Und plötzlich juckt es wieder …

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Und plötzlich juckt es wieder …

Z ur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert. Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Das Geld für meine Bahnfahrkarte sei im Stubenbüffet deponiert. So lautete ihre Ansage an eine meiner Schwestern, die mit ihrer Familie in unserem Haus in Voslapp zurückblieb. Die Strecke hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt.
Einer meiner Brüder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von Händen die zupacken konnten. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung bekannt.
Fidi S., ein Jugendfreund meines ältesten Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Kriege und dem Ende ihrer Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. im Jeverland ins Rheinland gewechselt war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der Rubinhochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter bei seiner Rückreise ins Bergische Land auf seinem Feuerstuhl mitzunehmen.


Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Bahnfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.
Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er’ NSUzeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen auf die Landstrasse gerutscht war.
In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die Anfangs etwas teurer erscheinende Variante Zugfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer heruntergeratteter Strassenlänge an.


Meine Mutter, als dankbare Mitfahrerin, übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch die Kosten für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot seiner honorigen Sozia sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.
Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Deutschlandrundfahrt einschließlich der niederländischen und belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich dann mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abfahrt ins gelobte Land. An der Wesensveränderung meiner Schwester merkte ich, daß irgendetwas ihr Unwohlsein bereitete. Und richtig – das ihr von unserer Mutter anvertraute Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst, oder war unter der Sonne ihrer unerfüllten Wünsche dahingeschmolzen. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.
Der liebe Gott hieß in diesem Fall Fritz Grätz. Seines Zeichens war er Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur im Fernverkehr bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Turnus.
Seine dunkelblauen schwerfälligen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.

Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstrasse Steinwolle aus Blaubasalt als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.
Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere, Menschen die für wenig Geld näher oder weiter weg wollten.
Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere konnten jeweils im Führer-haus mitreisen, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mußten die anderen sich mit einem Platz auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.
Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, mußte sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.

Sich unterwegs etwas zu kaufen, das war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft.
Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal Heute.
Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord zusammengewürfelt hatte. Nach dem Ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Nur geschmökt werden durfte auf dem Zwischendeck nicht.
Und alles ging im Konzert der Strasse unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.
Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.
Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich das Jucken von vor fast sechzig Jahren zu verspüren.

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Der zerbrochene Krug . . .

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Der zerbrochene Krug . . .

Wer kennt es nicht – das Theaterstück.

Als ich kürzlich auf dem Weg meiner Erinnerungen an Dudens Gasthof – mitten im Herzen Sengwardens – meinen Schritt verhielt, um die Erlebnisfarben an den „Deutschen Adler“ – wie er seit Generationen offiziell hieß – aufzufrischen, fand ich keinen Pinsel und keine Farbe. Nichteinmal ein Hauch von Annegret und Bernhard – geschweige denn von Oma Alma, Opa Paul – oder gar von Onkel Hans. Sengwarder Hof steht jetzt in neuzeitlicher, uniformierter Reklameschrift an der Hausfront. Wer die Buchstaben in dem leuchtenden Kasten unbeachtet läßt, sieht bloß eines von vielen gleichgeschalteten Wirtshausschildern vor sich. Die Kreativität in den Köpfen der Werbestrategen der dahinterstehenden Bierbrauer scheint mir wie ein Stier ohne Hörner – oder wie eine Einstellung, die abfärbt. Im Inneren des Hauses – das ich aus der Vergangenheit als quirlige Welt kannte – empfing mich eine Atmosphäre der Gleichgültigkeit. Das Gefühl, jeder Handgriff oder jeder Schritt zum Wohle des Gastes verursacht beim Personal Unbehagen, ließ mich schauern.

Wenn Gäste aus Getränkenot mit bunt zusammengewürfelten Thermoskannen zwischen den Tischreihen hin-  und herwehen – oder gar das dazugehörige Gebäck auf Servietten selbst zum Tisch tragen müssen – obwohl genügend dienstbare Geister am Tresen anwesend sind, wird es keinen Gast verleiten zu verweilen. Ich habe nur wehmutsvoll den vergangenen Zeiten hinterher geschaut. Der abschließende  Blick in die ungepflegte Toilettenanlage hat mich ganz schnell hinausgetrieben. Schade für das Haus um die vertane Chance.

