Nelemale und Solamele .

Nelemale und Solamele . . .

N elemale war gerade erst eine Stunde alt – aber sie konnte schon fliegen – eine reine Pracht war das – kann ich euch sagen.  Vorwärts und rückwärts – hochkant und breit – rundherum und steil nach oben.  Sie konnte gar nicht stillsitzen – sie mußte erst alles ausprobieren.

Ach so – ihr wißt ja noch nicht, wer Nelemale überhaupt ist.

Nelemale – Nelemale ist eine kleine schwarze Stubenfliege – ihre Augen die blinkerten wie Sterne, und ihre Flügel – ihre Flügel, die schimmerten wie Weihnachtsglas.

Ihre feinen Beinchen konnte sie nach allen Seiten drehen – sie konnte sich damit am Köpfchen kratzen und im selben Moment die Propeller putzen. Das war so herrlich – sie konnte es selber noch nicht begreifen. Bloß später – wenn sie Schuhe haben mußte – da würde es wohl ein wenig schwierig werden.  Sie brauchte nämlich sechs Schuhe auf einmal – aber bis dahin dauerte es noch.  Jetzt mußte sie sich erstmal in der Welt zurecht finden.

Ihre Welt – das war die Küche.  Mit dem großen Torfofen – und mit den Speck – und Schinkenseiten, mit den Mettwürsten in Kringeln und in langen,  Wurstdärmen – die an den dicken Deckenbalken zum trocknen hingen.  Für eine kleine Stubenfliege, wie Nelemale eine war, war es das Schlaraffenland.  In der großen, dunklen Speisekammer standen Töpfe mit süßem Rahm, mit Schmalz und Grieben und mit gelber Butter.  Sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie sich zuerst hinsetzen sollte. 

All diese Köstlichkeiten dufteten verführerisch – und sie schmeckten noch viel besser.  Hier ein bißchen probieren – da ein bißchen naschen – und zuletzt noch ein wenig am Honig schleckern.  Die Flügel wurden ihr vom hin-  und herfliegen lahm – und die Beine schwer. Es war Zeit, ein wenig zu schlafen.  Hinter der Küchentür stand ein brauner Weidenkorb – innen mit roten Tüchern gepolstert – richtig heimelig sah es darin aus.  Da drin wollte sie eine gemütliche Mittagsstunde halten.  Mit flottem Schwung flog sie in den Korb.  Zwischen den Gerätschaften, die so im Korb herum lagen, richtete sie sich häuslich ein.  Hier noch einen Strich über die Flügel bürsten – da noch das ein oder andere Bein ausschütteln – und dann schlief  Nelemale zwischen Kaffee-flasche, Brotdose, Kautabakstange, Tabaksbeutel und Pfeife ein.  Wenn sie auch nur einen Flügelschlag Ahnung gehabt hätte, was das für ein Korb war – sie wäre da ja nie nicht reingeflogen.  Woher sollte sie es wissen? Sie war doch man gerade erst ein paar Stunden alt.  Kaum das sie eingeschlummert ist, schlägt jemand den Deckel zu – ihr bleibt fast das Herz stehenAuf einen Schlag ist es um sie herum balkendüster.  Na, ja – so kann sie wenigstens in Ruhe schlafen.

Nelemale – wenn du wüsstest, was dich erwartet.  Sie war in Harms Vesperkorb gelandet – und war jetzt auf dem Weg ins Moor.  Harm wollte Torf graben.  Nachmittags zur Kaffeezeit bekam sie erst wieder den Himmel zu sehen.  Der Korbdeckel war noch gar nicht ganz offen, da war sie auch schon draußen.  Doch was war das?  Dies war ja eine ganz andere Welt!

Ein Summen und Pfeifen und Brummen schwirrte durch die warme Sommerluft – und all die Farben.  Blau und braun und weiß und rot – sie konnte ihre sechskantigen Augen nicht so schnell bewegen, wie die neuen Eindrücke auf sie zukamen.  Große gelbe Schmetterlinge und schwarz-gelb gestreifte Hummeln saßen auf bunten Blumen.  Wenn sie wegflogen, waren sie fast betrunken vom Nektar – so schaukelten sie durch die Luft.  Die wollenen Köpfe vom Löwenzahn und weißes Wollgras flogen mit ihr um die Wette – sie wollten sicher wissen, wer schneller durch die Luft sauste.  In einer Zeit von nichts hatte Nelemale die Küchenwelt vergessen – so leicht ist das.  Hier draussen gab es keine Mauern und Wände – an denen man sich den Kopf stoßen konnte – hier draußen war die unendliche Weite.  Alles um sie herum leuchtete und trillerte und lockte – Nelemale schaffte es bald nicht, sich alles anzusehen.  Fffjjjjiiiieeet – was war das?  Eine Schwalbe war auf Flügellänge an ihr vorbei gesegelt – jungedi – das war ja noch mal gut ausgegangen.  In ihrer Küchenwelt hatte es diese Gefahr nicht gegeben – da mußte man sich als Stubenfliege bloß vor den Honigschleifen – die unter der Decke hingen – in acht nehmen.  Nelemale sah das aber ganz gelassen – beim Teufel brennt das Feuer – und im Himmel gab es eben Schwalben.  Über das aufregende Treiben rings um sie her hat sie noch mit keinem Seufzer an Essen gedacht – plötzlich macht ihr Bauch einen so lauten Hüpfer, daß die Mücke – die neben ihr auf dem Heidekraut sitzt – rückwärts auf die Erde fällt.  Wo ist die Speisekarte – die Speisekarte muß sie unbedingt abfliegen.  Die Tische, über die sie wegfliegt, sind mit den besten Leckereien gedeckt.  Oft sind sie so vollgepackt, daß die Schlemmereien schon über den Rand laufen.  Hoch in die Luft steigt Nelemale – von oben – mit der Sonne im Rücken – kann  sie alles viel besser sehen.

Da vorne – zwischen den Erikabüschen – auf dem kleinen Hügel – als wenn da eine Krone steht.  Rot und grün und honigfarben leuchtet es in die Sonne.  Da muß sie hin – das kann ja nur etwas besonderes sein.  Ohne viel Kringelei steuert Nelemale im Sturzflug darauf  los .  Lange vor den letzten Flügelschlägen steigt ihr schon verlockender Duft in die Nase – da läuft so einer kleinen Stubenfliege ja das Wasser im Munde zusammen.  Kaddaradabumm – was war das?  Benommen guckt sie um sich zu – auf einem großen Torfbrocken liegt sie – auf dem Rücken. Sie muß mit irgend jemand zusammengerasselt sein – auf ihrem Flug in den Speisesaal.  Da wo sie landen wollte, steht ein kleines Mädchen – so zart und fein – man kann glatt durch und durchgucken.  Grüß dich – Nelemale.  Wie Engelsgesang klingt die Stimme, die sie hört.  Ich bin Solamele – die Moorfee – ich muß hier im Moor aufpassen, damit auch alles seinen rechten Gang geht.  Ja man – aber warum hast du mich denn auf dem süßen, gelben Grund nicht essen lassen?  Mein Magen knurrt wie ein alter Hofhund – er hängt mir schon in allen sechs Kniekehlen.  Nelemale war richtig ‘n bißchen wütend auf  ihre neue Bekanntschaft.  Wenn ich dich nicht aufgehalten hätte – du hättest nie mehr essen können – die kleine Moorfee schlug mit ihren seidenen Flügeln einen anmutigen Bogen.  Paß gut auf – gleich kommt der alte Knister-Knaster.  Seine Lebenskerze ist abgelaufen – den kann ich nicht aufhalten – dann siehst du, was passiert.  Solamele hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, hörte Nelemale ein Brummen.  Eine dicke, blauschimmernde Pferdefliege kam angetrommelt – flog drei, vier Bogen über der Krone – und setzte zur Landung an.  Der Dicke hatte sich auch wohl sein Abendbrot ausgewählt.  Ein paar mal hopste er über den gelben Grund – und dann standen seine Flügel still.

