Sammelpunkte.

den Sammelpunkt der Gedanken
wolkenweich in das Blau geschoben
ankert sie im Hafen der Erinnerung.

© Chr.v.M.

Abendfrieden . . .

Abendfrieden . . .

Der Tag still in den Abend taucht
ein Bild von großem Frieden
der Himmel ist rot angehaucht
wie Glück das uns beschieden

Über der Brandung leichtes Kräuseln
die Möwe streicht im stillen Flug
vom Dünenhang ein leichtes Säuseln
der Wind über die Watten trug

Leichtgeschürzt – auf bloßen Füßen
ein Wand’rerspaar im Abendhauch
in vollen Zügen still genießen
so macht es wohl der Alte auch

Er sitzt auf seiner Bank am Deiche
sein Blick geht sehnsuchtsvoll auf’s Meer
da draußen waren seine Reiche
die Seefahrt – ja die fehlt ihm sehr

So sitzt er hier an allen Tagen
die Gott ihm noch gelassen hat
er antwortet auf viele Fragen
er gibt so Manchem guten Rat

Er ist schon nicht mehr wegzudenken
von seinem Platz – da auf dem Deich
sein Hiersein ist ein ständig Schenken
aus seinem Lebensschatz – so reich

Doch eines Morgens – weite Leere
als hat die Welt ein großes Loch
der Alte sitzt auf Gottes Fähre
auf „Großer Reise“ – also doch.

©ee

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Geschichte

G eschichte ist ein hartes Brot
mit noch viel härter Kanten –
ob sie nun Braun war oder Rot,
mit Nummern eingebrannten.

Geschichte ist oft gallebitter –
macht oft im Fühlen Stacheldraht,
wenn wie peprasselt‘ Stahlgewitter
Wiederholung von Geschichte naht.

Wem Geschichtes Sonnentage
verdecken die Erinnerung,
der nimmt nicht wahr die neue Plage –
verschläft Teufels Erneuerung.

© ee

Bild von congerdesign auf Pixabay

Das Kreuz mit dem Kreuz

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„Heisser Wüstensand ….“

Das Kreuz mit dem Kreuz

 

Heinz hatte bannig Glück in seinem Leben mit dem Glück Leben. Von seinem ersten Schrei bis laufen und komodig reden können war die Welt um ihn herum noch reichlich schräg und dunkel.

Die Inflation war man gerade über das Land hinweg gezogen. Die ‚Roten und die ‚Braunen’ knüppelten wie verrückt in den Strassen der Weimarer Republik aufeinander ein. Die Reichsregierungen unter Kanzlern wie Brüning und Co – ganz weit weg in Berlin – wedelten hilflos mit ‚Notverordnungen’ und anderen Aktionsgesetzen in der Luft herum.

Es schien oftmals so, als wenn ein Bauer durch das schwenken mit seiner schmutzigen Unterhose sein durchgegangenes Pferdegespann aufhalten wolle.

Der Himmel sah wohl wo das Spiel enden würde, und hat 1933 seine Hände dazwischen gehalten. Viele empfanden jedenfalls so und glaubten, der Herrgott hätte ihnen als auserwählte Rasse das Heil beschert.

Heil Hitler“ wurde deshalb auch zum obligatorischen Volkesgruß.

Plötzlich war in der Gesellschaft eine Richtung zu erkennen. Den Menschen wurde gesagt, dass sie wieder geradeaus laufen könnten.

 Was war das ein Glück – nicht bloß für Hein. Ohne zu straucheln konnte er nun seine Kinderzeit, seine Schulzeit und seine Lehrzeit hinter sich bringen.

Aber wie es nun einmal so ist im Leben. Wenn Dir in Notzeiten jemand etwas auf den Tisch legt, um Dir damit zu helfen – der steht garantiert eines Tages wieder vor dir und will für seine Hilfe entlohnt werden.

Eine Ahnung von dem was da auf ihn zukam umkreiste sein Wissen schon beizeiten.

Die Begriffe Hitlerjugend und Jungvolk rahmten das Ganze ein. Einbeziehung zum Reichsarbeitsdienst stand dann ganz oben auf der Rechnung, von der er den ersten Teil begleichen musste, als er seine Lehre abgeschlossen hatte.

