unsere Schreibwerkstatt 2

 Mein Kater Nicki …

 

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Mein Kater Nicki …

Es war im vorigen Jahrhundert – und doch ist es erst zehn Jahre her. Wir schrieben 1993 – die Hälfte der in der Zeit verschwundenen hundert Jahre, mit der neunzehn davor, hatte ich miterlebt. Ich führte das traurige, trostlose Leben eines an der Wirklichkeit gescheiterten Fünfzigjährigen. Durch riskante Spe-kulationen in den Jahren zuvor das gesamte Ver-mögen verloren – gefangen in der Vorstellung, daß viel Geld nicht nur beruhigt, sondern auch glücklich macht. Wie ich jetzt weiß, war dies der größte Irrtum meines Lebens.

Wer relativ wohlhabend über die Strassen des Lebens kutschiert, und plötzlich alles verliert, erfährt von einem auf den anderen Augenblick was Men-schen im Alltag mit dem Begriff Freundschaft meinen. Die vielen “ guten Freunde“ hatte über Nacht der Erdboden geschluckt. Selbst die – jeden Tag aufs Neue beschworene – heiße Liebe meiner Verlobten, erwies sich als nicht regenfest. Sie war von einer Stunde auf die nächste bloß noch kalte Asche – die der kleinste Hauch in alle Winde trug.

Eine Drehung um mich selbst – und ich war einsam und allein. Ohne Aussicht auf Zukunft. Einzig meine Mutter hatte an ihrer Liebe zu mir keine Abstriche gemacht.

Arbeitslosigkeit blieb mir erspart – ich hatte noch einen “ Job“ der mich ernährte – doch das Leben war für mich plötzlich ein durchlöcherter Hafersack – ausgelaufen und leer. Diese Leere versuchte ich mit Alkohol zu vertreiben – und solange die Prozente in mir Achterbahn fuhren, lebte ich im trügerischen Glücksrausch. Das war eigentlich recht leicht – wo doch die Zapfstelle – sprich Kneipe – direkt unter meiner Wohnung angesiedelt war. So war das Ritual stets das gleiche – unten volltanken – eine Treppe hochwanken, und rein ins Bett.

Der Zeiger auf der Waage im Bad bewegte sich unbeirrt nach oben. Die ideale neunzig – die ich lange bewahrte – ließ er kalt lächelnd hinter sich. Auf hundertfünfzehn vor dem Kilogramm strebte er zu. Die Scherben in meinem Körper – wie Sodbrennen und Schmerzen in Gliedern und Gelenken – störten ihn nicht im Mindesten. Die Depressionen – die sich in meinem Kopf einnisteten – vertrieb der einzige Freund, der mir geblieben war – Jonny Walker. Frei nach der Devise: der Tag geht – Jonny Walker kommt.

Bevor ich auf der Deponie für gescheiterte Exis-tenzen landete, ereilte mich im August 94 mein Schicksal.

Der Tag hatte mir ein ganz spätes Heimkommen beschert. Vor der Haustür wäre ich fast gestolpert – diesmal nicht über Jonny Walker – der war an diesem Abend noch nicht da – ein Kätzchen war der Grund. Schwarz-weiß im Fell. Winzig klein und hilflos saß es vor meiner Tür. Die Angst in den leuchtend grünen Augen sprang mir förmlich ins Gesicht.

Bis zu diesem Tag – ach was – bis zu dieser Sekunde hatte ich niemals etwas mit Tieren am Hut gehabt – pardon – das ist nicht ganz richtig: Ich hatte sogar täglich innige Beziehung zu Tieren – es gab keinen Tag ohne Schnitzel oder Steak und die abendlichen Kneipenfrikadellen, und es gab keinen Morgen ohne einen ausgewachsenen Kater im Kopf.

Doch zurück zu dem kleinen Knäuel Fell. Ich spürte Mitleid mit dem bißchen Leben – nahm es auf den Arm und mit ins Haus. Morgen – Kleines – morgen bringe ich dich ins Tierheim – war mein Denken.

Bis Morgen war noch lang – und kleine Katzen-bäuche knurren sicher genauso unerbittlich wie die von großen Menschen. Soviel war bei mir von Biologie noch hängen geblieben. Doch was frißt so ein winziges Etwas? Bei Walt Disney erlebte man ja häufig streunende, heringsstehlende Kater – bloß Heringe fliegen ja nicht so durchs Bergische Land. Thunfischkonserven waren bei mir im Vorrat – also Thunfisch aus der Büchse. Den halben Doseninhalt auf einen Teller verfrachtet – und los ging’s. Eh ich mich versah hatte diese kleine handvoll Katzenleben den Teller leer geputzt. Man konnte den Kohldampf förmlich davonfliegen sehen. Ein kräftiger Schuß Milch machte die Sache rund. Wie muß sich der Thunfisch wohl gefühlt haben – nach dem behag-lichen Schnurren des Kätzchens zu urteilen eins A. Nachdenklich begann ich zu rechnen. Das funk-tionierte an diesem Abend, denn mein Freund Jonny Walker hatte mich ja verpasst. Das kleine Tierchen wog ein knappes Pfund – verzimmerte über hundert Gramm Thunfisch, spülte mit reichlich Milch nach – und platzte nicht! Wenn ich das auf mein Gewicht umrechnete, müßte ich ja über zehn Kilo Fleisch verputzen – und von einer Kuh die Tagesproduktion an Milch hinterher spülen!

Den satten Knuddel nahm ich auf meinen Schoß – streichelte sein zerzaustes Fell mit zärtlichen Fin-gern – die rauhe Zunge leckte meine Hände – und mit jeder Bewegung des Köpfchens verschwand ein Teil der Angst aus seinen Augen.

Fünfzehn Minuten sind ein Nichts in der Ewigkeit – aber fünfzehn Minuten können ein Leben verändern – mir ist es widerfahren. Nach einer Viertelstunde hatte ich keinen Gedanken von Tierheim mehr in meinem Kopf – das kleine Wesen hatte mich adoptiert – und sollte fortan mein Leben bestimmen.

Es wurde noch ein langer Abend im Sessel – spät ging ich zu Bett. Mit meinem neuen Hausgenossen neben mir – auf dem Kopfkissen. Es dauerte noch bis der Schlaf kam. Jonny Walker – den ich an diesem Abend nicht gesehen – hat ihn wahrscheinlich am Kommen gehindert.

Der oft verfluchte Wecker brauchte zur Aufstehzeit nicht in Aktion treten – eine kleine warme Zunge fuhr schon vorher durch mein Gesicht und scheuchte mich aus den Federn. Meine – ich dachte tatsächlich “ meine“ – kleine Katze hinter mir her.