Bis er sein Kleckerlatz umgebunden , und Messer und Gabel zurecht gelegt hatte – das dauerte ein Weilchen.  Endlich saß er bequem und wollte so richtig loslegen – als es klapp machte – und die Krone sich geschlossen hatte.  Nelemale rutschte vor Schreck das Herz in die Hose – ganz blaß war sie geworden.

Jetzt weißt du – sagte Solamele, die Moorfee – wie es in der Natur zu geht.  Wenn ich meine Augen nicht überall hätte, würde unser Sonnentau alle Tiere auffressen, die ihn besuchen wollten.  Nelemale mußte erstmal kräftig schlucken – der Hunger war ihr rein vergangen – das tat sie sich aber dick hinter die Ohren schreiben.  Als sie sich nach einer Weile umdrehte,  um Solamele zu danken, war die kleine Moorfee schon lange anderswo – um Ordnung zu halten – im Leben hier im Moor.© ee

Das Kreuz mit dem Kreuz

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„Heisser Wüstensand ….“

Das Kreuz mit dem Kreuz

 

Heinz hatte bannig Glück in seinem Leben mit dem Glück Leben. Von seinem ersten Schrei bis laufen und komodig reden können war die Welt um ihn herum noch reichlich schräg und dunkel.

Die Inflation war man gerade über das Land hinweg gezogen. Die ‚Roten und die ‚Braunen’ knüppelten wie verrückt in den Strassen der Weimarer Republik aufeinander ein. Die Reichsregierungen unter Kanzlern wie Brüning und Co – ganz weit weg in Berlin – wedelten hilflos mit ‚Notverordnungen’ und anderen Aktionsgesetzen in der Luft herum.

Es schien oftmals so, als wenn ein Bauer durch das schwenken mit seiner schmutzigen Unterhose sein durchgegangenes Pferdegespann aufhalten wolle.

Der Himmel sah wohl wo das Spiel enden würde, und hat 1933 seine Hände dazwischen gehalten. Viele empfanden jedenfalls so und glaubten, der Herrgott hätte ihnen als auserwählte Rasse das Heil beschert.

Heil Hitler“ wurde deshalb auch zum obligatorischen Volkesgruß.

Plötzlich war in der Gesellschaft eine Richtung zu erkennen. Den Menschen wurde gesagt, dass sie wieder geradeaus laufen könnten.

 Was war das ein Glück – nicht bloß für Hein. Ohne zu straucheln konnte er nun seine Kinderzeit, seine Schulzeit und seine Lehrzeit hinter sich bringen.

Aber wie es nun einmal so ist im Leben. Wenn Dir in Notzeiten jemand etwas auf den Tisch legt, um Dir damit zu helfen – der steht garantiert eines Tages wieder vor dir und will für seine Hilfe entlohnt werden.

Eine Ahnung von dem was da auf ihn zukam umkreiste sein Wissen schon beizeiten.

Die Begriffe Hitlerjugend und Jungvolk rahmten das Ganze ein. Einbeziehung zum Reichsarbeitsdienst stand dann ganz oben auf der Rechnung, von der er den ersten Teil begleichen musste, als er seine Lehre abgeschlossen hatte.

Zum ‚kriegswichtigen Arbeitseinsatz’ einberufen nannten die Gläubiger die Vollstreckung ihrer offenen Forderungen.

‚Muß i’ denn, muß i’ denn …’ oder so ähnlich schallte es über den Sander Bahnhof als der Zug sich mit Hein und vielen anderen Einberufenen keuchend und stampfend Richtung Lesum in Bewegung setzte. In der Bremer Nachbargemeinde Lesum standen nämlich schon die Schaufeln und Spaten für die jungen Leute bereit.

Zumindest der tröstliche Glaube, dass ihre davonziehenden Kinder wenigstens noch kein Schießeisen in die Hand nehmen mussten, blieb bei den Angehörigen auf dem Bahnhof zurück.

Im Zuge freute sich jeder auf Lesum. Lesum – das versprach doch Abwechslung gegenüber ihrer kleinen verschlafenen Landgemeinde. Direkt nebenan lag ja Bremen. Da konnten sie von Lesum aus doch fast hinspucken, oder vielleicht sogar mal so ein bisschen den Duft der großen weiten Welt schnuppern.

Hein und sein Freund kamen aber gar nicht dazu nach Bremen hinzuspucken – oder gar mal in die Stadt hineinzuriechen.

In die Strohsäcke ihrer Bettstellen hatten sie noch gar keine Kuhlen gelegen, da hieß es schon: ‚Auf dem Bahnhof sammeln. Marschbefehl nach Hamburg.’

‚Was sollen wir denn in Hamburg?’ lief die Frage unter die langen Reihen der Versammelten hindurch.

‚Von da aus werden wir nach Russland in Marsch gesetzt’ kam es als Antwort von irgendwem untendurch zurück.

Einige der jungen Männer waren so couragiert gegen die Verlegung an die Elbe aufzubegehren. Sie wollten nicht nach Hamburg. Das ‚nicht nach Hamburg wollen’ war aber ganz schnell nicht mehr zu hören.

Ein paar grobe Griffe oder ein paar kräftige Stöße mit dem Gewehrkolben brachten die Aufmüpfigen in Nullkommanichts zum Schweigen. Auch sie freuten sich dann plötzlich auf Hamburg.

Auf der Fahrt in die Hansemetropole hörte man in den Waggons bloß das Tack – tack der Räder auf den Schienenstößen. Niemand traute sich etwas zu sagen – man wusste ja nicht, welches Denken den Kopf des Nachbarn beherrschte.

Im Hamburger Hauptbahnhof angekommen hieß es sogleich:

‚Alle Mann aussteigen und auf dem Bahnsteig vier zu vier angetreten. Zack-zack.’

Irgendetwas drehte sich bei diesem Kommando stachelig in Heins Magen. Er verdrückte sich mit seinem Freund hinter die Masse der Kameraden, deren Augen wie gebannt auf die sie erwartenden Feldjäger gerichtet waren. Mit vorgehaltenem Gewehr flankierten die ‚Kettenhunde’ den Bahnsteig.

