Warum die Ostereier bunt sind . . .

easter-4102073_640

Warum die Ostereier bunt sind . .

Vor langer, langer Zeit – die Osterhasen hoppelten noch in Ritterrüstungen durch das Land, um den Kindern zu Ostern die Nester zu füllen – sahen die Eier noch alle gleich aus. Hühnereier konnte niemand so recht von Ostereiern unterscheiden. Den Unterschied konnte man nicht sehen – er war unter der Schale verborgen – Ostereier waren innen fest. Ganz oft passierte es darum, daß die Sonntagskleider, welche die Kinder Ostern immer anziehen mussten – Ostern war nämlich damals auch schon Sonntags – mit Eigelb vollgekleckert waren, weil die Kinder statt eines Ostereies ein Hühnerei aufgeschlagen hatten.

Wie das passieren konnte fragt ihr? Ganz einfach! Die Hühner vertauschten die Eier ab und zu. Die gefiederten Gesellen konnten auch damals schon über die seltsamsten Dinge lachen, und neugierig waren sie sowieso. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer was anderes erzählt, der kennt die Hühner nicht. Aber noch eine Eigenschaft besaßen die Ur-ur-ur-ur-urgroßeltern der jetzigen Hühner: Sie waren neidisch – neidisch auf den Osterhasen. Der konnte gekochte Eier legen. Wenn auch nur zu Ostern – aber immerhin!

Sie rackerten sich das ganze Jahr – Tag für Tag – mit dem Eierlegen ab – wenn eine Henne fleißig war, legte sie sogar zwei Eier an einem Tag – und dann kam am höchsten Eierfeiertag der Welt so ein schlappohriger Hase dahergehoppelt, und stahl ihnen die Schau.

Nicht einmal richtige Federn konnte er vorweisen – aber gekochte Eier legen. Weil die Hühner den Osterhasen auf seinen Touren ständig mit ihren Eiern bewarfen, beschloss die Osterhasengewerkschaft auf einer großen Versammlung, ihren übers Land ziehenden Mitgliedern Ritterrüstungen anzuziehen.

Bloß – in diesen schweren Rüstungen kamen sie nicht so schnell vorwärts – und viele Osternester blieben leer.

Ich muß euch ja bestimmt nicht erzählen, wie traurig die Kinder waren, wenn sie nach mühevoller Suche leere Osternester fanden. Darum füllten die Mamas die leergebliebenen Nester mit Hühnereiern. Das war aber auch nicht die Lösung. Tja – und weil alle Mamas dieser Welt – das war damals auch schon so – an Ostern keine traurigen Kinder mit bekleckerten Sonntagskleidern haben wollten, setzten sie sich unter dem Osterbaum mit den Osterhasen zusammen. Was bei den Beratungen herausgekommen ist, kann man heute noch an jedem Osterfest bestaunen: Die neidischen Hühner konnten ihnen keinen Streich mehr spielen, weil sie von da an Ostern immer eingesperrt wurden, und damit auch wirklich niemand mehr die Eier verwechselte, legten die Osterhasen ab sofort bunte Eier.

©ee

ein wenig Bilderworte …

.

…. und hier noch ein wenig Bilderworte der Erinnerung an meine Zeit in „Solich“:

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Der ‚aulen Soliger‘ zweiter Teil …

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Der ‚aulen Soliger‘ dritter Teil …

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Die „Aulen Soliger“ zum vierten …

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Der ‚Aulen Soliger‘ zum fünften …

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Der ‚Aulen Soliger‘ goldene 7 …

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Die ‚Aulen Soliger‘ … die „8“ die lacht

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

bridge-2126059_640

.

Gibt es das Solingen der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚ norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens mit ihrem alten Silber zu tun pflegte, wenn die Zeit der großen Feste bevorstand.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den ‚3 Städte-Express’ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen losratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nachfolgenden schmucklosen Blechkisten von O-Bussen. Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man auch schon mal während der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das angeblich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke über das Tal der Wupper gespannt hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt. Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegenüber dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark. Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klapperten, um im Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hofschaften, die sich in den oftmals mit Schieferplatten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den Alltag benötigte. Et Elsken, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte. Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Münsterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohlsberg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erhobenen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig geckenhaft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete. Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’ kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nachfüllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber der kleinen Klosterkirche, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leinewebers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurzwarenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Verbindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Zigarette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mailand meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpfbänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wienerstraße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigentlich Gärtner werden sollte. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen menschlichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Pädagogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeugten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wienerstrasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünfzigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Minderzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch erkannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlchen.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Handwerkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine verblüffend erfolgreiche Strategie entwickelt. (Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studienrätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Messbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkaufträge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneuerungsphase nach der Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wurden sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Architekten Schwarz-Weiß genannt.

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen drehte. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmannskneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ sozusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstür. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süppeln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzulauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablassbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irrglauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stockfinsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Gemüter verabreichten dem uniformierten Gesetzeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muffigen Revierwache verbannte.

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der Warbruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hielten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingenberg jeder einen Kolonialwarenladen mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Straße talabwärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umgekehrt.

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in  glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel versengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm geworden Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge in dem Alter.

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kinderzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender E. M. damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklempner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Tonfall, der bei ihm stets mit einer gewissen unangenehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeitkontakten unseres damaligen Brötchengebers gehörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Arbeiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwachstelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern, sozusagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstummte und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

In sich zusammengefallen ist in den Anfangssechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenkschmiedebarone besaß und dessen bloße Namensnennung schon vielen Solingern einen Schauer der Ehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Genusstempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewissern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen erregte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbevölkerung entstammte.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ostfriesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Lokalität zur Befriedigung meiner Hungergefühle gesucht.

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nordseeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frischgepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kundenfang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolgreichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummibahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paasshaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwinden sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhren – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senfkocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall  für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimaldezokraten‘)

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, ungefähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Überbleibsel der Nachkriegszeit – auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzauberte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi oder Ratzeputz mit Feuerwehrmostrich waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränkespezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder Beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klärchen Maaßens Busenfreundin aus Jungmädchenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der französischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respektheischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga. Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erscheinung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienstzeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Überredungskünste mobilisieren, um sie zur Übernahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauftauchen der alten Freundin Fini doch ein Rettungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Abteilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwartungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der morgendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedankengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemeinsamen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weiblichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Ausschank in der Gaststätte des Solinger Hauptbahnhofs unweit der Lutherkirche. Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau festgelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Barhocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscherwassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich entscheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satzgebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmuth vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig verschiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver miteinander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mitbürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurzaufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugverbindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisenbahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klingenstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Einrichtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚Westersaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus berechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviech großen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechberechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodellpalette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangsjoviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld obenauf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner dampfenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungswürstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfestfeier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mettbrötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehaltvollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeblich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufrieden stellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versunken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen bedingte das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der  Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder verschlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmandenbankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungskirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Gemeindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Strathmann Sorge getragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Dreifaltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Strathmann.

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Umgang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erheiterung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Zigaretten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch lebendigen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpässlichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hungerperioden’ (sein stattlicher  Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstagmorgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens angeliefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbegeisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

Der Anblick eines über mir fahrenden Heißluftballons, der in der sommerlichen Bläue unbeirrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnigerweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich viele meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Windevor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der geringsten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hintergrundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegenschuhe beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Empfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“© ee

ewaldeden©2013-02-08

Der Weg nach Hause . . .

Der Weg nach Hause . . .

 

D ie neunzehnhunderter Jahre haben zum Endspurt angesetzt – man sieht schon am Ende seiner zehn Finger die Jahrtausendwende auf die Menschheit zukommen.

Die Welt befindet sich im Umbruch zu einer anderen Formation. Der Ausgang ist ungewiss – wie der Ausgang bei einem Würfelspiel.

Jekatharina Roganowa gleitet an diesem eisigkalten, verschneiten Wintermorgen auf Schlittenkufen durch ihre Heimatstadt.

Irgendetwas ist mit ihr geschehen – gestern war es für sie noch Leningradeben nur mit dem zaristischen Namen Sankt Petersburgder seit eintausend Tagen in neuem Glanz auf den Ortsschildern prangt. Heute Morgen ist es für sie urplötzlich wieder die alte Zarenstadt.

In ihren zweiundzwanzig jungen Lebensjahren hat sie noch nie so empfunden. Sicher – Urgroßmütterchen hat ihr viel erzählt – Küchenmagd war sie in ihrer Jugend, noch im Schloß der Romanows. Ein Jahr nach Ausbruch der Kriegshändeleien zwischen Österreich und Preußen wurde sie von ihrer Herrschaft mit einem Rittmeister vermählt. Die Frucht einer Liebesnacht mit dem Zaren unter dem Herzen tragend.

Ihr Urgroßmütterchen war beileibe nicht das einzige weibliche Wesen, das unberührt in die Dienste des Hofes geholt worden war. Um dann, von einem Mitglied der Zarensippe geschwängert, einem Offizier der kaiserlichen Garde als Eheweib verpflichtet zu werden. Ob die Auserwählten so ganz glücklich darüber waren, darf man getrost bezweifeln – denn nicht selten hat sich ein, auf diese „ehrenvolle“ Weise ausgezeichneter, Hofbediensteter erhängt, dem Suff ergeben oder sonst wo sein Vergnügen gesucht.

  Insgeheim nämlich betrachteten es die männlichen Romanows immer noch als ihr angestammtes Recht, junge – noch schlafende – Mädchenkörper zu erwecken – auch wohl, oder gerade weil die Damen am Hofe es vorzogen, von unverbrauchten, kernigen Burschen aus dem Volke beglückt zu werden.

Dies ist nur eines der Geheimnisse, die in der Geschichte verborgen sind, und über die so niemand spricht. Man möchte wohl keine Bilder zerkratzen, deren Glanz vielen dazu verholfen hat, selber zu glänzen.

Urgroßmütterchens gutes Leben dauerte leider nur drei Sommer, weil im Jahre siebzehn Genosse Lenin alle Russen glücklich machen wollte. Und all diejenigen, die das bolschewistische Glück ablehnten, in die unendlichen Weiten Sibiriens verbannte.

Man sollte nun nicht die Verbannung in die Unwirtlichkeit des russischen Riesenreiches für eine Erfindung der Bolschewiki halten. Nein, nein – alle russischen Herrscher hielten es seit jeher für die beste Methode, sich unliebsame Untertanen vom Halse zu schaffen.

Die Roten machten sich mit Vergnügen jahrhundertealte Erfahrungen zu Eigen, und zahlten mit gleicher Münze – nur mit weniger Gefühl in den Fingerspitzen – erlittenes Unrecht zurück. Gleich, wie man es auch betrachtet – auf jeden Fall war es mit der Rittmeisterlichkeit vorbei.

Den Kopf ihres Urgroßvaters hatten die roten Horden auf den Zaun der Eremitage gespießt – neben vielen anderen. Als äußerst wirksame Abschreckung für die standfesten – dem Zaren treu ergebenen – Offiziere.

Die allermeisten von ihnen sind ihrem Kaiser in den Tod gefolgt – wenn nicht sogleich, dann in der Verbannung in Sibirien. Katharina hat viele Schicksale an Hand von persönlichen Aufzeichnungen zurückverfolgt.

 

  Gestern Abend – nach dem Gottesdienst – hat Väterchen Wassili, der Pope – ihr ein dickes Bündel Papiere ins Haus gebracht. Verschnürt und mit vielen Siegeln versehen, für deren Studium ein weniger geübter Kenner wohl Stunden bräuchte. Inmitten seines schwarzen Bartes glühte seine knollige Nase in einem violetten Rot. In ihr hatten sich wohl die grimmige Kälte, ein paar Gläschen vom klaren Wodka, und die Freude über die gute Nachricht getroffen.

Das Papierbündel enthielt die Genehmigungen für ihre Reise in das ferne Deutschland. Die Idee stammte von Väterchen Wassili, der zuvor lange Stunden mit Babuschka und Mamuschka wortgewaltig gerungen hatte. Laute Streitgespräche waren es oftmals – von denen aber kein Ton in Katharinas Ohren geflossen war.

Sie ahnte nichts von ihres Mütterchens Herkunft – nichts von dem Leid, daß ihrem so geliebten Großmütterchen nach dem Ende des großen vaterländischen Krieges widerfahren war. Babuschka war als Verfemte schon einmal in die sibirischen Weiten verfrachtet worden. Mit kahl geschorenem Kopf und Ketten an den Füßen – bloß weil sie einem verletzten, hilflos umherirrenden deutschen Soldaten – der, wie sie auch, fast noch ein Kind war – versteckte. Ihm das junge Leben gerettet hatte. Dem dunkelhaarigen deutschen Jungen war es gelungen – mit Väterchen Wassilis Hilfe – den Häschern der Roten Armee zu entkommen. Wenigstens solange, wie die Helfer seine Spur verfolgen konnten – bis sie sich, irgendwo nach Westen zu, verlor. Fast fünfzig Jahre sind seitdem durch die Zeit gelaufen. Jede Stunde dieser fünfzig Jahre sah Babuschka das Gesicht dieses Jungen vor sich – ein Töchterchen hatte er ihr zurück gelassen – ihm wie aus dem Gesicht geschnitten – Katharinas Mamuschka.

Ein Wink des Schicksals bewog Väterchen Wassili eines Tages, die alten Spuren aufzunehmen. Ein, im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen aufgetauchtes, Werbeschild einer friesischen Bierbrauerei im Sankt Petersburger Stadtbild gab den Anstoß – JEVER Faß und JEVER Pilsenerleuchtete in großen grünen Buchstaben von einer Hausfassade.

Leicht ist es ihm nicht gerade gemacht worden, die alten Spuren wieder sichtbar zu machen. Aber es ist ihm gelungen. Nach drei eindrucksvollen Besuchen in Deutschland war es soweit. Ein ganzes Jahr ist schon verstrichen, seit aus Wassenseinem kleinen Ort in Friesland – die Einladung an Katharina zu einem längeren Aufenthalt gekommen ist. Ein Jahr waren die Papiere durch die Amtsstuben gelaufen – so manchen Rubel hinter sich lassend. Keine Reise ist umsonst – und im weiten Rußland läuft der Amtsschimmel ohne Taler eben noch etwas langsamer.

Sie hat bis zur Stunde nicht die geringste Ahnung von den Hintergründen – und so war ihr das Jeverland wie ein Glücksfall erschienen, weil sie Germanistik und Geschichte studieren will. Sie hofft – im fernen Jever Spuren der russischen Herrschaft zu finden.

 

  Heute morgen nun hat Mamuschka einen Schlitten gemietet, um ihrem Töchterchen ein letztes mal die Heimatstadt ans Herz zu legen, bevor sie in das ferne, und doch irgendwie vertraute, Land reist.

Die Zinnen und Türmchen der alten Häuser und Paläste in der Zarenstadt sehen aus wie gepudertes Backwerk – die letzte Nacht hat den Menschen in Sankt Petersburg Berge von Pulverschnee beschert.

General Winter sorgt beständig für Nachschub, damit seinen klirrenden Soldaten nicht die Puste ausgeht.

Die Glöckchen an den Kufen und an den prächtigen, ledernen Pferdegeschirren, die verzauberten Häuser, die Feengestalten in den Bäumen und Sträuchern, weben an diesem Morgen ein Netz, in dem ihre Seele sich auf immer verliert. Eine besondere Stimmung hüllt den Schlitten ein. Mamuschkas glockenheller Sopran und des Kutschers brummelnder Baß schweben, wie in Watte gehüllt, um ihren Kopf. Katharina ist glücklich, daß Mamuschka wieder singen kann. Ihre Mamuschka ist endlich aus den Schatten der vergangenen Erlebnisse herausgetreten – eine Freude leuchtet aus ihren Augen – man sollte es bei ihren fast fünfzig Jahren nicht für möglich halten – aber was ist schon unmöglich, wenn die Liebe Blumen streut – und dann auch noch mit den Händen eines Mannsbildes, wie Andreji eines ist! So die Rede von Babuschka.

Großmütterchen weiß offenbar, wovon sie spricht. Das geheimnisvolle Strahlen in Ihren Augen scheint wie der Glanz alten Silberschmucks. Geheimnisvoll und wissensschwer. Nicht einmal ihr Töchterchen ahnt, daß Babuschka jeden Abend vor dem schlafen gehen mit ihren gichtgeplagten Fingern behutsam über eine braune Locke streicht. Fast ein halbes Jahrhundert verwahrt sie dieses Kleinod schon in einer lackierten Schachtel – die Locke, die sie ihrer ersten Liebe abgeschnitten hat – in der Nacht, als ihr Töchterchen in ihr zu leben begann.

Katharina freut sich für ihre Mamuschka, daß das Schicksal Andreji die Wege nach Sankt Petersburg führte. Nachdem es in Igarka die Bande geknüpft hatte – als wenn der gütige Gott ihr liebes Väterchen in einem anderen Körper zurückgeschickt hat.

 

  Die Stunden der Sankt Petersburger Schlittenfahrt sind wie Minuten an ihr vorbei geflogen, als sie in die Allee einbiegen, an deren Ende ihr Elternhaus steht.

Der Weg vom Torbogen bis zum Hausplatz ist mit Menschen gesäumt. Alle, aber auch alle sind gekommen – keiner, von denen die sie kennen, fehlt.

Großmütterchen Babuschka ist die ganze Nacht hindurch rührig gewesen – hat ein Festmahl hergerichtet, wie es noch selten zu sehen ist in diesem neuen Rußland. Alle Freunde sollen mit fröhlichem Herzen Abschied nehmen von ihrer Kathinka – die doch auch ein Stück ihres Leibes ist.

 

  Die Tische brechen unter der Last der Köstlichkeiten – es scheint Katharina wie ein Bild aus den Erzählungen des Berggeistes – ein Rätsel bleibt es, wie Babuschka in diesen Tagen so etwas zaubern konnte.

Die Zeit ist schlecht für aufrechte Russen – wenn sich einmal ein paar Rubelchen ins Haus verirren, halten sie sich für gewöhnlich nicht lange auf, sondern rollen behende weiter – bis sie es sich in irgendeines gewissenlosen Geschäftemachers Geldsack gemütlich machen. Umso mehr strahlen die Hammelkeulen, die Blinis und die mit Borscht befrachteten Schüsseln um die Wette. Bauchige Krüge – bis zum Rande voll mit Wässerchen gefüllt – drängen sich zwischen die Schlemmerberge. Wolken von Hammelfett-, Knoblauch- und Wodkaduft füllen die große Stube. Sogar das offene Herdfeuer hat Babuschka zu knisterndem Leben erweckt.

Die Ofenbänke scheinen in eine längst vergangene Zeit getaucht. Wo man auch hinblickt – es gibt keine Handbreit Platz ohne Backwerk. Hier und da machen sich schon die Seelen der Männer Luft. Zaghaft erst – mit jedem Schluck des guten Wässerchens kraftvoller – meldet sich Mütterchen Rußland zurück. Die Sehnsucht nach Frieden, die Liebe zur Heimat, dringt aus den Kehlen – erfüllt den Raum und setzt sich in jeden Winkel des Hauses.

In diese Sehnsucht und Liebe gehüllt, macht sie sich am nächsten Morgen auf die lange Reise in ein fremdes Land. Seltsamerweise verspürt sie aber keine Furcht, oder auch bloß die Spur von Unbehagen, vor dieser Fremde.

Irgendetwas Geheimnisvolles, Vertrautes zieht sie unwiderstehlich – als wenn es darum geht, verloren gegangenes wieder an seinen Platz zu holen.

Der gewaltige Sankt Petersburger Bahnhof, der sonst um diese Zeit – von hektischem Leben angefüllt – überquillt, wirkt wie im Festtags-Gewand. Selbst das Zischen und Stampfen der Lokomotiven und das Rumpeln der ein- und ausfahrenden Waggons fügt sich in das Konzert der singenden, rufenden und lachenden Menschen – die auf dem winterlichen Bahnsteig zurückbleiben.

Das Bild wird immer kleiner und kleiner, bis es im einsetzenden Schneefall verschwindet. Kein Bedrücken lastet auf ihr – nein – es ist eher wie in einem Theater, wenn der Vorhang sich senkt und wieder hebt, um ein neues Bild freizugeben.

 

  Ratatat – ratatat – ratatat – das eintönige Geräusch der Räder auf den Schienenstößen hat sie in einen unruhigen Schlaf geschickt. Bilder von Geschehnissen, die Ur-Großmütterchen einst malte, halten sie gefangen.

Quietschen und Kreischen unterbricht ihre Träume – die tatsächliche Welt macht sich lautstark bemerkbar.

Die Waggons müssen von Breitspur – wie sie in Rußland gängig ist – auf Normalspur der Nachbarn umgesetzt werden.

 

  „Unsere Kutscher schirrten hier immer die Pferde um, wenn wir unsere baltischen Provinzen besuchten. Auf dem Vorwerk waren Hunderte dieser edlen Tiere– tönt eine weiche, warme Stimme neben ihr aus der Dunkelheit.

Narrt sie jemand? Die gleiche Stimme hat doch noch soeben ihre Träume gefüllt. Unsinn – schilt sie mit sich selbst – werde endlich wach.

Als das schummrige Licht in den Zugwagen aufflackert, sieht sie eine Frauengestalt neben sich sitzen. Das Gefühl, ein Bild aus einer anderen Zeit zu sehen, bleibt in ihrem Bauch.

Sie haben im Schlaf so glücklich ausgeschaut – sicherlich haben Sie von längst vergangenen Zeiten geträumt. Ich brachte es nicht übers Herz, Sie zu wecken“ fährt die alte Dame fort.

Seltsam – diese Sprechweise, diese Kleidung – lange in der Geschichte versunkenes Rußland strahlt ihre Reisebegleiterin aus. Kathinka ist sich ganz sicher, dieses Gesicht ist ihr schon einmal begegnet.

Aufs Neue füllt die warme, weiche Stimme mit dem fremden und doch so vertrauten Akzent das Zugabteil: Ich muß leider den Zug hier verlassen. Eine gute Reise mein Kindundbehalten Sie Sankt Petersburg im Herzen.“ Nach einer Weile des Zögerns fügt sie leise hinzu: Ich würde Sie gerne nach Jever begleiten, aber leider . . .“ Sie vollendet den Satz nicht. Ein Drehen des Kopfes – ein Winken – ein letzter Blick – so wie sie gekommen, ist sie wieder verschwunden. Plötzlich weiß sie es – ihre Urgroßmutter – ihre Urgroßmutter hat mit einem solchen Akzent gesprochen.

 

  Die Bolschewiki haben auch diesen Teil der russischen Identität – mit der ihnen eigenen, kalten Gründlichkeit – vernichtet.

 

  Kathinka kneift sich in die Wange – autsch – nein, ein Traum war es nicht – kann es ja nicht gewesen sein – das flüchtige Wesen hat seine Pelerine vergessen – der kostbare Umhang liegt auf dem Sitz, über dem noch der Hauch eines fremden Duftwässerchens hängt.

Kathinka ergreift ihn – hastet zum Fenster, um das Stückchen Tuch ihrer Begleiterin nachzurechnen. Seltsam – so angestrengt sie auch nach allen Seiten späht – es ist niemand zu sehen. So flink möchte ich im Alter auch noch zu Fuß sein – denkt sie bei sich, als sie, mit dem Umhang über dem Arm, ins Abteil zurückkehrt.

Sie spürt was sie fühlt – aber sie weiß nicht, was sie denken soll. „Vergessen Sie Sankt Petersburg nicht – ich würde Sie gerne nach Jever begleiten . . . !“ Diese wenigen Worte gehen ihr nicht aus dem Kopf.

Sie hat doch der alten Dame nichts erzählt – wie konnte diese fremde Frau wissen, daß Urgroßmütterchen in ihr lebendig war? Sollte sie etwa im Traum gesprochen haben?

Ihr ist so zumute, als wenn der Umhang in ihren Händen ihr Denken beeinflußt. Indem sie ihn zur Seite legt, bleiben ihre Augen an einer Stickerei haften. Eine Krone – und Initialen. Sie braucht in ihrem Wissen nicht lange herumzukramen – sie beschäftigt sich schon ein paar Jährchen mit der Materie – das ist die Krone der Zarenfamilie.

Der gekrönte Doppeladler mit dem verschnörkelten K und der zwei darunter . . . ! Katharina die Zweite – unmöglich – ist ihr erster Gedanke – aber woher wußte sie . . . – kriecht der Zweifel hinterher.

 

  Nagelschuhe – dieses Geräusch auf harten Böden kennt sie nur zu gut – Propusch – Paßkontrolle tönt es laut und scharf auf den Gängen. Grenzsoldaten gehen von Abteil zu Abteil und stempeln die Pässe.

Auch wenn die Welt sich gedreht hat – anders geworden ist seit Michail Gorbatschow – die lähmende Angst vor den harten Tritten der Uniformierten und ihren geschulterten Kalaschnikows ist Bestandteil ihres Ich geblieben.

Zu grausam die Erniedrigungen und Demütigungen während der vier Jahre, in denen die Familie in den Gulag verbannt war. Unauslöschliche Brandmale in der Seele.

Nach dieser Zeit ist in ihr der Entschluß gereift, Geschichte zu studieren. Germanistik fiel wie selbstverständlich dazu.

Während der schlimmen Zeit in Sibirien haben Germanskis – die seit 1945 dort leben mußten – ihre Familie oftmals vor dem Sterben durch Kälte und Hunger bewahrt. Irgendwann ist ihr bewußt geworden, daß der große Vaterländische Krieg nicht nur viele Deutsche zu unmenschlichem Handeln trieb – auch die russische Seele hat in diesem Gemetzel den wertvollsten Teil ihrer Unschuld verloren.

Ob sie sich davon jemals wieder erholt?

Ihr Väterchen hat ihr, bevor er unter den Tritten der Nagelstiefel starb, einen Satz in den Kopf gepflanzt, der nie aufgehört hat zu grünen: „Töchterchen – bewahre dir deinen Glauben – die Hoffnung stirbt in uns Menschen zuletzt!“

Das Aufbrechen der Narben der Vergangenheit, und die Gedanken an den Wandel in Rußland, haben sie die alte Dame und den Umhang eine Weile vergessen lassen. Ruckend setzt sich der Zug in Bewegung – weiße Dampfwolken – vermischt mit schwarzem Rauch – ziehen am Abteilfenster vorbei.

  Die ärmlichen Gebäude von Ivangorod verlieren sich im Morgendunst. Keine Spur ist mehr zu entdecken von der einstigen Herrlichkeit des kaiserlichen Vorwerks. Sogar von dem Arbeiterdorf – in Zeiten der Sowjets als Sovchose die einzige Möglichkeit zu überleben – sind nur noch kleine kümmerliche Reste vorhanden. Nachdem das Reich der roten Peiniger praktisch von heute auf morgen untergegangen, hat dieser kleine Ort seine Lebenslust verloren – ist noch schäbiger geworden.

 

  Der Abschied von Mütterchen Rußland wird ihr etwas leichter durch den weiten Blick auf den Narva-Stauseedie ersten Strahlen der blassen Wintersonne liegen fast waagerecht über der, mit Schnee bedeckten, zugefrorenen Wasserfläche.

Es geht schon fast auf Mittag zu – die Sonne gönnt sich um diese Jahreszeit keinen langen Aufenthalt im Norden.

Ein Rudel Elche wechselt – als kleine Punkte in der Ferne sichtbar – über das steife Wasser nach Estland. Sie brauchen keinen Paß und keinen Stempel – wie die Menschen ihn benötigen.

Im Schrittempo passiert der Zug die Grenze – Narva steht in riesigen Buchstaben auf der Tafel neben dem Schienenstrang.

In westlicher Schrift und – als Referenz an die Zeit gemeinsamer Geschichte – in kyrillischen Buchstaben.

Es scheint ihr plötzlich eine andere Welt zu sein.

 

  „Guten Tag. Herzlich Willkommen in Estland. Ihren Paß, bitte.“ Eine angenehm dunkle, sonore Stimme begrüßt sie. Der Grenzkontrolleur – ein Lächeln im Gesicht – eine freundliche Uniform – keine Nagelstiefel – plötzlich ist die innere Furcht vor dem Unbekannten ganz klein geworden.

Morgenkühle Winterluft streicht durch die Waggons, die durch den Spurwechsel eine Zeitlang vom Dampf abgekoppelt waren. Unbewußt hat sie sich in den Umhang der alten Dame gehüllt. Seltsam – ein Gefühl von Geborgenheit, von Sicherheit und Wärme durchdringt sie von Kopf bis Fuß.

Durch die dünnbesiedelte Ebene strebt der Zug unermüdlich dem Westen zu. Die Waggons wiegen sich, wie ein Schiff in leichter Dünung, auf den Schienen, die sich wie zwei silbern schimmernde Bänder durch die unendlichen Moore ziehen.

Hin und wieder kräuselt weißer Rauch aus den Kaminen einsamer Höfe, die von Winters kahlen Bäumen umstanden sind. Drei – vier Dörfer zählt sie, bevor der Zug die Hügel der Pantiver Höhen erklimmt. Wie schwellende weibliche Formen scheinen sie in der waschbrettgleichen Landschaft.

 

  Tapa – steht in verwitterten Buchstaben auf einem Schild, das gemächlich an den Abteilfenstern vorüber zieht. Nichts zeugt mehr von der Herrlichkeit vergangener Tage – von dem bescheidenen Wohlstand, der selbst die einfachen Leute einhüllte. Genauso wie die Gerüche aus den unzähligen Wodka Brennereien den kleinen Ort einhüllten. Sogar die Mücken sind in Tapa ständig betrunken – war ein stehender Ausspruch im Land um den Narva-See. Aus Tapa, diesem seligen Ort, stammte ein Onkelchen, der früher häufig ins Haus kam. Der mit ihrem Vater stundenlang am Herdfeuer saß, und die Welt besprach. Obwohl – ihr Vater war in der Welt der russisch-orthodoxen Kirche verwurzelt, und das Onkelchen war estnischer Tradition folgend, evangelisch. Der Wodka, den das Onkelchen immer reichlich mitbrachte, schliff alle Gegensätze ab. Bis auch er von den Stalinisten zu ungewolltem Glück gezwungen wurde, und in den Weiten Sibiriens verschwand.

 

  Dieses alles ist kein Grund für die Zeit, den Atem anzuhalten – und kein Grund für die Eisenbahn, in Tapa Station zu machen.

 

  Nach ihrer Rückkehr aus der Verbannung – gleich nachdem der politische Winter einem Frühlingshauch gewichen war – strömten westliche Worte ins Land, die eine russische Seele nicht verstehen konnte. Dissidenten war eines davon. Verbannte, Geknechtete, Gefolterte, einfach zum Schweigen verdammt wären passendere Bezeichnungen gewesen.

Die Befürchtung, in ein Land zu ziehen in dem die Dinge nicht mehr beim Namen genannt werden, hat sie Anfangs zögern lassen, die Einladung nach Wassens anzunehmen.

Väterchen Wassili – der Pope – hat ihre Bedenken in langen Gesprächen in kleine Stückchen zerlegt – endlich dann in alle Winde verstreut – er hat es fertig gebracht, Freude über diese Begebenheit in ihr Herz zu pflanzen. Soviel Freude, daß sie sogar begeistert ins ferne Jeverland davon geschrieben hat.

Und doch – Reste dieser dunklen Gedanken, die beständig um sie herumflattern, finden sich immer wieder zu Bildern zusammen, die Ihr Angst machen.

Die Finger ihrer Linken tasten zu dem kleinen, silbernen Kreuz an einer feingesponnenen Kette – das Väterchen Wassili ihr zum Abschied um den schlanken Hals legte. Wie ein Kräfte spendendes Kleinod schmiegt es sich in den zarten Ansatz ihrer Brüste.

„Es wird dich beschützen auf all deinen Wegen“ – mehr hat Väterchen Wassili nicht dazu gesagt – doch ihr ist es in dem Moment wie ein Geschenk Gottes erschienen.

 

  Zugleich mit den Hügeln sind auch die letzten Häuser von Tapa in der Ferne untergetaucht. Das Land ist wieder eine weiße Ebene. Katharina denkt plötzlich an die riesige Tafel in der heimischen Stube – wenn die auf doppelte Größe ausgezogen, und mit weißen, damastenen Decken belegt war. Bevor das Tafelgeschirr seinen Platz fand, war ihr dieser Tisch auch immer wie eine riesige Weite erschienen.

Das kostbare Porzellan und die silbernen Bestecke hat sie zum letzten mal am Abend vor der plötzlichen, unfreiwilligen Abreise nach Sibirien gesehen.

Ihrer Väter Heim hat man ihnen zurückgegeben – aber es war ein totes Haus geworden. Die Rote Armee hatte dafür gesorgt, daß auch nicht die kleinste Erinnerung überlebte. Der Zug, der sie alle nach Sibirien brachte, hatte noch gar nicht Fahrt aufgenommen, da wurde auch schon eine Militärkommandantur in ihrem Elternhaus eingerichtet.

Wie die Landschaft vor ihren Augen, so sind auch die Erinnerungen in ihrem Kopf vorüber geflogen.

 

  In Tapa war der Schienenstrang auf die Küste zugeschwenkt – nun taucht am Horizont eine Silhouette auf. Die Umrisse von Gebäuden werden schnell größer – die ersten Hütten fliegen vorbei – werden Häuser – werden Stadt. Tallinn ist erreicht – der Name Reval, findet sie, war viel schöner.

 

  Als wenn jemand ihr eine Freude machen möchte, fallen seit gut einer halben Stunde wieder dicke, weiße Flocken vom Himmel – fallen ist schon zu hart ausgedrückt – sie schweben und taumeln wie Federn durch die Lüfte. So hat es ausgesehen, wenn sie als Kinder eine Handvoll Daunen aus dem Fenster wirbeln ließen. Ein Spaß, den Großmütterchen gütig lächelnd geschehen ließ – obwohl sie dabei ein kostbares Gut vergeudeten.

Bei Anbruch des Winters entstanden immer ganze Berge von Gänsedaunen – wenn die schnatternden Vögel geschlachtet wurden, damit zu den Festtagen ordentlich aufgetischt werden konnte. Große, steinerne Tiegel – mit Gänseschmalz gefüllt – dufteten durch den Winter. Das Kraut in den hölzernen Fässern steuerte die herben Töne bei. Die, zu endlosen Bändern, geflochtenen Knoblauchzöpfe waren wie die Linien auf den Notenblättern dieser Geruchssinfonie. Zu Jubeltönen steigerten sich die Empfindungen, wenn Babuschka ihre Töpfe mit den süßen Früchten des Sommers öffnete. Leider geschah dies nur allzu selten.

Die Erinnerungen daran haben sich über die Jahre der Verbannung lebendig erhalten – nicht zuletzt durch die Honigtöpfe der Germanskis, in die die Kinder de Verbannten am Sonntagmorgen immer ihren Finger tauchen durften. Solange sie die Süße spürten, beteten sie lautlos einen Psalm. Dieses Ritual war in den Lagern der Verbannten als Schutzwall gegen die Gottlosigkeit der Roten entstanden.

Ihr Väterchen hat in den ersten Wochen in Sibirien einen Satz aus der Bibel in ihr Tagebuch geschrieben: „Des Herrn Gedanken sind oft lauter als der Menschen Worte . . . !“ Keine Seite ihres Tagebuches ist ihr seitdem wertvoller als diese eine – mit den Grundzügen ihres Väterchens Wesen.

 

 Der Halt auf dem Bahnhof von Tallinn währt nur wenige Minuten – doch diese kurze Spanne Zeit genügt, um ihr das Bild einer anderen Welt zu zeigen. Die Menschen hier feiern in zwei Tagen das Weihnachtsfest. Daheim, in Sankt Petersburg, dauert es noch ein paar Tage bis es soweit ist. Obwohl nur Durchreisende, spürt sie die hektische Betriebsamkeit – das Bestreben, das mit bunten Lichtern behangene Gut zu Geld machen zu wollen.

Die eilenden, schiebenden Menschengesichter lassen sie die Freude vermissen – die Freude auf etwas Unerwartetes. Als wenn die Menschen trotz aller Freiheit ein undurchdringlicher Zaun seelischer Kälte umgibt. Sie kuschelt sich tief in den fremden Umhang – sie meint ein Stück Heimat zu fühlen. Zu gerne hätte sie die Olaikirche besucht, deren Türme über den Dächern Revals in den winterlichen Himmel ragen – Väterchen Wassili hat ihr in leuchtenden Farben davon berichtet. Aber ein, in der klaren Winterluft, trillerndes Pfeifen und aufgeregtes Schnauben der Lokomotiven kündet laut die Weiterfahrt an.

Der Zug hat sich gefüllt mit Reisenden, die aus der Hauptstadt nach Hause streben. Bepackt mit bunten Päckchen und Paketen. Fremde Laute schwirren durch die, mit Rauch geschwängerte, Luft. Man ist in der Sprache wieder zu Estnisch zurückgekehrt. Wie schnell ist doch das Russisch verschwunden, daß vor nicht allzu langer Zeit hier noch Pflicht war – eine ungeliebte Pflicht, der man sich 1990 schnell entledigte, wie sie weiß.

 

In der Wärme des Umhangs ist ihr Wachsein wieder in einen leichten, schwebenden Schlaf gerutscht – wie wenn es sich vor dem Gewirr der fremden Laute um sie herum verkriechen müßte.

 

  Helles Rufen, Füßescharren, aneinanderstoßende Puffer und ein leichtes Hungergefühl haben sie geweckt. Der Zug wird gleich irgendwo halten. Der größte Teil der Mitreisenden bewegt sich schon auf den Gängen, oder sitzt auf großen Gepäckstücken. Weihnachtsgeschenke für zu Hause, mitgebracht aus der großen Stadt. Ohne Anhalt hat die schwarze Schlange, mit den gelben Augen und dem rauchenden und zischenden Kopf, die Weite der estnischen Moore in südlicher Richtung durchquert – als lohne es nicht, bei den einsamen, verloren blinkenden, Lichtern zu verweilen.

Tootsikünden die Schilder unter dem schützenden Dach des Bahnsteigs – bloß Tootsi.

Keine Referenz in kyrillischen Buchstaben mehr.

Der Zug leert sich – wie eine Handvoll aufgescheuchter Rabenvögel verliert sich die Menge zwischen den eingeschneiten Häusern der kleinen Stadt. Hier und da erblüht gelber Lichtschein in den Fenstern, und wirft helle Flecken auf die Straßen und Gehsteige.

An der Spitze des Zuges rumpelt es – schwankende Laternen künden von hin und her eilenden Menschen. Die Kessel der Lokomotiven benötigen Wasser, aber die Pumpen versagen den Dienst. General Winter hat das Wasser hart gemacht. Rötliche Zungen von unzähligen Lötlampen irren durch die weiße Dunkelnacht. Die Zeiger der alten Bahnhofsuhr haben die Grenze zum neuen Tag schon eine Weile hinter sich gelassen, als Väterchen Frost die Stellung räumt, und der Ruf ertönt: „Das Wasser läuft!“

Fünf Stunden sind verstrichen, sie haben den Mantel der Vergangenheit angezogen – aber was sind schon fünf Stunden – gemessen an der Ewigkeit.

 

  Kathinka hat die Muße des Zuschauens genutzt, um mit Babuschkas Blinis ihren knurrenden Magen zu besänftigen. Ruhe hat sich in den Kabinetten ausgebreitet – als wolle alles und jeder neue Kraft schöpfen.

Einzig der gedrosselte heiße Dampf hat die Glasscheiben in den Abteilfenstern übermütig werden lassen – sie haben sich mit blitzenden Eisblumen geschmückt. Leises knacken in den warm werdenden Rohren läßt die schillernde Pracht an den Fenstern die Flucht ergreifen. Hat ihre seltsame Mitreisende den Umhang vielleicht bewußt vergessen, als sie an der öden Grenze den Zug verließ?

Ach – dummes Zeug! Wie sollte sie . . . ! Aber wie konnte sie von Jever wissen? In ihrem Kopf kreuzen sich Zweifel und Wissen – Ahnung und Glauben. Wie gerne würde sie jetzt ihren Vater reden hören – sein Sagen war für sie immer wie ein festes Geländer auf schwierigen Wegen. Vertrauen hüllt sie ein, wenn sie in zerrissenen Momenten danach greift – und spürt, daß es noch da ist.

Väterchen Wassili, Mamuschka, Babuschka – alle sind schon soweit entfernt. So ein kleines bißchen Heimweh nach Sankt Petersburg schaut doch aus einer Ecke ihres Innern.

 

  Das Herz des Tages schlägt schon wieder, als der Zug rumpelnd in Pärnu einfährt. Die profane, geschäftige Stadt bekommt der Reisende erst auf den zweiten Blick zu sehen – der hoch liegende Bahndamm zwingt den Blick zuerst auf die Ostsee hinaus.

Das Wasser im Rigaer Meerbusen wird noch von knuffigen Eisbrechern offen gehalten. Ihr Kopf malt das Bild eines schwergewichtigen Boxers, der sich müht seinen Gegner nieder zuhalten.

Aus der Höhe sehen die schiebenden, und sich türmenden, Eisschollen wie bewegliche Berge aus.

Ein großes Gebilde, ein schwimmendes Hochhaus – mit viereckigen Kästen hoch beladen – sucht einen Platz, an dem es seine Fracht loswerden kann.

Ein Containertransporter der neuen Zeit. Ihr Gefühl sträubt sich, es Schiff zu nennen. Signalhörner tuten – kleine Schlepper machen ganz dicke Backen, wenn sie im Gewusel des Hafens ihre Pfeife ertönen lassen, die Ketten der Ladegeschirre rasseln – es ist ein Konzert, dessen Töne ihr Herz höher schlagen lassen.

Der gleiche Anblick wie in der Neva-Mündung vor Sankt Petersburgalso gibt es doch Sachen, die in der Welt überall gleich aussehen. Onkelchen Dimitri – ein Bruder von Babuschka – war sein Leben lang zur See gefahren. Wenn er gefragt wurde, ob es ihm nicht schwer ankäme, Sankt Petersburg so lange Zeit zu verlassen, hat er bloß immer gesagt: Häfen – Häfen sind alle gleich auf der Welt. Das ich in einem anderen Land bin, sehe ich nur an der Hautfärbung der Menschen – die Peitsche der Fron ist überall zu Hause. Ein kluges Onkelchen – soviel hat sie von ihm gelernt – bereitwillig hat er ihr alles erklärt. Er malte mit Worten die anrührendsten Bilder.

Nur eine Sache – die hat er ihr nie zu Ende erzählt. Wenn ein paar Gläschen Wässerchen ihm die Nase röteten, pflegte er zu sagen: „Deine Babuschka – was meines Mütterchen Tochter ist – ist schon etwas ganz besonderes – ja, ja – das ist sie. Dabei bekreuzigte er sich stets – und dann schwieg er beharrlich.

Alles Fragen konnte ihn nicht bewegen, auch nur ein klitzekleines Zipfelchen der Decke zu lüften, die über seinem Wissen lag – er schwieg.

Bloß seine Augen bekamen jedesmal einen seltsamen Glanz. Diese Augen sieht Katharina vor sich, als ihre Hände das Wachspapier berühren, in das Väterchen Wassili einige Dinge eingeschlagen hat.

In Kaliningrad soll sie dieses Päckchen abliefern. In Königsberg wird man sie erwarten – manchesmal denkt sie in den alten deutschen Namen. Sie weiß auch nicht, warum das so ist. Die russische Seele birgt vielerlei Geheimnisse – auch wenn sich die äußere Schicht modern gewandet zeigt.

 

  Die Bilder vor den Fenstern geraten in Bewegung – die Reise geht weiter. Kathinka wechselt den Platz – die Lokomotiven schieben ab hier den Zug.

Sie mag nicht rückwärts schauen – wenigstens nicht heute morgen, denn dann hätte sie immer die zwanzig Glieder vor Augen, um die man die schwarze Schlange hier verlängert hat.

Zwanzig triste, braunrote Güterwagen. Um Massengut zu transportieren.

Was ist daran, daß sie es nicht sehen mag? – könnte man fragen. Nichts ist daran – nichts, außer einem Kopf voller Erinnerungen.

Erinnerungen an eiskalte Tage und vor Frost klirrende Nächte – Erinnerungen an übelriechendes Stroh – Erinnerungen an Hunger und quälenden Durst – Erinnerungen an abgefrorene Gliedmaßen und Erinnerungen an harte Gewehrkolben, die schwarze, schmerzende Flecken auf den Körpern hinterließen.

Wenn sie die Augen schließt, hört sie die Nagelstiefel über den hartgefrorenen Boden klackern – hört die eisernen Riegel schlagen, wenn sie in Sibiriens Weite für Minuten die drangvolle Enge der schmutzigen Waggons verlassen durften – verlassen mußten, um ihre Notdurft zu verrichten. Ungeschützt, auf harschem Schnee – zweimal am Tage.

Ausgesetzt den begehrlichen Blicken der Wachsoldaten, die sich an den entblößten Unterleiben der Frauen und Mädchen festsogen. Man sah trotz der groben Uniformen stets ihre aufgerichtete Männlichkeit, und in den Augen spiegelte sich die Gier nach einer reifen, weiblichen Scham.

Körperliche Vergewaltigung durch die Wächter war trotzdem selten – denn wer sich dazu hinreißen ließ, dem wurde kein langer Prozeß gemacht – der wurde kurzerhand von einem der begleitenden Offiziere erschossen. Aber die Seelen der Frauen und Mädchen wurden zweimal am Tage blutig gerissen – zerstörten ihre Körper – viele von ihnen überlebten diese Schmach nicht.

In ihren Ohren tönen noch immer die harten Rufe der mitfahrenden Milizoffiziere: „Dawai, Dawai!!!“ Wie haßt sie diese Worte!

 

 Es gab viele Momente, in denen sie die Sprache von Mütterchen Rußland als schmerzend empfunden hat. Ihr Väterchen hat dann immer ihre Seele gestreichelt, indem er zu ihr in Worten redete, die keine Schärfe besaßen.

Babuschka hatte sie ihm beigebracht – die Sprache der Friesen – weitergegeben, so wie sie sie von ihrem Mütterchen – und diese wieder von ihrem Mütterchen – überliefert bekommen hatte. Ein ihr sehr liebgewordenes Andenken an die russischen Tage in Jever.

 

  In den langen Winternächten, in den Lagern von Igarka wenn die Wasser des Jennessej standen, und das einzige Licht von den funzelig brennenden Dochten in den Öllampen ausging – hat der Vater ihr die Worte gelehrt – hat ihr die Sprache der Friesen in die Seele gepflanzt.

Katharina liebt trotz alledem ihre Muttersprachedoch das friesische Deutsch vermittelt ihr ein Gefühl von Weichheit, von runder Geborgenheit und Wärme. Sie denkt dann immer an die Momente, in denen Großmütterchen sie in den Arm nahm und sie an ihre Brust drückte.

Auf einem Stück vergilbten, zerknitterten Packpapiers – das sie über die Jahre in ihren Fußlappen verwahrte – steht in der klaren, untadeligen Schrift ihres Vaters: „Holl disse Sproak in dien Haart, mit een Rüst dorför – mi wee see jümmers dat düürste – eens Doachs schlutt see di Dören up“ (Bewahre dir diese Sprache, hüte sie wie einen Schatz – mir war sie immer das teuerste – dir wird sie einmal ein Schlüssel sein.)

Seit dieser Zeit ist dieses unscheinbare Stück Papier für sie wertvoller, als jede Ikone es sein könnte.

 

Die glitzernden Flächen der sumpfigen Ebene sind an der dahineilenden, ratternden Schlange vorbei gezogen. Wie Inseln in einem großen Meer tauchen vereinzelt Grüppchen von Büschen und knorrigen Bäumen auf – bieten den hin- und herwischenden Augen für einen Moment Halt auf ihrer Reise durch die Unendlichkeit.

Ein freundlich drein blickender, intensiv an einem Pfeifenstummel suckelnder, älterer Mann hat sich zu ihr gesellt. Wahrscheinlich ist ihm die Sprachlosigkeit als Reisebegleitung nicht genug, denn er hebt nach einer Weile stummen Schauens zu Erzählen an. Zuerst zusammenhanglos – als wenn er die Seiten in einem Buch sortiert. Dann beginnt sein Reden in Sätze zu fließen – Sätze, die sich auf seltsame Weise in ihre Gedanken einfügen.

Wie es hier wohl sein mag ohne die Harnische des Winters – geht es Katharina durch den Kopf. Im gleichen Augenblick kommt aus dem Munde des alten Mannes:

„Des Sommers, wenn der eisige Panzer sich nach Norden verzogen hat, sind riesige Bagger dabei, die Sümpfe trocken zulegen – wie urzeitliche Spinnen, die auf hohen Beinen über das Moor schreiten, muten sie an. Torfgewinnung für die Kessel der Kraftwerke – zur Stromerzeugung. Billige Energie für Westeuropa – Futter für die Geldsäcke.“ Nachdenklich dreinschauend kaut er auf seinem Pfeifenstummel – als wenn der die wichtigste Sache der Welt für ihn ist.

Warum erzählt der alte Mann das, denkt Katharina. Man kann doch nichts von diesen Ungetümen sehen.

Grad so, als wären ihre Gedanken laut durch das Kabinett gepoltert, und hätten den Alten in der intensiven Beschäftigung mit seinem Pfeifenstummel gestört, schrickt er auf und nimmt den Kolben aus dem Mund.

„Ich bin unterwegs nach Kilingi-Nomme“ er spricht wie nach innen gewandt – wie zu sich selbst. Indem er den erloschenen Pfeifenkopf an seinem Stiefelabsatz ausklopft, fährt er mit leicht singendem Tonfall in seinem Erzählen fort.

„Dort – in einem riesigen ———- Depot“Katharina fühlt in sich, daß er Lager sagen wollte. Was hat ihn zögern, und Depot sagen lassen?

Mit belegter Stimme fährt er fort: „da überwintern die Geräte und Maschinen. Ich muß alle zwei Wochen dort hin und nach dem rechten sehen, damit nach der Schneeschmelze sofort mit der Arbeit begonnen werden kann. Es ist nicht leicht für mich, aber es sichert mir mein Brot und ein bißchen Tabak. Obendrein hab ich noch ein Dach über dem Kopf – wenn auch nicht besser als in den Lagern – aber ein Dach.“

Ein paar Bauminseln des Schweigens ziehen an den frostbemalten Abteilfenstern vorüber. Katharina spürt, der alte Mann erwartet keine Antwort. Er setzt seinen Monolog fort, als wenn er glücklich ist, einen Menschen gefunden zu haben, der ihm zuhört.

„Zweiundachtzig Winter hab ich schon überlebt – in den letzten sechzig Jahren hab ich nach jedem Winter gehofft, es wäre der schlimmste und der härteste gewesen – und jedesmal kam es noch schlimmer und härter. Dabei waren die Winter oftmals noch gnädig – die Sommer in den Sümpfen sind wie das Herz der Hölle. Winters hatten wir frisches Wasser die Fülle – aus dem geschmolzenen Schnee. Des Sommers faulte das kostbare Naß in den Tümpeln. Brutstätten für große blutgierige Stechmücken. An den Leben spendenden Fluß durften wir nur alle vierzehn Tage.“ Er fährt mit fahrigen Bewegungen der knochigen Hände über seine Joppenärmel, als wenn er die Stechmücken wegwischen wollte. In dieses Wischen hinein laufen, kaum wahrnehmbar, die Worte: „Dieser Winter ist der dreiundachtzigste.“

Er zieht ein großes, bunt kariertes Tuch aus seiner Rocktasche – streicht sich verlegen damit über die Augen – und schneuzt sich, wie zur Entschuldigung, geräuschvoll die Nase. Katharina fragt still in sich hinein, wie lange der freundliche Alte neben ihr wohl noch den dornigen Weg gehen muß

Als die kleine gebeugte Gestalt zu sprechen fortfährt, klingen die Worte wie durch Stacheldraht gezogen.

Zerrissen, abgehackt, spröde – mühsam sich zusammenfindend.

„Sechzig davon in diesem Lager – fünfzig Jahre durfte ich nicht – und nun kann ich nicht mehr fort.“ Katharina merkt wie dem alten Mann ihr gegenüber die Stimme versagt. Sie schweigt in den dunkler werdenden Tag. Der Alte nestelt aus seinem Rückensack einen verwitterten Tabaksbeutel hervor – stopft sich umständlich seinen Pfeifenstummel – ein Zündholz flammt auf – ein paar kräftige Rauchwolken wirbeln um seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollten.

„1941 – nach der Befreiung des Baltikums – wurden wir von der Deutschen Wehrmacht als Russenfreunde in Killingi-Nomme brutal zusammen getrieben – zusammengepfercht in einem Drahtverhau. Ein Dach über dem Kopf mußten wir uns selbst erst schaffen – solange schliefen wir unter freiem Himmel – auf der sumpfigen Erde.“

Irgendetwas ist in dem alten Mann gelöst worden. Katharina traut sich nicht, auch nur einen Satz dazwischen zu stellen. Sie ahnt, dass sie damit etwas zerstören würde, das nur im schweigenden Zuhören blühen kann.

„In den ersten Wochen ist über die Hälfte von uns an Gelbfieber gestorben – die natürliche Auslese – sagte der Lagerarzt, der uns in seiner piekfeinen schwarzen Uniform einmal die Woche besuchte.“

Das Sprechen fällt dem alten Mann sichtlich schwer. Katharina sieht es am sich Heben und Senken der eingefallenen Brust unter der unförmigen Jacke.

 „Wenn das graue Auto mit dem Stern auf der Kühlerhaube ins Lager fuhr, mußten die Wege mit weißem Sand bestreut daliegen. Jeder Schlammspritzer an den blankpolierten Schaftstiefeln des Doktors bedeutete für einen, willfährig ausgesuchten, Häftling einen Gertenhieb auf den entblößten Rücken.“

Katharina spürt, wie dem Alten im sich Erinnern das Grauen über die Augen läuft.

Die Dunkelheit hat fast völlig vom Tag Besitz ergriffen – nur im Pfeifenkopf glüht es rötlich, wenn der Alte an ihm zieht.

„Nach kurzer Zeit haben wir selber an die Mär von der natürlichen Auslese geglaubt – Überleben war wichtig. Überleben war alles. Dieser eine, übermächtige Gedanke hat uns das Leben draußen vergessen lassen. Wir kamen uns nicht mehr wie eingesperrt vor – ausgesperrt waren wir – ausgesperrt aus dem Leben – lebendig begraben. Warum nur? Wir hatten doch keine Verbrechen begangen — und ewig konnte dieser Spuk nicht dauern – dachten wir.“

Eine lange Pause läßt seinen Worten Zeit Platz zu finden – bis ein kaum wahrnehmbareshofften wirfolgt.

 

  Seit einiger Zeit brennt im Zuge schon die spärliche, wächserne Beleuchtung. Sie läßt das Gesicht neben ihr wie versteinert aussehen – alter rötlich-gelber verwitterter Sandstein. Der Bildhauer Schicksal hat mit diesem Kopf ein prächtiges Werk vollbracht. Keines Menschen Hand wird wohl je ähnliches fertigbringen.

Einige tausend Schienenstöße lang ist im Inneren des Abteils nur das ständige tak-tak zu hören, wenn die Räder über die, des Winters großen Lücken zwischen den eisernen Strängen klackern. Der alte Mann hat mit geschlossenen Augen wohl die Zeit zurückverfolgt – denn als er die Lider öffnet, meint Katharina, ihn mühsam nach Worten suchen zu sehen.

„Vier Jahre hat der Spuk mit den Deutschen gedauert – und als wir die Freiheit greifen konnten, und die Hölle hinter uns glaubten, wartete auf uns ihre häßliche Schwester.

Nur die Uniformen hatten sich geändert – und statt Hakenkreuz Hammer und Sichel auf dem roten Fahnentuch. Als Freunde der weißen Russen änderte sich für uns nichts – im Gegenteil, die Haftbedingungen verschlechterten sich. Statt hartem Brot und Fleischbrühe gab es fortan nur noch Kohlsuppe. Uns lief der Kot an den Beinen hinunter – unkontrollierbar. Typhus grassierte. Für diejenigen, die diese Zeit überlebten, stand vor zehn Jahren plötzlich die Welt offen – wir konnten gehen, wohin wir wollten.“

Den schmerzlichen Worten folgt ein wehmütiger Seufzer – tief aus der Brust des Alten – weht wie ein flüchtiger Schleier durch das schummrige Abteil.

