Herbststurm . . .

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Herbststurm . . .

D er Himmel zieht kräftig die Stirne kraus –
der Unmut trübt ihm schier den Blick.

Er schickt den Sturm mit viel Gebraus –
zieht seine schützend’ Hand zurück.

In kahler Bäume Zweiggeäst
streicht er des Windes Töne –

das Meer, es wird im Kopf ganz irr –
schickt seiner Wellen Söhne.

Die gehen mächtig ins Geschirr –
und rollen mit Gedröhne.

Die Wolken fangen an zu weinen –
Tränen schleiern ihr Gesicht,

die Sonne sitzt im All zu greinen –
und geizt mit ihrem Sonnenlicht.

Natur ist in sich reingekrochen –
sie wartet ab in ihrer Hütte,

sie schläft die langen Winterwochen –
bis der Frühling kommt –

mit leisem Schritte.

© ee

Foto auf https://pixabay.com/de/

thanks

Der „Rüstersieler Hof“

 

 

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Der „Rüstersieler Hof“ – ein wiedererwecktes Kleinod . . .

 

Mein Weg führte mich in das einstmals verträumte Dorf Rüstersiel. Die Stadtnähe und die Erneuerungswut mancher Planer haben den Ort gezeichnet – haben dieses Idyll in einen klinisch reinen Dornröschenschlaf versinken lassen. Erinnerungsbeladene Stätten, wie der alte Hafen, das geschichtsträchtige Packhaus mit dem Ehrenmal davor, das Sieltheater oder ganz einfach Adele Tieslers „Cafe duck dich“ direkt neben den Schienen der alten Vorortbahn – waren plötzlich verschwunden.

Es gab kein Hochschuldorf mehr und kein Siel inmitten der Maade, an dem jeder Fremde sich gleich heimisch fühlte.

Ich war an dem Platz gelandet, an dem Tant’  Adele jahrzehntelang  ihre Gäste bemutterte. Seit Jahren steht ein anderes Gasthaus – im Gewand der neuen Zeit – auf dem Stückchen Erde. Der Park gegenüber trägt zwar noch ihren Namen – Ehre können die für ihn zuständigen damit aber keinesfalls einlegen.

Ein, mit viel Aufwand neu angelegter, Biergarten zog mich an. Ein Regenschauer trieb mich dann noch zehn Schritte weiter – in das Haus hinein. Die Erwartungen waren auf der untersten Stufe angesiedelt, als ich das Innere des „Rüstersieler Hofes“ betrat.

Meine Gefühle mußten im Eiltempo eine ganze Treppe höher klettern. Ein frischer Wind weht durch das Haus. Familie Schlüter ist mit der Übernahme des Betriebes  ins kalte Wasser gesprungen.

So wie die jungen Wirtsleute die Sache angepackt haben, kann ich nur sagen: Weiter so – ihr geht bestimmt nicht baden. Mut zum Risiko und ein Konzept wie aus einem Guss bestimmen das Erscheinungsbild.

Kein Wunsch der Gäste bleibt unerfüllt – Küche und Keller strahlen in seidigem Glanz – sorgfältig und liebevoll gehegt, und gepflegt, von Menschen, die ihr Handwerk verstehen.

Jeder Gast der – nach einem genussvollen Mahl – dieses exzellent geführte Haus ungern verläßt, hat in seinem Kopf garantiert schon den Termin seines nächsten Besuches festgemacht.

Wer sich nicht so schnell von diesem Traumparadies trennen kann, der wird keinesfalls im Regen stehen gelassen – in den stilvoll eingerichteten Gästezimmern finden 58 müde Leiber einen Platz zum Ruhen wie in Abrahams, oder vielleicht auch in Evas, Schoß.

Raubrittermanieren gehören hier der Vergangenheit an – die Preise bewegen sich allesamt in einem zivilen Rahmen. Selbst wer ausgiebig getafelt und gezecht hat, wird beim Zahlen von seiner Geldbörse nicht schief angesehen.

Meine Minuspunkte konnte ich in diesem gastlichen Hause in der Tasche behalten.

Eine Einkehr ist ohne Einschränkung empfehlenswert.©ee

Foto auf : https://pixabay.com/de/ Thank you

Immer wieder NEUES hier zu finden :

https://christinvonmargenburg.blog/neues/

Am falschen Ort . . .

Am falschen Ort . . .

I ch stehe hier an Meeres Säumen
mein Innerstes ist weit von hier
ach – könnt’ ich endlos Sehnsucht träumen
ach – wär’ mein Sein ohn’ End’ bei dir

Ist mir als ob ich hüllenlos
wohl über Welten schwebe
der Zwang in mir wird riesengroß
flieg’ übers Meer und lebe

Ich kann mich wenden still und dreh’n
will alles das vergessen
muß immer wieder rückwärts geh’n
von Nordlands Weiten sinnbesessen

Mein Traum der harret der Erfüllung
durchdringt mich bis ins kleinste Haar
ist weit entfernt von jeder Stillung
fesselt mich – so Jahr auf Jahr.

© ee

Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

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Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

 

Ich will jetzt nichts von Museumsbesuchen oder Kostümfesten in den Trachten unserer Großeltern erzählen. Mit dem Kulttumult um alte Fortbewegungsmittel hat meine Geschichte auch nichts zu tun. Gleichwohl ist das was ich in den letzten Tagen erlebt habe für mich wie ein Stück wieder auferstandener kostbarer Vergangenheit.

