unsere Schreibwerkstatt 3

Verwehte Zeit

Verwehte Zeit

am 01. Januar  – 0.45 Uhr

D ie ersten Minuten des neuen Jahres sind gerade verstrichen. Was mag wohl kommen – helle Zeit? Dunkle Stunden?

Der Bauch gibt auch keine Antwort. Sonst be-stimmt er schon mal die Richtung. Heute Nacht muß er sich vielleicht erst einmal umschauen.

Wenn ich so die Entwicklung des Miteinander der Menschen nicht nur mit ihresgleichen, sondern auch mit anderen Geschöpfen vergleiche, dann wird es mir doch – na – ein wenig mulmig oder so zu Mute.

Siehste, ich muß nur die Gedanken der Realität zuwenden, und schon spricht der Bauch auch wie-der ein Wörtchen mit.

Die Kompressorphase ist für ein Jahr wieder vorbei. Wenn heute, am späten Neujahrstag, die Köpfe wieder klarer werden, dann ist mit dem Rausch der Silvesternacht auch das Gefühl, Mensch – Mitmensch sein zu müssen bis zum nächsten Weihnachtsfest vorüber. Gerade in der Silvester-nacht von kurz vor Mitternacht, diese hirnlosen Gestalten mit ihren Böllern und Krachern – die Angst der Tiere vor etwas Unbekanntem, Bösem.

Auf einmal verspüre ich das Bedürfen, nach irgend-wo auf dem nördlichen Erdkreis – in eine einsame Hütte und sonst nur Natur.

Jetzt sitze ich schon wieder hier, mit Schreiber und Papier. 5 Uhr 45 min zeigt die Uhr. Ich war schon unterwegs ins Nachbardorf. Um einem lieben Mitmenschen, der heute Geburtstag hat, einen Gruß und Glückwünsche in seinen Briefkasten zu füllen. Es wäre eigentlich ein wunderschöner Morgen – man ahnt es. Was man aber sieht und fühlt und riecht hat mehr Ähnlichkeit mit Krieges Schlachten und Vernichtung. Pulvergeruch, Natur voller Müll und torkelnde Gestalten, die meist im Moment nicht einmal wissen, wo sie denn hingehören.

Ich komme mir fast vor wie ein Schwarzseher, aber wer mit wachen Sinnen und ohne Spritnebel im Kopf die zweite Dezemberhälfte rückbetrachtet, der sieht nichts anderes. Das soll für heute Nacht genug sein. Ich werde jetzt ein gutes Frühstück zubereiten, auf das sich alle freuen – und der Bauch kommt dann auch auf andere Gedanken.

Gerade haben ich den Innenhof und die Strassenfläche vor unserem und des Nachbarn Grundstück von der Hinterlassenschaft der Silvesterknallerei befreit. Dabei hat keiner aus unserem Hause so ein Spektakelding in der Hand gehabt – und der Nachbar ist überhaupt nicht am Orte. Was die Feiernden sich da geleistet haben, dafür gibt es nur eine Bezeichnung: Es ist unter aller Sau.

Bei uns im speziellen Fall waren es jüngere bis ganz junge Menschen. Zum größten Teil auch noch ohne Anstellung, arbeitslos und von öffentlicher Sozialleistung lebend und dabei Unmengen Geldes für Feuerwerkskörper und Alkoholika ausgebend. Woher haben sie es nur, frage ich mich des öfteren?

Und das Alles geschieht völlig ohne auch nur ein bisschen Ordnungsgefühl. Rücksichtnahme auf An-dere ist unter den unbekannten Fremdwörtern angesiedelt.

Das gängige Motto lautet immer öfter und immer lauter: Ich will Spaß !!!

Wobei ich wohl sehe, dass die Ursache nicht bei den jungen Menschen, die sich so verhalten, zu suchen ist. Da muß man den Faden nach rückwärts verfolgen – aber trotzdem, Grenzen müssen gezogen und Pflöcke müssen eingeschlagen werden. Ganz konsequent. Auch wenn sich die jungen Menschen daran mal Beulen und Schrammen holen. Meist geschieht es dann sowieso nur einmal.

Jetzt bin ich ein wenig ins philosophieren geraten, was ich so gar nicht wollte.

Die Sonne scheint, die Mücken tanzen … nein, soweit ist es noch nicht. Aber Plus-Temperaturen, die haben wir doch schon – und im Blumengarten stecken Stauden-, Knollen- und Zwiebelpflanzen die Köpfe und Triebspitzen durch die Erdkrume. Es ist ein sehr bißchen früh im Jahreslauf. Wehe, wehe es kommt der Papa Frost plötzlich angestiefelt, und die Natur hat kein Flöckchen Schnee als schützende Haut!

Jetzt muß das restliche Laub des vergangenen Herbstes zusammengeharkt werden, damit alles Sprießende bei einem Kälteeinbruch nicht einen zu heftigen Knacks bekommt.

In der Küche wird Chikoree geputzt – das erste Mittagsgemüse im neuen Jahr. Damit wären wir wieder beim Bauch angelangt – und der muß auch die Richtung gezeigt bekommen.

Soeben läutet das Telefon. Neujahrsgeläute.

Brigitte aus Solingen ist am anderen Ende des Drahtes. Alles Gute zum Neuen Jahr hin und her – und sie fährt am Nachmittag nach Düsseldorf. Sie will zu ihrer „Omi“, zu meiner Mutter. Brigitte sorgt sich um die Omi. Ich verspüre große Erleichterung. Ich sorge mich auch um meine Mama – ich wohne aber 15mal soweit von ihr entfernt, und so ist Brigitte ein wenig mein verlängerter Arm des Sorgens. So etwas ist tröstlich zu wissen.

Meine Geschwister wohnen zum Teil in greifbarer Nähe um die Mutter herum – es besteht aber kein Drang, sich ein wenig um sie zu kümmern. Sie ziehen es vor, sich gegenseitig zu hassen und sich immer wieder in die Haare zu geraten – um das dann als Vorwand herauszustellen, sich ja gar nicht um die Mutter kümmern zu können, weil – oh, wie praktisch – einer der Streithähne oder Hasser ja bei der Mutter im Hause wohnt. Es ist gerade auch noch derjenige, der die Welt um sich herum nur akzeptiert, wenn sie zu seinen Füßen kriecht, und der sich sonst einen Scheißdreck um irgendetwas kümmert. Vom Charakter und von der Courage und von der Gebrauchsfähigkeit her ist er mit Hut so groß wie ein abgebranntes Zündholz. Schwächeren und Unterlegenen gegenüber erweist er sich aber zunehmend als ein Tyrann.

Ich darf es so sagen, denn ich habe selber Jahre unter ihm – wie kann ich es sagen – zugebracht? Jaaa … zugebracht ist wohl das rechte Benennen. Gelitten habe ich auch, natürlich, aber so will ich es nicht bezeichnen. Ich will darüber ja auch keine Klage führen – ich war ja alt genug. Ich war erwachsen, wie es in der Erwachsenensprache lapidar heißt.

Ich habe lange dafür gebraucht, um mir das alles selber verständlich zu machen. Ich muß es jetzt einfach zu Papier bringen. Vielleicht um ein wenig von der Last des Geschehenen auf diese Blätter abzuladen – vielleicht, um anderen Menschen, die Opfer wurden und heute und bis an ihr Ende Opfer sein werden, irgendwann einmal Hilfe zu leisten bei ihrer Suche nach den Ursachen ihrer Verletzungen, nach dem Beginn ihrer Irritationen.

Eigentlich sollte es am Anfang – in den ersten Minuten des neuen Jahres – nur ein Brief, sollten es nur ein paar Zeilen an einige liebe und vertraute Mitmenschen werden.

Auf einmal war es der Vorsatz fürs neue Jahr die Geschichte, meine Geschichte, Revue passieren zu lassen – nicht der Reihe nach geordnet, sondern so, wie mir das Vergangene gerade in den Sinn kommt. Wer und wessen Tun aus der Erinnerung heraus mir gerade so einfällt, denn irgendwie ist doch letztendlich alles miteinander verwoben.

Brigitte hat ihre Omi gestern Abend mit nach Solingen genommen. In Düsseldorf hat sie einen Zettel auf den Küchentisch gelegt: „komme morgen Abend zurück. Mutter“.

Damit dort keine Suchaktion gestartet wird. Vermißt wird sie von Hermann eh nicht. Solange die Mutter nur buchmäßig in Grafenberg geführt wird, solange braucht er nicht um sein preiswertes warmes Nest zu bangen.

Sobald die Mutter in anderer Umgebung ist, spürt man greifbar, wie sie auftaut.

Brigitte hat für das Düsseldorfer Domizil Schlüssel nachmachen lassen. Damit wir nicht immer hilflos am äußeren Zaun stehen – als Zaungäste in des Wortes Sinn.

Wenn jemand die Mutter besuchen will, dann mußte er bislang nämlich vorher telefonieren, damit das äußere Tor geöffnet wird. Das hinterhältige Denken an der Sache ist nur, der liebe Sohnemann Hermann stellt die Läute des Telefons so leise, dass selbst ein junger Mensch mit Gutgehör die Töne nicht wahrnimmt. Das ist auch eine Taktik, um Kontakte der Mutter mit der Außen- und Mitwelt zu verhindern oder zumindest stark einzuschränken bzw. sie zu kontrollieren.

Diese Verhaltensweise ruft bei mir Erinnerungen wach, die sich weitgehend mit den jetzigen Abläufen decken.

Ja … die Erinnerungen. Mein Bruder Hermann und ich haben jahrelang Tag für Tag gemeinsam gewer-kelt. Aber so in der Rückschau betrachtet war er immer der Reiter und ich immer der Esel. Nie hat uns jemand in vertauschten Positionen gesehen. Wie sollte es denn auch, ein Esel als Reiter – das ist doch sowieso unmöglich.

So war es bis zu dem Zeitpunkt, als der Esel seinen Reiter abgeworfen hat und selbständig anfing die Richtung zu finden. Von der Stunde an war etwas zwischen uns Brüdern zerbrochen. Gott sei Dank.

Um auf die teuflische Taktik zurückzukommen – wenn sich zwischen mir und einem anderen Menschen eine Beziehung anbahnte, dann wurde sie vordergründig von meinem lieben Bruder tatkräftig unterstützt – und, wenn es keiner sah, mit den fiesesten Tricks wieder zum Zerbrechen gebracht. Das Arbeitspferd musste ihm ja erhalten bleiben.

Nach vielen, vielen Erniedrigungen wollte ich dann eines Tages wenigstens einen Minimallohn für die tägliche Schinderei haben. Seine Antwort auf meine Forderung nach einem kleinen Pauschallohn steht noch heute wie ein Feuerzeichen über unserem jahrelangen Zusammenleben: Ich brauche jemand, der für mich arbeitet – Geld kassieren, das kann ich selber.

Das war dann der Moment, in dem ich auf zwei Beinen zu stehen kam.

1972 war es – ich war inzwischen wieder nach Düsseldorf gezogen. Mein Stiefvater Paul (Michel) war Mitte des Jahres verstorben, da holte meine Mutter meinen Bruder aus dem Säufersumpf, in den er nach meiner Trennung von ihm völlig abgesackt war (es fehlte ihm ja das Geld, das ich über die Jahre täglich für ihn und seine Saufkumpane erarbeitet hatte) zu sich nach Düsseldorf. Es sollte wieder ein schicksalhafter Punkt in ihrem Leben und ein großer Fehler sein – wie es sich später als nächste Leidensetappe ihres Lebens erwies.

