan zu entscheiden, das könne doch nicht so schwer sein, auch wenn sie das Heim nicht kennen würde – der Richter hätte ja auch auf der Stelle entschieden, obwohl er sie und ihre Lebensverhältnisse überhaupt nicht kenne.

Eine äußerst einleuchtende und treffende Logik, nicht wahr.

Und sowieso – eine Mutter die nicht gut hören kann, die stellt automatisch auch eine Gefahr für ihr Kind dar. Das weiß doch jeder Anfänger in Sachen Sozialarbeit.

Wenn man diese einfache Regel nicht strikt befolgen würde, dann hätten viele Amtsherolde bald nichts mehr zu tun…

… und irgendwie müssen die Heime doch auch voll werden.

©ee

Die Geschichte der Mama O. – die Fortsetzung …

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Die Geschichte der Mama O. –

die Fortsetzung …

E in gutes halbes Jahr ist verstrichen, seitdem die Straßburger Richter des EuGH die Beschwerde der Mama O. gegen Deutschland zur Entscheidung angenommen haben. Das ist keine Zeit über Gebühr, und eine Entscheidung in der Sache wird auch noch ein Weilchen auf sich warten lassen, denn der EuGH kann die Flut der Klagen und Beschwerden, die auf ihn zukommen, fast nicht mehr bewältigen. Es ist, besonders in Deutschland, schlecht bestellt um die Gerechtigkeit gegenüber den Bürgern. Trotzdem sollte jeder Betroffene diesen letzten Schritt wagen, und das europäische Gericht anrufen. Der Bescheid, ob der Gerichtshof eine Beschwerde als verhandlungswürdig betrachtet, läßt in der Regel nicht lange auf sich warten. Im Falle einer positiven Nachricht heißt es dann allerdings, sich in Geduld zu üben. Die Hoffnung ist da aber eine kräftige Hilfe. Soviel zu dem Grundsätzlichen.

Fernab in Straßburg – im europäischen Mekka der Gerechtigkeit – hat sich also in der Sache der Mama O. erkennbar noch nichts getan.

Nahbei in Friesland – in der Hochburg der Leichtentscheider hat sich hintergründigvordergründig aber so einiges bewegt.

Vermutlich hat man im Südwind geschnuppert, daß sich im Elsaß etwas tut.

Das Verhalten der Heimangestellten, der Mama O. gegenüber, änderte sich spürbar. Plötzlich war sie nicht mehr nur noch Luft, sondern wurde beachtet, und sogar nach ihren Wünschen gefragt.

Als nächstes wurde ihr vom Gericht zur Kenntnis gegeben, daß ein Wechsel in der Betreuung stattgefunden habe.

Der Berufsbetreuer, mit dem Hang zum Bastagebaren, war wohl doch nicht das Wahre gewesen.

Das Gericht hätte zum Wohle des Betreuten eine persönliche Betreuerin bestellt.

Sieh einmal einer an.

Mama O. hat sich dann gedacht, wenn Hausfrau Klärchen Meyers Fähigkeiten zur Betreuung meines Sohnes ausreichen, dann werden es meine Fähigkeiten als Mutter doch auch wohl sein.

Also stellte sie erneut einen Antrag auf Rück- oder zumindest Teilrückübertragung der Betreuung für ihren Sohn.

Ihr Antrag an das Gericht bewirkte eine Einladung, zu einem Gespräch mit der Leiterin des Betreuungsamtes, weil der Richter, der inzwischen auch ein anderer war, den zuständigen Landkreis zu einer Stellungnahme aufgefordert hatte.

Es war deutlich zu erkennen, daß die Einladung nur darauf gerichtet war, die Mama O. zu bewegen, ihren Antrag zurückzunehmen. Wörtlich klang das so: „Liebe Frau O., es wäre für Alle das Beste, wenn sie ihren Antrag zurücknehmen – dann brauchen wir auch keine Stellungnahme zu verfassen.“

Wie schön, habe ich da nur gedacht.