Es begann mit dem Ruf meiner Frau: Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Es war mit dem Essensruf etwas später geworden, weil der Kartoffelvorrat in der Speisekammer irgendwie Schaden genommen hatte. Meine Frau hatte deswegen aus einem Geschäft, in dem sie sonst selten einkauft, noch schnell einen Beutel Erdäpfel besorgt.

Und was hat das mit lebendiger Vergangenheit zu tun? fragt jetzt sicher der eine oder andere. Es wird zwar schon seit alten Zeiten in vielen Haushalten zu Tisch gerufen – aber was ist daran das besondere.

Das war auch nicht das Besondere. Das Besondere war erst einmal, daß ich diesem Ruf sofort folgte. Sonst dauert es auch schon mal, weil es ja immer etwas Wichtiges gibt das noch erst zu Ende gebracht werden muß. Wer kennt das nicht – mal ehrlich.

Auf der Tafel im Esszimmer stand ein ganz normales Mittagsmenü. Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Soße. Jeder weiß ja wie es geht – man packt sich von allem etwas auf den Teller und legt mit dem Essen los. Wenn man das Besteck beiseite legt, weil man satt ist, hat man in der Regel von allem etwas gegessen.

Diesmal war es anders. Als ich nämlich mein Besteck zur Seite legte und mir zufrieden über den vollen Bauch, strich hörte ich von der anderen Seite des Tisches ein erstauntes: Bist Du schon satt? Du hast doch nur Kartoffeln gegessen. Ein bißchen Beleidigtsein über die Missachtung von Braten, Gemüse und Soße klang unüberhörbar durch.

Erst da bemerkte auch ich, daß ich mich tatsächlich an den Kartoffeln satt gegessen hatte. Mein Denken war nämlich während des Essens ganz tief in die Vergangenheit gerutscht. Ich saß plötzlich als kleiner Junge zuhause am Küchentisch und verzimmerte Kartoffeln mit Butter die meine Mutter zuvor vom eigenen Acker geerntet hatte. Das war mir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr passiert.

Und noch etwas hat der einzigartige Geschmack und die ‚gewisse Körnigkeit’ dieser Kartoffeln bewirkt:

Ein altes Rezept meiner Mutter war plötzlich wieder gegenwärtig. ‚Zuckzack’. Auf Zuckzack waren wir als Kinder immer ganz wild. Ganz gleich ob er Mittags frisch auf dem Tisch stand oder die Reste abends in der Pfanne gebraten wurden.

Eines steht auf jeden Fall fest:

Unsere Kartoffel ist für alle Zubereitungsarten nur noch die ‚Leyla’ vom Lilienhof in Marx.

©ee

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Frühling im Moor . . .

Frühling im Moor . . .

Das junge Grün am alten Baum
steht zart vor weißer Wolkenpracht
die Füllen jagen ohne Zaum
im Blau die gold’ne Sonne lacht

Die Kätzchen in den Weidenbüschen
perlmuttgefärbt der Blütenstaub
das Binsengras in dicken Rüschen
die Hasel treibt ihr erstes Laub

Auf Moores Kolken sieht man Wellen
ganz sacht wohl – wie im Kreis gedreht
man hört ’nen Pfeifton – einen hellen
ganz leicht er über’s Wasser weht

Das Bläßhuhn streicht durch Ufers Weihe
sucht einen Platz für’s Brutrevier
der Torf steht schwarzbraun in der Reihe
immer gehockt zu vier auf vier

Der Knüppeldamm zu meinen Füßen
er schwankt bei jedem Schritt
das Moor läßt aus Vergangenheit grüßen
und nimmt ein Stück der Zukunft mit
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©ee

Vom Knirps zum Knaller …

Vom Knirps zum Knaller …

Lebensbilder

Mitte der 1900er Jahre. Die Stadt am Meer – ein Mix aus Kriegshafenhäuseranhängsel und drei alten bäuerlichen Gemeinden – eine Stadt, aus großen Vorstellungen und noch größeren Hoffnungen entstanden, krebst zum zweiten mal in ihrer noch jungen Geschichte auf der Talsohle des Überlebens herum. In intaktem Zustand bot sie dem Betrachter stets ein passables Bild. Kurioserweise war sie immer dann am attraktivsten, wenn ihre Ziehväter sich anschickten, die Welt um sie herum in Schutt und Asche zu legen.

Am Ende war sie dann jedesmal ähnlich kaputt wie die übrige Welt.

Getreu dem Motto: der Teufel frisst seine eigenen Kinder.

Und durch diese, aus dem letzten Loch pfeifende Stadt, radelt nun vergnügt ein kleiner Knirps auf seinem Dreirad. Vergnügt deshalb, weil er ja noch nichts anderes kennt. Seine Welt wird eingegrenzt vom Backfischtanzschuppen Nordseestation, von den Selbstversorgerkleingärten am Grodendeich, von der Übungsschießanlage für die Polizei und die neu erwachenden Marinestreitkräfte. Vater Staat braucht ja Männer, die beim Schießen auch treffen – wenn’s mal wieder knallt. Die Lücken zwischen diesen markanten Punkten schließen das Altenheim Karl-Hinrichs Stift, das Kriegsandenken Bunker an der Ecke der Sportanlage und – ja richtig, der Gottesacker an der Friedenstrasse. Onkel Hannes hat die Nähe vom Altenheim zum Friedhof einmal auf die ihm eigene Weise erklärt: „Well dor in d’ Heim dodblääven is, de brukt noa d’ Kaarkhoff nich mehr so wiet to lopen.“ ( Wer da im Heim totgeblieben ist, der braucht zum „Kirchhof“ nicht so weit zu laufen )

