die Hymne

Kein Besuch, kein Spaziergang
ohn’ Möwengeschrei

die eingängig Hymne der Küste
bei jedem

„komm doch mal mit“
sind sie dabei

und kreischen hinaus ihre Lüste

ob Sonne ob Regen ob Sturmesgebraus
stets sind sie allgegenwärtig


sie brauchen nicht Hütte
und nicht steinern Haus

nur intakte Natur –

und schon ist ihr Lebensplatz fertig.©ee

Die Geschichte der Mama O.

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Die Geschichte der Mama O.

 

F ür mich begann die Geschichte mit einem Anruf nach einer Sendung, in der die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom bei mir im Studio zu Gast war.

Diese Mutter hatte von den Widrigkeiten berichtet, die ihr, auf Grund der „Behinderung“ ihrer Tochter, von Institutionen und Behörden in den Weg gelegt wurden.

 

Die Anruferin war durch das Gehörte ermutigt worden. Sie hatte sich ein Herz gefasst, und spontan zum Telefonhörer gegriffen, bevor sie der Mut, den sie plötzlich spürte, wieder verlassen würde.

Mutlosigkeit und Verzweiflung waren mittlerweile zu den bestimmenden Elementen ihres Alltags geworden.

 

Eines ihrer Kinder war nämlich 24 Jahre zuvor auch mit dem berüchtigten Quentchen zuviel – dem doppelten Chromosom 21 – vom Schöpfer bedacht worden.

Was der alte Herr sich dabei denkt, wenn er so etwas macht, werden wir wohl nie ergründen können.

 

Diese Tatsache hat sie auch nie aus der Bahn geworfen. Über die anfänglich „schiefen“ Blicke der Nachbarn hat sie hinweggesehen – über die „schrägen“ Anspielungen im Kollegen- und Bekanntenkreis hat sie hinweggehört.

Wie konnte sich eine 43 jährige, ledige Mutter zweier schon großer Töchter auch erdreisten, noch ein Kind in die Welt zu setzen. „Man“ wußte doch allgemein, daß „so etwas“ nicht gut gehen konnte.

 

Das alles hatte sich aber relativ schnell gelegt. Die Fürsorge, mit der sie fortan ihren Sohn umgab, bewirkte ein Umdenken in ihrer Umgebung. Zumindest scheinbar.

Scheinbar deshalb, weil ihr Lebensgefährte – der Vater ihres Kindes – eines Tages Abstand von ihnen nahm. Er trennte sich von ihr, und dem gemeinsamen Sohn.

Der Druck und die Ablehnung, die von einer ihrer Töchter ausgingen, waren für ihn unerträglich geworden.

Auch das hat sie akzeptiert, und ihren Sohn künftig alleine umsorgt. Sie war plötzlich eine alleinerziehende, berufstätige Mutter – wie es im neudeutschen Sprachgebrauch so schön heißt.

 

Alles hat sie gemeistert – auch das zusätzliche, jahrelange „sich kümmern“ um ihre eigene Mutter, die im hohen Alter intensiver Pflege bedurfte, zwang sie nicht in die Knie.

 

Das Leben im kleiner gewordenen Familienkreis lief seinen gewohnten Gang. Der Sohn wurde größer, die Mama wurde älter, und sah schon ihrem Ruhestand entgegen.

Die Großmutter starb, und die Gemeinschaft wurde noch kleiner.

Jetzt hatte sie noch mehr Zeit für den Sohnemann.

 

Der junge Mann, der er mit seinen 18 Jahren geworden war, benötigte nun einen Betreuer. Juristisch gesehen, gesetzmäßig. Damit auch alles seine Ordnung hat.

In Ordnung, Gesetz ist Gesetz – dachte die Mama, und ließ sich vom zuständigen Gericht als ehrenamtliche Betreuerin bestellen.

Es würde sich ja im täglichen nichts ändern – außer, daß eine Akte angelegt, und sich die Papierberge häufen würden.

Und wieder lief alles seinen gewohnten Gang. Scheinbar.

 

Die Mama war sich gar nicht der Tatsache bewußt geworden, daß sie in der Beziehung zu ihrem Sohn in die zweite Reihe verfrachtet worden war. Ein Amt hatte den Platz in der ersten Reihe für sie eingenommen.

Klar wurde es ihr erst, nachdem sie die Unbilden eines Wohnortwechsels auf sich genommen hatte. Mit dem Umzug in einen anderen Ort – in die Nähe der Behindertenwerkstatt – sollte das Leben für sie beide leichter werden.