Aus dem Büro zog mir ein seltsamer Duft in die Nase – eine Ahnung legte sich auf meine Gehirn-windungen – wer oben Nahrung in sich reinschiebt, muß unten ja wohl zwangsläufig pupsen. Ob großer Mensch oder kleines Kätzchen – da hat der liebe Gott bei der Konstruktion das gleiche System verwendet. Wieder kam mir mein verschüttetes biologisches Wissen zu Hilfe. An diesem Morgen lernte ich mein Büro gründlich kennen – ich krabbelte durch Ecken, von denen ich bis dahin gar nicht wußte, daß es sie gibt. Im Abfallkarton neben der Papierschneidemaschine wurde ich fündig. Fein säuberlich unter Papierschnipseln verstaut, fand ich des Rätsels Lösung – ein Häufchen Thunfisch, das den langen Weg durch Katzenmagen und Darm gegangen war. Nachdem die “ Abfälle“ beseitigt waren, gab es Nachschub. Für mich Kaffee schwarz und für Kätzchen die zweite Hälfte der Dose Thunfisch mit Milch. Der Weg ins Tierheim hatte abends schon vom Programm gestrichen – statt-dessen führte mich der erste Gang in ein Geschäft für Tierbedarf. Katzenfutter, Kratzbaum, Katzenklo und Katzenstreu standen als Positionen auf meiner Besorgerliste. Wieder zuhause eingetrudelt, nahm mein Findelkind die sanitären Einrichtungen auch sofort an. Das Problem war aus der Welt. Jahre später hat Nicki – so hieß er fortan – bloß noch einmal den Papierkarton benutzt – weil ich ihn versehentlich über Stunden im Büro einsperrte. Die Tierärztin, die wir nachmittags gemeinsam auf-suchten, ordnete meine vierbeinige Begleitung denn endgültig in die Reihe “ Kater“ ein. Nicki war in meine Welt getreten – zwar erst ungefähr zehn Wochen alt – aber doch schon eine starke Persön-lichkeit. Bevor wir in unser – von nun an gemein-sames – Zuhause verschwinden konnten, trat uns mein Nachbar – ihr wißt schon, der Wirt bei dem Jonny Walker wohnt – in den Weg. Verwunderung, Neugier und Besorgnis konnte man in seinem Gesicht erkennen – Sorge wohl mehr um seine Kasse. Wo warst du gestern Abend? Dein Auto stand vor der Tür – von dir war aber keine Nasenspitze zu seh’n. Irgendwie krank . . .? kam noch halbsätzig hinterher. Nein, nein – ich war nicht krank – ich fühlte mich gesund – gesund wie schon lange nicht mehr. Das war „Nicki’s“ erste gute Tat. Mit ihm zusammen zu sein, gefiel mir plötzlich besser, als mit anderen zerknitterten Seelen in der Kneipe zu hocken. Ich konnte sehen, wie mein Gegenüber dachte: Na, Freund – du kommst schon wieder in unseren Kreis zurück – Kumpels wie Jonny Walker kann man nicht so einfach verlassen. Er sollte nicht Recht behalten.

Zugegeben – manches mal ist es mir schon ein wenig schwer angekommen – ab und an war ich auch zu schwach, um zu widerstehen – aber jede Stunde mit Nicki stärkte mir das Rückgrat. Elend kam mich immer dann an, wenn ich ihn allein gelassen hatte – jedesmal fiel er ein Stück zurück in seine Ängs-tlichkeit. Meine Nähe war für ihn wohl das Himmelreich – als wenn er mit unsichtbaren Fäden an mir festgebunden war, folgte er mir auf Schritt und Tritt. In des Wortes wahrstem Sinn. Er ließ auch nicht den Ansatz einer Diskussion zu – nachts schlief er in meinem Bett – Sommers über und Winters unter der Decke – wie es sich gehörte. Den Wecker hatte Nicki vom ersten Morgen an ersetzt. Wenn seinem Wecken kein spontanes Aufstehen folgte, schimpfte er wie eine alte Ziege. Zeitung lesen wurde zum Prozedere – immer lag Nicki auf dem Geschriebenen. Das Blatt in der Luft haltend lesen, war für ihn die Aufforderung, aus den Seiten Papier-wolle zu machen. Egal was ich ohne ihn machte – er betrachtete alles als Liebesentzug. Oder wie anders soll man es bewerten, wenn man sich an den Computer setzt – und die Tastatur ist schon von einem schnurrenden Fellberg eingenommen. Durch den Einsatz von viel Geduld – und kleinen bestechlichen Leckereien – meinerseits, nahm er davon mit der Zeit Abstand. Selbst die Badewanne flößte ihm keine Scheu ein – pflegte ich meinen gestreßten Körper im warmen Wasser, saß mein Nicki neugierig auf dem Wannenrand – obwohl Nässe für ihn so etwas wie das Weihwasser für den Teufel war. Tropfen davon betrachtete er schon als Mörderbande. Die Neugier hielt solange an, bis er einmal ins Badewasser rutschte. In eine Folter-kammer wähnte er sich wohl geraten. Nachdem er dieser Hölle entronnen war, konnte ich – geschunden und zerkratzt – aus dem rosa gefärbten Naß steigen. Die Tribüne Wannenrand war für ihn ab da tabu – er begnügte sich mit dem Platz im Parkett. Als blutiger Anfänger in Sachen Katzenhaltung besaß ich natür-lich keinen blassen Schimmer von dem, was ich mir mit Nicki angetan hatte. Woher sollte ich auch wissen, daß eine Katze dem Menschen in Psycho-logie haushoch überlegen ist? Soweit reichte mein verblasstes Schulwissen denn doch nicht – und überhaupt – hatte ich davon je etwas gelernt? Kater Nicki zeigte mir mit unendlicher Geduld, wie wertlos im Grunde alles Wertvolle ist, mit dem wir Menschen uns umgeben. Begreifen wird dem Menschen wahrlich nicht leicht gemacht – begriffen habe ich es dann aber doch. Und wenn dieser Prozess mal nicht so flutschen wollte, strafte mein Gefährte mich mit dem Entzug seiner Liebe und Zuneigung. Egoistisch wie Menschen nun mal angelegt sind, wollte und konnte ich darauf nicht verzichten – auch nicht für kurze Zeit.