Die beiden Freunde sahen vor sich nur unzählige Rücken und kurzgeschorene Hinterköpfe unter den Schirmmützen nach draußen drängen.

Ohne das irgendjemand es bemerkte verkrümelten sie sich durch eine Tür auf der Gegenseite. Durch einen auf dem Parallelgleis stehenden Zug hindurch gelangten sie auf einen anderen Bahnsteig.

Nachdem die Kolonnen abmarschiert waren, und die Militärpolizei sich verzogen hatte, fragten sie sich bei Passanten zur Musterungsstelle durch.

Das spätere Ankommen auf der Dienststelle hat sie vor der Reise nach Russland bewahrt. Ihre Kameraden aus der großen Marschkolonne waren nämlich ohne viel Federlesen in Richtung Ostfront durchgewunken worden.

Die Musterung vor der Kommission mussten aber auch sie über sich ergehen lassen.

Als erstes hieß es ausziehen – alles ausziehen, auch die Unterwäsche.

Im Adamskostüm mussten sie dann durch die große Halle Spalier laufen.

Einzig ein steifer Bogen Pappe in ihren Händen begleitete ihren Lauf von Schreibtisch zu Schreibtisch. Es waren wohl zwanzig Stück an der Zahl.

Sie wurden gemessen, gewogen und von allen Seiten begutachtet.

Mit Zirkel und Dreieck, mit Zollstock und Maßband, mit Hörrohr und Spekuliereisen gingen die Weißkittel ans Werk.

Der Kopf und die Arme und Beine wurden vermessen, den Hintern leuchtete man aus und die Geschlechtsteile unterzog der Generalarzt einer besonders gründlichen Begutachtung.

Nach dem Glänzen seiner Augen zu urteilen schienen sie dem Spezialisten zu gefallen.

Der Laufzettel füllte sich mit Kreuzen, Strichen und anderen undefinierbaren Zeichen. Bis ein Mannsbild auf diese Art zu Papier gebracht worden war, das dauerte seine Zeit. Zum Schluß kam dann eine hervorragende Bewertung dabei heraus.

‚Arier erster Klasse – geeignet für den Einsatz in der Ordensburg Sonthofen’ stand auf den Bögen der beiden Freunde zu lesen.

‚Ordensburg’ was heißt das? stieß der Freund Heinz an, als sie sich wieder angezogen hatten und zur letzten Begutachtung unterwegs waren.

Heinz war ja auch nicht über alles aufgeklärt, aber davon hatte er doch schon läuten hören.

‚Man will da, glaube ich, Elitezuchtbullen aus uns machen’ klärte er seinen Freund fast unhörbar auf.

Vier Schritte lang kam von seinem Freund nichts als ungläubiges Staunen – bis er begriffen zu haben schien, was Heinz ihm da gerade gesteckt hatte.

Heftiges Kopfschütteln war die Reaktion. ‚Nee – nicht mit mir. Ich lasse mir doch keine Kühe aussuchen, die ich dann decken muß. Ich geh da nicht hin.’

Das sprach Heinz aus der Seele. Er wollte auch nicht dahinten im Baziland hochgezüchtet werden. Sein zukünftiges Liebesleben hatte er sich denn doch ein wenig anders vorgestellt.

Die beiden Freunde wechselten kein Wort miteinander, als sie den Dreh nach draußen nahmen und dem Bahnhof zustrebten.

Wenn in Hamburg nicht schon so ein gewaltiges Durcheinander geherrscht hätte, hätte man sie sicher noch zu fassen gekriegt und wegen Fahnenflucht bestraft. Da das Standrecht im Lande herrschte waren sofort vollstreckte Todesurteile wegen eines solchen Vergehens keine Seltenheit mehr.

Die beiden hatten jedoch Glück und saßen ein paar Stunden später unbeschädigt im Zug nach Bremen.

Bremen haben sie an diesem Tage aber gar nicht mehr erreicht. Über Bremen sah man nur Feuerschein und Rauch in der Luft. Der Zug musste vorher anhalten – das Bremer Stadtgebiet wurde bombardiert. Die englischen Flieger ließen ihre tödliche Fracht fallen.

Die Passagiere mussten ihren Zug auf freier Strecke verlassen.

Heinz und sein Freund sind denn auf Schusters Rappen nach langem Marsch in Lesum eingetrudelt.

Von Lesum hatten sie aber auch nicht mehr viel.

Gerade im Quartier in Lesum eingerichtet fanden sie sich über Nacht auf Fünen wieder.

Da wartete eine Blitzausbildung für den Kriegseinsatz an der Westfront auf sie und andere. Plötzlich waren sie Soldaten die nach Frankreich marschierten, um dort einen Westwall zu halten, der nur noch in der Propaganda existierte. Jetzt hatte der Kommiß sie doch noch zu fassen gekriegt.

Um die Müh- und Drangsal des einfachen Soldatenlebens zu umgehen, sicherten sie sich einen Platz im Sperrsitz. Sie traten der Waffen – SS bei. Auf diese Weise waren sie auch ohne Sonthofen und Lebensborn in die Eliteklasse aufgerückt.

Daß aber zwischen Frauen schwängern zu müssen, die sich freiwillig hergaben, und schwangere Frauen töten zu müssen, bloß weil sie angeblich nicht Arisch waren, ein kleiner Unterschied bestand, das erfuhren sie spätestens, als sie sich nach dem ersten Mal tun die Seele aus dem Leib kotzten.

Nur, da war es zu spät zur Umkehr – denn aus Gestern lässt sich nie wieder Heute machen.©ee

Ewald Eden

GEGEN DAS VERGESSEN !

Das Kalenderblatt … vom 11. September 2001

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Das Kalenderblatt …

vom 11. September 2001

10. September – 18 Uhr –

C laas hockt nun schon seit Stunden an seinem Schreibtisch – unzählige Zeitungen und Bücher sind in Stapeln auf der Tischplatte verteilt. Ich muß mir wohl bald ein größeres Möbel zulegen, schleicht als Ahnung durch sein Denken.

Die weißen Stücke wechseln von einer Hand in die andere – seine Augen wischen ungeduldig über die Buchstaben und Bilder. Sie finden nichts, an dem sie sich festhalten können. Es muß doch was geben – schießt es ihm durch den Kopf. Es gibt doch wohl keinen Tag auf der Welt, an dem es nichts zu bedenken gibt.

„Mein Junge – das Abendessen ist fertig!“ ruft Mudder aus der Küche .

„Ich komm’ gleich“ – antwortet er, ohne dass er so recht dahinter kommt.

Sein Denken sucht in dem heillosen Durcheinander von bedrucktem Papier nach Informationen, mit denen man den 11. September behängen kann. Er benötigt für seine Radiosendung morgen noch Begebenheiten für das „Kalenderblatt“ des Tages – Wissenswertes vergangener Tage.

Harrijeeses – hat er sich erschrocken – Mudder steht vor dem Schreibtisch.