 

Auf den Rat der Mitarbeiter ihrer Krankenkasse hin nahm sie das erste Mal in den langen Jahren Urlaub von der Betreuung, um den Umzug in Ruhe bewerkstelligen zu können.

Für den Sohn wurde während dieses Zeitraumes eine Kurzzeitpflege in einer stationären Einrichtung bewilligt.

 

Der Umzug ging über die Bühne, und mit jedem Stück Möbel, welches in das neue Heim verfrachtet wurde, wuchs die Freude auf das „wieder Beisammensein“ in der neuen Bleibe.

Wie heißt es aber so treffend in einem bekannten Schlager: „Freu dich nur nicht zu früh …“

Es blieb nämlich bei der Vorfreude. Nix war mit „wieder Beisammensein“ im neuen Heim.

 

Es wurde amtlicherseits bestimmt, daß der Sohn künftig in der stationären Einrichtung seinen ständigen Aufenthaltsort erhielt.

Es sei an der Zeit, tönte es aus „berufenem Munde“, das Mutter – Kind Verhältnis zwischen der Betreuerin und dem Betreuten ein Mutter – Sohn Verhältnis umzuwandeln.

Dieser Wechsel könne sich nur in einer Behinderten-einrichtung vollziehen, und nur durch den Wechsel in der Betreuung. Ein Berufsbetreuer wurde für ihren Sohn bestellt

Und damit Basta.

So entschied es die scharfkantige Richterin am zuständigen Gericht, nachdem sie die Argumente der Amtsvertreter und Heimbetreiber genügend gewürdigt hatte.

Und noch eines hat die „ehrwürdige Frau Richterin“ getan – sie hat in der „Sache“ entschieden, ohne die Mama anzuhören.

Die schriftliche Ladung zur richterlichen Anhörung erreichte die Mutter erst, als „Ihre Gnaden“ schon entschieden hatte, zu entscheiden.

Nicht daß jetzt irgendjemand irgendwem eine böse Absicht unterstellt – das war ganz sicher nur eine Schlamperei innerhalb der Geschäftsstelle. Es kann ja schon mal passieren, daß die untergeordneten Angestellten eines Gerichtes mit einer galoppierenden Richterin nicht schritthalten können.

 

Leicht schritthalten mit der Sachwalterin des Rechts konnte aber der umgehend bestellte Berufsbetreuer – denn, noch bevor die Mama von der richterlichen Entscheidung Kenntnis erhielt, erhielt sie eine Eilentscheidung des Berufsbetreuers.

Der gute Mann hatte nichts Wichtigeres zu tun, als der Mutter mitzuteilen, sie dürfe aus stichhaltigen Gründen ihren Sohn nur noch dreimal die Woche – und zwar unter der Aufsicht von Heimmitarbeitern – für jeweils zwei Stunden besuchen. Und wieder hieß es Basta.

 

Diese sog. „stichhaltigen Gründe“ entpuppten sich in den folgenden, endlos scheinenden, Widerspruchsverfahren als an den Haaren herbeigezogene Anschuldigungen und Argumente. Zum Teil stammten sie von Personen, die aus ihrer persönlichen Vergangenheit heraus meinten, der Mutter noch offene Rechnungen präsentieren zu müssen. Und jetzt sahen sie die Gelegenheit dafür gekommen.

Sie verbündeten sich mit denen, die, aus verschiedenen anderen Beweggründen heraus, daran interessiert waren, den Sohn in einer stationären Einrichtung zu belassen.

Unterstützung und Hilfe in ihrem Bemühen, ihren Sohn wieder in sein Zuhause zu holen, erhoffte die Mama sich von diversen Advokaten – von Anwälten des Rechts, wie sie dachte.

 

Außer, daß ihr für jeden Federstrich der Juristen gepfefferte Gebührenrechnungen in die Stube flatterten, tat sich aber nichts. Am Ende hörte sie jedesmal nur ein tiefes Bedauern, und die Aussage: „Es hat keinen Zweck, da ist nichts zu machen.“

Einzig ein Rechtsanwalt im Ruhestand – selber Vater eines mongoloiden Kindes, zu dem ihr ein Bekannter den Kontakt vermittelte – machte sich die Mühe, dem Vormundschafts-gericht das Geschehen ausführlich, und verständlich, darzulegen. Dieses Licht in ihrem dunklen Alltag verlosch leider kurz darauf – der Anwalt verstarb.

 

Die Mutter war inzwischen mit ihren Kräften am Ende. Die Art und Weise, in der man sie überall behandelte, ließen ihre Nerven barfuß über Scherben gehen.