Der Friedhof war in dieser Zeit so ziemlich das einzige Stück geordnete Welt. Dieses Stück geordnete Welt zog den kleinen Knirps auf seinem Dreirad magisch an, dem Dreirad mit dem Korb hinter dem Sattel, in dem man so viele nützliche Dinge verstauen konnte, die man unterwegs fand. Nachdem der kleine Knirps auf seinem Dreirad der geordneten Welt Friedhof wieder einmal einen Besuch abgestattet hatte, war auch da plötzlich nichts mehr in Ordnung. Friedhofswärter, und Mitarbeiter der Verwaltung, flatterten in den nächsten Tagen wie Hühner ohne Köpfe durch die weitläufigen Gräberfelder. Onkel Hannes, der alte Seebär, hatte auch dafür gleich einen seiner Sprüche parat.

„Dat sücht ut, as wenn dor up d’ Kaarkhoff een de Stüürmann de Kompass wächnoahmen hett.“ (Das sieht aus, als wenn da auf dem Friedhof jemand dem Steuermann den Kompass weggenommen hat)

Wie dicht er doch dran war – der alte Seemann, mit seiner zuerst als abwegig belächelten Vermutung. Hatte der kleine Knirps mit dem Dreirad doch all die schönen, emaillierten Grabnummernschilder in seinem Korb gesammelt, und mit nach Hause genommen.

Papa und Onkel Hannes waren darüber hocherfreut – durften sie doch die Nummernschildchen in den folgenden Tagen alle wieder zurückstecken. Dadurch lernten die beiden in einer Woche soviel tote Leute kennen, wie sonst wohl kaum jemand Lebende in seinem ganzen Leben.

Der Knirps auf dem Dreirad fuhr indessen weiter munter durch das Viertel. „Schau immer nach vorn, und niemals zurück, mien Jung.“ Diese Devise hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm eingebleut.

Ein Schrebergarten in der nahen Grodenkolonie hatte es ihm schon seit längerem angetan – oder vielmehr der Schrebergärtner, der in diesem Garten das Regiment führte. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit er seine Pflaumen, Äpfel und Birnen gegen Angriffe von außen auch verteidigte – immer thronte sein Haupthaar streng, und korrekt in der Mitte gescheitelt, zwischen seinen weit abstehenden Segelohren. Dagegen bot das frische grüne Laub des großen Wurzelbeetes, in der Mitte der Gemüsefläche, eher den Anblick einer Reihe krauser Negerköpfe mit grün gefärbten Haaren. Diese krause Unordnung hatte dem Gartenmann ganz sicher seine blinkende Halbglatze beschert. Da musste doch etwas geschehen. Und es geschah auch etwas. Eines schönen Sommermorgens lagen alle jungen Wurzelpflänzchen – jetzt mit plattem Grün – fein säuberlich aufgereiht eins rechts eins links – zu beiden Seiten der Pflanzrille. Aber wie es nun mal so ist im Leben – verkehrte Welt. Hilft man den Menschen nicht, sind sie wütend – hilft man ihnen, sind sie es auch. Jetzt lagen zwar die jungen Wurzeln alle platt, und streng gescheitelt, auf dem Acker – aber der Gärtner hatte sich die Haare gerauft, sodaß die jetzt um seinen Kopf herumstanden wie Negerkrause.

Da war der Knirps auf seinem Dreirad aber schon weitergezogen – weitergezogen zu neuen Taten in seiner kleinen Welt am Groden-deich.

Die kleine Welt am Grodendeich, in der auch Johannes lebte. Johannes – geprägt von seinem Zuhause, und gefangen in einer noch kleineren Welt innerhalb dieser kleinen Welt. Johannes Eltern befehligten als Generalissimo und Generalin das Altenheim auf dem Areal zwischen Göker-, Freiligrath- und Friedenstrasse. Als unbeschränkte Herrscher in ihrem Revier, und als unbeschränkte Herrscher über Johannes, der selbstredend auf seine Art davon profitierte. Da sei nur am Rande die komplette Eisenbahnanlage erwähnt, die Schlachter Th. auf Wunsch des Vaters für den weihnachtlichen Johannesgabentisch liefern musste, um auch im nächsten Jahr Fleisch und Wurst für die Altenheimküche liefern zu dürfen. Das Zimmer von Johannes konnte all die vielen schönen Spielsachen gar nicht mehr bergen, mit denen er überhäuft wurde.

Der Platz in ihm dagegen, der vom lieben Gott für Spielkameraden und Freunde reserviert war – auf diesem Platz herrschte gähnende Leere. Das bemerkten seine Eltern aber nicht. Sie waren viel zu sehr mit dem züchtigen und ruhigstellen der aufmüpfigen alten Leute in ihrer Aufbewahrungsanstalt beschäftigt. Und gerade das schmerzte Johannes unbändig. Er unternahm alles nur ihm mögliche, diesen Platz mit Leben zu füllen, aber irgendwie hatte er sich immer gerade einen Fuß verstaucht, wenn die anderen Kinder an ihm vorüberzogen, und er ihnen folgen wollte. So konnte er ihnen denn nur ständig linkisch hinterhertrotten.