Meine Punkteliste habe ich in der Tasche gelassen. © ee

Ewald Eden

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Irgendwo im Nirgendwo …

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Vor meinem jetzigen Stadtasyl war mein Zuhause ja ein Paradies in einer benachbarten Landgemeinde am derselben gelegen – mit weitem Blick über die Felder – zumindest nach 3 Seiten hin an einem von der Hauptstrasse abzweigendem Schotterweg gelegen.
Es war schon alles etwas weitläufig angelegt mit 450 Haselnußsträucher neben einem großen Sonnenblumenfeld für jeden der vorbeiging ein Sträußchen zum mitnehmen – von einem stetig wachsenden Wall aus allem was in Garten und Gelände an Naturalien wie Strauch- bzw. Baumschnitt und Grünzeug begrenzt, der sogar Füchsen und Rehen aus dem angrenzenden Barkeler Busch als Schlaf- und Ruhequartier diente – die Rehmütter brachten des Öfteren sogar ihre Kitze mit – inmitten dieser Vielfalt dann der gutbestückte Gemüsegarten aufgemischt mit alten Obstbäumen fast vergessener Sorten und einem Teich mit vielen hundert Fischen in vielen Arten – die meisten von ihnen fraßen mir aus der Hand wenn ich sie des Abends mit Futter versorgte.

In meinem Brunnenhaus förderte eine Pumpe aus 30 m Tiefe kristallklares silberflimmerndes Naß zur Versorgung des Ganzen – ehemals und vordem war das Anwesen eine Gärtnerei gewesen die nach dem letzten Betreiber etliche Jahre im Dornröschenschlaf zugebracht hatte – bis ich sie daraus erweckte – die Gebäude befanden sich in einem schrecklichen Zustand und die 10 tausend qm umzu boten das traurige Bild einer vergessenen Wüste. Das nächste Gehöft lag gut hundert Meter weiter den Schlackenweg hoch. Die Nachbarn auf dem Hof betrieben im Nebenerwerb auch eine bescheidene Gemüsegärtnerei. 3 Söhne hatten Magda und Ewald – wobei der Jüngste und der Ältest schon aus dem Hause in der Ferne irgendwo lebten. Nur der mittlere des Trios wohnte wegen seiner etwas schwächlichen Konstitution (obwohl er von Gestalt her ein gestandenes Mannsbild war) noch bei Mama und Papa zuhause. Wie aus heiterem Himmel lag Ewert – so sein Name – plötzlich darnieder. Obwohl es ja ganz sicher nicht aus heiterem Himmel geschah. es war wohl nur nicht erkannt worden.
Beim 27jährigen Ewert wurde ein Tumor im Kopf festgestellt und damit begann seine Odyssee durch viele Heilpaläste mit den unterschiedlichsten Methoden in vielen Gegenden. Seine Eltern liessen nichts unversucht um ihn vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren.
Ihn und sich muß ich dazu sagen, denn in den folgenden 3 Jahren – an seinem 30sten Geburtstag hatte alles Leiden ein Ende – haben seine Eltern wohl mehr gelitten ob ihrer Unfähigkeit dem Sohn helfen zu können, als Ewert selber. Ich habe während meiner
vielen Besuche bei ihm immer nur einen ausgeglichen Freund vorgefunden. Er hatte sich mit allem arrangiert. Auf diese Besuche wollte ich eigentlich auch hinaus. Es war schon Rythus dass ich in der letzten Helle eines jeden schwindenden Tages – seit er die Liegestatt nicht mehr verlassen konnte – bei ihm reinschaute und für eine Weile an seinem Lager verweilte. Bis zu seinem Davongehen an seinem Geburtstag.
Wochen nach der Beisetzung besuchte mich seine Mutter – es war ihr einfach ein Bedürfen mir zu danken.
Während der Leidenszeit ihres Sohnes hätten unzählige Menschen aus Familie, Bekannten- und Freundeskreis mit ihnen wortlos mitgefühlt – auf mich hätte sie aber jeden Tag fast freudig gewartet – immer auf den Moment hin in dem sie meine Bonny um die Hecke streichen sah – dann wußte sie: Ewald kommt gleich hinterher. Ich brachte zwar keine Heilung für ihren Ewert mit – aber ich war der Einzige der Worte mitbrachte, tröstliche und offene Worte die ihnen allen den schweren Weg des Abschieds sehr viel leichter zu gehen gemacht hatten.

Irgendwo im Nirgendwo …

© ee

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Die Mutprobe oder etwas anderes.