 

Als neurotisch, und querulantisch, abqualifiziert, begegnete man ihr allerorts, als wäre sie Luft. Der richterlich bestellte Verfahrenspfleger – natürlich auch ein niedergelassener Anwalt der Rechte – ließ, wohl versehentlich, einmal die Hosen runter, als er in einem Schriftsatz an das Gericht die „ständigen Widersprüche“ der Mutter gegen die Amts-entscheide als Begründung für deren Untauglichkeit als Betreuerin anführte. (Wo kommen wir mit dem Staat denn hin, wenn von amtlicher Seite tatenlos zugesehen wird, wie einfache Bürger anfangen zu denken – und dann gar noch widersprechen)

Es ging soweit, daß im Heim, während ihrer Besuche bei ihrem Sohn, das Personal nicht mehr mit ihr sprach.

Eher das Gegenteil war der Fall – sie wurde unablässig von misstrauischen Augen beobachtet, als wenn sie jeden Moment silberne Löffel stehlen wolle.

Unterschwellig wurde der Mutter sogar unterstellt, mit ihrem Sohn eine sexuelle Beziehung unterhalten zu haben.

 

Das Beschwerde- und Entscheidungshin und -her zwischen Betreuungsamt, Amts-, Land- und Oberlandesgericht gipfelte letztendlich in der Ablehnung, der Forderung der Mutter auf Wiedereinsetzung als Betreuerin, durch die angerufene Kammer. Der Kammervorsitzende schickte dem lapidaren „NEIN“ freundlicherweise noch die Erklärung hinterher, daß eine weitergehende Beschwerde gegen die Entscheidung zwar zulässig sei, aber wegen der klar dargelegten formal-juristischen Ausführungen des zuständigen Amtsgerichts völlig aussichtslos sei.

 

Genau in diese Kerbe schlug dann auch der letzte Rechtsanwalt, den sie mit der Wahrnehmung ihrer Interessen betraut hatte. Er sagte ihr wörtlich: Die ganze Sache ist juristisch ausgereizt. Es bleibt für sie nur noch, meine Bemühungen auszugleichen. Die Rechnung wird ihnen zugeschickt.

 

Das hat die Mama dann auch getan, als sie die Liquidation erhielt, denn jede Arbeit ist schließlich ihres Lohnes wert.

Sie hat aber auch noch etwas anderes getan – und zwar etwas, von dem sie während der lange währenden Auseinander-setzungen nicht den Schimmer einer Ahnung besaß.

Wer hätte es ihr auch sagen sollen – Rechtsanwälte besitzen davon ja anscheinend keine Kenntnisse.

 

Die Mama hat sich in ihrer Not, und am Ende ihrer Kräfte, mit einer Beschwerde gegen die Bundesrepublik Deutschland an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straß-burg gewandt.

Und siehe da – fast wäre man geneigt zu sagen, es geschehen noch Zeichen und Wunder – der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat den Hilferuf gehört, und ihre Beschwerde zur Entscheidung angenommen.

 

Am Schluß bleibt mir nur noch zu sagen: Schauen wir mal, was dabei herauskommt.© ee

Ewald Eden

Foto dank https://pixabay.com/

Mein Kater Nicki …

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Mein Kater Nicki …

E s war im vorigen Jahrhundert – und doch ist es mir als wäre es Gestern..

Wir schrieben 1993 – die Hälfte der in der Zeit verschwundenen hundert Jahre, mit der neunzehn davor, hatte ich miterlebt. Ich führte das traurige, trostlose Leben eines an der Wirklichkeit gescheiterten Fünfzigjährigen. Durch riskante Spe-kulationen in den Jahren zuvor das gesamte Ver-mögen verloren – gefangen in der Vorstellung, daß viel Geld nicht nur beruhigt, sondern auch glücklich macht. Wie ich jetzt weiß, war dies der größte Irrtum meines Lebens.

Wer relativ wohlhabend über die Strassen des Lebens kutschiert, und plötzlich alles verliert, erfährt von einem auf den anderen Augenblick was Men-schen im Alltag mit dem Begriff Freundschaft meinen. Die vielen “ guten Freunde“ hatte über Nacht der Erdboden geschluckt. Selbst die – jeden Tag aufs Neue beschworene – heiße Liebe meiner Verlobten, erwies sich als nicht regenfest. Sie war von einer Stunde auf die nächste bloß noch kalte Asche – die der kleinste Hauch in alle Winde trug.

Eine Drehung um mich selbst – und ich war einsam und allein. Ohne Aussicht auf Zukunft. Einzig meine Mutter hatte an ihrer Liebe zu mir keine Abstriche gemacht.