Wie es im realen Leben seit urchristlichen Zeiten ja nun einmal so ist – den Letzten beißen stets die Hunde. General und Generalin Altersheimkommandeur konnten ihrem Filius gar nicht so viele Hosen kaufen, wie die wütenden Alltagshunde ihm zerrissen. Wenn die Meute der Nachwuchsmenschen im Viertel mal wieder etwas ausge-fressen hatte, war es stets der Nachzügler Johannes, den die erbosten Opfer bei der Hose zu fassen bekamen. Auf diese Art war Johannes denn wenigstens zu etwas nütze. Er sicherte der Streitmacht den Rückzug, und schluckte die Energie der Verfolger, die dann manchmal auf seiner roten Wange oder Hintern deutlich zu erkennen war. Wie zum Beispiel nach dem Gefecht mit Lehrer Lämpel.

Eine äußerst beliebte und wirksame „Waffe“ unter den Jungs war die „Flitsche“ – in anderen Gegenden vielleicht besser bekannt als „Zwille“. Von diesem wunderbaren Gerät gibt es – wie bei Revolvern auch – verschiedene Ausführungen. Von der Zimmerflak in Astgabelausführung mit Fahrradschlauchgummi bestückt, bis hin zum kleinen, aber ebenso wirksamen Sologummi für den unauffälligen Nahkampf. Die Spitzenkanoniere im Viertel konnten mit dem kleinen Ding sogar blind und rückwärts feuern. Nicht so Johannes. Johannes hatte schon beim sehend vorwärtsschießen seine kleinen Probleme mit der Zielgenauigkeit und Treffsicherheit. Was ihm auch prompt – oder besser gesagt der ganzen Klasse – übel angekreidet wurde. Ausgerechnet in der Rechenstunde beim gefürchteten Lehrer Lämpel wurde ihm diese Schwäche dann zum Verhängnis. Der gestrenge Schulmeister stand mit dem Rücken zur Klasse an der Tafel, und malte in schönster Paukermanier Hieroglyphen auf die grüne Fläche. Von vorne, aus der zweiten Bankreihe, von da, wo der Knirps mit dem Dreirad seinen Platz im Klassenzimmer hatte, trafen den guten Johannes unablässig „Rückwärtsgeschosse“. Er parierte sie so gut es ging, und mit mäßigem Erfolg. Bis – ja, bis Lehrer Lämpel – durch das verhaltene Schlachtengetümmel in seinem Rücken aufgeschreckt – sein Gesicht plötzlich der Klasse zuwandte. Wie gesagt – an der Fähigkeit, das richtige Ziel zu treffen, haperte es bei Johannes mächtig. Und so traf seine – im selben Augenblick abgefeuerte – „Krampe“ auch nicht den Knirps mit dem Dreirad, sondern landete punktgenau auf des Lehrers unwillig gekrauster Pädagogenstirn.

Von mäßigem Erfolg wagte denn nach diesem Treffer keiner mehr zu reden, zumal es in der Folge Strafarbeiten für die ganze Klasse hagelte.

Zur Ehrenrettung der Brüder muß noch gesagt werden, daß nicht einer der Krieger, trotz heftiger Aufforderung Lämpels, Johannes als den Schützen denunzierte. So wurden sie dieses mal alle gebissen – und gegenseitiges Wunden lecken nach verlorener Schlacht schweißt eine Truppe schon seit jeher noch fester zusammen.

Johannes blieb aber noch Jahre seinem Naturell treu, und ließ sich nur ab und zu von einem anderen „Weichei“ des Quartiers in seiner Funktion als Letzter des Rudels vertreten.

Gero stand ihm in der Rangfolge nicht allzu viel voraus. Von drei Tanten zuhause stets und ständig umsorgt, fehlte ihm so ein wenig das Mark in den Knochen – oder anders gesagt, er hatte keinen harten Kern. Was ihn wahrscheinlich selber am meisten ärgerte, wenn er der Truppe immer ein Stück hinterherschlabberte. So etwas ist bei Eroberungsfeldzügen, auf denen sich die Bengels permanent befanden, natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden.

Das nächste Tun und Geschehen war auch mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber was ist im Leben eines Kriegers nicht gefährlich.

Das Kriegsandenken Bunker war im Bewußtsein der jungen Krieger natürlich kein Kriegsandenken. Wie sollte es auch. Für sie war er einfach Teil des realen Lebens – eingebaut in den Alltag.

Dieser Bunker hatte nun eine Besonderheit, die ihn von anderen Schutzbauten aus kriegerischen Tagen unterschied. Er hatte leichte Schlagseite – wie wenn Onkel Hannes manchmal heimwärts segelte, nachdem er in der Sportklause an der Gökerstrasse wieder einmal einen Sturm abgewettert hatte.

Das Bunkerbauwerk hatte gegen Ende des Krieges noch einen Volltreffer abbekommen. „So richtig schön auf die Mütze“, sagte Onkel Hannes. Es war eine der heimtückischen Panzer-knackergranaten gewesen. Durch die Detonation war sogar ein Stück der Treppe im inneren weggesprengt worden. Aber das war Vergangenheit – das war ein Geschehen aus dem Leben der Alten.

Für die jungen Krieger im Viertel war der Koloss Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Endpunkt ihres Beginnens. Je nach dem, was gerade auf dem Plan stand. Eine besondere Funktion erfüllte er auch noch – er war der entscheidende Bewährungspunkt, wenn es darum ging, ein neues Mitglied in den Kreis aufzunehmen.