Er hatte breite Schultern. Er war der Stärkste. Der Größte. Der Klügste und mein bester Freund.

„Was siehst du?”, flüsterte er von unten hoch. Ich klammerte mich am Fenstersims fest.
Krampfhaft bemüht nicht ab zu stürzen und mein Kinn zwischen die Geranientöpfe geklemmt.
„Halt ruhig, sonst sehe ich nichts!”. „Mensch bist du schwer!“, kam es wieder von unten.
Also lies ich mich langsam herunter gleiten.

„Oma Lore hat die Küchenschürze über den Stuhl gehängt und ist in den Nebenraum gegangen.
Das Licht ist aus”. Tom drehte sich zu mir um und klopfte sich den Staub von der Schulter ab.
„Dann nichts wie rein in die gute Stube !”
Er grinste: „Du traust dich doch, oder?” „Klar!”, sagte ich. „Sollte ich zugeben, dass ich Muffensausen hatte?

Sie ist nun weg, lass uns noch…“ Doch er war schon an der Tür, öffnete einen Spalt und war im Küchenvorraum verschwunden.
„Hey, warte doch!” Ich drängte mich schleunigst in das Dunkel, warf dabei einen Stuhl um, dass es nur so polterte.
Mir blieb das Herz stehen.

Das Licht ging an und Oma Lore erschien wie ein Donnerbote.
„Was treibt ihr denn hier im Dunkeln? Wollt ihr kein Licht machen?

Ich sah zu meinem Freund. Er hatte schon das gesamte Kuchenblech unter dem Arm.
In Omis Gesicht wurden die Falten  tiefer.
Jetzt wird sie bestimmt…!

Doch sie schmunzelte nur: „Ihr habt Hunger?
Der Kuchen ist aber noch nicht kalt. Er muss noch eine Weile abkühlen“
Meinen Freund mit ihrem Kuchenblech übersah sie wohlweislich.
„Hier!”  Sie reichte mir zwei rotbackigen Äpfel.
„Setzt euch dorthin und wartet noch ein wenig. Ich schlag schon mal Sahne.”Sie drehte sich um und verschwand in die Küche. Verdutzt stellte Tom das Blech wieder ab und ich reichte ihm den zweiten Apfel.
„So geht es auch”.

Ich sinnierte: Über Großmutters großes Herz, während ich in den Apfel biss.
Dass es hier im Küchenvorraum so herrlich nach Zimt duftete.
Über das Zuhause und die Ehrlichkeit und auch über
meinen Freund:

der klein, mit schmalen Schultern zusammengesunken auf dem Hocker saß und sprachlos verlegen kaute … © Chr.v.M.

Abendfrieden . . .

Abendfrieden . . .

Der Tag still in den Abend taucht
ein Bild von großem Frieden
der Himmel ist rot angehaucht
wie Glück das uns beschieden

Über der Brandung leichtes Kräuseln
die Möwe streicht im stillen Flug
vom Dünenhang ein leichtes Säuseln
der Wind über die Watten trug

Leichtgeschürzt – auf bloßen Füßen
ein Wand’rerspaar im Abendhauch
in vollen Zügen still genießen
so macht es wohl der Alte auch

Er sitzt auf seiner Bank am Deiche
sein Blick geht sehnsuchtsvoll auf’s Meer
da draußen waren seine Reiche
die Seefahrt – ja die fehlt ihm sehr

So sitzt er hier an allen Tagen
die Gott ihm noch gelassen hat
er antwortet auf viele Fragen
er gibt so Manchem guten Rat

Er ist schon nicht mehr wegzudenken
von seinem Platz – da auf dem Deich
sein Hiersein ist ein ständig Schenken
aus seinem Lebensschatz – so reich

Doch eines Morgens – weite Leere
als hat die Welt ein großes Loch
der Alte sitzt auf Gottes Fähre
auf „Großer Reise“ – also doch.

©ee

Bild von Tim Hill auf Pixabay

Geschichte

G eschichte ist ein hartes Brot
mit noch viel härter Kanten –
ob sie nun Braun war oder Rot,
mit Nummern eingebrannten.

Geschichte ist oft gallebitter –
macht oft im Fühlen Stacheldraht,
wenn wie peprasselt‘ Stahlgewitter
Wiederholung von Geschichte naht.

Wem Geschichtes Sonnentage
verdecken die Erinnerung,
der nimmt nicht wahr die neue Plage –
verschläft Teufels Erneuerung.