„Nu komm aber erst her zu essen. Kannst doch nachher weitermachen – Vadder is auch schon drinnen. Die Bratkartoffeln werden sonst doch kalt.“

Recht hat sie. Es wäre auch wirklich zu schade. Für den anderen Hin- und Herkram bleibt ihm ja noch die ganze Nacht Zeit.

„Na mein Jung – kannst den Knoten nicht aufkriegen?“ meint Vadder, als Claas sich an den Küchentisch setzt. „Was gibt es denn so wichtiges“ kommt da denn noch hinterher.

„Das ist es ja man grade – ich kann beim besten Willen nicht so recht was finden – ich brauch was, was die Hörer vom Stuhl haut. Dieser komische elfte September will und will partout nichts hergeben. Er fährt sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, als wenn die da etwas finden könnten.

„1986 sind an diesem Tag in Polen alle politischen Gefangenen freigelassen worden“ – sagt Mudder so ganz nebenbei.

Claas und Vadder drehen beide zugleich den Kopf zu ihr hin – und sehen sie verwundert an.

„Woher weißt du DAS denn?“ kommt es als ein Wort aus zwei Mündern. Die beiden Mannsleute gucken Mudder an, als sei sie ein Weltwunder.

„Ja, meint ihr beiden denn wirklich, ich kann nur Bohnensuppe kochen – und meinen Kopf hab’ ich bloß, weil die Haarschneiderin auch irgendwo von leben muß?“

Man hört deutlich, wie den beiden Kerls der Mund zuklappt.

„Jana – die kleine Polin, die mit mir die Schule sauber macht – die hat mir das erzählt. Ihr Sohn ist damals auch freigekommen. Sein Vater ist kurz vorher noch erschossen worden – in Danzig. Auf der Leninwerft. Er war Lech Walesas rechte Hand.“

Wooooow – denkt Claas, so kenn ich Mudder ja gar nicht – und laut sagt er: Du hast dich doch sonst nich für Poli“ – weiter kommt er nicht.

Ein bisschen spitz fällt Mudder ihm ins Wort: „Nicht für Politik interessiert, meinst du wohl? Ihr beide hättet mich ja mal fragen können . aber neeee, Politik – das ist ja Mannsleutsache!“

„Höhö…“ – man sieht Vadder deutlich seine Ratlosigkeit an.

„Brauchst gar nicht höhö zu sagen“ grient Mudder über die linke Gesichtshälfte – „ich hab’ mein Kreuz bei den Wahlen auch immer da gemacht, wo ich meinte, dass es da hingehört. Und nicht da, wo ich es nach deiner Meinung machen sollte! So, nun weißt du DAS auch gleich!“

Mudder ist sichtlich ein ganzes Stück größer geworden.

„Nun esst ihr man weiter – sonst wird noch alles kalt.“

Mudder ist ganz Mudder geblieben – so, als wenn sie sich überhaupt nicht bewusst ist, dass sie in fünf Minuten die gesamte Familienweltordnung auf den Kopf gestellt hat.

Vadder sagt nichts. Er fuhrwerkt mit der Gabel in den Bratkartoffeln herum, als wenn es auf der Welt für ihn nichts wichtigeres gäbe.

Das soeben gehörte muß er erst mal verdauen. Seinem Gesicht ist aber der Stolz auf seine Frau anzusehen.

Eine Weile vernimmt man nur Gabelklappern in der Küche.

Vadder hat sogar vergessen, den Fernseher anzustellen, um die Nachrichten mitzubekommen.

„Einundsechzig hat an diesem Tag Borgward in Bremen doch pleite gemacht – wenn ich mich recht besinn …“ Kann es sein, dass Vadder verlorenes Gebiet zurückgewinnen will – in dem er diesen Satz in die Luft stellt?

Mattigkeit hängt über dem Küchentisch – so, als wenn die Worte erst mal Reaktion entwickeln müssten.

„Ach …., weißt du noch, Vadder? Sechsundfünfzig … am elften September …“

Als Mudder das sagt, macht sie ein Gesicht, wie Schmitz Katze am Sonntagmorgen.

„Hannover … Filmpalast. Die erste Aufführung von HOCHZEIT auf IMMENHOF – mit Heidi Brühl und Paul Klinger …“ – Mudder sieht aus, als hätte sie darin selbst mitgespielt.

Vadder nimmt seine Brille ab. „Was hat DAS denn mit Politik zu tun?“

Verwirrtheit schwingt in seiner Stimme mit.

„Mit Politik nichts – aber mit Liebe , du Dööspaddel. An dem Tag waren wir nämlich das erste mal zusammen im Kino!“

Mudder ist reinweg ein bisschen franterig – so kommt es Claas zumindest vor – aber da muß er Vadder insgeheim beistehen. Mit dieser weiblichen Logik kommt er auch nicht so richtig zurecht.

Vadder kratzt sich angelegentlich den Kopf. „Wenn ich mir das so ins Gedächtnis zurückrufe – Mudder – du hast recht. Aber ehrlich – von dem Film hab ich damals nicht allzu viel mitbekommen.“

Als er das auf seine plietsche Art sagt, guckt Mudder zumal ganz anders aus.

„Das spür ich heute noch.“ Weiter sagt sie nichts.

Claas fühlt sich plötzlich irgendwie fehl am Platz, und meint, dass er einen Dreh kriegen muß. Indem er aufsteht, sagt er laut: „Denn will ich man wieder in meine Bücher reinkriechen – einen Teil hab ich ja schon zu wissen bekommen.“

Er lässt seine Eltern allein – vielleicht kommt den beiden heute ja noch mehr Vergangenheit entgegen.

Er macht noch zwei Schritte in den Garten – ein paar Atemzüge Frischluft tanken – und dann verzieht er sich wieder in seine Arbeitsstube. Am Schreibtisch hat auch noch niemand weitergemacht. Na ja – wer sollte auch.

Das verflixte Kalenderblatt für den 11. September.

Friedrich Schillers Jungfrau fällt ihm ein. Und dass die Tragödie am elften September vor zweihundert Jahren das erste mal aufgeführt worden ist – aber das will morgen garantiert auch keiner wissen.

Schiet drauf – er legt sein Manuskript für die Sendung morgen erst mal an die Seite – vielleicht hat er in der Nacht ja noch eine geistige Eingebung.

Ein paar Stunden später – eine Reihe von Gedichten und Geschichten hat Claas in der Zwischenzeit aufgearbeitet – muß er eine kleine Pause machen.

Das Manuskript mit dem halbfertigen Kalenderblatt grinst ihn an. Wart’ man, du kommst auch noch dran – sagt er in Gedanken zu dem Stückchen Papier.

Jetzt erst mal ’ne Zigarette schmöken – und ein paar Minuten die Flimmerkiste anmachen – mal eben sehen, was in der Welt so in den letzten Stunden geschehen ist.

Er tickert auf der Fernbedienung ziellos hin und her – aaahhh – N3 – das dritte Programm für Norddeutschland – das lässt er laufen – das passt in seine Stimmung.