Zum ‚kriegswichtigen Arbeitseinsatz’ einberufen nannten die Gläubiger die Vollstreckung ihrer offenen Forderungen.

‚Muß i’ denn, muß i’ denn …’ oder so ähnlich schallte es über den Sander Bahnhof als der Zug sich mit Hein und vielen anderen Einberufenen keuchend und stampfend Richtung Lesum in Bewegung setzte. In der Bremer Nachbargemeinde Lesum standen nämlich schon die Schaufeln und Spaten für die jungen Leute bereit.

Zumindest der tröstliche Glaube, dass ihre davonziehenden Kinder wenigstens noch kein Schießeisen in die Hand nehmen mussten, blieb bei den Angehörigen auf dem Bahnhof zurück.

Im Zuge freute sich jeder auf Lesum. Lesum – das versprach doch Abwechslung gegenüber ihrer kleinen verschlafenen Landgemeinde. Direkt nebenan lag ja Bremen. Da konnten sie von Lesum aus doch fast hinspucken, oder vielleicht sogar mal so ein bisschen den Duft der großen weiten Welt schnuppern.

Hein und sein Freund kamen aber gar nicht dazu nach Bremen hinzuspucken – oder gar mal in die Stadt hineinzuriechen.

In die Strohsäcke ihrer Bettstellen hatten sie noch gar keine Kuhlen gelegen, da hieß es schon: ‚Auf dem Bahnhof sammeln. Marschbefehl nach Hamburg.’

‚Was sollen wir denn in Hamburg?’ lief die Frage unter die langen Reihen der Versammelten hindurch.

‚Von da aus werden wir nach Russland in Marsch gesetzt’ kam es als Antwort von irgendwem untendurch zurück.

Einige der jungen Männer waren so couragiert gegen die Verlegung an die Elbe aufzubegehren. Sie wollten nicht nach Hamburg. Das ‚nicht nach Hamburg wollen’ war aber ganz schnell nicht mehr zu hören.

Ein paar grobe Griffe oder ein paar kräftige Stöße mit dem Gewehrkolben brachten die Aufmüpfigen in Nullkommanichts zum Schweigen. Auch sie freuten sich dann plötzlich auf Hamburg.

Auf der Fahrt in die Hansemetropole hörte man in den Waggons bloß das Tack – tack der Räder auf den Schienenstößen. Niemand traute sich etwas zu sagen – man wusste ja nicht, welches Denken den Kopf des Nachbarn beherrschte.

Im Hamburger Hauptbahnhof angekommen hieß es sogleich:

‚Alle Mann aussteigen und auf dem Bahnsteig vier zu vier angetreten. Zack-zack.’

Irgendetwas drehte sich bei diesem Kommando stachelig in Heins Magen. Er verdrückte sich mit seinem Freund hinter die Masse der Kameraden, deren Augen wie gebannt auf die sie erwartenden Feldjäger gerichtet waren. Mit vorgehaltenem Gewehr flankierten die ‚Kettenhunde’ den Bahnsteig.

Die beiden Freunde sahen vor sich nur unzählige Rücken und kurzgeschorene Hinterköpfe unter den Schirmmützen nach draußen drängen.

Ohne das irgendjemand es bemerkte verkrümelten sie sich durch eine Tür auf der Gegenseite. Durch einen auf dem Parallelgleis stehenden Zug hindurch gelangten sie auf einen anderen Bahnsteig.

Nachdem die Kolonnen abmarschiert waren, und die Militärpolizei sich verzogen hatte, fragten sie sich bei Passanten zur Musterungsstelle durch.

Das spätere Ankommen auf der Dienststelle hat sie vor der Reise nach Russland bewahrt. Ihre Kameraden aus der großen Marschkolonne waren nämlich ohne viel Federlesen in Richtung Ostfront durchgewunken worden.

Die Musterung vor der Kommission mussten aber auch sie über sich ergehen lassen.

Als erstes hieß es ausziehen – alles ausziehen, auch die Unterwäsche.