„Für mich gab es kein Fortgehen mehr. Wohin sollte ich auch – meine Welt war versunken. Versunken in Blut und Tränen – und im Vergessen. Der Pope im Dorf – Väterchen Wassili nannten wir ihn – war mein einziger Halt. Bevor er nach Moskau zog, hat er mir diese Stelle verschafft.“

Nach einer langen Pause des Schweigens kommt noch ein Gott möge ihn segnen aus dem Mund des Alten.

Väterchen Wassili – immer wieder Väterchen Wassili. An immer neuen Stationen tauchen Wegmale seines Tun auf. Ein bißchen schaurig ist ihr schon zumute, wenn sie alle Begebenheiten in eine Reihe setzt. Irgendwo wohnt in Väterchen Wassili eine überirdische Kraft.

 

  Stille ist eingetreten – nicht bloß zwischen Katharina und dem altem Mann – nein – auch die schwarze Schlange mit den gelben Augen und dem fauchenden Kopf schweigt.

Der Zug ist zum Stehen gekommen. Keine Häuser, kein Bahnhof – nur tiefe, weißlich glitzernde, schwarze Weite rings umher. Kathinkas fragende Augen wandern in die Finsternis.

„Es gibt nichts zu sehen mein Kind – wir sind im Niemandsland – Zeit für mich, dich zu verlassen. Die Güterwaggons für das ——— Lager werden hier abgekoppelt.“ Er zögert vor dem Wort Lager, als wenn er eine Hürde überwinden müßte – spricht es dann aber doch aus. „Ich muß mich sputen – die Natschalniks sind nicht geduldig.“ Während draußen hellklingendes Eisen durch die Nacht singt, umarmt Katharina zum Abschied diesen tapferen alten Mann. Sie kann nicht verhindern, daß ihre Augen feucht werden.

Er stülpt sich die Fellmütze auf, ergreift seinen Rückensack – und bevor er sich abwendet legt er Katharina einen zerknitterten Umschlag in die Hände. Ohne auf eine Erwiderung zu warten, ruft er ihr im Gehen zu: „Ich würde ja gern mit nach Jever reisen – aber leider …. !“ Zum dritten mal hat sie in den vergangenen Tagen diesen Satz vernommen – und wieder bleibt er unvollendet, als der Alte geräuschlos im Dunkel der Nacht untertaucht.

 

  Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sitzt Katharina immer noch regungslos da, als der Zug schon eine geraume Weile wieder Fahrt aufgenommen hat.

Das zerknitterte Pergament in ihrer Hand ist wie mit den Fingern verwachsen. Sie muß ihren Willen selber anstoßen, um es aufzuschlagen und zu glätten. Auf den ersten Blick ist es nur das wunderschöne Abbild einer jungen Frau – mit der Haarpracht und in den teuren Kleidern einer längst vergangenen Epoche – jedoch – es läuft ihr kalt und heiß zugleich den Rücken herunter – das Gesicht, das ihr vom vergilbten Papier entgegen schaut – das Gesicht – das Gesicht ist ihr eigenes. Unfähig sich zu rühren, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, schließt sie die Augen.

 

  Das Schwanken des Zuges hat merklich nachgelassen. Die schwarze Schlange mit den gelben Augen und dem fauchenden Kopf nähert sich der Küste – der Grund wird felsig-fester.

Mit der ruhiger werdenden Fahrt fließt auch ihr Denken in geraderen Linien. Das Ganze kann – nein – das alles muß nur eine Kette von Zufälligkeiten sein. Aber wiederum – warum fährt sie diese abseitigen Wege? Väterchen Wassili hat diese Reise sorgfältig zusammengestellt.

Auf ihre Frage, warum sie nicht mit dem Moskau Expreß fahren wird, hat sie nur die knappe Antwort erhalten: „Zu gefahrvoll für dich, mein Täuschen. Mach dir keine unnötige Sorge. Es ist alles arrangiert.“ Und Babuschka hatte nur bekräftigend dazu genickt.

 

  Als wenn eine innere Stimme sie aufgefordert hat, verstaut sie das Stückchen Pergament in ihrem Brustbeutel, bevor der ratternde Igor – so hat sie den Zug für sich getauft – Massiaru erreicht. Auf der blanken Haut scheint ihr der sicherste Platz zu sein.

Ein Rest Tee ist noch in einer Flasche. Bei der nächsten Gelegenheit muß sie zusehen, wie sie an heißes Wasser gelangt. Für den Reise-Samowar ist ihr der Trockenspiritus ausgegangen.

Durch die Beschäftigung mit dem Tee hat sie nicht bemerkt, daß Hütten, und vereinzelt schon Häuser, den Schienenstrang säumen. Sie scheinen mit den riesigen Torfbergen im Hintergrund zu verschmelzen. Massiaru ist erreicht – sie fährt leicht zusammen als die Bremsklötze greifen, und die Räder auf den eisernen Bändern anfangen zu schreien. Die Stadt scheint wie ausgestorben.

Nur wenige Lichter geistern durch schlafende Gassen. Seltsam mutet es sie schon an. Als die Länder noch ein zwangsvereintes Bolschewikireich waren, pulsierte das Leben in dieser kleinen Ansiedlung. Eine Elitegarnison der Wassersoldaten war hier angesiedelt, und trotz strengem Reglement hatte es an die zehn Bars und Spelunken gegeben – verkappte Bordelle.

In den Archiven der „Eisblumen“ waren die Namen der heimlichen Eigentümer nachzulesen. Hochrangige Politoffiziere – die auf diese Weise den Seesoldaten ihren ohnedies kargen Sold wieder abnahmen, und so außerhalb ihrer privaten Betten – aber innerhalb ihres Dienstes – ein üppiges Leben führten.

Üppig im wahrsten Wortsinn – denn nicht bloß die Speisekarte für das leibliche Wohl war ausnehmend gut sortiert – nein, auch die holde Weiblichkeit, die den dekorierten Lamettaträgern das Leben in der Abgeschiedenheit der Garnison erträglich gestaltete, hatte höchstes Niveau. Zwei, drei der Etablissemangs konnten durchaus mit den Nachtlokalen in Moskau und Sankt Petersburg mithalten, denn – die Inspektoren aus den Machtzentralen, die in schöner Regelmäßigkeit auftauchten – mußten ja bei Laune gehalten werden.

Nachdem der Knüppel der Knechtschaft im Feuer der Freiheit verbrannte, hat die Grenze zum Nachbarn Lettland wieder das Sagen. Die russischen Marinesoldaten waren verschwunden – nicht nur zu deren eigenen, nein – noch mehr zum Leidwesen der zurückbleibenden Einwohner.

Die kleine Stadt mußte sich umdrehen, und – auf sich allein gestellt – nach hinten schauen. Man mußte sich wieder auf die eigenen Werte besinnen. Der Aufenthalt auf dem weitläufigen, leicht verkommen wirkenden Bahnhof, wird von den meisten Fahrgästen überhaupt nicht wahrgenommen. Die Durchsicht der Reisedokumente nimmt nicht viel Zeit in Anspruch. Bloß bei den Reisenden, die wach sind, wird ein kurzer Blick in die Dokumente geworfen. Blitzabfertigung – hier und da ein kleines oder größeres Rubelscheinchen aus den Pässen entfernen – denn Ordnung muß sein – und dann nur schnell den Störenfried loswerden – damit man sich wieder in die warmen Stuben verkriechen kann. Die Gegenkontrolle erfolgt in Aiizin auf der anderen Seite der Grenze.

Auch die lettische Hafenstadt versinkt Winters in die Bedeutungslosigkeit. Seitdem die Sowjetunion nicht mehr existiert, wird der Hafen in den Frostmonaten nicht mehr offen gehalten. Es ist niemand bereit, die Kosten für die Eisbrecher zu übernehmen. Wenn nicht die Bahnlinie und die Grenze zu Estland wäre – sechs Monate im Jahr wäre hier alles tot.

Auch hier macht sich die fehlende Garnison bemerkbar – denn dem fleischlichen Begehren der strammen Mariner wußte man auch im lettischen Aiizin Abhilfe zu verschaffen. Sieben Gesellschaftslokale stützten bis zur Wende die wirtschaftliche Statistik der kleinen Grenzstadt. Liebe – käufliche Liebe wurde ganz groß geschrieben in den Annalen. Die Zeit ist weitergelaufen – hat vieles verändert – und wahrlich nicht nur zum Guten.

Nun fährt die schwarze Schlange, mit den gelben Augen und dem fauchenden Kopf, in einen Bahnhof des Vergessens ein.

Nachdem zwar freundlich dreinblickende, aber ansonsten wortkarge Zöllner die Papiere gesichtet und gestempelt haben, verschwindet der fauchende Doppelkopf rückwärts in der Dunkelheit.

Die Lokomotiven hasten nach Estland zurück, als hätten sie sich schon zu weit in fremdes Land vorgewagt.

Eine Ewigkeit steht der Leib der schwarzen Schlange ohne Kopf auf dem leer gefegten Bahnhof. Die gelben Augen sind für diese Zeit erloschen – der Strom fehlt.

Hin und wieder huschen dick vermummte, dunkle Gestalten durch die weiße Nacht – klopfen an den Rädern – prüfen hier – prüfen da – wie sie auftauchen, so sind sie auch wieder verschwunden. Katharina hat sich in den, mittlerweile gar nicht mehr fremden, Umhang gehüllt. Sie muß sich die Beine vertreten – sich Bewegung verschaffen – damit sie nicht erstarrt, denn langsam wird es im Zuge kalt.

Es kommt ihr vor, als wenn die estnischen Lokomotiven selbst die Wärme mit in ihr Land zurück genommen haben.

 

  Ihr Tänzeln und Hüpfen und Stapfen hat sie ans Ende des Zuges geführt. Sie spielt mit den weißen Wolken ihres Atems, der sogleich vor dem Gesicht zu frostigen Bildern wird.

Auf dem Bahnsteig steht eine, von den hoch aufgetürmten Schneemassen fast begrabene, Hütte. Und – oh Wunder, aus einem windschiefen Fenster fällt gelber Lichtschein in die Winternacht.

Ein dünnes, schwarzes Rohr entläßt hellen – mit rötlichen Funken durchsetzten Rauch – in die frostklare Winterluft

Wie von Geisterhand gezogen öffnet sich die grob zusammen gezimmerte Tür – gibt den Blick in das Innere frei. Eine freundliche Stimme läuft mit dem warmen Licht auf sie zu, und fordert sie zum Eintreten auf: „Komm herein mein Töchterchen – die Weiterfahrt dauert noch ein Weilchen!“ tönt es ihr auf russisch entgegen – in einem Russisch, das wieder das Vergangenheitsdenken in ihr anstößt.

Seltsamerweise verspürt sie keinerlei Furcht – nicht einmal Verwunderung – es ist ihr eher so, als wenn sie auf etwas Altbekanntes trifft. Als wenn jemand ihr die Schritte vorgibt, tritt sie in die kleine Hütte – schließt hinter sich die Tür und fühlt sich im gleichen Moment unendlich geborgen.

Ein runzeliges Mütterchen sitzt an einem Tisch in der Mitte des Raumes. Er macht zusammen mit zwei Hockern und einer Kommode die ganze Einrichtung des Häuschens aus. Ein bulliger Kanonenofen glüht in einer Ecke rötlich scheinend vor sich hin.

Auf dem schweren Holztisch steht ein dampfender Samowar. Zwei Becher mit heißem Tee sieht sie auf dem Tisch – obwohl das Mütterchen alleine ist. Einzig die tönerne Pfeife, die das Mütterchen genußvoll schmaucht, irritiert Kathinka ein wenig. Babuschka rauchte wohl hin und wieder eine duftende Zigarre – aber eine glimmende Pfeife in Frauenhand – das ist für Katharina ein neues Bild.

Ich habe dich erwartet, Töchterchen. Setz dich zu mir – du kannst sicher einen wärmenden Schluck gebrauchen!“ Ohne Zögern – wie selbstverständlich – setzt Katharina sich zu der Alten an den Tisch. Als wenn sie schon hunderte Male diesen Platz eingenommen hat. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, etwas zu fragen. Neben dem Samowar liegt ein gewaltiger Laib Brot und eine wohlriechende Speckseite.

Tee und gepökelter Speck – für die neue Zeit eine ungewöhnliche Nahrungzusammenstellung – trotzdem langt sie herzhaft zu.

Die Alte läßt ihren Worten freien Lauf – erzählt von ihren Enkelchen – und das sie selbst Zofe bei der Großfürstin Petrowka war – Gott hab sie selig. Katharina lauscht den sanft fließenden Tönen, als wenn ihre Ohren darauf gewartet hätten. Das Mütterchen berichtet von vielen Erlebnissen und Stationen ihres Lebens – von vielen Gästen, die sie hier in ihrer Hütte auf dem Bahnsteig besuchten. Auf der letzten Reise sei ein Päckchen vergessen worden, und sie – Katharina – möchte doch die Güte haben, es an sich zunehmen. Damit es zu seiner Besitzerin zurück, und alles wieder in seine Ordnung käme.

Kathinka ist gleichzeitig Hauptperson und Zuschauerin in einem fremden, unbekannten Spiel. Es drängt sie mitzumachen – aber zugleich möchte sie alles aus der Ferne betrachten.

Als sie wieder auf dem Bahnsteig steht, hat sie zwei Dinge in der Hand – ein kleines versiegeltes Päckchen und einen grob gewebten Leinenbeutel. Die Alte in der Hütte hat sie behutsam, aber bestimmt zum Gehen aufgefordert.

Mit den Worten: „Eure Hoheit müssen gehen – in Jever wartet man ….! hat sie ihren Gast aus der Hütte nach draußen komplimentiert. Nun steht Kathinka auf dem Bahnsteig, und muß sich sputen, um noch eine der offenen Türen des anfahrenden Zuges zu erreichen.

Es scheint, als müßte die Schlange mit den gelben Augen sich erst an den neuen Kopf gewöhnen – ihr Leib schaukelt und rumpelt und stöhnt und ächzt – als wenn durch die Bewegung alle Fugen reißen würden.

 

  Ihr Kabinett wiederzufinden ist gar nicht so einfach – in dieser Aufbruchsstimmung. Nach einer Spanne Zeit – die ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen ist – läßt sie sich – mehr verwirrt als erschöpft – in die Polster ihres Abteils fallen.

Was ist los – ist sie in einer zeitlosen Zwischenwelt gelandet? Von der ihr Brüderchen Pjotr immer erzählte, wenn er wieder einen neuen Geisterroman verschlungen hatte – die er seit neuestem von irgendwelchen Leuten bekam.

Aber nein – es ist doch Realität – sie schaut in den weißen Leinenbeutel, den sie in der linken Hand hält – in Stückchen gebrochener Trockenspiritus für den Reisesamowar, grusinischer Schwarztee – sogar ein Säckchen zerstoßenen Zuckers – sie kann alles mit den Händen greifen.

Die Gedanken wirbeln durch ihren Kopf – wie draußen der Schnee durch die kalte Winterluft.

Kathinka schließt die Augen – läßt ihre Gedanken sich zu Boden setzen – solange die Eindrücke wie in einer Kantate durch ihr Empfinden wirbeln, kann sie keine Zusammenhänge entdecken.

 

  Die schwarze Schlange scheint sich zu besinnen. Das Knarren und Ächzen und Stöhnen ist in ein gleichmäßiges Rumpeln übergegangen.

Stunde um Stunde schaukelt der Zug durch die Nacht. Er hat die Richtung gewechselt, als wenn der Lokomotivführer die Orientierung verloren hat. Es geht nach Südosten, auf Valmiera zu – durch die lettischen Sümpfe – ohne Anfang, ohne Ende. Weite, im fahlen Licht des Mondes glitzernde Schneeflächen, auf denen dunkle Bauminseln sich verlieren. Die kahlen Kronen der Birken scheinen wie gesponnenes Glas, während die Kiefern und Fichten großen Bären im dichten Winterpelz ähneln. Hier und da der flackernde, rötliche Schein eines Lagerfeuers – Holzfäller oder Jäger, die ungebetene Gäste fernhalten wollen. Es gibt sie nämlich noch – die Wölfe der Tundra.

 

  Als Kathinka irgendwann in der Nacht erwacht, hat der silberne Mond seinen Platz am Himmel gewechselt. Er hängt am westlichen Himmelsrand und verleiht den Dingen auf der Erde lange, durchsichtige Schatten.

Der Zug verweilt auf einem dunklen, einsamen Bahnhof – nirgendwo in den schwarzen Gebäuden eine Ahnung von Leben – wie auf einem lange verlassenen Friedhof – einzig aus fünf oder sechs Abteilfenstern fällt schwacher Schein auf die glitzernden Eiskristalle. Eine Wagentür wird mit lautem Knall zugeschlagen – und – als wenn sie sich selbst über die Rücksichtslosigkeit erschrocken hat – folgt wie zur Besänftigung ein leises Plopp. Sekunden später ruckt der Zug an. Nach ihrem Kopfwissen müßte dieser Ort Dikli sein – seltsamerweise hat sie aber nirgendwo etwas von einer Geisterstadt gelesen, wie sie sich hier ihren Augen zeigt.

Katharinas Genußsinn verlangt nach einer Tasse Tee. In der großen, beim letzten Halt mit Schnee gefüllten, Karaffe blinkert klares Wasser. Die bräunlichen Rinnsale aus den Vorratsbehältern des Zuges kann man nicht genießen – die Trinkqualität ist in Sankt Petersburg zurück geblieben. Toilettenspülwasser ist es mittlerweile geworden. Das Mütterchen in der Hütte auf dem Bahnsteig hat aber auch an alles gedacht.

Katharina greift – noch schlaftrunken – in den Beutel, um mit dem Trockenspiritus den Samowar in Gang zu setzen. Plötzlich ist sie hellwach – in ihren Fingern hält sie einen Schlüssel. Selbst in der kargen Helle kann sie die Besonderheit dieses Schlüssels erkennen.

Ein Schlüssel mit drei Bärten. Als sie die Lampe höher dreht, stockt ihr der Atem – und sie meint ihr Herz schlagen zu hören. Es ist „Der Schlüssel“ mit den drei Bärten: Sie erkennt ihn – ohne Zweifel. Zu oft ist er ihr in der Vergangenheit beschrieben worden.

Sie hat ihn immer für eine Mär gehalten – und jetzt – jetzt hält sie ihn wahrhaftig in ihren Händen.

 

  Lange schon läuft sie ruhelos von einem Ende des Waggons zum anderen, ohne daß es ihr bewußt wird – bewußt wird ihr, daß sie sich setzen muß – setzen, um die Gedanken abzuwettern – die in ihrem Innern mit ihren Empfindungen Schlitten fahren.

Immer wieder fahren ihre Finger an den Konturen des Schlüssels entlang – als wenn sie dadurch etwas enträtseln könnte. Seit ihrer Rückkehr aus Igarki diesem höllischen Paradies am Jennessji hat sich ein Moaiksteinchen an das andere gefügt. Ein Bild formt sich – sie kann die Fragmente sehen – es geht ihr nur noch nicht die Bedeutung ein.

 

  Fahle Röte hellt den östlichen Himmel – von ihr unbemerkt ist es morgen geworden – als plötzlich zwei männliche Gestalten in der schmalen Tür ihres Kabinetts stehen. Zu Tode erschrocken fährt sie zusammen – denkt sogleich an die Schergen des russischen Geheimdienstes – des KGB. Eine sonore, Vertrauen einflößende Stimme faltet aber sogleich ihre vor Schrecken zerknitterte Seele behutsam auseinander: „Wir bringen Grüße von Väterchen Wassili – Jekatharina Roganowa. Er möchte, daß wir sie begleiten. Zu ihrem Wohl – er sorgt sich um sie.“ Wie zur Bekräftigung seiner Worte reicht er ihr ein versiegeltes Kuvert. Sie erkennt zweifelsfrei die eindrucksvollen klaren Züge – von des Popen Hand geschrieben. Mit zitternden Fingern erbricht Katharina das Siegel – heraus fällt ein Zettel mit wenigen Worten, und ein zweiter versiegelter Umschlag.

In des Popes schwungvoller Schrift liegen wie hingegossen auf dem Pergament nur zwei Sätze:

„Pjotr und Alexei werden dich, soweit wie nötig, begleiten. Den beigefügten Brief darfst du erst zu gegebener Zeit einer bestimmten Person übergeben. Dieser Mensch wird sich dir zu erkennen – Gott ist mit dir, mein Kind.“

Das Denken in ihrem Kopf fährt Karussell. Begreifen ist ein leichtes Ding, nur die Zeit dahin hat Dornen – hat ihr Vater häufig zu ihr gesagt. Kathinka beginnt den Sinn dieser Worte zu finden. Die schwarze Schlange mit dem fauchenden Kopf und den gelben Augen verlangsamt ihr Vorwärtsdrängen – zögerlich verliert der Zug an Fahrt. Konturen huschen an den Fenstern vorüber – nehmen mit jedem Meter, den das Dampfroß die Waggons vorwärts zwingt, deutlicher Formen an.

Valmiera verkünden große, nebelverwischte Tafeln. Auf dem Bahnhof sieht es in dieser frühen Stunde schon aus wie in einem großen Garten. Es scheint Markttag zu sein – alles Grünzeug des weiten Landes hat sich im einzigen Städtchen versammelt. Zwischen den Kohlköpfen und den Rübenknollen herrscht emsiges Treiben. Wie in einem Ameisenhaufen – schießt es ihr durch den Sinn.

„Wir müssen aussteigen“ – wie ein Gummiband ziehen sie die Worte Alexei’s aus dem Bild. „Für die Weiterfahrt ist für uns ein anderer Zug vorgesehen.“ Indem er das wie beiläufig in die Luft schreibt, hat Pjotr ihr Gepäck aus dem Netz gehoben. Kein einziges Wort hat sie bisher von Pjotr gehört – er scheint Alexei’s ausführender Arm zu sein. Seltsam – denkt sie – gleich auf welche Seite des Geistes sich die Menschen bewegen – es gibt immer Leute die Sagen und andere die Machen“.

Kein Bedürfen meldet sich in ihr, zu fragen warum das alles geschieht. Wie eine Schachfigur – von unsichtbarer Hand geschoben – bewegt sie sich auf den Feldern des königlichen Spiels. „Im Royal ist eine Suite reserviert – entspannen sie sich. Es ist für alles gesorgt.“ Dieser überraschenden Eröffnung folgt noch ein leichtes: „Unser Zug geht erst nach Einbruch der Dämmerung!“ Ihre Begleiter schaffen für sie eine Schneise, damit sie ohne zögern den Ameisenhaufen durchqueren kann. Obwohl Ihre Begleiter mit Sicherheit nicht einmal russisches Gardemaßerreichen, teilt sich das Gewimmel vor ihnen wie die Decke auf der stehenden Neva, unter den Bugen der knuffigen Eisbrecher.

Vor dem Bahnhofsgebäude führen ihre Beschützer sie ohne einen Moment des Zauderns zu einer pompösen WOLGALimousine. Die, in der klaren Winterluft, weiß flatternden Wölkchen am Auspuff zeigen ihr, daß der Motor läuft. Alexei hofiert sie wie eine Grande Dame – noch nie in ihrem Leben hat ihr ein Mann den Schlag eines Automobils geöffnet. Irgendwie streichelt es sie – und es ist ihr auf eine bestimmte Art nicht fremd.

Der Fahrer in seiner ledernen Montur sitzt wie eine Wachsfigur hinter dem großmächtigen Lenkrad. Er zeigt mit keiner Miene, ob er Anteil nimmt. Nicht einmal das Zucken einer Wimper oder der Anflug eines Lächelns – nichts, aber auch gar nichts – als wenn Madame Tousseaut ihn aus ihrem Wachsfigurenkabinett dorthin gesetzt hätte.

Geräuschlos rollt das Fahrzeug an. Katharina bemerkt es nur am weggleiten der Kulisse. Als wenn das Gefährt durch die verwinkelten Straßenzüge und engen Gassen schwebt. Kein Stoßen und Rütteln – wie anders hat sich da die schwarze Schlange mit dem fauchenden Kopf aufgeführt. Sie spürt plötzlich zwar nicht jeden – aber doch die meisten Knochen im Leibe, und sehnt sich mit allen Fasern nach einem Zuber heißen Wassers – die gleiche Sehnsucht wie in den Jahren im Gulag, wo sich zwei Hände voll Menschen des Sonntags einen Bottich heißen Wassers teilen mußten. Jedesmal war es ein Gefühl neuen Lebens.

 

  Die enge Gasse – durch die der Fahrer die Karosse geschickt gelenkt hat – mündet in einen mit Platanen gesäumten Platz. Uralte Bäume – Relikt aus vergangener Zeit – die sicher manchesmal mit entsicherten Gewehren vor den Äxten der frierenden Menschen geschützt werden mußten. Sie haben – wie ein Wunder mutet es Kathinka an – fast ein Jahrhundert dunkler Geschichte überlebt. Zur Abendseite hin schließt den Platz ein königlich aussehendes Gebäude ab – das Hotel „Royal“. Von einem italienischen Baumeister vor über zwei Jahrhunderten entworfen und für die Zarenfamilie gebaut, hat es in den letzten siebzig Jahren vieles über sich ergehen lassen müssen. Wie ein frisch aufpolierter Diamant erstrahlt es jetzt in seinem ursprünglichen Glanz – das einzig überlebende Kleinod aus der Zarenzeit, in dieser Stadt inmitten der unendlichen Moore.

 

  Der WOLGA“ – das Prunkautomobil aus der Ära der roten Fürsten Rußlands – kommt auf dem weißen Kies vor dem Portal des „Royal“ zum Stehen. Beim Aussteigen hört man nur die unwilligen Laute, die die glitzernden Steinchen von sich geben – als wenn ihnen die Last der Tritte unangenehm ist. Bevor dieses Märchen sie schluckt, möchte Kathinka – auf den obersten Stufen stehend – noch etwas von dieser Herrlichkeit aufnehmen – doch Alexei berührt fast unmerklich ihren Arm und deutet in die Hotelhalle. Sein leises: „Bitte – keinen Aufenthalt hier draußen“ berührt sie wie ein Flammenmal – vor dem sie mit flüchtigen Schritten in die Hotelhalle eilt.

Eine kleine Schar Hotelbediensteter in komodig anmutender Kleidung empfängt sie, und wieselt mit ihnen durch die großen Türen. Keinerlei Formalitäten werden von ihr verlangt – keine Frage belästigt sie – einzig große Dienstbarkeit ist um sie – die sie schon fast ängstigt.

In gerader Linie schiebt sich der Menschenkreis auf den Lift zu, dessen Türen einladend offen stehen. Keine Gelegenheit für sie, einen Schritt zur Seite zu tun, um einen Hauch der Pracht in sich aufzunehmen. Ehe sie sich versieht, befindet sie sich in einem der Hotelzimmer – Zimmer ist nicht die treffende Bezeichnung – einen Augenblick lang muß sie in ihrem Wissen kramen. Zuviel ist in den letzten Stunden auf sie eingestürmt – sie muß in ihrem Gedächtnis erst Berge von Informationen beiseite räumen. Boudoir – gibt der Speicher in ihrem Kopfe frei – Boudoir ist die treffende Benennung für diese Räumlichkeiten. In echt hat sie ja noch keines gesehen – aber aus den Annalen, und durch die Erzählungen Babuschka, ist ihr diese Art zu leben geläufig.

 

  Der Menschentross hat sich zurückgezogen – hat sie mit ihren durcheinander wirbelnden Empfindungen allein gelassen. Eine junge Frau – angetan mit einem schwarzen Kleid und einer blendend weißen Schürze – ein gestärktes Häubchen keck auf die leuchtend rötlich-braunen Locken gedrückt – steht zwei Schritte neben der Tür zum Baderaum. In erwartungsvolles Schweigen gehüllt – auf die Anordnungen der jungen Herrin wartend.

Da kommen keine „Anordnungen“. Kathinka steht in der Mitte zwischen den barocken Möbeln, und kann sich auf das ganze Geschehen um sich herum keinen Reim bilden.

Das eine, was sie körperlich spürt, ist das Verlangen nach einem heißen Bad – das andere das Bedürfnis, allein zu sein – allein mit sich und ihren Gedanken. „Danke – ich benötige nichts mehr – ich möchte bloß noch baden“ mit diesen Worten versucht sie die junge Frau zum Gehen zu bewegen. Die begibt sich aber nicht in Richtung Ausgang, sondern huscht wie ein Schatten ins Bad. Sekunden später hört Kathinka Wasser in die Wanne rauschen – klimpern wie von Kristall an Kristall – und ein betörender Duft zieht um ihre Nase. Der dienstbare Geist erscheint in der offenen Tür. „Das Bad ist angerichtet“ mit diesen Worten wendet sie sich Kathinka zu, und hilft der überraschten Katharina aus den Kleidern.

Ihr kommt gar nicht in den Sinn, diese ungewohnte Behandlung abzulehnen. Eh’ sie noch richtig begriffen hat, was geschieht liegt sie bis zur Kinnspitze im warmen Wasser in der riesigen perlmuttfarbenen Badewanne. Kundige Hände fahren an ihrem Körper herum – Großmütterchen fällt ihr ein – wenn sie mit dem großen Waschtuch den kleinen Mädchenkörper bearbeitete, als wenn es galt, dem Schmutz eines ganzen Jahres den Garaus zu machen.

 

  Die Erinnerungen fliegen gleich wieder in das hinterste Wissen – diesmal ist es anders – keine Grobheit – kein riesiges Waschtuch – kein Rubbeln und Schrubben. Diese Hände sind wie Wolken – sie schweben über ihren Körper – berühren Regionen, in denen Himmel und Hölle vereint sind – wecken Gefühle, die sie bisher nur geahnt hat. Ihr ist nach einer Weile, als wenn sie fliegen möchte – und immer gerade dann, wenn ihre Fußspitzen den Boden verlassen wollen, gleitet sie wieder auf die Erde zurück. Ihr Blut rauscht wohl mit doppeltem Tempo durch den heißen Körper. Ein ihr bisher fremdes Glücksgefühl entführt sie, und malt für eine geraume Zeit Bilder einer unbekannten Welt. Kriecht in jede Faser ihres Körpers – legt ihr Denken lahm. Es ist ihr plötzlich, als wenn ein heißer Blitz ihre Gliedmaßen durchfährt, und in ihrem Leib eine Sonne explodieren läßt.

 

  Kühle läßt sie erschauern – dem Badewasser entflieht die Wärme – sie merkt, daß sie alleine im Gemach ist. Wie lange schon, weiß sie nicht. Noch traumverloren steigt sie aus dem, nach Rosen duftenden, Schaum – könnte sie ein Mensch beobachten – er würde sie für Venus halten – ihre feuchte Haut glänzt im flackernden Licht der Kerzen wie Seide – Diamanten gleich glitzern Wassertröpfchen in dem lockigen, seidigen Pelz ihrer Scham. Sterne können nicht strahlender blinken – bevor sie in der Ewigkeit verglühen.

In den spiegelnden Wänden ringsumher wird sie sich zum ersten Mal ihrer eigenen Schönheit bewußt – sie schaut eine jungfräuliche Rose – mitten im nordischen Winter. Behutsam fährt sie mit den Händen über die Innenseiten ihrer Schenkel – genießt noch einmal die letzten Nebel der rosa Wolken – bevor sie ihre Gefühle sorgfältig verstaut. Es ist für Katharina ein neu entdecktes – ein bisher nicht gekanntes Wissen um ihren Körper. Mit dem Gedanken, daß es für einen leuchtenden Christbaum doch wohl noch zwei Wochen zu früh in der Zeit sei, löscht sie die Kerzen am prachtvoll geschmückten Tannenbäumchen.

Kathinka hat die grünlich schimmernden, seidenen Laken auf dem Bett kaum berührt, als der Schlaf sie schon in seine Arme nimmt. Der reich verzierte Regulator an der Wand zeigt gerade drei Uhr – den Beginn der vierten Nachmittagsstunde – an.

 

  Um dieselbe Stunde in Jever. Der Zeitmesser in der Eingangshalle des Schlosses – übrigens ein Zwilling des Regulators, der über Katharinas Ruhelager im „ROYAL“ an der Wand hängt – vom selben Meister zur gleichen Zeit gefertigt – kündet gerade den Beginn der Stunde nach der Mittagszeit an. Dreizehn Uhr versteht man hier besser.

Im fernen Jeverland geschehen zeitgleich merkwürdige Dinge.

Den Menschen dort erscheinen sie nicht so – in ihrem täglichen Erleben sind es nur technische Unzulänglichkeiten – kleine Pannen des Alltags. Auch hier ist um diese Jahreszeit die Dunkelheit bestimmendes Element – obwohl man nicht so weit nördlich lebt wie in Sankt Petersburg.

In den Gassen der kleinen Residenzstadt Jever ist Ruhe eingekehrt. Morgen ist hier Weihnachten.

Das Leben in den warmen Stuben ist bestimmt von der Erwartung auf das, was der Tag noch bringen mag – der Heilige Abend mit der Bescherung für Groß und Klein.

Den Besorger des Schlosses zieht es nach Hause – zu seiner Familie. Ein letzter Kontrollgang – ein letztes prüfendes Auge – und dann sieht er es – oder besser – er sieht nichts.

Der große Christbaum in der Schloßhalle ist ohne Leben. Nicht ein Lichtlein brennt – alles gründen, alles suchen, alles prüfen bringt nicht die Ursache an den Tag – und trotz der fehlenden Flämmchen glaubt er, das Bildnis der Zarin Katharina an der gegenüberliegenden Wand leuchten zu sehen.

Es hängt hier seit den Zeiten der russischen Herrschaft – und nirgendwo steht geschrieben, dass Menschenaugen es schon einmal haben leuchten sehen.

Spökenkram, der dritte Grog war wohl zuviel – denkt er, und macht sich auf den Heimweg. Aber – ein wenig eigentümlich scheint es ihm schon, daß auch durch die großen Fenster der Stadtkirche kein Schimmern nach draußen dringt. Er kennt es nicht anders, als das in der Vorweihnachtszeit der Glanz des Christbaums im Inneren des Gotteshauses die bunten Darstellungen – auf den in Blei gefaßten Scheiben – mit Leben erfüllt.

Indes – der Küster hat sich lange vergebens gemüht die elektrischen Kerzen hell zu machen. Er hat dann zu den guten alten Wachskerzen gegriffen, und als selbst diese immer wieder verlöschen, hat er sein Bemühen aufgegeben.

Spökenkram denkt er bei sich – ganz ohne Grog – und ist heim zu seiner Familie gegangen.

Zur gleichen Zeit müht sich auch der Kalfaktor im Vorwerk Marienhausen – von dem die Sage berichtet, es wäre durch einen unterirdischen Gang mit dem Schloß in der Residenzstadt verbunden – die bunte Beleuchtung am Weihnachtsbaum wieder in Gang zu setzen. Gelingen soll es ihm an diesem Nachmittag nicht mehr. Spökenkram, blitzt es bei ihm – wie bei den beiden anderen Männern – durch den Kopf, und er läßt für diesen Nachmittag Weihnachtsbaum Weihnachtsbaum sein.

Wie gesagt: Alltägliche, kleine technische Unzulänglichkeiten – Pannen eben, die schon mal passieren.

Wenn die drei gestandenen Mannsbilder von dem Geschehen beim jeweils anderen gewußt, und dann noch erfahren hätten, daß ähnliches auf einem alten Bauerngehöft am Hookstief in Groß-Wassens sich abspielt – leise Verwunderung wäre doch zumindest aufgekommen.

Aber wie gesagt – niemand wußte nichts – und es gab somit auch keine beunruhigten Gemüter. Nur hier und da ein Schimpfen auf die moderne Zeit – und das früher sowieso alles besser war.

Als um neunzehn Uhr jeverscher Zeit der Normalzustand wieder eingekehrt ist, ist auch diese Erkenntnis aus den Köpfen der wenigen verschwunden, die die wunderlichen Ereignisse wahrgenommen haben.

 

  Um die dritte Abendstunde lettischer Zeitmessung holt der rotbraune Schopf mit dem kecken Häubchen Kathinka aus ihrer traumlosen Welt in das prachtvolle Boudoir zurück.

Den Wachslichtern am Weihnachtsbaum ist eben zuvor ihr Strahlen wiedergegeben worden. Hier in Lettland ist schließlich später Heiligabend – auch wenn in Katharinas russischer Seele ein anderes Denken den Lauf bestimmt.

  Der Tisch zwischen den Fenstern ist mit den feinsten Leckerbissen gedeckt – sie mag nicht glauben, dass dies alles für sie allein aufgetischt worden ist.

Es kommt aber niemand, der Tischgenosse sein könnte – und so folgt sie der Aufforderung Henriettas – so heißt der rotbraune Schopf – und macht sich über die Köstlichkeiten her.

Die zwölf Stunden ohne Speise haben doch ein ansehnliches Loch in ihrem Magen hinterlassen. Mit Verwunderung stellt sie fest, was alles so an essbarem in einen hungrigen Jungmädchenbauch hineinpaßt. Sogar den Kwaß – für den das Onkelchen schon eine Vorliebe hatte – hat man nicht vergessen. Obwohl er zwischen Hummer, Kaviar, Austern und Langusten etwas fremd wirkt – kein rechtes Ansehen genießt – als Genußmittel armer Leute.

Das Essen hat sich hingezogen – sie hat jeden hohlen Winkel in ihrem Magen gefüllt. Das Hungerdenken aus der Epoche ihres sibirischen Lageraufenthaltes ist in ihrem Kopf tief verwurzelt. Das sie sich nicht noch als Reserve Brot in die Kleiderfalten steckt, würde jeden verwundern, der russischen Kerker und Verbannung überlebt hat. Ein harter Kanten gebackenen Mehles – irgendwo am Körper versteckt – verhieß in Sibirien Leben. Oftmals überleben.

 

  Es klopft leise, aber bestimmt, an der Tür. Alexeis gedämpfte Stimme dringt verhalten durch die Polster: „In einer halben Stunde müssen wir aufbrechen – kaiserliche Hoheit!“ Das halb gehauchte „Kaiserliche Hoheit“ ist an Katharina vorbei geflogen – sie hat es in ihrem Kopf gar nicht recht zu fassen bekommen. Zu unwirklich – zu ungeheuerlich ist es ihrem Denken wohl erschienen, als das es ihre Ohren danach greifen ließ.

Es war aber gleichwohl das Zeichen für Henrietta, behutsam – aber mit flinken Händen – Katharina anzukleiden. Kathinka kommt sich vor, als wenn sie auf einer Empore des Staatstheaters steht und ein Schauspiel betrachtet – sie bewundert sich selbst, mit welcher Nonchalance sie dies alles über sich ergehen läßt. Gleichzeitig kommt ihr auch nicht die Idee einer Frage, warum so etwas mit ihr geschieht.

Im Handumdrehen ist ihr, in den letzten Stunden zur reifen Weiblichkeit erblühter, Jungmädchenkörper in warme, leichte und bequeme Reisekleidung aus feinstem Leder gehüllt. Wer diese Kleidungsstücke hergezaubert hat, ist ihr ein Rätsel – so elegante und teure Garderobe ist bisher noch nicht einmal im Traum an ihr vorüber gezogen.

 

  So aufwendig und aufmerksam sie am frühen Mittag in das Hotel komplimentiert worden ist – so formlos und schnell geht der Abschied vonstatten. Über die Stiegen geht es nach unten – im dunklen Hof vor dem Gesindeausgang wartet mit laufendem Motor der „WOLGA“. Der Schofför scheint zur festen Ausstattung des Automobils zu gehören. Ebenso wachsfigurenhaft wie auf dem Hinweg bedient er mit geräuschloser Präzision die Hebel und Schalter. Wie ein Uhrwerk, daß auf Knopfdruck reagiert, erscheint er ihr.

Als wenn Alexei ihre Gedanken überwacht, kommt von ihm: „Rado ist stumm – gute alte Freunde haben ihm in der Lubljanka die Zunge heraus geschnitten.“

Eine lange Pause schwebt durch das Innere der Limousine. „Trotz monatelanger grausigster Folter hat er ihnen nicht gesagt, was sie hören wollten – er konnte es nicht, weil er nichts von dem wußte, was seine Peiniger von ihm hören wollten. Jemand hatte ihn aus Neid um die Gunst einer Frau da hineingebracht. Die unbändige Wut, nichts von ihm zu erfahren, hat die Folterer dazu gebracht, ihn seiner Zunge zu berauben – er sollte zu keinem Menschen mehr reden können. Vorher stand er in Diensten des KGB – war jahrelang mit dem jetzigen Präsidenten befreundet, der – wie Rado auch – für spezielle Einsätze ausgebildet war.“

Aus Katharinas Kopfbildern lösen sich während des Hörens Erinnerungen. Erinnerungen an ständig sich wiederholende Prozeduren – wenn ihr Vater von gut gekleideten, intelligenten und leutseligen jungen Männern sprach, die bei freundlich angehenden Verhören ihre Opfer plötzlich die Hölle schauen ließen. Wesen mit zwei Gesichtern. Kein Relikt der Vergangenheit – sondern lebendiger wie zuvor. Alexei hebt wieder zu sprechen an:

„Die ehemaligen Kollegen hätten ihm statt der Zunge besser das Leben genommen, denn Rados Haß auf diese Clique übersteigt alles Vorstellbare – und seine Möglichkeiten, ihn auszuleben, sind unerschöpflich.“

Alexei redet nicht auf sie ein, wie auf jemanden, den man überzeugen will – nein, er malt – wie mit einem weichen Pinsel – mit seinen Worten nur ein Bild. Ein Bild, in dem sie das Schicksal ihrer Familie erkennt. Ohne daß es ihr bewußt wird – oder daß sie sich gar dagegen zur Wehr setzt – wandelt sie sich von der unbeschwerten, jungmädchenhaften Jekatharina Roganowa zu einem reifen, geschichtsträchtigen Weibsbild.

 

  Eine Weile schweigt Alexeis Mund schon – mit dem er das Bild der Vergangenheit malte – als der Wagen an der rückwärtigen Kulisse des Bahnhofs hält. Er und Pjotr führen sie an einer nicht enden wollenden Reihe offener Güterwagen entlang. Auch nicht der kleinste Lichtschein unterbricht die dunkle Kette.

Erst als sie direkt davor stehen, erkennt sie den Salonwagen, der unmittelbar an die drei riesigen Dampflokomotiven gekoppelt ist.

Unsichtbare Hände haben die Türen geöffnet, und Pjotr hilft ihr mit vollendeten Manieren auf den Perron. Die Dunkelheit irritiert sie schon, aber als sie den Schlag ins Schloß fallen hört, flammen gleichzeitig kristallene Lüster auf, und bieten ihren Augen eine Inszenierung wie auf einem Gemälde aus der Kaiserzeit.

Die Krönung sind ein Kammerdiener und eine Zofe – keine Staffage – sondern sehr lebendig, wie sie sogleich feststellt.

Sie hat ihre Überraschung noch gar nicht beiseite gelegt, macht sich die junge Frau schon an ihr zu schaffen – es ist übrigens Henrietta – die rötlich-braune mit dem kecken Häubchen aus demROYAL“. Ohne das es Katharina im Innern peinlich ist, denkt sie an die schwebenden Hände, die im Bad des ROYAL Himmel und Hölle in ihr geweckt haben. Während Henrietta ihr hilft, sich ihrer Reisekleidung zu entledigen, und sie in einen Traum von einem seidenen Hausmantel versteckt – hat Boris – so heißt der Kammerdiener – ein belebendes Gebräu aus sibirischem Rauchtee gezaubert. Fast unmerklich ziehen die drei Lokomotiven an – nur die zierlichen Tassen klingeln leise vor sich hin – als wenn der Herzschlag des Zuges sich auf sie überträgt.

 

  Tiefe baltische Nacht liegt über dem Land. Der lange eiserne Koloß ist nur ein dunkler, sich bewegender Strich auf weißlich schimmernder Schwärze. Einzig die Stirnlampen der im Gleichtakt fauchenden Dampfrösser zeichnen den Weg. Wenn Katharinas Augen denn nach draußen schauen könnten, würden sie über eine mondgleiche Landschaft ziehen. Längs des Schienenstranges gibt es nur bizarre Hügelformationen – von tiefen Kratern durchzogen. Stählerne Ungetüme bewegen sich – wie von Geisterhand gelenkt – über eine riesige Baustelle.

Lettische Geldleute bauen hier – unterstützt von neurussischem Reichtum – eine Verkehrsverbindung von Riga in das estnische Hinterland.

Auf den Peipus-See und seine rohstoffreiche Umgebung spekulieren die Seilschaften um die alten Machthaber. Ein schneller Weg in die Welt ist vonnöten. Und nirgendwo fließen Dinge und Entscheidungen schneller, als in korrupten Kanälen. Immer die berühmte Nasenlänge vor den ärmeren estnischen Brüdern. Die oft beschworene baltische Verbundenheit ist auch nicht in glühendem Feuer geschmiedet worden.

  Väterchen Wassili muß über viele wundersame Gaben verfügen – denn wie sonst könnte er dies alles auf den Weg gebracht haben.

Sie weiß nicht wieviel Stunden durch die Zeit gelaufen sind, als ihr Denken und Fühlen sich zurück meldet. Der Blick auf den Zeitmesser verrät ihr, daß die sechste Morgenstunde näher rückt. Im Kopf ist ihr ein bißchen so, wie wenn ein Nebel sich breit gemacht hat – den man mit einem Guß eisigen Wassers vertreiben muß.

Das Henrietta auf Anordnung Alexei’s den tiefen Schlaf mit einem Mittelchen gefördert hat, kommt ihr nicht in den Sinn. Obwohl sie weiß, daß es so etwas gibt. Und Henrietta wird es ihr auch nicht verraten – wird ihr nicht zu verstehen geben, daß auf allen Seiten mit den gleichen Methoden gearbeitet wird. Noch nicht!

Eisiges Wasser muß her, denkt Katharina vergebens – bevor Henrietta sie in wohlriechende, dampfende heiße Tücher packt – der Schweiß läuft in kleinen Bächen über ihren Körper, und läßt ihre Sehnsüchte kreisen. Die Erinnerung an das erlebte Gefühlsfeuerwerk im Bad des Hotel „ROYAL“ läßt ihre Hände auf Wanderschaft gehen – Regionen ihres Körpers erkunden, von deren Geheimnis sie bislang nicht gewußt hat. Zärtlich liebkost sie ihre Scham – gleitet mit sanften Fingern über den Venusberg in die heiße Feuchte zwischen den Schenkeln. Überrascht von der prompten Reaktion ihrer Gefühle zieht sie erschrocken ihre Hand zurück – um die tastenden Finger gleich wieder aufs Neue in der schwellenden Weichheit versinken zu lassen. Das explodieren der Sterne in ihrem Kopf wird begleitet von kleinen, spitzen Schreien – die Katharina selber gar nicht recht wahrnimmt.

Danach umgibt sie eine seltsame Ruhe – als wenn alles schweigt, wenn sich die gesättigte Löwin Wollust wieder in ihre Höhle zurückzieht. Die schon fühlbare Stille wird nur unterbrochen vom knacken und knistern in den großen, eisernen Dampfleitungen. Nach zwei Stunden Wolkenschweben holt leises, aber intensives Klopfen sie wieder in die Wirklichkeit zurück.

Henrietta macht sich bemerkbar. „Man wartet draußen auf uns“ – hört sie geflüstert. Schade – denkt Kathinka – sie wäre gerne noch ein wenig durch den Himmel der Lüste geflogen.

 

  Kein Heulen des Windes – kein Rattern der Räder – kein Geräusch von lebendigem Bahnhof – nichts ist zuhören. Grabesruhe und alles verzehrende Dunkelheit springt ihr ins Gesicht, als Alexei ihr die Wagentür öffnet und sie einen Schritt nach draußen macht. Zwei starke Arme umfassen Katharina, und heben sie behutsam auf den harschen Boden. “ Vorsicht – lassen sie sich führen. Wir dürfen kein Licht machen“ Alexei hat es geflüstert – und doch klingt es in der tonleeren Dunkelheit wie das Fauchen einer Lokomotive.

Katharina will fragen was los ist – wo sie sich befinden und warum alles so unwirklich ist.

Doch bevor sie einen Laut herausbringt, legt sich eine große, sehnige Hand über ihren Mund. Sie fühlt am rechten Ohr warmen Atem, als jemand ihr zuraunt: „Bitte sagen sie jetzt nichts.“

Alexei’s rechte Hand -Pjotr – ist es, der sie leitet. Es ist das erste mal, das sie ihn sprechen gehört hat – tonlos – und doch ist ihr diese Stimme durch und durch gegangen – schließt an die Sternenfahrt ihrer Hände an – bringt in ihrem Kopf und Bauch die Gefühle und das Denken in völlig verquere Richtungen. Mit einem gehauchten Seufzer gleitet Katharina in eine tiefe, selige Ohnmacht.

 

  Durch diesen Umstand bekommt sie nichts von der hektischen Betriebsamkeit mit, die im letzten Dunkel der Nacht im Abseits der riesigen Ödland Baustelle herrscht.

Unberührt von der gleißenden Helle der riesigen Scheinwerfer – in deren Kegel monströse Maschinen ihr Werk verrichten – spielt sich etwas ab, das man für Bilder aus vergangener Zeit halten könnte. Vor drei dichtverhangenen, schwarzen Kutschen tänzeln sechs Rappen im Gespann. Man sieht in der schattenlosen Schwärze bloß die weißen Wolken aus ihren Nüstern steigen. Ab und zu erklingt ein dumpfer Ton, wenn die Eisen der mit Tüchern umwickelten Hufe gegen einen Stein stoßen.

In der Dunkelheit ahnt man eher emsige Geschäftigkeit, denn man sie sieht. Geschabe und leichtes Rumoren – als wenn schwere Gegenstände hin und her geladen werden. Das Keuchen von strapazierten Männerlungen verstärkt dieses Bild. Ab und zu glühen in hohlen Händen rote Pünktchen auf – wie Irrlichter im Moor erhellen sie für Sekunden ein körperloses Gesicht – wenn einer der Männer an seiner Papirossi zieht.

Katharina liegt indes in der mittleren Kutsche auf einem eigens für sie hergerichteten Lager. Ein riesiges braunes Bärenfell schützt sie vor der Kälte. Henrietta und Boris haben sich auf den gepolsterten Lederbänken eingerichtet. Henrietta – die rötlich-blonde mit der steifen weisen Schürze und dem kecken Häubchen – sie hat sich in eine andere verwandelt – ist auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen – ja, von Boris fast nicht zu unterscheiden.

Eng anliegende glatte, schwarze Lederkleidung – den leuchtenden roten Schopf unter einem dunklen Tuch verborgen.

Einzig ihre schwellenden Formen verraten die Weiblichkeit und lassen den Betrachter ein inneres Feuer ahnen. An diesem Feuer sich zu wärmen hat schon manch ein Mannsbild versucht – doch meist sind nur verbrannte Finger dabei herausgekommen.

Henrietta hat da nämlich so ihre eigenen Vorstellungen – und überhaupt sind ihre Gefühle seit einigen Jahren tief in ihrem Innern, wie in einem Tresor, fest eingeschlossen.

Einzig ein schöner Frauenkörper öffnet hin und wieder schon mal ein Ventil bei ihr.

Gregori – die erste Liebe nach ihrer einzigen großen Liebe – ist irgendwo in den sibirischen Weiten verschollen. Ihr eigener Vater hatte ihn dem KGB ausgeliefert. Aus falsch verstandener Elternliebe – und vielleicht auch, um seine Tochter zu strafen – um die Schande ihrer ersten Liebe auszumerzen. Wie er es selbstherrlich nannte. Obwohl es Schicksal war – und sie sich keiner Schuld bewußt. Gregori hat damals die Wunden in ihrer fast noch kindlichen Seele gepflegt. Wie hat es ihr gut getan, nur seine Worte streicheln zu fühlen. Wunderbar hat er es verstanden – hat sie nie bedrängt – bis ihr Körper bereit war zu neuer Liebe. Nur ihrem Vater war dieses Glück seiner Tochter nicht recht. Durch einen Wink seiner Worte verschwand Gregori eines Tages. Wie man in Rußland seit jeher verschwinden kann. Einfach so – als wenn man nie existiert hat. Nach Wochen in den Folterkellern der Lubljanka hat man ihren Liebsten deportiert, in den sibirischen Eiskeller – wo der Frost über siebenhundert Saschen tief in die Erde reicht. Soviel hat sie noch in Erfahrung bringen können, bevor sich seine Spuren im Nirgendwo verloren.

Dies falsche Tun – diese unbeugsame Härte ihres Vaters, und das Wissen um die Höllen der Folterkeller hat sie fast zerbrochen. Gregoris Vermächtnis – das Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug – hat man ihr genommen. Man hatte sie ihrer einzigen Hoffnung beraubt.

Sie wollte nicht mehr leben – nicht mehr leben in einer Welt, in der so etwas geschehen konnte. Ihren Sprungplatz von der Moskwa-Brücke hatte sie sich schon ausgesucht. Unzählige mal stand sie im Schatten der Brückenpfeiler – halb bereit zu springen, und halb sich am Leben festhaltend.

Bis ein unsichtbares Band sie auf ihrem täglichen Weg an die Moskwa – Brücke unter das schützende Dach einer unscheinbaren, alten kleinen Kirche führte.

Ein besonders heftiger Schneesturm – der kein Platz für Atemluft zwischen den eisigen Kristallen ließ – fegte an diesem frühen Februarabend durch die kahlen Betonschluchten.

Fast erdrückt von den trostlosen Plattenbauten einer Vorortwohnsiedlung hatte das Kreuz auf dem vergoldeten, leuchtendem Zwiebeltürmchen die Jahre überdauert – hatte allen Versuchen getrotzt, auch diese vierzig Meter im Geviert mit einem Wohnsilo zu belegen. Wie eine schützende Höhle im nackten Felsengewirr war ihr der, mit kleinen Kostbarkeiten vollgestopfte, Innenraum erschienen.

Die mächtige Gestalt eines Mannes – in das schwarze Ornat eines russischen Popen gewandet – kniete vor dem Altar. Aus dem Gestrüpp seiner Gesichtshaare leuchtete eine rötlich schimmernde Knollennase. All diese Eindrücke wurden weggewischt, wenn man in die Tiefen seiner Augen schaute – die die Farbe verwitterten Büffelleders hatten. Im Schein der flackernden, gelben Wachskerzen meinte man, die Sterne des Universums tanzen zu sehen – als wenn man die geraden Wege zum Herrgott schaute.

Väterchen Wassili, wie er sich nannte – und dem sie sich, aus einem inneren Zwang heraus in ihrer Not anvertraute, hat ihrem Willen zu Leben neue Kraft gegeben. Seit dieser Stunde besuchte sie täglich die kleine Kapelle – und mit jedem Tag wurde das Denken kleiner, ihr Leben von der Brücke zu werfen.

Väterchen Wassili hat sie in den Strauß der „Eisblumen“ eingebunden – einer Widerstandsbewegung, die selbst in den härtesten politischen Wintern überlebte. Damit hat er ihrem Leben wieder einen Sinn gegeben – und in Henrietta kreist aufs Neue die Hoffnung, auf der Suche durch die Zeit eines Tages die zweite Hälfte ihres Ich wiederzufinden.

Auf Väterchen Wassili wartete irgendwann in der politischen Umbruchzeit eine neue Aufgabe in Sankt Petersburg – Leningrad wie die Stadt zu der Zeit noch hieß. Deswegen wurde ihr Boris zur Seite gestellt. Zuerst wohl als Beschützer – doch diese Rolle hat er längst hinter sich gelassen. Henrietta entwickelte Fähigkeiten, die niemand in ihr vermutet hatte. Die Erinnerung an Mata Hari würde gegen sie verblassen – sagte einmal ein alter, erfahrener Hase, der im Untergrund grau geworden war.

Boris und Henrietta sind ein unschlagbares Gespann geworden – keine Konkurrenten, sondern vereint in der Hoffnung irgendwo, irgendwann ein Stück Frieden für Mütterchen Rußland zu finden. Seither sind die beiden in den schwierigsten Situationen Zuhause und in den vornehmsten Häusern Rußlands willkommen – gleich ob große Welt oder Halbwelt.

Boris ist von Jugend an durch alle Schulen gegangen – man hat ihn vieles gelehrt – diesem voller Ideale steckenden, wißbegierigen Jungen aus der Schicht der Ärmsten.

Die Sprachen der Welt bedeuteten für ihn keine Grenzen. Innerhalb kürzester Frist beherrschte er ein gutes Dutzend – genauer gesagt dreizehn – fließend und ohne Akzent. Fließend in gesprochenem und geschriebenem Wort. Die schönen Künste brachte man ihm nahe, und mit allen Schriftstellern der Weltliteratur – selbst mit den von der Partei verbotenen – durfte er sich beschäftigen.