© ee

Bild von congerdesign auf Pixabay

Das Kreuz mit dem Kreuz

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„Heisser Wüstensand ….“

Das Kreuz mit dem Kreuz

 

Heinz hatte bannig Glück in seinem Leben mit dem Glück Leben. Von seinem ersten Schrei bis laufen und komodig reden können war die Welt um ihn herum noch reichlich schräg und dunkel.

Die Inflation war man gerade über das Land hinweg gezogen. Die ‚Roten und die ‚Braunen’ knüppelten wie verrückt in den Strassen der Weimarer Republik aufeinander ein. Die Reichsregierungen unter Kanzlern wie Brüning und Co – ganz weit weg in Berlin – wedelten hilflos mit ‚Notverordnungen’ und anderen Aktionsgesetzen in der Luft herum.

Es schien oftmals so, als wenn ein Bauer durch das schwenken mit seiner schmutzigen Unterhose sein durchgegangenes Pferdegespann aufhalten wolle.

Der Himmel sah wohl wo das Spiel enden würde, und hat 1933 seine Hände dazwischen gehalten. Viele empfanden jedenfalls so und glaubten, der Herrgott hätte ihnen als auserwählte Rasse das Heil beschert.

Heil Hitler“ wurde deshalb auch zum obligatorischen Volkesgruß.

Plötzlich war in der Gesellschaft eine Richtung zu erkennen. Den Menschen wurde gesagt, dass sie wieder geradeaus laufen könnten.

 Was war das ein Glück – nicht bloß für Hein. Ohne zu straucheln konnte er nun seine Kinderzeit, seine Schulzeit und seine Lehrzeit hinter sich bringen.

Aber wie es nun einmal so ist im Leben. Wenn Dir in Notzeiten jemand etwas auf den Tisch legt, um Dir damit zu helfen – der steht garantiert eines Tages wieder vor dir und will für seine Hilfe entlohnt werden.

Eine Ahnung von dem was da auf ihn zukam umkreiste sein Wissen schon beizeiten.

Die Begriffe Hitlerjugend und Jungvolk rahmten das Ganze ein. Einbeziehung zum Reichsarbeitsdienst stand dann ganz oben auf der Rechnung, von der er den ersten Teil begleichen musste, als er seine Lehre abgeschlossen hatte.

Zum ‚kriegswichtigen Arbeitseinsatz’ einberufen nannten die Gläubiger die Vollstreckung ihrer offenen Forderungen.

‚Muß i’ denn, muß i’ denn …’ oder so ähnlich schallte es über den Sander Bahnhof als der Zug sich mit Hein und vielen anderen Einberufenen keuchend und stampfend Richtung Lesum in Bewegung setzte. In der Bremer Nachbargemeinde Lesum standen nämlich schon die Schaufeln und Spaten für die jungen Leute bereit.

Zumindest der tröstliche Glaube, dass ihre davonziehenden Kinder wenigstens noch kein Schießeisen in die Hand nehmen mussten, blieb bei den Angehörigen auf dem Bahnhof zurück.

Im Zuge freute sich jeder auf Lesum. Lesum – das versprach doch Abwechslung gegenüber ihrer kleinen verschlafenen Landgemeinde. Direkt nebenan lag ja Bremen. Da konnten sie von Lesum aus doch fast hinspucken, oder vielleicht sogar mal so ein bisschen den Duft der großen weiten Welt schnuppern.

Hein und sein Freund kamen aber gar nicht dazu nach Bremen hinzuspucken – oder gar mal in die Stadt hineinzuriechen.

In die Strohsäcke ihrer Bettstellen hatten sie noch gar keine Kuhlen gelegen, da hieß es schon: ‚Auf dem Bahnhof sammeln. Marschbefehl nach Hamburg.’

‚Was sollen wir denn in Hamburg?’ lief die Frage unter die langen Reihen der Versammelten hindurch.

‚Von da aus werden wir nach Russland in Marsch gesetzt’ kam es als Antwort von irgendwem untendurch zurück.

Einige der jungen Männer waren so couragiert gegen die Verlegung an die Elbe aufzubegehren. Sie wollten nicht nach Hamburg. Das ‚nicht nach Hamburg wollen’ war aber ganz schnell nicht mehr zu hören.

Ein paar grobe Griffe oder ein paar kräftige Stöße mit dem Gewehrkolben brachten die Aufmüpfigen in Nullkommanichts zum Schweigen. Auch sie freuten sich dann plötzlich auf Hamburg.