Mit halbem Auge und Ohr verfolgt er das Geschehen, das über den Schirm flimmert – der andere Teil seiner Sinne drüselt ein wenig vor sich hin – sein Tag war ja auch lang genug.

Plötzlich ist er wach wie ein Hafenlicht – CIA – Geheimakten geöffnet – Dokumentarfilm – Chile – General Schreiber – Allende – Putsch!

Tausend Kerzen leuchten in seinem Kopf.

Die Schläfrigkeit ist verflogen – DAS ist sein Kalenderblatt!

1971 – Putsch in Chile – 11. September!

Der US amerikanische Geheimdienst hat seine Archive öffentlich gemacht.

Was er in den nächsten Minuten an Informationen erfährt, sorgt dafür, dass er in den nächsten Stunden von Magenschmerzen geplagt wird. Für das „um die Ecke bringen“ von General Ernesto Schreiber – dem Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte – und der Ermordung von Chiles freigewähltem Präsidenten Salvador Allende – ist die US amerikanische Regierung verantwortlich.

Nein, nein – nicht der Eisverkäufer in Florida und auch nicht der Viehzüchter in Texas, nicht der schwarze Schuhputzer in Manhattan und nicht der Fährmann auf dem Mississippi – nein – der damalige Präsident Richard Nixon und sein engster Vertrauter Henry Kissinger waren die Drahtzieher und Auftraggeber!

Die beiden hatten sich die ganze Sache ausgedacht, weil sie meinten, ein Volk, welches sich freiwillig einen Kommunisten zum Präsidenten wählt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein.

Und bevor nun diese Krankheit noch mehr Menschen in Südamerika anstecken würde, müssten die Menschen – die von dieser „Seuche“ befallen – schnell und rigoros beseitigt werden.

Das Tun anzuschieben war dem menschenfreundlichem Henry Kissinger 50 tausend Dollar in Bargeld, und eine Lebensversicherung für den Täter über 250 tausend Dollar wert.

So hoch war die Entlohnung des Offiziers, der General Schreiber morgens beim verlassen seines Hauses erschossen hat.

Um Salvadore Allende brauchten sich die feinen Herren in Washington dann keine Gedanken mehr zu machen.

Das der ins Jenseits befördert wurde, dafür sorgte dann der auf den ersten Platz nachgerückte zweite General im chilenischen Militär selbst.

Das modernsten technischen Gerätschaften hat Henry Kissinger dem chilenischen Militär zukommen lassen. Getarnt als Diplomatengepäck nahm es den Weg nach Süden – Schiffsladungsweise. Auf der Strasse nach Süden …

Ironie, denkt Claas, als ihm dieses Lied einfällt.

Ein Oberst der US – Armee – 1971 Militärattache in der us-amerikanischen Botschaft in Santiago, und damit Kissingers verlängerter Arm – hat jetzt, dreißig Jahre später knapp und präzise kundgetan, dass die US-Regierung nichts dazugelernt hat.

Auf die Frage, ob ihm aus heutiger Sicht die Folterungen und die Morde an hunderttausende von Chilenen nicht leid täten – oder er seine Mittäterschaft zumindest bedauern würde, antwortete der leutselige alte Herr mit einem freundlichen Lächeln um die Augen: „Das Geschehen in Chile ist nur ein Großreinemachen gewesen. Die Schuld der Chilenen war es sowieso – warum wählten sie sich einen Kommunisten zum Präsidenten.“

Henry Kissinger, den die Reporter versuchten zu befragen, hat abgeblockt und sich weggedreht.

Vielleicht wollte er auch bloß nicht noch mal lügen – so, wie er es vor dem amerikanischen Kongress tat, als er beschwor, mit den Geschehnissen im fernen Chile nicht das geringste zu tun zu haben. Er schwor es mit der selben Hand, mit der er Tags zuvor die Zahlanweisungen für den Mörder unterzeichnete – und mit der er vierundzwanzig Stunden später den Befehl zur Ermordung General Schreibers unterzeichnete. Daran lässt sich überdeutlich erkennen, was ein Wort von Politikern generell wert ist.

Der Filmbericht ist schon eine Stunde Geschichte, als Claas sich aufrichtet und seinen Körper reckt. Das, was er vor einer Stunde gehört und gesehen hat, liegt jetzt fein säuberlich geschrieben vor ihm. Nun ist das verflixte Kalenderblatt auch zufrieden – lauert ihn gar nicht mehr so hinterhältig von unten herauf an.

Harrijesses – die Uhr zeigt gleich fünf. Claas lässt auf seinem Schreibtisch alles einfach so liegen, und kriecht in die Falle. Eine klitzekleine Mütze voll Schlaf braucht er denn doch noch – von wegen des klaren Kopfes morgen.

11. September 7. 28 Uhr

„Claas … Claas, du musst aufstehen … du hast doch um neun einen Termin. Es ist gleich halb acht.“

Mudder hat ihm eine leckere Tasse Tee ans Bett gebracht, und zieht die Vorhänge zur Seite, um das Morgenlicht hereinzulassen.

So richtig will das gehörte noch gar nicht durch die Ohren in seinen Kopf kriechen – er ist doch eben erst eingeschlafen.

„Komm – nun trink man erst einen Schluck Tee, damit du zu Verstand kommst – und wenn du soweit bist, dann hab ich auch das Frühstück fertig.“

Auf ihrem Gesicht liegt ein Strahlen, als wenn sie noch mit Vadder in Hannover im Filmpalast sitzt.

„Bei dir hat aber noch lange das Licht gebrannt. Hast du dein Kalenderblatt denn fertig? Sonst – ich hab heut morgen schon etwas in der Zeitung für dich gefunden.“

Ihre gesprochenen Sätze sausen so an seinen Ohren vorbei – er muß sein Denken erst mit einem Schwall kalten Wassers auf festen Grund stellen.

„Vor fünfundzwanzig Jahren – am 11. September – haben jugoslawische Nationalisten ein amerikanisches Flugzeug in ihre Gewalt gebracht. Der Flieger wollte bloß von Neuyork nach Chikago …stell dir mal vor, du willst nur eben von Hamburg nach München fliegen … und plötzlich sagt unterwegs ein Verrückter, das ist nun mein Flieger – und ihr, die ihr an Bord seid, seid alle meine Geiseln!“

Bei den letzten Worten dreht Mudder sich vom Fenster weg, zu ihm hin – „… du hörst mir ja gar nicht zu…“ Enttäuschung ist aus ihrer Stimme herauszuhören – Enttäuschung darüber, dass er noch nicht am Rechner sitzt, und ihre Neuigkeiten reintickert.

„Mudder … tu mir einen Gefallen … laß mir noch ein paar Minuten Ruhe …“ – ziemlich lahm klingt seine Stimme bei diesen Worten.

„Ich wollte dir doch bloß …“ – mehr kriegt Mudder nicht heraus.

„Ist ja schon gut, Moderke – ich weiß das wohl. Aber ich hab die Nacht noch soviel auf mein Kalenderblatt bekommen – ich muß sich das erst mal alles setzen lassen.“

Das sagen und aus dem Bett springen ist eines – er nimmt seine Mudder in den Arm … und drückt ihr einen Kuß auf die Augen. Er weiß, sie meint es immer nur gut mit ihm – und mit der Ruhe ist es nun eh vorbei.