Bevor der Stammesrat Ja zum Aufnahmebegehren sagte, musste der „Neue“ in den Bunker. In den Bunker hieß, mit einer weißen Fahne über die geborstene Treppe nach oben – bis unters Dach. Wenn die weiße Fahne in einem Lüftungsschacht erschien, dann gehörte der Fahnenträger zum Stamm. Und nur dann.

Diese weiße Fahne – und das Geschehen darum herum – war einigen verknöcherten Alten in der Umgebung schon lange ein Dorn im Auge, den man neutralisieren musste. Unbedingt.

Eines schönen – oder für die Jungen nicht so schönen – Tages war alles mit Kalksandsteinen zugemauert. Verbaut. Anstatt die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden, hatte man sie an so etwas Sinnloses verschwendet. Verstehe einer die Erwachsenen.

Es brach bei den Burschen eine Zeit des Nachdenkens – eine Zeit der verborgenen Tätigkeiten an.

Wieder einmal hatte der Knirps mit dem Dreirad die „zündende“ Idee.

Der Schießstand bekam seine tragende Rolle.

Die Truppe besaß schon enorme Vorräte an Kartuschen. Schöne blanke Messingkartuschen, die von den Kriegern nach jedem Übungsschießen, das auf dem Stand vonstatten ging, gesammelt wurden. Sicherheitsvorkehrungen nach heutigen Maßstäben darf man sich nicht auf damals denken. Dann sagt man sofort: unmöglich.

Auch die Güte der Munition war eine andere in dieser Neustartzeit. Es wurde mit allem geübt und geschossen, was sich noch in Depots und Waffenkammern befand. Darunter befanden sich natürlich auch viele Nichtzünder – „Blindgänger“, wie Onkel Hannes sagte. Es machte sich von den Probanden niemand die Mühe, sie wegzuräumen. Wozu auch. Sie waren ja nur ein Teilchen von vielen anderen Überbleibseln unseliger Zeit. Nicht so für die Nachgeborenen.

Es erstand eine alte Kultur neu. Ersinnen, erfinden, testen – das alles wiederholte sich. Wie immer im Leben, wenn etwas anderes entsteht.

Die ‚Blindgänger’ unter den Patronen wurden ausgeschlachtet, und einem dienlichen Zweck zugeführt – es wurde getestet und immer wieder getestet. Es geschah alles auf den Erfolg gerichtet und unter strengster Geheimhaltung.

Was da ‚geheimgehalten’ wurde, das schielte nur manchmal unter der Decke hervor, wenn irgendwo in einem der Gärten eine verbeulte Konservendose landete, als Beweis einer gelungenen Übung.

Kleine Schwarzpulverhäufchen unter einer umgestülpten Konservendose, als Lunte einen Baumwollfaden – sorgfältig aus einem von Mutters Feudeln herausgelöst – und angezündet. Das war das ganze Geheimnis. Einfach zu lösen – was war daran schon geheimnisvolles. Onkel Hannes hatte nämlich mal etwas von ‚Schießbaumwolle’ erzählt.

Nachdem genügend Erbsendosen den Luftraum im Viertel durchflogen hatten, war die Testreihe beendet. Jetzt galt es den Ernstfall anzugehen. Nichteinmal „Sprenglöcher“ mußten sie bohren – die waren schon in die Kalksandsteine eingebaut. Von der Ziegelei mitgeliefert sozusagen. Eine Sauarbeit war das Ganze aber doch. Sieben Feudel mußten sorgsam „aufgeribbelt“ werden, bevor genug Lunte zur Verfügung stand. Dirk hatte mal wieder das Schicksal ereilt. Seine Mutter hatte ihn beim zweiten Feudel zerlegen erwischt, und ihm den nassen Lappen gehörig um die Ohren gehauen. Feudel zerstören – das war ja schlimmer als Sabotage beim Kommiss. Die anschließende Woche Stubenarrest hat ihn denn um die Früchte seiner Agententätigkeit gebracht – er konnte die große Sprengaktion, mit der seine Kumpels den Bunker von seinen Fesseln befreiten, nicht miterleben. Ein zweites Mal haben ihre Gegner nicht versucht, den Stammsitz zuzumauern.

Das Zielgebiet eines versteckten Kampfeinsatzes war wieder einmal – wie eigentlich häufig – das Gelände des Reitvereins. Klassenkampf pur war wohl der tiefere Grund für diese ständigen Feldzüge. Was hatten diese hochnäsigen, eingebildeten und doofen Bessereleute-kinder auch in ihrem Viertel zu suchen. Die sollten mit ihren Ackergäulen doch im Villenviertel rumklabastern. Da, wo ihre Erzeuger auch ihre schicken Benzinkutschen im Stall stehen hatten. Die hatten sich in der rechtlosen Zeit mit ihren Mähren einfach auf angeblich verlassenem Gelände häuslich niedergelassen. Von wegen verlassenes Gelände – wertvolle Jagdgründe waren dem Stamm damit einfach geraubt worden. Die müden Alten des Stammes hatten der Landnahme der Fremden widerstandslos zugeschaut – und das schmerzte die jungen Krieger.

So etwas schrie in den Kriegerköpfen doch förmlich nach Rache. Man musste sich mit seiner Truppe ja leider notgedrungen bescheiden. Zum großen Krieg reichten die Kräfte nicht – aber die Eindringlinge unaufhörlich mit kleinen Stichen piesacken – das konnte man schon. Und immer war der Knirps mit dem Dreirad irgendwie vorneweg. Auch wenn er schon lange kein Dreirad mehr fuhr.