Verhaltensweisen und Dinge, auf die ich mich ein-gelassen habe, behielt ich immer für mich. Meine Begleiter aus dem Freundeskreis von Jonny Walker hätten mich für meschugge erklärt. Sicher wären Anfragen in diversen Landeskrankenhäusern, auf einen freien Platz für mich, eingegangen. Wer das Glücksgefühl nicht kennt, das hochkommt, wenn die Katze ihrem Menschen verziehen hat, kann überhaupt nicht mitreden. Man vergisst spontan Verhaltensweisen, die der Katze missfallen. So einfach ist das. Nicki entwickelte sich zum Welt-meister im Kratzen. Ob es die Wand in der Gästetoilette war – an der er kratzte, als gelte es Weltmeisterwürden zu erringen – oder der gemüt-liche Sessel in meinem Büro – den meine Mutter mir schenkte, und den er, durch alle Schichten seines Sessellebens, bis auf das hölzerne Gestell bear-beitete. Bei meiner Mutter kam richtig Freude auf – ich konnte ihre schwarzen Gedanken förmlich sehen – und verstanden hat sie meinen Meister bis heute nicht. Nicki gab dem Unverständnis aber auch stän-dig neue Nahrung. Besonders wenn er auf Fliegen-jagd war – und diese einfältige Fliege ausgerechnet auf den schönen Samtvorhängen saß, die Mutter extra für mein Wohnzimmerfenster genäht hatte. Teure Samtvorhänge – wie sie immer wieder beton-te. Irgendwann erkor er sich eine Mauerecke in der Diele als Kratzobjekt. Als er sich bis auf den blanken Ziegel durchgearbeitet hatte, brachte ich sogenannte Kratzbretter an der Ecke an. Haben sich kluge Leute einfallen lassen, damit die Katzen was zu tun haben. Nicki hat diese Kratzbretter mit dem Hintern nicht angesehen – geschweige denn daran gekratzt. Gute Ratschläge, wie ich meinen Kater erziehen könnte, bekam ich bergeweise – franko und gratis. Bloß – die Absender dieser wohl gutge-meinten Tipps besaßen keinen Schimmer Ahnung von der Materie Kreatur Katze. Das ging von vorsichtigen Schlägen mit der Zeitung bis hin zum Krallen knipsen mittels einer Nagelschere – wie mein Bruder mir zuriet. Nachdem ich meinem Bruder anbot, bei ihm vorher “ sonst was“ mit der Nagelschere abzuzwacken, war auch dieser Vor-schlag ein für allemal vom Tisch. Durch Nicki lebte ich mein Leben mit Nicki. Auf vier mal dreihun-dertfünfundsechzig Tage gemeinsamen Weges konnten wir schon zurückschauen – die Kneipe und mein früherer Freund Jonny Walker waren mir fremd geworden – lief in einer abendlichen Katerschmusestunde ein Satz aus meinem Kopf: Mein kleiner Kater Nicki – ich liebe ihn so sehr – nicht für Geld und gute Worte geb‘ ich ihn wieder her. In diesem Moment tat sich mir eine neue Welt auf – nach dreimal laut wiederholen und einer Stun-de am Computer war der Text meines ersten Liedes fertig. Für die zugehörige Musik brauchte ich entschieden länger. Es war ja schließlich mein Erstgeborenes – jede Mutter kann mir das wohl nachfühlen. Es wurde letztendlich eine Spiegelplatte – eine musikalische Kostbarkeit für mich – mit sachkundiger Hilfe einer kleinen Plattenfirma her-gestellt. Die Wirrungen des Fühlens, dann plötzlich das Lied im Radio zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mein Kind hatte laufen gelernt – und nicht nur das – viele Menschen hat es bisher bewogen, anders über Katzen zu denken – ja, sie oftmals sogar dazu gebracht Heimkatzen ein neues Zuhause zu geben. Mein Leben hat dieser Markstein wohl nicht in eine andere Richtung gebracht – das hatte Nicki vier Jahre vorher bewirkt – aber mein Weg wurde heller und breiter. Freunde stehen auch wieder am Wege – sie heißen jedoch nicht mehr Jonny Walker und sie protzen nicht mit Prozenten. Ich habe erfahren, daß wer Tiere liebt – und seine Aufgabe darin gefunden hat, ihnen zu helfen – keine Krücke mit dem Namen Alkohol benötigt. Wem Bedrängnis und Not Begleiter durch den Alltag sind, wird in einem kleinen Wesen – wie mein Kater Nicki eines war – die bessere Wegbegleitung finden. Ganz gleich, wie holprig ihm der Lauf durch das Leben auch erscheinen mag. © ee

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„Ostwind“

 

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Auszug aus der Erzählung „Ostwind“

Der geheime Statthalter der OSTCOM in der Norder Altstadt-Gasse hat seine Order schon vor dem Treffen der Elite im Hause des Generals erhalten – man wußte, was man beschließt.

Des Generals Direktiven gehen noch in der selben Stunde, in der aus seinem Jagdzimmer am Newska-Prospekt die maßgeschneiderten Produkte westlicher Konfektionäre verschwun-den sind, via Dwina-Kloster Richtung Westen – genauer, in das verträumte ostfriesische Norddeich. In das beschauliche Dorf am Rande der Krummhörn – in das Quartier Siegfried Högers. Nun sind es zwei Menschen in diesem Landstrich, die wissen welche Rolle der Teufel dem Idyll zuweisen will.

 

  Diese beiden so verschiedenen Vertreter des männlichen Geschlechts befinden sich am darauf folgenden Morgen, mit ihrem brisanten Wissen im Gepäck, an Bord der Fähre Frisia III auf halbem Wege zwischen Norddeich und Norderney. Man will die Liegenschaften auf der Insel in Augenschein nehmen. Von Bruder Siegfried in seinem schlichten Ornat nimmt kaum jemand Notiz, obwohl das Schiff, trotz des kabbeligen Wetters, gut besetzt ist.

Würdenträger aller Konfessionen und aller Couleur gehören zum Alltagsbild dieser Schiffslinie, rüber zum Staatsbad. Bruder Siegfried meint die Toleranz der holländischen Nachbarn, im Umgang mit andersartigen Menschenkindern, streiche über die ostfriesische Inselkette.

So ein bisschen mag er recht fühlen – der Westfale. Jan Grensemanns Erscheinung fängt sich da schon mehr hinterher laufende Seitenblicke aus amüsierten Gesichtern ein. Natürlich nur von Besuchserstlingen – wer ihn schon einmal gesehen hat, für den gehört er zum Bild der Landschaft.

Apropos Bild – ein Bild will sich der Erkunder aus den Weiten der russischen Ebene machen – ein Bild von dem allseits begehrten Objekt, für das bereits unschuldige Menschenleben geopfert wurden. Wie wertvoll und wichtig muß es sein, in einiger Leute Vorstellungen vom zukünftigen Lauf der Welt.

Das Bild, das die Reisenden in Sachen Immobilienbesichtigung am Hafen vorfinden, ist auch ein anderes, als die Erinnerung im Kopf von Bruder Siegfried gespeichert hat. Ein kleiner Stöpsel war er noch bei seinem ersten Besuch auf der Insel. Gemächlicher ging es zu – vor gut drei Jahrzehnten. Pferdedroschken belebten das Hafenpanorama. Gepflegte Landauer mit stämmigen Rössern davor, und mit urwüchsigen Kutschern auf dem Bock.

Die Benzinkarossen haben dieses Stück Vergan-genheit nahezu völlig verdrängt. Ein kleines bißchen Wehmut schleicht sich in sein Empfinden.