Aber nicht nur das wurde ihm zuteil – nein, man lehrte ihn auch, geräuschlos und ohne Gefühle Menschen ins Jenseits zu befördern – hat versucht, aus ihm eine, der Partei blind gehorchende, Tötungsmaschine zu machen. Eine Zeitlang war es dem Dienst scheinbar gelungen – bis, ja bis Kollegen die Frau, die er über alles liebte, vor seinen Augen zu Tode folterten – und ihre Schreie ihm fast den Verstand raubten. Nur weil sie auf der anderen Seite der Ideologie stand.

In diesem Augenblick wurde etwas in ihm neu geboren – in diesem Augenblick zerbrach die Bindung an seine Lehrmeister.

Boris wurde von Stund an einer der gefährlichsten Widersacher des Apparates. Väterchen Wassili, der die Entwicklung des jungen Mannes über Jahre aufmerksam begleitete, nutzte dies Geschehen, seinen Großneffen an sich zu binden – als strahlende, alles Unrecht vernichtende Blüte im Strauß der „Eisblumen“. Wenn Henrietta und Boris in ein Geschehen eingebunden sind, ist es für die Eingeweihten ein Zeichen höchster Priorität. Niemand erteilt ihnen Anweisungen – keiner kritisiert ihr Tun. So auch diesmal.

 

Wie auf ein geheimes Kommando setzen sich die drei Kutschen gleichzeitig in Bewegung. Die schmale Sichel des abnehmenden Mondes ist im Westen hinter den Hügeln verschwunden. Die Männer auf den Kutschböcken an den Zügeln müssen katzengleiche Augen haben – wie sonst könnten sie die Gefährte sicher durch die morastigen, unkenntlichen Wege bringen.

Fleißige Hände und gutes Handwerk haben den Kutschen ihr Können angedeihen lassen – man hört kein Knarren und Quietschen. Einzig die gut gefetteten Federblätter stöhnen ab und zu verhalten vor sich hin – wenn ihnen im unwegsamen Gelände das letzte abverlangt wird. Moorgeistern gleich strebt die Kolonne unaufhaltsam der westlichen Küste zu. Durch die morgendliche Dunkelheit weht nur ein Schmatzen und Schmurgeln, wenn die Felgen der Räder in den morastigen Grund tauchen und ihn wieder verlassen – als wenn Wichtel und Geister lamentieren und sich über die Störung ihrer Ruhe beschweren.

Von Alexei ist die strikte Order erlassen worden, nicht zu rauchen. Die rotglühenden Punkte wären in der Dunkelheit saschenweit auszumachen. Eine Tatsache, deren Mißachtung in vielen Kriegen schon so manchem Soldaten das Leben gekostet hat.

Einzig ein kräftiger Zug vom klaren Wässerchen ist den Männern vor dem Aufbruch zugestanden worden – damit dem beißenden Ostwind besser begegnet werden kann. Nach einigen Werst hört das verhaltene Stöhnen der Federn auf – nur das dumpfe Trappeln der Pferdehufe klingt jetzt wie Trommelwirbel bei einer Parade. Man hat feste Wege erreicht. Während eines kurzen Halts werden die Hufe der Pferde von den die Töne dämpfenden Tüchern befreit – und in schlankem Trab zieht die kleine Kolonne nach Westen.

 

  Von alledem bekommt Katharina nicht das Geringste mit. In ihrem Empfinden dämmert es erst wieder, nachdem die Räder der Kutschen zum Stillstand gekommen sind, und Henrietta sie beherzt an den Schultern zurück in die Zeit rüttelt.

Von der fast vier Stunden währenden Fahrt – entlang des Ufers der Gauja, durch die sumpfigen Randgebiete des Nationalparks – hat sie nichts in sich aufgenommen.

Über die fernen Hügel im Nordosten blinzelt die fahle Wintersonne mit einem Auge auf die eisige Weite des Rigaer Meerbusen. Am südlichen Horizont ragen vereinzelt die Silhouetten großer Gebäude in den winterlich grauen Himmel. „Dort liegt Riga“ – hört sie Henrietta in ihr Denken hinein sagen – und: „wir müssen uns beeilen – man erwartet uns.“

Als sie aus der wohlig warmen Kutsche klettert, findet sie sich inmitten einer Ansammlung verlassen wirkender Holzhäuser wieder – in Steinwurfweite zum Strand, der wie die Fortsetzung der mit Eisschollen bepackten Wasserfläche aussieht.

Die Ansiedlung erweckt aber nur vordergründig den Anschein des Verlassenseins, denn aus einzelnen Kaminen kräuselt weißer Rauch in die klare Winterluft.

Ein Panjewagen – auf dem drei dick vermummte Gestalten hocken – rollt vom Flußufer auf die, aus grob behauenen Baumstämmen gezimmerten, Blockhäuser zu. Von einem zotteligen, langhaarigen Doppelpony gezogen, das – in dicke Schweißwolken gehüllt – sich redlich müht, den verwehten Hang hinauf zukommen. In der Flußmitte liegt, in einem schwarzen Streifen offenen Wassers, ein kleines knuffiges Boot. Ein leichtes, sinnliches Bubbern schwebt über die schneebedeckten Eisflächen – so, als wenn man nach schnellem Lauf sein eigenes Herz schlagen hört. Es ist die Schiffsmaschine, die das Boot beweglich hält – sagt Boris auf Katharinas horchenden Blick. Der erste Satz, den Kathinka von ihm hört – seit Valmiera. Schweigen hat bei den Eisblumen“ höheren Stellenwert denn Reden.

Vor dem Größten der winterlich vermummten Häuser kommen die Kutschen zum Stehen. Geschäftige Hände haben sie erwartet. Büschel von Stroh bewegen sich auf den dampfenden Pferderücken hin und her; um ihnen die Feuchte zu nehmen. Eine Remise – unter dem Schnee verborgen – nimmt anschließend die erschöpften Tiere auf. In der düsteren, wohligen Wärme warten gefüllte Hafersäcke auf die hungrigen Rösser.

 

  Ebenso herzlich und gemütlich geht im es Innern des Wohnhauses zu. Das ganze Gebäude scheint ein einziger Raum zu sein – dominiert von einem gewaltigen, gemauerten Ofen – das Herz eines jeden russischen Landhauses. Der intensive Duft von harzigen Kräutern nimmt Katharina fast den Atem und lähmt ihre Sinne. Verwundert bleibt ihr Blick am riesigen Tisch in der Mitte des Raumes haften – an der Stirnseite sitzt das alte Mütterchen, von dem sie auf dem verschneiten Bahnsteig von Aiizin bewirtet wurde.

Kathinka ist nicht fähig, auch nur einen Schritt zu gehen. Mit erstaunlicher Behendigkeit steht die Märchengestalt auf und kommt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Herzlich Willkommen – ich bin froh, sie unbeschadet hier zu sehen.“

Als wenn Urgroßmütterchen zu ihr spricht – wieder dieser singende, untergegangene russische Tonfall.

In Katharinas Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander – vermischen die Bilder ihrer bisherigen Reise – werden zu einem bunten Kaleidoskop.

Ivangorod – die alte, vornehme Dame – ihre unbekannte Reisebegleiterin bis Ivangorod. Der gleiche intensive Hauch des fremden Parfüms, der im Waggon zurückblieb, weht um ihre Nase. Gleichzeitig dringen Worte in ihr Ohr, die sie bis ins Mark erschauern lassen. „Hoffentlich hat mein Umhang ihnen gute Dienste geleistet – er hat mich schon oft auf winterlichen Fahrten vor Unbill geschützt.“

Mit geschlossenen Augen hat Katharina die Worte vernommen.

Als sie sich traut, um sich zublicken, steht vor ihr nicht mehr das alte Mütterchen aus der Bahnsteighütte, sondern die vornehme alte Dame, die in Ivangorod beim Aussteigen ihren Umhang hat liegen lassen, den sie jetzt wieder über ihren Schultern trägt. „Danke mein Kind, daß sie ihn für mich verwahrt haben“ – in dem sie das sagt, reicht sie Katharina die Hand – „ich wünsche ihnen eine gute Reise.“ Unvermittelt hängt sie sich bei Boris ein: „Komm mein Sohn, wir müssen gehen“und verläßt mit ihm schnellen Schrittes das schützende Dach. Minuten später entfernt sich mit leiser werdendem Brummen das knuffige kleine Boot, das bei ihrem Eintreffen in der offenen Wasserrinne lag.

Rätsel über Rätsel stürmen auf sie ein – ohne dass sie irgendwo auch nur ein Zipfelchen einer Lösung sieht.

 

  Im Handumdrehen füllt sich der Raum mit Menschen, die – sich um den Tisch scharend – alle einen Platz zum Sitzen suchen.

Aus den halbdunklen Seitengängen werden Schüsseln, Töpfe und Tiegel gereicht. Wohltuende Gerüche schweben wie betörender Nebel über die Köpfe der Menschen. Lustiges Gluckern macht sich im Hintergrund breit, als aus dicken, bauchigen Korbflaschen Wodka in tönerne Krüge gefüllt wird.

Langhälsige, schlanke, bräunlich-weiße Flaschen tauchen auf dem Tisch auf. Flaschen, in denen herbe oder süße Weine blinken – gekeltert aus des kurzen Sommers Früchten.

Eine Weile ist nichts zu hören, außer den Geräuschen von Menschen, die mit unverhohlenem Genuß essen und trinken. Friedvolle Stille macht sich danach breit – als wenn ein jeder seinem Bauch Gelegenheit gönnt, die Speisen zu genießen.

 

  Katharina erkennt ein Spiegelbild von dem Erleben, das ihr an ihrem letzten Abend zu Hause, in Sankt Petersburg, dargeboten wurde. Wie lange ist das schon her? Es scheint ihr eine Ewigkeit in den wenigen Tagen verborgen zu sein. Katharina fühlt sich auf eine besondere Weise eingehüllt in Zuneigung und Beschützen.

Ein jeder umsorgt sie – umhegt sie, und fragt beflissen nach ihrem Begehr. Was soll sie sich noch wünschen? Was soll sie noch begehren? Das einzige Begehren, das langsam in ihr hochsteigt – wie nach Rosen duftendes Wasser in einer großen Badewanne – kann sie hier nicht kundtun. Sie sehnt sich nach Henriettas zärtlichen Händen.

Von beiden Schenkeln aufwärts breitet sich ein Feuer in ihr aus – wird in den Lippen unter den krausen Löckchen ihrer Scham zu einem Flächenbrand – lodert mit unsichtbarer Flamme durch ihren Unterleib – erfaßt ihre Brüste und überzieht ihr Gesicht mit einer samtenen Röte. Es drängt sie mit unwiderstehlicher Kraft, ihre Hände an die Spalte des Vulkans zu führen – der in ihrem Inneren brodelt.

Traumbilder halten sie gefangen – gefühlte Traumbilder erwachter Weiblichkeit, die Katharina von Stund an begleiten werden – wie Sonnenstrahlen, die durch die aufreißenden Wolkenfelder eines bedeckten Himmels fallen.

 

  Gedämpfte Stimmen dringen von draußen in die einschläfernde warme Luft des großen Raumes – Stimmen, die irgendwelche Botschaften schnell durch die Zeit schicken. Leichtfüßig und flüchtig – wie die Schneefüchse, die Winters um die Hütten in Igarka strichen. Immer darauf bedacht, sich nicht greifen zu lassen. Ein buntes Geflecht von Lauten – zusammengefügt aus einem neueren Russisch, einem ungarisch anmutendem Finnisch und unterschiedlichen baltischen Dialekten. Ein Sprachenpaar überragt in Kathinkas Hören das akustische Gewirr – obwohl es an Lautstärke eigentlich das leiseste ist friesisches Deutsch tropft in die gemischte Palette – holt Gedanken an ihr eigenes Väterchen in die Gegenwart. Katharina ist sich nicht – noch nicht – bewußt, wie großen Anteil ihr Mütterchen an ihrem deutschen Denken hat.

  Im Nu hat sich das Bild gewandelt: Geschäftigkeit macht sich breit – jeder der Anwesenden strebt in eine andere Richtung – als wenn sie alle sich auf einer gemalten Karte befinden, deren Linien man folgt.

Um sieben Männer hat sich der Kreis vergrößert – als Katharina auf die Ostsee hinausschaut, sieht sie, woher sie gekommen sind. Dunkle Konturen am Rande des Eises vermitteln das Bild eines schnellen Schiffes.

Keine Positionslampen zeichnen den Schiffsrumpf – kein Wimpel zeigt die Herkunft – nur schattenhafte Umrisse sind zu erkennen. Beladene Schlitten tauchen aus der Remise auf – sorgfältig in wasserfestes Leinen verpacktes Gut befindet sich auf ihnen. Katharina möchte fragen, was da vor sich geht – doch eine innere Stimme mahnt sie, es nicht zu tun, sondern bloß schweigend zu beobachten.

 

  Im gleichen Augenblick ergreift jemand ihren Arm – es ist Henrietta, die sie mit leichtem Druck ihrer Hände in ein abseits stehendes kleines Häuschen dirigiert. Katharina läßt es geschehen – folgt Henrietta – ihr schon fast vorauseilend – wie von einem Magneten gezogen. Hinter den dicken Bohlenwänden erwartet sie ein Garten Eden ein Paradies von Versprechungen – alles was sich ein Mensch zum Verwöhnen seines Körpers vorstellen kann, ist vorhanden. Es fehlt ebensowenig eine Sauna wie ein mit Eiswasser gefülltes Becken. Eine große samtbezogene Massagebank rundet den vorderen Teil ab.

Katharina kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus – so etwas hat sie noch nicht gesehen – selbst nicht auf Bildern. Sowjetische Minister pflegten vor gar nicht langer Zeit hier noch ihre besonderen Beziehungen, erklärt Henrietta und geht auf eine – in der hinteren Wand verborgene – Tür zu, öffnet sie behutsam und vorsichtig – wie etwas sehr kostbares – als wenn sie befürchtet, Katharina unter den ungewohnten, überwältigenden Eindrücken zu ersticken. Die geöffnete Tür gibt den Blick in den Himmel frei. Ein runder Raum zeigt sich ihr, dessen Wände und Decke aus einem einzigen Spiegel mit unzähligen Facetten bestehen. Den Boden bilden wohlig warme, wunderbar weiche, dunkelbraune Bärenfelle. Die Mitte bildet eine – alle Sinne strapazierende – Insel. Eine Insel die alle Sehnsüchte – und Wünsche zugleich – erfüllend verheißt. Ein erhabenes Rondell – Bett zu sagen wäre wirklich zu profan – schießt es Kathinka bei aller Sprachlosigkeit doch durch den Kopf – ein erhabenes Rondell, mit leuchtend roter Seide bezogen, thront in der Mitte. Schneeweiße, wolkendicke Kissen strahlen wie Sterne. Wie um das Ganze noch zu steigern, zieht Henrietta an einer Schnur. Geisterhände bewegen einen Vorhang zur Seite – und geben den Blick auf eine traumhafte Badewelt frei. Eine, im gleichen Rot wie die Seidenbezüge gehaltene, Wanne mit goldenen Armaturen bietet sich Katharinas staunenden Blicken. In kleinen spiegelnden Nischen kristallene Karaffen mit duftenden Essenzen.

  Allein durch den Anblick dieser Kostbarkeiten zerfließt bei Katharina schon das Gefühl der winterlichen Weite – macht wohliger Erwartung Platz. Henrietta erscheint es nicht anders zu ergehen. Katharina spürt die Wärme, die von Henriettas Körper ausgeht, als diese leichten Fußes hinter sie getreten ist, und ihr mit verhaltener, aber vor Erregung zitternder Stimme: Wir haben noch zwei Stunden Zeit ins Ohr haucht.

Während Henrietta das Bad herrichtet, beginnt Katharina sich selbst auszukleiden. Mit jedem Handgriff – den sie im Spiegel verfolgt – dreht sich in ihr die Erwartung eine Windung höher. Als Henrietta sich ihr zuwendet – sie mit weichen Händen berührt – spürt Katharina, wie ohne jegliches Tun heiße Feuchte ihre pochende Scham netzt. Die wohltuende Wärme des Wassers läßt Katharina wieder für eine zeitlang in die Vergangenheit eintauchen – läßt Bilder in ihr lebendig werden, die sie, als sie diese Eindrücke aufgenommen, noch nicht begreifen konnte.

 

  Das dritte Jahr in Igarka ging zu Ende – ein Jahr nach dem Tode ihres Väterchens. Ein strahlender, sommerlicher Sonntagmorgen. Sie hatten sich alle eingerichtet – in diesem höllischen Paradies – so gut es ging.

Sie – Kathinka – war gerade zwölf geworden. Alle, die gezwungener Maßen im Lager ihr Zuhause hatten, waren zur sonntäglichen, stillen Andacht bei den Germanskis versammelt. Die Treffpunkte wechselten von mal zu mal. Eine Maßnahme, die sich aus den Anfangszeiten gehalten hatte. Diese Vorsicht war eigentlich nicht mehr nötig – ein jeder in der Wachmannschaft wußte von den Zusammenkünften – ja, ab und an nahm der eine oder andere Wächter sogar daran teil.

 Bloß Mamuschka war an diesem Sonntag in der kleinen Hütte geblieben – in dem kleinen Raum, der seit fast tausend Tagen ihr kümmerliches Zuhause war. Raum zum wohnen, Raum zum essen, Raum zum waschen, Raum zum schlafen – und – ja, Raum zum lieben wohl auch. Nur von der Liebe – von der Liebe zwischen Mann und Frau – hatte Katharina noch nicht viel mitbekommen. Im Grunde genommen gar nichts.

Daheim, in Sankt Petersburg, lagen die Schlafräume der Eltern flügelweit von denen der Kinder entfernt – sodaß kein zufälliges Hören oder Sehen Kinderohren und -augen erreichen konnte. Und außerhalb der Schlafräume schickte sich „so etwas nicht.

Anders dagegen hier in Igarka wo sich das „Leben“ auf engstem Raum abspielte – da bekamen die Kinder schon mit, wenn die Lustgefühle bei den älteren durch ihr Handeln ein Gesicht bekamen – Gestalt annahmen – wenn sich ein Väterchen schnaufend zur Seite rollte, nachdem er mit komischen Bewegungen auf der Mamuschka gelegen hatte. Wobei der Mamuschka – was allerdings nicht allzu häufig vorkam – kleine, spitze Schreie aus der Kehle rutschten. Kathinka war das alles unbekannt – ihr Väterchen war als ein menschliches Wrack in Sibirien angekommen. Mamuschka hat ihn zwei lange Jahre aufopfernd gepflegt. Da hat kein Verlangen sich mehr gezeigt – bestimmt nicht bei ihrem Väterchen – und – wenigstens nicht sichtbar – bei ihrer Mamuschka.

Anfangs des letzten Winters hatten sie ihr Väterchen begraben – auf dem Friedhof. Die Germanskis verstanden es durchzusetzen, einen kleinen Friedhof anlegen zu dürfen – auf dem sie Spätsommers Löcher gruben – für die Wintertoten. Gräber auf Vorrat, sozusagen. Man hatte sich in den Jahrzehnten arrangiert – nicht nur mit den Siegern – nein, auch mit der Natur. Sogar Blutsbande liefen schon hin und her.

Schon gleich nach Errichtung der Lager hatte mancher berockte russische Offizier mehr Interesse an einem zwar ausgemergelten, aber zärtlichem deutschen Götterstab gezeigt, als an manchmal grobschlächtigen russischen Knüppeln. Und da Weib Weib ist – gleich, ob in der gepflegten Uniform eines Sanitätsoffiziers oder im groben Kittel einer Küchenmagd – haben auch die Frauen in den nachfolgenden weiblichen Brigaden – die für den wirtschaftlichen Betrieb der entstehenden Siedlungen benötigt wurden – die ausgehungerte Zärtlichkeit und das Liebes- und Lebensbedürfnis der Germanskis genossen.

Anfangs im geheimen – immer die eifersüchtigen Augen des russischen Wachpersonals fürchtend – immer neben der Erfüllung des körperlichen Begehrens die Angst vor drakonischer Bestrafung im Kopf.

Jedoch – die Zahl der Bewacher wurde ständig kleiner – und die Arbeitsleistungen der Bewachten in gleichem Maße größer. Auch die Zahl der Bewohner stieg stetig. Denn wo soviel Liebe gesät wird, da bleibt selbst unter schlechtesten Wachstumsbedingungen die Ernte nicht aus – Kinderchen erblickten das Licht der Welt – ihre Schreie machten die Abgeschiedenheit in den Weiten der Tundra erträglicher. Sie stimmten auch die Herzen der Bewacher milder – denn welche echte russische Seele liebt keine Kinder?

 

  Kathinkas Mamuschka war voller Trauer durch den Winter gegangen – wie eine Blume in der Kälte erstarrt. Eingangs des Frühlings heiterte sie auf – scherzte auch schon hin und wieder mit fröhlichem Gesicht. Besonders vergnügt wirkte Mamuschka, wenn es auf den vierten Sonntag zuging.

Alle vier Sonntage holte ein gestandenes Mannsbild – Andrei wurde er gerufen, seinen vollen Namen kannte hier niemand – mit einem ausgedienten, rappeligen Armeelastwagen die Produkte ab, die die Menschen im Lager mit ihren Händen fertigten.

Bei Mamuschka in der Hütte trank er stets einen heißen Tee – und während Mamuschka ihm dabei wortlos zusah, konnte man die Sonne des Sommers aus ihren Augen strahlen sehen.

Alte Melodien summte sie vor sich hin – leichte und heitere, wenn der vierte Sonntag nahte – melancholische und schwermütige, wenn der alte Armeelastwagen die Siedlung wieder verlassen hatte. Kathinka spürte, daß irgendetwas mit ihrer Mamuschka geschehen war – irgendetwas in ihr war wieder lebendig geworden.

Heute morgen war sie daheim geblieben, verzichtete auf das Miteinander im Zeichen des Kreuzes versammelt sein.

Kathinka tollte mit den Nachbarskindern schon in der Frühe barfüßig durch die blühende Heide und sammelte blitzende Steine im kleinen, springenden Bächlein. Steine, auf denen die Mütter lustige Gesichter malten – und die dann irgendwo auf den Märkten verkauft wurden. Anschließend saß Kathinka – wie stets Sonntags inmitten der andächtig versammelten Menschen, und lutschte – wie die anderen Kinder auch – auf ihrem Honigfinger. Es war die Zeit des stillen Gebetes – die Zeit der Psalmen.

Eines aber war anders an diesem Morgen – es fehlte ihr Mamuschkas Hand – die Wärme und das stille Drücken – wie ein Zwiegespräch zwischen ihrer beider Seelen.

Als es dann in der Gemeinschaft laut wurde, der Samowar zu singen begann, und das Wässerchen schluckweise die Runde machte, hat sie sich, unbemerkt von den anderen, auf den Weg nach Hause gemacht.

Auf dem Platz vor der Hütte stand der alte, klapperige Armeelastwagen. Kathinka wollte ihrer Mamuschka sagen, daß Andrei im Dorf sei – weil, in ihrem Inneren wußte sie, daß Andrei der Grund für Mamuschkas Freude war. Sie trat leise ins Haus – zog die Tür hinter sich zu – und blieb wie angewurzelt an der Wand stehen.

Vor dem flackernden, offenen Herdfeuer sah sie zwei in sich verschlungene Leiber – eine Komposition von Farbe und Form, wie sie nur die Natur schaffen kann. Andreis gebräunter, schweißglänzender Körper und Mamuschka’s wie Perlen schimmernde, schwellende Formen, vereinigt zu einem Bild, das ständig die Konturen wechselte. Mamuschkas – jetzt offenes langes Haar – schwebte wie ein Schleier um Andreji’s Kopf, wenn er mit den Lippen ihre Brustwarzen liebkoste.

Katharina stand regungslos an der Wand – ihre zitternden Hände hielt sie auf ihre keimenden Brüste gepreßt. Was sie da sah, war ihr wohl unbekannt – aber nicht fremd. Es war ihr, als wenn ein schlummerndes Bild in ihr plötzlich Farbe bekäme – sie sah, was da entstand – kannte aber den Maler noch nicht.

Die beiden sich liebenden hatten sie gar nicht wahrgenommen – zu sehr waren sie miteinander beschäftigt – mit sich und ihrem heißen Verlangen.

So verließ Katharina leise die Hütte. Die nächste Stunde verbrachte sie am Ufer des kleinen Baches, mit den nackten Füßen im kalten, plätschernden Wasser, und versuchte Ordnung in die neuen Gefühle zu bringen.

Als sie um die Mittagsstunde zur Hütte zurückkehrte war der alte, klapprige Militärlastwagen verschwunden. Und mit ihm Andrei – zurück gelassen hatte er zwei Seelen, in denen neues – anderes Leben eingekehrt war.

Nicht bloß Kathinka – auch ihre Mamuschka war eine andere geworden. Wie eine Blüte, die frisches Wasser bekommen hatte, wirkte sie. Wortlos nahm sie ihr Töchterchen in die Arme – streichelte ihr zärtlich übers Haar. Ein besonderer Duft – den Katharina noch nie wahrgenommen hatte – ging von Mamuschka aus – ließ sie innerlich erzittern – führte sie auf eine neue Stufe in ihrem Leben.

 

  Der Wohnplatz der Verbannten war kein Lager mehr, wie sie in den ersten Zeiten eingerichtet wurden – der Stacheldraht und die unüberwindlichen Zäune waren verschwunden – die sibirische Weite war der natürliche Zaun. Da überlegte es sich ein jeder wohl hundertmal und mehr, ob er es wagen sollte zu fliehen – zumal viele schon Familie hatten.

In den ersten Jahren war es sicher vorgekommen, daß hin und wieder jemand den Versuch unternommen. Wenn aber die Hunde sie nicht aufgespürt hatten, waren sie in der Unendlichkeit verloren gegangen. Kaum jemand erreichte sein erträumtes Ziel – vielleicht war es gut so, denn am Ende ihrer Träume hätte die allermeisten große Enttäuschung erwartet. Auch dort hatte die Zeit andere Bilder gemalt, wie die einst versprochenen.

 

  Nachdem Katharina zwischen den wolkendicken weißen Kissen mit Henrietta eine Stunde der höchsten Wonnen erlebt hat, steht sie nun – wieder in praktische Reisekleidung gehüllt – im Vorraum zum Paradies. Ein junger Mann – Kathinka schätzte ihn auf höchstens siebzehn Lenze – überbrachte Matilda die Mitteilung, die Vorräte aus Popazi seien eingetroffen. Offenbar bedeutete dies das Zeichen zum Aufbruch, denn Henrietta faßte Katharina leicht unter, und strebte mit ihr eiligst einem Schlitten zu, der sich ohne Zögern in Bewegung setzte. Als wenn man auf sie gewartet hätte, ging die Fahrt in schlankem Trab auf den Strand zu – man machte erst Halt am Rande der glitzernden Eisfläche.

Das Wasser der Ostsee gluckste mit kleinen, blinkernden Wellen an der bizarren Abbruchkante – die durch den stählernen Bug des Eisbrechers entstanden war. Über einen schmalen, provisorischen Steg gelangten sie – von kräftigen Männerhänden dirigiert – an Bord des Schiffes. Nur schemenhaft waren die grauen Aufbauten zu erkennen.

Mit sicherem Gespür lief Henrietta vor ihr her – und in wenigen Sekunden befanden sie sich unter Deck. Hier erinnerte nichts mehr an Dunkelheit und Kälte – zwar war es eng in den Ausmaßen – aber urgemütlich in der Ausstattung.

„Der Kapitän hat uns seine Kajüte überlassen – bis wir am Ziel sind. Keine Angst, es wird uns an nichts fehlen.“ Als wenn Henrietta Katharina beruhigen – ihr das Unbehagen vor dem unbekannten Wasser nehmen will, spricht sie mit leiser Stimme auf sie ein. „Wir werden heute Nacht übersetzen nach Gotland – Ronehamn ist unser Ziel für diese Nacht.“ Während sie den Samowar mit Wasser füllt, fährt sie beiläufig fort: „In Schweden warten noch zwei Passagiere auf uns. Wir dürfen erst zu einer bestimmten Zeit in Baltijsk sein. Katharina hofft noch auf ein mehr an Informationen, aber Henrietta schweigt beharrlich.

Katharina weiß zwar, daß Baltijsk wie ein Wachhund an der schmalen Einfahrt in das Frische Haff gelegen ist, kann sich aber auf das ganze Geschehen keinen rechten Reim machen. Bevor sie nachfragen kann, klopft es, und vier Männer betreten nach Henriettas Aufforderung die warme Kajüte.

Alexei und Pjotr kennt Katharina – die anderen beiden werden ihr als Hans und Björn vorgestellt. Hans scheint der Kapitän des Schiffes zu sein – er sagt es zwar nicht, aber seine vertrauten Gebärden verraten Katharina die Wohngewohnheiten eines Mannes in seiner täglichen Umgebung.

Mit vollendeten Manieren wird Katharina von den, ihr – nur mit ihren Vornamen – vorgestellten Männern begrüßt. Wobei sie sich nicht einmal sicher ist, daß es die richtigen sind. Kein Wort fällt über ihre eigene Identität – auch keine Frage nach dem Woher und Wohin wird während der kurzen Teepause an sie gerichtet. Ihre Anwesenheit wird einfach schweigend akzeptiert – als Bestandteil der geschäftlichen Verträge. Der Kartentisch an der Stirnwand – mit blitzenden Instrumenten ausgestattet – fesselt die Männer in der nächsten halben Stunde. Katharina spürt förmlich die Anspannung, die auf ihnen allen lastet. Leises, fast unmerkliches Brummen ist für Hans und Björn das Zeichen, den Salon zu verlassen. Man muß ablegen – und dazu müssen Kapitän und Steuermann auf der Brücke sein. Auf ihr Bitten nehmen sie Katharina mit nach oben.

In diesem, mit neuester Technik vollgepackten, Teil des Schiffes umfängt sie eine besondere Atmosphäre. Im abgedunkelten Steuerstand blinken hunderte bunte Lichter – jedes hat seine eigene Bedeutung – jedes zeigt die reibungslose Funktion – oder auch Störung – eines bestimmten Gerätes an. Äußerste Konzentration merkt man den Männern an.

Katharina hat sich in den ihr angebotenen Sessel gekuschelt. Mit untergeschlagenen Beinen verfolgt sie fasziniert die aufblinkenden Punkte auf dem Radarschirm. Äußerst verstohlen, aber ebenso fasziniert verfolgt Hans – der Kapitän – jede ihrer Bewegungen. Ihre – mit feinen Härchen bedeckten, wohlgeformten Beine – haben es ihm besonders angetan. Er weiß auch nicht warum – aber dieser Anblick rührt eine unbekannte Seite in ihm an. Katharina – du geheimnisvolle Blume.

Katharina selbst ahnt noch nichts von den Wirren in des Kapitäns Gefühlen. Ihr ist es ein Rätsel, wie der Steuermann nach diesen Zeichen das Schiff sicher führen kann – sie weiß nicht, daß der Hohlkörper, in dem sie sich befindet, sich selber führt. Das es so etwas gibt, davon hat sie wohl schon gelesen, hält es aber immer noch für Versuchsobjekte.

Hans – offenbar der kompetente Wortführer – erklärt ihr ohne viel Fachchinesisch die Bedeutung der Striche, Linien und Punkte. Zwei große blitzende Lichter fallen ihr besonders auf. „Das eine“, hört sie von Hans, „ist die unbewohnte Insel Ruhnu Saar – mitten in der Rigaer Bucht.

Zu Zeiten der Sowjets militärisches Sperrgebiet – ein Horchposten der Roten Armee. Seit dem Abzug der Eliteeinheiten ergreift die Natur wieder Besitz von dem Eiland.“

Die Insel zu betreten würde er allerdings jedem abraten. Die neuen Besitzer haben nämlich die freundlichen Hinterlassenschaften der russischen Brüder noch nicht beseitigt – der felsige Hügel im Rigaer Meerbusen ist hochgradig vermint. Man sieht und hört es an den Detonationen, wenn Tiere vom Festland auf den einsamen Flecken Erde wechseln.

Das zweite, größere, blitzende Licht ist die Fähre von Stockholm nach Riga – es bewegt sich langsam ostwärts. Wir werden solange im Schatten von Ruhnu Saar bleiben, bis die Fähre außer Sichtweite ist.“

Er macht eine kleine Pause, bevor er leicht spöttisch hinzufügt: „Mit den baltischen Fähren würde ich nicht einmal meine Schwiegermutter fahren lassen – wenn ich denn eine hätte. Eine Grabstelle an Land gönnte ich ihr schon.“ Dabei widmet er sich intensiv den Blättern auf dem Kartentisch – vergleicht Daten und macht Notizen. Dann wendet er sich wieder Katharina zu, und fährt fort – als wenn er weiß, was sie fragen wollte: „Das mit der Schwiegermutter vorhin war nicht so gemeint – bloß, die Reeder und Kapitäne der baltischen Fähren lassen so manchesmal die nötige Sorgfalt vermissen.“

Auf Katharinas Vorhalten, die anderen Schiffsführungen könnten sie doch ebensogut ausmachen, antwortet Hans mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel: „Wir brauchen kein Radar zu fürchten – man kann uns nicht orten – wir haben uns eine Erfindung der Amerikaner zu eigen gemacht, sodaß unser Schiff von Radarstrahlen nicht erfaßt wird. Mit einem anderen Gerät sind wir wohl auszumachen – aber das ist im Ostseebereich nicht im Einsatz – noch nicht– und leise fügt er hinzu: „solange können wir ziemlich gefahrlos unseren Geschäften nach gehen – wenn wir nicht direkt gesehen werden.“

Er wendet sich wieder dem Radarschirm zu – stopft sich eine kurze Stummelpfeife – setzt sie mit einem Sturmfeuerzeug in Brand – und unterhält sich leise mit Björn, der dann und wann einen der leuchtenden Knöpfe bedient.

Das Sturmfeuerzeug ist ihr aufgefallen – solche Sturmfeuerzeuge gab es auch in Igarka. Entweder hatten die Germanskis selbst noch eines – oder sie waren kostbarer Besitz der Wachen und stammten von deutschen Soldaten – immer und überall funktionsfähig.

In einer kleinen Fabrik im Bergischen Land – in Solingen – waren sie gefertigt worden. KW – stand in verschnörkelten Lettern auf jedem Feuerzeug Karl Wieden.

Als Tauschobjekte standen sie ganz oben an. Sogar Maschinengewehre rangierten niedriger – Maschinengewehre konnte man sich aus den Depots besorgen – Sturmfeuerzeuge nicht. Das Anhängen der Kriegsvergessenen war sogar soweit gegangen – einige hatten ihre Kinder damit als Vornamen bedacht. Es klang schon seltsam – Karl Wieden Karpuschin. Aber es gab viele seltsame Dinge in den riesigen Weiten der Tundra. Und nun sah sie in den Händen des Käpt’ns ein solches Feuerzeug.

 

  Über die Reise in die Vergangenheit ist sie eingeschlummert. Leichtes Schaukeln und verhaltenes Schlagen der Wellen am Schiffsrumpf haben sie in die Gegenwart zurückgeholt.

Das Schiff hat wieder Fahrt aufgenommen. Voraus blinken zwei Lichter – „rechts das Feuer von Säärne – linker Hand streut der Leuchtturm von Koltas sein Zeichen über die Meerenge“, klärt Hans sie auf. „Wir halten dicht unter Säärne auf die Ostsee hinaus – in einem weiten Bogen nach Gotland hinüber. Wenn wir erst einmal unter der schwedischen Küste sind, kann uns nichts mehr passieren.“ In Katharinas fragendes Gesicht hinein fügt er erläuternd hinzu. „Die schwedische Küstenwacht kennt uns – als Geschäftspartner.“

Als wenn er schon zuviel gesagt hätte, schweigt er abrupt, als Björn die Brücke betritt. Nach einer Weile der Stille – die fast greifbar in dem kleinen Raum hängt – kommt ein gepreßtes: „Sie gehen jetzt besser in den Salon hinunter – ich werd’ sie begleitenund an Björn gewandt: übernehm’ du mal das Ruder!“

Er faßt Katharina mit leichtem Griff unter, und bugsiert sie auf den Gang hinaus. In der Enge des Niederganges spürt sie die Wärme seines Körpers – sie meint seinen Herzschlag zu hören, der mit dem Riechen seiner Nähe in sie eingeht. Dabei ist es ihr eigenes Herz, das plötzlich Kapriolen schlägt. Sie meint, seine Blicke wie zärtliche Fingerspitzen ihren Rücken hinunterlaufen zu fühlen. Kleine, flinke Schweißtropfen rinnen wie Perlen zwischen ihren Brüsten hindurch. Die Nippel auf den schwellenden Hügeln drängen, hart wie Stein und heiß wie die sibirische Mitsommersonne, durch den Stoff ihrer Bluse.

Plötzlich weiß sie um die Veränderung ihrer Mamuschka – damals, vor dem offenen Feuer in der Hütte in Igarka. Die Rundungen ihrer Brüste wollen alles Maß sprengen – bei jedem Schritt fühlt sie heiße Feuchte zwischen ihren Schenkeln – jede Faser ihres glühenden Körpers schreit: nimm mich, nimm mich – du großer, starker Büffel.

„Kommen Sie – wir müssen weiter“ – die Stimme von Hans hört sich an, als wenn man mit einem Holz über rostiges Eisen schabt.

Katharina hat nicht bemerkt, daß sie stehen geblieben ist – das einzige was sie fühlt, ist seine harte Männlichkeit an ihrer Hüfte – und unversehens seine heißen Lippen auf den Ihren. Sekunden nur dauert dieser Kuß – und doch hat sie sich in diesem einen Kuß verloren – meint, eine lodernde Flamme in sich zu haben.

Hans trägt sie, mehr als sie geht, in den Salon, legt sie behutsam auf das Kanapee – und läßt sie mit Henrietta allein.

Auf dem Gang vor dem Salon muß er erst einmal innehalten – in seinem Kopf drehen sich Mühlenflügel – was ist ihm geschehen – ihm, der doch sonst keinen Draht zum weiblichen Geschlecht hat. Er bewegt sich lieber in Männergesellschaft.

Während seiner Schulzeit auf dem Gymnasium in Jever wurde er wegen seiner reservierten Haltung Mädchen gegenüber schon mit gewissen Zweifeln betrachtet – ein Bauernjunge ist kein Kerl, wenn er nicht hinter Weiberröcken her ist. Dabei hat er sich nie als Bauernjunge gefühlt – der Bauernjunge aus Wassens – der hier zwischen den Mächten der Welt im Niemandsland der Ostsee seinen Geschäften nachgeht. Geschäfte, von denen daheim in Wassens keiner etwas ahnt. Seine Eltern sind stolz auf ihren einzigen Sohn, der als Eigner und Kapitän eines Versorgungsschiffes in skandinavischen Gewässern kreuzt. Naja – so ganz daneben ist es schließlich nicht – wenn man einmal von seinen Auftraggebern absieht. Aber davon wissen sie nichts. Ganz gewiß hätten seine Eltern gerne eine Schwiegertochter und Enkelkinder gehabt – aber ihr Sohn war nun einmal mit der See und seinem Schiff verheiratet. Anders wollten Hans und Frida Gronewold – die einfachen Leute aus dem Jeverland – es nicht sehen. Und so war es ja wohl auch – oder fast so.

Nicht das er schwul ist – er hat noch nie was mit einem Mann gehabt – aber Frauen – Frauen waren ihm bisher immer fremd geblieben – nicht aus seiner Welt.

Und nun wird ihm dieses Mädchen auf sein Schiff geschickt – dieses, ihm völlig unbekannte weibliche Wesen. Von irgendwoher aus den Weiten Rußlands kommend – entzündet ein Feuer in ihm, daß er sich selbst nicht mehr erkennt.

Er muß erst an die frische Luft. Als wenn der Leibhaftige hinter ihm her ist, hastet er den Niedergang hinauf – hinaus auf Deck. Die eisige Luft schlägt ihm wie mit Flammenzungen entgegen. Aus dem Schiffsinnern dringt kein Lichtschimmer. Man kann wohl von innen hinaus sehen – jedoch von Außen nicht ins Innere.

Hier ist er ganz allein – er wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den konturlosen Decksaufbauten – verstößt gegen sein eigenes Gesetz, nach dem während eines Einsatzes niemand sich draußen aufhalten darf – zündet sich sogar eine Pfeife an – und wird prompt von den schiffseigenen Sicherheitssystemen geortet. Er ist in eine der unsichtbaren Schranken geraten.

Schlagartig setzt das leise Rumoren des Schiffdiesels aus – den Antrieb übernehmen automatisch zwei starke Elektromotoren. Unter Deck erlöschen sämtliche Lichter – das Zeichen für die Besatzung, ihre Nachtsichtbrillen herunter zu klappen. Wenn Henrietta nicht, einer inneren Eingebung gehorchend, dem Käpt’n gefolgt wäre – seine eigenen Sicherheitseinrichtungen hätten ihn liquidiert. Glück für Hans, daß Björn – von Henrietta alarmiert – noch rechtzeitig den roten Hebel aktivieren konnte, der den Abwehrmechanismus außer Betrieb setzte.

In dem Moment, als die Schiffsdiesel aussetzten, setzte bei Hans der Verstand wieder ein – und nun wundert er sich, daß er – noch lebendig – auf der Brücke steht.

Niemand von den anderen fünf Männern der Besatzung hat etwas von dem Anlaß des ausgelösten Alarms mitbekommen, und nimmt des Steuermanns Hinweis auf einen Probealarm zufrieden zur Kenntnis.

Ausgenommen Björn und Henrietta machen sich so ihre eigenen Gedanken, wie einem durch kein Ereignis zu erschütterndem, erfahrenem Kapitän wie Hans, so etwas passieren konnte. Das Schweigen zwischen den drei Menschen auf der Brücke ist so dick, daß es ihnen bald die Luft abdrückt – bis Hans selbst es, mit fast geflüsterten Worten, zerschneidet: „Ich hab nie begriffen was mein Großvater meinte, wenn er auf seine derbe Art sagte: Wenn bi een Kerl de Steert steit – is sien Verstand in’n Mors – jetzt weiß ich es!“

Mit sparsamen Worten – in große Pausen eingepackt – erzählt er den beiden von seinen Gefühlen. Er muß es tun, denn jedermanns Wohl und Wehe hängt von der Berechenbarkeit des jeweils anderen ab. Bis auf das Leben auf der Brücke ist während der nächsten Stunden im Schiff alles ruhig. Ein Mann wird eigentlich nur hier oben benötigt – zur Überwachung der Instrumente – oder um negative Folgen von ungewöhnlichen Ereignissen zu verhindern. Wie vor ein paar Stunden geschehen.

Das Schiff lebt im wesentlichen ein Eigenleben – einer der Konstrukteure hat einmal gesagt: „Hans, dein Schiff hat keinen Computer – dein Schiff ist ein Computer.“

Der Wachhabende muß allerdings alle dreißig Sekunden einen Schalter betätigen – sonst ist zehn Sekunden später die gesamte Mannschaft mobil.

  Nachdem die Bilder klar waren, hat Henrietta den Käpt’n in die Koje geschickt. Ein Mittelchen aus ihrer Waffenkammer – wie sie ihr Spezialköfferchen nennt, würde ihm helfen, seine Gefühle am Band zu halten. Wenigstens bis zum Ende der Operation. Katharina sollte ruhig alles ausleben – da würde sie, Henrietta, schon die Spur halten. Denn so ein bißchen für Körper und Herz braucht sie auch – und Katharina konnte noch viel von ihr lernen.

 

  In weitem Bogen pflügt das Schiff ohne Namen durch die Ostseestrebt unaufhaltsam den schwedischen Hoheits-Gewässern zu, um unter der schwedischen Küste entlang – östlich an Gotland vorbei – Ronehamn im Süden der Insel zu erreichen.

Der Morgen graut schon, als im grieseligen Schneetreiben der namenlose Panther an einem Steg außerhalb des Ortes festmacht. Von einem Schneemobil, das im Schatten eines großen hölzernen Schuppens abgestellt ist, lösen sich zwei dickvermummte Gestalten, betreten das Schiff – und verschwinden auf der Brücke im Inneren. Das alles ist ohne einen Laut geschehen – wie in einem Stummfilm der frühen Kinogeschichte.

Nach gut einer Stunde verlassen die tapsigen Gestalten wieder das Schiff – das Raupenfahrzeug setzt sich in Bewegung und verschwindet – Kaskaden von aufgewirbeltem Pulverschnee hinter sich lassend – in den Hügeln des Hinterlandes.

Den ganzen Tag über tut sich nichts – der graue Panther liegt wie ein Teil der Landschaft am Steg. Die einzige Bewegung sind die sich drehenden Flügel der gotländischen Windmühlen, die am Horizont auszumachen sind. Bevor die hereinbrechende Dunkelheit am frühen Nachmittag die letzte Sicht nimmt, kommt Leben in das Bild.

Ein kleines Sportflugzeug, mit Schwimmern ausgerüstet, setzt von See her zur Landung an – wird an den Steg verholt – und zwei Passagiere des flinken Fliegers wechseln auf das Boot. Eine längliche Kiste geht den entgegengesetzten Weg – und in wenigen Minuten ist die kleine Hummel wieder im tiefverhangenen Himmel über der Ostsee verschwunden.

Kurze Zeit später liegt auch der graue Panther nicht mehr am Steg vertäut – sein Bug zeigt geradewegs nach Süden – hält Kurs auf die russische Enklave zwischen Masuren und Litauen – auf den Bezirk Kaliningrad – in Katharinas Denken immer noch Königsberg.

Baltijsk auf der Frischen Nehrung ist ihr Ziel. Pillau, das alte deutsche Städtchen, an dem vorbei sich das Wasser der Pregel mit den Fluten der Danziger Bucht vereint – schiebt Katharinas Geschichtswissen dazwischen. Vertraute in Baltijsk sorgen dafür, daß sie unbehelligt die schmale Durchfahrt in das Frische Haff passieren können – aber nur zu einer genau bestimmten Zeit in der Nacht. Darum läuft der schnittige Schiffsrumpf auch nur mit verhaltener Kraft südwärts.

In Kaliningrad ist die russische Armee noch ziemlich gut auf Draht, denn das Vertrauen in die polnischen Nachbarn steht auch nur noch auf tönernen Füßen – die Welle des westlichen Einflusses schwappt immer weiter nach Osten – entzieht sich der Kontrolle des Kreml – und Kaliningrad ist weit von Moskau entfernt.

 

  Ein rotes Lämpchen blinkt über der Tür im Salon auf. Nach einigen Sekunden ertönt ein heller Pfeifton – dem sogleich die Stimme des Kapitäns folgt: „Wir kommen in Kürze in schwere See – ein Wirbelsturmausläufer nähert sich von Westen unserer Position – bitte im Schiff alle beweglichen Gegenstände sichern!“

Sachlich und emotionslos schwingen die Sätze aus den Lautsprechern. Nicht die Spur einer Idee ist mehr zu spüren von den Gefühlsbildern, die ihn vor wenigen Stunden noch fast zerrissen hätten. Eiserne seemännische Disziplin – und sicherlich auch ein wenig Matildas Mittelchen – haben das bewirkt.

Man bemerkt im Schiffsinneren schon ein leichtes Schlagen, wenn die querab anrollenden Wellen sich unter den Stabilisatoren brechen. Katharina fühlt sich nicht ganz wohl in ihrer Haut – es ist zwar nicht ihr erster Aufenthalt auf einem Schiff, aber ihre seefahrerischen Eindrücke beschränken sich auf kleinere Ausflugsfahrten auf der Newamündung. Henrietta versucht – mit Erfolg – beruhigend auf sie einzuwirken. „Auf diesem Schiff – und mit diesem Kapitän – sind wir so sicher wie in Abrahams Schoß. Da könnte selbst der Teufel um uns herum tanzen – diesem Schiff ist nichts anzuhaben. Das einzige was passieren wird – ihnen wird wohl speiübel werden.“ Rosige Aussichten für Katharina – deren Magen sich schon drehte, wenn sie zu Hause im Garten auf der großen Schaukel dem Himmel entgegenflog. Die Bewegungen des Schiffskörpers werden rollender – man kann im Inneren des Schiffes körperlich die Wellenhöhen draußen verfolgen.

Der Steuermann hat den Kurs geändert. Der schnittige Bug des Schiffes läuft jetzt im rechten Winkel gegen die Dünung – zerteilt die heran donnernden Brecher wie ein scharfes Messer. Der graue Panther ist oft nicht mehr auszumachen – als wenn er ein Teil der aufgewühlten Ostsee ist.

 

  Auf der Brücke herrscht konzentrierte Stille – von der tobenden See und dem infernalisch heulenden Sturm ist hier nichts zu vernehmen. Schiffbau- und Sicherheitstechnik in perfekter Vollendung.

Der Radarschirm zeigt quer voraus drei helle Punkte – einen größeren und zwei kleinere – fünf Seemeilen südwestlich ihres Standortes. Flatternde Funksignale lösen sich abgehackt aus den Geräten.

S O S . . . S O S . . . S O S . . ! Rettet unsere Seelen – piept es unaufhörlich durch den Äther!

Die Kennung zeigt, daß es sich um ein russisches Flottillenboot handelt, daß wohl in schwerer See von der Besatzung aufgegeben worden ist. Die beiden kleineren Punkte scheinen die Rettungsinseln mit der Besatzung zu sein.

„Tut mir leid Kameraden – aber uns gibt es nicht“ während er diesen Satz leise vor sich hin murmelt, ändert Björn – der das Ruder bedient – den Kurs.

Die See läuft jetzt seitlich auf – schmeißt das Schiff wie einen Spielball hin und her – es krängt manchmal um neunzig Grad – es ist schon eine höllische Fahrt – aber er muß sie aus der Schußlinie bringen.

Am Rande des Schirms tauchen kleinere Lichtpunkte auf – ein Rudel russischer Einheiten, die ihrem, in Seenot geratenen Späher, zu Hilfe eilen.

Der Weg nach Baltijsk ist für heute Nacht unpassierbar. Wenn sie gesichtet würden – die russischen Wölfe, die auf ihrer Spur sind, würden sie gnadenlos jagen – sie alle sind scharf auf das Schiff und seine Ladung. Da dieses Wunderwerk von Wasserfahrzeug sich nicht versenken läßt, haben seine Konstrukteure eine todsichere Lösung eingebaut, um es vor fremden Händen zu schützen – es sprengt sich selber in tausend und abertausend Teile, wenn Unbefugte es in Besitz nehmen wollen. Wie gesagt – eine todsichere Lösung. Auch für die Menschen, die sich an Bord befinden.

Von alledem wissen aber nur der Kapitän und der Steuermann – und Henrietta. Das Henrietta es weiß, wissen aber wiederum der Kapitän und der Steuermann nicht. Um in keine tödliche Falle zu laufen, ist Öland heute Nacht das Ziel. Im Schatten der Südspitze – vor Oggenby – werden sie den Sturm abwettern, und die nächste Dunkelheit abwarten. Zuvor müssen sie mit ihrem Verbindungsmann in Baltijsk Kontakt herstellen, damit ihnen eine neue freie Zeitzone eingerichtet wird. Kaliningrad ist der Schwerpunkt der gefahrvollen Reise – Königsberg ist der Dreh- und Angelpunkt innerhalb der „Eisblumen.“

 

  Bis das Leuchtfeuer von Kristianopelauf dem schwedischen Festland, gegenüber von Oggenby – in Sicht kommt, wird den Menschen an Bord des grauen Panthers – besonders den seeunerfahrenen Passagieren – noch einiges abverlangt. Henrietta hat Katharina mit Gurten in der Koje des Kapitäns festgeschnallt, sonst wäre ihr Körper wohl schon mit blauen Flecken übersät. Übergeben braucht Katharina sich nicht mehr – aber ergeben hat sie sich ihrem Schicksal – meint in Momenten mehr tot als lebendig zu sein. Der Kapitän hat des Öfteren nach dem Rechten gesehen – die Unbilden des Wetters kann er aber leider auch nicht ändern.

Endlich erreichen sie den schützenden Windschatten der Südspitze Ölands. Den Leuchtturm Öland södre udde – den langen Jann, wie man ihn hier auf Öland auch nennt – könnten sie fast mit den Händen greifen, so nah unter Land steuert Björn das Schiff. Mit gedrosselten Maschinen läuft das, vom Sturm gebeutelte, Unschiff unterhalb Oggebys in die schmale Meerenge zwischen der Insel und dem schwedischen Festland ein.

Eine Ausbuchtung – einen kleinen Naturhafen am Rande der Vogelkolonie, im sonst geraden Küstenstreifen, hat Björn als Ankerplatz anvisiert. Im Schiff ist es merklich ruhiger geworden – sogar die Landratten können sich wieder auf den Beinen halten. Der Sturm hat sich, so geschwind er sich mit Urgewalt über die See, und alles was sich draußen bewegte hergemacht hatte, auch wieder gelegt. Nur noch eine leichte Dünung bewegt das Schiff – wie wenn Babuschka Kathinkas Wiege schaukelte – und zeigt an, daß sie sich nicht auf festem Boden befinden.

  Der Smutje – gleichzeitig Stuart an Bord – hat nach kurzer Zeit ein Menü gezaubert, wie zumindest Katharina es unter diesen Umständen niemals erwartet hat. Sie hat das Gefühl, Henrietta ist nicht das erste mal auf diesem Schiff zu Gast, denn zwischen ihr und Henk – so nennt sie den Smutje – bemerkt Kathinka eine fast familiäre Vertrautheit.

Henk ist Holländer – mit russischen Großeltern, die vor den Wirren der Revolution zu ihren adeligen Verwandten in die Niederlande geflohen waren. Seine Mutter hatte – ganz gegen den Willen ihrer Eltern – kurz vor Ausbruch des zweiten großen Krieges, der dann ein Vaterländischer wurde, einen holländischen Buntje – einen Gewürzhändler aus Batavia – geheiratet. Zu ihrem Glück – denn Indonesien war weit. In Groningen wäre ihr wohl das gleiche Schicksal zuteil geworden wie ihrem Väterchen und Mütterchen.

Russische Juden waren in den – von den Deutschen besetzten Niederlanden nicht gelitten. Selbst wenn sie vor den Bolschewiki geflohen waren.

Die Spur ihrer Eltern – Henks Großeltern – endete irgendwo um Hamburg herum. In den Transportlisten der Züge nach Neuengamme tauchten ihre Namen das letzte mal auf.

Nachdem der Weltenbrand sich aus Europa verzogen hatte, waren seine Eltern nach Holland zurückgekommen, nach Winschoten gezogen. In Indonesien wurde es zu ungemütlich für Menschen mit einem europäischen Paß – denn die Flammen des Krieges waren ja nicht erloschen – das Feuer hatte sich nur ostwärts verlagert – hatte sich neues Brennmaterial gesucht.

Die schwangere Mama von Henk zog es wieder nach Europa – bestimmt war es auch die Hoffnung, ihre Eltern wiederzufinden. Dadurch bereiste Henk, noch in seiner Mutter Bauch, schon die halbe Erde, und tat als waschechter Klooteklapper in einer kleinen Bauernstube am Rande Winschotens seinen ersten Schrei – wohlgerüstet für diese Welt – äußerlich mit einer Haut wie Milchkaffee und im inneren mit einer russischen Seele ausgestattet. Eine verdammt gute Mischung – wenn Katharina Henrietta glauben durfte.

Nach den Köstlichkeiten zu urteilen, die er aus der Kombüse anschleppte, lag Henrietta mit ihrer Einschätzung völlig richtig. Als Vorspeise gab es gebackene Froschschenkel in gelierter Fischbullion im Kerbel / Petersiliebett. Die folgende Suppe war ein unnachahmliches Gedicht – eine Hummersuppe, deren Geschmacksnuancen sich quer durch die Welt der Kräuter und Gewürze zogen. Man spürte auf der Zunge förmlich die Fachkenntnis des Gewürzhändlersohnes – wenn man denn davon wußte. Wer nicht davon wußte, würde sicherlich sagen – ein Küchenmeister par Excellance! Was Henk natürlich auch war. Seine Lehre als Koch, im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ – in der Mitte der sechziger, stand dafür.

Die Zauberei in der Kombüse – auf engstem Raum und auf schwankendem Boden – hatte er auf Onassis Yacht „Christina“ entwickelt, und auf vielen kleinen schnellen Schiffen der wirklich Mächtigen dieser Welt perfektioniert. Er hatte Fidel Castro ebenso verwöhnt, wie den rumänischen Schlächter Nikolai Ceaucescu. Das allein bewies seine Klasse – denn der rumänische Staatspräsident hatte schon mal wegen einer fehlenden Prise Salz Köche an die Fische verfüttert. Henk erwähnte davon nie ein Wort.