Auf der Fahrt in die Hansemetropole hörte man in den Waggons bloß das Tack – tack der Räder auf den Schienenstößen. Niemand traute sich etwas zu sagen – man wusste ja nicht, welches Denken den Kopf des Nachbarn beherrschte.

Im Hamburger Hauptbahnhof angekommen hieß es sogleich:

‚Alle Mann aussteigen und auf dem Bahnsteig vier zu vier angetreten. Zack-zack.’

Irgendetwas drehte sich bei diesem Kommando stachelig in Heins Magen. Er verdrückte sich mit seinem Freund hinter die Masse der Kameraden, deren Augen wie gebannt auf die sie erwartenden Feldjäger gerichtet waren. Mit vorgehaltenem Gewehr flankierten die ‚Kettenhunde’ den Bahnsteig.

Die beiden Freunde sahen vor sich nur unzählige Rücken und kurzgeschorene Hinterköpfe unter den Schirmmützen nach draußen drängen.

Ohne das irgendjemand es bemerkte verkrümelten sie sich durch eine Tür auf der Gegenseite. Durch einen auf dem Parallelgleis stehenden Zug hindurch gelangten sie auf einen anderen Bahnsteig.

Nachdem die Kolonnen abmarschiert waren, und die Militärpolizei sich verzogen hatte, fragten sie sich bei Passanten zur Musterungsstelle durch.

Das spätere Ankommen auf der Dienststelle hat sie vor der Reise nach Russland bewahrt. Ihre Kameraden aus der großen Marschkolonne waren nämlich ohne viel Federlesen in Richtung Ostfront durchgewunken worden.

Die Musterung vor der Kommission mussten aber auch sie über sich ergehen lassen.

Als erstes hieß es ausziehen – alles ausziehen, auch die Unterwäsche.

Im Adamskostüm mussten sie dann durch die große Halle Spalier laufen.

Einzig ein steifer Bogen Pappe in ihren Händen begleitete ihren Lauf von Schreibtisch zu Schreibtisch. Es waren wohl zwanzig Stück an der Zahl.

Sie wurden gemessen, gewogen und von allen Seiten begutachtet.

Mit Zirkel und Dreieck, mit Zollstock und Maßband, mit Hörrohr und Spekuliereisen gingen die Weißkittel ans Werk.

Der Kopf und die Arme und Beine wurden vermessen, den Hintern leuchtete man aus und die Geschlechtsteile unterzog der Generalarzt einer besonders gründlichen Begutachtung.

Nach dem Glänzen seiner Augen zu urteilen schienen sie dem Spezialisten zu gefallen.

Der Laufzettel füllte sich mit Kreuzen, Strichen und anderen undefinierbaren Zeichen. Bis ein Mannsbild auf diese Art zu Papier gebracht worden war, das dauerte seine Zeit. Zum Schluß kam dann eine hervorragende Bewertung dabei heraus.

‚Arier erster Klasse – geeignet für den Einsatz in der Ordensburg Sonthofen’ stand auf den Bögen der beiden Freunde zu lesen.

‚Ordensburg’ was heißt das? stieß der Freund Heinz an, als sie sich wieder angezogen hatten und zur letzten Begutachtung unterwegs waren.

Heinz war ja auch nicht über alles aufgeklärt, aber davon hatte er doch schon läuten hören.

‚Man will da, glaube ich, Elitezuchtbullen aus uns machen’ klärte er seinen Freund fast unhörbar auf.

Vier Schritte lang kam von seinem Freund nichts als ungläubiges Staunen – bis er begriffen zu haben schien, was Heinz ihm da gerade gesteckt hatte.

Heftiges Kopfschütteln war die Reaktion. ‚Nee – nicht mit mir. Ich lasse mir doch keine Kühe aussuchen, die ich dann decken muß. Ich geh da nicht hin.’

Das sprach Heinz aus der Seele. Er wollte auch nicht dahinten im Baziland hochgezüchtet werden. Sein zukünftiges Liebesleben hatte er sich denn doch ein wenig anders vorgestellt.

Die beiden Freunde wechselten kein Wort miteinander, als sie den Dreh nach draußen nahmen und dem Bahnhof zustrebten.