Als wenn Jan Grensemann Gedanken lesen kann, sagt er halblaut vor sich hin:

„Früher war es hier auch gemütlicher.“

„Das stimmt.“

Unwillkürlich mußte Siegfried seinem Begleiter zustimmen. Der wendet sein plötzlich gar nicht mehr so zerknittertes Gesicht, erstaunt seinem jungen Gast zu. „Waren sie denn schon einmal hier?“

Ein wenig Traurigkeit schaut bei der Antwort aus Siegfrieds Augen, wie wenn ein Schleier über sie hinwegzieht:

„Mhhm – vor gut dreißig Jahren. Es waren wohl die schönsten Tage meines Lebens.“

Als wenn er die Wellen der Erinnerung erst glätten muß, schweigt er eine Weile vor sich hin.

„Ein Kuraufenthalt, würde man heute sagen. Für mich war es die Wiedergeburt. Eine grässliche Hautkrankheit bin ich hier losgeworden. Seitdem habe ich keinen schöneren Platz kennen gelernt, als die Norderneyer Dünen.“

Plötzlich betrachtet der verschrobene Alte an seiner Seite ihn mit anderen Gefühlen.

„Und keine netteren Kindertanten!“

Verschmitzt lächelnd schiebt Siegfried diese Bemerkung noch hinterher.

„Oh – mein lieber, da kann ich sie beruhigen. In diesem Punkt hat sich bis heute hier nichts geändert!“

Obwohl diese netten Kindertanten Jan Grensemanns Blut mit Sicherheit nie in Wallung brachten – erfreut hat ihr Anblick ihn über die Jahre trotzdem. Ein Leuchten in den Augen verrät ihn. Der alte Knochen gerät direkt ins Schwärmen, als er fortfährt:

„Die männliche Jugend auf der Insel weiß das ganz bestimmt zu schätzen. Ich beneide sie direkt.“

Die erste Aussage hält Siegfried für eine zutreffende Vermutung, den zweiten Satz für nicht so ganz korrekt – angesichts seiner Kenntnisse über Jan Grensemanns private Leidenschaften.

Aber das behält er lieber für sich. Seinem Verlangen nach einem Fußmarsch über den Deich des Westbades hin zur Marienhöhe kann sich der Norder Advokat nicht verschließen, zumal ihn gegen die uniformierten Einheitsbusse jedesmal eine stille Abneigung befällt. Und ein Pferdefuhrwerk ist weit und breit nicht auszumachen. Erst im Damenpfad sichten sie den ersten Landauer, lassen ihn aber gemächlich an sich vorüberfahren.

Das letzte Stück des Wegs gehen sie dann auch noch zu Fuß. Die Tour zum Objekt der allgemeinen Begierde werden sie sich kutschieren lassen.

 

  Am sorgfältig gedeckten Teetisch hinter den Panoramafenstern im Cafe` auf der Marienhöhe sitzen die beiden, im Grunde gar nicht so verschiedenen, Mannsbilder erst einmal eine Zeitlang in aussagekräftiges Schweigen vertieft.

Das Rauschen der Brandung und der Blick auf die, unaufhörlich von Nordwesten, anrollenden Wellen, hat die Gedanken der Männer auf die Reise in die Vergangenheit geschickt. Bis auf das knistern der Kluntje, in dem zerbrechlich wirkenden Teegeschirr, ist in dem weiten Innenrund der Gaststube kein Geräusch zu vernehmen. Sogar der ältere Herr, der drei Tische weiter sein Frühstück genießt, blättert lautlos in der Badezeitung. Die gute alte Badezeitung gibt es also auch noch, freut es Siegfried innerlich. Durch sein Kindheitsbild ruttert die mächtige Rotationsmaschine, die sie damals bestaunt haben, und druckt Sehnsuchtszeitungen.

Stille kann verflucht laut sein, denkt Jan Grensemann plötzlich in sich hinein. Zu Lebzeiten Berend Fleßners saß er auch häufig an diesem Platz – allein. Dicht bei seinem Verlangen, und doch meilenweit entfernt davon. Stets die eiserne Regel befolgend, nach außen ein anderer zu sein.

Eine Mißachtung dieses Prinzips hätte ihn wahrscheinlich im moralischen Ansehen der Menschen auf die unterste Stufe, und die Staatsgewalt ihn mit Effet wegen Landesverrats hinter irgendwelche Gitter befördert. Ganz zu schweigen von seinen Geschäftspartnern, die zu Zeiten einer anderen Ideologie einmal seine Genossen waren.

Nur, solche Bande waren nicht so leicht zu lösen. Und jetzt sitzt er hier in diesem Cafe einem jungen Mann gegenüber, der ihm sein eigenes Werden ungewollt vor Augen führt. Zu gerne würde er die Entwicklung seiner persönlichen Lebensgestaltung rückgängig machen – was gäbe er dafür, wenn er es könnte!

Bruder Siegfrieds Gedanken laufen diametral zu denen des alternden Jan Grensemann – aber trotzdem zum selben Endpunkt. Er hat als kleiner Steppke damals häufig davon geträumt, einmal hier zu sitzen – in diesem vornehmen Rund. Jedesmal, wenn sie in langer Reihe an dem weißen Cafe vorüberzogen.

Er mit den ersten schwärmerischen Gefühlen, eines gerade zwölfjährigen, im Bauch – für die knapp siebzehnjährige Kindertante an der Spitze des Zuges.

Dieses knapp siebzehnjährige, wunderschöne Wesen mit den langen Haaren, das sein zaghaft erwachendes Verlangen nicht bemerkte. Weil – wie sollte sie auch – sie hatte selber den Bauch voller Schmetterlinge, die ein schmucker Junge, im gleichen Alter wie sie, da drinnen freigelassen hatte.

Dieses ziehende Sehnen beim Anblick eines Mädchens ist bei ihm nie wiedergekommen. Es war für ihn, den jungen, erfolgversprechenden Rechtsanwalt, mit ein Grund, weshalb er in den Orden eingetreten ist.

Um aufkommende Missverständnisse auszu-schalten – er pflegt keine Männerfreundschaften unter der Kutte. Wahrlich, dafür wäre das Kloster ein himmlischer Ort auf Erden – nur, diese Prüfung hat sein Gott ihm nie auferlegt. Dafür ist er ihm dankbar.

Das wird ihm jetzt und hier, an diesem Platz, bewußt. Er fühlt sich wie ein Planet zwischen zwei Sonnen – als Neutrum zwischen zwei Welten, das seine Bahn nicht verlassen kann.

Während die beiden Männer am morgendlichen Teetisch, hier im Kaffeehaus auf der Marienhöhe, lautlos nebeneinander herschwei-gen, ist in Siegfried Höger plötzlich wieder die Blüte der Sehnsucht ans Licht gekommen – hat die Massen durchdrungen, unter denen sie Jahrzehnte verschüttet war, und trotzdem nichts von ihrer Intensität verloren hat.

Als wenn es erst der vielen schrecklichen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit bedurft hätte, um ihn wieder hierher zu führen – an den Ort seines ersten Fühlens.

Was ist mit ihm geschehen? Er verspürt das Bedürfnis, seinem immer noch still dasitzendem Tischnachbarn, davon zu erzählen. Und nicht nur davon erzählt er.