Das Essen zog sich hin – man hatte Zeit – in dieser kleinen abgeschiedenen Welt – unendlich viel Zeit. So schien es Katharina zumindest.

Die vier Männer, vom Beginn der Reise, hatten sich zu den beiden Frauen gesellt. Eine angeregte Unterhaltung lief kreuz und quer über die Tafel. Russisch, schwedisch, küstendeutsch und holländisch – jeder redete in seiner Sprache – und jeder konnte jeden verstehen. Die Stimmung wurde durch das gute Mahl zusehends gelöster.

Für die Speisenfolge hätte sich an Land keine fünf Sterne Küche zu schämen brauchen. Als Hauptgericht servierte Henk Kalbsfilets – drapiert auf Nestern aus pürierten Kartoffeln, die gefüllt waren mit einer raffinierten Mischung aus Kräutern, Zwiebeln und Tomaten. Entrecote Camarenga – verkündete er nicht ohne Stolz. Katharina hatte noch niemals so lange an einer Tafel gesessen – ununterbrochen mit irgendwelchem Essen beschäftigt. Sie wunderte sich im Stillen, daß ihr Hunger nicht nachließ – und vor allem, daß ihr Magen nicht nach der überstandenen Höllenfahrt rebellierte.

Über die Tischzeit verteilt reichte Henk Kaffee – oder besser Mokka – nachtschwarz und süß – in kleinen hauchdünnen Schälchen. Obwohl Katharina für russischen Tee alles stehen und liegen ließ – diesem Getränk konnte sie beim besten Willen nicht widerstehen. Irgendwann an diesem grauenden Morgen – von dem man allerdings im inneren des Schiffes nichts bemerkte – dachte sie, es wäre genug des Guten – doch dann kam die Nachspeise! Ein Traum für jeden Gourmet – und was für ein Traum erst für eine junge Frau aus dem neu zum Leben erwachten Sankt Petersburg – die in ihrem Alltagsleben zwar nicht mehr hungerte, aber deutlich genug den Wert eines trocknen Kanten Brotes kennen und schätzen gelernt hatte. Gebackene Bananen – mit Honig und Zitronensaft abgeschmeckt und mit gezuckertem Eierschaum überzogen – dufteten durch den Salon. Vergessen waren alle Strapazen – vergessen auch das Gefühl, sterbenwollen zu müssen – das sie in den letzten Stunden auf der Ostsee befallen hatte.

Und plötzlich war sie wieder da – die Sehnsucht nach Liebe – aus einem zufriedenen Inneren heraus. Die Schmetterlinge hatten wieder ihren Bauch erobert – flatterten in ihr herum, als wenn Frühling wäre. Henrietta erkannte die Zeichen – wußte die Röte zu deuten, die ihrem Schützling bis unter die Haarwurzeln zog. Geschickt gab sie den Männern zu verstehen, daß ein paar Stunden erholsamer Schlaf für alle gut und nötig seien – um in der folgenden Nacht auf dem Posten zu sein.

 

  Für Hans wird es kein erholsamer Schlaf. Er wälzt sich in einer der Gästekojen von einer Seite auf die andere, und sehnt mit allen Fasern seinen Gast herbei – obwohl er doch weiß, daß es nicht möglich ist. Er würde Gesetze brechen, die er bei seinen Geschäften an Bord nicht brechen darf. Er erlebt im Traum Freuden, die er eigentlich nur aus Erzählungen von Freunden kennt – noch niemals selbst erlebt und durchlitten hat. Spürt einen weichen Frauenmund und zarte Hände an Stellen seines Körpers, die er bisher nur mit seinen eigenen Händen berührte. Schweißgebadet und mit hartem, pochendem Glied wacht er auf.

Im Geiste hörte er seinen alten Feldwebel einen Spruch loswerden, der immer morgens den Rekruten galt, wenn sie wochenlang ihre Freundinnen nicht sehen konnten:

Eiskalt waschen und dreimal nackend um den Block – das hilft gegen konfuse Gefühle – und jeden Ständer! – kam stets zynisch hinterher.

Jetzt plötzlich kann er seine Kameraden verstehen, wenn sie sich vor einem Bild ihrer Angebeteten Befriedigung verschafften – jetzt, in diesem Moment, muß er es selber machen – und denkt dabei an Katharina.

 

  Katharina ergeht es nicht sehr viel anders – sie liegt im Kapitänsbett – und sehnt den Kapitän herbei – mit allen ihren Fasern – nur dass sie nicht die Unmöglichkeit sieht. Weil ihr dieser Art Gesetze unbekannt sind – und weil sie in ihrem Leben bisher nur Menschen begegnet ist, die irgendwann ihren Gefühlen nachgegeben haben. Diese Erfahrung steht auf festeren Fundamenten, obwohl sie in weniger Lebensjahren gemacht wurde.

Der Kapitän – Hans, wie er genannt wird – hat diese Wende in seinem Erleben noch vor sich, denn der schmale Tunnel seines bisherigen Gefühlsweges erweitert sich allmählich zu einem Freiplatz der Erkenntnis. Katharina wird auf diesem Festplatz eine große Rolle spielen. Er weiß nur noch nicht davon.

Im Moment spielt sie mit ihren Gedanken – läßt ihre Finger auf dem Klavier der Gefühle tanzen – bringt sich auf die höchsten Höhen des Vergehens – und meint, auf dem Gipfel ihren Kapitän in sich zu spüren. Erst danach fällt sie in einen traumlosen, tiefen Schlaf.

 

  Auch Henrietta hat sich – nachdem sie alles versorgt hat – in ihre Kajüte begeben. Sie benötigt auch ein paar Stunden Schlaf – aber wie ihre Träume ihr mehr als deutlich zeigen, benötigt sie auch etwas anderes. Sie träumt von ihrem Gregori – träumt von dem einen Sommer auf dem Landgut seiner Familie – am Ufer der Wolga. Wenn sie nach der Feldarbeit – erhitzt und verschwitzt – nur mit ihrer heißen Haut bekleidet in die kühlen Fluten sprangen – schwerelos im Wasser treibend ineinander aufgingen. Sie reitet im Traum wieder mit Gregori auf ihrem Grauschimmel, den Großväterchen ihr als Füllen schenkte. Kleider brauchte sie nicht – wenn sie rittlings vor Gregori auf dem blanken Pferderücken saß – sich an ihn klammerte – wie gepfählt auf seinem harten Glied ritt. Oh, welche Wonnen – wenn ihre Lustschreie über die goldenen Kornfelder wehten , wie der Sommerwind über ein Blütenfeld. Wenn ihr Inneres heiß aus ihr herausströmte.

Sie sitzt plötzlich aufrecht im Bett – und fühlt warm und feucht an ihren Schenkeln, daß es wie damals passiert ist. Kraft der Gedanken – seelisches Glück.

 

  Leichtes vibrieren des Schiffskörpers signalisiert allen: Die Motoren laufen. Ungewöhnlich, denn draußen hat sich der Tag noch nicht verabschiedet – er drömelt noch mit der Nachmittagszeit über dem kabbeligen Wasser dahin – läßt sich noch nicht von der im Osten aufziehenden Schwärze vertreiben.

Trotzdem löst sich der graue Panther aus dem Schatten des schützenden Ufers – zieht langsam auf die offene Ostsee hinaus. Eine Warnung aus dem Äther in Wolgograd hinaus geschickt – hat seinen Empfänger erreicht. Die russischen Wölfe haben Witterung aufgenommen. Irgend jemand trachtet wohl eine Rechnung begleichen zu wollen – oder es hat gar jemand bloß ein paar Rubelchen, Dollars oder Schwedenkronen benötigt – wie dem auch ist – der graue Panther muß seine Fährte verwischen – muß untertauchen in der bleiernen Endlichkeit der Ostsee. Die Instrumente auf der Brücke blinken in stoischer Regelmäßigkeit – keine Auffälligkeit auf der Wasserwüste – bis auf eine klitzekleine Kleinigkeit, die wie aus heiterem Himmel Bewegung in die beiden Männer auf der Brücke bringt.

Keine hektische Betriebsamkeit, nein – eher so wie auf einer gut einstudierten Übung. Ein kleines, grellrotes, kreisendes Lämpchen hat Aktivitäten hervorgerufen, in die ein jeder von der Mannschaft eingebunden ist.

Die russischen Wölfe halten sich zurück – die Führung hat einen Killerhai geschickt. Ein U-Boot wird von den Ortungsgeräten ausgemacht. Keines der großen Klasse – nein, ein Spezial-Wasserfloh für geringe Tauchtiefen. Auch die Gegenseite entwickelt sich ständig weiter – genauso wie ein junges Mädchen zur Frau wird – genauso wie eine Rosenknospe zur Blüte wird. Manchmal geschieht es in der Zeit eines Augenschlages – manchmal dauert es etwas länger – manchmal bedarf es eines Anstoßes von außen.

Bei der russischen Marine hatte es etwas länger gedauert – aber was ist für eine russische Seele schon lange?

Von diesen Grundzügen waren die Roten vom Anfang ihrer Bewegung abgewichen – von Beginn an zum Scheitern verurteilt – aber das hatte erst die Geschichte gezeigt.

Bis die russische Marine die „Killerhaie“ besaß, hatte es nicht nur etwas länger gedauert – es hatte auch des Anstoßes von außen bedurft. Geniale japanische Konstrukteure – die ihren guten amerikanischen Freunden die „Frieden“ bringenden Atompilze über Nagasaki und Hiroshima nicht vergeben konnten, durch deren Folgen auch die japanischen Südkurilen an Rußland verloren gingen – waren die willigen Geburtshelfer dieser unsichtbaren Flachwasserjäger gewesen.

Mit des amerikanischen Präsidenten Regierungsgeldern in japanischen Technologiezentren entwickelt – für die US Militärs bestimmt, und in Kopien an die Russen verkauft – hatten japanische Patrioten für das Gleichgewicht der Kräfte bei dieser Waffengattung gesorgt – und natürlich für ihr Wohl, denn das Leben in Japans Großstädten ist teuer – und eventuell für ein gesichertes Leben auf den Kurilen vorzusorgen, ist recht und billig. Je nachdem von welcher Warte des Spielfeldes aus es betrachtet wird.

Wie dem auch sei – so ein kleiner gefährlicher Hai – das Kind vieler Väter – nähert sich dem grauen Panther. Aber da die gleichen Väter auch den grauen Panther gezeugt hatten, spielten zwei gefährliche, sich ebenbürtige Systeme, gegeneinander. Nur das die Spieler unter Wasser in diesem Fall nicht annähernd die Möglichkeiten ihres Gegners kannten.

Das grellrote kreisende Lämpchen an Bord reagiert auf bestimmte Eigenheiten des hungrigen Haies – wie ein Mann auf den Duft einer erregten Frau.

Nur – die Maschine, die dahinter verborgen war, handelte präzise und ohne Gefühle. Eben nicht wie ein verliebter Mensch mit seinen Unwägbarkeiten.

Seltene metallische Bestandteile im Rumpf des Unterseebootes werden von den Sensoren des grauen Panthers auf Meilen erfaßt – und lösen Schockwellen in Richtstrahlern aus, die den Rumpf des gefährlichen Jägers für die Besatzung zu einem Sarg für die Ewigkeit machen. Ein grausames Spiel mit tödlichen Karten – bei dem jeder den Ausgang kennt – nur keiner vorher weiß, wann das Spiel beendet ist.

Nicht lange wird es dauern, bis die Kommandanten auf den russischen Wölfen bemerken, daß ihr Hai schläft. Darum muß der graue Panther den Standort wechseln.

Die Maschinen laufen volle Kraft – die Zehntausend Pferdestärken der beiden Strahlantriebe zeigen sich in den siebzig Knoten Geschwindigkeit, mit der der Schiffsleib über die Wellenkämme rauscht. Kein Boot aus dem Rudel der ihn jagenden Wölfe kann da mithalten.

Querab vom Leuchtturm Öland Södra Grund hält der graue Panther Kurs auf Utlängan zu. Die äußerste Insel im militärischen Sperrgebiet vor Karlskrona ist der ideale Unterschlupf. Absolute Sicherheit vor den suchenden Wölfen. Die schwedische Marine sorgt schon dafür, daß ihre Freunde unentdeckt und unbehelligt bleiben. Mit den Schweden wollen sich die russischen Jäger denn doch nicht anlegen. Im Wikingerland reagiert man sehr empfindlich auf ungebetene Gäste – so einigemal ist es ihnen schon nicht gut bekommen, sich in schwedische Gewässer zu begeben.

An der Nordseite der Insel – in der Bucht von Stenshamn – wirft das Schiff ohne Namen Anker. Offiziell wissen die Schweden nichts von ihrem Gast – aber inoffiziell haben die Wächter auf den Stationen ihre Strahlenaugen auf die Ostsee gerichtet.

In der Messe des Schiffes haben sich alle versammelt – Besatzung und Passagiere. Solange sie sich in dieser kleinen, autarken Welt befinden, sind sie auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen – und für die kommenden vierundzwanzig Stunden in relativer Sicherheit. Die nächste freie Zone in Baltijsk kann in – frühestens – zwei Nächten garantiert werden.

Diese Botschaft hat auf wundersame Weise den Weg in die Hände des Kapitäns gefunden. Kundgetan wird sie allen Versammelten von Björn in zwei knappen Sätzen. Die Zeit möchte man tunlichst zur Ruhe und Entspannung nutzen – denn, wer weiß was die folgenden Tage bringen.

Für das leibliche Wohl wird in hervorragender Weise gesorgt werden, und die geistige Entspannung – dafür ist die gut bestückte Bibliothek da.

Katharina ist wieder einmal erstaunt, was so eine Konservendose – Konservendose denkt sie nur ganz leise für sich – was so ein Schiff alles in sich verbirgt.

Die runde Tafel in der Messe ist mit leckeren Köstlichkeiten übersät – raffiniert von Henk angerichtet – Kompositionen von Genüssen für Auge und Gaumen. Katharina nascht mal hier und mal da – trinkt ein Gläschen trocknen Sherry – und hat im Kopf schon den Schlaf sitzen. Die Schwere in den Gliedern führt sie nach einer dreiviertel Stunde in „ihre“ Kapitänskajüte – direkt in die kuschelige Koje. Zwei Stunden läßt ihr Sinnen ihr Zeit, ihre Schlafgedanken zufrieden zustellen – traumlos.

Dann ist es aber auch vorbei damit – Katharina wacht auf – und im gleichen Augenblick meint sie, endlich des Kapitäns Hände – und nicht nur seine Hände – an ihrem Schoß zu spüren. Es ist aber nur Henrietta die vor ihr kniet, und mit liebevoller Hingabe und zärtlichen Fingern ihren Körper massiert. Katharina hält die Augen geschlossen und genießt das Spiel – genießt das Spiel und spielt mit. Spielt solange mit, bis Henrietta ohne Vorwarnung explodiert – explodiert wie ein Vulkan, der flüssiges Magma speit.

 

  Henrietta hat Katharina allein gelassen, und sich wortlos in ihre Kajüte begeben – einen Mädchenkörper zurück lassend, der in hellen Flammen steht. Ein Mädchenkörper, in dem ein alles verzehrendes Feuer brennt – und der nur ein Ziel kennt. Der von dem Willen beherrscht wird, dieses Feuer zu löschen.

Das sich dieses Feuer nicht löschen läßt, sich eher zu einem alles vernichtenden Flächenbrand entwickelt – für dieses Denken ist in ihrem Empfinden kein Raum.

 

  Vierundzwanzig Stunden können lang werden – verdammt lang. Besonders wenn man nicht nach vorne schauen kann.

Katharina hat sich in die Bibliothek zurückgezogen. Dicke Bände über die Geschichte des Jeverlandes – besonders die der gemeinsamen Zeit mit Rußland – haben es ihr angetan. Es verwundert sie, solche Bücher hier zu finden.

Aus einem der Bände fallen ihr, lose hineingelegte, Blätter entgegen. Ein seltsames Gefühl breitet sich in ihr aus – die Schriftzeichen, mit denen kurze Notizen auf den Zetteln festgehalten sind, stammen untrüglich von Väterchen Wassili.

Um ganz sicher zu sein, vergleicht sie die Schriftzüge mit denen auf den für sie bestimmten Briefen. Es sind die klaren Buchstaben aus Väterchen Wassilis Feder. Ohne Zweifel. Wie kommen seine Spuren auf dieses Schiff?

Unheimlich ist ihr zumute. In welches Spiel ist sie da hinein geraten – welche Rolle hat man ihr – Jekatharina Roganowa aus Sankt Petersburg darin zugedacht? Erinnerungen an Äußerungen ihrer Babuschka – die lange zurückliegen – werden zu greifbaren Spuren. Babuschka versank – stets mit einem Schimmer von Glück auf ihren runzeligen Wangen – in tiefes Schweigen, wenn irgendjemand die Rede auf Mamuschkas Väterchen brachte.

Katharina hat ihn nie kennengelernt – ihren Großvater. Es hieß immer nur, er sei verschollen – verschollen und hinweggeweht durch den großen Krieg. Großmütterchen hat nach dieser, ihrer ersten Liebe, nie geheiratet – wie muß sie ihn geliebt haben – den Vater ihrer Mamuschka.

Katharina weiß nur, das diese Liebe ihrer Babuschka einige Jahre sibirische Verbannung eingebracht hat – sie ahnt nichts von dem jungen, dunkelhaarigen deutschen Soldaten – der Babuschka Herz mitgenommen hat – ihr dafür aber etwas sehr wertvolles zurückließ.

  Die – in kyrillischer Schrift – verfaßten Randbemerkungen nehmen wieder Gestalt an. Babuschka Name erscheint immer wieder – und immer wieder in Verbindung mit einem deutschen Namen – typisch friesisch – soviel weiß sie. Gronewold – Hans Gronewold lautet er. Dazwischen Zahlenkolonnen und Nummern – und immer wieder Hans Gronewold – in Verbindung mit Ortsnamen, die in ihr kein Bild hinterlassen. Russische, litauische, polnische und deutsche Ortsnamen.

Ihr Studiendenken hakt sich ein – logische Folgerungen – das Ganze liest sich wie eine Wegbeschreibung – eine Reise von Rußland nach Friesland mit Zacken von oben nach unten – wie Umwege. Ein Spiegelbild ihrer Reise ins Jeverland.

Gedankenverloren sitzt sie vor den vielen Zetteln – hat nicht mitbekommen, daß Henrietta schon seit geraumer Zeit hinter ihr steht – und aufmerksam die Notizen mustert. Ihr fotografisches Gedächtnis registriert jeden Strich – und speichert ihn.

Ebenso unbemerkt wie sie in die Bibliothek gekommen ist, verläßt Henrietta auch wieder den Raum. Nur eine geschulte Nase hätte den leichten Hauch von Channel wahrgenommen, den sie zurück läßt, als die Tür hinter ihr geräuschlos ins Schloß gleitet. Henrietta hat nämlich etwas getan, dessen Vermeidung alle Mitglieder der Eisblumen ansonsten große Achtsamkeit schenken – sie duftet. Sie hat sich ein Tröpfchen Parfüm gegönnt – gegen alle Regel. Im Ernstfall könnte es den Tod bedeuten, gerochen zu werden. Aber auch bei Frauen setzt eben manchmal etwas aus – wenn gewisse Gefühle im Spiele sind.

  Was ihr da zu Augen gekommen ist, muß sie erst einmal in die Geschehnisse einordnen – sie zieht sich in ihre Kajüte zurück. In aller Ruhe notiert sie das soeben gesehene. Nachdem sie die langen Zahlenreihen entschlüsselt hat, verdeckt sie das Blatt. Eine Weile später bringt sie ihr Wissen erneut zu Papier – vergleicht es mit der ersten Niederschrift – und verbrennt diese anschließend.

In den folgenden zwei Stunden wiederholt sich dieses, für einen unbefangenen Beobachter seltsam anmutende, Spiel noch ein paar mal. Ein erprobtes Ritual, um Gedächtnisinformationen zu festigen. Wie sie mit dem neuen Wissen umgehen soll, daß ihr da so unverhofft zugefallen ist, das weiß sie noch nicht.

Es gibt da eigentlich ganz klare Regeln in ihrer Organisation – aber diese Regeln haben keine Ahnung von Gefühlen – von den Gefühlen einer Frau wie Henrietta – die im Moment selber eine neue Seite in sich entdeckt.

Hätte sie diese Notizen doch nie zu Gesicht bekommen – oder wenigstens nicht zu diesem Zeitpunkt.

Zwiespalt rast durch ihr Denken. Sie darf ihr Wissen eigentlich gar nicht wissen – wenn sie sich daran hält, dann zerstört sie sich selbst. Wenn sie ihr Wissen weiter gibt, und es benutzt, um noch größeres Leid zu verhindern – dann zerstört sie etwas in Katharina und dem Kapitän – der im Übrigen tatsächlich Hans heißt.

  Es wird Henrietta nicht bewußt, daß schon fünf Stunden verstrichen sind, als sie sich auf den Weg durch das Schiff macht.

Klarheit ist in ihr Denken auch jetzt noch nicht eingekehrt. Nur gut, daß sie in der geschützten Bucht ankern. Die Sicherungs-Systeme sind hier reduziert – die Besatzung kann ungehindert aufs Deck hinaus.

Henrietta drängt es, sich den frischen Ostwind um den Kopf wehen zu lassen. Das Wetter hat seine Kapriolen hinter sich gelassen. Ein wunderschöner Sternenteppich spannt sich von Himmels- zu Himmelsrand – als wenn eine großzügige Hand auf tiefblauem Samt Silberflitter ausgestreut hat. Nur vor Frau Luna liegt eine Armada von Wolken. Mit weit offener Seele nimmt Henrietta dieses Bild in sich auf. Vom Heck her streicht ihr Tabakduft in die Nase. Ein erglimmendes rotes Pünktchen verrät ihr, daß sie nicht allein an Deck ist. Da verspürte augenscheinlich noch jemand das Verlangen nach kühler Seeluft.

Im schwachen Mondlicht, das in Fetzen durch den aufreißenden Wolkenteppich flattert, erkennt sie Hans – den Kapitän, der genussvoll ein Pfeifchen schmaucht.

„Hallo – Frau Gribow.“ Es ist das erste mal nach langer Zeit, daß Henrietta ihren Nachnamen ausgesprochen hört. Hans hat ihn aus einer Gefühlsregung heraus benutzt – und nur, weil sie alleine sind. Familiennamen sind sonst in der Organisation im Umgang miteinander tabu.

Seltsam – denkt Henrietta – mein eigener Name ist mir selber schon ein wenig fremd – vielleicht auch bloß deswegen, weil ihn ein Deutscher ausspricht.

„In sechs Stunden lichten wir Anker“ Hans redet mit tonloser Stimme, wie zu sich selbst. „Vor zehn Minuten kam die Order. Wir haben einen sicheren Korridor nach Königsberg – in Baltjisk verfügen wir nur über eine halbe Stunde Schwebezeit. Mehr kann man uns nicht einräumen.“

Nach zwei kräftigen Zügen an seiner Pfeife fährt er fort, zu berichten. „Uns bleibt in Kaliningrad nicht viel Zeit – unser Unterschlupf steht uns nicht zur Verfügung. Bei der Roten Marine rumort es – da haben einige ganz kräftig zu leiden – weil wir ihnen entwischt sind.“

In das Schweigen des Kapitäns schieben sich Henriettas Worte wie klirrende Eisstückchen, die auf Glas treffen:

„Und weil sie ihren Killerhai abschreiben können – und mit ihm sieben ihrer besten Männer.“

Bedrückende Stille verbindet die beiden Menschen auf dem dunklen Achterdeck. Jeder hängt seinen Gedanken nach – und schweigt in das leise Plätschern der Wellen – auf denen das Licht der Sterne herum springt, wie Frühsommers die Lämmer auf den Wiesen.

Hans fragt Henrietta nicht, woher sie diese ausführlichen Informationen hat – er würde es von ihr sowieso nicht erfahren. Ebenso wenig wie sie ihre Trauer zeigt – ihre Trauer darüber, daß sie mit Sicherheit einen ihrer Brüder verloren hat. Valentin gehörte zur Besatzung des Killerhais – da ist Henrietta sich völlig sicher. Die Kennung des Flachwasserjägers stimmte mit seinen letzten Berichten überein. Mit ihm hat die Eisblume einen ihrer fähigsten Agenten verloren – seit fast acht Jahren bewegte er sich unerkannt in den wichtigsten Positionen auf der Gegenseite. Geschützt und gestützt von vielen unbekannten Mitstreitern, die alle gemeinsam ihr Leben riskierten – in der Grauzone zwischen Staatsräson, und dem Wunsch nach einem besseren Rußland.

Gregori – er war und ist nicht nur Henriettas große Liebe, immer noch – Valentin hatte lange Jahre mit ihm die gleichen Schulbänke gedrückt – war mit seinem Freund in die gleichen Ideale hinein gewachsen, und hatte – ebenso wie Henrietta – durch Gregoris Schicksal ausgelöst, mit dem System gebrochen – war aber in der Firma geblieben.

„Fünf Stunden bleiben uns bis zur Ausfahrt an Baltjisk vorbei – die Schwebezeit von sechzig Minuten schon mit einbezogen.“ Des Kapitäns Stimme verrät seine innere Anspannung.

Gut, daß er Henriettas Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen kann. Sie war eigentlich fest entschlossen, ihm ihre Entdeckung mitzuteilen – packt diese Bereitschaft aber wieder ganz nach unten. Dazu wird sich dann später Gelegenheit finden – sie darf die Mission nicht gefährden – auch nicht durch seelische Purzelbäume.

Und die kann sie nach den voraus gegangenen Ereignissen nicht ausschließen, wenn sie Hans jetzt ihr Wissen mitteilt. Auch wenn ihr ob dieser Erkenntnis noch so mulmig zumute ist – sie muß Prioritäten setzen – und sie tut es. Ihren persönlichen Gefühlen nachgeben, könnte für sie alle das sichere Ende bedeuten.

 

  Sechs Stunden bleiben ihnen noch bis zum Auslaufen – Ruhe ist für alle an Bord angesagt. Bis auf die Brückenwache ist jeder vom Kapitän in die Koje geschickt worden. Eine Anordnung der ausnahmslos Folge geleistet wird. In sechs Stunden muß jeder Nerv intakt sein – belastbar bis an seine Grenzen.

Hans hat sich auf die Brücke begeben, um mit seinem Ersten den Kurs abzustecken – und Henrietta hat Katharina aus dem Lesesalon losgeeist.

In der Kammer des Kapitäns wartet die Koje auf sie – von Henriettas Händen schon liebevoll hergerichtet, die es sich gleichwohl nicht versagen können, ihrem Schützling beim Auskleiden behilflich zu sein – damit aber schon wieder tausend kleine Feuerchen in Katharinas Wollen entzünden. Henrietta sieht es durch die abgleitende Tiefe in Kathinkas grünen Augen.

Eine kleine Prise Wunderstoff aus ihrer „Waffenkammer“ garantiert, dass in Katharinas Bewußtsein kein unruhiges Denken herumkreist – meint Henrietta. Von ihrem eigenen Begehren abgelenkt, bemerkt sie nicht, daß der für Katharina bestimmte Schlummertrunk im Abfluß des Waschbeckens verschwindet. Unberechenbare Gefühlswirrungen – die in der eisigen Welt des Widerstandes katastrophale Folgen haben können.

  In der trügerischen Gewißheit, allem Unbill vorgebeugt zu haben, zieht Henrietta sich in ihre Kammer zurück. Nur – der dringend benötigte Schlaf will sich bei ihr partout nicht einstellen.

Die Mischung aus Erinnerungen, Sehnen und Begehren läßt sich auch in ihrem Körper plötzlich nicht mehr ausschalten. Sie kann ihre Hände mit bloßem Willen nicht daran hindern, ihrem Körper Befriedigung zu verschaffen – und schluckt – was sie bisher noch nie getan hat – selber eine Pille. Stunden traumlosen Schlafes sind ihr sicher. Dadurch wird ihr so einiges an Bord entgehen, was sie durch ihr Schweigen zu verhindern hoffte.

Auch Hans hat sich in eine der Gästekabinen zurückgezogen. Die bevorstehende Fahrt, über die Ostsee nach Kaliningrad, wird ihm sein ganzes Können abverlangen – wird die Nerven bis zum zerreißen strapazieren. Ein steifer Grog aus Henks Kombüse soll ein wenig zur Entspannung beitragen – allein das flüchtige Aroma des Gebräus betäubt schon seine Sinne.

Bevor Hans sich dem heißen Trank zuwendet, muß er noch auf einen Sprung in die Kapitänskabine – einige Unterlagen holen. Im Vertrauen auf Henriettas Fürsorge hofft er Katharina nicht zu stören – sie schlafend anzutreffen – ist erstaunt, auf sein leises Klopfen ein spontanes „Ja – bitte“ zu hören – und steht einen Atemzug später der Versuchung gegenüber, um ihr mit fliegenden Fahnen zu erliegen. Der leichte, offene Umhang über Katharinas Schultern verhindert nicht den Blick auf den makellosen Körper unter dem durchsichtigen Nachthemd. Henrietta hat ihr dieses Neglige verehrt. Ihre wohlgeformten Brüste – deren Spitzen fast den Stoff durchdringen – ziehen ihn magisch an. Das Riechen, das von ihrem warmen Körper ausgeht, bringt ihn fast um den Verstand – sein Denken kreist nur noch um eine Sache – hat sich in seiner schmerzhaft harten Männlichkeit konzentriert. Wie schnell sich ein Mensch seiner Kleider entledigen kann, ist wohl nirgendwo aufgeschrieben. Auf jeden Fall geschieht es hier in Rekordzeit – denn im Moment des sich Gegenüberstehens spürt er auch schon Katharinas zarte Arme seinen Nacken fest umschlingen – ihre Beine seine Hüften umklammern – und fühlt sie auf seinem, bis zum Bersten geschwollenen Penis reiten. Wie ein Toben der Elemente – so rasen ihre Körper im Begehren auf den anderen. Ein Wirbelsturm über der Ostsee kann nicht heftiger sein – kann die Wellen nicht höher auftürmen, wie die Spitze der Lust über den beiden heißen Leibern zusammenschlägt.

Als die Ströme der Liebe aus den Körpern versiegen, ist es ein Bild unendlicher Ruhe – ähnlich dem Bild, das Katharina in der Hütte von Igarka in sich verewigt hat – das Bild von Mamuschka und Andrei – erschöpft in der Liebe vereint.

Nach einer Stunde der zärtlichsten Liebkosungen wechselt Hans in seine – oder richtiger in die von ihm benutzte – Gästekabine. Eine in Glückstränen badende Katharina zurücklassend – die jetzt zufrieden schnurrend in einen tiefen Schlaf gleitet.

 

  Zwei Glasen später zieht der graue Panther durch die Dünung der Ostsee seinem neuen Ziel entgegen – Kurs Südost – dem hoch aufragenden – mit riesigen, uralten Buchen bestandenen Kap Rixhöft entgegen, von dessen fast siebzig Meter hohem Rücken Katharina gerne mal über die Ostsee geschaut hätte. Nur wird es vorerst ihr Wunschdenken bleiben, denn wenn das Feuer von Rozewie – wie Rixhöft heute offiziell benannt wird – sich mit dem Feuer von Brüsterort kreuzt, muß der graue Panther seinen Kurs nach Osten ausrichten. Wenn der russische Leuchtturmwärter auf Mys Taran an der nordwestlichen Ecke Samlands wüßte, wer sich nach seinem Leitstrahl richtet – er würde sein Licht wahrscheinlich sofort auspusten. Im Gegensatz zu dem Wachtposten auf dem rotköpfigen Seeweiser von Baltjisk – der macht in der fraglichen Zeit nämlich beide Augen zu – um nichts zu sehen.

 

  Noch nichts an Bord zu sehen ist auch von Katharina. Sie befindet sich noch in einer Traumwelt – mit ihrem Liebsten auf einem riesengroßen Karussell, das sich zu den herrlichsten Walzerklängen dreht. Klänge, die auch ihre Mamuschka so sehr mag – und von denen Babuschka schwärmte, wenn sie den Erinnerungen an ihre Liebe nachhing.

Henrietta müht sich redlich, Katharina aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück zuholen – reichlich verwundert darüber, daß Kathinka noch nicht wieder munter ist. Die Dosis ihres Mittelchens war doch schwach bemessen – bei Katharinas Konstitution höchstens vier Stunden wirksam. Zweifel beschleichen Henrietta, nagen an ihrer Überzeugung.

Irgend etwas in Katharinas Kabine paßt nicht in ihr Empfindungsbild – stößt Fühlen in ihr an, daß sie wieder auf Gregoris Männlichkeit reiten läßt – in den Weiten der Wolganiederungen – während ihrer glücklichen Tage auf dem Sommergut seiner Familie. Der Duft – der Duft ist es, der im Raum hängt – Duft von Liebe – Duft von körperlicher Vereinigung. In ihrer Gedankenwelt läuft alles verquer – eine gefahrvolle Basis für lebensgefährliche Missionen.

Der männlich-herbe Teil dieses Riechen läßt sie ein Geschehen ahnen, das sie durch ihr Schweigen eigentlich zu verhindern gedachte.

 

  Als Katharina in die Jetztzeit zurückkehrt, weiß Henrietta – ohne das Kathinka auch nur ein Wort über ihre Wandlung verliert – ihre Befürchtungen bestätigt. Sie kann ihr aber trotzdem nichts von ihrem Wissen weitergeben – kann dieses, von innen strahlende Gesicht, nicht mit Schatten übermalen.

Nachdem sie Katharina beim Ankleiden zur Hand gegangen ist, begibt sie sich auf den Weg zur Brücke. Sie hofft, den Kapitän irgendwo allein zu treffen. Sie muß das nachholen, was sie vor einigen Stunden – noch im schwedischen Versteck – irrtümlich als zweitrangig beiseite getan hat. Sie muß Hans ihre Erkenntnisse aus den Notizen von Vater Wassili mitteilen. Es graust ihr davor. Diesen Schritt tun zu müssen, bereitet ihr hundsgemeines körperliches Unbehagen. Warum hat Väterchen Wassili ihr davon nichts berichtet – warum nur?

Im Kommandostand wacht Björn alleine über die Instrumente – die vielen leuchtenden Tafeln und blinkenden Lichter zeigen keine Auffälligkeiten, Henrietta erfasst es mit einem sach-kundigen Blick. Ihre Ausbildung in Sibirien kommt ihr dabei zu Hilfe – in den Raketenleitständen im Raumfahrtzentrum von Baikonur geht es ähnlich zu. Wenn auch in anderen Dimensionen.

Henrietta braucht nicht nach Hans zu fragen – als wenn Björn spürt was in ihr vorgeht, gibt er ihr den Hinweis:

„Der Käpt’n ist auf Freiwache – er muß sich erst wieder aufbauen.“

Die zweite Hälfte des Satzes kommt seltsam gepreßt aus seinem maskenhaft scheinenden Gesicht. „Hans hat mir zwar nicht gesagt, was passieren wird“ – Björn korrigiert einige Einstellungen, bevor er weiter spricht.

„Aber wenn man schon so lange Jahre zusammen ist . . .! Mitten im Satz bricht er ab – als wenn er alles gesagt hat.

Eine tröpfelnde Ewigkeit sitzen die beiden stumm und regungslos vor den Konsolen, die Augen unbeweglich auf die kabbelige Ostsee gerichtet – als wenn da etwas zu sehen wäre, was den sensiblen Sensoren entgangen ist.

Die Gesichter von Henrietta und Björn scheinen wie in Bronze gegossen – kein Muskel regt sich – nicht einmal ein Augenschlag. Für einen Künstler wären sie die schönsten Motive. Nur – wo ist in solchen Augenblicken ein Bildhauer?

„Ich muß zum Kapitän“ unterbricht Henrietta mit heiserer Stimme abrupt die Stille. So hat sie sich bisher selber nur einmal sprechen hören – damals, als sie von ihrem Vater wissen wollte, warum er Gregori ausgeliefert hat.

Soll ich durchpfeifen . . .“ – Björns Worte hängen wie ein Band in der Luft – sie scheinen weniger als Frage gedacht, denn Henriettas knappem nein, nein – das geht ohne . . .“ – folgt von Björn nur noch ein gemurmeltes „na denn . . .“

Henrietta hat in ihrem Wirken schon in vielen Situationen auf einem schmalen Grat gestanden – in gefährlichen Momenten schon manchesmal mit dem Erdendasein abgeschlossen – und jetzt, wo es nicht um ihr Wohl geht . . .

 

  Auf dem kurzen Weg in die Kajüte des Kapitäns ist ihr so schlecht, wie nie in ihrem Leben zuvor. Die paar Meter Gang kommen ihr wie die Schritte zu ihrer eigenen Hinrichtung vor.

Sie muß erst an der Kabinentür vorüber gehen, hinter der Hans ruht – geht ein paar Schritte weiter – schaut in die Kombüse, und hockt sich in eine Ecke. Henk steht am Herd, und bereitet die nächsten Köstlichkeiten vor. Er wendet den Kopf zu Henrietta – mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht – das schon während der Drehung zu ihr erstirbt. Henriettas zerrissene Seele ist in ihrem Gesicht abgebildet.

Keine Frage kommt von seinen Lippen – er tut nur einen Griff unter die Back – füllt ein Glas bis zum Rand mit Whisky – das er Henrietta hinschiebt.

Ich glaub’ du hast es nötig“ – mehr sagt er nicht. Mit einem kräftigen Zug leert Henrietta das Glas – und spürt, wie die Farbe in ihr Gesicht zurückkehrt. Schweigend füllt Henk das Glas erneut – und ein zweites für sich selbst. Keine Frage zu dem, was Henrietta bewegt – und was er vielleicht gerne wissen möchte – kommt über seine Lippen. Fragen – das hat er auf seinem Weg durch die Zeit oftmals erfahren – Fragen können zerstören, in manchen Situationen auch tödlich sein. Es ist meist die bessere Position, nicht alles zu wissen. Auch – oder gerade unter Freunden.

Wer das nicht beherzigt, wird in dem Metier nicht alt – und Henk möchte gerne ein alter Holländer werden – irgendwann einmal in der Heimat seiner Väter an einem Fluß sitzen und fischen – fernab aller Machtspiele. Wenn dann noch ein Weibchen, wie Henrietta eines ist, an seiner Seite wäre . . . Davon lohnt es sich zu träumen – und dafür lohnt es sich, nicht zu fragen. Stille – greifbare Stille hat sich in der Kombüse breitgemacht. Sogar die Topfdeckel auf dem Herd klappern nicht mehr – einzig Henks Pfeife knastert in den Gründen, wenn er heftig an ihr zieht. Wohl ein Zeichen seiner inneren Erregung. In den Gläsern gerät der Spiegel des goldbraunen Whiskys in Bewegung – die Eisbröckchen klingeln leise – sie machen das Vibrieren der Maschinen hörbar.

Henrietta spürt, daß Björn den Kurs ändert – der graue Panther neigt sich leicht nach Backbord. Das Feuer von Mys Taran hat den Rixhöfter Leitstrahl gekreuzt. Jetzt geht es gegen den Wind. Der Schiffsleib hebt und senkt sich in stetigem Rhythmus – wie der Körper eines Mannes – denkt Henrietta spontan – der dem Höhepunkt entgegenstrebt.

Sie wünscht sich, in Momenten wie diesem, ganz weit weg vom Geschehen – sie weiß, daß die Zeit auch ohne sie weiterlaufen würde – auch wenn sie nicht der Bote wäre.

„Noch gut sechzig Minuten bis Baltjisk Reede“ – Henrietta schrickt aus ihren Gedanken hoch, obwohl Henk diesen Satz fast geflüstert hat. „Ich weiß . . .“ mehr entgegnet sie darauf nicht – und erhebt sich im Zeitlupentempo von ihrem Hocker. Zehn Schritte bis zur Kabine des Kapitäns – die ihr soweit von der Kombüse entfernt scheint, wie Wolgograd von Moskau. Während dieser zehn Schritte macht sie eine Zeitreise in die Vergangenheit – Erlebnisse flattern um sie zu, die sie längst überwunden glaubte.

Genau wie bei Katharina hat sie in ihrer Jugend ein an Jahren etwas älterer Mann erweckt – hat sie zur Frau gemacht. Wie zwei Kometen, die im Weltall aufeinander treffen, waren sie miteinander verschmolzen. Von einem Vollmond zum anderen währte dieses Glück – bis es den anderen bekannt wurde. Schande wurde gerufen, eine Schande sei es für die Familie – Blutschande hätten sie getrieben – Onkel und Nichte miteinander. So wurde auf sie eingeschlagen – obwohl sie beide nicht um die Verwandtschaft wußten – bis dahin. Auf einem Nebenwege war ihr geliebter Sergeji auf die Welt gekommen – von allen verschmäht und nie benannt. Als Frucht einer verbotenen Beziehung. Doch plötzlich wußten alle, wer er war – selbst die Unwissendsten – und alle hatten es schon bei seiner Geburt gewußt – dieser Mensch ist ein Unglück. Niemand hat in ihre Seele geschaut. Die Familienehre war wichtig – einen großen Familienrat gab es. Sergeji hat es nicht ertragen – erschossen hat er sich – selbst exekutiert mit der Pistole, die ihm ihr Vater gab. Sie mußte dabei zusehen – damals wünschte sie sich schon einmal zu sterben. Das Grauen läuft ihr in Bahnen kalt den Rücken herunter.

Bevor dieses Grauen ihre Bewegungen blockiert – ein Weitergehen unmöglich macht – dreht sie entschlossen den Knauf an der Kabinentür – macht einen Schritt ins Innere – und sieht den Kapitän, über ein Bild gebeugt, am Tisch stehen. In der Rechten hält er einen Brief. Hans wendet sich nicht einmal Henrietta zu – mit schmalen Lippen sagt er nur: „Komm rein – ich habe dich schon erwartet.“

Mit einer eckigen Bewegung reicht er ihr den Bogen Papier. „Das kam vor zwei Stunden über Satellitenfunk von Väterchen Wassili – ich hab es schon entschlüsselt.“

Sie überfliegt quer die wenigen Sätze, die auf dem Papier stehen. Sie kennt deren Inhalt – seit fünfzehn Stunden. Björns Verhalten wird ihr klar – die Bedeutung seiner knappen Worte – und der Ausdruck seines Gesichtes. Warum ist die Botschaft nicht früher geschickt worden? Fünfzehn Stunden früher. Fünfzehn Stunden – und das Schicksal hätte einen anderen Weg eingeschlagen – hätte ihre Entscheidung, die offenbar falsch war, verhindert

Henrietta greift aus einer inneren Regung heraus nach Hans seinen Händen – spürt, wie ein Zittern durch seinen Körper läuft – in kleinen Wellen – als wenn sich ein Erdbeben bereitmacht, alles zu zerstören. Unversehens liegen sich die beiden in den Armen – der große starke Mann hat seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt – tonloses Schluchzen schüttelt ihn, und treibt Bäche von Tränen aus seinen Augen. Eine geraume Weile stehen die beiden wie ein Wesen in der Mitte der Kabine – bis Henrietta Hans wie ein kleines, geschundenes Kind zu seiner Koje geleitet – ihm eine Dosis aus ihrer Apotheke injiziert – ihm damit hilft, die Scherben seiner Seele zusammen zuhalten. Sie wartet, auf dem Kojenrand sitzend, bis er aus dem Wachsein weggetaucht ist – steht behutsam auf, und schließt leise die Kabinentür hinter sich.

Henrietta sehnt sich nach Alleinsein – sie muß aber erst auf die Brücke – von Björn die Zeitinformationen erhalten. Zu einem Gedankenaustausch mit Björn fühlt Henrietta sich in diesem Moment nicht fähig – sie ist froh, dass er nichts fragt – sondern nur die Daten erklärt. In drei Stunden öffnet sich erst der Korridor nach Königsberg – solange bleibt der graue Panther auf Schleichfahrt.

„Draußen ist alles ruhig. Weit und breit nichts auszumachen – ich werd die Zeit schon abwettern“ ist Björns beruhigender Kommentar auf ihren Wunsch nach Besinnung.

„Im Notfall – ich bin in meiner Kabine“ sie hängt noch ohne eine weitere Erklärung hintendran:der Kapitän ist frühestens in vier Stunden wieder auf dem Posten.“ Björn hat mit keiner Silbe nachgefragt warum – er hätte auch keine Antwort bekommen – keine Antwort von der starken Frau, die sich – wie ein waidwundes Tier in seine Höhle – in ihre Kabine verkriecht. Henrietta muß erst einmal die alten Wunden lecken – die das Schicksal aufs Neue so grausam aufgerissen hat.

Auf dem Weg in ihr Quartier wirft sie noch einen Blick auf Katharina – auch die ist weit, weit weg – Gottseidank.

Ohne sich auszuziehen schmeißt sie sich in ihre Koje – verbirgt ihren Kopf in den Armen – und ohne etwas dagegen tun zu wollen, fängt sie hemmungslos an zu schluchzen – wie ein Kind, das die Ungerechtigkeit der Welt um sich herum nicht versteht. Gemeinsam mit diesem Nichtverstehen begleitet sie das Schluchzen hinüber in die Schlafwelt des Vergessens.

Ein Duften zieht sie in die leicht schaukelnde Wirklichkeit zurück. Eine Stunde ist verstrichen, seitdem sie die Brücke verlassen hat. Sie hat nichteinmal mitbekommen, daß Henk ihr einen starken Grog in die Kabine brachte – erst der Duft des süßen, heißen Wodkas hat sie mobilisiert. An dem ersten Schluck verbrennt sie sich fast die Lippen – und nennt sich selbst ein Kamel – aber die, mit geheimnisvollen Kräutern aufgeputschten, Prozente mobilisieren ihre Lebensgeister – die baßerstaunt darüber sind, daß die Hülle ihres Daseins in Kleidern geschlafen hat – und sie mit einem Husch unter die Dusche jagen. Natürlich ohne Kleider.

Kaum das die warmen Strahlen aus dem Brausekopf ihre Haut netzen, blinkt ein rotes Lämpchen auf, und ein Summton schwebt durch die Kabine. Das Zusammenspiel von Akustik und Vision heißt: Auf die Brücke – sofort. Mit ankleiden würde zuviel Zeit verstreichen – also, einen flauschigen Bademantel über – und ab nach oben.

Auf der Brücke haben sich bereits drei Mitglieder der Besatzung eingefunden. Die es anscheinend als normal empfinden, daß eine Frau – mit nassen Haaren und im Bademantel – herein gestürmt kommt, und die Runde vervollständigt. „Wir haben ein Problem – und ich muß innerhalb der nächsten fünf Minuten entscheiden“ – Björn betont das „Ich“ besonders. „Da der Käpten noch nicht auf Posten ist, möchte ich eure Einschätzung der Lage hören.“ Völlig unberührt läuft dieser Satz durch die Luft des Kommandostandes in die Richtung der lauschenden Ohren. „Entweder wir ziehen in fünfzehn Minuten an Baltjisk vorbei, durch den Korridor – dann ist allerdings keine Gewähr für unsere Sicherheit im Haff gegeben – oder wir müssen hier draußen noch drei Stunden kreuzen – relativ unbehelligt.“ Björn hält mit seiner Rede inne – schluckt zweimal heftig – macht eine kurze Pause. Macht er eine kurze Pause um Henrietta Zeit zum Begreifen zu geben – oder schluckt er, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden, der ihm plötzlich die Luft nimmt – weil er vor sich – in greifbarer Nähe – durch den auseinanderfallenden Stoff des Bademantels ein paradiesisches rotlockiges Dreieck sieht – vom Duschen noch feucht und dunkel schimmernd.

„Wenn wir uns entschließen abzuwarten, steht uns nachher weniger Zeit zur Verfügung – die zweite Schwebezeit kann nicht verschoben werden.“ Als der Steuermann das sagt, hat sich der Klang seiner Sprache verändert. Etwas Anrührendes begleitet seine Worte.

Henrietta bemerkt überrascht den Bruch in Björns Stimme – sieht den veränderten Ausdruck in seinem Gesicht – und streicht mit den Fingerspitzen der linken Hand provokativ über den dichten Bewuchs ihres Venusberges – bevor sie mit der Rechten – zögernd, als wolle sie den begehrlichen Augenblicken ihr Ziel nicht abschneiden – den Bademantel wieder übereinander schlägt.

Welcher Teufel reitet ihre Gefühle, daß sie wie gebannt auf die Wirkung ihrer Gesten starrt, die Auswirkung, die unter Björns Overall deutlich sichtbar wird. Bisher hat das Weib in Henrietta den Mann Björn gar nicht wahrgenommen – sie hat den Steuermann immer nur als Steuermann – als Bestandteil des Schiffes gesehen.

Urplötzlich hat er in ihrem Denken eine andere Gestalt angenommen – ist Gefühl geworden. Riecht und sendet Signale, die bei ihr eine Antenne finden für des Körpers Botschaften. Botschaften – die Platz finden auf den Feldern, die sie bisher Gregori vorbehalten glaubte.

 

  Die Unterhaltung der vier Männer um sie herum ist wie Nebel an ihr vorüber gezogen – ohne eine Spur in ihren Gehirnwindungen zu hinterlassen. Ihr Einverständnis bezüglich des weiteren Verhaltens hat sie quasi als Wimpel an die Einstimmigkeit der anderen angehängt – der graue Panther wird witternd vor der Höhle abwarten – bis sich die Wölfe beruhigt haben.

Henrietta könnte sich jetzt in ihre Kabine zurückziehen, sowie die anderen auch schon wieder auf ihre Posten zurückgekehrt sind. Das möchte sie auch – aber das kann sie nicht. Wie angenagelt steht sie nach fünf Minuten immer noch auf demselben Fleck – eine Armlänge von Björn entfernt – inmitten ihres von den Schultern gerutschten Bademantels. Bewegungsunfähig hockt der Schwede Björn auf den Bruchstücken seiner bisherigen Gefühlswelt und starrt wie hypnotisiert auf Henriettas nackten Körper, der ein tierisches Verlangen ausstrahlt. Auch Mütterchen Rußland hat verdammt schöne Mädchen in die Welt gesetzt.

Eine wiegende Drehung des Schiffes löst die Blockade in den erstarrten Körpern. Einem Gewittersturm gleich, der über eine sommerliche Landschaft herein bricht, entladen sich ihre Gefühle. Immer und immer wieder schießt die Wollust wie ein Feuerwerk durch ihre Körper – die beiden sind wie entfesselte Vulkane, die Ewigkeiten geschlafen haben – und nun toben und toben und toben. Bis sie auf der kühler werdenden Asche zur Ruhe kommen.

Niemand von der Besatzung hat sich während der Sinnenschlacht auf der Brücke sehen lassen – wohl auch nichts von dem Ausbruch der Leidenschaft mitbekommen – obwohl es schon lautstark zuging. Wie bei einer soliden, temparamentvollen Wirtshausschlägerei. Die schalldichte Isolation des Bootes ist auch für solche Vorkommnisse ein Segen der Technik.

 

  Dreißig Minuten vor Mitternacht ist in der kleinen Welt des grauen Panthers Normalität eingekehrt – soweit man überhaupt von Normalität reden kann. Keine Spuren mehr zu sehen von den Stürmen der Gefühle, die durch das Innere fegten. Weder bei Henrietta und Björn – noch bei Hans, dem Kapitän, der völlig ruhig auf der Brücke steht, als wäre er nie in eine andere Welt eingetaucht.

Könnte man allerdings in seine Seele schauen – man würde an allen Wänden Katharina geschrieben sehen – mit Feuer gemalt. Und nicht die Spur einer Idee in ihm, wie er diese Schrift – behaftet mit dem Makel der Schande – jemals wird auslöschen können. Nur – wer kann schon in seine Seele schauen?

 

  Die Konzentration zittert auf schmalen Graten – zerrt unsichtbar an den Nerven aller. Solche Unternehmen sind jedesmal ein Spiel mit dem Tod – ein Spiel mit verdeckten Karten. Bei dem keiner weiß, wo der Joker steckt – und bei dem immer ein Ahnen von gezinkten Blättern in den Köpfen ist.

An Backbord kriecht die dunkle Silhouette der Hafenanlagen von Baltjisk vorüber – von der Nock des grauen Panthers grüßt kein rotes Licht die schlafenden Augen der Wächter.

Nur der Pillauer Leuchtturm schickt unablässig seine Strahlen über Haff und Ostsee. Von der Steuerbordseite wabert ein dünner Nebelschleier über die Landzunge der Frischen Nehrung auf das Fahrwasser hinaus. Günstige Bedingungen für die Passage in die Pregelmündung.

Ein Niemand fährt geräuschlos durchs Niemandsland – der elektrische Antrieb ist nichteinmal auf der Brücke zu vernehmen. Wichtige Voraussetzung, um die akustischen Ortungsgeräte ruhig zu halten. Denen man leider nicht die Ohren stopfen kann – obwohl die Verbindungen der „Eisblumen“ schon vieles ermöglichen. Auf der Höhe von Svetlij ist der Seekanal in die Pregelmündung nicht passierbar – eine Begründung für die Sperre ist aus dem Funkspruch aus Wolgograd nicht herauszulesen – nur die strikte Order unmittelbar Primorsk – das ehemalige Fischhausen – in der Ostbucht anzulaufen.

Hans denkt nach Zuhause – ins Wangerland. Fischhausen – wie oft ist er als Kind auf diesem alten Häuptlingssitz gewesen – bei Tante und Onkel. Hat seine Ferien auf der Burg verbracht – ohne bei den kinderlosen Verwandten den Bauernjungen beweisen zu müssen – der Bauernjunge aus Wassens. Der nie ein Bauernjunge war.

Onkel Claas hat ihn die Seefahrt gelehrt – der alte ausgediente Seebär. Der sich auf seiner Burg so ein bißchen als Klaus Störtebeker fühlte, und jede freie Stunde mit seinem Gaffelschoner die Gewässer vor Butjadingen und Ostfriesland unsicher machte. Der alte Claas hielt auch nicht viel vom Weibervolk – wie er sich immer ausdrückte. Er war von seinen Eltern in die Ehe geschoben worden. Damit die Besitztümer nicht in familienfremde Hände gerieten. Das war eine Art der Landvermehrung, sagte er wohl mal spöttisch nach den ersten zehn Kööm. Sie hatten sich arrangiert – seine Frau und er. Unter dem Willen der besitzgierigen Eltern hindurch. So wurde zwar kein kleines Burgvolk in die Welt gesetzt – aber Kinderlosigkeit kann ja viele Ursachen haben. Auf jeden Fall litten die Drei nicht an entsagter Liebe.

Tante Friederike durfte ihren Jugendliebsten nämlich auch nicht heiraten. Den armen Schlucker – den Hungerleider aus einer Arbeiterfamilie. Claas hat gleich nach der Hochzeit die See als seine Braut gewählt – und Friederike lebte ihre Leidenschaft mit dem verbotenen Schusterjungen aus. In der Abgeschiedenheit der Burg Fischhausen – an den zufriedenen Augen der Verwandtschaft vorbei. Schuhe hat der Schusterjunge in seinem Leben zwar nicht besohlt – aber gespiekert hat er mehr wie sein Vater in der ärmlichen Werkstatt. Originalton Nachbar Gerdes an einem Silvesterabend.

Bis der Krieg ihn und sein lustiges Leben geschluckt hat – mit Haut und Haaren – um ihn irgendwo in Polen als toten unbekannten Soldaten auszuspucken.

Hans war nach Onkel und Tantes Tod Erbe der Burg geworden – Burgherr auf Fischhausen. Verkauft hat er diesen maroden Kasten ganz schnell. Und jetzt fährt er damit zur See – oder besser mit dem Erlös aus dem Verkauf – denn damit konnte er sich einen Traum erfüllen. Ein eigenes Schiff ließ er sich bauen – den grauen Panther.

Seine Eltern waren von diesem Tun ihres einzigen Kindes zwar nicht gerade begeistert – malte es ihnen doch ein Bild, was mit dem großen Hof in Wassens nach ihrem Ableben geschehen würde. Hans Gronewold sen. hatte schon mal Ozeandampfer auf eine diesbezügliche Frage, an seinem allabendlichen Stamm-Tisch im Schlagboom in Waddewarden, geantwortet. Der Wirt hatte ihm daraufhin das scherzhafte Angebot gemacht, seinen Sohn in eine Frau zu verwandeln, die dann vermutlich eine Schönheitsfarm aus dem Hof machen würde. Ein Stammtischbruder hegte Zweifel, ob des Wirtes Fähigkeiten als Zauberer dazu ausreichten. Hans Gronewold sen. besaß aber wohl keine rechte Vorstellung von dem, was ein Ozeandampfer so kostet. Diese Sorge braucht er nun nicht mehr haben – auch wenn er es noch nicht weiß. Seine Enkeltochter ist auf dem Weg zu ihm. Das Mädchen seines Mädchens, das er in einer eiskalten Nacht des Kriegswinters vierundvierzig in Katharinas Babuschka zum Werden brachte – und von dem er bis jetzt noch nicht die geringste Ahnung hat.