Wenn in Hamburg nicht schon so ein gewaltiges Durcheinander geherrscht hätte, hätte man sie sicher noch zu fassen gekriegt und wegen Fahnenflucht bestraft. Da das Standrecht im Lande herrschte waren sofort vollstreckte Todesurteile wegen eines solchen Vergehens keine Seltenheit mehr.

Die beiden hatten jedoch Glück und saßen ein paar Stunden später unbeschädigt im Zug nach Bremen.

Bremen haben sie an diesem Tage aber gar nicht mehr erreicht. Über Bremen sah man nur Feuerschein und Rauch in der Luft. Der Zug musste vorher anhalten – das Bremer Stadtgebiet wurde bombardiert. Die englischen Flieger ließen ihre tödliche Fracht fallen.

Die Passagiere mussten ihren Zug auf freier Strecke verlassen.

Heinz und sein Freund sind denn auf Schusters Rappen nach langem Marsch in Lesum eingetrudelt.

Von Lesum hatten sie aber auch nicht mehr viel.

Gerade im Quartier in Lesum eingerichtet fanden sie sich über Nacht auf Fünen wieder.

Da wartete eine Blitzausbildung für den Kriegseinsatz an der Westfront auf sie und andere. Plötzlich waren sie Soldaten die nach Frankreich marschierten, um dort einen Westwall zu halten, der nur noch in der Propaganda existierte. Jetzt hatte der Kommiß sie doch noch zu fassen gekriegt.

Um die Müh- und Drangsal des einfachen Soldatenlebens zu umgehen, sicherten sie sich einen Platz im Sperrsitz. Sie traten der Waffen – SS bei. Auf diese Weise waren sie auch ohne Sonthofen und Lebensborn in die Eliteklasse aufgerückt.

Daß aber zwischen Frauen schwängern zu müssen, die sich freiwillig hergaben, und schwangere Frauen töten zu müssen, bloß weil sie angeblich nicht Arisch waren, ein kleiner Unterschied bestand, das erfuhren sie spätestens, als sie sich nach dem ersten Mal tun die Seele aus dem Leib kotzten.

Nur, da war es zu spät zur Umkehr – denn aus Gestern lässt sich nie wieder Heute machen.©ee

Ewald Eden

GEGEN DAS VERGESSEN !

Erinnerung

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Erinnerung

I ch hab’ im Gedächtnis
eine blecherne Dose
sie stand stets zu Hause
im Küchenschrank

den Deckel zierte
eine dickgelbe Rose
die Ränder
sie waren vom angreifen blank

in die Dose tat Mutter
manch’ kupfernen Nickel
mühsam
vom schmalen Haushaltsgeld abgespart

einmal im Jahr
nahm sie die Dose beim Wickel
und ich durfte zum Rummel
zur Schiffschaukelfahrt

sogar für ’nen Lutscher –
eine Zuckerstange
in ganz bunten Farben –
reichte das Geld

aus der Pfennigschatulle

zuletzt war ich noch
ein glücklicher Kutscher
der zu Orgelmusik
und Marktschreiers Gebrulle

über die Rücken
der bunten Holzpferde kroch

© ee 2005

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Bild von Yorkarain auf Pixabay

Glükk . . .

 

Glükk . . .

To disse lüütji Geschicht moot ikk eers moal wat vöörrutstüüren.
Wat ji nu to hörn kriecht, dat is nich dorto andoahn dat noatomoaken – dat wiers nich. De meist Minschen de hemm’n joa in hör Lääven säker allmoal wat beschikkt, wat nich so heel up de liek Padd wee. Ikk ok – n’türlich – oaber wenn dat denn good ovlopen is, schull man us Herrgott Bedankt särgen un dat ok dorbi beloaten.
Oaber vertell’n moot ikk dat doch ähm.

Mien Broer un ikk weesen jümmers tosoamen ünnerwäägens up Waarkeltuur.
Wi kropen van mörgens bit in de Nachten up anner Lüüds Footdääl rüm üm moie Footdäälen moaken. Dat wee noch in de Tied, as de Konjunktuur hoch över de Wulkens flooch. Aarbeitslosen kunns in Perzenten gannich utdrükken. De Ünnernäämers leepen achter us an. Vandoach irgendwons in d‘ Büdel haun, kunns vöörgüstern all bi een annern Boas in Dennsten stoahn.
Wi weesen all van Hoahn’nkrein an de heele Dach düchdich an knoien west. De Fieroabend harn wi bold to foaten – meenen wi.