Ich glaube, all dieses Geschehen ist auf unserem Weg, den wir über diese Erde gehen, von Anbeginn vorgezeichnet.

In ihrem jungen Leben, von ihrer Heirat an, war unsere Mutter Sklavin ihres Ehemannes, des See-manns Hermann Eduard Meino Eden, aus Friederikensiel in der alten Schule gebürtig. Sie musste immer nur arbeiten, Kinder kriegen, schuften, Kinder kriegen, zusätzlich fremder Leuts Kinder großziehen, arbeiten, schuften – DAS war ihr junges Leben!

6 Kinder hat sie selber geboren. Ein Haus im Moor, in Eversmeer/Ostfriesland, mit ihren eigenen Händen (mit Unterstützung der Nachbarn) gebaut – immer für ALLES gesorgt. Wohlgemerkt, unsere Mutter. Der Vater war ja „Saylord“ – immer auf See und immer weit weg. Wenn sein Schiff zum Löschen des Fanges im Emder Hafen lag, wurde die kurze Stippvisite ins Familienheim dazu genutzt, um mit der Ehefrau ein neues Kind zu zeugen, und gleich darauf wieder in See zu stechen. In den nordeuropäischen Häfen vergnügte er sich dann mit den vielen diversen Hafenbräuten und stach auch fleißig woanders hin. Das Geld dafür stand ihm ja in Fülle zur Verfügung. Den Unterhalt der Zuhausefamilie bestritt nämlich komplett die angetraute Ehefrau – unsere Mutter. Sie hat von der Heuer ihres Mannes nie auch nur einen Pfennig in der Familienbörse landen sehen.

Übermenschliches hat Sophie Eden in ihrem Leben geleistet. Wenn man es schreibt, beschreibt, weiter-erzählt … man muß immer wieder nur ungläubig staunen. Wenn ich nicht wüsste, dass es wahr ist und ich würde es von anderen nur hören – ich würde es wohl ins Reich der Fabeln einordnen.

Das Moor und der Wald haben meine Mutter geformt. Der Handel mit allen möglichen Gütern – der Umgang mit Menschen aller Gesellschafts-schichten – das alles hat sie geschliffen und ihren Witz und ihre Weltläufigkeit geprägt.

Ihre Fähigkeit mit Belastungen fertig zu werden und das Leid anderer Menschen zu tragen, die war wohl gottgewollt. Unsere Mutter ging mit den Kindern morgens ins Moor, stets nachdem die Tiere, die Kinder und der Haushalt versorgt waren (immer in dieser Reihenfolge geschah es).

Wenn sie ins Moor zum Torfhocken ging, dann erbrachte sie eine Tagesleistung von 26 tausend Stück Torf. Das war damals eine Inflation von Ziffern, auf die Arbeitsleistung eines Menschen bezogen.

Das Mittagsmahl für die Kinder und sich gab es stets auf dem Feld. Des Abends hieß es dann wieder Vieh, Kinder, Haushalt. Und dann?

Feierabend, Muße? Denkste!

Ran an die Nähmaschine – schneidern und nähen für fremde Leute, damit der Lebensunterhalt bestrit-ten werden konnte. Für die eigenen Kinder nähen, stopfen und stricken war für sie die selbstverständlichste Nebenbeipflicht der Welt.

Ihr Schlafbedürfnis befriedigte sie mal eben so zwischendurch – in Viertelstundenintervallen, an der Nähmaschine sitzend, mit dem Kopf in der Armbeuge. Es war schier unglaublich – meine Mutter konnte einfach ALLES – nichts schien für sie unmöglich zu sein.

Das läuft mir immer wieder durch den Kopf, wenn sie noch Heute – 86jährig – mit mir auf die Baustel-len geht, und – was macht? Arbeiten natürlich.

Selbst der Umgang mit den neuesten Techniken bereitet ihr keine Probleme. Von meiner Mutter habe ich – ich sage es mal einfach so – ALLES. Alles geerbt oder gelernt, oder zumindest die Befähigung vieles zu lernen. Ihre geistigen, sinn- und auch übersinnlichen Fähigkeiten, ihr handwerkliches Geschick, ihre Gabe mit Menschen umzugehen, und nicht zuletzt das ‚sich für Andere bei Anderen einzusetzen’.

Den Sinn, Ereignisse vorauszuspüren, die Gabe, selbst in den trockensten Wüsten Wasser zu finden – einfach alles.

Sie hat an mich aber auch zugleich die Unfähigkeit weitergegeben, das eigne Wohl gegenüber anderen durchzusetzen. Aber was soll ich machen – auch damit lebe ich. Und ich habe von ihr das Gespür für und die Liebe zur Natur mitbekommen – dafür bin ich besonders dankbar, und werde es immer sein.

Ich verspüre Magenschmerzen – Muttis Anrufe las-sen immer mehr ihre seelische Not erkennen. Sie leidet unendlich unter Bruder Hermann. Nicht, dass er sie schlägt oder anderswie verbal Gewalt antut – das ist vor einigen Jahren nur einmal geschehen (natürlich war das einmal zuviel)

Des Nachts und betrunken hat er sie geschlagen. Noch in der Nacht bin ich nach Düsseldorf gefahren und habe ihn in seiner Stammkneipe aufgesucht, seine vordergründigen Freundschaftsbezeugungen abgewehrt und ihn öffentlich zur Rede gestellt. Obwohl er da schon wieder unter Strom stand, hat er es begriffen. Er hatte begriffen, dass ich es ernst meinte mit meiner Drohung ihn umzubringen, wenn er sich noch einmal dazu hinreißen lassen würde, meine Mutter zu schlagen.

Jetzt hat er die Kassette mit Mutters persönlichen Papieren in seinem Zimmer eingeschlossen. Sie kommt nicht an ihre Papiere und Erinnerungen heran. Dabei sitzt sie in den langen Stunden des Alleinseins oft in ihrem Zimmer und lebt in ihren Erinnerungen.

Ich fühle es – sie kommt mir entmündigt und geknebelt vor. Ein unhaltbarer Zustand. Obendrein haben Hermann und seine Freundin sich erdreistet, das Testament, die letztwillige Verfügung der Mut-ter zu öffnen. Ungeheuerlich. Ich muß in den näch-sten Tagen etwas unternehmen. Ich muß meinen Bruder bremsen, bevor er noch ein weiteres Leben mutwillig zerstört.

Und immer wieder kriecht in mir die Erinnerung an mein Nichteinmischen vor langen Jahren ins Bewusstsein – besonders eine Begebenheit in der damaligen Wohnung in Mittelhöhscheid.

Hermann und ich kamen nachmittags nach Hause – natürlich nicht auf direktem Wege von der Baustelle, sondern aus Fischers Kneipe, der „Kohlsberger Höhe“.

In der Kneipe war die Stimmung gut gewesen. Die meines Bruders zumindest. Ab und an mein leises Begehren, doch endlich nach Hause zu fahren, ließ bei ihm schon Unmut aufkommen. Und noch ein Mehr erahnen. Zuhause angekommen – meine Schwägerin verlor vielleicht ein Wort des Bedauerns über das mittlerweile kalt gewordene Essen – und schon krachte es. An dem Nachmittag hat mein Bruder seine Frau verprügelt, ja regelrecht misshandelt.

Einfache Schläge reichten ihm offenbar nicht mehr. Seine Frau hatte sich in ihrer Not unter dem Wohnzimmertisch verkrochen – doch der Tisch bot ihr nur eine scheinbare Sicherheit – unter dem Tisch wurde sie nämlich von ihrem Mann – meinem Bruder – weiterhin mit den Füßen traktiert.

Ich war unfähig, etwas dagegen zu tun. Es mag niemand glauben, ich hätte mich daran erfreut oder es gar gutgeheißen – wahrlich nicht.

Mein damaliges „Nichtstun“ kostet mich dagegen bis heute einen Teil meines seelischen Friedens.

Die Kinder der Beiden – Uwe, damals 4 und Dag-mar, gut 2 Jahre alt – haben all das mit ansehen müssen. Die beiden Kleinen haben damals instink-tiv mehr Mut bewiesen, als ich als ihr großer Onkel es in der Lage war zu tun. Sie schrien und weinten ganz erbärmlich, weil die Mutter geprügelt wurde. Ihr Mut wurde grausam bestraft. Der Vater versetzte seinem 4 jährigen Sohn einen solchen Schlag – das kleine Menschlein wurde von einer Ecke in der Küche quer durch den Raum in eine Wohnzimmerecke geschleudert. Wie hat der kleine Kerl seinen Mut teuer bezahlt. Und wieder hatte mein Bruder eine Seele auf Dauer beschädigt. Dieser Nachmittag war nur ein Punkt in einer langen Kette von Misshandlungen. Ich träume oft davon.

Eines Tages hat Renate, seine Frau und Mutter der Kinder, dann etwas getan – ob sie es hätte anders anfangen sollen, wer weiß es schon. Sie tat etwas, was ihr wohl als einzige Notwehr blieb: Sie verschwand mit ihren Kindern nach irgendwohin. Ihr Leben wurde dadurch in den ersten Jahren danach bestimmt nicht leichter – aber sie lebte um einiges ungefährdeter, denke ich.

Ich weiß nicht, ob und wie Renate mit den Trümmern ihrer Seele fertig geworden ist. Ich weiß nicht, ob es ihr gelungen ist, die Scherben wieder gebrauchsfähig zu kitten. Wie es Uwe auf seinem Weg bis heute ergangen ist weiß ich so ziemlich – bei Dagmar hingegen tappe ich im Dunkeln. Ich stelle mir die Dagmar immer als eine Pflanze vor, der es gut geht, die relativ normal lebt, die alles, was Menschen und Familien heute so haben, hat. Nur eines hat sie nicht – eine gute Erinnerung an die Kindheit. Sie gehört zu den Geschöpfen Gottes, die ihrer Wurzeln beraubt worden sind.

Wer nicht aus dem Schatz der Erinnerungen an seine Kinderzeit schöpfen kann, der kann von diesem Schatz auch nie etwas an seine Kinder weitergeben. Was sind es nur für betrogene Menschen. Mir geht es Gott sei Dank ein wenig anders – auch wenn meine Kinderzeit nicht unbedingt und durchgängig süß wie eine gedrehte Kirmes-Zuckerstange war. Ich brauche bloß an irgendein Ereignis zu denken, und – als wenn ich mit dem Denken einen simplen Schalter betätige – ist der Zeitraum um dieses Erleben herum wieder gegenwärtig. Ganz so, als wäre es alles erst gestern geschehen.

„Ich habe an meinen Vater keine gute Erinnerung.“ Wenn ich das im engeren Freundeskreis schon einmal sage, dann heißt es gleich, na ja, du warst ja auch noch klein, als er seiner Krankheit, der Tuberkulose, erlegen ist. Ich versuche meine Freunde dann stets sachte zu korrigieren. Ich kann mich an meinen Vater sehr gut erinnern – nur habe ich an ihn keine ‚gute’ Erinnerung. Ich habe es nicht erleben dürfen, dass er mir nur einmal in meinem kleinen Leben mit der Hand über den Kopf gestrichen hat – ich kann mich weder an eine einzige zärtliche Berührung noch ein einziges liebes Wort von ihm erinnern. Meine Mutter hat diese Ablehnung durch ihren Mann an mir immer wieder gutzumachen versucht. Bis auf so einiges gründlich danebengegangene Geschehen ist es ihr auch wohl gelungen. Ich habe sie einmal vor Jahren gefragt: Mama, du hattest schon 5 Kinder – dann kam 6 Jahre nach dem fünften noch ein sechstes in deine Welt – noch dazu von einem ungeliebten Mann gezeugt – hast du dir in vielen Situationen nicht manches mal gewünscht, du wärest nicht schwanger? Ihre Antwort darauf hat mich auf’s Neue dazu gebracht zu sagen, der liebe Gott richtet’s schon.