Im Adamskostüm mussten sie dann durch die große Halle Spalier laufen.

Einzig ein steifer Bogen Pappe in ihren Händen begleitete ihren Lauf von Schreibtisch zu Schreibtisch. Es waren wohl zwanzig Stück an der Zahl.

Sie wurden gemessen, gewogen und von allen Seiten begutachtet.

Mit Zirkel und Dreieck, mit Zollstock und Maßband, mit Hörrohr und Spekuliereisen gingen die Weißkittel ans Werk.

Der Kopf und die Arme und Beine wurden vermessen, den Hintern leuchtete man aus und die Geschlechtsteile unterzog der Generalarzt einer besonders gründlichen Begutachtung.

Nach dem Glänzen seiner Augen zu urteilen schienen sie dem Spezialisten zu gefallen.

Der Laufzettel füllte sich mit Kreuzen, Strichen und anderen undefinierbaren Zeichen. Bis ein Mannsbild auf diese Art zu Papier gebracht worden war, das dauerte seine Zeit. Zum Schluß kam dann eine hervorragende Bewertung dabei heraus.

‚Arier erster Klasse – geeignet für den Einsatz in der Ordensburg Sonthofen’ stand auf den Bögen der beiden Freunde zu lesen.

‚Ordensburg’ was heißt das? stieß der Freund Heinz an, als sie sich wieder angezogen hatten und zur letzten Begutachtung unterwegs waren.

Heinz war ja auch nicht über alles aufgeklärt, aber davon hatte er doch schon läuten hören.

‚Man will da, glaube ich, Elitezuchtbullen aus uns machen’ klärte er seinen Freund fast unhörbar auf.

Vier Schritte lang kam von seinem Freund nichts als ungläubiges Staunen – bis er begriffen zu haben schien, was Heinz ihm da gerade gesteckt hatte.

Heftiges Kopfschütteln war die Reaktion. ‚Nee – nicht mit mir. Ich lasse mir doch keine Kühe aussuchen, die ich dann decken muß. Ich geh da nicht hin.’

Das sprach Heinz aus der Seele. Er wollte auch nicht dahinten im Baziland hochgezüchtet werden. Sein zukünftiges Liebesleben hatte er sich denn doch ein wenig anders vorgestellt.

Die beiden Freunde wechselten kein Wort miteinander, als sie den Dreh nach draußen nahmen und dem Bahnhof zustrebten.

Wenn in Hamburg nicht schon so ein gewaltiges Durcheinander geherrscht hätte, hätte man sie sicher noch zu fassen gekriegt und wegen Fahnenflucht bestraft. Da das Standrecht im Lande herrschte waren sofort vollstreckte Todesurteile wegen eines solchen Vergehens keine Seltenheit mehr.

Die beiden hatten jedoch Glück und saßen ein paar Stunden später unbeschädigt im Zug nach Bremen.

Bremen haben sie an diesem Tage aber gar nicht mehr erreicht. Über Bremen sah man nur Feuerschein und Rauch in der Luft. Der Zug musste vorher anhalten – das Bremer Stadtgebiet wurde bombardiert. Die englischen Flieger ließen ihre tödliche Fracht fallen.

Die Passagiere mussten ihren Zug auf freier Strecke verlassen.

Heinz und sein Freund sind denn auf Schusters Rappen nach langem Marsch in Lesum eingetrudelt.

Von Lesum hatten sie aber auch nicht mehr viel.

Gerade im Quartier in Lesum eingerichtet fanden sie sich über Nacht auf Fünen wieder.

Da wartete eine Blitzausbildung für den Kriegseinsatz an der Westfront auf sie und andere. Plötzlich waren sie Soldaten die nach Frankreich marschierten, um dort einen Westwall zu halten, der nur noch in der Propaganda existierte. Jetzt hatte der Kommiß sie doch noch zu fassen gekriegt.

Um die Müh- und Drangsal des einfachen Soldatenlebens zu umgehen, sicherten sie sich einen Platz im Sperrsitz. Sie traten der Waffen – SS bei. Auf diese Weise waren sie auch ohne Sonthofen und Lebensborn in die Eliteklasse aufgerückt.