Das hat die liebe Frau O. natürlich nicht getan. Als Reaktion auf die Standfestigkeit räumte ihr die Betreuungsamtsleiterin plötzlich erweiterte Freiheiten im Umgang mit ihrem Sohn ein, machte ihr jedoch unterschwellig den Vorwurf, sich zu strikt an die rigorosen Vorgaben des, nun ja geschassten, Berufsbetreuers gehalten zu haben.

Das Gericht bekam trotzdem nur eine modifizierte Abschrift irgendeiner alten Stellungnahme der Leiterin. Einen amtlichen Bescheid auf ihren Antrag hat die Mama O. vom Gericht nach nun über vier Monaten noch nicht bekommen, aber das kann ja noch werden.

Etwas anderes ist in der Zwischenzeit aber geworden. Der Sohn zieht um. Mama O. hatte in der Nachbargemeinde eine neu entstehende Wohnstätte, für Menschen mit Behinderung, entdeckt. Die werdende Einrichtung ließ gleich ihr Herz höher schlagen.

Am selben Tag noch schrieb sie dem Gericht davon, und bat den Richter, doch einem Umzug ihres Sohnes in die neue Wohnstätte zuzustimmen. Mehr tat sie nicht. Das übrige geschah wie von selbst.

Die Betreuerin stellte daraufhin den gleichen Antrag, und kündigte das alte Wohnverhältnis, der Rechtspfleger befürwortete die Veränderung, genehmigte sie, und überreichte der Mama O. noch ein Präsent, indem er die Betreuung für ihren Sohn durch die bestellte Betreuerin als nur auf die rechtlichen Dinge beschränkt, bezeichnete. Im Umgang mit ihrem Sohn hätte sie in allen anderen Dingen freie Hand. So etwas zu hören, hat Mama O. natürlich gefreut.

Wir werden die Entwicklung weiterhin aufmerksam verfolgen.

©ee

Wilhelmshaven Spezial …

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Wilhelmshaven Spezial …

oder warum sind die Helgolandfahrten so ins Abseits geraten?

 

Die Zeiten in denen die Reise mit einem Bäderschiff zum ‚Roten Felsen’ in der Nordsee fester Bestandteil im Programm fast aller Jadestadt-besucher war, gehören leider der Vergangenheit an.

Geändert hat sich aber nicht nur das Zielverhalten der Gäste der grünen Stadt am Meer – auch für die Einheimischen hat der Magnet Hochseeinsel beträchtlich an Anziehungskraft verloren.

Woran mag es liegen, daß des Kaisers Stadt zum bedeutungslosen Ausgangspunkt für Helgolandfahrten geworden ist? In den Köpfen der Verantwortlichen scheint das Wissen um den Nutzen dieser Verbindung keinen Wert mehr zu besitzen. Anstatt die heimischen Schätze in der Stadt und vor den Toren zu pflegen, hetzt man im Högerbau lieber Trugbildern einer Globalisierung hinterher. Die Reihe der vernachlässigten Dinge ist schon sehr lang.

Die Macher in den Reedereien sind allerdings auch nicht bar jeder Schuld an dieser fatalen Entwicklung. Für sie dürfte es doch ein leichtes sein, herauszufinden was ‚Gast’ dazu bewegt ‚nicht’ an Bord zu gehen.

Wer in den letzten Tagen seine Scheu vor dem provisorischen ‚Bäderdampfer Autofähre’ überwunden und das Kleinod weit draußen vor der Küste besucht hat, konnte auf jeden Fall feststellen, daß nicht die Gegebenheiten auf der Insel daran schuld sind.

Die Naturschönheiten und –wunder, die den Besucher auf der einzigen deutschen Hochseeinsel erwarten gibt es so sonst nirgendwo zu sehen.

Wenn es nicht die gelben Blüten des wilden Kohls sind, die den harschen Felsen bedecken, dann ist es die weiße Pracht unzähliger Margeriten die wie ein Teppich die Steilwände überzieht.

War Helgoland schon von jeher durch die unzähligen, pinguinähnlichen Trottellummen (die kleinen Oberkellner) bekannt, die auf dem nach ihnen benannten Felsen brüten, haben in jüngerer Vergangenheit vermehrt Dreizehenmöwen und Baßtölpel den roten Sandstein zu ihrer Kinderstube gemacht. In trauter Nachbarschaft übrigens mit den alteingesessenen Lummen. Die Dreizehenmöwe bricht übrigens in Bezug auf den Platz-bedarf für ihre Brutstätte alle Minusrekorde. Jeder noch so kleine Vorsprung in der schroffen Felswand reicht ihr für ihr Heim.