Arbeitslosigkeit blieb mir erspart – ich hatte noch einen “ Job“ der mich ernährte – doch das Leben war für mich plötzlich ein durchlöcherter Hafersack – ausgelaufen und leer. Diese Leere versuchte ich mit Alkohol zu vertreiben – und solange die Prozente in mir Achterbahn fuhren, lebte ich im trügerischen Glücksrausch. Das war eigentlich recht leicht – wo doch die Zapfstelle – sprich Kneipe – direkt unter meiner Wohnung angesiedelt war. So war das Ritual stets das gleiche – unten volltanken – eine Treppe hochwanken, und rein ins Bett.

Der Zeiger auf der Waage im Bad bewegte sich unbeirrt nach oben. Die ideale neunzig – die ich lange bewahrte – ließ er kalt lächelnd hinter sich. Auf hundertfünfzehn vor dem Kilogramm strebte er zu. Die Scherben in meinem Körper – wie Sodbrennen und Schmerzen in Gliedern und Gelenken – störten ihn nicht im Mindesten. Die Depressionen – die sich in meinem Kopf einnisteten – vertrieb der einzige Freund, der mir geblieben war – Jonny Walker. Frei nach der Devise: der Tag geht – Jonny Walker kommt.

Bevor ich auf der Deponie für gescheiterte Exis-tenzen landete, ereilte mich im August 94 mein Schicksal.

Der Tag hatte mir ein ganz spätes Heimkommen beschert. Vor der Haustür wäre ich fast gestolpert – diesmal nicht über Jonny Walker – der war an diesem Abend noch nicht da – ein Kätzchen war der Grund. Schwarz-weiß im Fell. Winzig klein und hilflos saß es vor meiner Tür. Die Angst in den leuchtend grünen Augen sprang mir förmlich ins Gesicht.

Bis zu diesem Tag – ach was – bis zu dieser Sekunde hatte ich niemals etwas mit Tieren am Hut gehabt – pardon – das ist nicht ganz richtig: Ich hatte sogar täglich innige Beziehung zu Tieren – es gab keinen Tag ohne Schnitzel oder Steak und die abendlichen Kneipenfrikadellen, und es gab keinen Morgen ohne einen ausgewachsenen Kater im Kopf.

Doch zurück zu dem kleinen Knäuel Fell. Ich spürte Mitleid mit dem bißchen Leben – nahm es auf den Arm und mit ins Haus. Morgen – Kleines – morgen bringe ich dich ins Tierheim – war mein Denken.

Bis Morgen war noch lang – und kleine Katzen-bäuche knurren sicher genauso unerbittlich wie die von großen Menschen. Soviel war bei mir von Biologie noch hängen geblieben. Doch was frißt so ein winziges Etwas? Bei Walt Disney erlebte man ja häufig streunende, heringsstehlende Kater – bloß Heringe fliegen ja nicht so durchs Bergische Land. Thunfischkonserven waren bei mir im Vorrat – also Thunfisch aus der Büchse. Den halben Doseninhalt auf einen Teller verfrachtet – und los ging’s. Eh ich mich versah hatte diese kleine handvoll Katzenleben den Teller leer geputzt. Man konnte den Kohldampf förmlich davonfliegen sehen. Ein kräftiger Schuß Milch machte die Sache rund. Wie muß sich der Thunfisch wohl gefühlt haben – nach dem behag-lichen Schnurren des Kätzchens zu urteilen eins A. Nachdenklich begann ich zu rechnen. Das funk-tionierte an diesem Abend, denn mein Freund Jonny Walker hatte mich ja verpasst. Das kleine Tierchen wog ein knappes Pfund – verzimmerte über hundert Gramm Thunfisch, spülte mit reichlich Milch nach – und platzte nicht! Wenn ich das auf mein Gewicht umrechnete, müßte ich ja über zehn Kilo Fleisch verputzen – und von einer Kuh die Tagesproduktion an Milch hinterher spülen!

Den satten Knuddel nahm ich auf meinen Schoß – streichelte sein zerzaustes Fell mit zärtlichen Fin-gern – die rauhe Zunge leckte meine Hände – und mit jeder Bewegung des Köpfchens verschwand ein Teil der Angst aus seinen Augen.

Fünfzehn Minuten sind ein Nichts in der Ewigkeit – aber fünfzehn Minuten können ein Leben verändern – mir ist es widerfahren. Nach einer Viertelstunde hatte ich keinen Gedanken von Tierheim mehr in meinem Kopf – das kleine Wesen hatte mich adoptiert – und sollte fortan mein Leben bestimmen.

