Unterwegs.

Unterwegs.

über den fabrikschloten
rauchzöpfe
himmelwärts aufsteigend.

sichtlos milchgelbe fensteraugen
dahinter das stampfen
blindwütig von motoren

aufgesprühtes zwischen graffitiparolen
arbeit macht glücklich,
ewig wunschzerfetzt.

auch mauerabwärts
blüht schwarz das moos
verschwitzt noch in den ritzen

unbeirrbar in meinem tagesstaunen.

© Chr.v.M.

Weißt du noch . . . ???

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.

Weißt du noch . . . ???

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden, sozusagen ein Fall von „Staatsbeschiß – ein Aktenvorgang.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste.

Auch Zöllner sind bloß Menschen. Na ja – hin und her – Ermittlung – Anklage, Gerichtstermin, Ver-urteilung wegen Verstoßes gegen das Staatsmonopol Spritherstellung, Steuerhinterziehung, unerlaubten Handel treiben, und, und, und …

Schicksalhaft oder verschärfend an der ganzen Misere war nur der Zeitpunkt des entdeckt werden – die Tatausführung zu Billiggeldzeiten – der Urteilsspruch zur neuen D-Markzeit. Dreihundert Reichs-Mark Geldstrafe vor der Währungsreform wären gar nicht erwähnenswert gewesen – ein Fliegenschiss auf einem Fußballfeld sozusagen.

Dreihundert D-Mark nach der Währungsreform, die waren schon ein Knaller. Einige Wochen zuvor hatte jeder Deutsche Staatsbürger ja seine 40 DM Kopfgeld erhalten. Weit springen konnten die Menschen damit wahrlich nicht. Den beiden verurteilten Frauen wurde aber großzügigerweise Ratenzahlung eingeräumt: 5,- DM betrug der monatliche Abtrag an die Staatskasse.

Ein paar Tage nach Zustellung des Strafbefehls wurde meine Mutter ins Zollhaus, in die uns nächste Zolldienststelle, nach Rüstersiel einbestellt. Wir Kinder waren voller Angst, dass unsere Mutter nun eingesperrt werden würde. Bevor sie zum Amt ging kam ihr Versprechen, mit dem sie uns unsere Angst nahm. Es hat die Zeit überdauert. „Wenn man mich einsperrt, dann nehme ich euch alle mit. Dann müssen die da auch für euch alle sorgen.“ Danach ging sie zum Amt – und nahm uns alle mit. Im Gänsemarsch zogen wir die mit Klinkern gepflasterte Strasse von Voslapp nach Rüstersiel. Im Zollamt durften wir zwar nicht mit ihr zusammen in das „Allerheiligste“ vordringen, mit uns beschäftigte sich währenddessen ein älterer Zollsekretär in der Wachstube – aber wir waren der Mutter nahe. Als sie das Büro des Leiters verließ, da schwebte sie förmlich über den geölten Steinholzfußboden der Zollrevierwache nur so dahin. Der Amtsvorsteher hatte die Akte meiner Mutter vor ihren Augen zerrissen und die Fetzen mit einem Lächeln ins Nirwana geschickt. Da irren sie jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich immer noch umher. Ihrer Verpflichtung, 300,- D-Mark als „Bußgeld“in die Staatskasse einzuzahlen, war sie damit entledigt worden.

Frau Burmester hat von diesem „Schuldenerlaß auf dem kleinen Dienstwege“ natürlich erst erfahren, nachdem sie treu und brav 60 Monate lang 5 Mark gezahlt hatte. Das war meine Mutter sich selber schuldig, als kleine späte Genugtuung sozusagen.

Ja ja, die Frau Burmester … von ihr gäbe es so manche Begebenheit zu erzählen. Hier ist schon mal eine davon.

Edens hatten immer Haus- und Nutztiere. In Notzeiten ist es eine sichere Gewähr gegen den familieren Hunger. Eine Milchkuh war bei einem befreundeten Bauern im Nachbardorf Sengwarden aufgestallt, zwei Schweine bevölkerten das Jahr über den Hausstall, Karnickel mümmelten sich in den Stallungen an der Hinterhauswand durch ihr Kaninchendasein, eine Koppel Schafe und eine Ziege ließen es sich auf den gepachteten Deichabschnitten zwischen dem Geniusbankdeich und dem Knyphauser Siel, und ein gutes Dutzend Eierleger im Hühnerauslauf gut gehen. Hühner waren es später, in den Middelsfährer Obstgartenjahren, erheblich mehr von der Anzahl her. Von Middelsfähr und dem Obstgarten berichte ich an anderer Stelle ausführlicher.

Hund und Katze und Meerschweinchen zählten zwar auch zur Familie, sie spielten aber ja in Punkto den menschlichen Hunger stillen für uns keine Rolle.

Und wie es denn so war, wir hatten Hühner, Burmester hatten kein Federvieh im Stall. – also wanderten eines Tages zwei Hühner im Korbe als Hungerhilfe von Eden nach Burmester, um auch in deren Haushalt die tägliche Eierversorgung sicherzustellen. Gratis natürlich.

Wie es sich dann eines Tages so ergab – unsere Hühner waren gerade in der Mauser. Eier auf Vorrat gab es bei uns eh nicht, weil irgendwie immer Menschen da waren, die um Mutters Großherzigkeit wussten und die Eier benötigten. Kurz und gut – wir hatten keine Eier im Hause, als meine Schwester Tilde sich mit kochendem Wasser den Arm verbrühte. Um das Entstehen einer Riesen Brandblase zu verhindern musste da rohes Eigelb drauf. Da Frau Burmester wegen ihrer „Sparsamkeit“ bekannt war, hegte Mutti die Hoffnung von ihr ein Ei aus ihrem Vorrat zu bekommen – obwohl für Burmesters 6 Personenhaushalt ja nur zwei Hühner Eier produzierten.

Mathilde wurde mit der Bitte um ein Ei geschickt. Frau Burmester hatte Vorrat – ein Ei wurd’ gegeben und ein wesensbezeichnender Satz gleich dazu: Mama soll mir das Ei aber schnellstmöglich wieder zurückbringen lassen. Dazu erübrigt sich doch jeder Kommentar.

Noch eine Begebenheit möchte ich als Beleg für Frau Burmesters „Sparsamkeit“ anfügen.

Zweimal im Jahr war bei uns im Hause Schlachtfest – jedes Frühjahr und jeden Herbst sprang ein Schwein über die Klinge. Geschlachtet wurde nur in Monaten die ein „Rudolf“ im Namen führen. In den Monaten ohne dieses „r“ war es einfach zu warm.

Die Hausschlachter gingen in den warmen Monaten anderen Tätigkeiten nach – meist in ihren erlernten Berufen, denn Schlachter hatte in der Regel keiner von den mir bekannten Hausschlachtern gelernt. Beim „gelernten“ Schlachter wird das Ergebnis seiner Bemühungen meist vom Profitdenken bestimmt. Beim „Hausschlachter“ alter Prägung dagegen weitgehend von der Geschicklichkeit und dem Geschmack der ihm assistierenden Hausfrau. Das alles aber hat mit Frau Burmester nun nicht das Geringste zu schaffen, obwohl es sich hier auch um die Wurst dreht.

Bei unseren Schlachtfesten bekam jedes der anwesenden Kinder einen Kringel geschenkt. Ein Kringel das ist gut 200 Gramm Mettwurst im Ring. Dieser Kringel gehörte dann jeweils dem Kind, das ihn bekommen hatte. Mettwurst soll allgemein an der Luft trocknen, bevor sie zum Verzehr angeschnitten wird. Für den Trockenvorgang werden die Würste unter der Decke – de Böän – am Schornstein oder auf dem Dachboden aufgehängt zum Reifen. Unsere Kringel hatten meist gar keine Zeit zum Reifen oder Trocknen – wir verzimmerten sie schon meist, kaum dass die Pelle, der Wurstdarm, nach dem Füllen trocken war. Wir brauchten ja nicht sparsam damit umgehen, denn bei uns hingen das ganze Jahr über Mettwürste und Speck- oder Schinkenseiten an der Decke und warteten darauf, den Weg alles Vergänglichen gehen zu können.