Meine Mutter sagte mir: Ach, weißt du – sie sagt oft einfach, ach weißt du, und dann weiß ich, sie teilt mir wieder etwas mit aus ihrem unerschöpflichen Reichtum an Erfahrung und Lebensweisheit. Und das nicht, um mich zu belehren, sondern um mir etwas zu schenken.

Ach weißt Du – als ich in 44 schwanger mit dir war, und ich durch die Schwangerschaft soviele schwere Krankheiten hab’ durchleiden müssen, dass ich oft gefragt habe, lieber Gott – warum ich? Ich hab’ doch mein Soll erfüllt. Aber als du dann da warst, da habe ich bald begriffen, warum. Der Schöpfer hatte dich mir zum Trost geschenkt. Du wurdest etwas mehr als 24 Stunden geboren, bevor der heilige Abend anbrach. Du warst wie alle Kaiserschnittkinder faltenlos und schier – dazu hattest du schon lange lockige schwarze Haare. Auf die Welt gekommen bist du in einem schrecklichen Krieg, von dem niemand zu der Zeit wusste, wie lange es noch dauern würde mit dem Schlamassel. Die Nonnen im katholischen St. Willehad-Hospital haben dich wohl als Zeichen des Himmels betrachtet – jedenfalls lagst du in der Christnacht in ihrer Krippe, als sie damit von Bett zu Bett durch den Bunker zogen. In den schweren Jahren nach dem Krieg warst du der einzige Mensch, dem ich alles erzählen konnte, der mir immer still zuhörte.

Mama musste ja auch nach dem Krieg weiterhin für alle sorgen – und der Kreis war ja nicht kleiner und das „Sorgen“ nicht leichter geworden. Jetzt waren es 6 Kinder UND der leidende Ehemann. Der ach so stolze Seemann kam nämlich krank von Bord und aus dem Krieg und nach Deutschland zurück. Tuberkulose brachte er in seinem Körper mit – die damalige Volkskrankheit Nummer eins.

Grosse Teile der Besatzung ‚seines’ Schiffes waren davon betroffen. Seine Kameraden haben zumeist noch lange, zum Teil sehr lange damit und danach gelebt – nur der Stiesel von meinem Vater machte immer genau das Gegenteil von dem, was ihm in seiner Situation gut getan hätte. Er war einfach keinem Rat zugänglich, gleich von welcher Seite auch immer er kam. So hat er z.B. bis zu seiner letzten Stunde am 29. Februar 1952 geraucht. Und zwar gequalmt wie ein Schlot, trotz fast keiner Lunge mehr. Ein viertel Pfund Tabak – Steinbömer Gelb – ging dadurch täglich bei ihm in blauen Dunst auf. Und DEN mußte meine Mutter auch noch beschwerlich besorgen.

Die schwierigste Zeit für meine Mutter war immer die, wenn ihr Ehemann einmal wieder für eine Weile im Wilhelmshavener Marine-Lazarett lag. Sie arbeitete seit der Währungsreform (als gelernte Schneiderin) vorwiegend in jadestädtischen Bekleidungswerken, wechselweise im Textilhof an der Ulmenstrasse oder in den ehemaligen Kommandatur-Kasernen zwischen Rhein- und Ebertstrasse als Näherin. Sie machte zeitweise täglich 2 Schichten an zwei ‚Schiebebändern’ gleichzeitig. Alle 45 Sekunden, sich auf dem Stuhl drehend, die Nähmaschine wechselnd. An der einen Maschine die Passĕ und auf der anderen die Knopflöcher nähen. ‚Schiebebänder’ als ‚Vorfließbänder’ waren zu der Zeit DAS produktionssteigernde Mittel in den Wilhelmshavener Uniformschneidereien.

Statt ‚Uniformschneidereien’ drängt es mich, einfach ‚Frauenschindereien’ zu schreiben, denn die Vorgehensweisen der angestellten Bandleiter zur Steigerung der Produktionszahlen waren alles andere als menschenwürdig. Die Herren verstanden ihr Handwerk, das sie ja nicht selten in der Hitlerschen SS gelernt hatten. Wenn meine Mutter von den Widerwärtigkeiten der Bandleiter wie etwa eines Kubitza erzählte, dann habe ich mich als kleiner Steppke schon immer gefragt, warum so grundböse Menschen in einer Fabrik mit einem erzkatholischen Besitzer so viel ‚Gutes’ tun durften.

Zwischen den Schichten in der Näherei schwang meine Mutter sich dann aufs Fahrrad und peeste zum Krankenhaus – am Beginn der Gökerstrasse gelegen – um dort den Ehemann zu versorgen.

In den Krankenhäusern der Jadestadt gab es damals nur die jeweils mögliche (nicht nötige) medizinische Versorgung. Wenn Angehörige der Patienten am Ort wohnten, dann oblag denen die Versorgung mit Essen und Trinken und anderem Gut.

Meiner Mutters „dritte Schicht“ beschränkte sich aber ja nicht auf den Lazarettpart. Im Stadtnorden, in Voslapp da gab es ja noch sechs Kinder, die darauf warteten, von der Mutter versorgt zu werden. Also hieß es nach der Klinik in die Pedale zu treten und das Zuhause ansteuern, um da nach dem Rechten zu schauen – zu schauen, ob diejenigen Kinder die schon tatkräftig mithalfen, auch nicht überfordert waren.

Die (relativ) leichteste Zeit war für meine Mutter jedes Mal dann, wenn sich ihr Mann entweder in Wildeshausen oder in Blankenburg in den dortigen sog. ‚Lungenheilstätten’ aufhielt. Dann konnte meine Mutter unbeschwerter ihren vielen Pflichten und ihren vielen, vielen schlecht entlohnten Beschäftigungsverhältnissen nachgehen. Auf die Hungerlohnarbeiten bei einigen jeverländischen Bauern werde ich später noch näher eingehen.

Ich hatte immer das Gefühl, Arbeit, noch mehr Arbeit und Verpflichtung würde meine Mutter zu noch mehr Tun anspornen. Sie war bei aller Arbeit, die auf ihr lastete, stets fröhlich (zumindest haben wir Kinder sie meist so erlebt) – sie hatte immer ein offenes Ohr für die Belange der Kinder (und da beileibe nicht nur für uns, ihre eigenen Kinder – auch unsere Freunde und Schulkameraden genossen ihr „zuhörenkönnen“, dem dann in der Regel gleich das „helfenkönnen“ folgte.

Bei Tant’ Eden war allgemein Treffpunkt vor, aber zumeist nach jeder Aktion, wenn dabei etwas „schiefgelaufen“ war. Ob es zerrissene oder vom Schlötegubbel (Grabendreck) versaute oder durch-nässte Klamotten waren, ob es war, daß wir in des Nachbarn Garten erwischt worden waren, oder irgendwo bei einem Nachbarn eine zerdepperte Scheibe ersetzt werden musste. Bei Eden’s gab es kein Tabuthema. Bei Eden’s war es immer warm und trocken – bei Eden’s gab es immer Hilfe – bei Eden’s gab es immer zu essen und trinken – bei Eden lag ständig Nadel und Faden parat, um Löcher in den Strümpfen zu stopfen – und vor allem anderen, bei Eden’s gab es wegen solcher Kindermalöre keine Dresche, sowie es in so vielen anderen Zuhausen gang und gäbe war.

Oftmals gab es obendrein noch Torf als Heizmaterial, etwas vom letzten Schlachten oder Früchte aus dem Eden Garten mit nach Hause.

So hat meine Mutter mit ihrer Art viele Kindergesichter zum Strahlen und viele Kinderpopos vor schmerzhaften Schlägen bewahrt. Die Kinder konnten doch gar nichts dafür, dass sie in diesem schrecklich armen Nachkriegsdeutschland nur eine Hose oder ein Paar Strümpfe zum anziehen besas-sen.

(Obschon es auch nach dem grandios verlorenen Weltkriegsgetümmel auch in Deutschland noch viele Menschen gab, die sich in Sattheit und im Überfluß tummelten. Da soll mir niemand etwas anderes erzählen wollen.)

Zugegeben – aus damaliger Sicht war „ein Hintern voll“ manchmal durchaus angebracht – wir waren ganz gewiß nicht immer Engel bei unserem Tun. (Wir nannten es ja unverblümt „Arschvoll kriegen“, wenn wir das Für und Wider irgendeiner von uns geplanten Aktion gegeneinander „abwogen“. Manche Taten waren ein anschließendes „Jackstück voll“ einfach wert.)

Bis 1948 – bis nach der Währungsreform, bis zum neuen Geld – war „Hamstern“ ja für viele Fami-lienvorstände die einzige Möglichkeit, um sich und die Seinen über Wasser zu halten. Es war einfach der nackte Selbsterhaltungstrieb. Viele Menschen tauschten alles, aber wirklich alles, was sich noch an Wertsachen in ihrem Besitz befand, gegen irgendwie Essbares für die Familie ein. Durch diesen Umstand ist so mancher Bäcker, Bauer oder Schlachter – eben alle, die mit der Herstellung von Nahrungsmitteln befasst waren, zu einem Spott-preis in den Besitz von Dingen gelangt, von denen sie bis dato nicht einmal zu träumen gewagt hatten.

Meine Mutter brauchte nicht um Essbares hamstern gehen (ihr Ehemann wäre eh nicht dazu befähigt gewesen, auch ohne Tuberkuloseerkrankung nicht) – dank ihrer vielen Talente hat sie diese Notzeiten vollkommen anders bewältigt. Mama war ständig im Lande unterwegs – vornehmlich mit dem Fahrrad – für bestimmte Touren benutzte sie den Dampfer nach Bremerhaven, der zu der Zeit noch „Linie“ fuhr. Es war sozusagen schon ein „Butterdampfer“, wenn auch natürlich wegen völlig anderer Voraussetzungen, als die späteren Vergnügungsbutterschiffe.

Wenn meiner Mutters Fahrrad einmal streikte – zumeist waren diverse Plattfüße der Bereifung der Anlaß für diese Streikwellen, dann bedurfte es eines „Flickens“ für den Schlauch. Da aber Fahrradflickzeug ebenso knapp war wie alles andere zum Leben Notwendige, erforderte eine Reifenpanne in der Regel einen längeren Fußmarsch. Da konnten es dann schon mal leicht 20 Kilometer sein, die auf Schusters Rappen abgelaufen werden mussten, denn Ostfriesland ist (auch heute noch) zu Fuß verdammt weitläufig und dünn besiedelt.

Tee war eines der Hauptgüter von etlichen Standbeinen im „Handelshaus Sophie Eden.“ Mutter war in Ostfriesland unter der Bezeichnung ‘radelnder Handelsdampfer’ in fast jedem Hause, in fast jedem Dorf ein Begriff, zumal sie ja von Kindesbeinen an durch ihre Eltern, die mit allem handeten was sich nur irgendwie bewegen ließ, mit sämtlichen Handelsaktivitäten und mit den Menschen im Lande vertraut war. Wobei die Aktivität meiner Großmutter auch nicht davor zurückschreckte die Körper ihrer sich im Jungmädchen- und zum Teil noch im Kindesalter befindlichen Töchter an bezahlfähige bzw. bezahlwillige Gesellschaftshonoren für deren Bettvergnügen zu verkaufen.