 

  Ein junges Mädchen aus Sankt Petersburg wird für eine Zeit bei ihnen auf dem Hof zu Gast sein – um in Deutschland Geschichte zu studieren, und in der Sprache heimisch zu werden. Da hat er zugestimmt, als nach den ersten schriftlichen Kontakten eines Tages eine große schwarze Limousine auf den Hof gerollt kam. Ein Wolga der oberen Klasse – mit einem Schofför, der wie in Wachs gegossen hinter dem riesigen Lenkrad thronte. Ein russischer Pope entstieg diesem Gefährt – in vollem Ornat und mit einem wallenden schwarzen Bart. „Oh Gott – Rasputin“ – hatte seine Frau erschrocken hinter vorgehaltener Hand ausgerufen. Es schien tatsächlich wie ein Bild aus den Geschichten um die Zarin Katharina und ihrem besessenen Priester – wie Väterchen Wassili in der alten Bauernstube stand – und mit seiner dröhnenden Baßstimme einen guten Tag wünschte. Und das auch noch in friesischem Platt.

Zugestimmt hat er – weil plötzlich in seinem Kopf Erinnerungen herumwirbelten. Bildseiten aus seiner Soldatenzeit aufgeschlagen wurden – wie in einem vergilbten Album aufbewahrt, schienen sie ihm. Erinnerungen an eine kleine ärmliche Hütte – in der er aufgewacht ist – im Kriegswinter vierundvierzig. Aufgewacht – obwohl er sich tot glaubte. Wie all seine Kameraden aus der vierzehnten Kompanie tot waren. Nach diesem schrecklichen, alles vernichtenden Angriff der Roten Armee. Überrannt hatten die Roten ihre Stellungen – einfach unter Menschenmassen begraben. Russische Soldaten in riesigen Kolonnen waren auf sie zugestürmt. Mit an den Handgelenken festgebundenen Gewehren, wurden diese Männer von ihren eigenen Panzern erbarmungslos vorwärts getrieben. Über die deutschen Stellungen hinweg. Wer zu Fall kam, wurde – gemeinsam mit dem Feind – von den Ketten der stählernen Ungetüme zermalmt. Verdreckt und zerlumpt, in seiner zerfetzten Landseruniform, hatte man ihn nach Tagen in einem der Erdtrichter gefunden. Nachdem die kämpfenden Einheiten weiter gezogen waren. Halbtot – oder mehr. Irgendeiner der hungernden russischen Bauern hatte noch Leben in ihm gespürt, als sie in seinen Taschen nach Eßbarem suchten – und statt ihn – den Germanskisoldaten – krepieren zu lassen, hatten sie ihn mitgenommen. Ihr eigenes Leben riskierend. Denn mit Menschen, die auch den Feind als Geschöpf Gottes respektierten, wurde auf keiner Seite langes Federlesen gemacht. Er erinnert sich an warme, zärtliche Worte – und noch wärmere und zärtlichere Hände. Die ihn von den unerträglichen Schmerzen – die von seinen blauen, erfrorenen Gliedern ausgingen – befreiten.

Am deutlichsten erinnert er sich an die erste Sekunde seiner Wiedergeburt – wie er es im Stillen bezeichnet. Große, braun leuchtende Augen füllten seine Empfindungswelt aus – ließen ihn alle Qualen vergessen.

Er meinte in einen Bergsee zu schauen – so unergründlich tief und rein lagen sie in einem Jungmädchengesicht.

Jetzt, in diesem Moment, weiß er plötzlich – der Blick dieser Augen hat ihn nie losgelassen.

Gesundgepflegt haben sie ihn – den feindlichen Soldaten, wie man es in der Heimat nicht hätte besser machen können. An nichts mangelte es ihm in den folgenden Wochen bei diesen einfachen Menschen, obgleich ihnen selbst der Hunger um die Knochen wehte.

Mit jeder Stunde ging es ihm besser, bis er stark genug war und sich nach Westen durchschlug. Im Zickzack Kurs – immer hinter der sich auflösenden Frontlinie her – in Gdingen die Wilhelm Gustloff erreichte. Auf ihrer vorletzten Fahrt über die Ostsee. Und dann, schon in vermeintlicher Sicherheit, der Roten Armee überstellt wurde. Für fünf Jahre in Kasachstan landete. Eine kleine Alliierte Gefälligkeit – denn in Holstein war der Krieg schon zu Ende

Olga, ja Olga – so hieß die junge Frau, die ihn in dieser kurzen Spanne Zeit liebte – wie eine Frau einen Mann nur lieben kann. Diese Liebe hat er lange mit sich herumgetragen, hat sie gehegt und gepflegt wie ein Kleinod – auf seiner Flucht aus den Grausamkeiten des Krieges. Von Olga bekam er zum Abschied ein Medaillon mit eingeritzten kyrillischen Zeichen – das hat ihm auf seinen Irrwegen so manche Tür geöffnet und in Kasachstan so manche Mißhandlung erspart. Er hat nie die Bedeutung der Schriftzeichen verstanden. Eisblumen wären es – hat ihm mal einer, des russisch kundigen, seiner Kameraden gesagt.

Als Hans, sein Sohn, in die russischen Küstengewässer aufbrach, hing dieses Medaillon um seinen Hals. Es sollte ihn beschützen, wie es ihn beschützt hatte.

Fünf Jahre Gefangenschaft in einem Lager in den Schluchten des Kaukasus hat die Erinnerung an diese Liebe ihn überstehen lassen, bis sie dann im Tagesgeschehen auf dem heimatlichen Hof langsam verblaßte.

Jetzt – nach über einem halben Jahrhundert alltäglicher Tage und Nächte im Einerlei des Lebens – jetzt weiß er plötzlich, daß nichts verblaßt ist. Das alles nur ganz tief verpackt war – wie in einer Truhe, deren untere Schätze auch nur selten ans Licht kommen.

Jetzt kann er sich sogar an die Locke erinnern, die Olga ihm in der letzten Nacht abgeschnitten hat. Im ersten Moment des Besinnens sind seine Finger zum Kopf gefahren, um die Stelle zu fühlen, an dem die Locke fehlt. „Ganz schön meschugge – nach fast fünfzig Jahren – und grau wäre sie jetzt sowieso“ schoß es ihm aufheiternd durch den Kopf.

 

  Und darum hat er zugestimmt, als der russische Pope mit dem riesigen schwarzen Bart um eine – wie sagt man heute auch noch? – Hans Gronewold sen. kann sich immer noch nicht mit dem Sprachenwirrwarr abfinden, den man in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg angerührt hat. Ach, ja – Aupair Mädchen ist wohl die neuere Bezeichnung – also, als der Pope sich um den Aufenthalt dieses jungen russischen Mädchens bemühte. Auf halbem Wege befindet sich ihr Gast in diesem Moment – auf halbem Wege zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart – als Hans Gronewold sen. im jeverländischen Wassens am Silvesterabend diese Gedanken durch den Kopf gehen. Er denkt noch im WIR – obschon es dieses WIR seit kurzem nicht mehr gibt. Er muß sich erst daran gewöhnen.

Vor acht Tagen ist seine Frau auf dem alten Kirchhof zur letzten Ruhe gelegt worden. Sein Sohn, irgendwo da draußen auf dem Wasser, weiß noch nichts davon. Die Kunde hat ihn noch nicht erreicht. Wenn der alte Hans Gronewold ahnte, daß sein Sohn und seine Enkeltochter . . .

Einsamkeit umschwebt den alten Mann, der wie verloren in dem großen Ohrensessel vor dem Kamin sitzt. Seine Hände kraulen den zotteligen Kopf eines Hundes. Eine Spur von Trotteligkeit hängt dem treuen Tier schon hinterher – als wenn er mit seinem Abschied von dieser Welt bloß noch wartet, bis er seinem jungen Herrn Adjöh sagen kann. Hans, der Kapitän – der damals noch als zweiter Offizier auf einem Frachtschiff fuhr – bewahrte ihn als jungen Welpen vor einem erbärmlichen Schicksal. Eine Mülltonne im Rigaer Hafen sollte seine Endstation sein. Hans hatte während eines Streifzuges durch den Hafen sein jämmerliches Fiepen gehört, und diese Handvoll gepeinigter Kreatur mit an Bord genommen. Nein, nein – kein Dasein als Schiffshund ist daraus geworden – ein feines Leben auf dem Bauernhof in Wassens wurde ihm beschert. Als Wegbegleiter für die Eltern – und als Verbindung zu dem Sohn – der selten, allzu selten bei ihnen ist.

 

  Der Sohn steht genau in diesem Augenblick weit in der Fremde – auf der Brückennock des grauen Panthers – und hält das Medaillon umklammert, das sein Vater ihm vor Jahren anvertraute. Ohne viel Worte – viele Worte macht man im Jeverland nicht. Nur ein einziger Satz war es – und der klingt ihm heute wie Kassandras Rufen in den Ohren:

„Glück soll es dir bringen.“

Glück hat es ihm gebracht – er hat die Liebe einer Frau erfahren dürfen. Hat erfahren dürfen, daß diese Liebe keine Erfindung irgendwelcher romantischer Dichterhirne ist. Ein kurzes Glück für ein paar Stunden – bis seines Vaters Vergangenheit ihn einholte, und als scharfkantige Wahrheit aus dem Himmel fiel.

Er weiß seit ein paar Stunden, was in das glänzende Stückchen Metall geritzt ist – und weiß auch um die Bedeutung der Zeichen. Durch dieses Medaillon ist Väterchen Wassili im vergangenen Jahr auf die Spur von Hans Gronewold sen. gestoßen. Von Hans Gronewold sen. – dem Großvater Katharinas – die Katharina, die der Sohn Hans wie nichts auf der Welt liebt – mit der er vor wenigen Stunden das Himmelsfeuer oder sollte er besser sagen Höllenfeuer? der körperlichen Liebe durchlebte. Jekatharina Roganowa – seine Nichte – die Tochter seiner Schwester. Oh du holde Unwissenheit – aber er ist nicht mehr unwissend. Warum hat man ihm den Speer der Offenbarung erst zu spät ins Herz gestoßen?

Nachdem er Björn das Kommando übergeben hat, zieht er sich in die Bibliothek zurück und schreibt zwei Briefe.

Einen Brief an seine Eltern – daheim in Wassens. Diesen Zeilen legt er das Medaillon bei. Zu Gesicht bekommen wird diesen Brief nur noch sein Vater – aber der wird ihn seiner Frau auf dem alten Kirchhof in Waddewarden vorlesen. Damit sie ihn und ihren Sohn versteht. Der andere Brief ist gerichtet an Henrietta und Björn – seine beiden Weggefährten in vielen gefahrvollen Missionen.

Die beiden Briefe liegen schon eine geraume Weile vor ihm auf dem Tisch, als Hans Gronewold – der Käpt’n – sich erhebt, die versiegelten Umschläge ins Logbuch legt – und sich auf die Brücke begibt. In wenigen Minuten scheint er um Jahre gealtert – wie in einem Zeitraffer. Diese Wandlung spricht aber keiner der auf der Brücke Anwesenden an, als er den Steuerstand betritt. Für die Erörterung seelischer Probleme ist nicht der passende Moment. Jedermanns Sinnen ist darauf gerichtet, lebend und mit heiler Haut aus dieser Mausefalle herauszukommen. Die Voraussetzungen sind alles andere als günstig.

Trotzdem ist hier oben alles ruhig. Hektik wäre auch ein schlechter Partner in diesem Pokerspiel der Hasardeure – die sie alle irgendwo sind. Die Nebelschleier haben mittlerweile die ganze Bucht wie mit einem feinen Netz überzogen. Die drei Knoten, mit denen das Schiff sich der Küste nähert, lassen nicht einmal mehr die kleinen Wellen spüren, die gegen den abflauenden Ostwind auf den Strand zulaufen. Gleichzeitig mit dem Lichtpunkt, der auf dem Schirm auftaucht – und ein kleines Boot zwei Seemeilen voraus ortet, geht über Satellit eine Meldung ein. Der verschlüsselte Text besagt:

 

Treffpunkt dreißig Minuten Primorsk Reede – Kennung nach XW 7 – Passagiere an Bord bleiben – Verbindungen geschlossen – nach Blumentausch unverzüglich Nase aus dem Wind nehmen – Gute Reise.

 

Die Gründe für diese Änderung des ursprünglichen Planes sind den beiden Männern auf der Brücke nicht bekannt.

Das ist auch völlig ohne Belang. Denn als wenn es ein Kochrezept aus Mutters Küche ist, nach dem man schon hundertmal eine Speise zubereitet hat, hält man sich an die Anweisungen – werden die Handgriffe erledigt und die Vorgaben der Geräte befolgt. Man befindet sich im Alltagsgeschäft – zweifellos. Und die Blicke der Verbindungsleute an Land reichen weiter. Für alle und jeden in der Organisation gilt die Devise: Wenn man den Topf, der auf dem Herd steht, nicht aus den Augen läßt, brennt auch nichts an.

Bekannt ist den beiden Männern auf der Brücke aber auch nicht, daß Henrietta über ihre eigenen Kanäle ausführliche exzellente Informationen besitzt, und ständig neue erhält. Die sie – wenn nötig – ins Spiel mit einbringt. Sie weiß zum Beispiel, daß der Oblast Kaliningrad seit einer halben Stunde auf dem Landwege nicht mehr zu verlassen ist. Die ohnehin dünn gesäten Grenzübergänge sind nicht mehr passierbar. In kürzester Frist gibt es auch keine Bewegung mehr in Richtung offene See bis dahin muß der graue Panther die Enge von Baltjisk hinter sich gelassen haben. Sonst hilft auch kein Beten mehr – es bleibt dann nur noch die Selbstzerstörung. Aber erst müssen die Blumen getauscht werden – koste es was es wolle. Mit diesen Blüten in den Frachträumen würden sie zu Aussätzigen. Von allen gejagt – auch von ihren eigenen Auftraggebern. Getreu den Spielregeln der Mächtigen – mißlingt eine Mission, sind die Akteure auf sich allein gestellt. Ein Scheißjob – hat in solchen Situationen jeder der Beteiligten schon mal gedacht – aber Freiheitsdenken, Abenteuerlust oder einfach Geld haben sie irgendwann dazu gebracht und halten sie bei der Stange. Und sowieso – wer sich einmal auf dieses Spiel eingelassen hat, kann nicht mehr aussteigen. Es sei denn als Toter.

Genau zum anvisierten Zeitpunkt läuft ein kleines Frachtboot längsseits. Jede Hand an Bord der beiden Schiffe kennt präzise seinen Griff – jede Handreichung sitzt. Zuerst gehen die länglichen, in derbes Leinen verpackten Gegenstände von Bord des grauen Panthers.

Der unter diesen Umständen fast liebevoll zu nennende Umgang der Männer mit den länglichen Paketen fällt dabei auf. Enthalten sie doch eines jeden Kriegers liebste Spielzeuge – Waffensysteme modernster Bauart. Aus Quellen, die – würden sie bekannt werden – der Ursprung neuer Kriege werden könnten. Bestimmt aber manchem Biedermann an den Schalthebeln westlicher Machtzentren – gleich ob in Washington, London, Paris oder Berlin – die Maske der Friedfertigkeit vom Gesicht nehmen würde. Auf den abenteuerlichsten Wegen wird das Verderben um die Welt geschickt. Den umgekehrten Weg nehmen anschließend viele Säcke – Säcke, noch mit Hammer und Sichel gezeichnet. Gut verstaut in den Frachträumen des grauen Panthers. Futter für die unersättlichen Hintermänner dieser Geschäfte. Bernstein aus den Tagebauen der ostpreußischen Goldküste. Der graue Panther ist ein nicht zu stopfendes Loch in den Inventurlisten der Bernsteinkombinate – ein von hungrigen Wölfen gejagtes Phantom. Der Austausch der „Blumen“ ist in weniger als der geplanten Zeit vonstatten gegangen – nun rauscht der graue Panther mit schäumender Bugwelle dem Schlupfloch aus der Falle zu – wenn erst die stählernen Netze im Ausgang des Seekanal gefallen sind – dann gibt es kein Entkommen mehr. Dann können sie den Jägern nicht mehr entrinnen, die als kleine Leuchtpunkte am Rande des Radarschirmes auftauchen. Aber die siebzig Knoten Fahrt sind ein As im Spiel der Kräfte, das bisher immer noch gestochen hat.

 

  Katharina wird Königsberg nicht zu sehen bekommen – nicht mit dem Flugzeug Berlin erreichen. Das kleine Flugzeug, mit dem sie und einiges andere Material in dem winterlichen Himmel über Kaliningrad verschwinden sollte, steht umringt von Elitesoldaten auf dem versteckten Feldflugplatz außerhalb der Stadt. Der kommandierende Oberst kocht vor Wut – nichts, aber auch gar nichts wurde von seinen Leuten in der weissen Cessna gefunden. Einzig der Pilot gehört nicht zur werksmäßigen Grundausstattung der Maschine. Für sein ansonsten leeres Flugzeug wird er teuer bezahlen müssen. Die Wut enttäuschter russischer Offiziere war schon zu allen Zeiten kein Weihnachtsgeschenk für die Betroffenen. Bis er sein Wissen in die grellen Verhörlampen schreit, soll schon noch einige Zeit vergehen – denn die Eisblumen sind nicht so leicht zu brechen.

 

  Hans wischt sich den kalten Schweiß von der Stirn – das einzig sichtbare Zeichen innerer Erregung. Ein paar Schiffslängen hinter ihrem Heck flammen vieltausendkerzige Scheinwerfer auf. Stechende Lichtbahnen tauchen die soeben passierte enge Durchfahrt in gleißende Helle. Die kräuselnde Wasseroberfläche verrät dem kundigen Beobachter die sich schließenden Stahlgitternetze. Das war knapp. Die jagenden, hungrigen Wölfe können nur noch hinter ihnen herhecheln.

 

  Der Kapitän ist froh, daß die anderen – allen voran Katharina – ihr Ziel erreichen werden. Der Abstand zum Feuer Pillau wird mit jedem Atemzug größer – bis der Nebel das letzte Blinken verschluckt. Ideale Bedingungen für so vieles Tun. Mit gedrosselten Maschinen sucht der graue Panther sich sein Ziel. Ruhe herrscht im Schiff – Hans Gronewold ist allein auf Wache. Er hat Björn in die Koje geschickt. Sein Steuermann wird noch einiges an Energie benötigen – für das, was auf ihn wartet. Er ist seit einigen Stunden fest entschlossen, seine Verbundenheit mit Katharina ehrenvoll zu Ende zu bringen.

 

  Björn benötigt seine Energien in diesem Augenblick – und auch in den folgenden für eine ganz andere Sache – um die sämtliche Probleme in den eisigen Fluten der Ostsee – wie in einem riesigen Loch zu verschwinden scheinen. Henrietta und er befinden sich auf dem direkten Weg in den siebenten Himmel aller Liebenden. Unersättlich scheint diese kleine rothaarige Wildkatze in ihrem Begehren zu sein – schier unersättlich ist auch Björns besitzen wollen. Nie in seinem Leben ist ihm vergleichbares widerfahren – jede, auch noch so kleine Berührung des weichen, warmen Frauenkörpers läßt das Feuer der Begierde in seinen Lenden neu auflodern – und die Antwort von Henriettas Körper ist wie die aufbrechende Natur in den Weiten der sibirischen Tundra – wenn Frühlings der Schnee schmilzt und die Sonne das Regiment übernimmt.

 

  Mitten in diesen heißen Sturm fällt wie ein eisiger Regen das Zittern der roten Lampe über Björns Koje – dreimal läuft es in seinem Kopf rund, bis ihm eingeht: Alarm von der Brücke!

Bloß mit Overall und Mütze angetan saust er barfüßig in den Kommandostand – gleichzeitig mit ihm tauchen noch vier reichlich verschlafen wirkende Köpfe aus den Niedergängen auf.

Seltsam – die Brücke ist verwaist. Das Leitsystem ist auf Autopilot geschaltet. Die in allen Farben blinkenden Lämpchen der Kontrollsysteme schillern still vor sich hin – die einzige Bewegung geht vom Schott zur Brückennock aus – das im Wind hin und herpendelt – und den Alarm ausgelöst hat. Ein Blick auf die Sicherungsschirme der Nachtsichtgeräte zeigen keine Bewegung an Deck. Auf einen Knopfdruck Björns erstirbt das Maschinengeräusch. Seine automatische Reaktion auf das sich ihm bietende Bild: Mann über Bord – Käpten über Bord. Jeder der noch sechs Besatzungsmitglieder ist im Nu auf seinem Posten. Bei Nacht und Nebel jemanden zu finden, der über Bord gegangen ist, kann man mit der berühmten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen vergleichen. Im Normalfall. Die Technik des grauen Panthers ist da auch dem Normalfall etwas voraus – seine sensiblen Spürnasen finden alles im Bann von einer Seemeile, das nicht aus Ostseewasser besteht. In kurzer Zeit hat der Computer seine Berechnungen ausgespuckt, und aus Alarmzeitpunkt, Windgeschwindigkeit, Abdrift, Körpergröße und Gewicht des Vermißten das Suchgebiet vorgegeben. In ständig größer werdenden Kreisen zieht das Schiff seine Bahn. Beim dritten Rundlauf identifizieren die Geräte einen Körper – den gesuchten Körper von Hans Gronewold. Aber sie registrieren kein Leben mehr in diesen einhundertzweiundneunzig Zentimeter menschlichen Wesens. Nüchtern stellen die Sensoren fest: Hans Gronewold ist Tot! In gleichem Maße fassungslos schweigen die Menschen an Bord, als der Leichnam ihres Kapitäns unter Deck gebracht wird. Im Logbuch vermerkt Björn:

 

Erster Januar im Jahre des Herrn 1993 – 00 Uhr 43 Minuten OEZ / 18° 43 min 17 sek Nord – 55° 32 min Ost – tödlicher Unfall an Bord – Kapitän Hans Gronewold über Bord gegangen – Leichnam an Bord verholt.

Björn Rickedal – 1. O. Steuermann.

 

Vor dem Eintrag ins Logbuch hat er die beiden Briefe gefunden. Ratlosigkeit ist sein erstes Empfinden. Auf Henriettas zureden verstaut er den Brief an die Eltern Gronewold in seinem Seesack. Den zweiten Brief lesen die beiden gemeinsam – und begreifen, warum Hans für Katharina keine Nachricht hinterlassen hat:

 

Liebe Henrietta – lieber Björn!

 

Euch als meinen Weggefährten und Freunden in langen Jahren auf See möchte ich mein Handeln erklären – und um Verstehen fragen. Das Schicksal hat mir etwas auferlegt, mit dem ich nicht weiterleben kann. Gott möge mir vergeben. Euch beide bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst. Katharina darf nichts von den wirklichen Umständen und Hintergründen erfahren. Für sie und alle Welt soll es ein Unfall sein. Wenn ihr meinen Körper findet, bitte, bringt mich nach Hause. Ich möchte kein Seemannsgrab – wie ich es bisher immer gesagt habe. Bestattet mich in Waddewarden auf dem alten Kirchhof. Damit ich meinen Eltern – und Katharina, die hoffentlich in Wassens bleiben wird – immer nahe bin. Alles Weitere habe ich in meinem Testament festgeschrieben. Ihr findet es im Tresor auf der Brücke. Kümmert Euch um meine Liebe –

in alter Freundschaft                                Hans                _________________________________________

 

 

Mit verminderter Geschwindigkeit läuft der graue Panther westwärts durch die Ostsee – die so tut, als wenn nichts geschehen wäre. Die Menschen an Bord können nicht so tun, als wenn nichts geschehen wäre.

Henrietta hat Katharina – die von den Ereignissen außerhalb der Kapitänskabine nicht das Geringste mitbekommen hat – vorsorglich ein Mittelchen aus ihrer Apotheke verabreicht. Sie beabsichtigt, ihr später mitzuteilen, was geschehen ist. Ein Zusammenbruch an Bord könnte nicht absehbare Folgen haben. Ihre Mission ist noch nicht abgeschlossen – und sie können nicht mit einem Frachtraum voller Bernstein den Nord-Ostsee Kanal durchqueren um in den Hafen von Hooksiel einzulaufen. Deutsches Gefängnis wäre ihnen garantiert, und ihre gelackmeierten Auftraggeber würden alles daran setzen sie zu liquidieren. Von dem Zwischenfall dringt vorerst nichts in die Welt hinaus.

Nach einer kurzen Zeit der Besinnung – die Matilda und Björn allein auf der Brücke verbringen – steckt Björn, der die Funktion des Kapitäns übernommen hat, den neuen, alten Kurs ab.

Es geht westwärts – unter der pommerschen Küste entlang. An Backbord sieht man – wie auf einer Schnur aufgezogene Perlen – die polnischen Leuchtfeuer blinken. Wenn ihnen allen nicht so beschissen – Henrietta drückt es so drastisch aus – zumute wäre, würden sie die Lichter sicherlich als freundliche Grüße empfinden. Am Kreuzungspunkt der Strahlen von Rixhöft und Stilo haben sie Hans verloren. Die Namen dieser alten Türme werden sie in seinen Grabstein meißeln lassen.

Die ostpommersche Küste ist für den grauen Panther und seine Besatzung kein ideales Revier – an der glatten Wasserkante findet ein Gejagter nirgends Unterschlupf. Es gibt keine Naturhäfen – keine Buchten. Nur die nüchternen Molengebilde an den Flußmündungen. Einzig die Schnelligkeit ihres Schiffes vermittelt den Menschen an Bord das Gefühl von Sicherheit.

Obwohl – Sicherheit, was ist das? Bei Hans war Björn sich auch in so vielen Dingen sicher – und ein Querschläger des Schicksals riß in wenigen Atemzügen der Geschichte abgrundtiefe Schluchten auf – in denen gepeinigte Seelen verschwanden. Oder Berge von Glück häuften sich so schnell an, daß die Betroffenen mit dem Jubeln gar nicht nachkamen – und das alles auf Tuchfühlung nebeneinander. Aller Augen und Ohren an Bord sind aufs äußerste konzentriert. Eigentlich vergebliche Mühe, denn die technischen Leckerbissen des grauen Panthers sind tausendmal hellhöriger und weitsichtiger – und sowieso, was draußen um sie herum vorgeht, bleibt den menschlichen Sinnen ohne die hoch entwickelten Apparate allemal vorenthalten.

Langsam wandert der strahlende Punkt des Kolberger Leuchtturms ostwärts – als wenn jemand mit riesiger Kraft die Landmarken verschiebt. Die klare Winterluft verschwindet mit den vorbeiziehenden Leuchtzeichen achteraus. Schneegrieseln setzt ein – als wenn der Wettergott die einsam Dahinziehenden hinter den weißen Schleiern vor den Augen der spähenden Wölfe verbergen will.

Noch zwei Stunden bis zum Punkt Null. Die Kennung von Groß Horst schickt schon ihre Grüße an Bord – hoch von der zweiundzwanzig Meter steil abfallenden Kliffkante – unweit von Niechorze.

Katharina – die seit geraumer Zeit auf der Brücke weilt – den tödlichen Unfall von Hans hat sie wortlos – mit scheinbarer Gelassenheit aufgenommen. Mit scheinbarer Gelassenheit – wie man an ihren Augen sieht – aus denen jeder Glanz verschwunden ist. Wie in Säure getauchte Edelsteine – geht es Henrietta durch den Sinn. Menschen, die die Folterkeller der Lubljanka überlebten, blickten auf die gleiche Weise. Der tote Hans Gronewold kann ein, wie in Granit gemeißeltes, Versprechen seiner Weggefährten mit auf seine letzte Reise nehmen: Nie soll Katharina erfahren, daß er um ihrer Liebe Willen seinem Leben ein Ende setzte.

Katharina hat um ihre Gefühle ein Netz gebunden – ganz fest eingeschnürt. Um sich abzulenken lebt sie die Geschichte des alten pommerschen Dorfes Hoff – einst unweit des Groß Horster Leuchtturmes gelegen – nach. Noch zu Zeiten der kommunistischen Brüderländer war es an ihrer Schule ein Pflichtthema. Die Großeltern ihres Geschichtslehrers hatte der Untergang des Dorfes die Heimat gekostet. Zu gerne hätte sie die letzte noch verbliebene Mauer der alten Dorfkirche, hoch an der Abbruchkante der Dünen, stehen sehen. Ein andermal, vielleicht.

Ihre Finger tasten zu dem versiegelten Umschlag, den Alexei ihr in Väterchen Wassilis Auftrag aushändigte. Sie weiß nichts über den Inhalt – und nichts über den Empfänger – sie weiß nur, daß sie rechtzeitig erfahren wird, wer diesen Brief bekommen soll. Immer wieder zieht das Denken an Hans durch ihre Gefühlsbilder – ihre russische Seele hat ein anderes Verstehen von Verlusten – ihre Seele weiß, daß das was man sehr liebt, man oft zuerst verliert. Trotzdem ist ihr Schmerz um den Verlust des Geliebten nicht geringer – wohl mehr das Gegenteil ist der Fall.

 

  Das blitzende Feuer von Swinemünde plinkert durch die auseinanderflatternden Schneefelder über das graue kabbelige Ostseewasser. Björn macht sich – gemeinsam mit Henrietta – über die Karten her. So ein bißchen fehlt doch die geniale Wissensbreite von Hans Gronewold. Der benötigte hier selten eine Karte. Mit nachtwandlerischer Sicherheit fand er stets den richtigen Weg – vorbei an Untiefen und anderen Hindernissen – spürte immer, wie mit einem siebten Sinn, wenn irgendwo Gefahren lauerten. Björn muß sich da mehr auf seine erlernten Fähigkeiten verlassen – solides Handwerk mit Erfahrung gepaart – sozusagen.

Schneetreiben hat wieder eingesetzt – so dicht, es scheint fast, als wenn die segelnden weißen Flocken sich aneinander festhalten. „Was besseres kann uns gar nicht passieren“ – es klingt bald, als wenn Björn singt. Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, gleitet das Schiff durchs Wasser – jeder Krümmung der sich schlängelnden Verbindung folgend. Ahlberg auf der deutschen Seite liegt zum Greifen nahe. Björn ist froh im polnischen Grenzland zu sein – die deutschen Grenzschützer wären sicherlich keine so gefälligen Geschäftspartner – obwohl die Organisation da auch so ihre Verbindungen pflegt.

 

  Swinemünde und Lubin haben sie ohne Probleme passiert, als sie quer durchs Stettiner Haff auf Wolin zuhalten. Scheinbare Grabesruhe herrscht am Kai des kleinen Städtchens in der Ostecke der Bucht. Aber nur scheinbare. Kaum das der letzte Schub aus den Strahlantrieben verrauscht ist, wird der kleine Hafenplatz in spärliches Licht gehüllt. Nicht ausreichend, um Uhren zu reparieren – aber für das entladen der Säcke mit dem kostbaren Gut reicht es allemal. Die Anzahl der fleißigen Hände schafft es in nicht einmal dreißig Minuten den Laderaum zu putzen, und mit Werg zu dekorieren, wie er in Stauräumen normaler Schiffe dieser Klasse üblich ist. Ein paar Flaschen polnischen Wodkas und Zigaretten wechseln als Gastgeschenke die Seiten, bevor der Abstand zwischen Kaimauer und Schiffsrumpf schnell größer wird. Als Björn sich nach Minuten noch einmal umdreht, hat die Dunkelheit schon wieder von dem Areal Besitz ergriffen.

 

Ein ganz normales Schiff ist der graue Panther plötzlich geworden – zwar ungewöhnlich in Bauweise und Ausstattung – aber ansonsten ganz normal. Den Rückweg steuert Björn an der Ostseite der Insel Wollin entlang – westlich am Vogelreservat mitten im Wasserlauf vorbei. Kamien Pomorsk gleitet an Steuerbord dahin – genauso dunkel und still wie das soeben verlassene Wolin. Direkt auf Dzwinow geht der Kurs.

„Der schmale Wassergraben – der die Insel vom polnischen Festland trennt – ist nicht breiter wie die Pinkelrinne bei uns daheim im Schwarzen Bären“ hat Hans auf einer ihrer Fahrten einmal gesagt. Das muß aber eine große Kneipe sein“ – lautete Björns scherzhafte Antwort damals. „Na, ja“ – Björn klingt Hans Gronewolds Lachen noch im Ohr – „die Hooksieler Jungs haben schon einen gewaltigen Strahl – wenn sie sich abends bei Emil Egts einen zur Brust nehmen.“

Dass der alte Emil schon lange im Gastwirtehimmel ist, änderte nichts daran, daß der Schwarze Bär immer noch als Emil Egts sein Krug durch die Köpfe geistert.

Um die sagenhaften Hooksieler Jungs einmal kennenzulernen, hat er – Björn – sich eigentlich einen anderen Anlaß gewünscht, als den, den er sich im Morgengrauen von einem polnischen Arzt in Trzesacz bestätigen lassen will. Er braucht einen Totenschein für Hans. In Trzesacz kostet der ihn Tausend Dollar – im nächsten deutschen Hafen bohrende Fragen und akribische Untersuchungen. Was sind schon Tausend Dollar gegen die deutsche Gründlichkeit.

Der graue Panther verholt im schummern des neuen Morgens an den Landesteg von Trzesacz.

Henk hat die letzte Stunde genutzt, um in der Kombüse ein opulentes Frühstück herzurichten – erster Klasse kann man sagen – das er jetzt in der Messe auftischt.

 

Henrietta hat sich auf den Weg gemacht, um im alten Landratsamt den Milizionär zu mobilisieren. Dessen verschlafen wirkender grauer strubbeliger Schopf erscheint nach einer Ewigkeit am Fenster der Wachstube – bereit den Störenfried ungespitzt in den harten polnischen Boden zu kommandieren. Die Frauengestalt, deren Bild in sein – noch vom Wodka umnebeltes Gehirn springt – läßt ihn und seinen, sich seit Jahren auf das Pinkeln beschränkenden, Zappadeus innerlich stramm stehen. Zumal Henrietta Worte und ihre – nicht einmal gespielte – Trauer sein männlichess Ego streicheln – wie er es wohl noch nie in seinem Leben erfahren hat. Innerhalb von dreimal umdrehen ist er mit Henrietta auf dem Weg zum Schiff. Die Köstlichkeiten, auf der Back in der Messe, tun ein Übriges, um den Vertreter der Staatsgewalt der Besatzung gewogen zu stimmen. Vier geleerte Cocktailgläser Wodkatini – eine Spezialität Henks – bringen den notwendigen Schwung in die Mobilmachung des Dorfdoktors, der fünf oder sechs amtliche Funktionen auf sich vereinigt – auf jeden Fall auch die nichtamtliche, in diesem weltabgeschiedenen Kaff der nächtliche Saufkumpan des obersten Ordnungshüters zu sein.

Zur Bekräftigung seiner offiziellen Order hat der Polizeiobere eine Flasche Glennfiddich zum Medizinmann des Ortes mitgeschickt.

Als der nach kurzer Zeit, mit wehendem Kittel und schwarzer Bereitschaftstasche als Zeichen seiner Würde ausgerüstet, seine Ordination in Richtung Landesteg verläßt, ist die Flasche Scotch schon halb mit guter pommerscher Luft gefüllt. So ein paar Schlückchen destillierter Kostbarkeiten tun doch in allen Winden und auf allen Kontinenten die besten Dienste – einmal abgesehen von einer handvoll knisternder grüner Scheine der amerikanischen Währung.

Nach einer Stunde Fressen und Saufen Henk, der Gourmet, kann es nicht anders bezeichnen – haben die beiden Funktionsträger sich in ihre Behausungen zurückgezogen.

Der Dorfgendarm wahrscheinlich mit dem löblichen Vorsatz, angetörnt durch Henriettas bühnenreife Vorstellung, seinem angetrauten Eheweib zu Hause seine Männlichkeit zu beweisen. Was ihr vielleicht zu wünschen wäre – was aber mit Sicherheit in einem Fiasko enden wird, weil der Stab – der für diese Pilgerreise benötigt wird – nicht standfest genug ist.

Aber die eine Stunde Fressen und Saufen haben auch einen Totenschein zurück gelassen – mit allen amtlichen Stempeln und Siegeln versehen. Viele Dollarscheinchen sind natürlich auch durch die Hände gelaufen – haben ihren Besitzer gewechselt – aber wer fragt schon groß danach – in einer Zeit, in der die Welt auf dem Kopf steht – in der die Germanskis sich aufmachen, wieder als ein Volk sich in Europa breit zu machen. Obwohl sie eigentlich ihre Seele schon lange verloren haben.

 

  Björn gönnt der Besatzung sechs Stunden erholsamen Schlaf. Sie haben ihn sich verdient. Bevor sie mit Einbruch der Dämmerung die Leinen lösen, müssen sie eine lautstarke, herzliche Verabschiedung über sich ergehen lassen. Alle Einwohner von Trzesacz haben sich eingefunden – alle, die schon auf eigenen Beinen laufen können. An der Spitze die bewaffnete Streitmacht des Ortes – bestehend aus dem versoffenen Polizeioberen und drei, ebenso wenig einem guten Tropfen abgeneigten, Wachtmeistern. Die Krönung ist ein als Künstler bezeichneter, langhaariger Weltverbesserer, der sich irgendwann aus Warschau in diese Öde zurückgezogen hat. Einen Maler – hat der triefäugige Doktor am Morgen gesagt – einen Kunstmaler hätten sie im Dorf, der das schöne Schiff bestimmt gerne malen würde – als Erinnerung an diesen Freundschaftstag.

Björn war heilfroh, dieses Thema gemeinsam mit den Sturzbächen der edlen Tropfen in der Geistesdämmerung verschwinden zu sehen. Jetzt stellt er fest, daß dieser vom Doktor erwähnte Maler auch noch musizieren – oder besser gesagt, grausige Töne produzieren kann. Seiner Handorgel, die er bearbeitet, daß man meint den Balg vor Schmerzen schreien zu hören – entfliehen Töne, die einMuß i denn – muß i denn“ darstellen sollen. Er hält es wohl der Verabschiedung eines deutschen Schiffes für angemessen und würdig.

Der Doktor fehlt noch in dem großen Aufgebot – er hat wohl mit den Folgen seiner morgendlichen Begegnung mit der Flasche Glenfiddich zu ringen. Ein strammer Politoffizier, wenn es denn so etwas im sich auflösenden Ostblock noch geben würde, hätte diesen Umstand sicher als Angriff westlicher Dekadenz auf standfeste polnische Patrioten gewertet.

Anders empfinden es die, von der sozialistischen Wirklichkeit gebeutelten, Dorfbewohner – die Henks Schätzen aus dem Schiffsvorrat mit wachsender Begeisterung den Garaus machen. Als Henk Björn gegenüber davon eine Andeutung macht, betrachtet der das Ganze recht gelassen:

Dann haben die pingeligen deutschen Zöllner wenigstens nicht mehr soviel zu begutachten.“

Das ist wohl wahr. Je kleiner die Vorräte werden, umso größer wird die Freundschaft zwischen Gästen und Gastgebern. Nach zwei Stunden ist von den Dorfleuten wahrscheinlich keiner mehr in der Lage, zu beurteilen wer eigentlich Gast und wer Geber ist.

Zumal der Hausherr der Pfarrei es nicht versäumt, seinen Schäfchen bei dieser Gelegenheit durch seine bloße Anwesenheit moralische Umterstützung zu gewähren. In vollem Ornat natürlich.

Henk gibt inmitten der Verbrüderung ein denkwürdiges Bild ab – wie er da steht, umringt von der ausgelassenen fröhlichen Gesellschaft. Ein reichlich fehl am Platze wirkender, milchkaffeebrauner jüdisch, holländisch, russischer Weltenbummler. Ausstaffiert mit der Uniformjacke, dem Koppel und der Dienstmütze des Dorfgewaltigen.

Auch der Doktor hat seinen Kampf mit der Nachhut des schottischen Whiskys anscheinend erfolgreich geschlagen. Er mischt als stolzer Sieger schon wieder kräftig mit, und ist nun krampfhaft bemüht Henrietta zu vermessen. Vielleicht zu Vergleichszwecken mit seinen heimischen Patientinnen – wie Henk scherzhaft vermutet. Henrietta gewährt dem forschenden Geist ein paar unverfängliche Freizügigkeiten – die dem lüsternen, fleischeshungrigen Mannsbild sicherlich rosige Bilder bescheren – und Henrietta im Gegenzug zu einem Köfferchen wichtiger Medikamente verhelfen.

Bevor endgültig das polnische Dörfchen in der abendlichen Dunkelheit versinkt, hat sich noch eine wundersame Wandlung vollzogen. Drei Kisten Doornkaat – ein ausschließlich für Hans reserviertes Depot – sind zu Dreitausend Liter Leichtöl geworden. Ein fast schon christlich zu nennendes Relikt – an das sich die gläubigen Katholiken unter der Dorfbevölkerung sicher noch eine geraume Weile erinnern werden.

Auf jeden Fall Mieroslav, der Priester, unter dessen schützendem Kirchendach – in der hintersten Ecke der Sakristei – die wertvollen, grünen vierkantigen Flaschen aus dem ostfriesischen Norden einen sicheren Platz gefunden haben. In den nächsten Wochen wird die kleine Kapelle wahrscheinlich in der Mehrheit von eifrig betenden männlichen Gottesdienst-Teilnehmern heimgesucht werden.

Herr, deine Fügung geht seltsame Wege – waren so des Priesters Gedanken, als ihm unversehens dieser Schatz geistigen Wassers zufiel. Er hat es sich denn auch nicht nehmen lassen, sein Kreuz über den grauen Panther zu schlagen. Dabei macht ihm sein Gewissen keineswegs zu schaffen, wie manch einer vielleicht vermuten mag – denn Priester haben im Lauf der Geschichte schon ganz andere Dinge gesegnet.

So verläßt das Schiff in der letzten Nachmittagsstunde mit allen kirchlichen Weihen versehen den kleinen Küstenort, dessen Einwohner sich für ein klitzekleines Stück Erdumdrehung im Mittelpunkt der Welt wähnten. Die jetzt sicher die Ortsbezeichnung HOOKSIEL – als Hinweis auf den Heimathafen seit Mittag wieder am Heck des grauen Panthers zu lesen – für einen Vorort des Vatikan halten – und dem Herrgott auf Knien danken, daß ein Pole im Vatikan Regierungschef ist.

Kaum das der Bug des grauen Panthers erste Berührung mit dem Gebiet der Ostsee nimmt, das Deutschland als sein ureigenes betrachtet, kommt auch schon über Sprechfunk die Aufforderung, das Schiff zu stoppen. Ein Zollkreuzer nähert sich mit schäumender Bugwelle – in der Absicht längsseits zu gehen. Offenbar hat man auf Hans Gronewolds Schiff gewartet – denn so ganz ahnungslos – was die Geschäfte dieses Bauernjungen angehen – ist man in der föderalen bundes-republikanischen Zollverwaltung auch nicht.

Zumal seit einiger Zeit zwischen massigen deutschen und agilen russischen Politikern echte Männerfreundschaften bestehen. Bei deren gegenseitigen Kontakten es garantiert nicht nur um den Austausch der Adressen liebeswilliger Damen geht.

In der Art eines Prisenkommandos – wie Henrietta spöttisch anmerkt – entern vier uniformierte Ordnungshüter die Miesen. So die zivile Bezeichnung des Schiffes, die seit der Mittagszeit in goldenen Lettern am Bug prangt. Wie es sich für gesetzestreue Skipper gehört, wird fein säuberlich alles offengelegt. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen, und erfüllt nur eine traurige Pflicht.

Irgendwie können die beamteten Staatsdiener es nicht verhehlen, daß sie sich durch den Kakao gezogen fühlen – aber die Höflichkeit obsiegt. Nach dreißig Minuten gründlicher Inspektion – bei deren Abschluß sogar noch ein steuerlich korrekt angemeldeter Wodka durch die Kehlen fließt – verläßt die schwarze Gang das Schiff – nicht ohne vorher ihr Beileid kundgetan und eine gute Reise gewünscht zu haben. Ohne rauschende Bugwelle entfernt sich das grüne Zollboot.

Henrietta kann sich, wie üblich einen Kommentar nicht verkneifen: „Kampfbereite Hähne kamen an Bord – Kapaune ziehen jetzt von dannen“worauf Henk in prustendes Lachen ausbricht, das spontan die ganze Runde ansteckt. Wenn jemand aufmerksam hinhören würde – er könnte den toten Hans mitlachen hören.

Wenn die Herren in Grün – die sich mit ihrer schwimmenden Zitadelle langsam wieder auf Horchposten begeben – wüßten, oder auch nur einen Schimmer Ahnung davon hätten, daß sie noch vor wenigen Augenschlägen über ihrem eigenen Grab schwebten – sie bräuchten wohl Wechselzeug, weil der Schrecken ihnen in die Hosen durchschlagen würde.

Das Schiff läuft jetzt mit ruhiger Fahrt an der Kette der mecklenburgischen Ostseebäder vorbei, in denen die Episode der lauten „Freundschaft“ Rufe ihr Ende gefunden hat. Nach fast einem halben Jahrhundert Schreien ist auch auf diesem Fleckchen gesegneter Erde den roten Horden die Puste ausgegangen.

In den Trümmerbergen der zusammengebrochenen Gesellschaft bewegen sich schon die Ratten aus der Nachbarschaft.

Ihren Geruch von Großkotzigkeit und Brutalität mit jovialem Gehabe überdeckend – und blühende Landschaften verheißend. Man tut sich schon schwer in der Welt – mit der Ehrlichkeit.

In Höhe der Peenemündung wandert der schlanke Bug der Minsen nach Nord – Nordwesten aus. In Katharina – die nach dem Abgang der Grenzkontrolleure auf der Brücke geblieben ist, läßt der Name Peenemünde Bilder hochkommen, die sich in ihrem Empfinden mit dem Bild des toten Hans Gronewold verbinden.

Auch wenn sie niemand über den wahren Charakter des Schiffes – auf dem sie sich befindet – in Kenntnis gesetzt hat – einer Wildkatze muß man keine Bilder zeigen – sie spürt sie.

Natürlich hat Katharina mitbekommen, welche todbringenden Schätze der graue Panther zwischen den Fronten hin und her bewegt. Unter dem Kommando von Hans Gronewold. Ihre gefühlte Liebe zu ihm ist dadurch nicht geringer geworden – aber ein anderer Teil ihres Bewußtseins läßt sie die Miss-Billigung Gottes ahnen.

Auf diesem Schiff werden des Teufels Enkelkinder – des Teufels, der inmitten des großen Weltenbrandes in den Entwicklungslabors von Peenemünde in die Wirklichkeit gehüpft ist – transportiert.

Ein Teil ihrer Seele sperrt sich dagegen – sperrt sich dagegen mitzutun bei der Vermehrung von Tod und Verderben. Dieses Empfinden läßt sie das Schicksal ihres geliebten Hannes leichter ertragen. Der Anblick von Greifswald Oie dreht ihr Sinnen bedächtig in eine andere Richtung. Diese wunderschöne Felseninsel – die ihr Väterchen in seinen Erzählungen – mit denen er ihr die Zeit in Igarka erträglicher gestaltete – einmal als Helgoland der Ostsee bezeichnete – taucht greifbar nahe aus dem Meer.

Sein Großväterchen weilte als Gast des deutschen Kaisers zu Beginn des neuen Jahrhunderts auf Helgoland – dem roten Felsen in der Nordsee. Man wollte den russischen Verwandten das neue Bollwerk in der Landesverteidigung zeigen, das man von den Mitgliedern der Familie jenseits des Ärmelkanals eingetauscht hatte.

In engem Bogen geht die Fahrt um Rügen zu. Selbst in der nächtlichen Schwärze leuchten die Steilwände der Kreidefelsen fahl über die Wasserfläche. An Backbordseite schieben sich auf den glitzernden Wellen der Prorer Wiek zwei hell erleuchtete Hochhäuser aneinander vorbei. Auf Katharinas Frage erklärt Björn: „ Das sind die Fähren Deutschland – Schweden, Deutschland – Dänemark. Die seewärts laufende geht von Neu Mukran nach Ronne auf Bornholm – die andere kommt von Trelleborg – die macht in zwanzig Minuten in Saßnitz fest.“

Wie auf einer sonntäglichen Spazierfahrt läßt der Steuermann das Schiff um das Nordostkap der Halbinsel Jasmund auf den hohen Felsen von Kap Arkona zulaufen. Als wenn man die Küste berühren könnte – so scheint es fast.

Schlaf scheint in der Abgeschlossenheit des Schiffes einen anderen Stellenwert zu besitzen als an Land.

Henk hat wieder einmal in seiner Kombüse gezaubert. Der neue Tag ist gerade vier Stunden alt – da tut sich in der Messe für die Gaumen der Menschen an Bord neuerlich ein Schlemmerparadies auf.

Henk hat ein Faible für die französische Küche – wobei er allerdings den holländischen Einschlag nicht leugnen kann – ganz sicherlich auch nicht leugnen will. Irgendwo an Land wäre er sicher ein großes Tier in der Gastronomie. „Hier ist mir wohler“ – hat er irgendwann auf eine diesbezügliche Anspielung der Mannschaft geantwortet – „große Tiere leben allemal gefährlich im Dschungel der Konkurrenz.“

Um zwei Glasen nach Mitternacht sind die Anker gefallen. In der Wiek zwischen Hiddensee und der Halbinsel Witow sind sie um diese Stunde ungestört. Aus dem Dörfchen Kloster am nördlichen Ende von Hiddensee sieht man ein paar Lichter durch die Dunkelheit schimmern – über den Bakenberg hinweg. Als Katharina Bakenberg hört, schaut sie nach einer Erhebung aus – vergeblich! Bis Björn ihr erklärt, daß der Bakenberg nur eine zwei Meter hohe Sanddüne ist – quasi der Kopf von Hiddensee.

„Vergeßt eine Weile den sandigen Kopf von Hiddensee – auf euren Magen wartet etwas anderes“ mit diesen Worten lockt Henrietta die Mannschaft zu Tisch. Ein Traum von Creme Agnes Sorel eröffnet den Reigen der Köstlichkeiten – macht ihnen klar, daß Henk doch nicht alle seine Schätze in Trzesacz auf dem Volksfest verteilt hat. Eine Hühnercremsuppe bildet den Auftakt, nach der sich wohl der überzeugteste Vegetarier die Finger lecken würde. Katharina hat so etwas aus einer russischen Küche noch nicht kommen sehen.

Zu ihrer Babuschka und Mamuschkas Ehrenrettung muß sie sich, allerdings im Stillen, eingestehen – die haben auch bisher noch jeden Erdenbürger, der ihnen hungrig über den Weg gelaufen ist, satt bekommen. Na, ja – die beiden haben auch nicht im „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg kochen gelernt. Henk hat seinen Leuten die Wahl nicht leicht gemacht. Eine opulente Speisenfolge wie auf dem Silvesterbankett hochherrschaftlicher Häuser – sogar ein kleines aber feines Tischfeuerwerk fehlt nicht. „Ein verspäteter Neujahrsempfang der Schiffsführung“ – kann es sich der Funkspezialist Mario nicht verkneifen zu flachsen. Zustimmung und Lob von allen Seiten der Tafel.

„Mit Tagesanbruch lichten wir Anker – Kurs auf Holtenau. Bis dahin eine gute Nacht“ – Björn gähnt demonstrativ und herzhaft, als er das sagt – und ist mit seinen Gefühlen schon mittendrin in Henriettas betörender Wärme. Man sieht es seinen Augen förmlich an.

Da die Morgenhelle nicht vor neun Uhr am Vormittag über die Kimm kriecht, bleibt den Menschen an Bord noch gut fünf Stunden der Muße.

Jeder an Bord färbt diese Spanne Zeit auf seine eigene Art mit den Farben seines Bedürfens.

Henk sitzt in seinem Logis – der begrenzte Lichtkreis einer Schreiblampe bildet die einzige Helle im Raum. Er muß einige leere Seiten seines Tagebuches füllen. Die Turbulenzen der letzten Tage haben die Blätter jungfräulich durch die Stunden laufen lassen. Jetzt ist Gelegenheit dafür zu sorgen, daß nichts von den Ereignissen verlorengeht. Vielleicht wird einmal ein Buch für die Draußenwelt daraus entstehen.

Vittorio, der Virtuose im Maschinenraum, schnarcht in den höchsten Tönen. Seine Maschinen würden sich zu Tode erschrecken, wenn sie ihn hören könnten – denn bei ihnen legt er größten Wert auf Geräuschlosigkeit. Er träumt sicher von Mamma mia und Past’asciutta – von goldener sizilianischer Sonne und Mittelmeerstränden – von seiner glutäugigen Sophia, die seit fünf Jahren darauf wartet das er sie zum Traualtar führt – und von Amore mit langbeinigen blonden deutschen Signorinas.

Mario – der Fachmann für Elektronengehirne hat sich in das Reich der Bits und Bytes zurückgezogen – lebt dort in einer anderen Welt. Für eine Weile kann er ungestört mit seinen Partnern flirten – irgendwo auf dem Erdball. Mario ist verkehrt gepolt – Katharina hat dieses Wissen aus Gesprächsfetzen zwischen Henrietta und Henk geangelt. Es stört aber keinen an Bord.

Katharina hat sich in Hannes Koje verkrochen – in des Wortes wahrstem Sinn – und versucht in das Geschehen um sie herum einen Faden einzuweben, der sie durch das Dickicht leitet. Weit kommt sie aber nicht, denn wie in einem Kreisverkehr landet ihr Denken immer wieder an einem Punkt – immer wieder bei ihrem Sehnen nach Hans Gronewold – dessen Bild sie dann mit in den Schlaf nimmt.

Anders Björn und Henrietta – die brauchen kein Bild mit in den Schlaf zu nehmen – die kommen nämlich gar nicht zum Schlafen. Sie versinken wohl in Zustände, die einer Ohnmacht ähnlich sind – aber mit Schlaf im eigentlichen Sinne nicht das Geringste zu tun haben.

Wenn das Schiff nicht so schalldicht gebaut wäre – ausgelöst durch Henriettas Lustschreie würde bei den anderen Männern an Bord sicherlich einiges abgehen. So aber kann jeder nach seiner Fasson selig werden.

Punkt neun Uhr ist leichtes Rumoren zu vernehmen – die Ankerwinsch zieht die Ketten ein. Die Minsen dreht in den Wind. Wie ein Jagdhund der witternd eine Spur aufnimmt, dümpelt sie ein paarmal zitternd hin und her – um dann zielstrebig Kurs West einzuschlagen.

Mit leichtem südlichem Bogen geht die Route unter der Fehmarnbrücke hindurch – direkt auf die Kieler Förde zu. Zweieinhalb Stunden braucht der graue Panther, bis sie das Ehrenmal von Laboe wie alte Bekannte begrüßt.

Ein Stück von Hannes Gronewolds Seele wird sicher in diesem ehrenvollen Gemäuer bleiben – auf ewig in den Kreis der Seetoten aufgenommen. In Holtenau verlassen die zwei – Katharina unbekannt gebliebenen – Passagiere mit kurzen wortlosen Gesten das Schiff. Ihre Reise hat durch die unvorhergesehenen Ereignisse auch einen anderen Verlauf genommen, wie ursprünglich geplant – jedoch, die Organisation hat schon umdisponiert.

Die Schleusung in den Kiel-Canal – wie der Nord-Ostseekanal im internationalen Seeverkehr heißt – geht zügig vonstatten. Mario hat die Minsen von Hiddensee aus – bevor er sich in seinen Männerliebeleien verlor – angemeldet.

Das Schauspiel der Passage durch den Kanal läßt sich an Bord natürlich keiner entgehen. Besonders die beiden Frauen nicht – für die es ein völlig neues Bild ist, mitten in einer hügeligen Binnenlandschaft Ozeanriesen des Weges ziehen zu sehen. Von diesen Eindrücken wird Katharina sicher später noch ihren Enkeln erzählen – sofern jemals ein anderer Mann die Stelle von Hannes in ihrem Herzen einnehmen wird.