Burmesters Kinder Gertrud, Herbert, Hans-Georg und Otto hatten ja schnell gespitzt, dass bei Edens wieder ein Schlachtfest bevorstand und zogen am Abend mit ihren Kringeln beglückt nach Hause.

Als das nächste Schlachtfest angesagt war, da hingen die Kringel der Kinder noch immer in Burmesters Küche an der Decke. Soviel zu Frau Burmesters Sparsamkeit.

Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die auch mit Torf und Schwein zusammenhängt, spielt zwischen Eversmeer, Sengwarden und Voslapp. Mutti konnte sich wegen ihrer Aktivitäten im Moor auch zu den Torfproduzenten und -händlern zählen. Wir besaßen in Ostfriesland Land und Rechte um im Moor Torf abzubauen. Zumeist sollte es für den Eigenbedarf sein – in gewissem Rahmen wurde der Torf aber auch verhandelt. In diesem besagten Fall hieß es Torf gegen fettes Schlachtschwein. Schweineanbieter war der Bauer L. bei Sengwarden. Meine Mutter und der Bauer waren sich schnell handelseinig – und sowieso, man kannte sich ja von diversen anderen Alltags-Geschäften her. Ein Fuder Torf stand gegen ein schlachtreifes Borstenvieh.

Den Torf von Ostfriesland nach Wehlens transportieren, das war kein Problem. Fuhrmann Karl Buntkiel aus Alt-Voslapp war für solcherart Unternehmungen stets der richtige Mann. .Sein alter Frachtwagen mit Holzgasmotor erledigte einfach alles. Der Torf kam vormittags zum Bauern auf den Hof und das Schwein sollte dann im Gegenzug des Abends im Schutze der Dunkelheit über die Besat-zungsgrenze an den Kontrolleuren vorbei nach Voslapp geschafft werden. Von wegen der gesetzwidrigen Schwarzschlachterei. So war es zwischen Mutter Sophie und Bauer L. abgesprochen und mit Handschlag besiegelt worden. Als das Fuder Torf aber des Mittags auf dem Hof lag, da bestand Bauer L. plötzlich darauf, dass das Schwein sofort und in der Tageshelle abtransportiert werden sollte.

Wie meiner Mutter gesteckt worden war, warteten am Kontrollpunkt schon die Besatzer aus der benachbarten Kaserne, um die Sau zu beschlagnahmen. Die Serben hatten auch wohl gewaltig Appetit auf Schweinebraten, der ihnen hier aus der Nachbarschaft angekündigt worden war.

Des Bauern Schlitzohrigkeit hatte ihm vielleicht auch eingegeben, das Schwein über den Grenzposten wiederzubekommen. Frei nach dem Motto, eine Hand wäscht die andere. Er wollte wohl Torf haben und Schwein behalten. Wahrscheins hatte er sich gute Chancen dafür ausgerechnet, denn Mutter Eden war ja mit dem Fuhrmann allein in fremdem Revier, und der Torf lag im großen Haufen auf dem Hof. Solch einen dicken Strich hatte Bauer L. sein Lebtag noch nicht zu Gesicht bekommen, als wie Sophie ihm jetzt einen durch seine Rechnung machte. Er meinte vielleicht Sophie Eden gut und lange genug zu kennen – er kannte sie nicht. Nicht gut und nicht lange genug.

Fuhrmann B. bewachte also nach strikter Weisung den Torf und Mutter trommelte derweil in Voslapp alle Kringelempfängerkinder zusammen und beor-derte sie umgehend ins Nachbardorf. wer von den Nachwuchsvoslappern irgendwie und irgendwo einen Drahtesel auftreiben konnte, der schloß sich spontan diesem Kreuzzug in das zu der Zeit noch jeverländische Kirchdorf an.

Im Nullkommanichts waren die Torfstücke von vielen flinken Kinderhänden wieder aufgeladen und nahmen anschließend, an den sichtlich enttäuschten Besatzerkontolleuren vorbei, den Weg nach Voslapp. Für unseren eigenen Bedarf blieb dann von dem Fuder nicht viel übrig, weil ja die vielen freiwilligen Helfer auch belohnt werden mussten. Die hinterlistige Rechnung des Bauern aus Wehlens war aber jedenfalls nicht aufgegangen. Das war meiner Mutter der Einsatz wert gewesen.

Das man besser erst gar nicht versuchte mit Sophie Eden solcherart Spielchen zu spielen hatte meine Mutter ihm aufgezeigt.

Zumindest das hatte er wohl begriffen, wie er es später einmal sagte, der Bauer L. aus W.. Und am Ende die Freude, dem reichen Landmann die Suppe versalzen und eine Reihe armer Kinder und deren Familien zu einer warmen Küche verholfen zu haben, hat sie, so glaube ich, mehr gewärmt, als wie das größte Fuder Torf es hätte tun können.

Unsere Mutter setzte sich des Abends, wenn wir Kinder zu Bett waren und alles andere versorgt war, auf einem Stuhl vor den Küchenherd. Die Füße steckte sie in den noch warmen Backofen, weil des Nachts der Herd nur eingelegt war, und der sonstige Raum doch zumeist sehr abkühlte. Dann strickte sie, und wenn wir Kinder denn des Morgens zu Potte kommen mussten, weil die Schule uns rief, dann konnte wieder eines von uns ein Paar in der Nacht von ihr gestrickte lange Wollstrümpfe anziehen. Sie reichten uns stets bis hinauf in die Leisten. Wenn dies hier später vielleicht einmal jemand lesen wird, dann mag er wohl staunend sagen, so etwas gibt es nicht. Und doch war es so.

Eine andere Begebenheit möchte ich erzählen, die manch einer auch ins Reich der Fabel abtun würde.

Meine Schwester Meta war nach ihrer Schulzeit in Stellung gegangen. Das heißt, sie war als Magd bei einem Bauern im Jeverland in Arbeit gekommen. Im ersten Winter kam sie am Abend vor ihrem freien Tag spät mit dem Fahrrad nach Hause. Jede zweite Woche gab es in der bäuerlichen Landwirtschaft am Sonntag frei – aber nur immer die Zeit zwischen dem morgendlichen und dem abendlichen Melken. Ihre Kleidung, ihre Wäsche und alles was sonst dazugehörte, das musste zuhause von der Mutter in Ordnung gebracht werden. Erbärmlich war der Zustand meiner Schwester. Völlig durchnässt, völlig durchgefroren und mit Erfrierungen an den Füßen – auch wegen des dünnen Schuhzeugs. Sie war fast unfähig noch laufen zu können. Unten in der Nähstube auf dem Chaiselongue, unserem französischen Prachtmöbel, machte Mama ihr eine Schlafstatt zurecht, auf der sie dann auch sogleich in einen todesähnlichen Schlaf fiel. Sie war total erschöpft. Mutter blieb die ganze Nacht auf und umsorgte ihre Tochter. Sie nutzte die Zeit, um zu nähen und zu stricken. Als meine Schwester des Morgens erwachte, konnte sie ein Paar neue Wollstrümpfe anziehen, die unsere Mutter in der Nacht für sie gestrickt hatte – und sie hatte in den Füßen keinen Frost mehr. Sie war vollkommen beschwerdefrei. Was war geschehen? Mutter hatte die ganze Nacht hindurch mit Urin getränkte Umschläge um die frostgepeinigten Füße ihrer Tochter gewickelt. Sie hatte uns Geschwister deswegen ein paar Mal aus dem Schlaf geholt, wenn ihr für die Behandlung der Urin ausging, damit wir unsere Pipi in einen Topf pinkelten. Ein Wunder war geschehen – so schien es.