Der Tee gelangte auf recht abenteuerlichen Wegen in meiner Mutter Besitz. In Altengroden, im Flücht-lingslager an der Maade, wohnte seit den Endkriegswochen eine Frau Ziolek. Sie war aus der polnischen Ecke Deutschlands gegen Kriegesende vor den Rotarmisten geflüchtet. Frau Ziolek hatte einen Sohn, der Mitte der 20er Jahre in die neue Welt ausgewandert war, um in den USA zum US-Bürger zu werden. Schicksalhaft wie so vieles andere auch, kam dieser Sohn 1945 als Angehöriger der amerikanischen Besatzungstruppen nach Deutschland zurück. Als Offizier in einer Versorgungskompanie der NAAVI.

Der Seehafen Bremerhaven wurde sein Standort als Basis für der Amis Logistik im besetzten Germany. Bremerhaven und Wilhelmshaven sind ja durch die Luft nur einen Katzensprung weit voneinander entfernt, aber in 45 waren es Welten, oder konkret gesagt, es trennten diese beiden Nachbarhafenstädte die verschiedenen Besatzungszonen.

In Bremerhaven waren es vom 9. Mai 45 an gleich die US-Amerikaner – in Wilhelmshaven, als des Reiches Kriegshafen Nummer 1, da war es völlig anders. Wilhelmshaven und der Nordteil des Kreises Friesland wurden von der, von den britischen Inseln aus operierenden, polnischen Exilarmee eingenommen, nachdem diese, von Holland kommend, Ostfriesland durchquert hatte.

Die polnischen Erstbesatzer nutzten natürlich die Gunst der Stunde und rechneten mit den Teilen der Zivilbevölkerung ab, die während des Tausendjährigen Reiches so manche Schandtat an polnischen Zwangsarbeitern (Deportierten und Kriegsgefangenen) begangen hatten. Innerhalb der Grenzen der Jadestadt machten sich nach einer gewissen Übergangszeit die Tommys daran, sich häuslich einzurichten. Solange die britische Churchill-Regierung den Plan verfolgte Wilhelmshaven als des Teufels Küche dem Meer zurückzugeben, solange hatten sie den Polen das Feld überlassen. Nachdem dieser Plan auf Druck von Uncle Sam aufgegeben worden war, übernahm die britische Rheinarmee selber das Gebiet. Und damit jede Kriegspartei auf der Seite der Sieger ein Stück Sieg auskosten konnte, wurden Teile der serbischen Armee ins Jeverland gesetzt. Das Herzstück der serbischen Besatzung waren die Kasernenanlagen im Wilhelmshaven benachbarten Wehlens – einem Ortsteil der Landgemeinde Sengwarden.

Zwischen jeder Besatzungszone bestanden ja Grenzen, und an diesen Grenzen wurde natürlich kontrolliert, um die Hoheitsrechte der Besatzer herauszustellen.

So wurde denn des Nachts der Tee aus den Beständen der US-Armee durch andere Besatzungszonen hindurch illegal nach Altengroden verbracht. Es war Schmuggelei reinster Art.

Ein amerikanischer Soldat sorgte sich um seine Nazideutsche Mutter. Er gehörte zwar zu den Siegern nach diesem furchtbaren Krieg, aber auch Sieger haben ihre Gesetze.

Morgens, noch vor Tag und Tau, holte unsere Mutter den Tee von Altengroden ab. Zuhause dann den Tee in Portionen gut verpackt, ging es in aller Frühe weiter. Und wieder über Zonengrenzen hinweg, nach Ostfriesland hinein. War die Zeit auch noch so schlecht – Ostfriesen brauchten ihren Tee. Tee war geldes– ach was sage ich, Tee war goldeswert. Der Tee wurde von meiner Mutter in ganz Ostfriesland gegen Fettigkeiten eingetauscht. Fettigkeiten bedeuteten zu der Zeit nicht Staucherfett oder Schmieröle – Fettigkeiten das waren Butter, Speck, Wurst und Schinken. Diese Fracht musste des Abends wieder, unter oftmals Schweiß und Blut treibenden Umständen nach Voslapp zurück, und von da aus – nachdem 10% davon als Courtage abgezweigt worden waren – dann weiter nach Altengroden-Lager, um dort dann wieder gegen Tee aus Bremerhaven eingetauscht zu werden.

Immer auf’s Neue. Das war in der Art auch eine funktionierende Weltwirtschaft.

Eine andere Quelle zur Deckung dessen, was wir so zum Überleben benötigten (es gab einfach keine unnützen Sachen) war Mutters Schnapsbrennerei, ihre Destille. Das war natürlich ein Kapitel für sich. Wenn Mutter etwas machte – und es gab fast nichts, was sie nicht machte – machte sie es den Umständen nach immer professionell.

Alle Welt brannte Schnaps – und alle Welt wusste, dass alle Welt Schnaps brannte. Es machten die, die es konnten. Und auch die anderen, die es meinten zu können, versuchten es mit mehr oder minder großem Erfolg. Die Ergebnisse und Erzeugnisse der Destillierkünstler sprachen Bände. Es wurde Fusel aus allen möglichen und unmöglichen Grundstoffen gebrannt. Der Wohlstandslaie von heute würde sich wundern, wenn er erführe, aus was man alles Fusel machen kann. Aus Rüben, aus Kartoffeln, aus Obst aller Sorten, aus Getreide, ja sogar aus Kartoffel- oder Rübenschalen wurde Sprit gebrannt. Das was dann aus den Kühlschlangen in die Gläser tropfte und nach dem Genuß die Hirne der Trinker vernebelte oder lähmte, das war auch häufig danach. Die Grünröcke – so nannten wir damals die Zöllner – brauchten nur immer ihren Nasen nachzugehen, um Schwarzbrennern bei ihrem ungesetzlichen Tun auf die Schliche zu kommen.

Nicht so war es bei Mutter Eden. Ihrer Devise, ein Schuß Professionalität ist selbst beim in der Nase bohren vonnöten, blieb sie auch bei der Genever- Herstellung treu. In diesem Sinne führte sie übri-gens alle ihre Unternehmungen durch. Gute Pla-nung und gute Vorbereitung bringt gute Erfolge. Als Basisrohstoff kam bei unserer Mutter nur feinster weißer Zucker in Frage. Nichts anderes.

Diesen Rohstoffeinsatz ermöglichte der Fettigkeiten-Anteil aus der Teehandelei.

1 kg Zucker ergab am Ende des Brannt-Prozesses ¾ Liter feinstes Destillat. Zweimaliger Brannt war in meiner Mutters Destillerie obligatorisch. Unter dem lief gar nichts – die Spitzenbrände mit hohem Ver-edelungscharakter wurden gar dreimal gebrannt. Dadurch verringerte sich zwar die „Endmasse“ um ein paar Pinnchen, aber die Resttröpfchen die hatten es dann umso mehr in sich. Sophies Spirituosen waren frei von jeglichen Fuselölen. Selbst nach reichhaltigstem Zuspruch gab es am Morgen danach keine Kopfschmerzen, das heißt, war auch der Dunas noch so dick – der Klarverstand kehrt’ stets zurück.

Das 95 %ige Destillat war astrein – sozusagen Apotheken-Qualität.

Der Zusatz von destilliertem Wasser machte letzt-endlich aus jedem Kilogramm Zucker 3 Nullsiebener Flaschen besten 32 %igen Korn bzw. fünf 1/1 Flaschen edelsten Likörs vielfältiger Richtung. Die Damenwelt in der elenden Nachkriegszeit wollte schließlich auch ab und an zum „Genuß“ kommen. Sie wusste einen edlen Tropfen ebenso zu schätzen, wie die Mannsleuthorden.

Und wie das alles hervorragend funktionierte. Für den Rohstoff Zucker sorgten die Umsätze im Fett- und Teehandel. Flaschen mit Original-Etiketten und -verschlüssen lieferte Kaufmann Coldewey jun., während die fertigen Eszenzen von zwei erfahrenen F’grodener „Alchimisten“ (Ernst Lück und Fritz Grabner) hergestellt und geliefert wurden. Das Ganze Prozedere war einfach perfekt.

Der Vertrieb dieser hochprozentigen Kostbarkeiten funktionierte ebenfalls wie geschmiert – na ja, zumeist zumindest. Es gab wohl keine Schankwirtschaft und keinen Krug im damaligen Amt Wittmund bzw. im Kreis Aurich, in der oder dem zu besonderen Anlässen den Gästen NICHT Schnaps von Sophie Eden kredenzt wurde. Wie gesagt, zu besonderen Anlässen, denn die geistigen Getränke von Sophie Eden waren für den alltäglichen Besuff viel zu kostbar.

Tjaaa … und diese besonderen Anlässe, die hatten es zumeist in sich.

Es waren die wieder regelmäßig stattfindenden Feuerwehrfeste, die Betriebsfeste der Zollinspek-tionen, die Polizeijahresfeiern, diverse Behörden-Weihnachtsfeiern und so weiter (in vielen Amtsleiter-Schreibtischschubladen befanden sich natürlich auch etliche dieser Art Tröster).

Die große Mehrheit der Konsumenten wusste übrigens, aus welcher Quelle der Saft sprudelte. Im Nachhinein kann ich sagen, meine Mutter hat so manches Mal mit dem Teufel getanzt – und ihm dabei meistens ein Stückchen seines Schwanzes beraubt.

Es ging immer gut – bis eines Tages in der Logistik ein Teilchen ausfiel und in der Eile durch ein Rädchen ersetzt wurde, welches keine Zähne hatte. Ein Kurier – es war auch noch gerade ein Zollinspektor – war ausgefallen, es hatte ihn der Schlag getroffen. WAS sollte man nun tun? Aus dem Visiterkreis meiner Eltern bot sich so schnell nur Frau Burmester an. Sie war schon einige Male mit kleineren Kurierfahrten betraut worden, denn Nahrung und Feuerung, die es mindestens einbrachte, die brauchte selbst der Dümmste – und Frau Burmester war nicht gerade eine der Hellsten. Dieses Mal handelte es sich um eine größere Warensendung und außerdem um eine ‘Terminsache’.

Es musste Stoff von der feinsten Art für diverse offizielle Veranstaltungen ins Ostfriesenland transportiert werden. Wenn meine Mutter wegen der größeren Mengen den Transport nicht mit dem Fahrrad besorgen konnte, dann wurde die Fracht über Jan Peters, dem Holzgasungetüm, das zweimal am Tage die Strecke Fedderwardergroden – Aurich Pferdemarkt via Jever- Wittmund und Plaggenburg bediente. abgewickelt.

Für diese Sendung nun hieß das Ziel Gasthof und Saalbetrieb Emil Götz in Plaggenburg. Eine für damalige Verhältnisse Riesensause stand dort ins Haus – der Kreisfeuerwehrball – der erste nach dem Kriege. Die Mutter begleitete Frau Burmester von der Voslapper Brennstätte zum Bus an der Endhaltestelle vor der F’grodener Schule Warthestrasse.

Die Begleitung eines Kuriers war sonst nicht üblich, bei dieser Notlösung hielt meine Mutter es aber wohl für angebracht. Wie gesagt, Sophie konnte um die Ecke der Zeit schauen, und 3 Kilometer mit der Fracht waren ja für eine in dem Metier nicht so erfahrene Frau auch eine ganz schöne Puckelei.