„Na – denn will ich man …“ sagt sie leise – streicht verstohlen mit der Hand über ihre Augen, und zieht die Kammertür unhörbar ins Schloß. Claas hat gespürt, dass sie sich keinen Reim darauf machen kann. Wie sollte sie auch. Sie kann ja nicht wissen, dass ihm das Kalenderblatt wie Stacheldraht im Magen liegt.

Eine Viertelstunde später sitzt er in der Küche. Vor ihm auf dem Küchentisch steht ein weichgekochtes Ei, Mudders selbstgemachte Marmelade und frischer handgebackener süßer Stuuten ( gesüßtes Weißbrot ) – daneben liegt die Zeitung – was kann es eigentlich morgens schöneres geben?

Der Stuten ist noch warm. Gestern zur Abendbrotzeit war noch Mehl in der Tüte. Das ganze Haus riecht noch heimelig nach Backofen.

„Mir war gestern am Abend so zumute – ich musste meinen beiden Mannsleuten einfach noch was Gutes tun“ – bei diesen Worten schiebt sie ihm noch ein gehöriges Stück Stuten auf sein Brotbrett.

Gestern morgen hätte er das Stück noch ohne zu zögern verzimmert – allein schon um Mudder zu zeigen, wie gut ihm ihre Fürsorge tut. Heute morgen kann er das nicht – die Bilder der vergangenen Nacht nehmen einfach zuviel Raum ein.

„Sei mir nicht bös’ – das ess’ ich, wenn ich nachher nach Hause komme.“

Verständnis blitzt in den Augen von Mudder, als sie sagt:

„Trink’ wenigstens noch eine Tasse Tee, bevor du aus dem Haus gehst …“ – mehr kommt da nicht. Als wenn sie um den Stacheldraht weiß, der sich um seinen Magen gedreht hat.

Claas ist heilfroh, dass es heute morgen nicht eine gar so wichtige Sache ist. Seine Gedanken gehen nämlich einen anderen Weg.

Wie kann ein Mensch – wie Henry Kissinger – von dem er sonst soviel gehalten hat, der aus seiner eigenen Kindheitsgeschichte ja eigentlich etwas anderes wissen müsste, so einen Irrweg gehen? Oder ist er so verbiestert durch das vergangene Geschehen, dass ihm Menschenleben nichts mehr bedeuten?

Das kann aber doch nicht sein – denn hätte er es doch nicht heimlich getan!

Eine Antwort kann Claas sich auf seine Fragen nicht geben – und Henry Kissinger kann er auch nicht fragen. Vielleicht wird ihm wohler, wenn er nachher darüber reden kann.

Die Terminsache läuft so über ihn hinweg – zwölf Uhr ist es, als er das Verlagsgebäude wieder verlässt. Mudder rechnet sicher schon zu Mittag mit ihm. Er ruft kurz zu Hause an, damit sie weiß, dass er nicht kommt. An eine Mutter, die zum Weltgeschehen aus ihrer Sicht etwas zu sagen hat – daran muß er sich auch erst gewöhnen. Aber nicht heute – und nicht jetzt.

Der Wind, der übers Wasser herkommt, muß ihm oben auf dem Deich erst mal den Kopf ein wenig freiwehen. Wenn bei ihm mal irgend etwas quer sitzt, hier oben auf dem Deich – mit dem weiten Wasser der Nordsee vor sich – läuft sich das meist alles wieder zurecht. Am schönsten ist es bei anlandigem Wind – wenn der Sturm so richtig über die See hinweggefegt ist, und von Norden das Gefühl von Weite und Freiheit auf seinen Schultern trägt.

Mit klarem Kopf und von Wind und Salzluft geröteter Haut geht er auf Sendung. Den Menschen im weiten Land ein wenig in ihrer und seiner Muttersprache zu erzählen – auf Plattdeutsch mit seinen Worten Bilder malen, die seine Hörer mit den Ohren sehen können.

Fünfzehn Uhr und zehn Minuten. In fünf Minuten ist das Kalenderblatt an der Reihe.

Im Redaktionsraum laufen die Nachrichtenmaschinen. Vierundzwanzig Stunden am Tage vornan sein, mit alldem was in der Welt passiert. Wenn man der Zweite ist, der den Menschen etwas erzählt, hat man in der gefräßigen Konkurrenzwelt meist schon verloren.

So ist es nun mal.

Claas will gerade „sein“ Kalenderblatt, was ihn schon wieder von unten herauf reichlich schief belauert, unter die Hörerschaft bringen, als alle im Studio wie versteinert auf die Bildschirme starren.

Nur die Bilder laufen … und laufen … und laufen!

In New York sind zwei große Passagiermaschinen in die Türme des „World Trade Centers“ gekracht.

Claas weiß nicht, was in den Kollegenköpfen vor sich geht – sein erster Gedanke ist:

Der Allmächtige hat seine Mühlen in Gang gesetzt – und zwischen den großen Mühlsteinen ist ein Gemenge von Menschenwerk und Menschen – und sein Kalenderblatt – das er nicht mehr losgeworden ist – liegt oben auf den Mühlsteinen – und dreht sich mit!

Auf dem weißen Papier steht plötzlich nichts weiter mehr drauf, als: Chile … Chile … Chile… und die Menschheit steht drumherum – und kann die Mühle nicht anhalten …

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Eis vom Konditor …

 

Eis vom Konditor …

 

Pfingstmontag – in Deutschland seit einigen Jahren, wenn auch noch nicht traditionell, so aber doch Mühlentag. Unzählige Ausflügler sind unterwegs um ein wenig Vergangenheit zu schnuppern.

Auf dem Wege von Emden nach Greetsiel machten wir in Norddeich Station. Spontaner Beschluss  unserer kleinen Gruppe – hier gönnen wir uns ein Eis.

An Norddeichs Hauptstrasse boten sich uns zwei Gelegenheiten dazu – einmal eine offenkundig südländische Eisdiele – fünfzig Meter weiter verhieß ein großer Schriftzug: „Eis vom Konditor“.

Dahinter verbarg sich die Konditorei „Cafe¢ ten Cate“.

Ein großer Werbeträger neben dem Eingang versprach uns den besten ostfriesischen Korinthenstuten.

Eis vom Konditor – das sollte es sein! Und Korinthenstuten für zu Hause.

Schnell hatten wir einen freien Tisch in der Nähe der Theke gefunden.

Während meine Leutchen die Karte studierten, machte ich meinen obligatorischen Gang zur Toilette – wie stets nach dem betreten eines Gastbetriebes.

Die sanitären Anlagen waren in Ordnung – sauber, modern und pikobello. Einzig die Lage im Kellergeschoß könnte für manchen Gast, der nicht mehr so gut zu Fuß ist, problematisch sein.

Wieder oben angekommen hatte meine Rangen schon für mich mitbestellt – frische Erdbeeren auf Vanilleeis mit Schlagsahne!