Mutter konnte aber auch anders sein. Manches mal grenzten ihre erzieherischen Maßnahmen auch fast an Wunder. Meine jüngste Schwester Helene war ja ihrem Gebaren nach schon eher ein Junge. Sie war unangefochten die Anführerin aller in der Nachbarschaft wohnenden Jungen. Die der Mädchen natürlich auch. Unser Schulweg in Voslapp war eigentlich ein kurzer Weg über eine gute Strasse. Helene mitsamt ihrer Clique benutzte aber einen anderen Schulweg – die Verbindung zwischen und hinter den Siedlungen – den Weg durch die Entwässerungsgräben, die ‘Gubbelschlöte’. Dementsprechend sahen sie natürlich auch alle aus, wenn sie aus der Schule durch den Garten nach Hause gestiefelt kamen. Für unsere Mutter war das immer wieder eine riesige Freude, denn nicht nur Helene stand stets zur Reinigung an – nein, auch ihre Gefährten wurden geschrubbt und die Kleidung gewaschen und geflickt. Ansonsten hätte es nämlich bei den meisten von ihnen zuhause ein Riesendonnerwetter gegeben. Eines Tages nun hatte Mama Sophie einen großartigen Einfall – eine grandiose Idee.

Helene wurde ernsthaft von ihr klargemacht, dass, würde sie noch einmal mit den Kameraden durch die Gräben ziehen, meine Mutter ihr eine Stricknadel in den Hintern stechen würde. Wobei Mama ihr zeigte, bis wie tief der Stich beim ersten und um wie viel tiefer der Stich beim zweiten Mal ausfallen würde. Und da unsere Mutter ja allgemein als eine ernsthaftige Person galt, ging Klein-Helene fortan ganz gesittet den normalen Schulweg über die befestigte Strasse. Dadurch war Helene nun keineswegs zu einer Musterknäbin geworden – aber ein kleines Stückchen mehr Mädchen war sie von da an doch.

So reiht sich ein Kindheitserleben an das andere. Es gibt noch viel zu berichten.

Wenn unsere Mutter von zuhause fort war, was ja nahezu täglich der Fall war, blieben wir Geschwister natürlich allein im Hause bis sie von ihren Geschäften zurückkehrte. Wo sechs Kinder sind, da sind naturgemäß auch viele Freunde. Mutters Leitsatz, wenn sie ging, der war stets: Geht nicht mit euren Schulkameraden nach Hause – ich will, wenn ich wiederkomme, von den Eltern der anderen keine Klagen über euch zu hören bekommen. Ich weiß, ihr seid vernünftig – bringt eure Freunde mit nach Hause – wenn dann mal etwas kaputtgeht, dann habe ich wenigstens keinen Streit mit den anderen Eltern. Diese Regel wurde von uns Geschwistern auch eisern befolgt. Dadurch war bei Edens natürlich immer was los. Langeweile war ein Wort, das uns völlig fremd war. Wir kannten Spiele, von denen heute die Kinder keine blasse Ahnung mehr haben. Sie sind zum größten Teil aus dem Wissen der Menschen verschwunden.

Einige Spielchen und ihre Abfolge möchte ich hier festhalten. Vielleicht leben sie eines Tages wieder auf, und erfreuen die Kinder erneut.

Ganz raffiniert war der „Besuch beim Zahnarzt“. Der Patient setzte sich auf den, mit einer bis zum Fußboden reichenden Decke versehenen und mit Löchern in der Sitzfläche präparierten, Behand-lungsstuhl. Ihm wurde ein Umhang umgelegt – der Kusendoktor schaute ihm mit einem zu einem Spiegel umfunktionierten Tee- oder Kaffeelöffel in den Mund. Es wurde mit dem Löffel geklopft und geguckt – und immer wieder kam die besorgte Frage des Doktors: Spürst Du schon etwas? Die Frage wurde solange mit einem Nein beantwortet, bis der unter dem Stuhl versteckte Mitspieler mit Hilfe einer Stricknadel beim Patienten für mehr oder weniger heftige „Zahnschmerzen“ im Podex sorgte.

Als Patienten konnten natürlich nur immer wieder Neulinge angeworben werden, was die Sache manchmal allerdings etwas schwierig gestaltete.

Der Besuch auf der Sternwarte war ein ebenso beliebtes Neulingsspiel.

Der Besucher durfte auf den Beobachtungsstuhl Platz nehmen. Da Sterne ja nur bei Dunkelheit beobachtet werden können, bekam der Sterngucker zuerst einmal einen blickdichten Militärmantel über den Kopf gehängt. Durch einen Ärmel dieses Mantels sollte dann wie durch ein Fernrohr der Sternenhimmel betrachtet werden. Von außen wurde anschließend immer wieder die Frage gestellt, ob denn schon etwas zu sehen sei. Es war solange ein Nein zu vernehmen, bis einer von uns Außenstehenden einen Topf kalten Wassers in den Mantelärmel entleerte. Keiner der Eingeweihten verriet etwas, damit uns die unwissenden Besucher nicht von der Fahne gingen. Jeder von uns war ja einmal auf der Schadensseite gewesen und alle wollten naturgemäß auch mal auf der Seite der Schadenfreude stehen. Diese Genugtuung wollte sich doch niemand entgehen lassen.

Ein ganz vergessenes Vergnügen war das Spiel, das wir „Schlittenfahren“ nannten. Schlittenfahren im Sommer und ohne Schnee. Irgendwie waren wir die Erfinder der späteren Sommerrodelbahnen.

Für dieses Vergnügen benutzten wir die Matratzen unserer Betten aus den Schlafzimmern im ersten Obergeschoß. Es waren die für diese Zwecke hervorragend geeigneten und ein wenig hartleibigen dreigeteilten Seegrasmatratzen, die zu der Zeit ausserhalb der ländlichen Gebiete schon die Strohsäcke oder –schütten ersetzten, die noch in den Alkoven oder Butzen unserer Großeltern zu finden waren. Die einzelnen Teile dienten uns als Schlitten, auf denen wir immer wieder die Treppe ins Erdgeschoß hinunter „rodelten“. In der Breite füllten sie exakt den Treppenlauf aus. Von dieser Zweckentfremdung der Matratzen durfte unsere Mutter ganz gewiß nichts wissen, das wussten wir. Irgendwann hat sie dann davon erfahren – aber wie gesagt, das war irgendwann – und irgendwann hat sie mir auch einmal erzählt, dass sie davon immer gewusst hat, und dass uns nur nie die Freude am Zuhausebleiben nehmen wollte. Unsere Mutter war schon eine kluge Mutter.

Äußerst beliebt war unter uns Kindern – und da waren es vornehmlich wir Bengels – zur Vorweih-nachtszeit das „Einrauchen“ der Tonpfeifen der Stutenkerle vom Nikolaustag. In Ermangelung originalen Tabaks rollten wir die wintertrockenen Blätter der Hainbuchenhecken und stopften damit die tönernen weißen Pfeifenköpfe, um sie dann mit mehr oder minder großem Erfolg zu schmöken. Mehr oder minder heißt, bei einem „mehr“ war der Erfolg in die Hosen gegangen – bei einem „minder“ beschränkten sich die Folgen auf einen verkorksten Magen und ein grünes Gesicht.

Ein Erleben dieser Art von Häuptlingswürde ist mir besonders lebhaft in der Erinnerung haften geblieben. Unser Stall auf dem Hof hatte über dem Hühnerrefugium einen kleinen Spitzboden unter dem Dachgebälk, auf den wir Kinder uns mit Vorliebe zurückzogen, wenn es etwas zu beschicken oder zu bereden galt, was nicht für die Augen und die Ohren der Großen bestimmt war. In diesem Rückzug von der Alltagswelt fanden auch die ersten Erkundungsstreifzüge in die Gebiete der noch mädchenhaften Weiblichkeiten des anderen Geschlechtes statt. Es waren für uns alle alles prägende Erlebnisse und Erfahrungen – diese noch zaghaften, aber im Nachhinein wunderbaren ersten Schritte in die Erwachsenenwelt hinein.

 

Weißt du noch . . .

 

Die Sommerrosen aus der Zeit –

weißt du noch wie sie rochen?

Die Jugend – sie liegt lang schon weit –

als wir in Hecken uns verkrochen.

 

Ob wir was ausgefressen hatten –

oder weil es bloß so schön,

manchmal war es kühler Schatten –

der uns ließ den Himmel seh’n.

 

Süßgeahnte fremde Welten –

noch nicht gefühltes dunkles Glück,

wie oft begann man uns zu schelten –

zog uns in Unschulds Welt zurück.

 

Doch jedes Riechen prägte Male –

mit jedem Fühlen loderte – zuerst der Kern,

und dann die Schale –

jeder Blick rückte die Kindheit fern.