Die Mutter begleitet Frau Burmester also zum Bushalt. Den Koffer und die Taschen hatte sie auf dem Drahtesel vertäut. Als sie um die letzte Straßen-ecke bei Fritz Buschers Fahrradschusterei und Gasolintankstelle in die Elbingerstrasse einbiegen, sehen sie auf den letzten hundert Metern bis zum Omnibus nur noch Grün. Um den Omnibus herum wuselte ein ganzes Geschwader von Zollkontrolleuren. Meine Mutter hat späterhin vermutet, dass sie einer ihrer Mitbewerber aus der Schwarzbrennerszene in Oldenburg angeschwärzt hatte, denn es waren durchweg Zollbeamte aus der Huntestadt, die da an diesem Morgen ihrem Schnüfflerhandwerk nachgingen. Von den Wasserkanten-Grünröcken war so etwas nämlich nicht zu erwarten, weil, die gesamte hiesige Schwadron zählte ja mit zu ihren besten Kunden.

So gab es auf offener Strasse also eine Blitzverabschiedung – Frau B. musste notgedrungen alleine mit dem schweren Gepäck die Reststrecke hinter sich bringen. Sophie wusste in dem Augenblick, dass die Sache schief ausgehen würde, und sie hatte nur einen Gedanken – nämlich den, so schnell wie möglich nach Hause zu britschen, um die Produktionsanlage vor dem amtlichen Zugriff zu bewahren. Auch in einer solchen Brandsituation bewies sich wieder einmal mehr der kühle Kopf, die klare Linie – und die weise Vorausschau, die sie für solche Eventualitäten die geeigneten Vorkehrungen treffen lassen hatte.

Zuhause, unter dem elterlichen Schlafzimmerfuß-boden, befand sich ein bombensicheres Versteck. Die Voslapper Siedlungshäuser waren nämlich im Vorkriegsgalopp hochgezogen worden. Es waren in den Grodenschlick einfach Ringmauern mit darü-berliegenden Balken und Dielen gesetzt worden. Unter den Fußböden der Häuser war nach wie vor der Naturboden auszumachen. Unter unserem Hau-se konnte man noch den ehemaligen Verlauf eines Prieles erkennen. In die Dielen des Holzfußbodens im Schlafzimmer hatte mein ältester Bruder Hinrich ein Viereck geschnitten – perfekt und für ein ungeübtes Auge nicht zu erkennen – aber Klappe. Na ja, bei einem solchen Lehrherrn wie mein Bruder ihn hatte, war diese Art der Qualitätsarbeit natürlich kein Wunder. In den Werkstätten Fritz A. Adenas auf dem Heppenser Berg erlernte er zu der Zeit das Handwerk eines Möbeltischlers unter Obhut des legendären Tischlermeisters Karl Egts

Sophie hatte bis zum Auftauchen der Fahnderbrigade in unserem Zuhause, bedingt durch ihre stete Vorsorglichkeit, alle Spuren ihrer ungesetzlichen Tätigkeit beseitigt. Riechen, so wie in anderen Brennereien, konnte man bei uns wegen der ausgewählten Rohstoffe eh nichts – weder während des Betriebes der Apparate, noch jetzt, wo alle Gerätschaften bombensicher im Urgrund verstaut waren. Bei uns zu Hause wurden die Zöllner auf jeden Fall nicht fündig, aber dafür fanden sie bei Frau Burmester umso mehr an Informationen. Alles was die Gute wusste, das offenbarte sie den Staatsbütteln in Grün. Von den Internas wusste sie zum Glück nur die Notizen vom Rande. Die aktuellen Kundenadressen reichten aber schon, um einen respektablen Schaden anzurichten. Es waren nämlich nicht nur die der Abnehmer der letzten Tour – nein, die Empfänger der früheren Lieferungen gab sie auch bereitwillig preis, soweit sie ihr bekannt waren.

Einige Zöllner hat es gefreut, die Menschen auf der anderen Seite weniger. Es wurde untersucht, es wurde nachgeforscht, die Ermittlungen liefen hin und her – aus der Notzeiten-Schwarzbrennerei Eden & Co. war nun ein Fall geworden – ein Aktenvorgang sozusagen.

Aus unerfindlichen Gründen beschränkte sich das Prozedere aber insgesamt nur auf die Vorgänge um die Letztlieferung.

Ich vermute, die Ermittlungen wurden damals von den zuständigen Personen bewusst so kleingehalten geführt, denn die Äußerung eines Zöllners gegen-über meiner Mutter, hätten wir am Bus auch nur geahnt, dass der Genever von ihnen ist – es wäre ja gar nichts weiter passiert, ließ auch einfach keinen anderen Schluß zu. Besagter Zöllner hatte sich nämlich ein paar Tage zuvor, mit meinem Vater zusammen, die köstlichen Tropfen in unserem Wohnzimmer noch ausgiebig schmecken lassen. Die beiden Mannsleut hatten sich das verführerische Nass so sehr schmecken lassen, dass mein ältester Bruder den Freund Grünrock nach Anbruch der Dunkelheit in der Messelkarre als Decksladung nach Hause transportieren musste. ©ee

Fortsetzung folgt  ……………

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Ein Stück lebendiger Vergangenheit …

Ich will jetzt nichts von Museumsbesuchen oder Kostümfesten in den Trachten unserer Großeltern erzählen. Mit dem Kulttumult um alte Fortbewegungsmittel hat meine Geschichte auch nichts zu tun. Gleichwohl ist das was ich in den letzten Tagen erlebt habe für mich wie ein Stück wieder auferstandener kostbarer Vergangenheit.

Es begann mit dem Ruf meiner Frau: Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Es war mit dem Essensruf etwas später geworden, weil der Kartoffelvorrat in der Speisekammer irgendwie Schaden genommen hatte. Meine Frau hatte deswegen aus einem Geschäft, in dem sie sonst selten einkauft, noch schnell einen Beutel Erdäpfel besorgt.

Und was hat das mit lebendiger Vergangenheit zu tun? fragt jetzt sicher der eine oder andere. Es wird zwar schon seit alten Zeiten in vielen Haushalten zu Tisch gerufen – aber was ist daran das besondere.

Das war auch nicht das Besondere. Das Besondere war erst einmal, daß ich diesem Ruf sofort folgte. Sonst dauert es auch schon mal, weil es ja immer etwas Wichtiges gibt das noch erst zu Ende gebracht werden muß. Wer kennt das nicht – mal ehrlich.

Auf der Tafel im Esszimmer stand ein ganz normales Mittagsmenü. Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Soße. Jeder weiß ja wie es geht – man packt sich von allem etwas auf den Teller und legt mit dem Essen los. Wenn man das Besteck beiseite legt, weil man satt ist, hat man in der Regel von allem etwas gegessen.

Diesmal war es anders. Als ich nämlich mein Besteck zur Seite legte und mir zufrieden über den vollen Bauch, strich hörte ich von der anderen Seite des Tisches ein erstauntes: Bist Du schon satt? Du hast doch nur Kartoffeln gegessen. Ein bißchen Beleidigtsein über die Missachtung von Braten, Gemüse und Soße klang unüberhörbar durch.

Erst da bemerkte auch ich, daß ich mich tatsächlich an den Kartoffeln satt gegessen hatte. Mein Denken war nämlich während des Essens ganz tief in die Vergangenheit gerutscht. Ich saß plötzlich als kleiner Junge zuhause am Küchentisch und verzimmerte Kartoffeln mit Butter die meine Mutter zuvor vom eigenen Acker geerntet hatte. Das war mir ja schon eine Ewigkeit nicht mehr passiert.

Und noch etwas hat der einzigartige Geschmack und die ‚gewisse Körnigkeit’ dieser Kartoffeln bewirkt: Ein altes Rezept meiner Mutter war plötzlich wieder gegenwärtig. ‚Zuckzack’. Auf Zuckzack waren wir als Kinder immer ganz wild. Ganz gleich ob er Mittags frisch auf dem Tisch stand oder die Reste abends in der Pfanne gebraten wurden.

Eines steht auf jeden Fall fest: Unsere Kartoffel ist für alle Zubereitungsarten nur noch die ‚Leyla’ vom Lilienhof in Marx. ©ee

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Es gibt ‚sone’ und solche …

Seit Jahren schon treibt es mich durch die Bank alle acht Wochen zum Haarschneider. Was die Künste des Figaros in punkto Modefrisuren betrifft, bin ich relativ bescheiden. Wenn er sein Handwerk solide beherrscht bin ich zufrieden. Ein pfleglicher Umgang in Wort und Gebärde steigert dann noch mein Wohlbefinden. Daraus resultiert bei mir eine gewisse Standorttreue – das heißt, ich wechsle nicht gerne den Frisör.

Jetzt mußte es aber sein, weil wir in einen anderen Stadtteil gezogen waren. Bevor ich mich auf den Weg und die Suche nach einem Barbier machte, sagt meine Frau noch: „Du wirst hier in der Nähe bestimmt leicht ein Geschäft finden. Frisiersalons gibt es doch wie Sand am Meer.“

So war es auch. Nach ein paar hundert Metern sehe ich auf dem Einkaufsgelände gleich hinter der Kopperhörner Mühle eine Ladenfront mit mehreren Schaufenstern. In allen Scheiben lese ich – fein säuberlich in Glas geätzt – Haarstudio Soundso.

In froher Erwartung, in wenigen Minuten meine Wolle los zu sein, betrete ich die ausgedehnten Räumlichkeiten. Oh – denke ich, da haste aber Glück – nix los um diese Zeit.

Das Summen des Türüberwachers hängt noch in der dezent parfümierten Raumluft, taucht auch schon hinter einem Vorhang weg eine junge Dame auf, die ebenso gut der Titelseite einer Modezeitschrift hätte entsprungen sein können.

Statt aber mein ‚Guten Morgen’ zu erwidern, stellt sie sogleich zwar lächelnd aber lapidar fest, dass ich ganz sicher keinen Termin hätte. Meinen Einwand, dass ich auch nicht untersucht werden, sondern nur meine Haare geschnitten bekommen möchte, wischte sie immer noch lächelnd beiseite: „Wir bedienen nur Kunden mit Termin.“ Als sie das gesagt, rutschten ihre Mundwinkel ganz leicht nach unten. Ich habe mich gefragt, wieso sie auf den ersten Blick wußte, dass ich keinen Termin hatte. War es vielleicht meine ältere Windjacke, die ich der

kühlen Witterung wegen übergestreift hatte – oder waren es meine schon etwas abgeschabt wirkenden  finnischen Waldläufer die nicht in

ihr Kundenbild paßten? Vielleicht war es auch die Plastiktüte, in die mir kurz zuvor die Metzgersfrau von nebenan mein Mittagessen eingepackt hatte. Ich hätte es zu gerne gewusst.

Wieder draußen habe ich erst einmal tief Luft geholt – und die Gewissheit in mein Gedächtnis geschrieben, diesen Türgriff nicht noch einmal in die Hand zu nehmen.

Fünfzig Meter weiter – quer über die Bismarckstraße hinweg – lachte mich eine auf dem Bürgersteig stehende Tafel förmlich an. „Seit 26 Jahren bedienen wir unsere Kunden ohne Anmeldung!“ versprach der Text auf dem Schild vor ‚Katja’s Frisiersalon dem Vorübereilenden. Kaum das ich das Innere der Frisörstube betreten hatte, forderte mich aus dem Hintergrund heraus jemand höflich auf, doch schon mal meine Joppe abzulegen und Platz zu nehmen. Man würde sich in wenigen Minuten um mich kümmern. Selbst die Plastiktüte in meiner Hand schien hier nicht zu stören. Wie sich dann herausstellte, bediente mich die Chefin persönlich – und zwar auf eine Weise, die ich hierzulande im Dienstleistungsgewerbe häufig vermisse – fachkompetent und natürlich freundlich. Ich bin einem Menschen begegnet, der seinen vor langer Zeit erwählten Beruf auch heute noch als Berufung ansieht, und dem ich auch in Zukunft meinen Kopf gerne anvertrauen werde. ©ee

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„Heisser Wüstensand ….“

Das Kreuz mit dem Kreuz

Heinz hatte bannig Glück in seinem Leben mit dem Glück Leben. Von seinem ersten Schrei bis laufen und komodig reden können war die Welt um ihn herum noch reichlich schräg und dunkel.