Es wurde noch ein langer Abend im Sessel – spät ging ich zu Bett. Mit meinem neuen Hausgenossen neben mir – auf dem Kopfkissen. Es dauerte noch bis der Schlaf kam. Jonny Walker – den ich an diesem Abend nicht gesehen – hat ihn wahrscheinlich am Kommen gehindert.

Der oft verfluchte Wecker brauchte zur Aufstehzeit nicht in Aktion treten – eine kleine warme Zunge fuhr schon vorher durch mein Gesicht und scheuchte mich aus den Federn. Meine – ich dachte tatsächlich “ meine“ – kleine Katze hinter mir her.

Aus dem Büro zog mir ein seltsamer Duft in die Nase – eine Ahnung legte sich auf meine Gehirn-windungen – wer oben Nahrung in sich reinschiebt, muß unten ja wohl zwangsläufig pupsen. Ob großer Mensch oder kleines Kätzchen – da hat der liebe Gott bei der Konstruktion das gleiche System verwendet. Wieder kam mir mein verschüttetes biologisches Wissen zu Hilfe. An diesem Morgen lernte ich mein Büro gründlich kennen – ich krabbelte durch Ecken, von denen ich bis dahin gar nicht wußte, daß es sie gibt. Im Abfallkarton neben der Papierschneidemaschine wurde ich fündig. Fein säuberlich unter Papierschnipseln verstaut, fand ich des Rätsels Lösung – ein Häufchen Thunfisch, das den langen Weg durch Katzenmagen und Darm gegangen war. Nachdem die “ Abfälle“ beseitigt waren, gab es Nachschub. Für mich Kaffee schwarz und für Kätzchen die zweite Hälfte der Dose Thunfisch mit Milch. Der Weg ins Tierheim hatte abends schon vom Programm gestrichen – statt-dessen führte mich der erste Gang in ein Geschäft für Tierbedarf. Katzenfutter, Kratzbaum, Katzenklo und Katzenstreu standen als Positionen auf meiner Besorgerliste. Wieder zuhause eingetrudelt, nahm mein Findelkind die sanitären Einrichtungen auch sofort an. Das Problem war aus der Welt. Jahre später hat Nicki – so hieß er fortan – bloß noch einmal den Papierkarton benutzt – weil ich ihn versehentlich über Stunden im Büro einsperrte. Die Tierärztin, die wir nachmittags gemeinsam auf-suchten, ordnete meine vierbeinige Begleitung denn endgültig in die Reihe “ Kater“ ein. Nicki war in meine Welt getreten – zwar erst ungefähr zehn Wochen alt – aber doch schon eine starke Persön-lichkeit. Bevor wir in unser – von nun an gemein-sames – Zuhause verschwinden konnten, trat uns mein Nachbar – ihr wißt schon, der Wirt bei dem Jonny Walker wohnt – in den Weg. Verwunderung, Neugier und Besorgnis konnte man in seinem Gesicht erkennen – Sorge wohl mehr um seine Kasse. Wo warst du gestern Abend? Dein Auto stand vor der Tür – von dir war aber keine Nasenspitze zu seh’n. Irgendwie krank . . .? kam noch halbsätzig hinterher. Nein, nein – ich war nicht krank – ich fühlte mich gesund – gesund wie schon lange nicht mehr. Das war „Nicki’s“ erste gute Tat. Mit ihm zusammen zu sein, gefiel mir plötzlich besser, als mit anderen zerknitterten Seelen in der Kneipe zu hocken. Ich konnte sehen, wie mein Gegenüber dachte: Na, Freund – du kommst schon wieder in unseren Kreis zurück – Kumpels wie Jonny Walker kann man nicht so einfach verlassen. Er sollte nicht Recht behalten.