Die Reitanlage bewachte ein schrecklicher Mensch, dessen Halbglatze und Hakennase in makellos gewichsten Stiefeln steckten. Zwischen Geierkopf und Stiefeln fuchtelte er unaufhörlich mit einer Peitsche in der Luft herum. So ausstaffiert ging er auch wohl schlafen, denn keiner hatte ihn je anders gesehen. Na ja, den jungen Kriegern fehlte ja auch die Gelegenheit, ihn beim Zubettgehen zu beobachten. Beobachten konnten sie allerdings seine täglichen Gänge zum Häuschen mit Herz. Häuschen mit Herz klingt lieblich – höre ich jemand sagen. Nicht so lieblich klangen die Töne, die durch die dünnen Bretterwände nach draußen schwebten, wenn der gestiefelte Kater – so nannten ihn die Burschen unter sich – seine Notdurft verrichtete, wenn sein blanker Achtersteven das Loch in dem Brett über der Grube ausfüllte. Es klang oftmals so, als wäre ein hungriger Wolf hinter einer schnatternden Gans her. Er litt nämlich unter „Verstopfung“, der Gute. Seitdem ein Granatsplitter im letzten Kriegsjahr ihn liebevoll am Hintern gestreichelt hatte, konnte er die unverdaulichen Reste seiner Nahrung nur sehr schwer wieder loswerden. Onkel Hannes hatte es in seiner sonntäglichen Skatrunde mal auf den Punkt gebracht: „Diederk – dien Mors hett in Frankriek een Schokk kräägen. Du muttst hüm moal düchdich verfäär’n – dat helpt meesttieds.“ (Diederk, dein Hintern hat in Frankreich einen Schock bekommen – Du mußt ihn mal tüchtig erschrecken, das hilft zumeist.)

Der Knirps auf dem Dreirad nahm diese Feststellung seines Onkels mit nach draußen – in den Kriegsrat der mutigen Krieger.

Beim nächsten Palaver fanden sie „die“ Lösung, um dem geplagten gestiefelten Kater in seiner „Not“ zu helfen.

Am folgenden Tag – einem Sonntag – wartete ein kleiner Stoßtrupp darauf, daß der vom Schock „Gepeinigte“ das stille Örtchen am Rande des Hofes aufsuchte. Kaum daß er darin verschwunden war, schlichen die Burschen zur Rückseite – zum Deckel der Lokusgrube. Eine Bierflasche mit Schnappverschluß, mit einem Bröckchen Karbid und ein wenig Wasser präpariert, und hinein in die Jauche – und alle Mann mit Karacho in Deckung. Sie schafften es noch gerade, das letzte Hosenbein zu verstecken, als es auch schon rummste. Der Donner hatte es sich noch nicht mal im Hof bequem machen können, da flitzte der gestiefelte Kater auch schon mit heruntergelassenen Hosen, und von unten bis oben mit dem Inhalt der Grube bekleckert, durch das Gelände.

Und der Knirps auf dem Dreirad konnte sich eine neue Feder in seinen Häuptlingsschmuck stecken.

Das nächste Stückchen Strasse auf dem Weg in das Erwachsen-werden bescherte keinem der Krieger eine Siegesfeder – was die Truppe sich auf diesem Marsch einhandelte, war wohl eher als das Gegenteil von Kampfesehren anzusehen.

An der inneren Deichseite gab es doch tatsächlich eine große, freie, grüne Fläche. Keine Trümmer, keine verlassenen Flakstände, keine heimtückischen Einmannerdbunker waren auszumachen – nur fette Gräser und verschwenderisch blühende Pferdeblumen – auch Löwenzahn oder Pusteblume genannt, tummelten sich auf der Weide. Der Krieg war wohl zu kurz gewesen, sonst hätten die Kriegsherren dieses Fleckchen Erde auch ganz bestimmt noch mit „kriegswichtigen“ Bauten bestückt. Es schien dazuliegen, wie ein vergessenes Land – oder wie eine Paradewiese mit einem Denkmal in der Mitte. Ja, genau – ein Denkmal. Das sagte nämlich einer von der Truppe in die schläfrig am Deich vor sich hindösende Runde. „Denk mal einer sich was aus, womit wir die „Kuh“ da vorne ’n büschen ärgern können.“

Es war nämlich so etwas wie „saure Gurkenzeit“ im Grodenviertel. Die Schule machte Sommerpause, und das schon seit einigen Wochen. Seit einer Woche schon waren sie nicht mehr auf dem „Kriegspfad“ gewesen. Da rosteten ja die Gelenke langsam ein. Das heißt, in den vergangenen Tagen hatte kein Erwachsener im Viertel einen Grund gesehen, über die „Gören“ Klage zu führen.

Die ‚Kuh’ da vorne war die einzige Erhebung in dem weiten Rund. Wenn jeder im Kreise gewusst hätte, was für eine ‚Kuh’ sie sich anschickten zu ärgern – auweia.

„Guckt mal, was die Kuh für ein komisches Euter hat“ – Benno war ganz verwirrt, und voller Zweifel. Die Kühe bei seinem Patenonkel auf dem Hof sahen zwar ringsrum genauso aus – die hatten aber ganz andere Euter – viel größere, und mit langen Fingern dran, aus denen Milch spritzte, wenn Tante Ella an ihnen zog. Bei dieser ‚Kuh’ hing das Euter zwischen den kräftigen Hinterbeinen. „Lütter ist es auch – und Finger zum melken sind auch nicht zu sehen“ – meinte Benno noch zaghaft.