Die Inflation war man gerade über das Land hinweg gezogen. Die ‚Roten und die ‚Braunen’ knüppelten wie verrückt in den Strassen der Weimarer Republik aufeinander ein. Die Reichsregierungen unter Kanzlern wie Brüning und Co – ganz weit weg in Berlin – wedelten hilflos mit ‚Notverordnungen’ und anderen Aktionsgesetzen in der Luft herum.

Es schien oftmals so, als wenn ein Bauer durch das schwenken mit seiner schmutzigen Unterhose sein durchgegangenes Pferdegespann aufhalten wolle.

Der Himmel sah wohl wo das Spiel enden würde, und hat 1933 seine Hände dazwischen gehalten. Viele empfanden jedenfalls so und glaubten, der Herrgott hätte ihnen als auserwählte Rasse das Heil beschert.

„Heil Hitler“ wurde deshalb auch zum obligatorischen Volkesgruß.

Plötzlich war in der Gesellschaft eine Richtung zu erkennen. Den Menschen wurde gesagt, dass sie wieder geradeaus laufen könnten.

Was war das ein Glück – nicht bloß für Hein. Ohne zu straucheln konnte er nun seine Kinderzeit, seine Schulzeit und seine Lehrzeit hinter sich bringen.

Aber wie es nun einmal so ist im Leben. Wenn Dir in Notzeiten jemand etwas auf den Tisch legt, um Dir damit zu helfen – der steht garantiert eines Tages wieder vor dir und will für seine Hilfe entlohnt werden.

Eine Ahnung von dem was da auf ihn zukam umkreiste sein Wissen schon beizeiten.

Die Begriffe Hitlerjugend und Jungvolk rahmten das Ganze ein. Einbeziehung zum Reichsarbeitsdienst stand dann ganz oben auf der Rechnung, von der er den ersten Teil begleichen musste, als er seine Lehre abgeschlossen hatte.

Zum ‚kriegswichtigen Arbeitseinsatz’ einberufen nannten die Gläubiger die Vollstreckung ihrer offenen Forderungen.

‚Muß i’ denn, muß i’ denn …’ oder so ähnlich schallte es über den Sander Bahnhof als der Zug sich mit Hein und vielen anderen Einberufenen keuchend und stampfend Richtung Lesum in Bewegung setzte. In der Bremer Nachbargemeinde Lesum standen nämlich schon die Schaufeln und Spaten für die jungen Leute bereit.

Zumindest der tröstliche Glaube, dass ihre davonziehenden Kinder wenigstens noch kein Schießeisen in die Hand nehmen mussten, blieb bei den Angehörigen auf dem Bahnhof zurück.

Im Zuge freute sich jeder auf Lesum. Lesum – das versprach doch Abwechslung gegenüber ihrer kleinen verschlafenen Landgemeinde. Direkt nebenan lag ja Bremen. Da konnten sie von Lesum aus doch fast hinspucken, oder vielleicht sogar mal so ein bisschen den Duft der großen weiten Welt schnuppern.

Hein und sein Freund kamen aber gar nicht dazu nach Bremen hinzuspucken – oder gar mal in die Stadt hineinzuriechen.

In die Strohsäcke ihrer Bettstellen hatten sie noch gar keine Kuhlen gelegen, da hieß es schon: ‚Auf dem Bahnhof sammeln. Marschbefehl nach Hamburg.’

‚Was sollen wir denn in Hamburg?’ lief die Frage unter die langen Reihen der Versammelten hindurch.

‚Von da aus werden wir nach Russland in Marsch gesetzt’ kam es als Antwort von irgendwem untendurch zurück.

Einige der jungen Männer waren so couragiert gegen die Verlegung an die Elbe aufzubegehren. Sie wollten nicht nach Hamburg. Das ‚nicht nach Hamburg wollen’ war aber ganz schnell nicht mehr zu hören.

Ein paar grobe Griffe oder ein paar kräftige Stöße mit dem Gewehrkolben brachten die Aufmüpfigen in Nullkommanichts zum Schweigen. Auch sie freuten sich dann plötzlich auf Hamburg.

Auf der Fahrt in die Hansemetropole hörte man in den Waggons bloß das Tack – tack der Räder auf den Schienenstößen. Niemand traute sich etwas zu sagen – man wusste ja nicht, welches Denken den Kopf des Nachbarn beherrschte.

Im Hamburger Hauptbahnhof angekommen hieß es sogleich:

‚Alle Mann aussteigen und auf dem Bahnsteig vier zu vier angetreten. Zack-zack.’

Irgendetwas drehte sich bei diesem Kommando stachelig in Heins Magen. Er verdrückte sich mit seinem Freund hinter die Masse der Kameraden, deren Augen wie gebannt auf die sie erwartenden Feldjäger gerichtet waren. Mit vorgehaltenem Gewehr flankierten die ‚Kettenhunde’ den Bahnsteig.

Die beiden Freunde sahen vor sich nur unzählige Rücken und kurzgeschorene Hinterköpfe unter den Schirmmützen nach draußen drängen.

Ohne das irgendjemand es bemerkte verkrümelten sie sich durch eine Tür auf der Gegenseite. Durch einen auf dem Parallelgleis stehenden Zug hindurch gelangten sie auf einen anderen Bahnsteig.

Nachdem die Kolonnen abmarschiert waren, und die Militärpolizei sich verzogen hatte, fragten sie sich bei Passanten zur Musterungsstelle durch.

Das spätere Ankommen auf der Dienststelle hat sie vor der Reise nach Russland bewahrt. Ihre Kameraden aus der großen Marschkolonne waren nämlich ohne viel Federlesen in Richtung Ostfront durchgewunken worden.

Die Musterung vor der Kommission mussten aber auch sie über sich ergehen lassen.

Als erstes hieß es ausziehen – alles ausziehen, auch die Unterwäsche.

Im Adamskostüm mussten sie dann durch die große Halle Spalier laufen.

Einzig ein steifer Bogen Pappe in ihren Händen begleitete ihren Lauf von Schreibtisch zu Schreibtisch. Es waren wohl zwanzig Stück an der Zahl.

Sie wurden gemessen, gewogen und von allen Seiten begutachtet.

Mit Zirkel und Dreieck, mit Zollstock und Maßband, mit Hörrohr und Spekuliereisen gingen die Weißkittel ans Werk.

Der Kopf und die Arme und Beine wurden vermessen, den Hintern leuchtete man aus und die Geschlechtsteile unterzog der Generalarzt einer besonders gründlichen Begutachtung.

Nach dem Glänzen seiner Augen zu urteilen schienen sie dem Spezialisten zu gefallen.

Der Laufzettel füllte sich mit Kreuzen, Strichen und anderen undefinierbaren Zeichen. Bis ein Mannsbild auf diese Art zu Papier gebracht worden war, das dauerte seine Zeit. Zum Schluß kam dann eine hervorragende Bewertung dabei heraus.

‚Arier erster Klasse – geeignet für den Einsatz in der Ordensburg Sonthofen’ stand auf den Bögen der beiden Freunde zu lesen.

‚Ordensburg’ was heißt das? stieß der Freund Heinz an, als sie sich wieder angezogen hatten und zur letzten Begutachtung unterwegs waren.

Heinz war ja auch nicht über alles aufgeklärt, aber davon hatte er doch schon läuten hören.

‚Man will da, glaube ich, Elitezuchtbullen aus uns machen’ klärte er seinen Freund fast unhörbar auf.

Vier Schritte lang kam von seinem Freund nichts als ungläubiges Staunen – bis er begriffen zu haben schien, was Heinz ihm da gerade gesteckt hatte.

Heftiges Kopfschütteln war die Reaktion. ‚Nee – nicht mit mir. Ich lasse mir doch keine Kühe aussuchen, die ich dann decken muß. Ich geh da nicht hin.’

Das sprach Heinz aus der Seele. Er wollte auch nicht dahinten im Baziland hochgezüchtet werden. Sein zukünftiges Liebesleben hatte er sich denn doch ein wenig anders vorgestellt.

Die beiden Freunde wechselten kein Wort miteinander, als sie den Dreh nach draußen nahmen und dem Bahnhof zustrebten.

Wenn in Hamburg nicht schon so ein gewaltiges Durcheinander geherrscht hätte, hätte man sie sicher noch zu fassen gekriegt und wegen Fahnenflucht bestraft. Da das Standrecht im Lande herrschte waren sofort vollstreckte Todesurteile wegen eines solchen Vergehens keine Seltenheit mehr.

Die beiden hatten jedoch Glück und saßen ein paar Stunden später unbeschädigt im Zug nach Bremen.

Bremen haben sie an diesem Tage aber gar nicht mehr erreicht. Über Bremen sah man nur Feuerschein und Rauch in der Luft. Der Zug musste vorher anhalten – das Bremer Stadtgebiet wurde bombardiert. Die englischen Flieger ließen ihre tödliche Fracht fallen.

Die Passagiere mussten ihren Zug auf freier Strecke verlassen.

Heinz und sein Freund sind denn auf Schusters Rappen nach langem Marsch in Lesum eingetrudelt.

Von Lesum hatten sie aber auch nicht mehr viel.

Gerade im Quartier in Lesum eingerichtet fanden sie sich über Nacht auf Fünen wieder.

Da wartete eine Blitzausbildung für den Kriegseinsatz an der Westfront auf sie und andere. Plötzlich waren sie Soldaten die nach Frankreich marschierten, um dort einen Westwall zu halten, der nur noch in der Propaganda existierte. Jetzt hatte der Kommiß sie doch noch zu fassen gekriegt.

Um die Müh- und Drangsal des einfachen Soldatenlebens zu umgehen, sicherten sie sich einen Platz im Sperrsitz. Sie traten der Waffen – SS bei. Auf diese Weise waren sie auch ohne Sonthofen und Lebensborn in die Eliteklasse aufgerückt.

Daß aber zwischen Frauen schwängern zu müssen, die sich freiwillig hergaben, und schwangere Frauen töten zu müssen, bloß weil sie angeblich nicht Arisch waren, ein kleiner Unterschied bestand, das erfuhren sie spätestens, als sie sich nach dem ersten Mal tun die Seele aus dem Leib kotzten.

Nur, da war es zu spät zur Umkehr – denn aus Gestern lässt sich nie wieder Heute machen.©ee

Ewald Eden

GEGEN DAS VERGESSEN !

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Probieren

Brot ist die Grundlage unserer Nahrung – so wird es uns von Alters her gelehrt. Nicht umsonst bittet man in den christlichen Kirchen: Unser täglich Brot gib uns heute.

Das Bäckerhandwerk ist ständig bestrebt, dem uralten Begriff Brot täglich neuen Glanz zu verleihen – täglich neue Geschmacksvarianten in dieses eigentlich profane

Lebensmittel zu zaubern. Eine mir bislang unbekannte Ausführung sah ich auf einem Ladentisch in einem hiesigen Geschäft ausliegen. Der Brotlaib aus Roggen wurde mir als Loggerbrot angepriesen. Loggerbrot – bei dieser Bezeichnung entstanden in meinem Kopf gleich rustikale Geschmacksbilder. Ich sah einen Herings-logger in wilder See unweit der Doggerbank den Heringsschwärmen hinterherjagen, und in den kurzen Pausen die harten Männer an Bord ihr Brot verspeisen.