 

Bis sie in tausend kleinen Stücken

füllte der Jugend engen Raum –

der Kindheitswelt mußt’ man entrücken,

es blieb uns immer nur der Traum.

 

Drum lebe, wenn du Kinder findest –

egal auch wo auf dieser Welt,

den Traum zurück – indem du bindest

die Seele nicht an’s große Geld

 

Ich sehe Feuermale streichen,

der Geist entweichet aus der Flasche –

wenn wir uns nicht die Hände reichen

liegt Unschuld bald in Schutt und Asche.©ee

 

 

Eines schönen Sommertages kam meine schon etwas sehr ältere Kusine Rinelde, die bei uns in der Strasse uns schräg gegenüber wohnte, aufgeregt rufend zu unserer Mutter in die Küche gelaufen. Tant’ Sophie … Tant’ Sophie … euer Hühnerstall brennt. Und tatsächlich – zwischen den roten Dachziegeln stieg intensiver grauer Rauch aus dem Inneren des Stalles auf. Was war die Ursache dieser beängstigenden Rauchentwicklung? Auf dem Hühnerstallboden hockten mein Bruder Hermann mit Gerd Buse und einigen anderen Kriegern – sie rauchten, was das Zeug hielt. So brannte zwar nicht unser Hühnerstall, aber eine überaus kurze Weile später (das jetzt bitte nicht mit dem Begriff ‚kurzweilig’ verwechseln) brannten in den heißesten Lohen die Hintern einiger tapferer Krieger und Friedenspfeifeschmökern. Der böse Zufall wollte es nämlich, dass Gerd Buses Vater Karl das Geschehen ob der Aufgeregtheit meiner Kusine aus erster Hand mitbekommen hatte, weil er gerade auf einen lütten Köhm bei Edens in der Küche weilte. Vater Karl war in seiner Art der Knabenzüchtigung nämlich nicht gerade zimperlich, und seine Pranken waren breiter, als mancher Übeltäter Hintern groß war. Daran konnte dann auch der heftigste Einspruch meiner Mutter nichts ändern. Dieses „Pack Haue“ war aber meines Wissens und nach meiner Erinnerung bei uns damaligen Welterkundlern von vorneherein mit einkalkuliert. Es hat uns auf jeden Fall nicht merklich vom Kurs abgebracht – geschmökt haben wir nach wie vor, eben nur an anderen, an nicht so augenfälligen und gefahrvollen Orten.©ee

 ewaldeden

ein kleiner Teilauszug aus

Verwehte Zeit

Antik-Haus Jever

Antik-Haus Jever

Der Hof von Oldenburg in der jeverschen Stadtmitte – gegenüber des alten Marktes, an der Zufahrt zum Wahrzeichen der Marienstadt, dem wunderschönen Häuptlingsschloss des Fräulein Maria – ist für sich schon eine Sehenswürdigkeit.

Ans Schlosscafe und Hofkonditorei schließt sich nahtlos das Antik-Haus an. Ein Ensemble – wie geschaffen für Augen, die das Besondere lieben. Ebenso wie man bei den Köstlichkeiten der Hofgastro-nomie verweilen muß – genauso wenig kann man am Eingang des Antikhauses vorübergehen.

Die Schönheiten im Innern würden auf jeder Messe einen Preis erringen. Die Ausstattung der Geschäftsräume gleicht dem Inhalt einer riesigen Schatztruhe. Man spürt draußen schon den Sach-verstand und die liebende Hand von Kennern der Materie. Ein Schritt hinein – und der Besucher muß erst einmal innehalten – muß sich die Atmosphäre vergegenwärtigen. Manch einer mag bei den Schlägen einer alten Uhr – oder beim Leuchten einer schmuckvollen Lampe Bilder vom Wohnen seiner Vorfahren in sich fühlen – und vielleicht auch die neue, die nüchterne Zeit mit etwas anderem Empfinden betrachten.

Das Interieur beschränkt sich aber beileibe nicht bloß auf den Bereich des „feinen Wohnens“ – das heißt auf die Einrichtung der guten Stuben – nein, auch aus dem Alltagsbereich wie Küche, Keller und Garten findet der neugierige Sucher liebevoll wiederhergerichtete Gegenstände. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee wird keinem Kunden das Stöbern langweilig werden.

Schauen sie einfach mal rein ins Antik-Haus Jever unweit des Schlosses.©ee

Sternstunden …

Sternstunden …

 

Zur Welt gekommen bin ich in einer Zeit, als es in Deutschland noch gehörig dunkel war. Zwei Tage vor dem heiligen Abend im Jahre 1944.

Hilfreiche Hände holten mich mittels Kaiserschnitts aus dem Bauch meiner Mutter an das funzelige Licht der Notbeleuchtung im Bunker des St. Willehad Hospitals in Wilhelmshaven. Die Kaiserschnittgeburt bewirkte, dass ich am Anbeginn meines Erdendaseins nicht gepresst, gedrückt und verunziert ausschaute, wie andere Neuerdenbürger, die den von Mutter Natur eigentlich dafür vorgesehenen Weg, aus der behüteten Enge das Mutterleibes als Wiege des Lebens, in die Freiheit der Welt nehmen müssen.

Als wollte der Herr des Lebens mein Erscheinen auf der Bühne des Lebens noch besonders herausstellen, hatte er mein Haupt schon gleich mit einer Fülle von lockigen dunklen Haaren geschmückt. Es soll prächtig ausgesehen haben. So wurde es mir in späteren Jahren noch oft erzählt.

Das alles geschah in einer für die Menschen in Deutschland mehr als schwarzen Zeit, zwei fingerbreit vor Weihnachten. Der Ort des Geschehens war ein katholisches Krankenhaus mitten im evangelischen norddeutschen Plattland.

In diesem Krankenhaus gab es als Hausbedienstete zu der Zeit noch nur Ordensschwestern, Nonnen also, die im heutigen Sprachgebrauch auch gerne als „schwarz“ bezeichnet werden. Diese Frauen waren damals in der schlechten Zeit zwischen Tod und Verderben wahrhaftig helle Lichtgestalten. Sie waren einfach weiße Engel. Damit ist es wohl recht getroffen. So haben sie auch an Heilig Abend 1944 mit ihren bescheidenen weil beschränkten Mitteln versucht, in den Köpfen und Herzen der Kranken, der Verwundeten und der Hoffnungslosen am Rande des großen Elends ein wenig den Glauben an ein Ende des Schreckens wiederzuerwecken.

Sie sind in der Heiligen Nacht bei Sirenengeheul und Fliegeralarm mit der hölzernen Krippe aus der Weihnachtsgeschichte von Bettstelle zu Bettstelle gezogen, um die Menschen in den Betten und auf den Notpritschen ein wenig zu trösten. Sie hofften, dass die Patienten den Krieg, der über der Stadt und ringsum im Lande tobte, für ein paar Minuten vergessen würden.

Um dem Wunder von Weihnachten ein lebendiges Gesicht zu geben, hatten sie mich, den gerade Neugeborenen, in die Krippe gelegt. Ich soll so zufrieden ausgeschaut haben, dass viele der Leidenden ein wenig Freude mit in die heilige Nacht genommen haben.

Eine geraume Weile später war dann die Hölle des Tausendjährigen Reiches ausgestanden. Die Bevölkerung des Landes musste aus den tiefen Löchern, in denen sie sich nach den Jahren mit Feuer und Tod noch befand, auf die Ebene des normaltäglichen Zusammenlebens wieder herauskriechen.

Allein mein Vater der wollte nicht mehr kriechen – auch nicht nach oben und ins Leben. Ich kann nur vermuten, dass ihm das bis dahin im Leben erlebte für sein Leben reichte.

Er war mit offener TBC von See und aus dem Kriegsgetümmel an den heimischen Herd zurückgekommen. Er litt an der Schwindsucht, wie die Nachbarn es hinter der Hand nannten. Wenn es denn böse Nachbarn waren, und deren gab es in der Zeit auch schon reichlich – dann riefen sie es ihm und uns auch wohl laut hinterher. Als er denn am 29. im Hornung 1952 seine letzte Piep geschmökt, und den Löffel endgültig aus der Hand gelegt hatte, da war auch diese Zeit vorüber. Menschen sind ja sehr vergesslich, besonders wenn es denn um ihr eigenes Fehlverhalten geht.