Das wußte Dirk zu erklären. Dirk hatte zu Hause ein Dreimädelhaus – seine drei Schwestern bestimmten seinen häuslichen Lebensrhythmus.

„Weißte dat denn nich? Beie Kühe is dat wie beie Mädchens – die einen haben große Titis, die anneren kleine – bei welche sindse hoch, und bei mansche hängen se tiefer. Weiß ich von meine Schwestern. Laß uns doch mal gucken, wie die Kuh da durche Gegend wackelt, wenn wir ihr einen an ihr Euter verpuln.“

Und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die langen,, schlanken Zweige, der über die Nachkriegsjahre wild und hoch gewucherten roten Haselnußsträucher am nahen Wallgraben, drängten sich den Burschen förmlich auf. Eine Haselnußrute als ellenlanger Peitschenstiel – das war die Lösung. Damit konnte man der Kuh ein wenig das Euter kitzeln. Gedacht, getan. Der kleine Knirps mit dem Dreirad, der seinen Hintern schon lange nicht mehr auf einem Dreirad durch das Grodenviertel bewegte – konnte geschickt mit dem Schnitzmesser hantieren. Das Handwerk hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm beigebracht, als er mal wieder eine neue Pfeife brauchte. Es war eine Marotte von Onkel Hannes, seinen selbst angebauten Knaster nur in kleinen, selbst geschnitzten Pfeifen zu schmöken.

Einen langen, biegsamen Trieb zu einer Schleuder, mit einer Schlinge am Ende, zurechtzubiegen war eine Sache von Minuten – das ranpirschen an die ‚Kuh’ dauerte schon etwas länger. Die Gute sollte ja nicht verscheucht werden, bevor man einen ‚Treffer’ gelandet hatte.

Der Stoßtrupp war endlich ganz dicht dran – die ‚Kuh’ hatte sich nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Der Richtschütze betätigt den Auslöser, und im gleichen Moment schreit Benno, der auf dem Bauch hinter der Kuh liegt. „Mönsch – die Kuh ischa ’n Ochse!“

Die Erkenntnis kam ihm leider zu spät. Das Werk war schon vollbracht, und der ‚Ochse’, der auch noch ein Bulle war, hatte schon auf der Hinterhand gedreht, und sauste los.

Wer noch, wie von der Tarantel gestochen, lossauste, war das Häuflein Krieger. Die Flucht ging quer durch die Geographie – die Zäune, die sie mühsam überspringen mußten, nahm der wütende Bulle einfach mit. Und dann kam die Rettung – bis zum Hals standen sie in einer grünbraunen stinkenden Masse. Der breite, tiefe Gubbelschlot, um den sie sonst immer einen respektvollen Bogen schlugen, erschien ihnen plötzlich wie das Himmelreich. Auf der anderen, der sicheren Seite, wieder auf irdischen Boden zurück, schauten sie aber wahrlich nicht wie Engel aus. Es war eher ein stummes, geschlagenes Heer nach verlorener Schlacht. So ähnlich wohl wie die Franzosen unter Napoleon dunnemals vor Moskau.

Fahrbare Untersätze standen bei dem kleinen Knirps von der Stunde der ersten Gehversuche an als Leitstern über seinem Weg. Noch keine fünf Jahre auf dem Buckel, war er schon immer erster ‚Mann’ an der Spritze, wenn Papa etwas am Automobil – wie Autos damals noch genannt wurden – zu reparieren hatte. Die schmerzhaften Erfahrun-gen, die er dabei häufig machte, haben ihn nie davon abgehalten, dabeizubleiben. So zum Beispiel Wintertags in seinen kleinen Händen festgefrorene Schraubenschlüssel, die gnadenlos ein Stück Haut mitnahmen, wenn Papa ihn davon befreite. Oder die nicht gerade zimperlich von der Mutter durchgeführten Reinigungsprozeduren – nach seiner Beteiligung am Ölwechsel oder Schmiernippel fetten.

Eines Tages kam auch sein Verhältnis zu den fahrbaren Untersätzen in die Pubertät. Es musste plötzlich etwas ‚handfesteres’ als Dreirad und Fahrrad her. Zum persönlichen Gebrauch, versteht sich.

Der liebe Gott, oder sonst irgendwer, sorgte dafür, daß eine NSU-Quickly seinen Weg kreuzte, und sich in der heimischen Garage häuslich niederließ.

Wie schon gesagt: es war ein Geschenk des Himmels, an dem es viel zu werkeln gab. Es bot sich ihm die Gelegenheit, all das auszuprobieren, was er bis dahin gelernt hatte – und das war wahrlich nicht wenig.

Er schraubte hier – er feilte da ein wenig – er polierte dort – und mit jedem Tun wurde die silbergrüne Quickly ein wenig leichter und einen Tick schneller. Es war, als wenn dem Mopedbackfisch aus Neckarsulm Flügel wuchsen. Kleine stummelige Ansätze zwar erst – aber immerhin. Nach jeder Probefahrt fand einer der jungen Krieger, denen jetzt schon der Schein eines Bartes wuchs, noch einen Kniff zur Verbesserung. Jede durchgeführte Änderung wurde natürlich auf Herz und Nieren getestet. Der Heppenser Groden mit seinen weiten Flächen bot sich ja förmlich als Teststrecke an, zumal Bauer L. das hohe Gras schon fein säuberlich gemäht und in großen Reutern zusammen-gekarrt, zum trocknen aufgestellt hatte.