Er berichtet von den Geschehnissen an der Dwina, erklärt seinem Gegenüber seinen Auftrag, und gewinnt dabei immer mehr das Gefühl, sich auf einem falschen Weg zu befinden.

Jan Grensemann hört wortlos zu, schaut auf das schier endlos scheinende Wasser hinaus. Mit einem Blick, in dem sich sein ganzes, unerfülltes Leben verliert. Während seine Augen sich an der Kimm festsaugen.

Gut eine halbe Stunde dauert Siegfried Högers Monolog, von keinem Wort seines gebannt lauschenden Zuhörers unterbrochen. Der Inhalt dieser dreißig Minuten läßt den alten Mann einen Entschluß fassen. Einen Entschluß, der dem Teufel ein Bein absägt. Er hat nichts mehr zu verlieren – er kann nur noch vieles wieder gutmachen. Auf Siegfrieds Lebensbeschreibung hat er nichts geantwortet – jeder Satz hätte die frischen Farben auf diesem Gemälde ins Unkenntliche verwischt.

 

  Zwei Tassen Tee nach dem letzten Laut besteigen sie einen von der freundlichen Bedienung herbeizitierten Landauer. Der Kut-scher auf dem Bock ist ein alter Bekannter Jan Grensemanns. Dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung zwischen den beiden aus. Soviel Wärme in seinen Gebärden hat Siegfried dem hölzern wirkenden Alten gar nicht zugetraut.

Als wenn dieser die Ankunft am Ort der Entscheidung hinauszögern will, dirigiert er die Kutsche kreuz und quer durch den Ort.

Siegfried ist es nur recht, verstärkt es doch die Erinnerungen an den Wendepunkt in seinem Leben, so daß ein nahezu unzerrissenes Band daraus entsteht.

Keine Silbe über den eigentlichen Sinn ihres Aufenthaltes hört die Norderneyer Luft, während der Fahrt durch das schöne Städtchen, über die Lippen der Männer fließen.

Ein Einheimischer zeigt seinem Gast sein Zuhause – denkt ein jeder, der sie sieht.

Der Fuhrmann auf der Bank hinter dem Pferderücken ist bestrebt, diesen Eindruck nach Kräften zu unterstützen. Anekdoten aus seinem Kutscherleben, und bunte Erklärungen zu einzelnen Gebäuden, steuert er mit sichtbarem Vergnügen zur Unterhaltung bei.

Wenn der altgediente Pferdemann da vorne wüsste, wieviel Schicksal er im Moment in den Polstern seiner Kalesche über die schöne Insel transportiert – als ein knorriger Meilenstein der Geschichte würde er sich fühlen, der Gute.

  Bevor der Kutscher sie unweit des Kaps an ihrem Ziel absetzen wird, möchte Siegfried Höger eine ganz besondere Stelle in seinem Denken an damals neu beleben.

Lührs – dieser Name ist in seinen Gehirnwindungen zementiert. Willi Lührs, der damalige Bürgermeister seiner Insel – seine Insel, wie er sie bei sich schon wieder nennt – immer um die Kinder in den Heimen des Eilandes besorgt.

Die weichen Erinnerungen an die große, rundliche Tante Lührs mit ihrem strahlenden Mondgesicht – wie die Kinder immer sagten – sind ihm in all den Jahren nicht verloren gegangen. Wenn sie ihn, den sie wohl doppelt ins Herz geschlossen hatte, an ihre massige Brust drückte, fühlte er sich wie im Himmelreich. Die Erinnerung an die Bonbons, die über die Hecke kamen, wenn sie im Gänsemarsch vorbeizogen, die läßt ihn heute noch die Süße spüren.

Jan Grensemann ist ihm gerne zu Gefallen, und läßt den Mann auf dem Bock den kleinen Schlenker machen – zumal er oft selber Gast im Häuschen der Lührs war.

 

  Als sie langsam um die Ecke von Siegfrieds Vergangenheitsstrasse biegen, steht unversehens noch ein Bild vor seinem inneren Auge.

Mag es der Hunger, den er jäh verspürt, oder der Anblick des Wäldchens mit der Wohnwagen-kulisse freigelegt haben. Auf jeden Fall hat er in Gedanken eine Eistüte vor sich – ein Booken.

Eistüte heißt seit seinen Erholungstagen auf der Insel im Wattenmeer bei ihm Booken. Einmal die Woche gab es für die vorbeiziehenden Heimkinder auf dem Waldcampingplatz eine Eistüte zum Nulltarif – Mama Bookens Herz für Kinder lag darin. Eingepackt in eine dicke Kugel vom leckeren, selbstgemachten Speiseeis. Milchmann Meyer brachte jeden Tag die frischen Zutaten für diese Köstlichkeit, mit seinem Dreiradgoli, auf den Zeltplatz.

Jede Kugel in diesen Eistüten wurde zu einem Baustein für ein ewigwährendes Denkmal, in den Herzen der kleinen, ärmlichen Sorgenkinder.

Der Kutscher auf dem Bock – mit seinem von der Last des Alters gebeugten Rücken – hat diese kleinen Alltagsgeschichten, wie er sie nennt, auch nicht vergessen.

Ob sich hier auf der Insel wohl sonst noch irgendwer dieser „Banalitäten“ erinnert? Jan Grensemann läßt leise Zweifel laut werden. Obwohl, wie er nicht ohne Stolz hinterherschickt, vieles in dieser kleinen Welt bewahrt wurde.

 

  Geschlagene zwei Stunden hat die Erinnerungs-Auffrischungsrundreise gedauert. Die Stunden waren es wert.

Der schrullige Auktionator und Rechtsbeistand war in den vergangenen hundertzwanzig Minuten nach außen hin nicht sehr gesprächig – dafür führte er mit seinem inneren Schweinehund eine umso intensivere Unterhaltung.

Wenn ihn seine Ahnungen nicht täuschen, hat er mit seinem Besucher noch allerhand zu bereden – später in der Altstadt-Gasse in Norden, unweit der Kirche.

Zuerst einmal stehen sie in der Nähe des Inselkaps vor den wunderschönen Gebäuden, um die sich die ganze Geschichte dreht. In Sichtweite liegt der Dünengürtel, und im Rücken das altehrwürdige Seehospiz.

Sehr gepflegt – sehr gediegen – das ist Siegfried Högers erster Eindruck, den er von dem Anwesen in sich aufnimmt.

Aber auch sehr kostenträchtig, wie er schlüssig hinterher bemerkt. Dieser Kostenträchtigkeit möchte er sich am Nachmittag in aller Ruhe widmen.

Seine Ideen, die Zukunft dieses wunderschönen Ensembles betreffend, laufen nämlich schon mit Siebenmeilenstiefeln in eine völlig andere Richtung, wie in die von seinen Auftraggebern angedachte.

  Auch in seinem Denken schlägt die Ahnung Wurzeln, in seinem Begleiter einen Partner gefunden zu haben, der ihn auf einem anderen Weg in die Zukunft begleitet.