Es dauerte ein Weilchen – in der Zwischenzeit hätten wir beim Nachbareismann wohl schon die vierte Portion verzehrt gehabt, aber na ja.

Bei der Fahrigkeit der vier Damen im Service konnte es nicht fließender gehen.

Die Äußerungen, und das hektische Gebaren der Vier, ließen erkennen, die Sahne war ausgegangen.

An sich kein Beinbruch – offen geschlagene Sahne empfinde ich immer als Pluspunkt gegenüber der Sahne aus den Aufschäum-automaten.

Nur das, was in diesem Falle dabei herauskam, ließ alle bisher positiven Eindrücke im Gully verschwinden.

Man servierte uns die gläsernen Pokale erstens auf einer Untertasse eines Kaffeepotts – ohne die Zierde eines Deckchens. Zweitens ohne Serviette, und drittens entsprach der Inhalt genau dem mangelhaften Äußeren.

Da konnten die anstandslos frischen Erdbeeren das zu kalte und zähe Eis auch nicht mehr retten, dass von einer gelbstichigen, unangenehm schmeckenden Sahnehaube gekrönt war. Die Sahne war schlicht und einfach schon fast zu Butter geworden.

Der überschwänglich angepriesene „ostfriesische Korinthenstuten“ – von dem man uns noch ein Resthalbes verkaufte entpuppte sich zu Hause angekommen auch als ein Überbleibsel besserer Tage. Sogar unser original kanadisches Buschmesser hätte sich beim schneiden fast die Zähne ausgebissen.

Einzig das Schwarzbrot- von dem wir auch ein Pfund mitgenommen hatten – bestand alle kritischen Prüfungen. Es war – wie schon zu allen Zeiten aus dieser Bäckerei – einfach super.

Mein Fazit:

Der Konditor sollte ein Bäcker bleiben, und das Eismachen seinem Kollegen aus dem Mittelmeerraum überlassen. Dann hätte er sicherlich auch ein wenig mehr Zeit für den „ostfriesischen Korinthenstuten“. ©ee

 

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Und plötzlich juckt es wieder …

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Und plötzlich juckt es wieder …

Z ur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert. Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Das Geld für meine Bahnfahrkarte sei im Stubenbüffet deponiert. So lautete ihre Ansage an eine meiner Schwestern, die mit ihrer Familie in unserem Haus in Voslapp zurückblieb. Die Strecke hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt.
Einer meiner Brüder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von Händen die zupacken konnten. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung bekannt.
Fidi S., ein Jugendfreund meines ältesten Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Kriege und dem Ende ihrer Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. im Jeverland ins Rheinland gewechselt war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der Rubinhochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter bei seiner Rückreise ins Bergische Land auf seinem Feuerstuhl mitzunehmen.


Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Bahnfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.
Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er’ NSUzeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen auf die Landstrasse gerutscht war.
In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die Anfangs etwas teurer erscheinende Variante Zugfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer heruntergeratteter Strassenlänge an.


Meine Mutter, als dankbare Mitfahrerin, übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Verpflegung auch die Kosten für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot seiner honorigen Sozia sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.
Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Deutschlandrundfahrt einschließlich der niederländischen und belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich dann mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abfahrt ins gelobte Land. An der Wesensveränderung meiner Schwester merkte ich, daß irgendetwas ihr Unwohlsein bereitete. Und richtig – das ihr von unserer Mutter anvertraute Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst, oder war unter der Sonne ihrer unerfüllten Wünsche dahingeschmolzen. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.
Der liebe Gott hieß in diesem Fall Fritz Grätz. Seines Zeichens war er Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur im Fernverkehr bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Turnus.
Seine dunkelblauen schwerfälligen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.

Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstrasse Steinwolle aus Blaubasalt als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.
Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere, Menschen die für wenig Geld näher oder weiter weg wollten.
Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere konnten jeweils im Führer-haus mitreisen, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mußten die anderen sich mit einem Platz auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.
Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, mußte sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken versorgen.

Sich unterwegs etwas zu kaufen, das war nicht möglich. Cirka alle 200 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft.
Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal Heute.
Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord zusammengewürfelt hatte. Nach dem Ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Nur geschmökt werden durfte auf dem Zwischendeck nicht.
Und alles ging im Konzert der Strasse unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.
Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.
Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich das Jucken von vor fast sechzig Jahren zu verspüren.

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Courage…

 

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Courage . . .

 

Schschscht – – – – – Theo – – – – sie kann sich bald selbst nicht hören, so leise ruft sie ihren Theo.

Man – sie liegt ja auch steif im Bett. So sehr hat sie sich erschrocken, als es plötzlich irgendwo im Haus schrecklich polterte.

Sie versucht es noch einmal – diesmal etwas lauter.

Theo – – Theo – – dabei kriecht ihre Hand milli-meterweise zu ihm hin. Es dauert fast fünf Minuten, bis ihre Hand ihn an der Schulter zu fassen hat – und dann noch einmal genauso lange, bis sie ihren Arm bewegen und Theo schütteln kann.

Dabei hat sie mehr Energie fürs lauschen ins Haus gebraucht, als für die Bewegung zu seiner Schulter hin.

Ihr steht der blanke, kalte Schweiß auf der Stirn. Wie kann man bloß so fest schlafen. Wieder muß sie seine Schulter vorsichtig hin und her bewegen.

Sie traut sich nicht, laut zu werden – und meint, daß man schon ihr Herzklopfen bis zum Nachbarhaus hören kann.

Oh man – wenn diese Angst nicht wäre. Sie würde ihm schon zeigen was es heißt, nicht auf sie zu hören.

Er hat sowieso noch eine Rechnung offen bei ihr – von gestern Abend. Wenn es auf der Geburtstagsfeier des Arbeitskollegen auch nichts Vernünftiges zu essen gab – er hätte sich nicht so zu betrinken brauchen.

Nun liegt er da und tut grad so, als wenn er mit der großen Zugsäge zugange ist, und Winterfeuerung sägt. Schnarcht und liegt, und liegt und schnarcht, und kriegt vom Poltern und Klötern unten im Haus nichts mit.

Sie ist vor Angst am zittern und kann ihr Nachtzeug bald auswringen. Sie bekommt ihn mit aller Gewalt nicht zu Verstand. Die Einbrecher räumen sicher schon das ganze Haus leer. Sie zittert, als wenn sie mit bloßen Füßen im Schnee steht.

Plötzlich kommt ihr die Erleuchtung!

Draußen am Balkon da steht doch noch die große Leiter. Der plötzliche Regenschauer hat Theo gestern Nachmittag beim Weinranken schneiden vertrieben – und die Leiter ist da stehen geblieben. Weil sie ja auch nötig los mußten  – zum Geburtstag.

Immer wieder kommt dieser Geburtstag mit dem wenigen Essen und der vielen Sauferei ins Spiel.

Sie kann vor Angst schon keinen klaren Gedanken mehr fassen – sie muß etwas tun.