Henrietta wird es ganz bestimmt zumindest ihren Kindern weiter erzählen, denn seit dem ersten Urgewitter – das sie mit Björn auf der Brücke des grauen Panthers erlebte – keimt neues Leben unter ihrem Herzen. Der Urheber weiß allerdings noch nicht, dass im späten Sommer des soeben begonnenen Jahres ein kleiner russischer Wikinger das Licht der Welt erblicken wird.

Väterchen Wassili ist unterdessen auch nicht untätig in Sankt Petersburg sitzen geblieben. Er hat sich zwar nicht erschossen – wie Hannes Gronewold – und auch keinen Nachwuchs gezeugt wie Björn Rickedal. Obgleich er auch nichts gegen zwei handvoll prallen Frauenhinterns einzuwenden hat – dafür steht er mit seinen fast sechzig Jahren noch viel zu gut im Saft. Nein, nein – auch die Entwicklung der groben Richtung seiner Pläne stimmt.

Die Kapriolen auf der Reise der Minsen haben daran auch nichts verändert. Den Faktor Liebe – den hatte er nicht vorausgesehen. Trotz seiner seherischen Gaben. Um diese Knitterfalten des Schicksals auszubügeln, und um Schaden von Katharinas Seele abzuwenden, ist er gerade zum gleichen Zeitpunkt – als der graue Panther die Holtenauer Schleuse passiert – auf dem Hof in Groß-Wassens eingetroffen.

Er wundert sich, die Türen verschlossen vorzufinden – eine Tatsache, die eigentlich hier im dörflichen Jeverland keine Tatsache ist.

Vom Nachbarn – der `rein zufällig den Kopf aus der Dielentür steckt – weil ja ein großer schwarzer WOLGA mit Diplomaten-Kennzeichen – aus dem ein noch schwärzerer russisch-orthodoxer Priester steigt – in dieser flachen Einöde ´überhaupt´ nicht auffällt – erfährt Väterchen Wassili, daß der Witwer Hannes – auch eine neue Information für ihn – sicherlich noch nach dem Gang ans Grab seiner Frau in den Krug an der Kirche eingekehrt ist. Nach dem der Nachbar sich von seiner Verwunderung über den plattdeutsch sprechenden Russenpastor erholt hat, teilt er ihm noch leutselig mit, wie der Krug heißt: „Ton Schlachboom – in Waddwardn – glieks bi d’ Kaark – dor kieken see man ähm rin. Dor deit he Middachs jümmer äten.“

Redseligkeit wird ja bekanntermaßen bei den Mannsleuten in Friesland nicht so groß geschrieben – aber um seine, und die Neugier seiner Frau, ruhig zu stellen, hätte der Gute sein Redepensum auch wohl noch weiter überschritten.

 

  Väterchen Wassili tat ihm leider nicht den Gefallen, und ließ einen vom Nichtwissen geplagten Nachbarn zurück.

Im Dorf bewegte die nicht alltägliche Karosse so manche Gardine an den Fenstern der Häuser längs der Dorfstraße. Man war ja so einiges durch den Fremdenverkehr gewohnt, aber das der Bundeskanzler mit seinem neuen russischen Präsidentenfreund Waddewarden besucht – nein auch – wer hätte das gedacht. Denn das Automobil kannte man ja aus dem Fernsehen.

So lief es in Windeseile durchs Dorf – und kaum, das Väterchen Wassili die Gaststube betreten hatte, konnte der zaubernde Wirt soviel Gäste zählen, wie sonst nur in der Hauptsaison an guten Tagen. Ein Stammgast konnte es sich nicht verkneifen, den Krüger hinter vorgehaltener Hand zu fragen: „Du säch moal, Hans Willem – is dat ok wäär so’n Spiegöäkenkroam van di?“

Was der leider lachend verneinen mußte.

Weil Hans Gronewold sen. gerade erst mit dem Essen begonnen hat, lädt er Väterchen Wassili und seinen Schofför ein, mitzuhalten. Der Wirt läßt es sich nicht nehmen, die illustren Gäste auf Kosten des Hauses zu bewirten, obwohl da schon respektable Mengen nötig sind – bei zwei so kleiderschrankformatigen Mannsbildern.

Ein Eintrag ins Gästebuch des Hauses ist der spontane Dank für die Einladung und das wahrhaft fürstliche Mahl. Ein Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde für die größten Portionen, die jemals in jeverländischen Gastbetrieben serviert wurden, wäre der Wirtin sicher.

Ein oder zwei eisgekühlte Bommerlunder streicheln die gut gefüllten Bäuche – bevor sich Hans Gronewold mit seinen Gästen auf den Heimweg macht. Zu gern hätte die große Runde der Schaulustigen mitgehört, aus welchem Anlaß ´de Buur ut Wassens´ so häufig Besuch aus Rußland bekommt – aber das besprechen die Männer doch lieber in der gemütlichen Bauernstube am flackernden Kamin. Drei lange kurze Stunden und eine Flasche Kööm später rollt das schwarze Auto genauso geräuschlos vom Hof, wie es gekommen ist. Hannes Gronewold sen. sitzt unterdessen mit aufgelöstem Herzen im alten Lehnstuhl am Kamin. Wasser verschleiert ihm den Blick. Es sind aber keine Tränen über das Dahinscheiden seiner Frieda.

Ihr Abschied hat ihn berührt, als wenn man einen über die Jahre vertraut gewordenen Koffer plötzlich vermißt – nein, es ist die Freude über das Glück der Vergangenheit – die seine müde gewordenen Augen näßt. Die Gewißheit, es noch einmal blühen zu sehen. Auch wenn er zugesagt hat, von sich aus nichts über die Ursprünge zu erzählen.

Die Trauer über den Verlust seines Sohnes spielt da natürlich auch ein bißchen mit – aber die Gewißheit ihn von nun an ständig in seiner Nähe zu haben – auch wenn es auf dem Kirchhof in Waddewarden ist – glättet ein wenig die Wogen.

Der Pope hat ihm in die Hand versprochen, dafür zu sorgen, daß Katharinas Babuschka – seine Olga – ihn besuchen wird. Hier in Wassens.

Was so ein guter Tropfen am Kamin in Männerherzen doch alles bewegen kann.

Väterchen Wassili muß bis zum Einlaufen des grauen Panthers noch einiges in Deutschland erledigen. Wichtige Besuche bei vertrauten Leuten stehen ganz oben auf seiner Liste. Dazu gehört auch Dieter Schäfer aus Sande – zwar ein echter Friese, aber mit Herz und Seele in Rußland. Der in den Turbulenzen des russischen Umbruchs sich selbst gefunden hat. Sich selber gefunden und gleichzeitig verloren hat – in der Liebe zu seiner Galina – der es ebenso ergangen ist.

Er macht sich aber nicht auf den Weg, ohne vorher seinem evangelischen Amtsbruder in Waddewarden einen längeren Besuch abzustatten. Seine Kathinka möchte er, hier im Friesischen; unter dem Schutz Gottes geborgen wissen. Wer ist da besser für geeignet, als die, durch die Geschichte eingewachsene Kirche.

Auch der Pastor, in seinem Haus neben dem Krug, ist einem süffigen Tröpfchen nicht abgeneigt. So verläuft dieses Gespräch unter Gottesleuten in gemütlicher, aufgelockerter Atmosphäre – und der Zauberwirt vom „Schlagboom“ hat für die Nacht zwei Gäste. Die für den größten Teil ihres Aufenthaltes in den gastlichen Mauern allerdings keine Betten benötigen – sondern freudig mit einem Platz am gemütlichen Tresen vorlieb nehmen.

Zumal Väterchen Wassili – in seiner knapp bemessenen freien Zeit – dem gleichen Hobby wie der Wirt frönt. Nämlich der Zauberei. Die fröhlichen Zecher des Abends können allerhand Gesprächsstoff mit nach Hause nehmen, als der Wirt weit nach Mitternacht das Licht ausdreht

Die letzte Runde der Sonnenferne meint man dann im Gasthaus sibirische Holzfäller bei ihrer schweren Arbeit zu hören. Gut, daß in den restlichen Betten des alten Gasthofes nur die Daunenfedern des Bettzeugs die Nacht verbringen – menschliche Ohren hätten wohl verzweifelt das Weite gesucht.

 

  Während Väterchen Wassili in Wassens mit Hans Gronewold sen. ein paar Säcke voll gewichtiger, schicksalsträchtiger und ernster Worte ausgetauscht hat, durchlief die Minsen den Kanal, um durch die Schleusen bei Brunsbüttelkoog in die Elbmündung entlassen zu werden

Von der niedersächschischen Küste grüßt Neuwerk mit seinem vierkantigen, massigen Leuchtturm. Diese Steinwarte gilt als das älteste Leuchtturmbauwerk der Welt – weiß Henk zu berichten. Seit fast siebenhundert Jahren steht es schon an seinem Platz auf der elbvorgelagerten Insel. Den Hamburger Kaufleuten sei Dank.

Henk hat das Ruder übernommen. Hier in diesem Revier, kennt er sich fast ebenso gut aus, wie Hans es tat. Die beiden sind oft zusammen unterwegs gewesen – im Dreieck zwischen Elbe, Helgoland und Dollart – als Hans den grauen Panther noch nicht hatte. Im Urlaub – mit Onkel Claas seinem alten Gaffelschoner. Henk und Hannes fuhren eine Zeitlang auf dem gleichen Pott. Schon damals hat Henk die Gaumen der Seeleute verwöhnt.

Eine Männerfreundschaft allererster Güte ist es geworden. So etwas endet nicht mit dem Tod.

Henk leidet ebenso unter dem Verlust des Freundes wie Katharina, die um den Geliebten trauert. Nur ansehen kann man es ihm nicht.

Wenn Hochwasser wäre könnte er die Minsen durchs Wattenmeer steuernden Weg quer über die Sände nehmen – wie sie ihn früher immer gesegelt sind. Leider hat der Ebbstrom seit gut einer Stunde eingesetzt, sodaß er an Backbordseite Scharhörn liegen läßt und den großen Vogelsand ansteuert. Die offene Nordsee nimmt sie auf – bis querab Steuerbord das Feuerschiff Deutsche Bucht mit bloßem Auge auszumachen ist.

Wenn sie hier mit dem alten Gaffelschoner ihre vergangenen Kinderträume auslebten, bewunderte er immer die Männer auf dem tanzenden Leuchtturm. Der bei Sturm wie ein wütender Wachhund an der Kette zerrte.

Jetzt hat die rasante technische Entwicklung auch dieses Stück Leben geschluckt. Es gibt keine Besatzungen mehr auf diesen schaukelnden Wegweisern.

Zwei Ungetüme von Tankern ziehen gemächlich den gleichen Kurs wie die Minsen. Die überdimensionalen Löschbrücken vor Wilhelmshaven sind ihr Ziel. Ziel und Aufenthaltsort für nur wenige Stunden – in denen die Saugrüssel der Löschköpfe wie Blutsauger das Öl aus den Schiffsleibern ziehen. Jede Verzögerung treibt die Liegekosten in schwindelnde Höhen. Nichts ist mehr mit Seemannsromantik – mit Liebe im Hafen und richtig einen Ballern. Schlicktau – wie Hannes immer sagte – ist für jeden Seemann zu einem Körper ohne Innereien geworden – funktionstüchtige Gliedmaßen – aber kein Herz mehr. Denn – kleine deutsche Kneipen – Seemannskneipen – die sucht man vergebens in der schrumpfenden grünen Stadt am Meer.

Henk nimmt sich ganz fest vor, in den nächsten Tagen noch einmal seine heimliche Liebe aufzusuchen – die Norderney – der alte Veteran – das Feuerschiff Weser, die im Wilhelmshavener Binnenhafen als Kneipenschiff liegen soll. In der langsam niederfallenden Dämmerung blinken die Richtfeuer des Jadereviers wie verlorene Diamanten.

Mit auflaufendem Wasser erreichen sie am frühen Abend den Hooksieler Außenhafen. Die Löschplattform an der Südseite hat man ihnen zum Festmachen bezeichnet. In Nachbarschaft des rot-weißen Rettungskreuzers.

Im Lichtkegel der Bordscheinwerfer machen sie ein langgestrecktes schwarzes Auto – mit aufgemaltem silbernem Loorbeerzweig, aus. Das letzte Taxi für Hannes – ihren Kapitän. Dahinter stehen etwas abseits mehrere andere Fahrzeuge – einige mit offiziellem Aussehen.

Obligatorisch – wie in jedem Hafen der Welt – Zollbeamte und Seuchenarzt. Hannes Gronewold sen. hat präzise nach Väterchen Wassilis Weisungen gehandelt. Zugute kam ihm dabei seine – durch den Tod seiner Frau neu aufgefrischte Beziehung zu Berend Holtenspieker, dem Sargtischler aus dem nahen Kirchspiel Sengwarden – dem Sohn und Nachfolger seines alten Kriegskameraden Schorschi – Dischler – wie sie ihn immer nannten. Der hat ihm bereitwillig die Formalitäten mit den Behörden abgenommen.

Die Amtshandlungen der polnischen Kollegen werden anstandslos akzeptiert – der verplombte und versiegelte Sarg wechselt vom Schiff in den Leichenwagen. Der amtliche Totenschein – Tod durch Ertrinken ist darauf als Todesursache vermerkt – ausgestellt in Trzesacz von Doktor Triefauge – wird zweifach mit Siegel und Unterschrift bestätigt.

Damit ist der einmalige Fall eingetreten, daß ein Mensch an einer tödlichen Kugel aus einer 9 mm Walther PPK ertrunken ist. Dreimal amtlich bestätigt.

Eine Stunde dauert das Prozedere an der abgeschiedenen Hafenseite, bis der längliche schwarze Wagen leise davonrollt. Hans ist Zuhause. Die anderen Fahrzeuge folgen ihm kurz darauf.

Die letzten roten Schlußlichter sind gerade hinter der Deichkrone verschwunden, als von der Hafenbrücke zwei helle Finger sich auf die Minsen zutasten. Direkt vor dem grauen Panther kommt ein monströses schwarzes Ungetüm zu stehen. Minuten später hört man über das Wasser des Hooksieler Außenhafens einen Baß dröhnen – wie tief aus der Brust eines Taigabären: „Meine Kinder – kommt in meine Arme.“

Wie ein riesiges Denkmal steht Väterchen Wassili an Deck der Minsen. Ohrenzeugen haben später berichtet, Gott Neptun sei vor Hooksiel dem Meer entstiegen und habe allen Umweltsündern furchtbar gedroht.

Der folgenden Nacht geht ein langer Abend voraus. Niemand verläßt heute mehr das Schiff. Jeder hat zu berichten, jeder auf seine Weise.

Was Henrietta und Väterchen Wassili in der Stunde – in der sie nicht im Salon zu sehen sind – an Worten untereinander austauschen, davon dringt nichts in niemandes Ohr. Wen geht es auch schon etwas an, daß die Organisation in Hannes Gronewold sen. einen neuen alten Verbündeten gefunden hat. Der Hof in Wassens wird zu einem Knoten in dem unsichtbaren, die Welt umspannenden, Netz der Eisblumen. Hannes Gronewolds Olga – Kathinkas Babuschka – landet morgen in der Frühe auf dem Flugplatz in Mariensiel. Väterchen Wassilis Garant für die Standfestigkeit der neuen Eisblumenvase – und des alten Bauern Gronewolds Sonne, die den Rest seines Weges erwärmen wird. Auch wenn Kathinka nichts von den weit zurückreichenden Beziehungen weiß, wird es für sie etwas ganz besonderes sein – das Leben in der fremden Heimat.

Kein großes Empfangskomitee steht am nächsten Morgen in Mariensiel auf dem Flugplatz – bloß ein zitternder, aufgeregter älterer Herr. Der sich innerlich wie fünfundzwanzig fühlt. Dieser Augenblick des ersten Wiedersehens soll Olga und Hans gehören – durch nichts gestört.

Auf dem Parkplatz hinter der Flugleitstelle wartet Boris geduldig in seinem Prominentenpanzer. Um die beiden nach Wassens zu bringen, wo sie sich in den ersten Stunden viel zu erzählen haben werden. Das meiste ohne Worte – denn die Liebe schreibt ihre eigenen Bilder.

Als Olga Karpuschin Hans Gronewold in der kleinen Abfertigungshalle entgegen kommt, sind für ihn achtundvierzig Jahre aus der Zeit getilgt. Er weiß sofort – das ist sie. Er fühlt sich in die ärmliche Hütte an der Luga zurückversetzt – er hört das Jaulen der Stalinorgeln – sogar den beißenden Schmerz in den erfrorenen Gliedmaßen spürt er – und er schaut in das Gesicht mit den braunen Augen – so unergründlich tief wie ein Bergsee. Das Bild der Erinnerung in seinem Kopfwissen ist mit der Zeit gegangen – hat die gleiche Entwicklung wie Olga erfahren. Haargenauso hat er sie sich in den Stunden, seit er weiß, daß sie kommt – vorgestellt.

Plötzlich liegen die beiden sich in den Armen – ihre Tränen wischen sich ineinander, als wenn sie glücklich sind, die Jahre der Trennung hinter sich zu haben. Die wenigen zufälligen Beobachter dieses Geschehens verharren gerührt – sie spüren, das Schicksal weht in diesem Moment durch den Raum, und schlägt alle, die es mit seinem Atem streift, in seinen Bann. Der Abend sieht eine große Familie – das sind sie durch die Ereignisse geworden, allesamt – in der Stube auf dem Hof in Wassens versammelt. Jedweder Vorsatz des verschweigen wollens ist ausradiert – die Geschehnisse des Lebens liegen auf dem Tisch – wie ein buntes offenes Kartenspiel. Katharina wird eine gewisse Zeit brauchen um alles zu verstehen – aber sie wird sich nicht schuldig fühlen und irgendwann auch nicht mehr unglücklich sein. Denn wie sagte Väterchen Wassili, bevor sie nach diesem langen Abend zu Bett gingen: Unser barmherziger Gott und die Liebe verzeihen alles!

© ee  

 

 

 

 

Nachwort

Hans Gronewolds Beisetzung auf dem Waddewarder Kirchhof fand im kleinsten Kreise statt. Björn und Henrietta erbten gemeinsam den grauen Panther. Für die anderen Gefährten hatte der tote Kapitän passable Geldbeträge in seinem Testament vermerkt. Vittorio fuhr nach Sizilien – zu seiner glutäugigen Sophia. Mario blieb dem grauen Panther treu – da konnte er am besten seine Männerliebeleien ausleben. Henk machte für sich einen nie eingestandenen Traum wahr – er kaufte eine kleine Kneipe im Jeverland. Katharina blieb bei ihren Großeltern auf dem Hof in Wassens – studierte aber nicht Germanistik und Geschichte – wie sie es geplant hatte – sondern Medizin – und richtete Jahre später – nach dem Tode von Hans Gronewold sen. auf dem Bauernhof in Wassens eine Schönheitsfarm ein. Was so ein Zauberwirt doch nicht alles im Voraus weiß. Und Väterchen Wassili hielt über alles seine schützenden Hände. © ee  

 

Heyersand.

.

 

Heyersand.

 

Der Fahrer des kleinen, klatschgelben Transporters schickt einen verknitterten Blick zur Uhr auf dem Armaturenbrett. Es ist viertel vor fünf am Morgen. Am Himmel sieht es so aus, als ob der Wind die Dunkelheit vor sich her treibt. Die Welt ist noch halb Nacht, und schon halb Tag.

Es ist für Jürgen Köhnen wieder einmal ein richtiger Scheißsonntagmorgen

Normale Bürger räkeln sich um diese Zeit noch in ihren Betten, und genießen den Feiertagsschlaf.

Der Techniker Köhnen dagegen ist schon seit einer halben Stunde unterwegs. Es ist bereits sein siebter Wochenendbereitschaftsdienst in Folge. Heute treibt ihn nach längerer Zeit mal wieder der Notruf eines großen Hotels rüber nach Heyersand.

Seit die Kollegen wissen, daß er zu Hause nichts mehr zum kuscheln im Bett hat, versuchen sie ständig, ihm die allgemein ungeliebten Sonntagsdienste als Braut anzudrehen. Meistens haben sie dann auch noch Erfolg damit.

Ihm scheint es fast so, als wenn die ganze Bagage in seiner Firma befürchtet, er würde als Solist keinen Ton mehr aus seiner Lebensfidel herausbekommen, und sich darum verpflichtet fühlt, ihn ständig unter fremde Leute schicken zu müssen.

Dabei spielt man doch oft viel ungezwungener auf einem Instrument wenn man alleine ist. Selbst wenn die Töne mal schief klingen sollten, selbst dann zieht niemand eine Schnute.

Versteh noch einer die Welt – ihm fällt das manchmal richtig schwer.

 

Während unter den Rädern seines Wagens der  breite Asphaltstreifen wie ein endloses Band dahinfliegt, fliegen durch sein Empfinden die krausesten Gedanken. Das schwarze, in der Mitte durch einen dicken weißen Strich geteilte Band scheint nicht enden zu wollen. Die Wegebauer haben es schnurgerade in die Landschaft gelegt. Es reicht bis weit in den Horizont hinein.

Das einzig schräge an dem Bild vor ihm sind die alten Straßenbäume. Windschief und knorrig stehen sie zu beiden Seiten der Chaussee. Es sieht aus, als wären sie an einer Schnur aufgereiht.

Er sehnt sich ein wenig in die Zeit seiner Jugend zurück, in die Zeit der ersten Fahrradtouren. Die hat er mit seinen Freunden auch hier in diesem Landstrich abgeritten. Nur sah die Gegend damals noch etwas anders aus.

Etwas …… er lacht leise in sich hinein. Das Heute ist mit dem Damals überhaupt nicht zu vergleichen. Wenn er nur an die gewölbten Klinkerstrassen mit ihrer geschwungenen Linienführung denkt. Als junge Burschen meinten sie oftmals, weibliche Formen darin zu erkennen. Sie wetteiferten dann mit-einander, wer von ihnen diese Formen am treffendsten zu beschreiben vermochte.

Gott, was waren wir doch noch naiv, denkt er.

Die Strassen waren ihm immer mit das Schönste an der Landschaft gewesen. Sie waren Natur in der Natur.

Wie frei hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn ihr Pfadfinderfähnlein die düstere Steinwüste der Alltage hinter sich gelassen hatte, wenn sie der drückenden Müffigkeit des Wohnviertels am Rande der Großstadt entflohen waren.

Es ging ihnen wohl allen so. Sie konnten dann gar nicht kräftig genug in die Pedale treten.

Wenn sie sich nach der anstrengenden Strampelei mit müden Beinen der Küste näherten, schauten sie alle paar Minuten sehnsüchtig nach der schwarzen Rauchfahne des Schiffes aus.

Sie konnten es gar nicht erwarten, endlich an Bord des pummeligen kleinen Dampfers gehen zu können, um damit nach Heyersand rüberzuschippern. Mit den Männern an Bord waren sie von der ersten Fahrt an vertraut gewesen. Obwohl es eigentlich eher wortkarge Typen waren, die da ihren Dienst ver-sahen – zupackend, knustig und verschlossen.

Wenn der junge Kerl im Kohlenbunker – ‚Hein duk di’ nannten damals alle den langaufgeschossenen Hein Briester – einmal besonders gut drauf war, sahen sie am Ende der Überfahrt auch schon mal aus wie frischgebackene Schornsteinfegerlehrlinge.

 

Das kleine Inselwäldchen, inmitten des Eilandes, hatte es ihnen in den Jahren besonders angetan. In den alten Wehrmachtszelten fühlten sie sich wie die Indianer und Trapper in den Wildwest – Groschenromanen, die sie allesamt mit Begeisterung in sich hineinfraßen.

Mit Wehmut denkt er an die Abende in den Dünen zurück. An die Augenblicke, wenn sie die ersten Hürden der Schüchternheit gegenüber dem schwachen Geschlecht überwunden hatten.

Oh Gott, was war das für ein Gefühl gewesen, zum ersten Mal ‚das Andere’ berühren zu dürfen. Die aufgesetzte jungmännerhaftige Welterfahrenheit, die die meisten von ihnen zur Schau trugen, wenn es ums scharwenzeln vor den Mädchen ging – die hatte dann plötzlich vor dem süßen Geheimnis Reißaus genommen. Sie hatte klopfenden Herzen und roten Ohren Platz gemacht.

Irgendwann war in ihren Sommern auf Heyersand jeder von ihnen zum ‚Mann’ geworden. Auch wenn selten jemand aus der Clique darüber redete, nachdem ‚Es’ geschehen war – sie hatten es gegenseitig in ihren Gesichtern erkennen können.

„Ach ja, schöne Zeit – würdest du doch noch einmal wiederkommen ….“ Es ist ihm gar nicht bewußt geworden, daß er laut gedacht hat.

 

Er kann seine Gedanken nicht von den Bildern lösen. Was wohl aus ihnen allen, die dabei gewesen sind, geworden sein mag? Nach dem Abitur hatten die Klassenkameraden sich im Aufbaurausch der jungen Bundesrepublik komplett aus den Augen verloren.

Wie mag es der blonden Anita, seiner ersten stürmischen Liebe, ergangen sein? Ob sie das gefunden hat, wonach sie sich damals immer sehnte? Eine große Familie mit ganz vielen Kindern war ihr Traumbild gewesen. Als einziges Kind schon ziemlich alter Eltern sehnte sie sich nach einem richtigen ‚Trubelhaufen’ eigener Sprößlinge. Wenn sie unter vielen Geschwistern aufgewachsen wäre, hätte sie vielleicht anders gedacht.

Sie hatte sich so sehr gewünscht, von ihm einen dicken Bauch zu bekommen, daß ihm manchmal schon angst und bange war. Das mit dem ‚dicken Bauch’ ist aber nicht geschehen – obwohl sie beide sich immer wieder heftig gemüht hatten.

Vielleicht war es auch gut so, denn nicht nur bei ihm zu Hause wäre dann garantiert der Teufel los gewesen. Seine Großmutter, die ihm sonst vieles nachsah, stieg ihm nämlich schon bei dem harmlosesten Techtelmechtel aufs Dach. Wenn sie denn davon Wind bekam. Seltsamerweise war das aber regelmäßig der Fall. Sie hatte wohl einen besonderen Sinn dafür entwickelt.

Während des letzten Ferienlagers vor der Reifeprüfung fand er Anita dann nicht mehr auf der Insel.

Sie hatte auf dem Eiland auch keine Zeichen für ihn hinterlassen, denen er hätte folgen können. Es war, als ob der Wind sie in unbekannte Fernen fort-getragen hatte. Wer weiß, wozu es gut gewesen war.

In seinem Herzen entdeckt er allerdings heute noch oft ihre Fußspuren. Ein Stückchen von ihm hatte sie mitgenommen, und dafür von sich etwas in seiner Seele zurückgelassen. Er brauchte damals eine lange Zeit, um zu begreifen, daß sie endgültig weg war.

 

Oder was mag aus Robby geworden sein?

Robby und er waren in der Jugend die besten Freunde gewesen. Es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. So hatte er es damals zumindest empfunden …

Bis Robby dann, ein paar Wochen nach der Rückkehr aus dem dritten Ferienlager, auf einmal nicht mehr in ihrem Kreise auftauchte. Auch auf der Penne sahen sie ihn nicht wieder. Der Beste in der Klasse – der Primus – hatte kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ohne vorher auch nur die geringste Bemerkung darüber fallen zu lassen.

Es kursierte nicht einmal das kleinste Gerücht im Schulalltag, warum er das gemacht haben könne. Selbst die Pauker schienen über die Gründe nichts zu wissen. So taten sie jedenfalls.

Von seiner alten Tante, bei der Robby seit dem Unfalltod seiner Eltern gelebt hatte, konnten sie auch nichts in Erfahrung bringen. Sie zuckte nur immer hilflos mit den Schultern, wenn sie nach ihrem Neffen gefragt wurde.

Er war einfach sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

Das war der Zeitpunkt, an dem Jürgen Köhnen bewußt wurde, daß auch ‚unverbrüchliche’ Jungenfreundschaften nicht ewig währen.

 

Im folgenden Jahr erfuhren sie dann alle, warum Robby im letzten Jahr so plötzlich aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Er war nach ihrem Eintreffen in Hamburg sofort wieder auf die Insel zurückgekehrt, und hatte dort die restlichen Sommermonate auf dem Zeltplatz gearbeitet. Die Liebe zu seiner Freundin Körty war die Triebfeder seines Handelns gewesen. Für die beiden war nämlich das ‚Mann’ und ‚Frau’ werden nicht ohne Folgen geblieben. Ein Kind wuchs in Körtys Bauch heran, sie war schwanger geworden.

Irgendwann, im Spätherbst, hatten die beiden dann der Insel den Rücken gekehrt. Einige Inselbewohner, die sie nach dem Verbleib der beiden fragten, sagten ihnen, Italien wäre ihr Ziel gewesen – andere sprachen von Griechenland, und wieder andere brachten sogar das ferne Polynesien ins Spiel. Von wegen Körtys Buntklörigkeit.

Richtig lagen sie mit ihren Vermutungen alle nicht, denn Jahre später flatterte Jürgen ein Brief ins Haus, dessen Inhalt ihm die wahre Geschichte erzählte.

Robby hatte die Zeilen während eines kurzen Aufenthaltes an der schwedisch-finnischen Grenze geschrieben.

Allerdings war die Postsendung mit einer unvollständigen Adresse versehen.

Diese Nachlässigkeit Robbys hatte den Brief eine lange Reise machen lassen.

Nach vielen Kreuz- und Querwegen war der Umschlag aber doch noch beim Adressaten gelandet. Die Post hatte nicht aufgegeben nach dem Empfänger des Briefes zu suchen, obwohl er nach dem Abitur, bedingt durch seine Ausbildung, häufig den Wohnort gewechselt hatte.

Die Freimarke trug den Poststempel von ‚Haparanda’. Robby schrieb in dem Brief, er befände sich mit seiner Körty auf dem Weg zu den finnischen Seen. Per Anhalter seien sie schon bis an die Nordspitze des bottnischen Meerbusens gelangt, und warteten jetzt an der schwedisch/finnischen Grenze auf eine Gelegenheit zur Weiterfahrt ins Landesinnere.

Körtys Großeltern mütterlicherseits betrieben dort an einem der zahlreichen Seen eine kleine Landwirtschaft und eine einträgliche Fischerei.

Körtys Mutter stammte nämlich aus Finnland. Während eines Besuches bei holländischen Verwandten hatte sie sich in den Sohn eines batavischen Gewürzhändlers verliebt – eben in Körtys Vater.

 

Auf die Welt gekommen war Körty in Paterswolde, einem kleinen Ort in der Nähe von Groningen, von wo aus ihr Vater seines Vaters Geschäfte im nieder-ländischen Mutterland führte. Er war ein richtiger ‚Pfeffersack’, der zufällig auch noch mit Pfeffer handelte – wie Körty manchmal scherzhaft sagte, wenn sie jemand neugierig nach ihrer Familie fragte.

So eine außergewöhnliche Deern hier, im ostfriesischen Plattland, anzutreffen forderte die Neugier aber auch förmlich heraus. Ihre Haut sah nämlich aus wie Milchkaffee, während ihre Augen so tiefblau leuchteten, wie das Wasser in den finnischen Seen. Eingerahmt wurde dieses Bild von einer Haarpracht, die so kupfern glänzte wie der rotgoldene Schein der Mitternachtssonne über dem Polarmeer.

Nach ihrer Schulzeit im Land der ‚Kloteklapper’ sollte sie auf Heyersand von der Pike auf das Hotelfach erlernen, um später einmal von einem Onkel in Djakarta die Leitung seines gastronomischen Betriebes zu übernehmen.

Dass dieser Beruf ihr nicht gefiel, das konnte sie nicht sagen – aber in ihren Zukunftsträumen befand sie sich stets bei den Großeltern mütterlicherseits, auf dem einsamen Hof inmitten der finnischen Wälder und Seen. Sie hatte auch noch nirgendwo anders ihre Ferien verbracht.

Und so hatten die beiden sich auf den Weg in den hohen Norden gemacht – zumal es Körtys größter Wunsch war, ihr Kind in der Heimat ihrer Mutter zur Welt zu bringen, wie Robby schrieb.

Die Hinterlassenschaft seiner Eltern, Robbys Erbe, über das er mit 18 Jahren verfügen konnte, gab damals wohl den letzten Anstoß für die Reise in die Region der Mitternachtssonne. Im August feierte er nämlich, noch auf der Insel, seinen achtzehnten Geburtstag. Er war dadurch zwar nicht plötzlich reich im landläufigen Sinne, aber Sorgen um die Zukunft brauchte er sich vorläufig auch nicht zu machen. Die Bankkonten, die ihm von da an zugänglich waren, die durfte man getrost als gut gepolstert bezeichnen. Sein Vater war nämlich nach dem Kriege einer der größten Schwarzhändler Norddeutschlands gewesen.

Seine Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern hatten ihm sogar den Gebrauch eines eigenen Flugzeugs ermöglicht.

Diese für Deutsche damals ‚grenzenlose Freiheit’ hatte ihm und seiner Frau bei einem Absturz über dem Knechtsand in der Elbmündung dann den Tod gebracht.

 

Es war die einzige Nachricht von Robby geblieben. Danach hatte Jürgen von seinem Freund kein Lebenszeichen mehr erhalten. Obwohl er schrieb, sich wieder zu melden, und Jürgen in dem Brief aufforderte sie doch einmal mit Anita in Finnland zu besuchen.

Er hatte in den folgenden Jahren häufig mit dem Gedanken an eine Reise in den hohen Norden geliebäugelt – doch wie sollte man in den unendlichen Weiten da oben jemanden finden, von dem man nicht einmal um den ungefähren Aufenthaltsort wußte.

 

Er holt seine Gedanken aus dem Land der Elfen und Trolle  zurück, und versucht vergeblich wieder in der Gegenwart zu denken.

 

Das Eiland Heyersand war damals noch richtig Eiland. Mit viel verschlafener Idylle zwischen den Fischerhäusern, und auch noch reichlich Zeit für die Menschen, um einen ausgiebigen Klönschnack miteinander zu halten.

Bunte Farbkleckse in den sandfarbenen Alltag setzten meist nur die vielen jungen Mädchen vom Festland, die als Kindertanten in den Erholungsheimen, oder als Hausmädchen in den wenigen großen Hotels und vielen kleinen Pensionen ihr Brot verdienten.

Es war ihnen als ‚junge Kerls’ immer wieder eine Freude gewesen, die schwingenden Röcke durch die Inselluft schweben zu sehen.

Er kann sich nicht erinnern damals Mädchen in lange Hosen gekleidet gesehen zu haben.

Heute wirken die Strassen des Städtchens auf dem großen Sandhügel im Wattenmeer auf ihn eher wie eine Kleinausgabe der Königsallee, oder der Hamburger  Mönckebergstrasse. Die meisten Hotels mit ihrer klotzigen, eintönigen Form könnten ebenso gut in jeder anderen Ecke des Erdballes stehen

Es hat sich alles schon sehr verändert. Die heutigen Besucher entdecken so spontan nicht mehr allzu viel Schnuckeliges auf dem Eiland.

Sie müssen schon ein wenig nach den verborgenen Schönheiten und den Resten von Gestern suchen. Na ja, die Urlauber von Heute haben ja auch meist anderes im Sinn, als die Badegäste von damals.

 

Wenn er sich in der letzten Zeit der Küste nähert, ertappt er sich manchmal dabei, dass er von Weitem schon sehnsüchtig zum Horizont schaut, ob nicht die schwarze Rauchfahne des Dampfers zu sehen ist. In diesen Momenten denkt er dann bei sich: ‚Jetzt geht es aber los mit dir.’

 

Das gleiche denkt er heute Morgen auch, denn sein Kopf fühlt sich so ein bißchen wie knotige Watte an, als wenn er sich dem Wolkenbild am Himmel angepasst hat. Die eiskalte Dusche nach dem Aufstehen hat da auch nicht viel geholfen.

Er läßt die Scheibe in der Fahrertür nach unten surren, um den kalten Fahrtwind im Gesicht zu spüren. „Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, als das Glas in der Versenkung, und die Hitze aus seinem Gesicht verschwindet.

Er möchte sich für die nächsten Stunden am liebsten auch so unsichtbar machen können wie die Türscheibe, um sich von den Anstrengungen der letzten Nacht zu erholen. Er ist ja schließlich kein junger Hüpfer mehr, der, ohne irgendwann schlapp zu machen, nächtelang durch die Betten springen kann.

Das unsichtbar machen, das kann er sich aber für Heute abschminken. Auf Heyersand wartet eine ganze Küchenbrigade schon sehnlich auf ihn.

 

Warum mußte er auch gestern Abend noch in Schröders ‚Gute Stube’ reinschauen, anstatt sich, nach dem kleinen Imbiß in der türkischen Döner-bude, gleich aufs Ohr zu hauen.

Er wußte doch schon vorher, wie es enden würde, wenn er in Patrizias Nähe kam – genauso, wie es immer ausging. Sie fielen übereinander her wie zwei ausgehungerte Tiere über eine fette Beute. Es  aber auch jedesmal höllisch himmlisch, einen Vulkan wie Trizi zum kochen zu bringen, um dann auf der glühenden Lava zu tanzen.

 

Stets war er dann der letzte Gast am Tresen, bevor er sich mit der Wirtin für den Rest der Nacht in ein reserviertes Pensionszimmer im Erdgeschoß des Hauses zurückzog.

Ihre privaten Räume auf der zweiten Etage des alten Landgasthofes waren für ihre jeweiligen Tröster schon seit längerem tabu.

Ihr Mann Gerriet hat sie da einmal richtig in die Bredouille gebracht, als er eines Abends überraschend nach Hause gekommen war.

Die Englandfähre, auf der er als Zahlmeister seinen Dienst versah, hatte am Abend wegen eines Ruderschadens das holländische Eemshaven anlaufen müssen. Deshalb entschloss er sich kurzerhand, die Nacht der Zwangspause nicht langweilig einsam in seiner Koje an Bord, sondern lieber kurzweilig zweisam im heimischen Ehebett zu verbringen. Er war mit einem kleinen Flieger schnell über den Dollart hinweg nach Hause gehüpft.

Patrizia hatte es schon als ein wenig unverschämt von ihm empfunden, so unversehens und ohne sich vorher anzumelden bei ihr aufzutauchen. Wäre ihrem Angetrauten das zur Gewohnheit geworden – an die Folgen hatte sie damals gar nicht denken mögen. Sie hätte sich dann ja reinweg überhaupt kein kleines Nebenbeivergnügen mehr gönnen können.

Wenn ihr damaliges ‚Verhältnis’ nicht so sportlich gewesen wäre – ihr läuft noch stets ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn sie bloß mit einer Silbe daran denkt.

Nachträglich empfand sie es als Fügung, dass sie sich erfolgreich widersetzt hatte, als ihr Vater, vor der Erneuerung des Reetdaches vor einigen Jahren, den uralten Weinstock am Giebel des Gebäudes kappen lassen wollte.

Ihr Liebhaber hatte, bei seinem eiligen Rückzug aus der Gefechtszone, zwar ein paar Blessuren an seinem besten Stück davongetragen, als er sich völlig bloß im Geäst der Binger Tafeltraube nach unten hangelte. Das war für sie aber nicht das Problem gewesen, denn wer liebt, der muß auch manchmal leiden. So ist es nun einmal seit ewigen Zeiten.

Sie selbst hatte genug damit zu tun gehabt, die verräterischen Kleidungsstücke auf die Schnelle verschwinden zu lassen.

Danach mußte sie ihren Mann allerdings im Glauben halten, daß sie Pfeife raucht. Den Tabaksbeutel und die Pfeife ihres ‚Gastes’ hatte sie nämlich in der Eile übersehen. Bevor ihr Göttergatte zu diesen Utensilien in ihrem Wohnzimmer aber eine Frage stellen konnte, hatte sie sich spontan die ‚Piep’ gestopft, und den Krüllschnitt in Brand gesetzt.

Es war nur gut gewesen, daß ihr Mann vordergründig etwas anderes Sinn hatte, als sie wegen ihrer neuen ‚Marotte’ Pfeife rauchen zu tadeln. Im Gegenteil – es törnte ihn wohl noch zusätzlich an, so ein ‚verruchtes Weibchen’ zu besitzen, denn so feurig wie er in dieser Nacht war, kannte sie ihn gar nicht. Sein sonst ziemlich schnell schlappmachender Vize erwies sich plötzlich als äußerst ‚standfester Kamerad’, der nach jedem ‚Schuß’ ins Schwarze gleich wieder zu einer neuen Attacke startete.

So prall wie in dieser Nacht war ihr ‚Schmuckkästchen’ zuvor noch nie von ihm gefüllt worden. Leider wiederholte sich dieses Erleben nicht. Die alte Kurzlebigkeit hatte fortan wieder von Gerriets Liebemachen Besitz ergriffen, und ihn bis zu seinem Unfalltod im Hafen von Liverpool begleitet.

Patrizia hatte aber etwas dazugelernt. Seitdem hielt sie nämlich für die Stunden ihrer außerehelichen Lustbarkeit stets ein Gästezimmer im Parterre parat. Außerdem ist durch das Dahinscheiden ihres Vaters das Leben jetzt sehr viel einfacher zu handhaben. Es ist seitdem niemand mehr im Hause und um sie herum, der ihr Tun argwöhnisch beobachtet und ihr dann vielleicht auch noch dusselige Fragen stellt.

 

Jürgen ist sich durchaus der Tatsache bewusst, daß er Freude darüber empfindet, seit einigen Monaten Patrizias Favorit zu sein. Ein solch handfestes Glück hatte er sich in seinem Alter nun wirklich nicht mehr erhofft.

‚Mann’ wird ja naturgemäß irgendwann bescheidener in seinen Fähigkeiten – nur, an diesem Morgen wird sein Kopf durch diese Erkenntnis auch nicht klarer.

 

Er gibt ein wenig zuviel Gas. Der Motor jault gequält auf, weil er die Gänge einen Tick zu spät hochkickt.

Irgendwie kann er mit seinem Fahrzeug heute Morgen nicht so recht klarkommen. Als wenn die Blechkiste seine Gefühle nicht verstehen will. Oder missgönnt dieses seelenlose Ding ihm etwa seinen Spaß? Das kann doch nicht sein, denn wenn es so sein sollte, wird er es der rollenden Werkzeugkiste nie verzeihen.

Er wird dann das Auto irgendwann in der Nordsee versenken, statt es ‚pietätvoll’ zu verschrotten.

„Was spukt dir heute Morgen bloß für ein Blödsinn im Kopf herum“, grummelt er lächelnd vor sich hin, während er langsam wieder den Druck aufs Gaspedal verstärkt.

Die Nadel des Tachometers pendelt sich zitternd auf 120 ein.

Tempo 80 ist zwar nur erlaubt auf dieser Strecke, aber in 25 Minuten legt die Fähre nach Heyersand ab. Das Schiff darf er auf keinen Fall verpassen, denn dann ist drüben auf der Insel ‚Holland’ in Not.

Den hinterhältigen Blitzkasten, der vor einigen Wochen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung hinter Meyers Feldscheune aufgestellt worden war, den braucht er heute Morgen nicht zu beachten. Der war in der vorletzten Nacht von irgendwelchen wütenden Nachtgeistern geteert und gefedert worden, wie Patrizia ihm beim Abschied noch zugeflüstert hatte.

Es gibt hin und wieder doch noch hilfreiche Mitmenschen in der verödeten Gesellschaft.

 

Eine letzte Kurve über den Deich, und dann mit Effee die lange Gerade zum Hafenplatz runter – er hat es mal wieder geschafft.

Das Profil der Reifen ratscht unangenehm knirschend über den rauhen Beton, bevor der Wagen vor der Gepäckhalle auf dem Bahnsteig zum Stillstand kommt.

 

Er muß seine Gerätschaften noch als Schiffsfracht aufgeben – und den Wagen muß er auch noch zum Parkplatz fahren. Nicht einmal zehn Minuten bleiben ihm bis zur Abfahrt der Fähre. Das wird verdammt knapp werden, aber für ihn ist die stete Hetzerei ja nichts Neues.

Er nimmt sich deshalb ganz fest vor, das nächste Mal früher in die Hufe zu kommen – ehrlich.

Das hat er sich bisher allerdings jedesmal vorgenommen, und jedes Mal vor dem aufstehen wollte Patrizia dann noch einmal …. weil es doch so schön war … und weil es bis zum nächsten Mal doch sicher wieder dauern würde…

Indem sie dann stets geschickt seine Hände an die ‚richtigen’ Stellen führt, verklickert sie ihm auf sanfte Weise die ‚Dringlichkeit’ ihres Bedürfnisses, und er kann nicht einmal dagegen argumentieren, weil sie seine wachsende Antwort schon fest in ihrer Hand hält.

Verdammt noch mal – welcher Kerl kann sich auch solch verlockenden Argumenten widersetzen.

Sie sind einfach zu schön, die Momente, in denen ‚man(n)’ nur noch aus Gefühlen zu bestehen scheint, und der Verstand die Segel streicht.

 

Jürgen hat gerade die Heckklappe seines Kombis nach oben schwingen lassen, als aus dem Dunkel der Gepäckhalle auch schon ein grauer Vollbart auftaucht.

Das kantige Gesicht über dem ‚Sauerkrautgestrüpp’ gehört zu Tjark Blohm. Der schiebt seinen massigen Körper auf typischen Seemannsbeinen in die noch reichlich kühle Morgenluft. Tjark Blohm führt seit Jahren mit fester Hand und viel Sachverstand den Vorposten, wie er den Festlandsstützpunkt der Reederei nennt.

„Moin Herr Köhnen“ klingt es aus dem Vollbart bassig zu ihm herüber. „Wo brennt’s denn heute?“ Tjark Blohm weiß nämlich,  daß jedes Mal wenn der gelbe Ratterkasten angesaust kommt, mit Sicherheit auf Heyersand drüben wieder irgendein technisches Dingsbums in irgendeiner hochgerüsteten Küche verrückt spielt. Und dann sagt er zur Begrüßung auch schon mal ‚Herr Köhnen’.

 

Jürgen Köhnen und seine Monteurskollegen sind für die Kochtopfjongleure auf den Inseln in etwa so wichtig, wie die Schmiermaxen für die Ketten der Schaufelbagger weit draußen in der Fahrrinne vor der Insel.

So hat es jedenfalls einmal einer der Küchenchefs ausgedrückt. Ohne die Elektronikklempner der Firma Kochtopf & Co. läuft nämlich im Ernstfall wirklich gar nichts.

Die beiden kennen sich schon ein Weilchen länger – er und Tjark Blohm. Tjark hat sich nämlich, vor Jürgens Alleinzuständigkeit für die Bedürfnisse Patrizias, bei seinem Werben um die schöne Wirtin der ‚Guten Stube’ auch mal ein paar Wochen die Hacken nach ihr schief gelaufen. Allerdings war es bei ihm bei den schief gelaufenen Hacken geblieben. Ihm war nicht das Glück zuteil geworden, vom heißen Lavastrom des feuerspeienden Vulkans verschüttet zu werden.

An einem verregneten Sommerabend war Tjark das nach einer gemeinsam geleerten Flasche Kööm mal so rausgerutscht.

Seit dem Abend sind sie fast so etwas wie Freunde geworden.

Der bärbeißige Seebär beneidet Jürgen Köhnen nicht wegen seines Erfolges bei der schönen Wirtin – na ja, vielleicht würde er das so’n büschen tun, wenn er nicht mal mitbekommen hätte, wie Patrizias alter Herr mit einer geladenen Schrotflinte hinter einem ‚Kavalier’ seiner Tochter herbönerte.

Gewehrkugeln, die hatten in Indochina oft genug seinen Weg gekreuzt – da mußte er sich hier, nur wegen einer tollen Frauensperson, nicht auch noch Schrot im Hintern einfangen.

 

„Schall ik ähm mit tofoaten?“ klingt es aus Tjarks Mund noch beiläufig durch die Morgenluft, während er sich schon einen leeren Rollwagen aus der Schlange heranzieht.

„Moin Tjark – das wäre schön – ikk bün vörmörgens rein wat loat to Been koamen.“

Tjark kneift grinsend ein Auge zu, als er Jürgen antwortet:

“Wee dat vernacht in d’ Nüst wäär so moi? Du bist heute Morgen aber wohl nicht der einzige, der zu spät zu Potte gekommen ist – dat Schkipp is nämlich noch gannich dor. Laß Dir man ruhig Zeit.“

Jetzt erst fällt Jürgen Köhnen auf, daß an der Kaimauer der Liegeplatz der Fähre noch verwaist ist.

Sonst um diese Zeit befinden sich die meisten Fahrgäste schon an Bord, während sie sich heute Morgen, mehr oder minder ungeduldig, auf dem Hafenplatz die Beine in den Bauch stehen. Die meisten denken sicher mit Bedauern an den Schlaf, den sie hier der kühlen Nordseeluft opfern.

 

Tjark Blohm will gerade mit dem beladenen Rolli in Richtung Rampe loszuckeln, als mit einem ohrenbetäubenden Scheppern die große altertümliche Telefonglocke in der Lagerhalle anschlägt.

Der Frachtgutspezialist läßt den Wagen mit Jürgen Köhnens Kisten und Kasten einfach auf dem Pflaster stehen, und stakst mit langen Schritten in die düstere Halle rein. Zwei, dreimal hört Jürgen ihn ein lautes Wort sagen – es klingt gerade so, als wenn die Fernsprechverbindung etwas klapperig ist – dann erscheint Tjark mit wild herumfuchtelnden Armen wieder auf der Rampe.

„Son Schiet oaber ok – näman, so een Schiet ok.“

Der Hüne im Fischerhemd scheint sich gar nicht wieder einkriegen zu können. Er rennt aufgeregt zum Büroeingang der Reederei – im gleichen Tempo schlackert er zurück zur Halle, und wieder hin zum Büroeingang. Dann erst scheint ihm einzufallen, daß sich im Kontor um diese frühe Stunde ja noch niemand seinen Allerwertesten breitsitzt.

Nach einer Minute intensiven Kopfkratzens besinnt er sich wieder Jürgen Köhnens Anwesenheit

„Jürn – du mutts mi een Gefallen doon.“

„Tjark – wat ist denn los?“ Jürgen Köhnen kann sich keinen Reim auf das seltsame Gebaren seines Gegenüber machen.

Er weiß im Moment nur mit Bestimmtheit, daß er zu spät auf die Insel kommen wird, und daß die Küchenmannschaft, die ihn auf Heyersand erwartet, jetzt schon mit ihren Hintern auf heißen Kohlen sitzt, während die Gäste des Hotels nachher auf ihren vier Buchstaben wahrscheinlich vor ziemlich kalten Speisen hocken werden.

Irgendwo in seinem komplizierten Inneren hat das Steuerungsgerät für die Regelung der Küchenenergie nämlich schlapp gemacht – und ohne dieses un-scheinbare kleine Ding bekommt selbst der feurigste Koch keine Hitze unter seine Töpfe und Pfannen.

 

„Jürn, Du mußt eben für mich ins Nachbardorf fahren. Ich kann ja jetzt schlecht weg hier.“

Tjark hibbelt aufgeregt mit seinen riesigen Pranken in den Hosentaschen herum.

Nun sag mir doch erstmal, was überhaupt los ist. Wenn ich nichts weiß, dann kann ich Dir auch nicht helfen – un överhaupt, wor blivt dat Schkipp?“  

Jürgen Köhnen wird schon rein ein bißchen franterig. Wenn er hier noch lange dumm herumsteht, wird das seiner Firma mit Sicherheit eine Stange Geld kosten.

Die meisten Hoteliers haben bei der Einrichtung ihrer Küche eine Garantie auf die Funktionstüchtigkeit der modernen Großgeräte bekommen, sonst hätten viele von ihnen diese Dinger noch gar nicht angeschafft.

Dafür sind er und seine Kollegen denn die Garanten – sie sind quasi die Feuerwehrleute im Einsatz gegen kalte Küchen.

Er würde sich am liebsten selbst in den Achtersten treten – wenn er es könnte. Warum hatte er bloß gestern Abend nicht noch die Nachtfähre genommen.

Ja ja – Patrizia …! Ach Schiet, denkt er – daß hätte auch nichts gebracht. Mit der Nachtfähre wurde nämlich kein Stückgut zur Insel expediert.

Dann wäre er zwar jetzt drüben an seinem Einsatzort – aber ohne Material und Werkzeug. Dafür ganz sicher mit einem vor Wut kochenden Hotelier, und einer nicht kochen könnenden Horde Köche im Nacken. Nee nee, da war die aufregende Nacht mit Trizi schon anregender gewesen.

Jürgen muß sich zwingen, nicht mehr an die letzten Stunden zu denken, weil es ihm sonst im Schritt unweigerlich zu eng werden würde.

 

„Wat is mit Di“ reißt Tjark ihn aus seinen Betrachtungen. „Fährst Du nun für mich ins Nachbardorf? Wäch kummst Du hier nämlich eers, wenn irgendwell Hein Briester hoalt hett. De moot de Holtengast stüüren.  Die Südergast sitzt nämlich seit einer halben Stunde querab Buhne sieben auf Grund fest – und da wir seit zehn Minuten ablaufendes Wasser haben, schall see dor ok woll noch een Tiedlang blieven mooten.“

Die Morgenfähre von der Insel war wegen der extrem niedrigen Flut auf Grund gelaufen. Der Steuermann hatte erst vor vier Wochen bei der Reederei Heuer genommen, und Heute zum ersten Mal das Revier alleine befahren. Er ist ein Opfer der Tücke des Wattenmeeres geworden. Der seit Tagen anhaltende Südost hat einen normalen Tidenhub verhindert, und er ist prompt mit seinem Schiff in die Falle getapst. Das ist sicher nicht schön für ihn, aber im Moment sitzt er ja noch hoch und trocken mit seinem Schiff auf dem Baljensand.

Die kalte Dusche und das Donnerwetter der Reederei, das alles wird noch früh genug auf ihn herniederprasseln.

 

So, und jetzt muß Hein Briester her. Jürgen Köhnen kann nicht verhindern, daß plötzlich wieder Bilder aus der Vergangenheit durch seinen Kopf flattern.

Oh man, wie eingebildet waren sie sich als was ‚Besseres’ vorgekommen, wenn sie wie eitle Pfauenhähne mit ihren ‚Eroberungen’ in der kleinen Hafenkneipe „Zum lachenden Seehund“ aufkreuzten, in der der nur zwei Jahre ältere ‚Hein duk di’ oft allein am Tresen saß, und mit seinen rissigen Händen, denen man immer die Kohlenarbeit ansehen konnte, sein Bierglas umklammerte. Nie hatten sie auch nur einmal ein Mädchen in seiner Nähe aus-gemacht. Na ja, haben sie damals gedacht, welches Mädchen läßt auch schon so einen ‚Kohlenschüpper’ an sich ran.

 

Der schlaksige, ungelenke ‚Hein duk di’ von damals hatte die Jahre hinter sich, und den Kohlenbunker unter sich gelassen. Ein Paradebild von einem Kerl war er geworden. Jetzt stand er schon seit langem als Baas oben auf der Brücke. Ohne Spuren von Kohlenstaub an den Händen.

Hein hatte sich zum Kapitän hochgearbeitet. Er hatte seit Jahren das Kommando auf der ‚Holtengast’.

Wenn Hein Briester gerade die Linie fuhr, hat Jürgen Köhnen ihn, auf seinen Touren zur Insel rüber, hin und wieder gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Doch nie war das ‚Damals’ zum Thema ihrer Unterhaltung geworden. Irgendwie stand da noch immer die unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die er und seine Kumpels als jugendliche ‚Doofköppe’ in ihrem Unverstand aufgebaut hatten. In diesem Moment empfindet Jürgen Köhnen ihr Verhalten von damals schlichtweg als idiotisch. Wenn Hein Briester das wüsste.

 

Seinen regulären Dienst braucht Käpten Briester an diesem Sonntag erst am Nachmittag antreten. Sonntags setzt die Reederei nachmittags zwei Fähren gleichzeitig ein, um problemlos den geballten Ansturm von Rückreisenden aufs Festland schaufeln zu können.

„Hein hett güstern Oabend sien Geburtsdach fiert, da hat er sich wohl tüchtig einen geballert – und jetzt kriegt ihn keiner an die Strippe.“

Tjark steckt vor Aufregung eine Filterzigarette am falschen Ende an, und flucht lauthals über den gräsigen Geschmack des Glimmstengels.