Auch er trägt sich mit der Absicht, einige Dinge mit Jan Grensemann zu klären – später – in dem Kontor in der Norder Altstadt-Gasse, unweit der Kirche.

Zuerst aber steht die Sonne hoch im Mittag, sein Hungergefühl gibt keine Ruhe, und er möchte sich vorher noch ein Herzensanliegen erfüllen.

Von Jan Grensemann kommt kein Einwand, als Siegfried Höger sich umwendet, und die zweihundert Schritte zum Eingangstor des Seehospiz zurück legt.

Bevor er sich mit so profanen Dingen wie Kostenrechnung, und so lebensgefährlichen Dingen wie eigenmächtiges Handeln gegen die Interessen seiner Oberen beschäftigt, möchte er den Ort wiedersehen, an dem man ihm sein zweites, sein anderes Leben gab.

Es werden zwar nicht mehr dieselben Menschen sein, aber er hofft, die gleiche Güte anzutreffen, wie zu seiner Kinderzeit. Er will von jetzt an alles anders machen.

 

  Hier und heute soll der Anfang sein.

Er beachtet nicht die großen Türen des Haupteinganges, auf den sein Begleiter zusteuert – ihn zieht es durch den Torbogen auf das innere Gelände.

Auch hier beachtet man ihn nicht mehr, wie jeden anderen Besucher. Natürlich mit dem nötigen Respekt vor seiner geistlichen Würde, aber das war’s denn auch schon.

Er ist froh darüber, ungestört die alten Wege gehen zu können, froh darüber, das gleiche fröhliche Lachen zu vernehmen, daß ihm dreißig lange Jahre in den Ohren geklungen hat, wenn er nur an seine Zeit hier dachte.

 

  Irgendjemand ist er denn doch wohl anders aufgefallen wie die anderen Besucher. Aus einem Seiteneingang kommt mit sicherem Schritt eine relativ junge Diakonisse auf ihn und seinen Begleiter zu, Donnerwetter, denkt er – dieses schöne Weib ist aber selbstbewusst und energisch. Er denkt tatsächlich schönes Weib! Die wieder aufgetauchte Knospe seiner Sehnsucht schaut aus seinen Augen, als sie direkten Kurs auf ihn nimmt.

Ihre Erscheinung passt irgendwie in diese Umgebung – in dieses Arrangement von Backsteinbauten aus der Kaiserzeit – mit dem vielen Grün dazwischen.

Nicht das sie ebenso altehrwürdig ausschaut – keineswegs.

Eher jugendlich und frisch, wie sie mit federnden Schritten daherkommt.

Ihre Formen sind es – die Formen ihres Körpers, die durch ihre Tracht nicht kaschiert werden – und das Strahlen ihrer grünen Augen, die mit dem Glanz der gerade erblühten Magnolien wetteifern.

Wenn er es noch richtig weiß, kam sie aus der Tür zur Wäscherei. Eigentlich nicht der rechte Aufenthaltsort für eine solche Erscheinung.

Was ist mit ihm los? Gedanken überfallen sein Denken, an die er seit seiner Pubertät nicht eine Sekunde Zeit verschwendet hat.

Verschwendet – denkt er erschrocken, kann Denken an Liebe Zeitverschwendung sein? Es geht Siegfried Höger auf, daß er wahrscheinlich sehr viel in seinem bisherigen Leben versäumt hat.

„Guten Tag, meine Herren – ich bin Schwester Christa. Kann ich etwas für Sie tun?“

Sekundenlang – oder sind es gar Minuten – ist Siegfried Höger nicht in der Lage, eine Erwiderung über die Lippen zu bringen. Der Klang ihrer Stimme hat ein riesengroßes Loch in sein Empfinden gerissen.

Bevor er sich ganz in dieser Endlosigkeit verliert, rettet Jan Grensemann schon die Situation, und stellt sie beide der Augenweide von Schwester vor.

  Ohne näher auf den eigentlichen Anlaß ihres Besuches auf der Insel einzugehen, erklärt er mit wenigen Worten Siegfrieds Funktion und Herkommen.

„Bruder Siegfried kommt aus einem russischen Kloster – die Sehnsucht nach seiner Jugend hat ihn hierher getrieben.“

Fragender Zweifel huscht über das Gesicht der hübschen Schwester, wie wenn ein Nebelschleier dem Sonnenschein einen Besuch abstattet.

„Haben wir einen Termin versäumt?“ – will die Stimme, die das Loch in Siegfrieds Empfinden gerissen hat, mit leichtem Bedauern wissen.

Immer noch kann er kein Wort hervorbringen – dieser geschliffene Wortfuchs, der – wegen seiner messerscharfen Plädoyers – vor den Gerichten gefürchtet war. Wieder springt Jan Grensemann in die Bresche.

„Der Zufall – ich weiß nicht ob ich Schicksal sagen darf – hat uns hierher geführt, Bruder Siegfried und mich.“

Um ein Haar wäre es dem gewieften Geheimdienstler wie vielen Männern in dem Metier ergangen, denen eine schöne Frau die Sinne verwirrte. Fast hätte er Geschäftspartner gesagt.

„Da wir schon einmal hier sind, würde er gerne die ehrwürdige Schwester Oberin kennen lernen.“

Ein glockenhelles Lachen springt über die Wiese zwischen den alten Mauern dahin. Irgendwo im Gemüsegarten verschwindet es in den Ackerfurchen.

Es gibt ihn noch, den Garten. Er war schon unter der gestrengen Oberin Theodora ein Kleinod innerhalb der Umfassungsmauern.

Als das erfrischend klingende Lachen nicht mehr zu hören ist, kommt im gleichen Ton hinterher:

„So, so – die ehrwürdige Schwester Oberin möchten Sie kennen lernen – bin ich ihnen ehrwürdig genug?“

Jetzt endlich hat Siegfried Höger die Sprache wieder gefunden. Jan Grensemann zweifelte schon leicht an seinem Verstand.

„Du bist – äähh – Sie sind die Schwester Oberin?“

Irritation ob seines Wortspiels breitet sich im Gesicht der Oberin aus – weicht im Zeitlupentempo einem Ahnen des verborgenen Wissens.

„Kennen wir uns“ – es ist keine Frage, wie sie das sagt. Für jeden, der hören kann, heißt das:

„Wir kennen uns!“

Der vom Leben trainierte Jan Grensemann sieht im gleichen Moment Berge von Gefühlssalat auf die beiden Menschen neben sich zukommen. Bloß aus welcher Richtung das Gemengsel kommt, das ist ihm noch unklar.

„S o m m e r 1 9 6 2 – der schüchterne blonde Junge – der mir immer Strandnelken gepflückt hat ???!!!

Wie ein langgezogenes Gummiband bringt die Oberin die Worte ans Licht. Siegfried Höger kann es nicht fassen, seine Kindertante hier als Schwester Oberin anzutreffen – und begreifen kann er schon gar nicht, daß sie sich an ihn erinnert – sich erinnert an den zwölfjährigen Steppke, der seine Kindertante anhimmelte, wie ein unschuldiges Kalb den Mond.