Wenn ich jetzt schreiben würde, ab da musste unsere Mutter alleine dafür Sorge tragen, dass auch bei uns das Leben wieder in geordnete Bahnen einmünden konnte, so würde das nicht den Tatsachen entsprechen. Unsere Mutter hatte von Anbeginn ihrer Ehe den größten Teil aller Last getragen. Der ihr Angetraute befand sich ja zumeist in seiner Koje auf See, oder an Land in den Betten irgendwelcher Seemannsbräute auf der nördlichen Halbkugel des Globus. Meiner Mutter war mit dem frühen Dahinscheiden des Vaters ihrer Kinder eine große Erleichterung in den Schoß gefallen. Jetzt war sie offiziell das, was sie zuvor immer schon gezwungenermaßen sein musste, nämlich der „Herr im Hause“ .Sie war ein gütiger Herr im Hause, muß ich hinzufügen (sie versuchte es zumindest zu sein, gelungen ist es ihr freilich nicht immer so ganz). Sie war auch weiterhin, so wie auch die Jahre zuvor, ständig unterwegs, um den Familientopf am kochen zu halten.

Und ich als lütten Büdel – denn ich war ja so etwas wie ein Nachkömmling – war fast überall dabei, und habe mit Kinderaugen in viele „Geschäftsvorgänge“ hineinschauen können, die für das Schauen durch Kinderaugen noch gar nicht bestimmt waren..

Wenn ich so an die Jahre und das Erleben meiner Kinderzeit in der Zeit als die Zeit langsam ein wenig hellerer wurde, nach Rückwärts entlang schaue, dann weiß ich, dass mir da doch ganz häufig etwas zugefallen ist, so etwas wie den Menschen 1944 im Bunkerhospital von St. Willhad.

Ich kann mich an viele dieser Momente erinnern, als wenn das Geschehen erst Gestern war.

So auch, wenn wir – meine Mutter und ich – den ganzen langen Tag in Ostfriesland von Haus zu Haus unterwegs waren. Wir beide mit Mamas altem Drahtesel von Fahrrad. Sie saß auf dem Sattel und strampelte in die Pedale, während ich wie ein Königskind gut in dem an der Lenkstange vor ihr befestigten Weidenkorb aufgehoben war. Bei jedem Wetter waren wir unterwegs, selbst bei Sturm und Hagel.

Die Hintour nach Ostfriesland führte stets über Sillenstede und Jever. Kaufmann Gemblers Gemischtwarenladen in Moorwarfen war der erste Halt auf der Strecke. Hier wurde die erste Ware abgeliefert – der erste Tee und der erste Genever blieben hier zurück und harrten hinter dem Ladentresen auf den Verzehr durch die Endgenießer.

Was meine Mutter von Kaufmann Gembler als Gegenwert dafür bekam, das will mir partout nicht wieder einfallen (oder ich habe es gar nicht zu wissen bekommen) – aber was ich stets auf der ersten Station bekam, DAS meine ich heute noch manchmal auf der Zunge zu schmecken.

In einer solchen Zeit wie der damaligen zweimal die Woche schon des Morgens in der Frühe eine große mit Bonbons gefüllte Spitztüte in die Hände gedrückt zu bekommen – DAS war durchaus NICHT normal, und so etwas vergisst ein Mensch wohl auch sein Lebtag nicht wieder.

Ich habe es jedenfalls nicht vergessen.

Ein paar Kilometer weiter und ganz oft in die Pedale treten später gab es immer den nächsten Halt. Bei einem Onkel von mir, dem Mann einer in 42 verstorbenen Schwester meiner Mutter. Tante Anni war nach der Geburt ihres einzigen Kindes dem Kindbettfieber erlegen. Später habe ich oft gedacht, dass sich Schicksale wiederholen, denn ihr Mann ist einige Jahre später auch einem Fieber erlegen, nämlich dem Suff, dem Alkohol, dem er sich schon früh ergeben hatte. Das ist aber eine oder viele andere Geschichten.

Wo wir anschließend am Tage dann in Ostfriesland auch Station machten – und das waren nicht gerade wenige Privathäuser, Bauernhöfe, Kolonialwarenläden und Krüge (Dorfkrüge, Gaststätten) – überall da fiel ein bisschen was für mich ab.

Und die Welt konnte es mir damals durchaus schon ansehen – ich nannte von klein auf an einen unverkennbaren „Speckbauch“ mein Eigen. Bei einer solchen Verwöhnbeköstigung war es ja aber auch kein Wunder.

Bei meiner Tante Leni, als meiner Mutters jüngster Schwester, in Bernuthsfeld währte der Aufenthalt zumeist ein wenig länger. Essen und Trinken standen schon in der Wohnküche auf der Tafel parat, wenn Mama und ich von der Willmsfelder Chaussee in den Sandweg abbogen, der zu ihrer Hausstelle führte. Ganz gleich, welche Zeit die Uhr auch gerade anzeigte.

Ihr Lebensgefährte, Onkel Gustav, der sorgte schon dafür, dass mir auch genug von der besten Wurst und dem leckersten Schinken zwischen die Zähne geriet.

In seiner Alltagsarbeit war er nämlich Schlachter. Er bestand aber auf der Berufsbezeichnung „Metzger“ – er kam nämlich aus dem Westfälischen und war in den Nachkriegswirren bei Tante Helene wegen oder mit irgendwas „hängengeblieben“. Damit teilte er ja das Schicksal vieler „Nachkriegsmänner“, die irgendwo in Deutschland mit irgendwas hängengeblieben waren. Und sei es nur aus Freude, als Spaß an der Sache sozusagen.

Wenn er mich ansah, dann leuchteten auf jeden Fall seine Augen vor Freude.

Tante Leni sagte irgendwann einmal zu mir: „Wenn Gustav di sücht, denn hööcht hüm dat hoast mehr, as wenn he sükk een moied Schlachtschwien ankikkt“. (Wenn Gustav dich sieht, denn freut es ihn fast mehr, als wenn er sich ein schönes Schlachtschwein ansieht.)

Es war schon eine besondere Zeit damals.

Einzig bei meiner Oma, die ein paar hundert Meter weiter schräg übers Moor wohnte, da gab es nix – nicht für mich und nicht für meine Mutter oder für meine Geschwister zuhause.

Meine Oma die war so was von grannig (geizig) – sie ist trotz ihrer bis zum Bersten gefüllten Speisekammer im Bett verhungert.

Sie duldete auch niemanden in ihrem Hause und um sich herum. Alle Besucher, und damit meinte sie vordergründig ihre Familie, die zu ihr ins Haus kämen, die wollten sie eh nur bestehlen. Das meinte sie wirklich so – und das sagte sie auch jedem Menschen so.

Oma Meta war aber gottseidank eine der großen Ausnahmen in der Reihe meiner Kinderzeiterfahrungen.

Denn wo mich der Weg meiner Mutter sonst auch hinführte, überall haben die Menschen mich etwas Besseres wissen lassen.

Bei Djuren zum Beispiel – da im „Bernuthsfelder Hof“ – da stand für mich bereits ein Glas mit Brause auf dem Tresen, kaum dass man drinnen in der Gaststube Mamas Rad draußen an der Hausmauer klötern gehört hatte. Wer hat als ein Steppke, dessen Nase noch nicht einmal über die Tischkante hinausragte, in dieser Zeit denn schon Brause ausgeschenkt bekommen – und das auch noch in einem echten verräucherten Dorfkrug, in einer richtigen Kneipe.

Des Öfteren ließ Mama mich auch wohl für ein paar Stunden bei den Müllers in Verwahr. Die Müllers hießen Müller, sie waren aber Ackersleute. – es waren nur noch Mutter und Sohn Müller – Vater Müller war aus Rußland nicht wieder heimgekehrt. Er war 1944, trotzdem er Bauer auf eigener Scholle war, in den Krieg gezogen worden, weil er etwas von wahnsinniger Kriegsführung gesagt hatte. Ein Nachbar als strammer Parteigenosse hatte es gehört, und umgehend für die Verschickung gen Osten, an die Front in Feindesland, gesorgt. So war Sohn Renko, obgleich ein noch fast bartloser Jüngling, schon Bauer auf dem Hof an der Willmsfelder Chaussee, direkt am Meerhuser Busch gelegen, geworden.