Wer sich vom schwindelerregenden Sturzflug der Baßtölpel, oder vom schreckenauslösenden Sprung der noch flugunfähigen Junglummen vom Felsen ins Meer hinunter, durch den eleganten Flug des Eissturmvogels noch nicht erholt hat, der sollte zur vorgelagerten Düne überwechseln, um beim baden im türkisfarbenen Wasser angeregt mit den neugierigen Kegelrobben zu plauschen.

Zu all diesem Erleben gehört unbedingt der Besuch der Vogelwarte auf dem Oberland, und als Kontrapunkt eine Stippvisite im Aquarium auf dem Unterland. Wer alles das mit Vergnügen hinter sich gebracht hat, der sollte auf seinem Weg in eines der urgemütlichen Gasthäuser nicht blind an der Welt der zauberhaften kleinen Helgoländer Gartenhäuschen vorüber gehen.

 

Übrigens – der Helgoländer Eiergrog ist immer noch allein für sich schon eine Reise wert, auch wenn das Beförderungsmittel zur Insel nicht mehr mit dem Charme der alten Bäderschiffe  glänzen kann.©ee

 

 

Eis vom Konditor …

 

Eis vom Konditor …

 

Pfingstmontag – in Deutschland seit einigen Jahren, wenn auch noch nicht traditionell, so aber doch Mühlentag. Unzählige Ausflügler sind unterwegs um ein wenig Vergangenheit zu schnuppern.

Auf dem Wege von Emden nach Greetsiel machten wir in Norddeich Station. Spontaner Beschluss  unserer kleinen Gruppe – hier gönnen wir uns ein Eis.

An Norddeichs Hauptstrasse boten sich uns zwei Gelegenheiten dazu – einmal eine offenkundig südländische Eisdiele – fünfzig Meter weiter verhieß ein großer Schriftzug: „Eis vom Konditor“.

Dahinter verbarg sich die Konditorei „Cafe¢ ten Cate“.

Ein großer Werbeträger neben dem Eingang versprach uns den besten ostfriesischen Korinthenstuten.

Eis vom Konditor – das sollte es sein! Und Korinthenstuten für zu Hause.

Schnell hatten wir einen freien Tisch in der Nähe der Theke gefunden.

Während meine Leutchen die Karte studierten, machte ich meinen obligatorischen Gang zur Toilette – wie stets nach dem betreten eines Gastbetriebes.

Die sanitären Anlagen waren in Ordnung – sauber, modern und pikobello. Einzig die Lage im Kellergeschoß könnte für manchen Gast, der nicht mehr so gut zu Fuß ist, problematisch sein.

Wieder oben angekommen hatte meine Rangen schon für mich mitbestellt – frische Erdbeeren auf Vanilleeis mit Schlagsahne!

Es dauerte ein Weilchen – in der Zwischenzeit hätten wir beim Nachbareismann wohl schon die vierte Portion verzehrt gehabt, aber na ja.

Bei der Fahrigkeit der vier Damen im Service konnte es nicht fließender gehen.

Die Äußerungen, und das hektische Gebaren der Vier, ließen erkennen, die Sahne war ausgegangen.

An sich kein Beinbruch – offen geschlagene Sahne empfinde ich immer als Pluspunkt gegenüber der Sahne aus den Aufschäum-automaten.

Nur das, was in diesem Falle dabei herauskam, ließ alle bisher positiven Eindrücke im Gully verschwinden.

Man servierte uns die gläsernen Pokale erstens auf einer Untertasse eines Kaffeepotts – ohne die Zierde eines Deckchens. Zweitens ohne Serviette, und drittens entsprach der Inhalt genau dem mangelhaften Äußeren.

Da konnten die anstandslos frischen Erdbeeren das zu kalte und zähe Eis auch nicht mehr retten, dass von einer gelbstichigen, unangenehm schmeckenden Sahnehaube gekrönt war. Die Sahne war schlicht und einfach schon fast zu Butter geworden.