„Kann seine Frau ihn denn nicht wecken …? wirft Jürgen in das fluchen ein. Er weiß nämlich, dass Hein Briester verheiratet ist. Und das schon sehr lange. Während ihres letzten gemeinsamen Ferienlagers auf der Insel hatten sie sich alle gewundert, daß der Einzelgänger ‚Hein duk di’ nicht mehr in der Kneipe saß, und in sein Bier greinte. Hein hätte heiraten müssen, so hörten sie vom Wirt. Zu Gesicht bekommen hatten sie Hein Briesters Frau aber nicht, er wohnte mit seiner Familie ja nicht auf der Insel.

Es hatte sie auch nicht die Bohne interessiert. Was sollte so einer denn für eine abbekommen haben. Die würde doch zumindest schielen oder hinken, oder hätte einen Buckel mit Bart – auch wenn der Wirt, als er das hörte noch sagte, Hein hätte sich ’ne schmucke Deern geangelt. Mit dieser Bemerkung wollte der Insulaner ihnen als Nichtinsulaner doch nur eins beipulen. Die hielten hier doch alle wie Pech und Schwefel zusammen.

 

Als wenn Jürgens Frage Tjark Blohm geärgert hat, blickt der ihn von unten her nur ganz bissig an, und knurrt verhalten:

„Bi Hein is upstünns niks mit Wiev“, und gleich darauf wieder lauter werdend: „und darum muß jemand hin, und ihn unbedingt aus dem Bett trommeln. Versteist Du mi nu?“

Tjark ist reinweg achter d’ Pust. So einen langen Schnack hat er ja schon Jahre nicht mehr gehalten. Na ja, sone Landratte wie Jürgen Köhnen eine ist, die kann das ja auch nicht so schnell begreifen – und sowieso wird er darüber besser nichts mehr sagen.

Diese Erkenntnis behält er aber wohlweislich für sich. Er sieht sich nämlich schon im Geiste die sechs Kilometer zu Heins Koje mit dem alten Gepäckrad abstrampeln, wenn er das laut sagen würde.

Tjark mag gar nicht daran denken, daß Jürgen Köhnen Heute vielleicht auf den Inselhopper ausweicht, der seit dem letzten Herbst die Küste längs fliegt. Das könnte dann leicht für ihn zur Gewohnheit werden. So ein Flieger ist ja wohl eine schöne Sache für Leute, die mit der Zeit geizen. Er jedenfalls kann diesen brummenden Hummeln seit Südostasien keine freundlichen Gefühle mehr entgegenbringen.

 

Es ist für ihn heute Morgen beruhigend, zu wissen, daß tief in Jürgen Köhnen auch eine Art zementierte Abneigung gegen alles Fliegende sitzt.

Die nette Brandbombe, die in seiner frühen Kindheit sein Elternhaus in der Hansestadt getroffen hatte, die ist wohl mit daran schuld.

Jürgen Köhnen hat ihm einmal bruchstückhaft von dieser schrecklichen Nacht im Luftschutzkeller erzählt.

Familie als Familie besitzt er seitdem nicht mehr. Von allen 32 Bewohnern des Hauses Kanalstraße 18 überlebten einzig seine Großmutter und er das Inferno der Bombennacht. Alle anderen verbrannten im Keller.

Die Jahre danach war seine Oma für ihn Mutter und Vater zugleich gewesen. Dieses Glück wurde vielen Kindern im zerstörten Hamburg nicht zuteil. Ohne sie wäre er mit Sicherheit – wie viele andere – in irgendeinem Heim gelandet.

Dafür war er seiner Großmutter bis zu ihrem späten Tode immer dankbar gewesen, obwohl sie ihn mit ihrem Egoismus in seiner Jugend um so manches Erlebnis gebracht hatte.

Das alles hat er aber ganz tief in seinem Innern vergraben. Der Köhm und Tjark Blohms ähnliche Erlebnisse brachten ihn an dem besagten Abend dazu, ein wenig an diesen Dingen zu kratzen. Aber nur ein ganz klein wenig. Es kam nämlich nicht einmal etwas  von seiner gescheiterten Beziehung zu Carola, mit der er eine kurze Zeit verheiratet war, und seiner ständigen Suche nach etwas Verlorenem ans Tageslicht.

 

Tjark Blohm muß einmal tief Luft holen, um diese, und seine eigenen Erinnerungen zu verscheuchen, die ihm die Gegenwart für ein paar Sekunden vernebeln.

„Nu seech man to, daß du los kommst – wir klaren in der Zeit schon die Holtengast auf.“

Tjarks sonst gewaltiger Baß klingt ein wenig wie mit Mehl bestäubt.

Jürgen Köhnen steht ganz verdattert neben seiner klatschgelben Blechkiste.

„Ik weet doch gannich, wo ich hin muß ….“

„Och joa … hier.“ Tjark hat endlich aus den Tiefen seiner Overalltaschen ein zerknittertes Stück Papier ans Tageslicht befördert und drückt es Jürgen in die Hand

„Dat is Hein sien Visitenkoart – da steht allens drauf.“

Sagt es, dreht sich um, und bölkt gleich darauf mit röhrender Kommandostimme in die Richtung von zwei Decksleuten:

„Nu man een bäten dalli, ji beiden – de Holtengast moot warmlopen. In einer halben Stunde heißt es Leinen los.“

 

Wer Tjark im normalen Betrieb in seiner Gepäckhalle herumklütern sieht, der traut ihm niemals eine solche wieselige Wendigkeit zu, wie er sie jetzt an den Tag legt.

Der normale Beobachter weiß ja auch nicht, daß Tjark außer seiner Fahrenszeit auf einem verrosteten Seelenverkäufer im südchinesischen Meer auch noch 10 Jahre Dienst in der französischen Legion hinter sich gebracht hat. Darüber spricht er allgemein auch nicht, weil ihn hier und heute wegen seiner körperlichen Massigkeit sowieso alle respektieren.

 

Das war während seiner Schulzeit noch anders gewesen, als jeder daheim im Dorf den schmächtigen Burschen hänselte, weil er keinen richtigen Vater vorweisen konnte und deshalb von der Gemeinschaft als nicht ‚vollständig’ angesehen wurde.

Im letzten Schuljahr hat er wegen einer solchen Hänselei dem Schlachtersjungen von nebenan – auf dem Klosett in der Schule – kurzerhand ein Ohr abgebissen.

Auf dem Klosett deshalb, weil der kräftigere Schlachtersjung, der zwei Jahre älter war als Tjark, in dem Moment nicht so schnell hinter ihm herrennen konnte – von wegen die heruntergelassene Büx.

Von da an war der auch nicht mehr vollständig gewesen.

Tjark hat sich allerdings daraufhin nicht mehr nach Hause getraut, und am nächsten Tag in die Schule schon mal gar nicht. Lehrer Krumbiegel hatte garantiert schon seinen ‚Spezialrohrstock’ auf Vordermann gebracht.

Der alte Knochen besaß nämlich ‚Zuchtruten’ in verschiedenen Kategorien – die eine war für leichte, eine andere für mittelschwere, und eine dritte für besondere Fälle gedacht.

Die zu erwartende Sühne für seine Tat hatte Tjark schon von sich aus freiwillig unter ‚besondere Fälle’ eingeordnet. Diese ‚Behandlung’ wollte er seinem verlängerten Rücken nun doch nicht antun.

Bei einem solchen ‚Ritual’ halfen nämlich auch keine in die Hose gestopften Schulhefte, mit deren Hilfe sie die fast alltäglichen, kleineren ‚Strafaktionen’ abmilderten.

 

Am zweiten Tag nach seiner ‚Heldentat’ kroch er abends auf Möllers Rastplatz zwischen die Ladung eines abgestellten Fernlasters.

Irgendwo musste er ja mal schlafen. Und er schlief verdammt lange. Als er nämlich wach wurde hörte er Sprechen um sich herum das er nicht verstand, und als er durch einen Schlitz in der Plane nach draußen linste, sah er in eine Gegend die ihm völlig  fremd war.

Vom Fahrer des LKW, der seinen ‚blinden Passagier’ nach einer Pinkelpause auf der Ladefläche entdeckte, erfuhr er, daß sie gerade die französische Grenze passiert hatten.

Nachdem er zwei dickbelegte Stullen aus des Fahrers Brotdose vertilgt, und sich den Muckefuck aus dessen  Kaffetank einverleibt hatte, ging es ihm wieder bestig. Für den gutmütigen Fernfahrer machte er sich fix um zwei Jahre älter. Siebzehn sei er gerade geworden und wolle in die Welt hinaus.

Der Kapitän der Landstrasse schloß daraus messerscharf, seinen ‚blinden Passagier’ ziehe es wegen irgendeiner jugendlichen Missetat in die Fremden-legion. Was Tjark sofort mannhaft bejahte, obwohl er von dieser Einrichtung sein Lebtag noch keinen Pieps gehört hatte.

 

Zwei Kilometer weiter saß er denn auch schon auf der nächsten Gendarmeriestation einem Elsässer Flic gegenüber, der ihn auf französisch allerhand fragte was er nicht verstand, und der ihn etwas unterschreiben ließ was er nicht lesen konnte. Obwohl derselbe Flic sich wenig später beim hinausgehen mit dem Fernfahrer ganz passabel auf Deutsch unterhielt.

Ein von dem Gendarmen aus einer nahe gelegenen Kaserne herbeigerufener Corporal kassierte ihn kurz darauf ein.

Acht Stunden später tummelten sich auf dem Kopf über der Rekrutenuniform der ‚Legion Francaise’ nur noch Stoppeln und nochmal acht Stunden später fand er sich als ‚Zackbumm’ irgendwo in den zerklüfteten Bergen der Insel Korsika zur Grundausbildung als Legionär wieder, um gleich danach als Schütze Arsch aus niedrigster Position die Schönheit der algerischen Wüstenlandschaft entdecken zu dürfen.

Tjark Blohm sollte es für eine lange Zeit nicht mehr geben.

Omanoman – wenn er das auf dem Klosett in der Schule geahnt hätte – der Schlachtersjung hätte entweder den Horchlöffel an seinem Wasserkopf dranbehalten, oder Tjark hätte von Lehrer Krumbiegel die Behandlung für besondere Fälle in Kauf genommen.

Seinem Aufenthalt in Algerien folgte eine Stipvisite nach Südamerika auf eine der vorgelagerten Inseln zur Niederschlagung einer Sträflingsrevolte.

Nachdem die Zuchthauskolonie ziemlich unfriedlich von ihm und seinen Kameraden befriedet worden war, durfte er für längere Zeit die ‚Gastfreundschaft’ der Kongolesen genießen, um dann übergangslos von der Führung der ‚Grande Nation’ nach Südostasien geschubst zu werden. Ehe er noch recht zur Besinnung gekommen war, befand er sich mitten im Schlamassel in Indochina. Es wurden drei heiße Jahre in der grünen Hölle um Dien bien Phu.

Für einen ostfriesischen Torfkopp, der nur wegen eines abgebissenen Ohres von zuhause ausgebüxt war, war das ganze Erleben schon ganz schön happig.

 

Na ja, er hat es überlebt, und viel von der Welt gesehen. Es war allerdings eine ziemlich blutige Welt, die er dadurch kennengelernt hat. Sogar ein paar glänzende Blechdinger hatten die Franzmänner ihm für seine Tapferkeit an die Brust geheftet.

Nur seiner Mutter hat er sie nicht mehr zeigen können, damit sie gesehen hätte, daß aus ihm doch noch was geworden war. Sie war ein halbes Jahr vor seiner Rückkehr in die Heimat  gestorben.

 

Nach den Kämpfen in den asiatischen Regenwäldern war er seinen Capitain um seine Entlassung aus der Legion angegangen. Die Demission hatte ihm der Kriegsminister in Paris auf Grund der Fürsprache seines Vorgesetzten dann auch huldvoll gewährt, weil wütende Asiaten ihn bei Nahkämpfen schon dreimal durchlöchert hatten. Er versprach sich für die französische Marianne wohl nicht mehr allzu viel Nutzen von diesem waidwunden ostfriesischen Helden.

Mit einer Heuer auf einem Frachtdampfer, und dem Sold für 10 Jahre Zackbummzeit in der Tasche, versuchte er nach seiner ‚Entmilitarisierung’ mit einem Schiff einen deutschen Hafen zu erreichen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis er den ersten deutschen Hafen zu Gesicht bekam. Er hatte in seiner Abschiedslaune nämlich einen Pott erwischt, das zwar den Union Jack führte, und an dessen Heck Liverpool stand – das aber seinen Bugspriet trotzdem nie aus dem Chinesenmeer raus steckte.

Es wurde eine ganz schön lange Reise durch die asiatischen Häfen. Er hatte sich auf dem Schrottkahn aus dem vorigen Jahrhundert schnell vom Leicht-matrosen zum ersten Steuermann hochgearbeitet.

An Bord galt sein Wort bald mehr, als das des ständig duunen Kapitäns. Das nützte ihm nur nicht viel, denn dem heruntergekommenen englischen Ginliebhaber – einem in den Kolonien gestrandeten Sprössling der Gordon Dynastie – gehörte der verrottete Kahn. Die Rostbeule hat er erst verlassen können, kurz bevor die Wellen über dem Deck zusammenschlugen, und sie für immer in ihr nasses Grab versank.

Das südchinesische Meer mit seinem Kranz von Opiumhöhlen drumherum kannte er seitdem besser, als seine eigene Hosentasche. In der fand er ja nicht einmal auf Anhieb die popelige Visitenkarte von Hein Briester.

 

Nachdem die Besatzung einer Dschunke ihn zwei Tage später wie einen Sack Reis aus den Fluten des gelben Meeres gefischt hatte, war er noch ein ganzes Jahr durch die Spelunken von Singapur gegeistert. Um das Leben nachzuholen, wie er sich selber einredete. Im Grunde hatte er aber nur gesoffen, und wahrscheinlich eine Menge Halbchinesen produziert. Die netten ‚Chinagirls’ schätzten nämlich die ‚Ausdauer’ der kräftig gebauten ‚Langnase’ über die Maßen, und ließen sich häufig – auch ohne dafür entlohnt zu werden – von ihm beglücken. Er leistete sozusagen ‚echte deutsche Wertarbeit’.

Erst der Käpten eines ‚DDR’ Schiffes hatte es nach einem fürchterlichen gemeinsamen Saufgelage geschafft, ihm diese Art von ‚Völkerverständigung’ auszureden, und seinen Kompass auf Kurs Heimat einzustellen. In Antwerpen war er dann von Bord des volkseigenen sozialistischen Frachtdampfers gegangen.

Das geschah allerdings sehr zum Leidwesen des Rostocker Kapitäns. Der hatte Tjark, während der vorausgegangenen monatelangen Trampfahrt durch die Häfen des indischen Ozeans, als Mensch und Seemann schätzen gelernt. So einen Mann der Tat konnte jeder Käpten für sein Schiff gut bebrauchen. Zumal Hein ja auch nicht an Parteigläubigkeit litt. Er hätte ihn liebend gern als ersten Offizier in seine Mannschaft eingebaut.

Gewollt hat er damals selber auch wohl – aber nee, das Heimweh war stärker. Er mußte nach Hause, und das hätte er dann wohl nicht können. Die ehrliche Haut von Käpten hatte ihm nämlich nicht verschwiegen, daß in den beiden Deutschlands Kontakt über die innere Grenze fast, und das Anlaufen eines westdeutschen Hafens völlig  unmöglich war. Sie hatten sich zum Abschied nur schweigend umarmt, als er in Belgien das Schiff verließ. Die Verbindung zwischen ihnen war jedoch bestehen geblieben und bis heute nicht abgerissen.

Jetzt, wo in Europa so vieles anders geworden war, trafen sie sich sogar hin und wieder um alte Erinnerungen aufzufrischen.

 

Jürgen Köhnen steht nun da – mit dem reichlich strapazierten Anschriftenzettel von Hein Briester in der Hand – und pliert reichlich dumm aus der Wäsche. Tjark Blohm beobachtet ihn offenkundig vom Anleger her – der alte Fuchs sieht nämlich stets alles, was um ihn herum geschieht. Es ist geradeso, als wenn er auch hinten Augen hat.

Als Jürgen sich nach einigen Minuten noch nicht rührt, ruft Tjark ihm von weitem freundlich, aber lautstark über den Hafenplatz zu: „Die Schlange ist nicht mehr da. Schüttel die Starre man ab, und bring endlich Deinen Briefkasten auf Touren. Könnte sein, daß Du sonst nachher auf der Insel von Deinen Kunden kalfatert wirst.“

 

In Jürgen Köhnen kommt Bewegung. Tjark hat ja Recht. Je eher er mit Hein Briester wieder zurück am Anleger ist, umso früher landet er in der gelähmten Küche auf Heyersand.

Aber wieso hat er seinen Transporter ‚Briefkasten’ genannt? Diese Bezeich-nung hatte Tjark ihm gegenüber noch niemals gebraucht. Ist dem alten Halun-ken da vielleicht versehentlich etwas rausgerutscht?

Ein halbes Jahr zuvor hat ‚irgendjemand’ ihm nämlich eine Überraschung bereitet, über die der ganze Landstrich noch eine Weile schallend gelacht hat. Es war ein Witz gewesen – aber geflucht hat er den Morgen doch wie ein mongolischer Kameltreiber in der Wüste Gobi. Zumal der Anstoß zu diesem Witz ihn und seine Kollegen in der Vergangenheit schon genug geärgert hatte.

Die Firmenleitung hatte allen Außendienstmitarbeitern – ganz gleich ob sie als Monteur oder als Vertreter bei ‚Kochtopf & Co.’ ihre Brötchen verdienten – eines Tages als Dienstfahrzeuge kleinere Fortbewegungseinheiten verordnet. Die Smarts mußten wegen der Firmentradition natürlich alle gelb sein.

Nee nee, der Firmengründer war kein Chinese gewesen – so hoch aufgehängt war das nun auch wieder nicht.

Die ‚Firmentradition’ bezüglich der Fahrzeugfarbe hatte einen ganz banalen Hintergrund.

Der Vater des jetzigen Seniors hatte nach dem Kriege damit angefangen, Töpfe und Pfannen zu verhökern. Die Töpfe und Pfannen wurden aus Stahlhelmen der ehemaligen Wehrmacht gefertigt. Stahlhelme waren reichlich vorhanden – Pötte und Pannen gab es dagegen weniger. Dass die nicht mehr benötigten Soldatenkopfbedeckungen ausschließlich zu Nachttöpfen umfunktioniert, oder als Haarschneideschablonen benutzt wurden, ist nämlich ein Märchen.

Durch gewisse Beziehungen zu den Besatzern hatte er sich für seinen Pöttehandel als erstes motorisiertes Firmenfahrzeug einen ausgedienten ‚Opel Blitz’ der alten Reichspost besorgt. Weil aber keine Pinunsen mehr in der Geschäftskasse zu entdecken waren, um den viereckigen Knatterkasten umpönen zu lassen, blieb er schön postgelb – und allen anderen Firmen-fahrzeugen, die diesem Gefährt folgten, verpasste der Chef den gleichen Farbton. Man hängt ja schließlich irgendwie an seinem ‚Erstgeborenen’.

So einfach war das mit der Tradition, auch wenn es in der Firmenchronik ein wenig anders zu lesen ist.

Die Sparidee mit den Knutschkugeln war auf dem Mist des Juniors gewachsen, der schon während seines BWL Studiums kräftig in der Firma mitmischen wollte.

Von ihrem langjährigen Fahrdienstleiter stammte der Ausspruch:

„Jetzt zeigt das Küken uns alten Hennen, wie weit wir unsere Hintern öffnen dürfen, um goldene Eier zu legen.“

Wenn das Ganze sich nicht sehr rasch als riesiges, und außerordentlich teures Windei entpuppt hätte – der altgediente Haudegen wäre garantiert wegen seiner Leichtlippigkeit ausgemustert worden. Der Nachwuchschef war in solchen Dingen ziemlich empfindlich.

Die ganze Firmenflotte fuhr nach der Idee des Juniors auf jeden Fall erstmal smart durch die Lande.

Die Betriebskosten für die Kundendienstfahrzeuge gingen dadurch zwar nach unten, doch die eingesparten Gelder wurden schnell wieder aufgezehrt durch saftige Entschädigungszahlungen an unzufriedene Kunden. Die Monteure hatten aus Platzmangel oft nicht die notwendigen Ersatzteile dabei. Die Reparaturen dauerten zwangsläufig häufig entsprechend länger.

So erwies sich die geniale ‚Sparmaßnahme’ des Juniors für das Unternehmen recht bald als Faß ohne Boden.

Doch bevor beim Senior in der Zentrale die Alarmglocken schrillten, und er wieder auf die bewährten Kleintransporter zurückgriff, hatten einige Brüder, hier in der Weite des platten Landes, noch ihren Spaß mit der Fehlentscheidung des Juniors.

Nach einem feuchtfröhlichen Abend, in ‚Schröders guter Stube’, hatten die Kumpane seinen gelben Smart mit Pappschildern als ‚Briefkasten’ deklariert, und das Wageninnere durch das offene Schiebedach mit ‚Post’ gefüllt.

Es war durch diesen Streich an dem Fahrzeug wohl nichts beschädigt worden – aber den ‚Briefkasten’ leeren zu müssen, daß hat ihn am folgenden Morgen schon mächtig ‚gefreut’.

Er war damals nicht dahinter gekommen, wer von seinen Zechgenossen ihn mit soviel ‚Post’ beglückt hatte – aber jetzt war Tjark Blohm scheinbar völlig unmotiviert die Bezeichnung Briefkasten herausgerutscht. Wenn da man nicht eine Verbindung bestand.

 

Nun mußte er aber auf dem schnellstens Wege den Kapitän für das Ersatzschiff herbeischaffen.

Sie hatten früher auf ihren Entdeckungsstreifzügen häufig eine Abkürzung ins nächste Dorf genommen. Das Wissen aus seinen Pfadfindertagen will er nun nutzen. Genau diese Abkürzung nimmt er jetzt unter die Reifen – von wegen der Zeitersparnis. Über die Chaussee sind es bis ins Nachbardorf nämlich satte vier Kilometer mehr.

Seine innere Stimme hatte ihm vor dem Start noch geraten, Tjark nach dem Zustand des Weges zu fragen – aber nee, jemand der kurz zuvor sein Fahrzeug als ‚Briefkasten’ bezeichnet hatte, den würde er doch nicht fragen.

Hätte er doch bloß auf seine innere Stimme gehört, und das getan, was sie ihm geflüstert. Die kürzere Strecke durch die Deichwiesen entpuppt sich nämlich als höllische Schlaglochallee.

Er kann seinen ‚Briefkasten’ – man, jetzt denkt er auch schon ‚Briefkasten’ – er kann seinen Wagen nur im Schrittempo vorwärts bringen. Eine Viertel-stunde hoppelt er so schon von Loch zu Loch.

„Verdammt – ich bin doch kein Karnickel“, flucht er genau in dem Moment laut vor sich hin, als sein wunderschöner gelber Ratterkasten mit zwei Rädern im Schlamm versinkt und stecken bleibt.

Jetzt hat er sich genauso dämlich, oder auch unwissend, benommen wie heute Morgen der Unglücksrabe von Steuermann auf der Südergast.

Er besitzt nur einen Vorteil gegenüber den Schiffbrüchigen auf dem Unglücksdampfer – er kann aus seinem festgefahrenen Vehikel aussteigen.

Nasse, scheddrige Füße bekommt er allerdings trotzdem.

Oh Gott, was soll das geben. Nie und nimmer kommt er noch rechtzeitig auf die Insel rüber. Er sieht sich schon hochkantig aus der Firma rausgeschmissen, als er bemerkt, daß ein ebenso hochkantiges Gefährt hinter seinem gestrandeten Transporter angehalten hat. Er hatte den hinter ihm herzuckelnden Unimog gar nicht bemerkt.

 

Ein grinsendes bekanntes Gesicht glumt ihn, aus der Fahrerkabine heraus, vergnügt an. Es ist das Gesicht von Enno Göken.

Enno ist hauptberuflich Fahrer bei der Meierei. Er liefert jeden Morgen am Hafen die Frischprodukte für die Inselläden ab.

Nebenberuflich hatte er auch einmal eine Zeitlang am Langstreckenlauf um Patrizias Gunst teilgenommen.

Nachdem Patrizias alter Herr dann aber begann, Schießübungen mit seinem alten Büffeltöter auf ihn zu veranstalten, da war er freiwillig aus dem Rennen geschieden.

Schrotkugeln im Achtersteven – die hätte er seiner Frau zu Hause denn doch wohl nicht so richtig schlüssig erklären können.

Fröhlich pfeifend klettert Enno aus dem hohen Führerhaus auf den schlammigen Boden. Der hat in seinen Gummistiefeln gut lachen, denkt Jürgen.

Ihm fällt gar nicht ein, Enno danach zu fragen, was er auf seiner Milchtour denn hier in dieser Wüstenei zu suchen hat. Er ist einfach froh, daß der Baller-kasten von Zugmaschine hinter seinem gestrandeten Kombi steht. Der gutmütige Enno klärt ihn aber gleich auf.

„Manoman Jürgen – da hast Du Dich ja bildschön eingebaggert. Tjark hatte wohl doch nicht so ganz unrecht, als er mir sagte, Du wärst heute Morgen vor körperlicher Erschöpfung geistig nicht so ganz gut zu Fuß – und mich deshalb hinterherschickte, als er Dich auf den Deichweg abdrehen sah.“

Enno schnalzt genüßlich mit der Zunge, als er das sagt.

Du häst woll wär een bannich stur Nacht achter Di  ….“  hängt er noch süffisant hintendran.

Wie passend Enno doch mit seiner Vermutung liegt. Die Nacht mit Trizi war für ihn einfach total anstrengend, aber auch berauschend schön gewesen. Der Vulkan in ihr war gar nicht zur Ruhe gekommen, und er hatte die glühenden Ausbrüche genossen, wie schon lange nicht mehr. Sechs Wochen lang hatten sie schließlich aufeinander verzichten müssen.

Nur, soll er das eingestehen und den guten Enno damit vielleicht noch neidisch machen? Er würde ihn am Schluß noch hier in der Einöde sitzen lassen. Da sagt er schon lieber gar nichts – oder höchstens:

„Der Weg hier war doch immer gut zu fahren – ich dachte mir nur ….“

Er hat sein Denken gar nicht zu Ende erklärt, als Enno lachend lospoltert:

„Mensch Jürgen – wie lange ist Dein immer gut zu fahren denn her? Hier kann man seit zehn Jahren nur noch mit Allradantrieb durchkommen – wenn überhaupt.

Als die damals den Klei für den neuen Deich ausgepüttet haben, haben die schweren LKW hier alles in Dutten gefahren. Und seitdem ist dat hier wie auf’m Mond. Die haben uns unsern ganzen schönen Spritpadd damit versaut.“

Jürgen merkt deutlich Ennos Gnadderichkeit über den Verlust des kontrollfreien Kneipenheimweges.

„Aber jetzt laß uns man eben sehn, dat wir Dich hier rausziehn. Sonst kommt die Holtengast heut Morgen gar nicht mehr in Fahrt“, sagt es, und klettert in sein hohes Führerhaus.

Die Zugmaschine vor den Transporter setzen, die Winsch klarmachen und das Seil anpicken, das hat er mal alles so im vorbeigehen gemacht.

 

Fünf Minuten später steht Jürgen mitsamt seinem total verdreckten Transporter kurz vor dem Nachbarort wieder auf fester Strasse. Und noch einmal fünf Minuten später kommt ihm aus einer Haustür, in schnieker Uniform und mit Schlips und Kragen, ein dienstklarer Hein Briester entgegen.

War doch um Tjark Bloom herum jemand auf die grandiose Idee gekommen Heins Nachbarn, der im Alltag auch bei der Reederei seine Brötchen verdient, anzuklingeln, damit der den müden Käpten schon mal aus dem Bett scheuchte.

Angesichts der stets unverschlossenen Haustür sah der Kollege auch keine Schwierigkeit den Schläfer zu wecken.

Tjark Blohm hatte ihm noch geraten notfalls ein nasses Handtuch zu Hilfe zunehmen. Das hatte der hilfsbereite Kollege denn auch freiweg getan, und als Dank für die unwillkommene Störung prompt Hein Briesters altertümlichen Wecker ins Kreuz geworfen bekommen, der sinnigerweise durch den Aufprall auch noch laut zu scheppern begann.

 

Über die Chaussee geht es in wenigen Minuten zurück zum Hafen – auch wenn der Weg ein paar Kilometer länger ist.

Hein Briester verliert kein Wort über Jürgens Malheur, obwohl die Schlamm-spuren ja nicht zu übersehen sind. Männern passiert schon mal so etwas.

„Ich bin vor einigen Wochen nachts auf der Heimfahrt von Emden auch vom Weg abgekommen“, ist seine einzige Bemerkung beim Anblick der total ruinierten Schuhe seines Fahrers.

Genau sechs Wochen sind verstrichen, seit er mit seiner Frau auf einer Familienfeier wegen einer ‚nebensächlichen Kleinigkeit’ aneinander geraten ist. Aus der nebensächlichen Kleinigkeit vom Nachmittag war dann auf dem Weg von Emden nach Hause, durch eine unbedachte Bemerkung von ihm, eine Tragödie geworden.

Am selben Abend noch ist seine Frau zu ihrer Tochter zurückgefahren, während er sich im Lindenkrug mit Bier und Köhm das Denken zugeschüttet hat. Nachts war ihm dann im Dunas an der gleichen Stelle ähnliches passiert. Davon hat aber Gott sei Dank niemand etwas erfahren, sonst wären sein Führerschein und sein Patent zum Teufel gewesen. Zumindest für eine Zeit lang.

Aus dem gleichen Grund erwähnt er es jetzt auch nicht, und hockt nur schweigsam auf dem Beifahrersitz in dem engen Führerhaus.

Viel reden mag der Käpten heute Morgen wohl nicht, denkt Jürgen völlig ahnungslos. Er kann das verstehen. Mit einem ausgewachsenen Kater im Nacken ist er selber auch selten gesprächig.

Dass Hein Briester noch durch etwas ganz anderes am flotten Sprücheklopfen gehindert wird, das kann Jürgen ja nun wirklich nicht wissen.

Er macht sich da auch überhaupt keine weiteren Gedanken drüber. Er denkt plötzlich an etwas ganz anderes. Hein Briesters Erwähnung des Ortes Emden hat die Erinnerung an eine ganz besondere Begegnung in ihm wachgerufen.

 

Die Stadt Emden gehörte normalerweise nicht zu seinem Kundendienstbereich. In Vertretung eines erkrankten Kollegen mußte er dort die Endmontage einer neuen Hotelküche überwachen. Er hat heute noch keine Erklärung für das was damals dann im Hotel passierte. Weder befand er sich im sexuellen Notstand, noch hatte ihn an dem Tage etwas besonders angetörnt. Es war einfach ein ganz normaler Feierabend gewesen, ohne Erwartung auf etwas Außerge-wöhnliches.

Er war nach einem echt anstrengenden Arbeitstag auf dem Weg zu seinem Zimmer auf dem Etagenflur einer jüngeren sehr weiblichen Bediensteten des Hauses begegnet – und so mir nichts dir nichts nach zwei Blicken mit ihr in einem Hotelzimmer gelandet. Die junge Frau schien sexuell förmlich aus-gehungert. Noch während er die Tür hinter sich zu schließen versuchte, hatte sie sich schon halb ihrer Bluse entledigt.

Er hatte in den Minuten das Gefühl, sie wolle ihn vergewaltigen.  Bevor sie jedoch das Bett erreichten ließ sie plötzlich von ihm ab, begann zu weinen und forderte ihn auf  ihr Zimmer zu verlassen. Plötzlich erkannte er, daß sie zutiefst verzweifelt war.

Sein Versuch sie zu trösten, und vielleicht etwas über den Grund ihres Verhaltens zu erfahren, war kläglich gescheitert. Sie hatte nur ständig wieder-holt: „Gehen sie, lassen Sie mich allein, gehen Sie doch bitte …“

Er war gegangen. Den Gedanken nach unten zu gehen, und sich beim Portier am Empfang über die junge Frau schlau zu machen, setzte er nicht in die Tat um. Er würde für sie dadurch vielleicht noch zusätzliche Unannehmlichkeiten heraufbeschwören. Das wollte er auf keinen Fall. Vielleicht war er auch nur zu müde für irgendwelche Kalamitäten. Am nächsten Morgen hatte er für sich beschlossen die Sache vom Abend ganz schnell zu vergessen.

Einzig die Spuren ihrer Fingernägel auf seinem Rücken hatten die Erinnerung an dieses Ereignis noch eine Weile in ihm wach gehalten.

Es ist ihm allerdings immer noch ein Rätsel wieso so etwas geschehen konnte – zumal sie vorher nicht ein Wort miteinander gewechselt hatten. Es war wie der Zusammenprall zweier Sonnen gewesen. Sie waren sich niemals vorher begegnet und danach auch nicht wieder.

Das Ereignis war ganz tief in sein Unterbewusstsein gerutscht. Bis es dieses eine Wort aus Hein Briesters Mund unversehens wieder zum Leben erweckte.

Er wischt sich heftig mit der Hand über die Stirn, als wenn er den Film stoppen will der plötzlich an seinem inneren Auge vorbeiläuft.

 

Fünf Minuten später werden sie von einem erleichtert aufatmenden Tjark Blohm in Empfang genommen, und noch mal zehn Minuten später dreht die ‚Holtengast’ ihren Bug bereits in den Wind.

Trotz der Verspätung ist es ruhig an Bord. Die Fahrgäste nehmen die Verzögerung erstaunlich gelassen hin. Die Ruhe verzieht sich erst, als querab die ‚Südergast’ in Sicht kommt. Im Handumdrehen haben die Passagiere sich auf dem Oberdeck versammelt und drängen alle zur Steuerbordseite. Jeder will doch was sehen. Sowas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Wer von den Fahrgästen einen Fotoapparat dabei hat, der knipst natürlich drauflos.

Das gestrandete Fährschiff liegt nämlich wie ein Seehund auf einer Sandbank – das kommt schließlich nicht alle Tage vor. Da hat man später wenigstens etwas Besonderes zu erzählen.

Die Holtengast bekommt durch die Gewichtsverlagerung leichte Schlagseite, so daß einige der Passagiere sich erschrocken nach Backbord verziehen.

Jürgen Köhnen hat sich gleich nach dem Ablegen in den unteren Salon verzogen, um für die Dauer der Überfahrt noch ein wenig in der vergangen Nacht zu verweilen. Er hat die Beine hochgelegt, und hält ganz einfach ein kleines Nickerchen.

 

Auf der Höhe der ‚Südergast’ drosselt Hein Briester von der Brücke aus den Antrieb. Er erkundigt sich nach der Lage an Bord der Südergast und ver-ständigt sich mit seinem Kollegen auf dem Schwesterschiff dahingehend, daß er nach dem absetzen der Passagiere und nach löschen der Ladung sofort wieder von der Insel zurückkehrt, um die Fahrgäste zu übernehmen. Es sind zwar zwei Bergungsschlepper im Anmarsch, um die Fähre bei auflaufendem Wasser wieder flott zu machen, aber das wird ja noch Stunden dauern. Die Reederei hat außerdem für das Abbergen der Passagiere und der Ladung vorsorglich einen Schlickrutscher von Greetsiel aus auf den Weg gebracht.

Der Verantwortliche auf der ‚Südergast’ hat in diesem Schlamassel aber nicht seinen Humor verloren, denn die Fahrgäste spielen auf dem festsitzenden Schiff derweil ‚hasch mich, ich bin der Frühling’.

Zwei von seinen Fahrgästen hätten allerdings vorsorglich ihren letzten Willen verfasst und von ihm besiegeln lassen, wie er Hein Briester zum Abschied noch wissen läßt.

Hein Briester läßt die Leute auf der „Südergast“ sich auf ihre Art die Aufregung und die Langeweile vertreiben, und rauscht derweil mit ‚volle Kraft voraus’ der Insel entgegen.

Ein wenig Zeit holt er damit zwar wieder auf, aber trotzdem dauert die Überfahrt wegen des extremen Niedrigwassers gut zwanzig Minuten länger als es normalerweise der Fall ist. Jürgen Köhnen in seinem Salonsessel unten im A-Deck ist es nur recht. Kann er dadurch doch noch ein wenig länger den schönen Dingen des Lebens hinterherträumen.

 

In Windeseile haben die Leute am Anleger der Insel das Schiff verlassen. Plötzlich hat es jeder eilig. Auf Jürgen Köhnen und sein Gepäck wartet auf dem Hafenplatz schon seit dem frühen Morgen ein reichlich genervter Hotelbediensteter.

In seiner bunten Uniform tigert er wie ein unruhiger Löwe im Käfig um seinen vergitterten Elektrokarren herum. Alle paar Minuten scheppert es nämlich in seiner Brusttasche. Der wütende Oberkoch aus der Hotelküche will dann jedesmal wissen, ob der verdammte Kahn mit dem Küchenklempner denn endlich in Sicht ist. Nach dem zehnten Mal fragen hat der bereits angejahrte Hoteldiener den aufdringlichen Knochen von Mobiltelefon mit einem kräf-tigen Schwung in das Hafenbecken befördert. Von da können jetzt die Plattfische dem Küchenchef Auskunft geben.

Die Stimmung in der Hotelküche ist, genau wie das Handy des Gepäckboys, irgendwo ganz unten gelandet. Es brodelt an der Front. All zuviel darf nun nicht mehr schief gehen, damit der Kessel nicht doch noch platzt.

Bevor Jürgen Köhnen von Bord geht, reicht ihm der Stuart noch einen beschriebenen Zettel. Die Mitteilung darauf ist vom Käpten. Hein Briester lädt ihn für den Abend zu einem Gespräch in den ‚Lachenden Seehund’ ein. Die kleine Hafenkneipe am Ende der Pier hat den Wandel der Zeit überdauert. Sogar der Name ist unverändert geblieben.

 

Mit wehenden Fahnen geht’s nun erstmal in fliegender Hast zum ‚Phänomen’. ‚Phänomen – Ort der Stille’ heißt sinnigerweise das Hotel mit der nun schweigenden Küche und dem laut brodelnden Küchenchef. Das laute Brodeln ist beim Chefkoch allerdings die Ausnahme. Der Gute ist sonst die Ruhe selbst, der eigentlich nur auf Kälte empfindlich reagiert.

Die Vorstellung, den feinen Gästen des noblen Hau-ses am Mittag nur kalte Speisen anbieten zu können, hat ihn allerdings dem Siedepunkt sehr nahe ge-bracht. Die Küchenbrigade geht ihm deshalb seit Stunden respektvoll aus dem Weg.

Jürgen Köhnen gelingt es beim eintreten in die Küche allerdings nicht mehr, einem durch die frostige Luft fliegenden Päckchen Quark aus dem Wege zu gehen, das eigentlich dem Frühstückskellner zugedacht ist, der zum dritten Mal an diesem Morgen an der Küchenklappe laut und fröhlich gut durchgebratene Spiegeleier bestellt. Der Schichtkäse landet schwungvoll am falschen Kinn.

Jürgen rettet die Situation, indem er seinem lauten „Moin mitnanner“ ein unbekümmertes: „eine Quarkspeise wollt’ ich mir sowieso grad bestellen“ folgen läßt.

Durch das herzhafte Gelächter, das seine Reaktion bei der Mannschaft auslöst, hat sich im Nullkommanichts die gewittrige Atmosphäre aus der Küche verzogen.

Stattdessen ziehen nach nicht einmal dreißig Minuten schon die ersten Kochschwaden in Richtung Dunstabzug. Mit ihnen verschwinden auch die letzten Sorgenfalten, aus dem Gesicht des schon wieder lachenden Küchenchefs, in den Filteranlagen über den Herden. Ganz gegen das Reglement spendiert der sogar für jeden in der Küche ein kleines Gläschen Schampus.

Als Zugabe, und als kleine Erinnerung an diesen verworrenen Morgen, erhalten die Kochkünstler von Jürgen Köhnen noch ein, wieder völlig neu in das Sortiment der Firma Kochtopf & Co aufgenommenes, Küchengerät – einen handgeschnitzten höl-zernen Kochlöffel. Nach gründlicher Überprüfung aller anderen Funktionen der Kochmaschinen dieser Essensschmiede verabschiedet sich Jürgen Köhnen aus dem ‚Phänomen’, das nun wieder als ‚Ort der Stille’ lautstark für seine warme Küche werben kann.

Nach einem guten Essen bei einem alten Freund nutzt er den Nachmittag für einige in Kürze sowieso fällig werdende Routineüberprüfungen anderer Inselküchen. Dadurch weist sein Arbeitsbericht für die Firma keine Lücken auf, wenn er für die Rückfahrt erst das Schiff am nächsten Morgen nimmt.

Den privaten Abend mit Hein Briester im ‚Lachenden Seehund’ will er sich nämlich nicht entgehen lassen.

Vielleicht ist es auch so, daß er endlich die Mauer zwischen sich und ‚Hein duk di’ einreißen möchte, die er in seiner Jugend als halbfertiger Erwachsener bedenkenlos mit errichtet hatte. Er hadert ein wenig mit sich, daß der Anstoß dazu nun von Hein Briester ausgegangen ist.

 

Dieses ‚mit sich hadern’ treibt ihn am späten Nach-mittag scheinbar ziellos über die Insel. Er sucht die Orte und Plätze auf, die für ihn besonders stark mit seinen Erinnerungen verbunden sind. Er umkreist ein paar Mal den Zeltplatz am Rande des Argonnerwäldchens. Von dem Zeltplatz, so wie er ihn aus seiner Jugend kennt, ist fast nichts geblieben.

Die Anlage hat sich zum modernen Campingplatz gemausert, auf dem der Rastende alles das wiederfindet, vor dem er von zuhause vielleicht gerade Reißaus genommen hat. Versteh noch einer die Menschen. Lagerfeuerromantik und Petroleumlicht ist nicht mehr. Zelte sieht er auch nur noch wenige. Das Areal ist mit Mobilheimen bestückt, in die sich die Gäste einmieten können. Überall blinkern und blenkern bunte Lichterketten zwischen den Wohnwagen, und moderne Grillgeräte verbreiten exotische Gerüche in der Abendluft. Bläuliches flimmern aus den Fensteröffnungen der blechernen Wohnkisten zeigt, daß die Fernseher drinnen laufen.

Überlautes Gedudel aus Musikmaschinen kräuselt sich in seinen Ohren. Er schüttelt sich unwillig, als ob sich das Bild dadurch wandeln würde.

Etwas abseits der Freizeiteinrichtung läßt ihn der Anblick einer kleinen, von niederen Sanddorn-büschen umstandenen Mulde den Schritt verhalten. In der Rinde einer alten Kiefer ist noch schwach, ganz groß und verwachsen, ein Herz mit einem Pfeil und den Buchstaben A + J zu erkennen. Unversehens sitzt er im Sand, und meint Anita neben sich zu fühlen. Er kann sogar ihren Duft riechen.

Es ist genau wie damals – vor vierzig Jahren.

Er hat den Platz wiedergefunden, an dem sie beide ihre ‚Jungfräulichkeit’ verloren.

„Hallo, junger Mann … hallo …!“ Jürgen scheint ganz weit weg zu sein, denn erst beim zweiten Mal reagiert er auf den Ruf der Gestalt in der schlichten Uniform.

„Haben Sie die Schilder nicht gesehen? In den geschützten Gebieten dürfen Sie die Wege …..“ Der Sprecher bricht mitten im Satz ab und steht mit offenem Munde wie ein arabischer Ölgötze auf dem Rand der Senke.

„Mensch …. Jürgen …..Jürgen, Du altes Haus“, bringt er endlich heraus. „Ich bin es … Robby!“

Jürgen, der sich, knatschig über die Störung, unwillig schon halb erhoben hatte, plumpst rückwärts wieder in den Sand, und schaut verstört hoch

Er hätte in diesem Brocken von Kerl seinen Freund aus Jugendtagen niemals wiedererkannt. Zumal der Vollbart und die ungewöhnliche Bekleidung dazu beitragen, den Mann, der jetzt zu ihm in die Kuhle steigt, für einen völlig Fremden zu halten.

Der vor ihm stehende Klotz zieht ihn mit einer Hand in den Stand, um ihn gleich darauf mit der Kraft eines Schraubstockes zu umarmen.

„Mensch Junge … ist das eine Freude, Dich wiederzusehen.“ Jürgen fühlt an seiner Wange so ein bißchen den Bart des Freundes feucht werden.

Als Robby Jürgen loslässt, wischt er sich ungeniert mit der Hand über die Augen.

„Du weißt ja, in manchen Dingen war ich schon immer eine Heulsuse.“  So wie Robby es sagt, klingt es nicht nach einer Entschuldigung für seine Tränen. Es ist einfach die Feststellung einer Tatsache.

Er braucht sich auch nicht zu rechtfertigen – Jürgen spürt nämlich in den Augenwinkeln, daß es ihm selber nicht anders ergeht.

Mit hängenden Armen stehen die beiden Männer sich ein paar Minuten schweigend gegenüber, als ob sie alleine auf der Welt wären, und die Jahre zwischen Damals und Heute einfach aus der Zeit geschnitten sind.

Als die beiden ihre Gefühle wieder eingefangen haben, und den Weg in Richtung Ortsmitte einschlagen, geht es natürlich los mit dem erzählen der jeweiligen Geschichte.

Robby ist damals nach anfänglichen Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zwischen den finnischen Seen ganz schnell mehr als heimisch geworden.

War ihm die Einsamkeit in den nordischen Weiten zuerst auch etwas zu groß geraten, dem Gefühl von Alleinsein wuchsen denn doch keine allzu mächtigen Flügel.

Das grau in graue Häuserdickicht und die Trümmer-felder seiner Heimatstadt hatte er schnell vergessen.

Dem Klapperstorch hatte es bei seinem ersten Besuch nämlich so gut bei ihnen gefallen, daß er noch siebenmal in Folge, auf seinem Zug ins Winterquartier, bei ihnen halt machte, um ein neues Kind abzuliefern. Seine Körty hat ihm nach dem ersten noch sieben Mal weiteren Familienzuwachs geschenkt. Da war ganz schnell nix mehr mit zu wenig Gesellschaft.

„Körty hat anfangs immer nur von einem Kind gesprochen, aber als unser Inselkind da war, hat sie schon auf die nächste Geburt hingefiebert. Das Kinderkriegen ist dann bei ihr zu einer liebenswerten  Gewohnheit geworden.“

Robby ist beim denken an die vielen Kleinen rein ins Schwärmen geraten.

Als wenn er Jürgen gegenüber einen Verdacht ausräumen muß, sagt er mit einem verschwörerischen Blitzen in den Augen: „Mir selbst hat aber auch nicht nur die Machart Freude bereitet – die fertigen Produkte erfreuen mich Heut noch ebenso.“

Irgendwie fühlen sich die beiden in ihre Jugendzeit zurückversetzt.

Mittlerweile hat sich Robbys und Körtys Nachwuchs über das weite Finnland ausgebreitet, und schon zwanzig Enkel für die Großfamilie hinzuproduziert.

Das Land und seine Bewohner scheinen sehr fruchtbar zu sein

 

Die Landwirtschaft der Großeltern haben Körty und Robby nach deren Tod aufgegeben. Wo der Großvater einst ackerte hat Heute die Natur wieder das Sagen.

Die ertragreiche Fischerei hat sich dagegen im Laufe der Jahre gemausert. Robbys exzellente Kenntnisse in Biologie, die ihn schon auf der Oberschule auszeichneten, haben nicht unwesentlich dazu beigetragen. Robby hatte von jeher goldene Hände im Umgang mit allem, was mit Leben und Natur zusammenhing. Da brauchte die große Kinderschar denn auch niemanden verwundern.

Drei seiner Söhne führen jetzt gemeinsam das Regiment über die ausgedehnten Edelfischzüchtereien, die aus Körtys großelterlichem Betrieb hervorgegangen sind.

„Nachdem ich nicht mehr jeden Tag in allen Ecken nach dem Rechten sehen muß, haben wir uns einen Traum erfüllt – nämlich die Rückkehr an den Ursprung unserer Liebe.“

Ein paar Atemzüge lang schweigt der große Kerl an Jürgens Seite.

„Um ehrlich zu sein – unsere älteste Tochter hat uns so ein bißchen dazu getrieben. Sie wollte den Platz kennenlernen, an dem ihre Eltern sie gezeugt haben. Körty und sie haben, ohne mich zu fragen, einfach alles in die Wege geleitet. “

Er kann sich nicht enthalten, hinterher zu schieben: „Sie haben es aber gut gemacht“.

Robby hat mitbekommen, daß Jürgen ihn schon ein paarmal von der Seite her aufmerksam musterte. Was Wunder aber auch – Urlauber sind in der Regel anders gekleidet.

„Stört Dich etwas an meiner Aufmachung?“ schmunzelt er zu seinem Freund hinüber.

„Nein, nein … nur … Du siehst so… so amtlich aus …“ Jürgen fühlt sich ertappt, und weiß nicht so recht, wie er sich ausdrücken soll. „Na, auf jeden Fall siehst Du nicht aus wie ein gewöhnlicher Kurgast, oder ein verspäteter Flitterwöchner.“

Robby lacht laut auf. „Ich trage meine finnische Uniform. Das ist bei uns die Dienstkleidung der ehrenamtlichen Ranger, zu denen ich gehöre.“

Er erwähnt mit keinem Wort, daß er der Kommodore aller finnischen Ranger ist, und daß sie hier im offiziellen Gästehaus der Kurverwaltung logieren. Angeberei kann er nämlich auch Heute noch nicht leiden.

Es hat sich überraschend so ergeben, daß ich meine  Erfahrungen von Zuhause hier einbringen darf.“

Wie selbstverständlich kommt ihm dieses ‚von Zuhause’ über die Lippen.

Jürgen Köhnen registriert im Moment nicht so recht, was sein Freund ihm erzählt.

Seine Gedanken schweifen immer wieder ab, und eilen in den Abend voraus. Das Treffen mit Hein Briester im ‚lachenden Seehund’ beschäftigt ihn unaufhörlich.

Durch die überraschende Frage seines Freundes nach Anita, und seine Äußerung, „ich habe die ganzen Jahre angenommen, ihr beide seid glück-lich verheiratet“, ist der Gedankenwirrwarr in seinem Kopf nur noch größer geworden.

„Nee … sind wir nicht … konnten wir ja nicht … sie war ja dann nicht mehr da… aber wieso hast Du das geglaubt?“

Jürgen Köhnen stammelt wie ein ertappter Sünder herum, und fühlt sich unversehens in ein dichtes Nebelfeld versetzt.

„Na, alter Junge… weil Anita in dem Sommer doch genauso schwanger von Dir war, wie Körty von mir, als wir uns auf den Weg nach Finnland machten.“

Aus dem dichten Nebelfeld ist plötzlich ein schwar-zer Raum geworden, in dem er mit Pudding in den Knien verzweifelt nach dem Ausgang sucht. „Anita war schwanger ….?  Von miiiir …?“

Verblüffung macht sich in Robbys Gesicht breit.

„Du warst doch ihr erster Mann, wie Du selbst immer stolz gesagt hast … und intensiv genug habt ihr es ja miteinander getrieben. Wir anderen haben Dich so manchesmal beneidet, wenn Du Dich mit der strahlenden Anita in Eure Kuhle verzogen hast. Die Freude die ihr miteinander hattet konn-ten wir ja immer deutlich genug hören.

Diejenigen von uns die nicht so gut dran waren, die hatten dann in ihren Schlafsäcken reichlich mit sich selbst zu tun. Es war oft schon ganz schön lebendig im Zelt.“

Robby schweigt ein Weilchen, bevor er noch erklärend anhängt: „Du hast davon aber ja nie etwas mitbekommen.“

Ungläubig starrt Jürgen bei Robbys Worten den Jugendfreund an. Der starrt genauso ungläubig zurück – „und Du hast nichts davon gewusst, daß Du Deinem Mädchen ein Kind gemacht  hast?“

Ein Kloß scheint in seinem Hals festzusitzen.

„Verdammt noch mal – da schein’ ich ja schön was angerichtet zu haben.“

„Nee, nee – laß man …. laß man gut sein …“ trotzdem lehnt Jürgen sich leicht an des Freundes Schulter.

Der Kopf steht ihm gar nicht mehr nach einem Klönabend im ‚lachenden Seehund’. Er möchte sich jetzt am liebsten irgendwo verkriechen, und sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen. Er hat Hein Briester aber nun einmal zugesagt zu kommen. Vielleicht bringt es ihn auch auf andere Gedanken, wenn wenigstens er ihr schusseliges Verhalten in der Jungmännerzeit ‚Hein duk di’ gegenüber bekennt, und es ausbügelt.

 

In seinem Kopf dreht sich alles wie auf einem Karussell. Es drängt Jürgen, Robby von seiner Verabredung im ‚lachenden Seehund’ zu erzählen, und er ist irgendwie froh darüber, dass sein alter Schulfreund ihm spontan seine Begleitung anbietet. So braucht er sich nachher wenigstens nicht alleine ent-schuldigen – und vielleicht auch nicht einsam seinen Kummer zu ertränken.

Vorher benötigt er aber noch ein bißchen Zeit für sich. Er muß erstmal alleine sein inneres Chaos aufklaren. Ein warmes Schaumbad soll ihm dabei be-hilflich sein.

Mit der Zusage Robbys, ihn in zwei Stunden  von der ‚Strandlust’ abzuholen, verabschieden sich die beiden Freunde.

Bevor sie auseinander gehen, erfährt Jürgen noch, daß Körty und Nora, so haben sie ihr Inselkind damals genannt, für drei Tage nach Holland rüber sind. Sie wollen dort die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen besuchen.

„Ich werd’ Körty gleich erzählen, daß wir uns getroffen haben – in einer halben Stunde ruft sie nämlich an“ ist das letzte, was Jürgen noch von seinem Freund hört, bevor sich die Tür der gemütlichen Pension hinter ihm schließt.

Er hat sogar noch etwas mehr als eine Stunde Zeit fürs Bad, um sich dann rechtzeitig für die Verabredung landfein zu machen.

Während die Wanne sich langsam mit Wasser füllt, legt er sich seine Garderobe schon zurecht.

Besinnlich steigt er in das verlockende Nass, und  genießt es, schwerelos und ohne Regung im Wasser zu liegen.

Wie ein buntes Perlenband laufen die Erinnerungsbilder von rückwärts durch seine Gefühle.

Es ist nicht die Menge an weiblichen Gesichtern die vor ihm auf- und wieder abtauchen. Die Anzahl der Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, ist überschaubar geblieben.

Mit dem Ruf ein Frauenheld zu sein, hat er sich nie schmücken können. Weder als schlaksiger junger Bursche noch als gestandenes Mannsbild. Irgendwie war ein Riegel davor, der ihn daran hinderte, durch diese Tür zu gehen.

Plötzlich merkt er, daß ein Gesicht aus der Vergan-genheit immer wieder vor seinem geistigen Auge auftaucht. In seinem Buch der Sehnsucht scheint sich nur noch ein Bild zu befinden, gleich welche Seite er auch aufschlägt.

Alle anderen Gesichter und Erinnerungen sind plötzlich verblasst.

Es zeigt ein Mädchen mit langen blonden Haaren, die wie spielerisch vom Wind über die Seiten geweht werden.

Es ist Anita, wie er sie damals so sehr liebte. Plötzlich weiß er, warum er die vielen lukrativen beruflichen Angebote, die ihn oft dauerhaft ins Ausland geführt hätten, immer wieder abgelehnt hat.

Anita und die Insel haben ihn nie losgelassen. Unsichtbare Bande fesseln ihn seither an die Region.

Im Moment, als ihm das klar wird, meint er Anita neben sich zu fühlen. Er spürt körperlich ihr Bemühen, ihm etwas mitteilen zu wollen.

Mit Dingen wie Esoterik oder Gedankenübertragung hat er sich nie sonderlich abgegeben. In seiner Welt der logischen Technik war für so etwas kein Platz. Was nicht mit dem Rechenschieber berechnet, durch Formeln erklärt, oder sichtbar zu Papier gebracht werden konnte, das hatte er immer ein wenig be-lächelt, wenn andere sich damit beschäftigten.

Zweifel ob der Richtigkeit seines Handelns kriecht angesichts der heftigen unsichtbaren Kontakte in sein Denken, und lässt es in einen unruhigen Schlummer sinken.

 

Ein schreckliches Plärren holt ihn in die Gegenwart zurück. Die Rassel des Telefons auf der Bettkonsole hat angeschlagen.

Ist er doch tatsächlich mit seinen Gedanken an damals in der Badewanne eingeschlafen. Die Größe und Härte seines Penis macht ihm klar, daß das Denken wohl sehr intensiv gewesen sein muß. Als das Telefon erneut anschlägt schreckt er verstört hoch – und stößt heftig mit dem Knie unter den Wanneneinlauf.