Verfestigt wurde dieses Bild durch die Lobpreisungen der Verkäuferin – untermauert von der Aussage, das ist Bio-Brot. Was ist Bio-Brot – drängte ich auf weitere Erklärungen. So ein wenig beschlich mich das Gefühl, als im Wissen nicht ganz auf der Höhe der Zeit angesiedelt betrachtet zu werden. Wer weiß denn nicht, was Bio-Brot ist, schwang unterschwellig in der Antwort mit. Unser Bio-Bäcker verarbeitet nur Mehl aus biologischem Getreideanbau. Das wußte ich nun auch.

Wissen wollte ich jetzt aber auch noch, ob mein Geschmacksahnen sich in den richtigen Bahnen bewegte – also, kaufen und probieren. In Schwung kam mein Ahnen, als ich den Preis vernahm. Sechs Mark – pardon, zweifünfundneunzig Euro – das Kilo. Gutschmeckendes Brot vom Normalbäcker kostet weniger als die Hälfte – also muß der Genuß dieses Brotes mindestens doppelt so groß sein, war mein direktes Denken. Ich Einfaltspinsel.

Zu Hause angekommen – das große Brotmesser geschnappt – und losgesäbelt – ich konnte es kaum erwarten. Das Wasser lief mir im Munde zusammen.

Gottseidank kann ich nur sagen, denn ohne den vermehrten Speichel hätte ich den Kleister, als den sich die Backmasse entpuppte, nicht im Mund hin- und herbewegen können. Selbst mein Hund – der immer mein Mitprobierer ist – hatte Schwierigkeiten, seine Kiefer wieder auseinander zu bekommen. Tja – und das Schmecken nach Seeluft, nach Loggerleben – einfach den Beweis handwerklicher Backkunst – das alles habe ich nicht gefunden. Einzig das Gefühl, einen Steinbrocken im Magen zu haben, begleitete mich durch die folgende Nacht. Normalbäcker – ich bleib dir treu.

© ee

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Katzenverrückt …

Monika und Werner – ein bißchen katzenverrückt darf man wohl sagen. wenn sie nicht inmitten eines großen Haufens hoher Backsteinhäuser wohnen würden, hätten sie sicher ein Katzenparadies. So aber haben sie bloß eines dieser Herrgottstiere mit grünen Augen – den schwarz-weißen Meikel. Irgendwo auf Werners Reisen ist Meikel, damals hatte er noch keinen Namen, ihm zugefallen. Einfach war’s sicherlich nicht, die grünen Augen mit Haut und Knochen – denn das war er gerade noch – davon zu überzeugen, daß es auch Menschen mit Herz und Seele gibt. Es ist den beiden gelungen, und Meikel – so haben sie ihn genannt – hat langsam das Regiment im Haus übernommen.

Bemerkt haben Monika und Werner das gar nicht so recht – oder wollten sie es vielleicht nicht? Die Drei sind eine richtig kleine Familie geworden. Meikel zeigt wo es lang geht – und seine Menschen laufen den Weg mit. Nirgends steht es so geschrieben – aber gewiß ist es so – oder ähnlich. Einer muß ja der Chef im Hause sein – wie auf einem Schiff – da gibt es auch bloß einen Kapitän. Nun kriecht der Tag, an dem Monika und Werner verreisen wollen, immer ein bißchen näher. Meikel muß das Haus hüten – nein, nicht allein – eine Haushälterin steht im zur Seite. So wie sich das für einen Chef gehört. Seit Tagen wartet er auf den Zeitpunkt der Abreise. Heute ist es soweit – der Tag ist gekommen. Gemeinsames Frühstück, die morgendlichen Streicheleinheiten – und noch ein paar mehr – hat er schon eingeheimst. Die letzten Kleinigkeiten werden in der Küche zusammengepackt – das Auto steht draußen auf dem Hof parat. Gleich soll es losgehen. Und dann führt das Schicksal Regie. Meikel streicht durch die Küche – um die Beine seiner Menschen herum, um auf Katzenart adschüß zu sagen – und fällt wie vom Blitz getroffen auf die Seite. Der erste Eindruck – Meikel ist gelähmt.

Er liegt auf dem Küchenfußboden – unfähig sich zu rühren – nur eine Vorderpfote hebt er zögernd an. Es ist wie ein letztes Adschüß. Nichts ist mit der Abreise – Hilfe muß daher. Der Telefondraht läuft heiß, bis endlich die Tierärztin erreicht wird. Zwei Operationen stehen bei ihr noch an – für elf Uhr wird der Fall Meikel eingetragen. Die Ambulanz wird informiert. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Man sieht in der Küche von Oelrichs zwei der Fügung ergebene Gesichter. Wie es Mannsbildern so eigen ist, fällt Werner zuerst das praktische ein. „Monika, das Auto steht auf dem Hof im Wege – fahr es man eben auf die Strasse – wer weiß was wird.“

Während Werner sich mit verdrehten Gefühlen am Küchentisch niederläßt, langt Monika sich die Schlüssel und saust nach unten. Kaum erklingt von draußen das erste Brumm-brumm, springt der gelähmte Meikel mit einem meisterlichen Satz auf den Küchentisch und schaut dem verstörten Werner glückstrahlend ins Gesicht. Was Werner in dem Moment gedacht hat, hat er nicht verraten, aber wer auch geneigt ist, etwas anderes zu denken, eine Ähnlichkeit mit biblischen Geschichten ist wohl rein zufällig.

©ee

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Eine ganz besondere Hochzeit

1962 war schon ein besonderes Jahr. Nicht nur, daß dem lieben Gott mitten im Winter plötzlich in den Sinn kam, einen seiner schönsten Landstriche auf dem Planeten Erde gründlich zu schrubben – es muß wohl nötig gewesen sein – auch wenn er es damit ganz gewiß ein wenig übertrieb, und zuviel Wasser für das Großreinemachen mit an Land nahm. Er hat es aber ja anschließend alles wieder in die Nordsee zurück fließen lassen.

Es kann durchaus sein, daß er Klaus und Christa ein blitzsauberes Hamburg vorweisen wollte. Klaus wollte seine Christa nämlich in diesem Jahr heiraten. Es mußte partout in Hamburg sein – in seinem Hamburg, im altehrwürdigen Michel. Schon verrückt, der Junge. He is a little crazy – schmunzelten die Kollegen schon mal – neiiiin, sie taten es nicht hinter vorgehaltener Hand – wenn er dabei war sagten sie es. Sie mochten ihn einfach, ihren Klaus.

Auch wenn er im fernen „Hämbörg“ wie sie es nannten „Hoxtsätt“ halten wollte – mit seiner Christa. Nur – Hamburg lag weit weg in dieser Zeit. Ein Auto besaßen die beiden nicht – und zu Fuß? Zu Fuß von Darmstadt in die Hansestadt tippeln?

Er und seine Christa hätten auch das getan – wie gesagt: „A little crazy!“ Wenn da nicht Bully gewesen wäre. Bully – ein GI mit einer unbändigen Sehnsucht nach Norddeutschland – und mit einem Automobil.

Bully war stolzer Besitzer eines deutschen Autos. Das war unter den einfachen amerikanischen Soldaten in der Zeit auch keine Selbstverständlichkeit. Bully war aber eben kein einfacher amerikanischer Soldat – er war eigentlich noch gar kein richtiger Amerikaner.

Obwohl „Uncle Sam“ ihm daheim, in Minnesota, einen von seinen Waffenröcken verpasst hatte.

Die Wiege seiner „Grandma“ stand nämlich unter uralten Apfelbäumen in York – im alten Land, und sein „Grandpa“ war in einer schnuckeligen Marzipanbäckerei in Lübeck – im Schatten des Holstentores – auf die Welt gekommen.

Er konnte Klaus verstehen. Was lag da also näher, als aller Sehnsucht und Wünsche miteinander zu verbinden. Die drei gingen gemeinsam auf Hochzeitsreise, auf „Honeymoontrip“ – wie er sagte. Wenn Bully auch in seinem Innern noch zur Hälfte ein norddeutscher Butscher war – in der dazugehörenden Sprache trat er aber immer in gewaltige Schlaglöcher. Die Zuhörer konnten dann echt seine Seelenfedern quietschen hören.

Was waren Christa und Klaus froh! Brauchten sie doch auf diese Weise ihre Bagage nicht selber zu schleppen.

In den letzten Stunden bis zur Abfahrt stieg die Freude, und die Erwartung, in himmelhohe Darmstädter Höhen – sie hatte sich schon, über die Mathildenhöhe hinaus, über die ganze Bergstrasse ausgebreitet.

Darum blühten dort in diesem Jahr auch sicher die Kirschbäume besonders prächtig. Es muß daran gelegen haben.

Sogar der alte Darmstädter Hochzeitsturm strahlte in der Sonne, als der Tag nahte. Er war auch nicht ein bisschen gnadderig darüber, daß Klaus unbedingt in Sankt Michael seiner Christa das Jawort geben wollte – waren er und der Hamburger Michel doch beinahe so etwas wie Verwandte.

Der Tag war da. Christa konnte die Abreise gar nicht mehr erwarten – sie wäre am liebsten schon in aller Herrgottsfrühe in Bullys Auto geklautert, und losgefahren – in das Auto, daß sie beide noch nicht einmal kannten.

Sie hatte Klaus schon ein paar Mal gefragt: „Was hat Bully denn für ein Auto?“ – natürlich ohne eine erschöpfende Antwort zu bekommen. Klaus war da nämlich etwas anders – obwohl Bully und er schon eine geraume Weile unter dem Dach derselben Kaserne ihre Tage zubrachten, trübte nicht das geringste Wissen über Bullys fahrbaren Untersatz sein Weltbild. Klaus machte sich nämlich nicht die Bohne etwas aus diesen Vehikeln auf vier Rädern, wie er immer sagte.

Da spielte eine böse Erfahrung aus den Kriegstagen – über die er ungern sprach – wohl eine gewichtige Rolle. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und sowieso mußte ja erst der Dienst zu Ende sein.

Also um fünf Uhr – „clokk five“ – hatte Bully Klaus noch hinterhergerufen, als der im Hamburger Seemannspedd – seinem typischen Reeperbahngang war er auch in der hessischen Metropole treu geblieben – durch das Kasernentor Richtung gemeinsamer Wohnung dampfte – zielstrebig den Ort der Sünde ansteuerte.

„Ort der Sünde“ hatte doch tatsächlich erst kürzlich so ein fieser, verschrumpelter Korinthenkacker aus der Nachbarschaft gegeifert.

„Wilde Ehe“ hatte er noch empört hintendran gehangen, und sich dabei bekreuzigt.

Das waren die richtigen Moralhüter – morgens um fünf stiefelten sie schon in die heilige Messe, um dem Pfarrer zu beichten, daß sie abends der Nachbarin die Karnickel klauen wollten, aber über einen fehlenden Trauschein regten sie sich künstlich auf. Na ja – der Herr vergibt alles. Oder fast alles. Er gestaltet den Weg zur Vergebung aber gewiß nicht immer ganz leicht. Das wurde Christa und Klaus ganz nahe gebracht, als sie – bepackt wie der Sünnerclaas – auf den vereinbarten Treffpunkt zusteuerten.

Ein einziges Fahrzeug aus einer deutschen Autoschmiede stand verschämt zwischen den vielen chromblitzenden Karossen amerikanischen Ursprungs. Es war ein VW-Käfer – noch mit Brezelfenster im Heck ausgestattet.