Zugegeben – manches mal ist es mir schon ein wenig schwer angekommen – ab und an war ich auch zu schwach, um zu widerstehen – aber jede Stunde mit Nicki stärkte mir das Rückgrat. Elend kam mich immer dann an, wenn ich ihn allein gelassen hatte – jedesmal fiel er ein Stück zurück in seine Ängs-tlichkeit. Meine Nähe war für ihn wohl das Himmelreich – als wenn er mit unsichtbaren Fäden an mir festgebunden war, folgte er mir auf Schritt und Tritt. In des Wortes wahrstem Sinn. Er ließ auch nicht den Ansatz einer Diskussion zu – nachts schlief er in meinem Bett – Sommers über und Winters unter der Decke – wie es sich gehörte. Den Wecker hatte Nicki vom ersten Morgen an ersetzt. Wenn seinem Wecken kein spontanes Aufstehen folgte, schimpfte er wie eine alte Ziege. Zeitung lesen wurde zum Prozedere – immer lag Nicki auf dem Geschriebenen. Das Blatt in der Luft haltend lesen, war für ihn die Aufforderung, aus den Seiten Papier-wolle zu machen. Egal was ich ohne ihn machte – er betrachtete alles als Liebesentzug. Oder wie anders soll man es bewerten, wenn man sich an den Computer setzt – und die Tastatur ist schon von einem schnurrenden Fellberg eingenommen. Durch den Einsatz von viel Geduld – und kleinen bestechlichen Leckereien – meinerseits, nahm er davon mit der Zeit Abstand. Selbst die Badewanne flößte ihm keine Scheu ein – pflegte ich meinen gestreßten Körper im warmen Wasser, saß mein Nicki neugierig auf dem Wannenrand – obwohl Nässe für ihn so etwas wie das Weihwasser für den Teufel war. Tropfen davon betrachtete er schon als Mörderbande. Die Neugier hielt solange an, bis er einmal ins Badewasser rutschte. In eine Folter-kammer wähnte er sich wohl geraten. Nachdem er dieser Hölle entronnen war, konnte ich – geschunden und zerkratzt – aus dem rosa gefärbten Naß steigen. Die Tribüne Wannenrand war für ihn ab da tabu – er begnügte sich mit dem Platz im Parkett. Als blutiger Anfänger in Sachen Katzenhaltung besaß ich natür-lich keinen blassen Schimmer von dem, was ich mir mit Nicki angetan hatte. Woher sollte ich auch wissen, daß eine Katze dem Menschen in Psycho-logie haushoch überlegen ist? Soweit reichte mein verblasstes Schulwissen denn doch nicht – und überhaupt – hatte ich davon je etwas gelernt? Kater Nicki zeigte mir mit unendlicher Geduld, wie wertlos im Grunde alles Wertvolle ist, mit dem wir Menschen uns umgeben. Begreifen wird dem Menschen wahrlich nicht leicht gemacht – begriffen habe ich es dann aber doch. Und wenn dieser Prozess mal nicht so flutschen wollte, strafte mein Gefährte mich mit dem Entzug seiner Liebe und Zuneigung. Egoistisch wie Menschen nun mal angelegt sind, wollte und konnte ich darauf nicht verzichten – auch nicht für kurze Zeit.