Daß aber zwischen Frauen schwängern zu müssen, die sich freiwillig hergaben, und schwangere Frauen töten zu müssen, bloß weil sie angeblich nicht Arisch waren, ein kleiner Unterschied bestand, das erfuhren sie spätestens, als sie sich nach dem ersten Mal tun die Seele aus dem Leib kotzten.

Nur, da war es zu spät zur Umkehr – denn aus Gestern lässt sich nie wieder Heute machen.©ee

Ewald Eden

GEGEN DAS VERGESSEN !

Erinnerung

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Erinnerung

I ch hab’ im Gedächtnis
eine blecherne Dose
sie stand stets zu Hause
im Küchenschrank

den Deckel zierte
eine dickgelbe Rose
die Ränder
sie waren vom angreifen blank

in die Dose tat Mutter
manch’ kupfernen Nickel
mühsam
vom schmalen Haushaltsgeld abgespart

einmal im Jahr
nahm sie die Dose beim Wickel
und ich durfte zum Rummel
zur Schiffschaukelfahrt

sogar für ’nen Lutscher –
eine Zuckerstange
in ganz bunten Farben –
reichte das Geld

aus der Pfennigschatulle

zuletzt war ich noch
ein glücklicher Kutscher
der zu Orgelmusik
und Marktschreiers Gebrulle

über die Rücken
der bunten Holzpferde kroch

© ee 2005

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Bild von Yorkarain auf Pixabay

Glükk . . .

 

Glükk . . .

To disse lüütji Geschicht moot ikk eers moal wat vöörrutstüüren.
Wat ji nu to hörn kriecht, dat is nich dorto andoahn dat noatomoaken – dat wiers nich. De meist Minschen de hemm’n joa in hör Lääven säker allmoal wat beschikkt, wat nich so heel up de liek Padd wee. Ikk ok – n’türlich – oaber wenn dat denn good ovlopen is, schull man us Herrgott Bedankt särgen un dat ok dorbi beloaten.
Oaber vertell’n moot ikk dat doch ähm.

Mien Broer un ikk weesen jümmers tosoamen ünnerwäägens up Waarkeltuur.
Wi kropen van mörgens bit in de Nachten up anner Lüüds Footdääl rüm üm moie Footdäälen moaken. Dat wee noch in de Tied, as de Konjunktuur hoch över de Wulkens flooch. Aarbeitslosen kunns in Perzenten gannich utdrükken. De Ünnernäämers leepen achter us an. Vandoach irgendwons in d‘ Büdel haun, kunns vöörgüstern all bi een annern Boas in Dennsten stoahn.
Wi weesen all van Hoahn’nkrein an de heele Dach düchdich an knoien west. De Fieroabend harn wi bold to foaten – meenen wi.

Twee Zirettlängten vöördem keem us Boas up d‘ Boostää. He wee rein ut de Puust, so har he jocht, dat he us noch bi d‘ Bükks kreech. Wee hüm doch verrafftich wat ut sien Kopp floagen – un wi schulln dat noch ähm utplätten. Een öller Minschke har he tosächt noch an disse Dach bi hör Footdääl antofangen. Na joa – wi weesen jung Kierls – Pinunsen muchen wi ok woll lieden, un so muß de Fieroabend noch up us töven.
Dat gung up Oabndsbrodstied to un wee all balkendüster, as wi bi dat öller Froominsch ankeemen.

See har woll de Köäken all utrüümt un laang up us tööft – liekers har see dat Wark för de all Dach ovschrääven.
Wat wee Omoa blied, dat wi nu doch noch bi hör in de Dör stunnen. See wuß gannich so recht, wat see us ut Freud aal doon schull. Wi kreegen to äten un wat to drinken. Tja – un mit dat drinken – dor har denn doch verrafftich een Uul säten. De heele Batterie Buddels, de see in d‘ Schapp har, de keem an d’ Lucht.
Rinspeet, moot ikk eerlich togääven – hevvt wi domoals nich wenn us wat to drinken anboaden wuur. Mien Broer kreech een Doornkoat inschunken un ikk har mi een Kaarsenlakör utkääken. Twee Stükk klukkern in de Glöäs, wiel – so as Omoa meen – up een Been kann man nich stoahn. Un denn mussen wi wat doon.