Auch Schwester Christa benötigt ein paar Atemzüge, um wieder normal sprechen zu können.

„Ich glaube, wir haben uns viel zu erzählen. Aber jetzt ist gleich Tischzeit – meine Schäfchen warten auf mich.“

Bei dem Wort Schäfchen sitzt das gleiche schalkhafte Lächeln in ihren Augenwinkeln wie vor dreißig Jahren, wenn sie damals ihre Schäfchen um sich sammelte.

„Darf ich euch einladen, uns Gesellschaft zu leisten – oder habt ihr schon gegessen?“

Sie sagt unbefangen und direkt euch, als wenn man erst gestern auseinander gegangen ist.

„Es wäre zu schade . . .“

  Was zu schade wäre, das heraus zufinden, überläßt sie den beiden Männern.

Ohne eine hörbare Antwort abzuwarten, faßt sie Jan Grensemann und Siegfried mit einem leichten, aber bestimmten, Griff an den Armen, und schlägt den Weg zum Speisesaal ein.

Beide lassen es ohne Widerstreben geschehen. Sie sieht aus, wie ein Engel mit übergroßen Flügeln, der entschlossen seinem Ziel zustrebt – schießt es dem alten Mann durch den Kopf.

Der weitläufige helle Raum, den sie gleich darauf betreten, ist nur gut zur Hälfte besetzt. Kinder aller Altersgruppen und junge Erwachsene in bunter Mischung schwadronieren in allen Sprachen durcheinander.

„In unserer“ – sie sagt wie selbstverständlich in unserer „gemeinsamen Zeit war hier mehr los.“

Ein Anflug von Traurigkeit ist in ihrer Stimme zu vernehmen, als sie über die Köpfe blickt, und – wie zu ihrer Entschuldigung – erklärend fortfährt:

„Es fehlt uns an Geld – die Mittel reichen hinten und vorne nicht.“

Man spürt ihre innere Wut, als hinterher kommt:

„Immer wird die schlechte Finanzlage vorgeschoben – wenn es um Hilfe für die Kinder geht.“

Schwester Christa holt tief Luft, bevor es förmlich aus ihr heraus bricht:

„Die Menschen in tiefe Not und Armut zu stürzen – dafür werden die Milliarden nur so aus den Ärmeln geschüttelt. Überall!“

Siegfried sieht erstaunt, wie sie bei ihren letzten Worten die schlanken, schönen Hände, die so energisch zufassen können, zu Fäusten ballt.

„Da hinten – da am Ecktisch – sitzen ein paar unschuldige Opfer des Golfkrieges!“

Ihre Stimme versagt ihr fast den Dienst, als sie ein kleines Mädchen aus diesem Kreis in ihre Arme nimmt.

„Wir haben alle gemeinsam an den alten Herrn Bush, da in seinem feinen Weissen Haus in Washington, letzte Woche einen langen Brief geschrieben.“

Sie streicht dem zaghaft lächelnden Kind zärtlich über den kahlen Kopf.

„Wir haben ihm danke gesagt, für seine guten Taten – und für jedes Kind einen Pfennig beigelegt, damit er noch mehr Bomben bauen kann – – – das Kinderleid auf der Welt ist in seinen Augen wohl immer noch nicht groß genug. Vielleicht versteht er uns.“

 

  Nicht nur Siegfried fühlt, wie ihn das Grauen kalt berührt. Er sieht auch bei Jan Grensemann Blässe in den Falten seines Gesichts auftauchen. Sein Entschluß, etwas anderes zu tun als sein Auftrag ihm vorschreibt, stand schon am Morgen fest – jetzt ist er unumstößlich geworden.

Spontan setzt er sich zu den Kindern an den Tisch. In ihren großen, dunklen Augen sieht er die Wunden ihrer Seelen um Hilfe rufen.

 

  Seine schwere Kriegskasse, wie er sie bis jetzt bezeichnete, drückt ihm schon seit geraumer Weile die Luft ab – zieht sein Gewissen förmlich zu Boden.

Buchstaben und Zahlen schreibt er in ein Heft, daß er aus seiner Rocktasche geholt hat. Als er wieder aufsteht, und sich umwendet, drückt er der Schwester Oberin wortlos ein Stück Papier in die Hand.

Es ist ein Scheckformular der Deutschen Bank.

Die Minuten, welche die Oberin benötigt, um zu begreifen was darauf geschrieben steht, scheinen wie ein totes Stück Zeit, in das mit einem lauten Jubelschrei aus ihrer Kehle das Leben zurück kehrt.

Zweihunderttausend Deutsche Mark steht da wahrhaftig geschrieben. In Ziffern und in Worten.

Außer diesem lauten Schrei bringt sie nichts zustande.

Kristallene Stille herrscht im Speisesaal. Alle kennen Tante Christa – Tante Christa ist sie, trotz aller Würden, über die Jahre für die Kinder geblieben – also, alle kennen sie als freimütig und unkonventionell, aber diesen Ausbruch von Freude, so etwas hat hier noch niemand erlebt.

Fünf Minuten später hält sie von Jan Grensemann – diesem schrulligen, angestaubten Winkeladvokaten aus der Norder Altstadt – eine zweite Zahlungsanweisung, über eben den gleichen Betrag, in der anderen Hand.

 

  Was in diesem Augenblick passiert, ist wohl schon eine Ewigkeit her, daß es jemand gesehen hat.

Die ehrwürdige Schwester Oberin, des – ebenso ehrwürdigen – Seehospiz Kaiserin Friederike, auf der Nordseeinsel Norderney, küsst in aller Öffentlichkeit nicht nur einen – nein, sie küsst gleich zwei Männer – begleitet vom klatschen der anwesenden kleinen und großen Hände.

So wird es im Buch der Geschichte vermerkt stehen.

Im Buch der Geschichte wird auch vermerkt stehen, das die Mutter Generaloberin im fernen Fulda der Schwester Oberin auf Norderney, auf Drängen des Konsortiums, wegen ihres Verhaltens einen ernsten Verweis erteilte. Salopp ausgedrückt – die verknöcherten männlichen Moralkonsorten in der Ordensleitung haben ihr einen dicken Rüffel verpasst.

Dieser Rüffel sauste aber an ihr vorbei, und verlor sich, irgendwo in den Wolken am Horizont, über der Nordsee.

Einer Schwester Oberin, die plötzlich vorsitzende Geschäftsführerin einer Stiftung mit millionenschwerem Fundament ist, kann so ein ernsthafter Verweis aus kirchlichen Elfenbein-türmen ebenso wenig schaden, wie ein kräftiger Pferdefurz dem lauen Sommerwind über der Insel.

  Das es gleichzeitig der Beginn einer echten, tiefen Freundschaft zwischen zwei grund-verschiedenen Männern ist, das wird kein Historienschreiber je irgendwo zu Papier bringen.

In derselben Stunde noch bekommt eine kleine Anzahl von Menschen auf dem Eiland Schluck-beschwerden im Denken, und einiges zu tun.