Verhaltensweisen und Dinge, auf die ich mich ein-gelassen habe, behielt ich immer für mich. Meine Begleiter aus dem Freundeskreis von Jonny Walker hätten mich für meschugge erklärt. Sicher wären Anfragen in diversen Landeskrankenhäusern, auf einen freien Platz für mich, eingegangen. Wer das Glücksgefühl nicht kennt, das hochkommt, wenn die Katze ihrem Menschen verziehen hat, kann überhaupt nicht mitreden. Man vergisst spontan Verhaltensweisen, die der Katze missfallen. So einfach ist das. Nicki entwickelte sich zum Welt-meister im Kratzen. Ob es die Wand in der Gästetoilette war – an der er kratzte, als gelte es Weltmeisterwürden zu erringen – oder der gemüt-liche Sessel in meinem Büro – den meine Mutter mir schenkte, und den er, durch alle Schichten seines Sessellebens, bis auf das hölzerne Gestell bear-beitete. Bei meiner Mutter kam richtig Freude auf – ich konnte ihre schwarzen Gedanken förmlich sehen – und verstanden hat sie meinen Meister bis heute nicht. Nicki gab dem Unverständnis aber auch stän-dig neue Nahrung. Besonders wenn er auf Fliegen-jagd war – und diese einfältige Fliege ausgerechnet auf den schönen Samtvorhängen saß, die Mutter extra für mein Wohnzimmerfenster genäht hatte. Teure Samtvorhänge – wie sie immer wieder beton-te. Irgendwann erkor er sich eine Mauerecke in der Diele als Kratzobjekt. Als er sich bis auf den blanken Ziegel durchgearbeitet hatte, brachte ich sogenannte Kratzbretter an der Ecke an. Haben sich kluge Leute einfallen lassen, damit die Katzen was zu tun haben. Nicki hat diese Kratzbretter mit dem Hintern nicht angesehen – geschweige denn daran gekratzt. Gute Ratschläge, wie ich meinen Kater erziehen könnte, bekam ich bergeweise – franko und gratis. Bloß – die Absender dieser wohl gutge-meinten Tipps besaßen keinen Schimmer Ahnung von der Materie Kreatur Katze. Das ging von vorsichtigen Schlägen mit der Zeitung bis hin zum Krallen knipsen mittels einer Nagelschere – wie mein Bruder mir zuriet. Nachdem ich meinem Bruder anbot, bei ihm vorher “ sonst was“ mit der Nagelschere abzuzwacken, war auch dieser Vor-schlag ein für allemal vom Tisch. Durch Nicki lebte ich mein Leben mit Nicki. Auf vier mal dreihun-dertfünfundsechzig Tage gemeinsamen Weges konnten wir schon zurückschauen – die Kneipe und mein früherer Freund Jonny Walker waren mir fremd geworden – lief in einer abendlichen Katerschmusestunde ein Satz aus meinem Kopf: Mein kleiner Kater Nicki – ich liebe ihn so sehr – nicht für Geld und gute Worte geb‘ ich ihn wieder her. In diesem Moment tat sich mir eine neue Welt auf – nach dreimal laut wiederholen und einer Stun-de am Computer war der Text meines ersten Liedes fertig. Für die zugehörige Musik brauchte ich entschieden länger. Es war ja schließlich mein Erstgeborenes – jede Mutter kann mir das wohl nachfühlen. Es wurde letztendlich eine Spiegelplatte – eine musikalische Kostbarkeit für mich – mit sachkundiger Hilfe einer kleinen Plattenfirma her-gestellt. Die Wirrungen des Fühlens, dann plötzlich das Lied im Radio zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mein Kind hatte laufen gelernt – und nicht nur das – viele Menschen hat es bisher bewogen, anders über Katzen zu denken – ja, sie oftmals sogar dazu gebracht Heimkatzen ein neues Zuhause zu geben. Mein Leben hat dieser Markstein wohl nicht in eine andere Richtung gebracht – das hatte Nicki vier Jahre vorher bewirkt – aber mein Weg wurde heller und breiter. Freunde stehen auch wieder am Wege – sie heißen jedoch nicht mehr Jonny Walker und sie protzen nicht mit Prozenten.

Ich habe erfahren, daß wer Tiere liebt – und seine Aufgabe darin gefunden hat, ihnen zu helfen – keine Krücke mit dem Namen Alkohol benötigt. Wem Bedrängnis und Not Begleiter durch den Alltag sind, wird in einem kleinen Wesen – wie mein Kater Nicki eines war – die bessere Wegbegleitung finden. Ganz gleich, wie holprig ihm der Lauf durch das Leben auch erscheinen mag.

© ee

auch zu finden in unserer Schreibwerkstatt hier :

https://christinvonmargenburg.blog/inventur-der-gedanken/unsere-schreibwerkstatt/unsere-schreibwerkstatt-2/

Kalte Welt …

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Kalte Welt …

Eine Rose blüht mitten im Winter
ein blutrotes Herz
in schmutzigem Schnee
ich frag mich
was steht bloß dahinter
wenn dieses Wunder ich seh’

die Welt
sie geht blicklos vorüber
kein Auge gewahrt diese Pracht
stumpfsinnig läuft Mensch hinüber
in dunkle gefühllose Nacht

ich frag mich
was ist bloß auf Erden gescheh’n
daß niemand nichts mehr beachtet
daß keiner hat die Schönheit geseh’n
daß man nicht das Edle betrachtet

tot in der Seele
brüchig im Herz
stumm in der Kehle
und blind gegen Schmerz

so dreht die Erde sich
Runde um Runde
kalt und taub dreht die Menschheit sich mit
Gleichmut ist in aller Munde
und Hass ist oft des Alltags Kitt

ee ©

Keine Frage …

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Keine Frage …

D as Heute ist ein Unikat
das ist gar keine Frage
doch wer das Gestern vergißt
und das Morgen anzweifelt
der drüselt nur so durch die Tage

er redet bloß Mist
und hat bald nur noch Salat
denn im Gestern wurde der Samen gelegt
für das heutige Wachsen
und das morgige Blühen

wer nämlich nicht
sein Denken bewegt
dem fällt das Sein auf die Haxen
so daß ihm beim laufen
die Gefühle verglühen

nach kurzer Zeit
ist er nur noch Gerippe
auf dem der Wind ein Totenlied pfeift
riskiert als Skelett noch ’ne große Lippe
selbst wenn man ihn schon zur Grabstelle schleift.

© ee

Die Jugendzeit . . .

Die Jugendzeit . . .