Eine Pferdeblume unter blühenden Orchideen, so schoß es Klaus spontan durch den Kopf. Es war aber eine ziemlich selbstbewusste Pferdeblume, die da nicht nur auf ihren vier Rädern, sondern auch noch auf zwei Beinen stand. Bullys bestiefelte Soldatenfüße sahen die beiden nämlich beim näherkommen aus dem Fahrzeugboden ragen.

Der betagte Käfer litt offenbar unter Substanzverlust – ein Teil seines Bodenbleches war schon dem gefräßigen Rost zum Opfer gefallen. Bully meinte treuherzig, der Käfer wäre dadurch ein Cabriolet – nur eben andersherum. In der Sommerwärme wäre es ganz praktisch – und die heimische Holzindustrie würde dadurch auch verdienen.

Die vorderen Sitze hatte er nämlich auf massive, leicht geteerte Gerüstbohlen montiert. Das ließ ohne Zweifel seine praktische deutsche Ader erkennen.

Der Käfer trug durch Bullys Habseligkeiten schon den Ansatz eines Krönchens auf seinem runden Dach, das jetzt durch das Gepäck der beiden Heiratswilligen zu einer richtigen Krone wurde.

Das Produkt deutscher Wertarbeit stöhnte nicht ein bißchen unter der neuerlichen Dachlast – es stellte nur ein wenig die Räder nach aussen. Christa meinte in ihrer heiteren, burschikosen Art: „ Jetzt steht er breitbeinig da, wie ein Hamburger Butscher, der sich beim spielen an der Alster in die Hosen gepupt hat.“

Das altersschwache Herz des Wolfsburger Veteranen stotterte drei- viermal knüchelnd vor sich hin, als Bully ihm mit dem Gaspedal Leben einhauchte.

Die Scheinwerfer in den Kotflügeln des Käfers schielten überrascht um die Ecke, als Bully statt Kurs auf das Darmstädter Schloß zu nehmen – in dessen Nähe seine Freundin, sein „little Girl“ – wohnte – Hörbys Bug nach Norden richtete. Der Käfer war deswegen aber nicht im mindesten grantig, kam er doch auf diese Weise noch einmal in die Nähe seines Geburtsortes Fallingbostel. Er war nämlich noch zu einer Zeit zusammengeschustert worden, als Wolfsburg noch gar nicht Wolfsburg war. Als Stadt zumindest.

In gemütlichem Tempo – Christa nuschelte was von Zockeltrab – nahm „Hörby“ – auf diesen Namen hatte Bully seinen Käfer getauft – den Autobahnbeton unter die Räder.

Die Taufe war übrigens nach Mittlererwestenritus mit Brandy erfolgt, wodurch Hörby sich so ein bißchen als halber Amerikaner fühlte – sofern ein Auto etwas fühlen konnte.

„Dunkel war’s, der Mond schien helle – als ein Auto blitzeschnelle langsam um die Ecke bog …“ sang Klaus aus voller Kehle, als sie gegen Mitternacht in Hamburg über die Krone des Elbdeiches knatterten.

Knatterten – richtig. Auf Christas zögernde Frage, was das knattern zu bedeuten hätte, meinte Bully auf seine unbekümmerte Art: Das sind bloß die Getriebeteile, die durch den Auspuff rattern.

Ihr müsst euch jetzt nur gut festhalten, war alles, was er noch sagen konnte – und schon ging es im Höllentempo deichabwärts auf die Elbe zu.

„Dein Hörby hat es aber verdammt eilig, die Elbe zu begrüßen“ – soviel bekam Christa noch heraus, bevor der Käfer auf zwei Rädern, drei Meter vor dem nassen Elbwasser, den Dreh nach links auf den Uferweg nahm – und nach fünfzig Schritten in einem Heuhaufen, der sich ihm geistesgegenwärtig in den Weg stellte, sein letztes knattern von sich gab. Bully konnte ihn nämlich nicht mehr bremsen, weil irgendwelche wichtigen Teile Hörbys jetzt den Elbdeich verzierten.

Von der nächtlichen Zeltaufbauaktion – die noch dazu in völliger Dunkelheit vonstatten ging – ist nichts druckfähiges überliefert worden. Nur soviel – der Wortinhalt der amerikanischen und deutschen Fluchwörterbücher reichte nicht aus, um mit einmaligem absingen der Texte die beiden Mannsleut zufrieden zu stellen.

Nach einer ziemlich gefühlstoten Restnacht wurde das Trio, mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, von einer Herde erstaunt dreinblickender Rinder begrüßt. War Klaus sein wunderschöner Erinnerungszeltplatz vergangener Jugendtage doch wahrhaftig zu einer Kuhweide umfunktioniert worden. Rings um die beiden Zelte herum dufteten und glänzten in der Morgensonne die herrlichsten grünen Kuhfladen – und sie waren in der Dunkelheit nicht in einen einzigen davon reingetreten.

„Der liebe Gott wollte ganz bestimmt in Sankt Michael keinen Kuhschietgeruch haben“ – so lautete Christas Vermutung.

Zuerst mußten sie aber ganz schnell den Elbuferkuh-weidenzeltplatz räumen. Nachdem sie sich mit reichlich morgenkühlem Elbwasser die Schläfrigkeit der Nacht aus den müden Gesichtern gespült hatten, machten sie sich ans Werk.

Die Zelte wurden abgebaut, ihre Habseligkeiten, die sie in der Nacht schon in den Zelten verstaut hatten, wurden eingepackt – und Hörby bekam wieder seine Krone auf das buckelige Wagendach gesetzt.

Es war seinem Blechkleid förmlich anzusehen, wie er sich darüber freute, trotz seiner technischen Behinderung erneut gekrönt zu werden.

Im Schrittempo humpelte der kleine Wolfsburger, mit seinen drei Besatzungsmitgliedern an Bord, über den Elbdeich. Zurück in die Hamburger Innenstadt. Man gut, daß die Stadt an den drei Flüssen eine Großstadt war, in der irgendwer auch am Sonntag dem Käferinvaliden wieder in die Hufe helfen konnte. Diesen Jemand wusste Klaus irgendwo in Sankt Georg zuhause. Auf einem großen Schrottplatz in der Nähe der Reeperbahn. Neee nee – es war kein Schrottplatz für abgetakelte Bordsteinschwalben. Wer denkt denn an so was.

Richtig Blech und ausgemusterte Benzinkutschen stapelten sich da haufenweise. Und es fand sich für Bullys Hörby ein neues Herz, aus einem alten Käfer, das dann auch noch passte. Im Überschwang der Gefühle hupte Hörby plötzlich ganz grässlich laut. Bully mußte ihm den Draht zur Batterie abkneifen, er hörte nämlich gar nicht wieder auf zu krakeelen.

Hörby konnte nach der Prozedur wieder laufen. Bully hatte es mit ihm ausprobiert – vor und zurück, im Kreis und quer. Aber immer nur bis zum großen Schrottplatztor.

Kein Raddreh weiter durfte er.

Der Schrottmäckes hatte nämlich gemeint, erst müssten die Taler bei ihm auffe Back liegen, bevor die Welt ihnen wieder offenstünde.

Bully hatte aber kein Money in seinen Taschen, das er auf die Back legen konnte – und so blieben Klaus seine teuren Leicas, sein Berufswerkzeug, als Pfand beim Autoschuster. Solange, bis Bully mit ausreichend Pinunsen vom Generalkonsulat wieder zurück war. Klaus hat während der Zeit ganz schön um seine Lieblinge gebibbert. Nach seiner Christa waren es für ihn die wichtigsten Dinge auf der Welt.

Bully kam wieder – in seiner Tasche steckten zwar keine Taler, und auch keine Märker, sondern harte, grüne Dollars – aber was machte das schon, und dem Schrottmäckes gefielen sie sogar noch besser, als irgend ein anderes Geld.

Nun endlich konnten die „drei Musketiere“ – wie Christa erleichtert sagte – weiterreiten. Einem neuen Ankerplatz entgegen. Es wurde aber auch hohe Zeit. In Sankt Michael schlug der Küster nämlich in wenigen Minuten für den Pastor das Hochzeitsbrevier auf.

Und zu seiner eigenen Trauung zu spät kommen – neee, daß konnte Klaus sich nun überhaupt nicht vorstellen.

Es wurde kurzerhand die Reihenfolge geändert – Ankerplatzsuche wurde auf später verschoben.

Bullys Hörby kam dadurch zu völlig neuen Ehren. Auf einem Parkplatz hinter dem Michel war er Garderobe und Umkleidekabine in einem. Als Christa ihre Kleider wechselte, hätte er ja am liebsten so’n büschen mit einem Auge gelinst – ging aber nicht – Klaus hatte ihm die Lichter mit seiner Unterwäsche zu gehangen.

Na ja – alles konnte man eben auch als Käfer nicht haben.

Als die beiden sich denn vor ihm aufbauten, damit Bully ein Photo von ihnen machen konnte – „das letzte Photo in der Freiheit“ konnte Christa sich nicht verkneifen zu sagen – mußte er einfach vor seliger Begeisterung mit den Federn qietschen. Christa schaute ihren Klaus ganz vorwurfsvoll an: „Das Dir das nicht gleich in der Kirche passiert“ sagte ihr Blick. Ach ja – ein letztes Missverständnis in der Freiheit – es war aber auch zu schön, als daß Klaus es korrigieren mochte.

Sein schwarzer Anzug hatte unterwegs auf dem Dach zwar ein wenig gelitten – aber neben Christas strahlender Schönheit in ihrem wunderschönen Rosenkleid machte das gar nichts aus.

Nun aber los, sonst würde der Pastor die Trauung noch ohne sie vornehmen – und das würde doch richtig ein bisschen blöd aussehen.

„Oh Gott – Klauuuuuus …… !!!“ – Klaus zuckte gewaltig zusammen, als Christa das rief – „meine Strümpfe … meine Strümpfe hängen noch an der Kuhweide am Zaun …. zum trocknen.“

Wat nu ……

Die Kuhweide war zu weit weg – die Trauung zu dicht bei ….

„Och – laß doch die Strümpfe ….“ weiter kam Klaus nicht.

„Ohne Strümpfe geh ich nich inne Kirche. Ich kann doch nicht halbnackich …!“ So wie Christa das sagte – das duldete keinen Widerspruch.

„Heee … guckt mal hier…. what i have“ – Bully erwies sich als der rettende Engel. Als einziges „Ersatzteil“ für seinen „Hörby“ hatte er immer ein paar Nylons im Handschuhfach liegen, weil bei seinem Käfer der Keilriemen schon mal des öfteren schlapp machte. Mehr verstand er von Autos aber auch nicht.

Christa reichte es völlig – rein in den nächsten Hauseingang, und die Strümpfe angezogen. Endlich stand dem Sprung in die Ehe nichts mehr im Wege.

Dachten sie, denn als der Pastor nach den nötigen Trauzeugen fragte, mußte Bully aussen vor bleiben.

Die fehlende deutsche Staatsangehörigkeit war das Hindernis. Seine „Apfelbaumgrandma“ aus York, und sein „Marzipangrandpa“ aus Lübeck halfen ihm in dem Moment auch nicht weiter.

Aber was ‚so’n ächten Hamburger Kiezpastor’ is – der weiß auch da Rat. Er selber, und sein Kirchendiener, machten kurzerhand die Trauzeugen. Das war noch nicht da gewesen in Hamburg. Auf diese Weise kriegte der Pastor denn den ersten Kuß von der Braut nach dem Jawort – und auch das hatte es in Hamburg bislang noch nicht gegeben.

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