Mich ließ Mama jedes Mal dort in Verwahr wenn die Zeit sie drängte. Ohne mich als „Vorsitzer“ konnte sie denn doch schneller durchs Moor und zu den abseits gelegenen Hofstellen radeln. Denn ganz gleich wie die Begleitumstände waren, sie durfte keinen Kunden auslassen. Das waren die Menschen in ihren oft Einsiedeleien von Sophie nicht gewohnt, denn viele kannten meine Mutter ja schon als treue und verlässliche Warenzuträgerin aus den Fischhandelstagen meiner Großeltern gleich nach dem ersten Weltkrieg.

Wenn sie mich also „zwischenparkte“, dann bedeutete es für sie eine kurzfristige Erleichterung, und für mich war es das reinste Vergnügen, denn die Müllers hatten scheinbar an mir irgendwie einen Narren gefressen. Ich durfte auf dem Bock des Pferdewagens den Kutscher spielen, Renko brachte mir das sich fortbewegen auf einem Pferderücken bei, das Kühemelken, das Schweinetreiben und viele andere Dinge, die einem Stadtkind unbekannt blieben lehrte er mich. Ich war völlig ungebunden, und konnte eigentlich machen was ich wollte. Dass ich trotzdem ständig unter Kontrolle war, das habe ich in den ganzen Jahren nicht einmal bemerkt. Ich war Renko Müller sein Patzmann, sein Großknecht, wie er mich den Nachbarn gegenüber stets benannte.

Seine Mutter – „Tant’ Müller“ wie sie allgemein nur hieß – machte nur für mich zur Teezeit immer Kakao, weil Großknechte, wie sie es mir stets wiederholte, vom Teetrinken doch eine schlappe Nase bekämen. Dass Großknechte vom „ganz was anderes trinken“ eine „schlappe Nase“ bekamen, das hat sie mir wohlweislich verschwiegen, die Gute.

Der Kakao den sie mir bereitete – Schokolade sagte sie vornehm – der war aber auch vornehm. Aus dem dunkelsten Kakaopulver und Milch, die noch warm von der Kuh war, zubereitet – mit viel Zucker und obenauf dann noch ein ordentlicher Schuß vom gelben Rahm …

Es ist jetzt ja leicht verständlich, dass er mir hervorragend geschmeckt hat, und geholfen hat es ganz sicher auch.

Wenn ich die Erinnerung daran Revue passieren lasse, dann ist mir nach so vielen Jahren immer noch zumute, als wenn mir damals ein Engel übers Herz gepinkelt hat.

Auf halbem Wege von Sandhorst nach Dornum – in Willmsfeld am Abzweig der Strasse nach Neuschoo und gegenüber der ersten mit elektrischer Motorkraft betriebenen Getreidemühle – befand sich der Handel von Kaufmann Jülfs. Bei Jülfs gab es einfach alles zu kaufen, was die Menschen auf dem Lande, abseits der großen Heerstrassen, zur Bewältigung des Alltags benötigten. Das war in der Tat auch damals schon eine gehörige Artikelvielfalt, obwohl die Menschen auf ihren Höfen den kleinen Landstellen zumeist noch Selbstversorger waren, zumindest war es so, was den Bedarf für die menschliche Ernährung, das Futter fürs Vieh und das zum Heizen und Kochen benötigte Brennmaterial betraf.

Kaufmann Jülfs und sein Kolonialwarenladen standen natürlich auch als größerer Posten auf der Kundenliste meiner Mutter. So war das, was mir die Mamsell bei unseren Besuchen im Kontor regelmäßig als Wegzehrung in meine Taschen steckte, mit der Zeit auch zu einem größeren Posten auf meiner Leckereienliste geworden. Es waren jedes Mal Kringels in allen Variationen – mal in Teiggebäck, mal in Schokolade und denn wieder aus Fondantmasse. Je nach Jahreszeit und Festrhythmus. Mama hatte man gerade den Dreh vom Hof herunter in Richtung Eversmeer hinter uns gelassen, da war ich jedes Mal schon den Kringels zu Leibe gerückt. Aufhöre zu gnaueln konnte ich immer erst, wenn alle süßen Kringel den Weg in meinen Bauch gefunden hatten. Obwohl, ich wollte eigentlich es gar nicht, weil ich mir jedes Mal vorher fest vorgenommen hatte, einen Teil davon mit nach Hause zu nehmen.

Nach jedem Tag durch Ostfriesland mussten wir ja des Abends wieder Richtung heimatlicher Haustür, was für meine Mutter oftmals ganz schön beschwerlich war, denn erstens hatte sie ja den Tag über schon zigtausende male in die Pedale getreten und zweitens war die Fracht auf dem Fahrrad ja nicht weniger, sondern auf jeden Fall um einiges schwerer geworden. Waren es des Morgens beim Start von zuhause – ausser ein paar Flaschen Brannt als Schmiermittel für den Fall eventueller Kontrollen zwischen den Ortschaften – nur zehn Pfund schwarzerTee (der teure Herrengenever und die edleren Damenliköre wurden in der Regel mit Jan Peters Omnibus – einem Holzgasveteran der kriegerischen Magerjahre – von Fedderwardergroden Richtung Ostfriesland vorausverfachtet, so dass meine Mutter im Verteilerlager zwischen Plaggenburg und Sandhorst nur noch die Regularien zu kontrollieren und bei Bedarf noch geringe Mengen zu verteilen hatte. Nach getaner Arbeit, das heißt nach erfolgreichem Geschäftsverlauf waren es am Abend dann zweifelsfrei einige Pfünder mehr, die mit uns den Heimweg antraten – ja, antreten mussten, weil der Bremerhavener „Willy“ – so hieß der Jeep des amerikanischen Lieferanten – noch in der halben Nacht den Anteil des Colonels mit zurück nach Bremerhaven, in die US-amerikanische Exklave, nehmen musste.

Ein bestimmtes Quantum an Ware ging an bestimmten Tagen eine Teilstrecke wieder den Weg zurück Richtung heimatlicher Produktionsstätte. Das waren die Tage, an denen Weert, der alte Bäcker Ulferts in Hooksiel, auf bestimmte Spirituosen und eine besondere Sorte von Tee sehnsüchtig wartete. Wenn im Warenbestand außerdem noch Restbestände vom zurückliegenden Tag waren, dann blieben diese komplett in Onkel Weert’s Backstube. Dafür gab es dann für uns Besonderheiten, allesamt von Meisterhand gebacken. Wenn ich in meinem Hochsitz vor dem Lenker spitz bekam, dass Hooksiel voraus lag – es mochte noch so düster und bullerig sein, ich spürte es – denn hatte ich von einer Sekunde auf die andere einen heißen Hintern und vermochte in meinem Korb nicht mehr stillzusitzen. Wenn jemand jetzt nach dem Grund für dieses seltsame Verhalten fragt, dann kann ich es recht schnell und einfach erklären – der Grund das war das Ende von einem frischen, noch ofenwarmen Korinthenstuten, das der alte Bäckermeister einfach so vom Ganzen abbrach und mir in meine kleinen Fäuste drückte, kaum dass wir in der Tür der Backstube standen.

Es konnte noch so schietwettrig und ungemütlich sein – in diesem Moment war es für mich jedes Mal, als wenn in seinem Rücken die Sonne aufging.

Jaja … es hat eine Menge solcher Sternstunden in meinem kleinen Leben gegeben. Ich habe das, glaube ich, so ein wenig als mein Weihrauch, Gold und Myrrhe angesehen, weil die heiligen Drei Könige ja an Heiligabend vierundvierzig nicht zu mir ins Bunkerkrankenhaus an die Krippe kommen konnten.