Twee Zirettlängten vöördem keem us Boas up d‘ Boostää. He wee rein ut de Puust, so har he jocht, dat he us noch bi d‘ Bükks kreech. Wee hüm doch verrafftich wat ut sien Kopp floagen – un wi schulln dat noch ähm utplätten. Een öller Minschke har he tosächt noch an disse Dach bi hör Footdääl antofangen. Na joa – wi weesen jung Kierls – Pinunsen muchen wi ok woll lieden, un so muß de Fieroabend noch up us töven.
Dat gung up Oabndsbrodstied to un wee all balkendüster, as wi bi dat öller Froominsch ankeemen.

See har woll de Köäken all utrüümt un laang up us tööft – liekers har see dat Wark för de all Dach ovschrääven.
Wat wee Omoa blied, dat wi nu doch noch bi hör in de Dör stunnen. See wuß gannich so recht, wat see us ut Freud aal doon schull. Wi kreegen to äten un wat to drinken. Tja – un mit dat drinken – dor har denn doch verrafftich een Uul säten. De heele Batterie Buddels, de see in d‘ Schapp har, de keem an d’ Lucht.
Rinspeet, moot ikk eerlich togääven – hevvt wi domoals nich wenn us wat to drinken anboaden wuur. Mien Broer kreech een Doornkoat inschunken un ikk har mi een Kaarsenlakör utkääken. Twee Stükk klukkern in de Glöäs, wiel – so as Omoa meen – up een Been kann man nich stoahn. Un denn mussen wi wat doon.

Omoa seech dat in. So’n bietji tinkeln in us Oogen noa de Buddels henn har see oaber doch woll mitkrägen. Ikk goa in d‘ Stuuv sää see. Helpen kann ikk jo joa doch nich. „Ikk stäel de Buddels up d‘ Köäkenschapp“ – dormit wull see woll särgen, ikk seech woll dat ji noch een möächt. Recht so! Dorvan ov – wi kunn mit dat perzentige Tüüchs eelich good ümgoahn – man dat wi all van dat Lösungsmiddel in de Kläver, wor wi de heele Dach mit togaang weesen, een lütten sitten harn – dat harn wi nich up us Rääkning. So hevvt wi denn bi us Waark elks sien Buddel lössmoakt. Wenn ikk dor nu hör: Igitt – nä, nä – so is dat nich. Dat wee de Tied in een Kierl sien Lääven, in de een Buddel Schlukk wat för twee Mannslüü is – wenn een dorvan niks drinkt. So – dat harn wi hat!

Noa us Waark de Huusdör achter us in d‘ Schlött trukken – mörgen kunn dat wiidergoahn.
Rin in de ole Klöäterkassen van Bully – un noa Huus andoal. Dat wee jo bold Middennacht. Hier in Ossfreesland harn wi dat Foahrtüüch joa noa Huus henschuven kunnt – dat gung dor oaber nich, wiel, wi woanden in een Gägend wor de Stroaten up un doal gungen. Mennichmoal up een Sied een hoogen Baarch un up anner Sied niks as Lücht. Een bäten ümtofoahr’n sünd wi ok – figelinsch as wi weesen – de Hauptstroaten wullen wi denn doch nich ünner de Reifens kriegen. Nich wiel mien Broer nich mehr foahren kunn – nä, dat nich. Oaber Schandarms geev dat domoals ok all.

Wo nöömt man so ’n Tuur up sükkse Padden ok woll? Richtich – up d‘ Spriitpadd noa Huus to.
Dat Foahrtüüchs stunn schnaas jümmers good hunnerd Meter van to Huus wäch, ünner een Stroatenluchtin een Latüchtengaroasch. Dat Foahrtüüchs stunn so moi – dor kunns rein nich sehn, dat de Stüürmann een sitten har. Ikk bün an d‘ Bifoahrersied utstägen un lossteustert. Tweemoal wee ikk all üm d‘ Drei, as ikk spitz kreech dat mien Broer nich bi mi wee. Wäär retuur noa d‘ Foahrtüüch. Mien Broermann de seet noch piedelliek achter d‘ Rüür. Särgen wull ikk hüm, dat he de Stünnens ok annern Dach upschrieven kunn, riet sien Dör oapen – un bamms – licht he mi to d‘ Footen. Wee de Keerl doch verrafftich an schloapen, un ikk froach mi bit vandoach, well us woll heel noa Huus henstüürt hett.©ee

© ewald eden