Omoa seech dat in. So’n bietji tinkeln in us Oogen noa de Buddels henn har see oaber doch woll mitkrägen. Ikk goa in d‘ Stuuv sää see. Helpen kann ikk jo joa doch nich. „Ikk stäel de Buddels up d‘ Köäkenschapp“ – dormit wull see woll särgen, ikk seech woll dat ji noch een möächt. Recht so! Dorvan ov – wi kunn mit dat perzentige Tüüchs eelich good ümgoahn – man dat wi all van dat Lösungsmiddel in de Kläver, wor wi de heele Dach mit togaang weesen, een lütten sitten harn – dat harn wi nich up us Rääkning. So hevvt wi denn bi us Waark elks sien Buddel lössmoakt. Wenn ikk dor nu hör: Igitt – nä, nä – so is dat nich. Dat wee de Tied in een Kierl sien Lääven, in de een Buddel Schlukk wat för twee Mannslüü is – wenn een dorvan niks drinkt. So – dat harn wi hat!

Noa us Waark de Huusdör achter us in d‘ Schlött trukken – mörgen kunn dat wiidergoahn.
Rin in de ole Klöäterkassen van Bully – un noa Huus andoal. Dat wee jo bold Middennacht. Hier in Ossfreesland harn wi dat Foahrtüüch joa noa Huus henschuven kunnt – dat gung dor oaber nich, wiel, wi woanden in een Gägend wor de Stroaten up un doal gungen. Mennichmoal up een Sied een hoogen Baarch un up anner Sied niks as Lücht. Een bäten ümtofoahr’n sünd wi ok – figelinsch as wi weesen – de Hauptstroaten wullen wi denn doch nich ünner de Reifens kriegen. Nich wiel mien Broer nich mehr foahren kunn – nä, dat nich. Oaber Schandarms geev dat domoals ok all.

Wo nöömt man so ’n Tuur up sükkse Padden ok woll? Richtich – up d‘ Spriitpadd noa Huus to.
Dat Foahrtüüchs stunn schnaas jümmers good hunnerd Meter van to Huus wäch, ünner een Stroatenluchtin een Latüchtengaroasch. Dat Foahrtüüchs stunn so moi – dor kunns rein nich sehn, dat de Stüürmann een sitten har. Ikk bün an d‘ Bifoahrersied utstägen un lossteustert. Tweemoal wee ikk all üm d‘ Drei, as ikk spitz kreech dat mien Broer nich bi mi wee. Wäär retuur noa d‘ Foahrtüüch. Mien Broermann de seet noch piedelliek achter d‘ Rüür. Särgen wull ikk hüm, dat he de Stünnens ok annern Dach upschrieven kunn, riet sien Dör oapen – un bamms – licht he mi to d‘ Footen. Wee de Keerl doch verrafftich an schloapen, un ikk froach mi bit vandoach, well us woll heel noa Huus henstüürt hett.©ee