Die Sternschnuppe – das hellste Licht – das habe in der Mitte der fünfziger Jahre zu sehen bekommen. Es war meine Zeit im Hause Vieth – meine Zeit als Hein Vieth sein Jakomo, wie er mich zeit unseres Zusammenlebens in Erinnerung an eine Figur aus seiner Jugendzeit, stets mit einem warmen Schimmer in seinen Augen, nannte.

Hein Vieth, das war ein Milchmann wie er leider nur noch auf alten Erinnerungsbildern zu finden ist. Die Anfänge seines Handels mit Milch- und Molkereiprodukten waren noch von Pferd und Wagen geprägt, von dessen Ladefläche aus er an den Häusern längs der Strassen all die Kuhsaftköstlichkeiten aus der Molkerei Neuende und später dann die der Hooksieler Meierei unter die darbende Stadtbevölkerung brachte.

Die Verhältnisse änderten sich nach dem Ende der kriegerischen Handlungen allmählich, und allmählich veränderte sich auch die Art und Weise des Viethschen Handels vom ambulanten Strassenverkauf über eine stationäre Holzbude hin zu einem richtigen Ladengeschäft in einem stabilen Gebäude. Aus der fahrbaren Milchverteilerstelle war ein handfester und begehbarer Kaufmannsladen geworden.

Und jetzt kommt das, was mich an dieser Sache persönlich betrifft – das, wodurch die besagte Sternschnuppe für mich sichtbar wurde.

Hein Vieth war durch des Schicksals Fügung und durch Verheiratung meiner Schwester Mathilde mit seinem Sohn Lür ja nun amtlich zum Schwiegervater meiner Schwester erklärt worden. Meine Schwester hat dieses neu entstandene Verwandtschaftsverhältnis für sich nicht immer nur als Glücksfall betrachtet – das weiß ich. Dafür gäbe es ganz sicher auch viele Beispiele anzuführen, die ich aber anderen Geschichten vorbehalten möchte.

Für mich, für mich war es ohne jeden Zweifel ein echter Glücksfall, eben eine Sternschnuppe am sonst oftmals trüben Alltagshimmel.

Meine Mutter betrieb ja seit 1948, seit Einführung der neuen Währung – der D-Mark – keine Schwarzhandels- oder Hamstergeschäfte mehr.

Die US-amerikanische Teequelle in Bremerhaven war durch Intervention der Tommis, wie wir die britischen Militärs umgangssprachlich nannten, der britischen Besatzer unseres Landstriches, endgültig trockengelegt. Infolge dieses Quellenschlusses versiegte auch der ständige Zuckerzufluß aus dem Freihafen in unser Rohstofflager als unabdingbarer Grundstoff für meiner Mutters Destilleriebetrieb. Dadurch war auch ihre profitable Schnapsbrennerei als Einnahmequelle lahmgelegt. Eine unvorhersehbare Karambolage mit nach Schwarzgut fahndenden Grünröcken (Zollbeamten) trug ein Übriges zur Einstellung der Produktion bei. Es konnte in unserem Hause fürderhin nicht mehr gebrannt werden. Allerdings war es sehr zum Leidwesen vieler Genießer von Eden’s Qualitätsbränden landauf und landab.

Dafür verbrachte meine Mutter nun Tag für Tag – oft zwei Schichten lang – an einer von des Herrn P.’s vielen Nähmaschinen, an denen sich das halbe weibliche Wilhelmshaven in den Jahren an dem rauen Tuch der Khaki-Unformen für die Tommisoldaten in aller Welt ihre Finger wund nähten. Das hatte ein paar Jahre zuvor auch keine der Schlicktauischen Frauen geahnt, dass sie einmal für die Krieger der „Erzfeinde“ von jenseits des Kanals deren Klamotten und Kampfanzüge zusammengüddern würden.

Der Mann meiner Mutter war ja nun tot, meine Schwestern und Brüder hatte der Drang des Lebens in alle Winde getrieben, und ich war alleine in unserem Zuhause.

Ich war ein Schlüsselkind geworden, was ja an sich nichts Besonderes und kein Einzelfall in der damaligen Zeit war. Die Anzahl der Kinder, die nach dem Schulunterricht in die Obhut eines Kindergartens gingen, die war im unteren einstelligen Promillebereich angesiedelt. Als Kind in einen Kindergarten zu gehen, das war schon etwas sehr Privilegiertes und in unserem Armeleuteviertel nur ganz wenigen vorbehalten.

Trotzdem gab es für mich kein Herumstreichen und nicht wissen wohin mit der freien Zeit. Ich brauchte meine Tage nicht mit gefahrvollen Lausbubenunternehmungen ausfüllen. Da hat mich der Himmel vor bewahrt – ich hatte ja Hein Vieth und seinen Klüterladen.

Jeden Mittag nach der Schule nahm ich Kurs auf das Vieth’sche Anwesen, um Onkel Hein bei seinen Geschäften zur Hand zu gehen. Zu tun gab es für mich da immer etwas.

Was an Produkten im Laden über den Tresen ging, das war ja in seiner Darreichungsform oder in der Art der Verpackung von den in der heutigen Zeit gehandelten Artikeln selbst bei gleicher Substanz himmelweit entfernt. Wer es von den Heutigen zu damaliger Zeit nicht noch erlebt hat, der vermag sich das Szenario eines solchen Geschäftes nur schwer bis gar nicht mehr vorzustellen. Die meisten Waren und Dinge des täglichen Bedarfs waren lose, das heißt als Sackware, in Verkehr. Das Wort „Verpackungsindustrie“ schrieb der Handel noch sehr klein. Es besaß noch kein Börsengewicht in der Wirtschaft.

Ich habe in dieser Zeit bei Hein Vieth in Bereiche des Lebens reinschnuppern und Fertigkeiten erlernen dürfen, die mir ohne diese Verbindung wohl nie so zuteil geworden wären. Wer kann denn heute noch Tüten – Papiertüten natürlich – durch kunstvolles Falten gekonnt schließen. Bei den seidenpapierigen Kekstüten gab ich mir stets besondere Mühe, denn wenn sich die Hausfrauen und Mütter schon die Pfennige vom kargen Haushaltsgeld abknappsten, um an bestimmten Tagen oder zu besonderen Anlässen ihren Lieben die Teetafel mit hauchzartem Gebäck von XOX, Trüller oder auch Bahlsen verlockender zu gestalten, dann hatte auch das Eintüten im Kaufmannsladen eine besondere Mühe verdient. So habe ich es in meinem Kindermenschenverstand damals wohl empfunden. Vielleicht war es aber auch nur die Freude an allem Schönen, das ich dann auch noch mit meinen kleinen Händen selber zu formen imstande war.

Auch bei einer anderen „Fertigkeit“ hätte ich ganz sicher Weltmeisterwürden erringen können, wenn in der Disziplin derartige Wettkämpfe ausgetragen worden wären. „Underberg-Fläschchen mundfertig vorbereiten“ hätte dann die Bezeichnung dieser „Sportart“ lauten müssen.

Von diesen kleinen Seelentröstern mit ihrem hochprozentigen kräuterigen Innenleben musste ich nämlich des Mittags und des Abends jeweils den Inhalt eines Kartons (das waren immerhin 28 Mini-Buddeln) mundgerecht vorbereiten. Das heißt, ich musste an den Flaschenhälsen die bräunliche Papierumhüllung entfernen und die roten Schraubverschlüsse voröffnen, damit Onkel Hein im Bedarfsfall schnell seinen Pegel wieder auffüllen konnte. Er brauchte sich dann nicht unnötig lange mit dem „Vorspiel“ aufzuhalten, wie er mir einmal erklärte. Wenn mir das späterhin in den Sinn kam, dann habe ich manchmal gedacht, dass ihm dadurch sicher so mancher freudige Augenblick entgangen ist.

Die Gebinde, die Faltkartons, waren im dunkleren Teil des Ladens hinter einer Waage versteckt, denn die „Inhalationen“ die musste die Kundschaft vor dem Tresen ja nicht unbedingt mitbekommen.