Jung ist man nur kurz im Leben
drum sollt’ man nur nach Freude streben
hab immer stets ein fröhlich Herz
dann trägst du leicht den größten Schmerz

denn irgendwann wird’s soweit sein
die Liebe bringt dir große Pein
anschließend sind es andere Sachen
die dir großen Kummer machen

vielleicht kommt auch mal die Traurigkeit
bringt dir wieder sehr viel Leid
doch ein Herz das fröhlich schlägt
das schwerste Schicksal überlebt.

©ee

Mein altes Dorf Inhausersiel …

 

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Mein altes Dorf Inhausersiel …

War das hier eine schöne Zeit
man hatte die Tage so recht zu fassen
was ging von hier das Auge weit
kann dich aus meinem Herz nicht lassen

ich hör die Handorgel noch munkeln
in des Abends schmaler Spur
dann saßen wir bis spät im dunkeln
lauschten Erzählen von mancher Tour

der Rauch vom Feuer zog in Weihen
über den Deich und längs des Tiefs
geduckte Häuser in langen Reihen
es war als wenn das Dorf schon schlief

ab und zu ein heis’res Galpen
als wenn die Nacht sich selbst erschrickt
lautes Schackern – leises Schalpen
als hätt‘ die Zeit die Ruh‘ geschickt

der Himmel war wie seiden Linnen
die Luft strich wie ’ne zarte Hand
uns war als könnten wir nur gewinnen
in diesem wunderbaren Land

vorbei ist all dies schöne Fühlen
dich gibt’s nicht mehr – mein altes Siel
ich muß nun erst mein Herzblut kühlen
sonst steh ich hier gleich und wein‘ und piel.

© ee

Fotos auf https://pixabay.com/de/ thanks

Die Linde . . .

Die Linde . . .

Die Linde ist nicht nur ein Baum
sie ist ein großes Zeichen
sie stand von je in heiligem Raum
in allen nordisch Reichen

Sie stand dort für Gerechtigkeit
für Strafe und für Leben
man kam von nah und fern und weit
um nach Einigkeit zu streben

Im Schatten eines Lindenbaumes
saßen des Volkes weise Richter
sie waren Hüter eines Friedenstraumes
und hatten Volkes Volksgesichter

Es war’n nicht hochgepuschte Junge
es waren weise Alte nur
sie sprachen nicht mit falscher Zunge
von Egoismus keine Spur

Über hunderte von Jahre
war die Linde das Symbol
den Frieden halte und bewahre
du – Mensch – als denkend Ruhepol
.

© ee

Die Heidemühle . . .

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Die Heidemühle . . .

Im Heideland – in Meeres Nähe
einst eine stolze Mühle stand
was zu des Menschen Wohl geschehe
in ihr goldne Gründe fand

Das schwere Korn von reifen Ähren
der Mahlstein macht ’s zu bestem Schrot
des Müllers Wohlstand tat es mehren
ein Teil davon wurde zu Brot

Ein andrer Teil der füllt den Magen
von Kuh und Schwein und Pferd
nach langen harten Arbeitstagen
kommt er auch oft als Brei vom Herd

Er füllet gut der Hühner Kröpfe
verwandelt sich in manches Ei
irgendwann füllt das Huhn die Töpfe
und wiederum ist Grütz‘ dabei

Die Schweine werden fett gefuttert
mit Mehl aus Müllers Mühlenkorn
die Magd am Fasse steht und buttert
und wieder war der Müller vorn

So war bei allem was geschah
der Müller Dreh- und Angelpunkt
so war sich Moor und Meer ganz nah
der Müller stets in Speck getunkt.

©ee

 

Des Rätsels Lösung . . .

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Des Rätsels Lösung . . .

Es heißt der Schuldige ist gefunden
für Vertuschen und Schönfärberei
Schuld sind einzig nur die Kunden
weil die nur kaufen was billig sei

Man mußte sich halt danach geben
verfüttert Aas an Pflanzenfresser
die Industrie konnt’ damit leben
und großen Bauern ging es besser

Es soll nach der Hauruck Methode
die Landwirtschaft sich jetzt verändern
ich fürcht’ – es wird nur eine Mode
mit rot und grün geschmückten Bändern

Hätte man im Lauf der Jahre
Geiern nicht soviel Geld versprochen
so wären sie – oh Gott bewahre
nicht alle in uns reingekrochen

Was heute Unsinn – war vor Jahrzehnten
schon ebenso nicht gut und recht
doch Alle die Moral sie dehnten
und heute wird uns davon schlecht.

© ee

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