© ewald eden

Een Bild, dat mi an d’ Haart foat hett …

Een Bild, dat mi an d’ Haart foat hett …
Irgendwenn wee de Noam dor un dee jüüst so künnich, as wenn hüm dat all jümmers gääven har – de Rüstringer Barch.
Dat gung mi so dör de Kopp, as ikk up de halve Höcht van dissen upfoahrnen Hümpel tüschen de NWO Tankschkipplöschbrürch an de Nordersiet, un de gewaltigen Schlüüsenanloagen van de veerde Hoabeninfoahrt up de Süüderkant stunn, un miene Oogen up de Siedelskanten van de iisenhollten Dalben noa een missingsch Noamenstoafel söchten.
Een leev Minschke, de mi in siene Eerdensdoagen an d’ Haart wussen wee, un de sien Starvensresten wi een Settji vöördem noa See to brocht harn, de har an disse Stää föör de Tieden un föör de Leevigen mit sien Noam een Gedenken kräägen. „Seefrää“, „Seefrieden“ hett een verstännigen Geist disse Stää mit de Dukdalben nöömt.
Disse Stää de kennde ikk – ov bäter gesächt, de Hääven över disse Grund, de wee mi nich frömmd, solang as ikk in miene Läävenstied trüchdenken kann, kennde ikk de.
Aal dat, wat mien Oogen, mien Sinnen oaber nu hier an disse Stää to foaten kreegen, dat muß ikk eersmoal sinnich in neeä Schuven van mien Weeten pakken. Disse Stää de har joa een heel annern Klöär, de har joa een heel anner Utsehn kräägen, as dat to use Kinnertied wäst is. Föör us, de us de verlorn Kreech man jüüst nich mehr to foat krägen har, föör us wee dat een wilden Welt – föör us wee dat de Begrääp van Freeheit sünner Grensen.
Disse Hümpel ut verneelte Stadtmüüren, disse Barch van Elendsresten, dat wee use Höächt, wenn wi denn heel boaben stunnen, un as Winnetou in Koarl May sien Vertellen mit de Hannen över de Oogen över dat wiede Woater pliesten.
Denn gehöör us Butschers disse Welt van Watt un Woater. Noa Oosten to bit an de Butjänter Dieken un noa Nörden hen bit achter de Kimm.
Wat wee dat doch noch föör een Welt. Een Welt oahn Stiekelwier, een Welt oahn iistern Doren un een Welt oahn „Du dröffst dat nich“ Toafeln.
Een Welt, in de de Lücht noch noa See un Solltwoater schmook, un nich noa Ölich, nich noa Pikk un Schwefel rüükde.
Een Welt, in de de Övergang van Land to See noch Sand un Schliek un buntklöäriged steensched Dekkwaark wee, un nich rüstbrunsched Iisen un griesen scheddrigen Beton.
All dat Neeä, all dat Spillwaark wat ikk nu to sehn kreech, dat muß ikk eermoal bi de Siet rüümen, bit ikk dat, wat sükk dorachter verbargen dee, wäär in mien Örnung brengen kunn.
Un süch an, nettegroad as ikk dat doahn har, dor weesen see wäär dor, de Biller. De Biller van de „Oase“ as dat vöörtiedich un noakreechich eerste Etablissemang, as de eerste ächte „Nachtkrooch“ in Kaisers Hoaben, de joa nu verrafftich ganz keen stollten Kaisers Hoaben mehr wee – mit aal de Bargen van Trümmer un Schutt um sükk to – mit aal de schmachtige Minschen manken siene Müüren – oaber ok mit een häntigen Kring van Honoren, de aal mitnanner un tomeist een gooden Spekkbuuk hör eegen nöömden. Dat dröff ikk su särgen – ikk hevv hör meist all noch käent.
De eerste Nachtkrooch, in de up een anner Oart schmachtige Seelüü ut alle Winden föör een poar Stünnens Anker schmieten un de Hüür up de Bakk schmieten, ov de Wichters tüschen hör Bösten stääken kunnen.
Dat Maale an de Soak wee blossich, dat in disse Tied gannskeen Schkeepen ut alle Winden Kaisers Hoaben anleepen.
Tomeist weesen blods halflastige Granoatfangers to sehn, de oaber nich up Butt un Stint un Granoat joagen deen, neeeeeeeee – de schmeeten hör Netten ut, üm de Minen un Granoaten wäär intofangen, dat Dodstüüchs, dat see vöörtieds sülven utlächt harn.
De Weertslüü in de Krooch mit dat rode Lucht bruksen sükk oaber wäägen de fäälend dröögen Seemannshalsgatten vöör d’ Tresen keen Sörch nich to moaken – hör Kass de wee liekers elker Mörgen bit bovenhen full mit Pinunsen.
De Honoren in d’ Staddje, de harn de Part van de fäälend döstigen Saylords övernoahmen.
Dor an d’ Rüstringer Barch, wiet ovkant van Nod un Elend manken de Olldach, dor wee man joa so moi ünner sükk.
Ok wenn buten de hollten Müüren van dat Etablissemang niks van dat to hören wee, wat sükk binnen ovspeelde – de Minschen in d’ Staddje de wussen üm jedet Word, üm jeden Bölk, un üm jedet noch so fiene Jachtern in de rode Plüsch un achter de Stoffhangers vöör de Separees.
Nu stödt de Minschen, de hier Hollstopp moaken niks mehr mit de Nöäs up dat, wat hier in de Tieden van Överlääven un Neeanfangen su ovgoahn is – nich moal een lütji Toafel mit tominnst de Noam „Oase“ is in dat Rund to finnen. Liekers „Oase“ doch bestich as Benööm föör dat heele Waark stoahn kunn, wat irgendeen krägeln Kopp in de letzde Tied hier an disse Stää, hier an, up un üm de Rüstringer Barch togaang brocht hett.
Mit Seel’nruh – „Seelenfrieden“ is de Part bernöömt, wor an mächtige Dalben ut Iisenhollt lütji Missingsch Toafeln dat Besinnen an Minschen woakhollen, de up See hör letzde Ruh’ funnen hevvt.
Ähm ünner de böverste Höcht hett een gewalts Stokkanker noch ut Windjammertieden sien letzdet „vöör Anker goahn“ funnen.- un jüüst doröver is van Wieden all dat gröönsche Pagodendakk ut Kaisers Koloniendrööm to sehn, dat joahrteindenlang noa dat Ennen van disse Weltendroom de ole Post, dor stuv an d’ Kaiser Wilhelm-Park, utteekend hett.
Dat gewichtigste Besinnen hevvt de veerkantigen Betonklotzen an Barges Foot in mi woakropen, de bit to dat groote Woater in nägenteinhunnerdtweeunsäßtich de Seekantsmüür van us ole Voslapper Seilschkipphoaben wäst sünd.
Noa de hooge Floot harn see över Nachten de Ploatz wesselt. Nu sünd see ok hier to hör letzde Ruh koamen.
Blods dat „Entree“ as Napoleon dat benöömen de, wenner he denn dor noch wee – dat is mi suur upstödt. Dat sücht näämich noch netso schroar un erbarmlich ut as in de schmachtlappige Noakreechstied.
Blods dat wi dat domoals nich anners kennden.
Villicht hett dat joa nu een extra su loaten, üm tominnst een spierke Denken an disse Tieden leevich to hollen.
Un doarüm moot de Visiter, wenn he denn mit een blikkern Kist up veer Röä över de Stroat langs de Heppenser Gro ankrüdelt kummt, dorföör ok betoahlen.
Denn, wat Ollds to bekieken, dor mutt Minschke joa middelwiel overall in de Welt Doalers föör henlärgen – ok wenneer he dat all twintichmoal över siene Stüürgröschkes betoahlt hett.
ewaldeden©2013-07-04