Vom „Underberg“ soll man für sein Wohlbefinden ja auch heute noch täglich zwei Fläschchen genießen. Dieses „zwei davon trinken“ hat Onkel Hein wahrscheinlich auf seine eigene Art ausgelegt. Angemerkt hat man ihm das nie – nur seine Leber, die hatte wohl jeden Schluck des niederrheinischen Kräuterelixiers notiert, und hat sich, als ihr Maß voll war, in einem relativ noch jungen Rentenalter einfach abgestellt. Ich hätte ihm gerne ein längeres Verweilen auf seinem Waller Altersruhesitz gegönnt, denn was er in seinem (zu kurzen) Verweilen in dieser Welt allein schon mir an Gutem getan hat, allein dafür sitzt er jetzt im Paradies inmitten einer ewiggroßen Schar von kleinen Underbergfläschchen.

Seine Guttaten beschränkten sich ja nicht alleine auf das, was er mir in meinen Prägejahren an Künsten und Fertigkeiten vermittelt hat – die reichten ja viel tiefer ins tägliche Leben hinein.

Jeden Abend, wenn die Uhr sieben geschlagen hatte, dann wurde der Schlüssel im Schloss der Ladentüre umgedreht. Ladenschluß war gesetzlich um 19 Uhr. Da gab es keine Ausnahme von der Regel. Bevor es denn ans Reinemachen ging – im Laden war allerhand sauber zumachen – stand erst einmal das Abendessen auf der Tafel im Esszimmer. Ein Esszimmer gab es damals schon im Hause Vieth. Die Familie wurzelte ja schließlich in bremischen großbäuerlichen Verhältnissen. Es wurde im Hause Vieth nicht profan am Tisch in der Wohnküche gegessen, so wie es in den anderen Voslapper Haushalten geschah, nein, es wurde getafelt. Was da nämlich bei jeder Mahlzeit ablief, das ist nicht einfach nur mit Hunger stillen zu bezeichnen.

Ich habe es immer wieder und oft nicht fassen können, was meinen Augen, meiner Nase, meinem Gaumen und letztendlich meinem Bauch da an Köstlichkeiten geboten wurde. Alles war stilvoll und edel und doch kein bisschen Etepetete – na ja, von Frau Meta einmal abgesehen, die hätte es mit Sicherheit manchmal etwas weniger rustikal gehabt – mehr mit dem Flair eines Bremer Bürgerhauses. Da konnte sie sich aber anstrengen wie sie wollte und tun was sie wollte – Onkel Hein blieb seiner Schlemmernatur treu. Etwas anderes hätte auch gar nicht ins Bild gepasst, so wie er in dem Halbrund des gewaltigen Sofas hinter dem Tisch mit der ovalen Wurzelholzplatte thronte.

Die Menschen, mit denen ich es in den Anfangsjahren meines Lebens tagtäglich zu tun hatte, von denen hatte nicht einer jemals so etwas gesehen – geschweige denn, es auch noch in einer solchen Art genießen dürfen.

Wenn ich dann nach dem Abendbrot (fast hätte ich „Abendmahl“ geschrieben – das wäre denn aber doch wohl ein wenig zu hoch angesiedelt gewesen) und dem Aufklaren im Laden mit müden Gliedern und vollem Bauch nach heimwärts strebte, dann war ich ja von allen Seiten mit allem Möglichen bepackt. Bepackt mit alledem, was Mama und ich so an Nahrungsmitteln zum Leben benötigten.

Ich habe wohl nie Geld für meine Anwesenheit im Hause Vieth in die Hände bekommen – aber die „Naturalien“ die machten mehr an Wert aus, als so mancher Familienvater nach täglich harter Arbeit nach Hause brachte.

Dadurch habe ich in den Jahren gewiß manchen Stern zu Gesicht bekommen, von dem viele andere gar nicht wussten, dass diese Sterne überhaupt am Himmel standen.©ee

 

ewaldeden©2013

auch zu finden auf * Platt * auf unsere Seite hier : https://christinvonmargenburg.wordpress.com/inventur-der-gedanken/schrievhuus/

Schrievhuus

mit vielen weiteren Erzählungen und Gedichten in Platt.

Der Zirkus ist da .

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Der Zirkus ist da.

E in Ruf geht durch die Strassen –
am Dorfrand wird es bunt,
jeder soll Arbeit ruhen lassen –
für Stunden geht die Kurzweil rund.

Die Augen sehen Zirkusluft –
die Ohren hör’n Vergangenheit,
in Nasen da steigt fremder Duft –
Erinnerung macht Herzen weit.

Menschen sind aus vielen Winden –
herbeigeeilt von ganz weit her,
hier kann man das Glück noch finden –
Lachen läuft wohl kreuz und quer.

Träume flimmern – fremde Laute
fliegen durch den Sommertag –
dazwischen auch wohl altvertraute
Töne – wie ein Glockenschlag.

Für Stunden ist die Zeit verschwunden –
zeitlang ist man wieder Kind,
Jugendträume losgebunden –
wiegen sich im Sommerwind.

Tiere wie aus Märchenbüchern –
ziehen rund in der Manege,
fahrend’ Volk in wehend Tüchern –
tanzt mit Raubvieh im Gehege.

Der letzte Beifall ist verweht –
der Hut geht durch der Klatscher Rund,
das Baashaupt in der Mitte steht –
tut auch schon den Abschied kund.

So famos wie sie gekommen –
ebenso leise gehen sie,
sie haben keinem was genommen –
bloß Freud’ für alle brachten sie.

© ee

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Die Welt.

Die Welt

Die Welt sie ist nur Schall –

die Welt sie ist nur Rauch,
und übelriechend ist sie auch.
Stellt sich oft schellackglänzend dar,
geschmückt mit fremder Häupter Haar.

Surft um die Erd‘ auf machterheischend‘ Kufen
durchbrettert Wänd‘ und überwindet Stufen.
Es stört sie nicht die Klag‘ der Opfer Massen,
sie prostet sich – man kann‘s nicht fassen –

sich selbst noch hochzufrieden zu.

Was soll aus einer Welt nur werden
die fern von jeglicher Moral
des Teufels Werk verricht‘t auf Erden
und Menscheit führt ins Jammertal …

©ee

2021-09-10

Die Malerin.

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Die Malerin.

I ch sehe bunte Bilder wehen
in lieblichsten Farben

und sattesten Tönen von zarter Hand
auf die Leinwand gebracht

wie flammende Sterne
in finsterster Nacht

ich sehe leuchtendes himmlisches Blau
wie man es selten kann finden

ich sehe das lockende Rot einer Frau
mit dem sie die Liebe will binden

ich sehe das keimende Grün junger Blätter
seh’ Knospen von blühenden Linden

in sonnengelb strahlendem Frühlingswetter
ich seh’ nach Lavendel duftende Heide

seh’ rosarot schwebende Wölkchen
ach wie ich das Weiss des Flieders beneide

und die in ihm
sich tummelnden Schmetterlingswölkchen

darüber spannt sich ein Regenbogen
wie ein beschützendes göttliches Dach

lärmende Welt hat sich zurückgezogen
es gibt nur noch Stille

verschwunden der Krach.

© ee

Foto auf https://pixabay.com/de/

merci

Zwischen Tag und Tau . . .

Zwischen Tag und Tau . . .

Zu Wasser wird der Reif der Nacht
er tröpfelt von den Bäumen
sobald die Sonn’ vom Schlaf erwacht
erweckt aus ihren Träumen

An allen Blättern blank es blitzt
wie Licht von tausend Kerzen
die Sonne durch die Zweige flitzt
das Dunkel auszumerzen

Es steigt zum Himmel wie ein Dom
der Odem kühler Nächte

wie Hauch von einem Riesengnom
aus dunkler Täler Schächte

Die Sonne taucht in gold’nes Blau
den neuen jungen Morgen
dem Tag klar in die Augen schau
verscheuch’ die alten Sorgen
.

© ee

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist grass-3375344_640.jpg.

Hast du schon mal ???

Hast du schon mal deine Grenzen geseh’n
die Mauer des Könnens gespürt
kannst Leben aufrecht nur besteh’n
wenn die Seele deine Taten führet

Jeden Tag im Gesternlicht
sollt’ man wiederholen können
ohne das Charakter bricht
ohne das die Sünden brennen

Das Wollen dehne weiter aus
wie deine Kräfte reichen
dann kommt kein falscher Zug ins Haus
und links und rechts sich gleichen

© ee