Der überschwänglich angepriesene „ostfriesische Korinthenstuten“ – von dem man uns noch ein Resthalbes verkaufte entpuppte sich zu Hause angekommen auch als ein Überbleibsel besserer Tage. Sogar unser original kanadisches Buschmesser hätte sich beim schneiden fast die Zähne ausgebissen.

Einzig das Schwarzbrot- von dem wir auch ein Pfund mitgenommen hatten – bestand alle kritischen Prüfungen. Es war – wie schon zu allen Zeiten aus dieser Bäckerei – einfach super.

Mein Fazit:

Der Konditor sollte ein Bäcker bleiben, und das Eismachen seinem Kollegen aus dem Mittelmeerraum überlassen. Dann hätte er sicherlich auch ein wenig mehr Zeit für den „ostfriesischen Korinthenstuten“. ©ee

 

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Der „Rüstersieler Hof“

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Der „Rüstersieler Hof“ – ein wiedererwecktes Kleinod . . .

 

 

Mein Weg führte mich in das einstmals verträumte Dorf Rüstersiel. Die Stadtnähe und die Erneuerungswut mancher Planer haben den Ort gezeichnet – haben dieses Idyll in einen klinisch reinen Dornröschenschlaf versinken lassen. Erinnerungsbeladene Stätten, wie der alte Hafen, das geschichtsträchtige Packhaus mit dem Ehrenmal davor, das Sieltheater oder ganz einfach Adele Tieslers „Cafe duck dich“ direkt neben den Schienen der alten Vorortbahn – waren plötzlich verschwunden.

Es gab kein Hochschuldorf mehr und kein Siel inmitten der Maade, an dem jeder Fremde sich gleich heimisch fühlte.

Ich war an dem Platz gelandet, an dem Tant’  Adele jahrzehntelang  ihre Gäste bemutterte. Seit Jahren steht ein anderes Gasthaus – im Gewand der neuen Zeit – auf dem Stückchen Erde. Der Park gegenüber trägt zwar noch ihren Namen – Ehre können die für ihn zuständigen damit aber keinesfalls einlegen.

Ein, mit viel Aufwand neu angelegter, Biergarten zog mich an. Ein Regenschauer trieb mich dann noch zehn Schritte weiter – in das Haus hinein. Die Erwartungen waren auf der untersten Stufe angesiedelt, als ich das Innere des „Rüstersieler Hofes“ betrat.

Meine Gefühle mußten im Eiltempo eine ganze Treppe höher klettern. Ein frischer Wind weht durch das Haus. Familie Schlüter ist mit der Übernahme des Betriebes  ins kalte Wasser gesprungen.

So wie die jungen Wirtsleute die Sache angepackt haben, kann ich nur sagen: Weiter so – ihr geht bestimmt nicht baden. Mut zum Risiko und ein Konzept wie aus einem Guss bestimmen das Erscheinungsbild.

Kein Wunsch der Gäste bleibt unerfüllt – Küche und Keller strahlen in seidigem Glanz – sorgfältig und liebevoll gehegt, und gepflegt, von Menschen, die ihr Handwerk verstehen.

Jeder Gast der – nach einem genussvollen Mahl – dieses exzellent geführte Haus ungern verläßt, hat in seinem Kopf garantiert schon den Termin seines nächsten Besuches festgemacht.

Wer sich nicht so schnell von diesem Traumparadies trennen kann, der wird keinesfalls im Regen stehen gelassen – in den stilvoll eingerichteten Gästezimmern finden 58 müde Leiber einen Platz zum Ruhen wie in Abrahams, oder vielleicht auch in Evas, Schoß.

Raubrittermanieren gehören hier der Vergangenheit an – die Preise bewegen sich allesamt in einem zivilen Rahmen. Selbst wer ausgiebig getafelt und gezecht hat, wird beim Zahlen von seiner Geldbörse nicht schief angesehen.

Meine Minuspunkte konnte ich in diesem gastlichen Hause in der Tasche behalten.

Eine Einkehr ist ohne Einschränkung empfehlenswert.©ee