„Roode Kappen“ …

 

 

 „Rotkäppchen’s“ …

Bald können sich die Menschen in unserem Lande gar nicht mehr an diese Sorte von Mannsleuten erinnern.
„Rotkäppchen“ das waren doch die Kerls mit den roten Mützen auf ihren Köpfen und die Trillerpfeifen in den Mündern, die jedermann vor der Abfahrt eines Zuges weit und laut trillern hören konnte. Wenn sie denn die grüne Kelle in die Bahnhofsluft streckten, dann wusste der Fuhrmann in dem eisernen Pferd vor den vielen Waggons, dass er dem Zug unter sich Dampf geben konnte – er konnte die Pferde von der Leine lassen. Die blitzenden Schienenstränge waren frei für sein Ungetüm von Dampfroß für den nächsten Galopp durch das weite Land.
Wer von uns Schuljungs wollte nicht einmal wenigstens Lokomotivführer werden? Zumindest eine zeitlang in der Schulzeit … Lokomotivführer die konnten soviel dampfen und rauchen wie sie wollten – da kam niemand und gab ihnen eine Backpfeife, von wegen der „Schmökerei“ oder zog ihnen die Ohren deswegen lang. Allein die Vorstellung dieses freien Lebens ….
Eines Morgens in diesem Herbst wurde ich mit Kattun in meine Kindheitsträume von irgendwann einmal „Rotkäppchen“ zu sein, zurückgeworfen – ich war zumal von so vielen roten Kappen umgeben, als wenn sich alle Bahnmenschen von damals bei mir vor der Türe getroffen hätten. Und dabei wohne ich doch gar nicht auf einem Bahnhof – und der Bahnhof in unserer Stadt ist auch kein richtiger Bahnhof mehr Seit längerer Zeit hat man da auf jeden Fall schon keine Züge mehr abdampfen sehen – auch wenn das keiner so recht wahrhaben will. Nun sind mir zumindest „meine Rotkäppchen“ da zwischen Autostrasse und Fußweg vor meinem Zuhause eine Weile treu geblieben.© ee
ewaldeden