Raus aus dem Bett. Auf nackten Füßen – damit man unten im Haus bloß keine Schritte hört. Ihr Plan steht fest! Der Stuhl – wo ist der Stuhl – ahhh, da steht er. Gleich neben der Tür. Theo hat heute Nacht seine Kleider da einfach so drüber geschmissen. Sie legt sein Zeug geräuschlos auf den Fußboden. Wenn Theo das mal tat, wurde er von ihr gleich gehörig angepfiffen – aber dies war ja eine Notlage.

Komisch – denkt sie – was einem Menschen in so einer gefährlichen Situation alles durch den Kopf geht. Manch einer hat ja schon erzählt, daß man in solchen Sekunden sein ganzes Leben an sich vorbei sausen sieht. Sie sieht im Moment aber nur das Donnerwetter an sich vorbeisausen, auf das Theo sich morgen früh gefasst machen kann.

Den Stuhl mit der Lehne unter die Türklinke – damit die Einbrecher nicht ins Schlafzimmer können, und Theo vielleicht totschießen. Wenn sie draußen war  – und den Nachbar zu Hilfe holte.

Theo brauchte sie noch – mit wem sollte sie denn  sonst ‘rumnörgeln – wenn er plötzlich nicht mehr da wäre.

So – das saß! Da kam niemand ‘rein. Fuß vor Fuß durch das Schlafzimmer – die Balkontür im Zeitlupentempo aufziehen. Man gut, daß Theo die Türen letzte Woche noch alle geschmiert hatte. Zu irgendwas war er ja doch noch zu gebrauchen.

Sie verflucht im Stillen, daß sie ein Nachthemd angezogen hat – angezogen in der Hoffnung auf Theos gute Taten. Die Hoffnung war Hoffnung geblieben – und klettern könnte sie viel besser mit einer Nachthose an. Verwundert ist sie, daß sie so leise sein kann – im normalen Leben fällt ihr das nämlich bannig schwer.

Bbbbbrrrr….. barfuß im nassen Gras – und das morgens um vier! Aber jetzt – als wenn der Teufel hinter ihr her ist – quer durch den Garten. Beim Nachbarn ums Haus zu – und an das Schlafzimmerfenster geballert. Der Nachbar ist gleich am Fenster – hat das Jagdgewehr in den Fäusten, als wenn er damit geschlafen hat. Sie erklärt ihm hastig die Situation – und dann beide, wie Indianer auf dem Kriegspfad, los. Sie schleichen um das Haus herum – aber seltsam – kein Fenster ist geöffnet, und keine Tür steht offen. Keine Scheibe ist zerschlagen. Was tun? Einen Schlüssel hat sie ja nun leider nicht im Nachthemd – also, der Nachbar mit seinem Püster rauf auf die Leiter, über den Balkon, durch die Schlafkammer. Stuhl weg – Tür aufgemacht – und horchen.

Da sind Geräusche zu hören. Ganz vorsichtig die Treppe runter. Aus der Küche fällt Lichtschein in die Diele. Die Küchentür aufreißen – und lachen – das war eins.

So ein Lachen hat sie ihr Lebtag noch nicht gehört, wie es ihr jetzt aus dem Haus entgegenschlägt.

Als der Nachbar die Eingangstür öffnet, und sie herein läßt, kann sie auch nicht anders – sie muß sich festhalten vor Lachen – und kann nicht verhindern, daß es ihr warm an den Beinen hinunterläuft.

Die Nachthose wäre jetzt klatschnaß gewesen.

Ihren Theo hat der Hunger wohl noch an Kühlschrank getrieben, bevor er ins Bett fiel, und in seinem Dunas hat er die Tür nicht wieder zugemacht.

Nun sitzen Katze und Hund einträchtig vor dem hellen Viereck der offenen Klappe, und haben den Inhalt des Eisschrankes unter sich aufgeteilt.

Da sieht man mal wieder, was so ein Geburtstag ohne Essen alles anrichten kann. © ee

 

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Warum die Ostereier bunt sind . . .

 

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Warum die Ostereier bunt sind . . .

Vor langer, langer Zeit – die Osterhasen hoppelten noch in Ritterrüstungen durch das Land, um den Kindern zu Ostern die Nester zu füllen – da sahen die Eier noch alle gleich aus. Hühnereier konnte niemand so recht von Ostereiern unterscheiden. Den Unterschied konnte man nicht sehen – er war unter der Schale verborgen – Ostereier waren innen fest.
Ganz oft passierte es darum, daß die Sonntagskleider, welche die Kinder Ostern immer anziehen mussten – Ostern war nämlich damals auch schon Sonntags – mit Eigelb vollgekleckert waren, weil die Kinder statt eines Ostereies ein Hühnerei aufgeschlagen hatten.
Wie das passieren konnte fragt ihr? Ganz einfach! Die Hühner vertauschten die Eier ab und zu. Die gefiederten Gesellen konnten auch damals schon über die seltsamsten Dinge lachen, und neugierig waren sie sowieso. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer was anderes erzählt, der kennt die Hühner nicht. Aber noch eine Eigenschaft besaßen die Ur-ur-ur-ur-urgroßeltern der jetzigen Hühner: Sie waren neidisch – neidisch auf den Osterhasen. Der konnte nämlich gekochte Eier legen.
Wenn auch nur zu Ostern – aber immerhin!
Sie selber rackerten sich das ganze Jahr und Tag für Tag mit dem Eierlegen ab – wenn eine Henne fleißig war, legte sie sogar zwei Eier an einem Tag – und dann kam am höchsten Eierfeiertag der Welt so ein schlappohriger Hase dahergehoppelt, und stahl ihnen die Schau.
Nicht einmal richtige Federn konnte er vorweisen – aber gekochte Eier legen, DAS konnte er.
Weil nun die Hühner deswegen den Osterhasen auf seinen Touren ständig mit ihren Eiern bewarfen, beschloss die Osterhasengewerkschaft auf einer großen Versammlung, ihren übers Land ziehenden Mitgliedern Ritterrüstungen anzuziehen.
Bloß – in diesen schweren Rüstungen kamen sie nicht so schnell vorwärts – und viele Osternester blieben leer.
Ich muß euch ja bestimmt nicht erzählen, wie traurig die Kinder waren, wenn sie nach mühevoller Suche leere Osternester fanden. Darum füllten die Mamas die leergebliebenen Nester mit Hühnereiern. Das war aber auch nicht die Lösung. Tja – und weil alle Mamas dieser Welt – das war damals auch schon so – an Ostern keine traurigen Kinder mit bekleckerten Sonntagskleidern haben wollten, setzten sie sich unter dem Osterbaum mit den Osterhasen zusammen, um nach einer Lösung des Problems zu suchen.
Was dann bei den Beratungen herausgekommen ist, das kann man heute noch an jedem Osterfest bestaunen: Die neidischen Hühner konnten ihnen keinen Streich mehr spielen, weil sie von da an Ostern immer eingesperrt wurden, und damit auch wirklich niemand mehr die Eier verwechselte, legten die Osterhasen ab sofort bunte Eier!
© ee