Mit dem Titel ‚überwältigend’ wagte aber keiner die Verbesserungs-ergebnisse zu benennen. Es war eher so ein Klein-klein. Onkel Hannes, der alte Seebär, der das werkeln seiner ‚Schützlinge’ – wie er die Burschen schon mal bei sich bezeichnete, aufmerksam verfolgte, brachte mit einem ‚genialen’ Dreh Bewegung in die ziemlich festgefahrene Quicklygeschichte.

„Das Ding muß richtig gepfeffert und gesalzen werden – was ihm oben in den Tank reingeschüttet wird, muß ihm am Hintern brennen wie bei euch der Achtersteven, wenn eure Currywurst mit zuviel Tabasco gewürzt ist. Füttert sie man mal mit Methylalkohol – dat helpt.“

Damit hatte Onkel Hannes die Krieger mit einem Hupps mitten in ein böhmisches Dorf gesetzt. Methylalkohol – wat is dat denn? Hörte man sich in der Runde wiederholen. Nur der Knirps mit dem Dreirad wußte um dieses Zaubermittel. Er hatte ja aufgepasst, wenn Onkel Hannes und Papa schwärmerisch von ihrem Zaubertrank, ihrem Feuerwasser, ihrer Freude der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählten.

Apothekenalkohol war nämlich die Grundlage ihrer Höhenflüge in den trüben Tagen gewesen – allerdings ohne Methylzusatz.

Also, was blieb zu tun? Den Hut rumgehen lassen, und Pinunsen sammeln, das war nur eine Sache von Minuten. In die nächste Apotheke rein, und dieses ‚Wundermittel’ kaufen, das dauerte auch nicht länger. Gleich darauf kam auf dem abgemähten Grasland von Bauer L. der große Augenblick. Der Knirps mit dem Dreirad – inzwischen war er zum Häuptling aufgestiegen – hätte liebend gerne die ‚Premierenfahrt’ persönlich gemacht – weil es aber jedem der Krieger danach dürstete, ließ man den großen Manitou entscheiden.

Das Los fiel auf Johannes – der aufmerksame Leser kann sich erinnern: Johannes, das Schlusslicht der jungen Jahre.

Herrgott – was war der glücklich in seiner Haut.

Wie ein blitzender Engel stand die Quickly am Rande der Stoppelwüste. Aufgetankt – aufgesessen – Motor angeschmissen – und Start! Generalstabsmäßig lief alles ab. Man sah förmlich die Erfahrung in Kriegsdingen durch die Sommerluft laufen.

Furios zog die kleine Mopeddame los. Die kaum wahrnehmbaren Stummelflügel, zu der die Künste der Burschen ihr schon verholfen hatten, wurden plötzlich zu ausgewachsenen Engelsschwingen – das Gefährt flog buchstäblich über die Steppe. Johannes vermochte nicht mehr zu lenken, er konnte nicht mehr bremsen – er durfte nur noch mitfliegen. Da dem Quicklyengel vor lauter Flugfreude schier die Augen tränten, sah er nicht den großen Heureuter von Bauer L. in der Flugbahn stehen. Mitten hindurch ging die Passage- und endete etliche Luftmeter weiter mit einer blamablen Bruchlandung in dem großen Misthaufen, den Bauer L. schon zur Düngung seiner Felder von den Höfen der Umgebung zusammengekarrt hatte.

Es war wohl immer noch Johannes sein Schicksal, als letzter zu enden.

©ee

Bild von Soledadsnp auf Pixabay

Hejme – Zuhause

Hejme – Zuhause

Hejme
varma

kaj odoranta
kiel freŝa tero –
la hejmlando

kiel patrino
kaj amo,
kun malfermaj brakumoj
ŝirmata

konfideco

sinki
en memorojn el la infaneco
kaj fermi la lacajn okulojn
en balancoseĝo

kaj post mi
la klakado de la kudriloj.

hejmolando.

© Chr.v.M.

Zuhause.

warm und duftend
wie frische erde
die heimat

wie mutter und liebe
mit offenen armen
geborgen, vertrautheit

einsinken
in kindheitserinnerungen
und die müden augen schließen

im schaukelstuhl
und hinter mir
das klappern von stricknadeln.

heimat.

© Chr.v.M.

Heimat

Heimat

Ich gehe einsam jetzt durch’s Moor –
es kommt mir alles traumhaft vor.
Die Luft, sie ist so samt, so weich –
die Landschaft wundersam und reich.

Braunweiß ist der Sand im Wege,
dichtbei ein Auerhahngehege.
Die Birken samtgrün steh’n im Hain,
ein Storch im Sumpf auf einem Bein.

Der Otter sonnt sich auf dem Hügel,
die Heide steht in voller Pracht,
der Fuchs, er späht nach dem Geflügel,
das er sich holen will zur Nacht.

Die Sonne blinkt in braunen Wolken,
der Wind huscht hurtig drüber hin.
Schnell legt das Wasser sich in Falten –
Ostfriesland – ganz in Gottes Sinn.

© ee

Bild von Wolfgang Zimmel auf Pixabay

nieselsanft.

i n stummer weite – blass gedreht
ein regenbogen
vom wind verdreht
das bunt,wolkenverschoben.

im gold der bäume – augusttage
regendurchweicht, sonnenbelebt
die birnensüße webt uns träume
und stille sucht sich neue räume.

in lauter nähe – grell erstarrt – der herbst
er naht mit großem schritt
und durch die wege hier in zerbst
reißt mich sein lachen mit.

© Chr.v.M.