„Verdammter Schiet“ entfährt es ihm unwillig, „die könnten sich hier im Hause auch langsam eine gastfreundlichere Technik zulegen.“

 

Unbekleidet und naß wie er ist, hüpft er mit auf- und abwippendem Glied und schmerzendem Knie zum Telefon. Auf sein leicht brummiges: “Was ist denn ….?“ erfährt er von der Empfangsdame, daß an der Rezeption ein Herr Brodersen schon seit einer Viertelstunde ziemlich ungeduldig auf das Erschei-nen eines gewissen Herrn Köhnen warte.

Wahrscheinlich durch seinen etwas schroffen Ton verärgert, säuselt ihre Stimme leicht pikiert aus der Membrane.

Oh Gott – die Uhr im Radiowecker zeigt ihm, daß er doch glatt die Zeit verpennt hat.

Schon wieder freundlicher gestimmt, kann er es sich nicht verkneifen, zu sagen:

„Ich bitte Herrn Brodersen zu mir herauf. Ich bin zwar gerade erst aus der Wanne gestiegen, aber der Herr hat mich schon mal im Adamskostüm gesehen. Er wird also bei meinem Anblick nicht gleich in Ohnmacht fallen.“

Von seiner ‚Traumlatte’ erwähnt er ihr gegenüber lieber nichts. Den dann fälligen Kommentar von ihr will er sich nun doch ersparen

Außerdem weiß er, daß die Gute ja nichts dafür kann, daß er in der Wanne weggeknickt ist, und für den schrecklichen Signalgeber im Telefon kann sie auch nichts. Die Empfangsdame verdient ja schließlich auch nur ihre Brötchen in der mit Mahagoni getäfelten Portierloge an der Eingangstür.

Verteufelt hübsch ist sie übrigens, die stramme Mittvierzigerin, und daß sie ebenso schlagfertig ist, wie ihre weiblichen Rundungen rund sind, beweist sogleich ihre Antwort:

„Da hat der Herr ja ein ausgesprochenes Pech, daß er keine Dame ist.“

Er kann ihr inneres Lachen förmlich sehen. Vielleicht spürt sie sogar seine Erregung. Sie kann es sich aber erlauben, denn eine Weile waren sie beide sich sehr nah gewesen.

Seitdem er Patrizia kannte, hatten sie sich aber nicht mehr miteinander vergnügt. Das wäre einfach zuviel für ihn gewesen.

 

Wenn er ehrlich zu sich ist – ab und an schafft er das schon mal – dann hat er sich diese Erklärung nachträglich selbst für sein angekratztes Ego zurecht-gezimmert. In Wahrheit hatte sie sich nämlich deutlich dagegen verwahrt, für ihn der Ersatzfeuerlöscher für seine Gefühlsbrände zu sein, wenn Patrizia nicht in erreichbarer Nähe war. Sie war nicht eifersüchtig auf die lebenslustige Wirtin, aber ihre Zahnbürste teilte sie sich ja auch nicht mit einer anderen Frau.

Nach einem wunderschönen Champagnerabend im Piquer, der in seiner Erwartung eigentlich in ihrer kleinen schnuckeligen Wohnung in eine prickelnde Liebesnacht übergehen sollte, hatte sie ihn vor der Tür plötzlich aufgefordert zu gehen.

 

Der Satz, mit dem sie ihm das unmissverständlich klarmachte, hängt ihm Heute noch wie ein blitzender Ring in den Ohren.

„Deinen strammen Flitzer mußt Du in Zukunft woanders parken, mein Lieber. Mein Schätzchen ist nämlich nur Einstellplatz für einen soliden Dauermieter.“

Dabei hatte sie sich geschickt aus seiner Umarmung gedreht, und ihm die Tür zu ihrem kleinen Reich vor der Nase zugeschlagen.

Das hatte ihn schon sehr ernüchtert, und ihn eine Zeitlang, während seiner Einsätze auf der Insel, in einem anderen Hotel nächtigen lassen.

Irgendwann später, nach einer zufälligen Begegnung, war dann aus ihrer so abrupt beendeten körperlichen Beziehung, eine Freundschaft ohne erotischen Hintergrund geworden. Ihr Umgang miteinander war nicht mehr vom prickeln eines edlen Champagners geprägt, sondern er war eher zu einem stillem Wasser geworden.

Seitdem wohnt er wieder hier im Hause, wenn die Arbeit ihn auf das Eiland treibt. Wenn sie sich begegnen, dann denkt er allerdings manchmal mit ein wenig Wehmut an den rotlockigen Hügel und die betörenden Lippen zwischen ihren griffigen Schenkeln. Sein ‚Oldtimer’ würde sich in diesem ‚Einstellplatz’ mit Sicherheit immer noch sehr wohl fühlen.

Es ist ihm dann, als wenn er sich an ein schönes Fest erinnert.

 

Obwohl sein Glied inzwischen die Erregung abgelegt hat, trägt er bei Robbys Eintritt ins Zimmer aber doch einen flauschigen Morgenmantel. Die kühle Luft nach dem warmen Badewasser hat ihm nämlich eine Gänsehaut beschert.

Robby würde seinem Freund noch gerne einiges erklären, und gleichzeitig unheimlich viele Fragen loswerden, aber dafür ist nicht mehr die Zeit – in fünf Minuten ist es halb Acht.

Irgendwann im Laufe des Abends wird er das alles zur Bearbeitung wohl noch an die Wand hängen können.

 

Als die beiden mittelalten Herren wie zwei unter-nehmungslustige Abenteurer, an der Portierloge vorbei, durch die Drehtür nach draußen segeln, heftet sich dann doch ein bedeutungsvoller Blick der Empfangsdame wie ein warmer Südwind an ihre Fersen.

 

Nach zehn Minuten haben Jürgen und Robby den Hafenplatz, und damit ihr Ziel erreicht. Beim Eintritt in die Schänke, mit dem leicht verwitterten Seehund an der Fassade, stockt ihnen doch ein wenig der Atem. Es kommt ihnen vor, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Der Wirt des ‚Lachenden Seehund’ – es steht noch immer der knorrige Charakterkopf von damals hinter der Theke – hat den lange der Zeit entrückten Charme der Mittfünfziger Jahre in seiner Kneipe bewahrt. Sein Lokal ist dadurch über die Insel hinaus zu einem Kultobjekt geworden. Nicht nur junge Leute kommen an den Wochenenden von den Nachbarinseln und dem Festland extra seinetwegen herüber.

Der Schankraum ist heute Abend wieder einmal rappelvoll. Wenn Hein Briester nicht vorsorglich einen Tisch für sie reserviert hätte, hätten sie – wie damals auch so häufig – mit einem Stehplatz am Tresen vorlieb nehmen müssen.

„Genau noch wie vor vierzig Jahren“. Robby hat diesen Satz nur flüsternd herausgebracht, als wenn ein laut gesprochenes Wort den Zauber um sie her-um zerstören würde.

Als sie sich kurz entschlossen in das Menschenknäuel hineinbewegen, stößt Jürgen nach zwei Schritten um ein Haar mit einer vollen Ladung Gläser zusammen. Der Schankkellner, der den schweren Servierschlitten souverän durch das Gedränge laviert, ist auch noch der gleiche Bediener wie vor vierzig Jahren.

Fritzens große stattliche Gestalt ist mittlerweile nur ein wenig gebeugt von der Last des Alters.

67 ist er zur Jahreswende geworden, wie sie später von ihm erfahren. Er versieht noch täglich seinen Dienst in der verräucherten Kneipe.

Im Moment des Fastzusammenstoßes macht er aber nur große Augen, und bringt ein überraschtes: „Häee… das gibt es doch nicht …“ heraus.

Alzheimer und Demenz scheinen noch weit von ihm entfernt zu sein. Seinem Erstaunensruf folgt nämlich sofort ein freudiges „Robby und Jürgen – die beiden Mädchenverrücktmacher aus Hamburg …“

Auf das Erstaunen der beiden Freunde, nach so langer Zeit wiedererkannt zu werden, sagt er nur lapidar: „Wer könnte Euch schon vergessen …“ um dann im weggehen noch zu ergänzen „übrigen – vor ein paar Jährchen hat sich eine schmucke junge Frau auf der Insel nach einem Jürgen Köhnen erkundigt. Ich kann Euch allerdings nicht sagen wer sie war.“

Sein Personengedächtnis scheint so groß und zuverlässig wie das Rechenzentrum einer Mondfähre – und genauso vollgepackt mit Informationen scheint es auch noch zu sein.

Nachdem das schwankende Tablett wieder ausba-lanciert und auf dem nächsten Tisch in Sicherheit ist gibt es eine herzliche Umarmung.

Fritze hat keine Hemmungen, auf diese, für nord-deutsche Männer eigentlich untypische Art, seine Wiedersehensfreude zu zeigen.

Endlich wieder zu Atem gekommen, fragt Jürgen Fritz nach Hein Briester.

„Wir sind nämlich für halb Acht mit ihm hier verabredet.“

Der Kellner der alten Schule kann es sich nicht verkneifen, demonstrativ einen Seitenblick auf den Regulator an der Buffetwand zu werfen.

Ein Pünktlichkeitsfanatiker war er vor fast einem halben Jahrhundert auch schon. Auch daran hat sich also nichts geändert. Nur sagen sagt er zu den 20 Minuten Verspätung nichts. Dafür spricht sein Blick dann Bände.

„Hein duk di sitzt schon seit einer Stunde im Klubzimmer. Er braucht heute Abend Ruhe, für sich und seinen Gast, hat er mir gesagt.“

Irgendwie tut sein Gesichtsausdruck kund, daß er, Fritz, diesen Wunsch nicht so ganz verstanden hat, da Hein sonst am liebsten zwischen den anderen Gästen am Tresen sitzt, wenn ihn der Fahrplan die Nacht über auf der Insel festhält.

Bis vor ein paar Wochen wäre dann hin und wieder seine Frau dabei gewesen. In der letzten Zeit sei er allerdings stets alleine. Über den Grund dafür habe er aber bisher nichts verlauten lassen.

Man weiß bei dem alten Recken nicht ob ihn seine Unkenntnis, oder das was er weiß nicht alles sagen zu können betrübt. Fritz ist also immer noch Nachrichtenbörse Nummer eins.

Die Kurzinformationen haben sie von dem alten Haudegen schon im Schnelldurchlauf bekommen, bevor er sagt:

„Geht man schon hin, ich bring Euch gleich drei Bier …“  – „und drei doppelte Schlüpferstürmer“ ergänzt Robby noch schnell die Zusage Fritzens auf prompte Lieferung der Getränke.

Sie sehen zwar später auf der Karte, daß es im ‚lachenden Seehund’ kein Getränk mit dieser Bezeichnung mehr gibt, aber Fritz hat ihnen trotzdem den Lieblingsmix ihrer Jugendjahre serviert.

Bei ihm ist er offenbar auch nicht in Vergessenheit geraten.

 

Die beiden sind froh, daß das Stimmengewirr schwächer wird, als sich die schwere Eichentür hinter ihnen schließt.

Die Stühle in dem lang gestreckten Raum sind von älteren Gästen besetzt. Es sind hier fast ebenso viele Leute anwesend, als im vorderen Schankraum, nur das hier niemand steht.

Der Geräuschpegel ist allerdings um einiges niedriger. Nur der Käpten sitzt alleine an einem Ecktisch, und ist intensiv mit seiner kurzen Stummelpfeife beschäftigt. Die Reste auf der Fischplatte vor ihm bedeuten, daß er sich kurz zuvor einen toten Außenbordskameraden, garniert mit Bratkartoffeln, zu Gemüte geführt hat.

Die riesige Musikbox die einst rechts neben der Tür die ganze Wand einnahm ist nicht mehr da. An der Stelle steht jetzt ein originalgetreues Modell des alten Leuchtturms. Sonst hat sich aber auch im Clubzimmer nichts verändert. Sogar das Linoleum auf dem Fußboden, und die Salubratapeten an den Wänden haben die Zeit überdauert.

Während sie noch auf den Ecktisch zugehen, erhebt Hein Briester sich schon von seinem Stuhl, begrüßt Jürgen und Robby mit festem Händedruck, und lädt sie ein, sich zu ihm zu setzen. Auch der Händedruck ist nicht anders geworden. Sie fürchteten als junge Spunde schon, daß er mit der Kraft seiner Pranken ihnen die Finger quetschen würde.

Ihre Hintern haben noch gar nicht recht das Polster der Sitzflächen berührt, da ist auch schon das Geschirr weggeräumt, und die Getränke stehen vor ihnen.

Der alte Fritz ist immer noch schnell wie ein geölter Blitz.

Das frische Bier und der gut gekühlte ‚Schlüpferstürmer’ helfen ihnen ihre leichte Befangenheit abzuschütteln und lassen die ersten Worte zögernd über die weiß gescheuerte Tischplatte schwingen.

Das leichte Geplänkel zwischen den Dreien über dies und das bekommt aber gar keine Gelegenheit erwachsen zu werden.

Hein Briester zeigt Jürgen und Robby, daß Drumherumreden auch nach so langer Zeit immer noch nicht sein Ding ist.

Noch bevor sie sich das zweite Glas Bier zur Brust genommen haben, zieht der Käpten mit der lapidaren Bemerkung: „Ich hab hier etwas für Dich“ einen Umschlag aus seiner Rocktasche, und reicht ihn Jürgen über den Tisch.

Der so angesprochene weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Was hat Hein Briester da in petto? Er greift zögernd nach dem leicht angeknitterten Papier, und hält den braunen Umschlag wie etwas in seinen Händen, das er gerade irgendwo gefunden hat, und nun überlegt, was er damit anstellen soll.

‚Hein duk di’ beschäftigt sich indes intensiv mit seinem Bierglas. Ein stiller Beobachter könnte fast meinen, der große Kerl da in der Ecke wäre ein Außerirdischer, dem ein Erdling zum ersten Mal so ein durchsichtiges Ding in die Hand gedrückt hätte. Einzig Robby kann vor Neugierde nicht an sich halten.

„Nun zier Dich nicht so, und guck schon rein.“ Dabei stößt er Jürgen leicht mit dem Ellenbogen an, was der aber gar nicht zu bemerken scheint.

Erst als Hein Briester verhalten sagt er hätte nicht bis zum Morgen Zeit, weil er die Nachtfähre zum Festland bringen müsse, öffnet Jürgen mit lahmen Fingern das Kuvert.

Es kommt ihm vor, als wenn jemand von ihm verlangt, er solle mit einem gusseisernen Kanaldeckel Diskuswerfen veranstalten.

Aus einem gefalteten Briefbogen heraus fällt vor ihm, mit dem Rücken nach oben, ein Bild auf den Fußboden.

Als er sich danach bückt, das Bild aufhebt und umdreht, versinkt im gleichen Moment der Raum um ihn herum in nachtdunkle Schwärze.

Konturenscharf, wie im Okular eines Feldstechers, sieht er nur die beiden Gestalten auf dem Foto.

Ein jungmädchenhaftes Frauengesicht, von wehenden blonden Haaren eingerahmt, lacht ihn an. Auf dem Arm  trägt diese Frau ein kleines Mädchen. Es ist im Grunde ein Gesicht aus zwei Lebensabschnitten. Es sind unverkennbar Mutter und Tochter, denen er direkt in die strahlenden Augen schaut. Das ältere Gesicht scheint in dem Jüngeren wiedergeboren zu sein.

Tonlose Stille wirbelt um die Männer in dem kleinen Raum herum, die plötzlich mit Getöse in sich zusammenbricht, als Hein Briester leise sagt: „Das ist meine Frau –  zwei Jahre nachdem wir geheiratet hatten, und …..“ – er bricht den Satz ab, als wenn er nicht weiterwüsste. Ein tiefer Atemzug ist deutlich zu hören, bevor er ihn vollendet – „die Tochter“.

Hein Briesters gepreßtes ‚die Tochter’ hat Jürgen Köhnen blitzartig die Vergangenheit erhellt.

Auch ohne dass er die Worte auf dem Papier gelesen hat, weiß er plötzlich glasklar, wohin Anita damals in ihrer Not geflüchtet ist, und daß ‚die Tochter’ sei-ne Tochter ist.

Jürgen merkt nicht, daß ihm unaufhörlich Tränen übers Gesicht laufen – er presst nur mit verkrampften Fingern das Bild der Frau mit ihrem Kind an seine Brust.

Seine Glieder zittern, als wenn ein höllischer Sturm an ihnen zerrt.

Das Zittern läßt erst nach, als Hein Briester sich neben ihn setzt, ihn tröstend umarmt, und ihn an sich zieht.

‚Hein duk di’ tut in diesem Augenblick etwas, das unter friesischen Männern wohl eher selten vorkommt – er teilt für jeden sichtbar sein persönliches Leid mit dem Schicksal eines anderen Mannes.

Als wenn jemand Gütiges dafür gesorgt hat, befinden sich die drei Mannsleut in diesen Minuten alleine im Klubzimmer.

Die Zeit scheint für eine Weile den Schritt zu verhalten, denn selbst die leisen Tritte der sonst stetig hastenden Sekunden sind nicht zu vernehmen.

Robby entsteigt als erster dem zeitlosen Kabinett der lastenden Stille.

„Dann ist Anita also damals Deine Frau geworden.“

Es ist wohl keine Frage, sondern eher eine nüchterne Feststellung, die plötzlich wie ein irdener Fels im Raum steht.

Sie ist wie eine rettende Insel im wirrenden Meer der Gefühle für die schiffbrüchigen Gemüter.

Plötzlich haben die Männer wieder festen Grund unter den Füßen.

„Jaaa …“ – wie ein gedehntes Band hängt dieses Ja zwischen den Dreien.

Wie eine Sturmbö bricht das Erkennen über Jürgen herein. Es war seine Schuld. Sie war schwanger – und  er war für sie unerreichbar.

Sie kannte von  Robby ja nur die Adresse von der nichts zurückkam. Jürgen selber hatte ihr aus Furcht vor seiner Großmutter – bei der er ja lebte – nie seine Anschrift genannt. Die Großmutter nahm ihm auch die harmlosesten Kontakte mit Mädchen stets übel. Sie hatte ihren Enkel in der Bombennacht aus dem brennenden Keller gerettet – er war das Einzige, was ihr nach diesem schrecklichen Luftangriff auf Hamburg von ihrer Familie geblieben war. Das sollte ihr kein anderer Mensch wegnehmen. Und er hatte sich ihrem Anspruch stets widerspruchslos gefügt.

„Scheiß Krieg, scheiß Leben“ sagt Jürgen mit rauher Stimme in die schmerzende Stille hinein. Ihm ist gar nicht bewusst geworden, dass er laut gedacht hat.

Wegen seiner damaligen Feigheit kriecht ihm ein galliger Geschmack die Speiseröhre hoch, als Hein endlich weiter spricht.

„Ja, ich habe Anita geheiratet – weil ich sie schon vom ersten Sehen an liebte. Das war lange bevor eure ausgehungerte Großstadtpfadfindertruppe zum ersten Mal in unsere Welt eingefallen ist.“

Er benutzt diese Worte nicht als Vorwurf – sondern Bedauern ist deutlich aus ihnen herauszuhören.

„Mit Euch geschniegelten jungen Kerlen aus der Stadt konnte ich da natürlich nicht mithalten.“

An seinen einfachen Gesten ist zu erkennen, was er damit meint.

„Ihr wart alle auf der höheren Schule …. und ich Döspaddel hatte man mit Ach und Krach die Dorfschule hinter mich gebracht.“

Die Überwindung, die ihm dieses Eingeständnis kos-tet ist greifbar zu spüren.

„Die Jahre im Waisenhaus waren für mich nämlich kein Zuckerschlecken gewesen.“

Die beiden erfahren, dass Heins Eltern noch kurz vor Kriegsende zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Sie hatten eine entflohene polnische Zwangsarbeiterin zwei Jahre auf ihrem Hof vor den politischen Häschern versteckt gehalten. Haus und Grund waren wegen ihrer ‚Tat’ dem Staat zugefallen und billig einem Parteibonzen aus dem Dorf zugeschoben worden. Hein hatte später mit Hilfe fremder Anwälte lange um eine Entschädigung kämpfen müssen. Die Richter, die über seine Eltern den Todesspruch fällten, standen bei ihrer Urteilsfindung angeblich auf der Seite des Rechts. Hätte einer der beteiligten Richter nicht eingestanden, damals auf Weisung von Oben gehandelt, und mit dem Urteil nur einen Parteibefehl ausgeführt zu haben, dann wären seine Eltern nicht rehabilitiert und er nicht entschädigt worden.

Bitterkeit liegt immer noch in seiner Stimme, als er davon erzählt. Als Schlussstrich unter diese Geschichte herrscht eine Weile Schweigen zwischen den Männern, bevor Hein Briester auf den eigentichen Anlass ihres Treffens zurückkommt.

„Es ist nicht so, dass Anita mich vorher etwa schon mal abgewiesen hatte … nee, nee – ich hatte mich nur nicht getraut mich ihr zu nähern.“

So zögernd wie die Sätze kommen, merkt man, dass der Käpten zum ersten Mal darüber spricht.

„Tja …. und dann war es für mich zu spät, weil ihr plötzlich da wart …“

Hein hat den Kopf gehoben, und blickt Jürgen offen ins Gesicht als er sagt:

„Für Anita  warst Du es ja nur alleine…..“

Warum Jürgen es nur alleine war, lässt er unausgesprochen in der Luft hängen, obwohl Anita versucht hat, es ihm zu erklären.

„Ihr wart wieder weg, und sie brauchte jemand, der ihre Hand hielt. Irgendwann ist es dann passiert. Sie hat sich mir anfangs nur hingegeben, um mir ihre Dankbarkeit zu zeigen – und ich habe es nicht einmal bemerkt.“

„Und Anitas Schwangerschaft ….?“ Robby muß einfach die Speerspitze für seinen verstörten Freund Jürgen sein.

„Sie war so hilflos, als sie mir kurze Zeit später sagte, dass ihre Tage ausgeblieben seien. Dabei bin ich fast verrückt geworden vor Freude. Die sechs Monate bis zur Geburt hätten mich zweifeln lassen müssen – aber ich wollte einfach, dass es mein Kind ist.“

Hein Briesters Stimme ist ganz klein geworden.

Fast unhörbar kommt noch hinterher: „Könnt ihr das nicht verstehen?“

Zumindest Robby bereitet es nicht die geringste Schwierigkeit, dieses Gefühl nachzuempfinden, denn das Fühlen des wachsenden Lebens in Körtys rundlicher werdendem Bauch war ihm selbst während der Schwangerschaften stets als ein großes Glück erschienen.

Bei Jürgen ist es, bedingt durch das fehlende persönliche Erleben, im Moment noch etwas anders. Die Frau, mit der er einmal eine Ehe eingegangen war, hatte kein Kind von ihm bekommen. Vielleicht hatte er es auch nicht gewollt. Die Verbindung hatte nicht lange gehalten.

Er muss seine aus den Fugen geratene Welt erst wieder mühsam reparieren. Er hat schwer damit zu tun, seine Seele in Deckung zu bringen, damit sie im Sperrfeuer seiner eigenen Vorwürfe nicht auf der Strecke bleibt.

Selbst Denken in der einfachsten Form ist ihm im Augenblick verwehrt. Sein Wahrnehmungsvermögen steht wie versteinert zitternd vor einer dunklen Mauer, auf der in riesigen Lettern nur eine Frage brennt: ‚Warum hast Du nicht nach ihr gesucht?’

Im Klubzimmer ist es wieder still geworden. Jürgen glaubt das Knistern der flammenden Buchstaben zu hören.

Hein Briester bricht als erster wieder die Stille.

„Mareike war ja auch über die Jahre meine Tochter …. bis dann vor ein paar Wochen ….“

Er stockt. Man merkt, dass ihm das sprechen schwer fällt. Der Fluß der Worte muß sich erst ein Bett suchen, bevor die Geschichte weiter fließen kann.

„Anita und ich waren mit unserer Tochter glücklich in unserer kleinen Welt …. so habe ich es zumindest immer empfunden. Es war für mich aber mehr ein Glück der geraden Wege.“

Es klingt, als wenn er sich für seine Geradlinigkeit entschuldigen wolle, als er weiterspricht.  

„Ich hab oft gehört, dass es was anderes geben soll – so was Ähnliches wie fliegen über den Wolken, oder Schmetterlinge im Bauch. Das war für mich aber alles zu weit weg ..… zu unwirklich. Ich stand wohl zu fest mit den Füßen im Alltag.“

Als wenn er erst Wörternachschub für sein Erzählen holen muß, schweigt er eine Weile.

Ich wollte vom Kohlenschippen wegkommen. Anita sollte sich nicht ihr Leben lang für meine schwarzen Fingernägel schämen müssen.“

Er schluckt ein paar Mal kräftig, wohl weil er es selber nicht begreifen kann, dass er in dieser Art zu anderen über seine Gefühle spricht.

Ich wollte unserer Tochter nicht ewig mit rissigen Händen übers Haar streichen müssen. Im Kohlenbunker hab ich manche Doppelschicht geackert, um mir die Seefahrtsschule leisten zu können. In meiner knappen Freizeit musste ich dann büffeln. Das Lernen ist mir verdammt schwer gefallen, ihr wisst ja – ich bin im Wissen kein so leichter Flieger. Aber ich wollte um alles in der Welt drei Deck höher – ich wollte auf die Brücke.

Bis ich es endlich geschafft hatte, und Käpten war …. aber welchen Preis habe ich dafür bezahlt.“

Hein hat seine Hände fest ineinander verschränkt – die Knöchel der Finger leuchten hell im schummerigen Licht des niedrigen Raumes.

„Wenn Anita mich brauchte, war ich meistens nicht da. Käpten werden war für mich vorrangig.

Dabei habe ich dann gar nicht mehr bemerkt, dass mein Ziel ihr immer weniger bedeutete. Ihr wäre es wichtiger gewesen, mich öfter zu Hause zu haben – bei sich und ‚unserer Tochter’.“

Selbst bei dem kleinen Licht sieht man es in Hein Briesters Augenwinkeln feucht schimmern.

Die Männer ihm gegenüber sagen kein Wort. Robby traut sich nicht, eine Frage dazwischen zu stellen, und Jürgen ist mit seinen Gedanken anscheinend ganz weit weg.

Hein Briester fällt es offensichtlich schwer, die nächsten Sätze zu formulieren.

„Vor sechs Wochen hat sie dann einen Schlußstrich gezogen. Die Vergangenheit hätte sie eingeholt, und sie könne das alles nicht mehr ertragen, wie sie mir sagte. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Es lief doch alles seinen gewohnten Gang.“

Greifbar ist zu spüren, dass er noch immer nicht so ganz begriffen hat, was seine Frau zu diesem Schritt bewegte.

„Es sollte eigentlich ein schöner Tag für uns alle werden, auf den ich mich schon lange gefreut hatte. Es war eine Feier vorgesehen – mit allem Drum und Dran.“

Seine Armbewegungen machen das Ausmaß der geplanten Festlichkeit deutlich.  

Einen Monat zuvor war unser erstes Enkelkind geboren. Wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, noch Großeltern zu werden. Mareike ist schließlich keine junge Deern mehr. An dem festgesetzten Tag wurde Rebecca dann zwar getauft, die anschließende Feier fand aber ohne uns statt.“

Mit zitternden Händen zieht er ein Bild aus seiner Brusttasche, und legt es vor sich auf die Tischplatte. Es zeigt ein Baby mit blonden Locken in einem wunderschönen roséfarbenen Taufkleid. Von dem Geschehen um sich herum schien es allerdings nicht so sehr begeistert zu sein. Die geballten Händchen, und die zugekniffenen Äuglein brachten es mehr als deutlich zum Ausdruck.

In den Gesichtern der beiden Taufpaten und des alten Pastors ist dagegen reine Freude zu erkennen.

„Da war noch alles in Ordnung.“ Mit dieser Bemerkung schiebt der Käpten zögernd das Bild über die blank gescheuerte Tischplatte.

„In dem Moment, als wir aus der Kirche hinaus ins Freie traten, stoppte gerade ein gelber Kastenwagen auf dem Parkplatz vor ‚Schröders guter Stube’.“

Hein Briester schneuzt sich umständlich die Nase. Er tut es wohl um Zeit zu gewinnen. Zeit, die er in Wirklichkeit schon lange verloren hat.

„Der Fahrer steuerte nach dem aussteigen zielstrebig auf die Gaststättentür zu, während meine Frau sagte, ihr sei nicht gut. Ich habe es auf die Aufregung, und die drückende Luft in der Kirche geschoben.“

Er wischt fahrig mit seinen großen Händen auf der blanken Tischplatte imaginäre Stäubchen beiseite.

„Sie hatte den Fahrer sofort erkannt, wie sie mir später sagte. Sie wusste so vieles über Dich, daß mir klar geworden ist – sie war im Grunde ihres Herzens gar nicht mit mir verbunden – sie war immer Deine Frau geblieben.“

Nach einem schmerzlichen Seufzer, der fast wie ein Stöhnen durch den Raum weht, kommt fast unhörbar hinterher: „Sie hat immer nach Dir gesucht – und als sie Dich endlich gefunden hatte, hat sie Dich nie mehr aus den Augen verloren.“

 

In Jürgen Köhnens Kopf formt sich das Bild einer feierlichen Gesellschaft, die er vor sechs Wochen aus der Kirche gegenüber ‚Schröders guter Stube’ kommen sah.

Patrizia hatte ihm anschließend von einem Taufgottesdienst für das Kind einer Familie aus dem Nachbardorf erzählt.

Der Opa arbeite als Käpten bei der Reederei. Die Tochter wäre irgendwo in der Krummhörn verheiratet, aber da die Großeltern und Eltern hier schon getauft und getraut worden seien, sollte das Enkelkind auch hier getauft werden. Zumal es noch immer der gleiche Pastor gewesen sei, der allerdings eine Woche nach der Taufe im Alter von sechsundachtzig Jahren während des Gottesdienstes auf der Kanzel seiner Kirche einen Herzschlag erlitt.

Patrizia hätte ihm noch eine ganze Menge mehr dazu erzählen können, wenn sie gewollt hätte. Ihr verstorbener Ehemann war einige Zeit unter Hein Briesters Kommando gefahren. Jürgen hatte aber nicht weiter nachgefragt. Warum hätte er es auch tun sollen.

Jetzt wird ihm wird schlagartig bewusst, was das für ihn bedeutet. Er war seiner Liebe und seinem Leben zum anfassen nahe gewesen – und er hatte nicht die geringste Ahnung davon gehabt.

„Warum hat sie nur nie etwas gesagt, wenn sie doch wusste, wo ich war?“

An Jürgen Köhnens Stimme hört man ein elendiges Gefühl kratzen.

„Zu Anfang wusste sie es ja nicht. Sie wusste nicht einmal wo Du wohnst. Robby hat ihr zwar Deine Anschrift gegeben, bevor er mit seiner Freundin die Insel verließ. Sie hat Dir auch unzählige Briefe geschrieben. Auf keinen davon hat sie aber je eine Antwort  bekommen.

Du hast ja nicht nach ihr gesucht, als sie aus Angst vor dem Schimpf ein uneheliches Kind zu bekommen, von der Insel geflüchtet ist. Sie hat auf Dich gewartet, solange es ging. Als eure Gruppe im Jahr darauf zum letzten Mal auf die Insel kam, war sie dann schon mit mir verheiratet. Ein uneheliches Kind hätten ihre Eltern ihr nämlich niemals verziehen.“

Es ist Jürgen zumute, als ob jedes einzelne von Hein Briesters Worten ihm die Haut in Streifen vom Körper schneidet. Wenn seine Großmutter jetzt noch lebte, wüsste er nicht was er ihr antun würde. Plötzlich hat alles andere, was sie für ihn in ihrem Leben getan hat, seine Bedeutung verloren. Ihm ist zumute, als wäre er nur noch mit Galle gefüllt.

„Als Du dann irgendwann später regelmäßig hier auftauchtest, hat sie weiterhin geschwiegen. Sie wollte mich nicht ebenso verletzen, wie es mit ihr geschehen war.“

Die Menge Schicksal, die heute Abend hier ans Licht kommt, füllt den kleinen Klubraum im ‚lachenden Seehund’ bis in den hintersten Winkel. Im Laternenlicht sieht es aus, als wenn selbst der steinerne Seehund an der Wand zu Tränen gerührt ist.

„Naja – und Marlene weiß ja auch nicht anders, als daß ich ihr Vater bin.“

Bei den letzten Worten versagt dem hünenhaften Mann die Stimme. Als er sich wieder ein wenig gefangen hat, fährt er fort: „Unserer Tochter das alles erklären zu müssen – davor hatte Anita die ganzen Jahre eine Heidenangst.“

Es ist Jürgen Köhnen, als ob die Angst, die Anita deswegen verspürt hat, ihm durch alle Poren unter die Haut kriecht.

Robby, der seinen Arm fest um die Schultern des Freundes gelegt hat, wünscht sich in diesem Moment einerseits innerlich weit, weit weg von dem ganzen Geschehen – andererseits hat er in den letzten Stunden etwas getan was ihn zum untrennbaren Teil des Geschehen macht. Er hat auf eigene Faust, mit tatkräftiger Unterstützung seiner halbamtlichen Kon-takte, die Drähte spielen lassen, und Verbindung mit Hein Briesters Frau aufgenommen. Es hat ihn nicht ruhen lassen, daß gerade er es war, der nach so vielen Jahren seinen alten Schulfreund der Unwissenheit entriß. Anita ließ ihm gar keine Zeit mehr, noch etwas zu sagen, als er die Einladung ihres Mannes an Jürgen zu einem abendlichen Treffen im ‚lachenden Seehund’ erwähnte. Als wenn sie auf diese Entwicklung gewartet hätte, hörte er nur noch von ihr: „Ich komme sofort zur Insel rüber.“ Und schon hatte sie den Hörer aufgelegt.

Deshalb ist ihm jetzt ein bisschen mulmig zumute. Aus eben diesem Grund  hat er sich nach den letzten Worten von Hein Briester ein paar Schritte in den Hintergrund verzogen.

 

Im Raume spürt man, daß die Zeit zögert weiter-zulaufen, als warte sie auf eine Entscheidung der Männer in welche Richtung sie sich begeben soll.

Die Zeit hat aber offenbar gar nicht das Tun der Männer im Auge, sondern das Schicksal hat sie bewogen innezuhalten. Bevor nämlich am Tisch in der Ecke auch nur ein neues Wort die Gegenwart berührt, hat sich die Tür zur Gaststube unhörbar geöffnet und wieder geschlossen – obwohl ihre Scharniere sonst bei jeder Bewegung in eigenwilliger Tonfolge knarren. Es ist jemand eingetreten.

Langsam bewegen sich zwei Gestalten auf die Ecke zu, und stehen einen Atemzug später wie eine Geist-erscheinung vor den Männern, die bei ihrem Anblick wie erstarrt auf den Stühlen hocken.

Es sind Mutter und Tochter – es sind Anita und Marlene, die plötzlich wie ein Bild aus dem Nebel der Vergangenheit die Gegenwart füllen.

Anita hat der verfahrenen Situation nach Robbys Anruf nicht mehr länger neue Nahrung geben, und sich ihrer Tochter offenbaren wollen.

„Marlene …“ Anitas Stimme schwankte wie ein kleines Boot in aufgewühlter See – „ich muß Dir etwas erzählen.“

Mit fahrigen Bewegungen suchte sie vergeblich nach einem Taschentuch. „Es gibt da etwas, von dem Du endlich wissen …“

Während Marlene mit ihrem Taschentuch der Mutter die Tränen von den Wangen tupfte, verschloß sie ihr gleichzeitig mit dem Zeigefinger  den Mund.

„Ich weiß, Mami… ich weiß … Du musst jetzt nichts sagen… ich weiß es schon lange ….“ Ihre Worte schwammen auf einer Woge von Zärtlichkeit. „Laß uns später reden – jetzt müssen wir handeln, damit Deine zwei Männer und meine beiden Väter sich nicht die Köpfe einschlagen. Denn dann hätten wir alle nichts mehr vom Leben.“

 

Wortlos umarmte sie ihre Mutter. Ohne noch irgendetwas zu reden, wurde sie gleich darauf aktiv. Fünf Minuten später saßen die beiden Frauen in einem herbeigerufenen Taxi. Marlene ließ den nahe gelegenen Flugplatz ansteuern, auf dem ihr Mann als Betriebsleiter den Laden in Schwung hielt. Auf dem Flugfeld verlangte niemand eine großartige Erklärung von ihr, als sie darum bat, mit ihrer Mutter nach Heyersand geflogen zu werden.

Jeder der Anwesenden spürte wohl, daß etwas Ungewöhnliches geschehen war. Obwohl es schon kurz vor Feierabend war machte einer der Piloten sofort seine Maschine startklar.

Nach knapp einer Viertelstunde verschwand der kleine Kurierflieger, mit den Überraschungsgästen an Bord, im bereits dunkel werdenden Blau des Himmels. Bei der Landung auf Heyersand gab es auch keine Verzögerung. Irgendwer hatte sogar schon ein Taxi für sie bereitstellen lassen, dessen Fahrer abfahrbereit mit dem Wagen neben der Piste auf sie wartete, und so stehen die beiden Frauen jetzt im Klubraum der Hafenkneipe ‚zum lachenden See-hund’ ihrem Schicksal gegenüber – einem Schicksal, dessen Irrwege in diesem Moment nur zwei der Anwesenden in seinem ganzen Ausmaß erkennen.

Jürgen Köhnen droht das Herz zu zerspringen.

Vor ihm steht seine große Liebe der vergangenen Jugendtage – fürsorglich gestützt von unverkennbar ihrer – von seiner Tochter. Vor ihm steht aber auch leibhaftig die Frau der lange vergessen geglaubten Nacht in dem Emder Hotel.

Jetzt glaubt er zu wissen, warum sie bei ihrer Begegnung im Hotel unwiderstehlich zueinander hingezogen wurden. Er ahnt nicht, daß seine Tochter ihn an dem Abend eigentlich ‚vernichten’ wollte.

Als ihre Blicke sich treffen wird sich Jürgen Köhnen schlagartig der Tatsache bewusst, daß er um ein Haar mit seiner eigenen Tochter geschlafen hätte. Es ist ihm, als ob der Himmel einstürzt und alles um ihn herum in endlose Schwärze versinkt.

Anders Marlene. Sie verhält sich so, als wenn sie und Jürgen Köhnen sich noch niemals begegnet sind. Keine Regung von ihr verrät was zwischen ihnen geschehen ist. Den Aufruhr der Gefühle in ihrem Inneren hält sie an strammer Leine.

 

Marlene hatte lange vor der Emder Begegnung mit Jürgen Köhnen gewusst, daß ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumtrug, über das sie mit nie-mandem reden konnte.

Marlene fand irgendwann – als sie Mitte der zwanzig war – Teile eines Briefes, in dem ihre Mutter noch als lediges Mädchen einen gewissen Jürgen in Hamburg an ihre gemeinsame Zeit auf Heyersand erinnerte, und von ihrer Schwangerschaft berichtete. Hinter den Zeilen spürte sie Liebe, Schmerz und Verzweiflung toben. Dadurch wurde ihre Neugier geweckt. Sie wollte mehr darüber wissen. Beim Vergleich der familiären Daten wurde ihr ganz schnell klar, daß der Mann ihrer Mutter wohl nur ihr ‚Papiervater’ war. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Keulenschlag. Wie sollte sie damit umgehen? Er war für sie doch immer ihr geliebter Papa gewesen.

Sie versuchte in ihrem jugendlichen Ungestüm natürlich ihrer Mutter gegenüber das Thema direkt anzugehen. Schließlich betraf es auch ihr Leben.

Alles versteckte Fragen und Bohren brachte ihr aber nichts, wie sie sich nach kurzer Zeit eingestehen mußte. Sie merkte, daß ihre Mutter nur damit begann, eine Mauer um sich herum zu errichten. Ihr Vater schien offenbar nicht zu bemerken, daß sich seine Frau auch von ihm immer weiter entfernte. Das konnte sie nicht zulassen. Von da an verbot sie es sich, jedesmal wenn es sie drängte, ihrer Mutter gegenüber auch nur die kleinste Andeutung in diese Richtung zu machen.

Marlene verhielt sich fortan bei ihrer Suche so, daß ihre geliebte Mutter nichts davon bemerkte. Sie machte Menschen auf der Insel ausfindig, die sich noch gut an die Hamburger Pfadfinder erinnerten. Unter anderen auch Fritz, den Kellner vom lachenden Seehund. Steinchen um Steinchen trug sie zusammen, und mit jedem Stückchen Mosaik wurde das Bild deutlicher. Bis sich eines Sonntagmorgens der Nebel um sie herum lichtete.

An den Wochenenden, an denen Marlene zuhause war, begleitete sie ihre Mutter oft zum Markt des Nachbardorfes, oder besuchte mit ihr gemeinsam den Gottesdienst in der etwas weiter entfernten Kirche.

Es war ihr in der Vergangenheit schon des Öfteren aufgefallen, daß ihre Mutter scheinbar völlig unmotiviert plötzlich stehen blieb und wie abwesend irgendwohin schaute.

Wenn sie versuchte mit ihren Augen dem Blick der Mutter zu folgen fiel ihr stets ein gelber Kastenwagen auf, der immer wie zufällig im Sichtfeld stand. Nach einiger Zeit wurde ihr klar – das konnte kein Zufall sein.

Vielleicht fand sie hinter diesem Firmenfahrzeug das im Südholsteinischen zugelassen war eine Erklärung für das seltsame Gebaren ihrer Mutter.

Sie hatte fortan jedesmal ihre kleine Kamera schussbereit in der Tasche. Die ersten Aufnahmen verrieten ihr die Bezeichnung und den Sitz des Unter-nehmens. Ein Gesicht tauchte außerdem auf allen Fotos auf – es bewegte sich entweder in unmittelbarer Nähe oder es befand sich im Führerhaus hinter dem Lenkrad. Es war anscheinend jedesmal derselbe Mann mit diesem Fahrzeug unterwegs. Ein Anruf beim Halter des Wagens, bei der Firma ‚Kochtopf & Co’ – in dessen Verlauf sie sich als potenzielle Kundin ausgab – lieferte ihr weitere Informationen. Unter anderem erfuhr sie auch den Namen des für ihre Region zuständigen Mitarbeiters. Jürgen Köhnen hieß er. Er war von Beruf Elektro-ingenieur und wohnte in Quickborn. Die Kundenbetreuer der Firma ‚Kochtopf & Co’ seien durchweg hoch qualifiziert, sagte die nette Dame ihr noch. Darum könne sie Herrn Köhnen in Bezug auf ihre Küchenerneuerung auch ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken. Man würde gern einen Termin für sie vormerken. Sie könne vorher aber auch die Einrichtung einer neuen Küche in einem Emder Hotel als Referenzobjekt in Augenschein nehmen.

Dann würde sie gleich Gelegenheit haben mit ihrem zukünftigen Ansprechpartner zu reden, der nähme nämlich in Vertretung des erkrankten Emder Kollegen dort die Einweisung vor.

Das war für ihre Vergeltung die Chance. Blitz-schnell reifte in ihr der Entschluss diesem Mann die Schmach, die er ihrer Mutter angetan hatte, heim-zuzahlen.

Sie ließ sich zum Abschluß des Gespräches von der netten Telefonistin  noch Termin und Anschrift für die Besichtigung geben und bedankte sich für das aufschlussreiche Gespräch.

In Henstedt unweit Hamburgs sah man daraufhin schon den Auftrag für eine weitere Großkücheneinrichtung winken.

Ein paar Tage vor dem Termin stattete sie der Emder Herberge in ihrer Eigenschaft als Journalistin einen informativen Besuch ab. Bereitwillig führte eine der  Hausdamen sie durch den Betrieb, und wurde nicht müde auf all ihre Fragen erschöpfend zu antworten. Der Direktor des Hauses schätzte sich außer-ordentlich glücklich eine kritische Zeitungsschreiberin dermaßen von der Güte seines Hauses überzeugt zu haben, daß diese spontan für das Wochenende für sich eine Suite reservieren ließ.

Wenn der Gute geahnt hätte welcher Art Ei ihm die Dame ins Nest zu legen beabsichtigte, hätte er sich sicherlich gewünscht, sie nie kennengelernt zu haben.

Am selben Tag noch kaufte sie in einem Modegeschäft für sich Garderobe, die der distinguierten Kleidung der Hotelangestellten täuschend ähnlich war.

Eine kleine Veränderung der Frisur und eine goldgefasste Perlmuttbrosche am Revers würden auf das erste Sehen bei jedem Gast den Eindruck einer Mit-arbeiterin des Hauses erwecken.

Jetzt mußte ihr nur noch das Glück hold sein. Sie war sich ganz sicher – ihr Plan würde gelingen. Sie hatte sich alles perfekt zurechtgelegt.

Bei einer ‚zufälligen’ Begegnung auf dem Hotelflur wollte sie den ‚Kerl’ dazu bringen ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um ihn im geeigneten Moment als ‚Vergewaltiger’ bloß zu stellen. Sie spielte diese Szene immer wieder in Gedanken durch und genoss im Voraus das Gefühl, das an ihrer Mutter began-gene Unrecht gerächt zu haben.

Ein Risiko für sie selbst kam ihr dabei gar nicht in den Sinn.

An dem Abend lief alles so wie sie es geplant hatte. Sie war nicht sie selbst, sie war nur der Racheengel – bis zu dem Augenblick, als sie den ‚Kerl’ berührte dem sie es heimzahlen wollte.

Da war er für sie plötzlich nur noch der Mann, den ihre Mutter nie aufgehört hatte zu lieben. Schlagartig wurde ihr bewusst, daß das was sie gerade tun wollte am schlimmsten ihre Mutter treffen würde.

Sie konnte nur noch weinen und ihn fortschicken.

Es war als ob das Schicksal ihr die Fäden aus der Hand genommen hatte, um sie vor etwas nicht wieder gutzumachendem zu bewahren.

Robby hat sich beim Eintreten der beiden Frauen in die hinterste Ecke des Klubzimmers verzogen. Er spürt, daß er diesem sich schließenden Kreis nur im Wege sein würde. Regungslos stehen die Betroffenen in enger Umarmung mitten im Raum. Vierfaches Leid verschmilzt in diesen Minuten zu einer starken Gemeinschaft.

Nachdem sich der erste Sturm der Gefühle sich ein wenig gelegt hat, hat Robby von Fritz einen Riesenpott nachtschwarzen Kaffee auffahren lassen.

Geredet wird in dieser zeitlich begrenzten Runde nicht viel. Unnütze Worte würden den neuen Anfang holpern lassen. Das stille gleiten der Gefühle und das schüchterne tasten der Hände zueinanderhin sagen im Moment alles was gesagt werden muß.

Es ist als ob viele kleine Bäche der Betrübnis sich zu einem wachsenden Strom der Erleichterung vereinen, der irgendwann in das große Meer des Lebens mündet.©ee

 

Ewald Eden

 

Das Geschenk…

harmonica-1407275_960_720

.

Das Geschenk …

 

A uf der anderen Seite der Schleuse lag schon seit dem Julimonat ein Schiff. Eines Mittags, als Harm von der Schule auf dem Weg nach Hause war, hatte er das Schiff zum ersten Mal gesehen. Morgens, auf dem Weg zur Schule hin, hatten da in Ufernähe noch nur die beiden Dukdalben gestanden.

Und jetzt hörte er plötzlich Musik, nein, nein – keine Trommeln und Trompeten, nein – gaaanz fein klang es über dem Wasser – die Töne zogen über die blinkernden Wellen dahin, wie im Morgendämmern der feine Nebel über das nachtfeuchte Land zieht.

Der Moorkanal mit seinem schwarzbraunen Kabbelwasser lag nicht mehr so nackend im Land – es schien geradeso, als wenn ihm jemand einen feinen seidenen Umhang übergeworfen hätte.

Jeden Morgen freute Harm sich, wenn er die Musik hörte – dann wußte er, gleich bekam er das Boot zu sehen – es war noch da.

Nach zwei Wochen hatte er sich endlich getraut, jeden Tag ein wenig näher an das Boot heranzugehen, um mutig Moin zu sagen. Und sieh an, der Mensch, der oben auf dem Kajütdach saß und so schöne Musik machte, nahm die Mundorgel aus dem Mund und sagte mit ganz tiefer Stimme: „Moin, mien Jung“.

Das war es denn auch vorerst. Er setzte wieder seine Pustmusik an und Harm hörte ihm zu.

Das hätte er stundenlang können, wenn er nicht schnell nach Hause zu mußte. Er mußte zuhause den Schweinekoben ausmisten und die Hühner füttern.

Seitdem er mit seiner Mama alleine war, mußte er einen Teil der Arbeit auf dem kleinen Bauernhof verrichten.

Alles dagegen lamentieren nützte nichts – sie mußten ja irgendwo von leben.

So eine Mundorgel … jaaaa, die hatte er schon ein paarmal auf seinen Weihnachtswunschzettel geschrieben – erfüllt worden war ihm dieser Wunsch nicht. Zum letzten Weihnachtsfest hatte er diesen Wunsch schon gar nicht mehr geäußert – er wußte ja nur zu gut, wie leer es in Mamas Geldbeutel aussah.

Heute Morgen hatte er dem Spielmann noch zugewunken – was hatte der ihm nachgerufen? Adschüß Harm? Er hatte die Worte nicht so recht verstehen können – der Wind lief so schräg dagegenan.

Heute Mittag wußte er es genau – das Schiff war weg.

Zwei Tränen blinkerten in seinen Augen. Die Musik war weg – der seidene Umhang des Moorkanals war weg. Aber was war daaaas?

Oben auf dem Anbindepfahl lag, in der Sonne blinkernd, eine kleine blanke Mundorgel. Darunter lag ein Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:

„Für Harm, meinen dankbarsten Zuhörer.“

Wenn es dem Kalender nach auch erst Frühherbst war – für Harm war es Heute das schönste Weihnachten seines Lebens.

© ee

Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

.

 

 

Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

 

Ich will jetzt nichts von Museumsbesuchen oder Kostümfesten in den Trachten unserer Großeltern erzählen. Mit dem Kulttumult um alte Fortbewegungsmittel hat meine Geschichte auch nichts zu tun. Gleichwohl ist das was ich in den letzten Tagen erlebt habe für mich wie ein Stück wieder auferstandener kostbarer Vergangenheit.

Es begann mit dem Ruf meiner Frau: Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Es war mit dem Essensruf etwas später geworden, weil der Kartoffelvorrat in der Speisekammer irgendwie Schaden genommen hatte. Meine Frau hatte deswegen aus einem Geschäft, in dem sie sonst selten einkauft, noch schnell einen Beutel Erdäpfel besorgt.

Und was hat das mit lebendiger Vergangenheit zu tun? fragt jetzt sicher der eine oder andere. Es wird zwar schon seit alten Zeiten in vielen Haushalten zu Tisch gerufen – aber was ist daran das besondere.

Das war auch nicht das Besondere. Das Besondere war erst einmal, daß ich diesem Ruf sofort folgte. Sonst dauert es auch schon mal, weil es ja immer etwas Wichtiges gibt das noch erst zu Ende gebracht werden muß. Wer kennt das nicht – mal ehrlich.

Auf der Tafel im Esszimmer stand ein ganz normales Mittagsmenü. Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Soße. Jeder weiß ja wie es geht – man packt sich von allem etwas auf den Teller und legt mit dem Essen los. Wenn man das Besteck beiseite legt, weil man satt ist, hat man in der Regel von allem etwas gegessen.

Diesmal war es anders. Als ich nämlich mein Besteck zur Seite legte und mir zufrieden über den vollen Bauch, strich hörte ich von der anderen Seite des Tisches ein erstauntes: Bist Du schon satt? Du hast doch nur Kartoffeln gegessen. Ein bißchen Beleidigtsein über die Missachtung von Braten, Gemüse und Soße klang unüberhörbar durch.

Erst da bemerkte auch ich, daß ich mich tatsächlich an den Kartoffeln satt gegessen hatte. Mein Denken war nämlich während des Essens ganz tief in die Vergangenheit gerutscht. Ich saß plötzlich als kleiner Junge zuhause am Küchentisch und verzimmerte Kartoffeln mit Butter die meine Mutter zuvor vom eigenen Acker geerntet hatte. Das war mir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr passiert.

Und noch etwas hat der einzigartige Geschmack und die ‚gewisse Körnigkeit’ dieser Kartoffeln bewirkt:

Ein altes Rezept meiner Mutter war plötzlich wieder gegenwärtig. ‚Zuckzack’. Auf Zuckzack waren wir als Kinder immer ganz wild. Ganz gleich ob er Mittags frisch auf dem Tisch stand oder die Reste abends in der Pfanne gebraten wurden.

Eines steht auf jeden Fall fest:

Unsere Kartoffel ist für alle Zubereitungsarten nur noch die ‚Leyla’ vom Lilienhof in Marx.

©ee

.

 

Empfehlungen : Die Nachteule

.

meine Empfehlung

für Euch :

Die Nachteule (Die Nachteule / Bildtexte)

Gebundene Ausgabe – 1. April 2016

Begebenheiten, Ereignisse, Flora und Fauna, Tier und Mensch
in Bildern festgehalten und mit Worten zum Leben erweckt…

Kindle Edition 5,99
Gebundene Ausgabe 50,99
Taschenbuch 8,99

Gebundene Ausgabe: 100 Seiten
Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (1. April 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 383911490X
ISBN-13: 978-3839114902
Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 1,7 x 27,7 cm

Ewald Eden:

Wer mit allen Sinnen in die Welt der Nachteulentexte eintaucht
entdeckt auf jeder Seite ihm, dem Leser, bisher unbekannte Dimensionen der lyrischen Betrachtungsweise.
Lyrisch gewandet erscheint selbst das hässlichste Wort plötzlich gesellschaftsfähig auf der Bühne –

bekommt selbst unaussprechliches Geschehen in allen Dimensionen ein erträgliches Gesicht,
und menschliche Handlungsweisen – und seien sie noch so unmenschlich – werden durch die lyrische Aufbereitung
durch die Nachteule verständlicher.

Wer sich auf das „Abenteuer Nachteule“ einlässt,
der sollte darauf gefasst sein, alle Höhen und Tiefen des des menschlichen Seins
präsentiert zu bekommen, um nach jeder Etappe der Erlebnisreise feststellen zu können,
dass er wieder einen Teil der Expedition ins Reich der Wahrheiten mit ihren
Irrungen und Wirrungen unbeschadet überstanden hat.
Der Bildtextband ist eine Symbiose verwandter Seelen in Bild und Text…

zu erwerben bei Amazon : Nachteule bei Amazon

https://www.bod.de/buchshop/die-nachteule-ewald-eden-9783839114902

.

Die Reise ins Zuckerhutland.

.

Die Reise ins Zuckerhutland.

.

.

Ein Wort vorweg …

 

Laßt euch entführen. Fahrt einfach mit ins Zuckerhutland. Wundert und freut euch mit den vielen märchenhaften Bewohnern über das Leben in einer anderen Welt.

Klettert schnell rein in den wunderlichen Zug. Die Fensterscheiben sind geputzt, und die Plätze schon angewärmt. Vielleicht entdeckt ihr auf der Reise irgendwo eigene Wünsche wieder, oder ihr findet sogar ganz neue Träume – vielleicht möchtet ihr am Ende der Reise sogar im Zuckerhutland bleiben.

 

In den Reiseberichten aus dem Zuckerhutland malt der Schreiber den Hörern und Lesern seiner Geschichten das Gegenbild ihrer wirklichen Welt. Richtig kunterbunt und kopfständisch geht es oftmals zu, doch selbst dann wird niemand die Reise abbrechen, und das Geld für die Fahrkarte zurückverlangen. Wenn ihn manchmal auch nur die einfache Befürchtung daran hindert, dass er im nächsten Reisabschnitt etwas verpassen könnte. In diesen Erzählungen wird jedem die Gelegenheit geboten, seine eigenen Illusionen zu erleben, auch wenn er dabei selber auf dem Kopf stehen müßte.

Ein Taschenbuch mit ausdrucksstarken , kindgerechten Illustrationen von Kensise Anders und Gabriele Lange, geschrieben von Herrn Ewald Eden  für große und kleine Leser

bestellbar über Amazon    https://www.amazon.de

Die Reise ins Zuckerhutland

(Carolin, Leonie und Laura reisen

ins Zuckerhutland)

  • ISBN-10: 1492219770
  • ISBN-13: 978-1492219774

zum Preis von 9,96 Euro