 … un nu dat heele Waark up Nedderdüütsch ov ok woll plattdüütsch

„Roode Kappen“ …

Bold köänt sükk de Minschen in us Landje gannich mehr an disse Szort Mannslüü besinnen
Rotkäppchens – dat weesen doch de Keerls mit de rode Mützen up de Koppen un de trillernd Piepen in d’ Bekk, de man wiet un luut trillern hörn kunn. Wenn see denn de grööne Lääpel hochtillden un in de Boahnhoffslücht hullen, denn wuß de Foormann in dat iisterne Peerd, dat hee de Toch ünner sükk Damp gääven kunn – he kunn de Peerd van de Liin loaten – de blenkernd Gleisen ween free föör hüm un sien Ungetüm van Damproß föör de näächste Galopp dör dat Land. Well van us Schooljungs wull nich moal „Lokomotivführer“ warden? Tominnst een Tiedlang in de Schooltied … de kunnen soveel schmökern un rökern as see wullen – dor keem denn nümms un geev hör wekk an d’ Bekk, vanwägen „Schmöken“ – ov trukk hör de Oohrn lang. Alleen de Vööörstellung ….
Eens Mörgens in dissen Haarst bün ikk nu mit Kattun in miene Kinnerdrööm van „Rotkäppchen weesen“ trüchschmääten wurn – ikk wee tomoal van so veele roode Kappen ümgääven, as wenn sükk aal de Boahnminschen van domoals bi mi vöör de Döör droapen harn – un dorbi woahn ikk nichmoal up een Boahnhoff, un de Boahnhoff in us Staddje is ok gannskeen Boahnhoff mehr. Siet een längern Tied hett man dor upjederfall all keen Toch mehr ovfoahren sehn – ok wenneer dat nümms so recht woahrhemmen will. Nu sünd mi tominnst „miene“ Rotkäppchens tüschen Autostroat un Footpadd vöör mien Tohuus een tiedlang tröö blääven. © ee
ewaldeden

Erinnern …

 

 

Erinnerung.

Old Voslapp, Pütthusen un Inhusersiel
waren oftmals ein Muß unserer Alltage Ziel.
Wi mussen us blods figelinsch verwoahr’n
denn de Dieksters harn sükk meist tägen
us istern verschwor’n.
Een düchdich Pakk Hau wee dat Minnst
wat wi kreegen –
für uns war es dann wie ein höllischer Segen.
De geeven wi denn oaber dübbelt retuur,
wenn die Diksters sich trauten in unsere Spur.
So hielten sich Geben und Nehmen die Waage,
es blieb alles im Lot – das war gar keine Frage.
De Dieksters un wi, wir sind zusammegewachsen
zu einem verträglichen Ort in 
Nord-Niedersachsen.
 © ee

ein wenig Bilderworte …

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…. und hier noch ein wenig Bilderworte der Erinnerung an meine Zeit in „Solich“:

 

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Der ‚aulen Soliger‘ zweiter Teil …

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Der ‚aulen Soliger‘ dritter Teil …

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Die „Aulen Soliger“ zum vierten …

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Der ‚Aulen Soliger‘ zum fünften …

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Der ‚Aulen Soliger‘ goldene 7 …

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Die ‚Aulen Soliger‘ … die „8“ die lacht

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08