Von diesem Nachmittag an – die Uhr, im Notariat von Dr. Sägemüller in der Poststrasse, zeigt exakt die dritte Nachmittagsstunde, als die kleine Runde die Dokumente abzeichnet – ist die Diakonissenschwester Christa Ahrenholtz – wie ihr bürgerlicher Name lautet – Sachwalterin der Stiftung: Kinder in Not.

Die notwendigen Eintragungen in die Gerichts-register sind nur noch reine Formsache.

Es ist später Nachmittag geworden, als Siegfried Höger zum ersten mal das nachbarliche Fleßnersche Anwesen betritt. Es war bei der Dampferabfahrt am Morgen in Norddeich zwar nicht so geplant, aber die kommende Nacht werden Jan Grensemann und er auf der Insel verbringen.

Das Schicksal will schließlich sein Spielchen spielen.

Dem Verwalter steht für solche Fälle ein Teil des Ostflügels zur Verfügung. Berend Fleßners ehemalige Wohnung. Die anderen Räumlich-keiten in den Gebäuden sind leer. Der mit Jahresende ausgelaufene Kontrakt der Vormieter hat diese Situation geschaffen.

Bewusst wurde auf Anschlussverträge verzichtet.

Wenn nicht so ein inselverliebter Flußrusse, da irgendwo in den Weiten der ostischen Ebenen, der auch noch einen sturköpfigen, halsstarrigen und unendlich wütenden Pjotr Iwanowitsch Josef Gorki seinen Freund nennt, von den Nachlassforschern als Erbe aufgespürt worden wäre – die Sache läge längst in trockenen Tüchern.

Dank sei der deutschen Justiz und ihrer Gründlichkeit.

Das denkt und sagt jetzt auch – allerdings mit einem anderen Vorton wie noch vor drei Tagen – der Auktionator und Rechtsbeistand Jan Grensemann aus dem verschlafenen ostfriesischen Teestädtchen Norden.

Mit großer seelischer Erleichterung, wie er Bruder Siegfried, als sie alleine sind, freimütig gesteht.

Siegfrieds Informationen über die biogenetische Forschungsstätte Kusnezows – die übrigens Jonathan aus des Generals geheimen Archiven filterte – haben nicht unerheblich zu diesem Sinneswandel beigetragen.

 

  Nachdem das – für heute zugegeben ungewöhnliche – Tagesgeschäft für sie zu Ende ist, das heißt, sie hat schlicht und einfach Feierabend, wechselt die Schwester Oberin in das, nur ein paar Schritte entfernte Domizil der beiden so unterschiedlich wirkenden Wohltäter. Man hat sie auf ein Gläschen Wein eingeladen.

Da sie trotz ihrer Tracht ein lebensbejahendes Frauenzimmer geblieben ist, das weiß was es will, braucht sie auch keinen Anstands-Wauwau.

Lange fällt noch an diesem Abend der gelbe Schein der Wandleuchten auf die drei Verschwörer – da im gemütlichen Wohnzimmer des Ostflügels der Fleßnerschen Villa.

Verschwörer ist ein Gedankenblitz der Schwester Oberin. Wenn sie um die Geschehnisse und die Hintergründe – wenn sie um das viele Blut wüsste, auf dem die ganze Geschichte schwimmt, die Bezeichnung Verschwörer hätte sie verbrannt, bevor sie ihr über die Lippen huschte.

Der neue Tag legt schon seine Kleider zurecht, als Jan Grensemann sich in die Koje verzieht. Den Ausdruck Bett hört man von ihm nur bei offiziellen Anlässen.

Das Wort Koje ist der Nachhalt einer engen Verbindung zu seiner Torfmuttje, die in der Nähe von Leer am Ufer der Ems vertäut ist. Sie ist sein zweites Zuhause geworden.

Das er Siegfried und der Schwester Oberin das Schiff zu einem Wochenendausflug angeboten hat, trägt auch den Stempel der Einmaligkeit.

Er mag zwar altersmäßig schon jenseits von Gut und Böse sein – wie einer seiner Kontrakteure einmal nach dem zehnten Doornkaat etwas stumpfsinnig bemerkte – aber das er jetzt, in dieser Dreierrunde, ziemlich fehl am Platze ist, das fühlt er mit der gleichen Sicherheit, mit der ein Bernhardiner von Lawinen verschüttetes Leben aufspürt.

 

  Was in der gemütlichen Wohnstube des verstorbenen Berend Fleßner zwischen Christel und Siegfried geschieht, bis das der neue Tag seine Kleider endgültig anzieht – das bleibt ein Geheimnis der Nacht.

Der frisch frisierte neue Morgen hört und sieht auf jeden Fall, eine überaus glückliche, mit sich und ihrer persönlichen Welt zufriedene, Schwester Oberin durch die, noch leeren Korridore ihrer Wirkungsstätte schweben.

 

  Auf wunderbare Weise hat ihr Lebenskreis nach langen Jahren wieder in die vorgezeichneten Bahnen gefunden. Die Gleise der Liebe sind eine glückliche Spur.

Ein paar Armspannen über die Umfassungs-mauer hinweg, Richtung Osten – im Bad der Verwalterwohnung der Fleßnerschen Immobilie – bewegt sich Siegfrieds Inneres auch wieder in den vorgezeichneten Bahnen seines Lebens. Nur – bevor er darin ungehindert weiterfahren kann, muß er noch sehr viele Hindernisse wegräumen.

Die ersten Brocken hat sein väterlicher Freund zu nachtschlafener Zeit schon für ihn aus dem Weg geräumt.

Der Tag stand auf der Insel noch in der Unterwäsche, da erreichten den Freund über Satellitenfunk aus dem fernen Moskau die ersten Nachrichten. Nachrichten ist eigentlich zu zivil ausgedrückt – konkrete Anweisungen seines Führungsoffiziers ist zutreffender. Nur wie gesagt – ihn schert es jetzt den Teufel. Er reagiert nicht mehr auf das Peitscheknallen aus dem Osten. Ihm kann man nicht mehr allzu viel Salz in die Suppe streuen – sein Teller ist fast leer gegessen. Von seinen restlichen Energien sollen die jungen Leute profitieren, da wird er alles dransetzen.

 

  Während im Wohnzimmer, nicht weit von ihm entfernt, in der Restnacht zwei Leben erblühten, legte er in seinem Zimmer die Fundamente für die Zukunft des Fleßnerschen Hauses.

Da er, von Berend Fleßner testamentarisch fest-gelegt, der Sachwalter der Liegenschaften ist, verfasst er noch in der Nacht ein Kaufangebot an den Erben im fernen Rußland. Ein Angebot, nach den Erzählungen Siegfrieds ausgerichtet, dem Gregori Neumann garantiert zustimmen wird.

Zumal der alte Herr die Grenzen seines eigenen Blockes kennt – und durch Bruder Siegfried, Gott sei Dank, auch die der anderen. Nur, auf ihre beiden Köpfe muß dieses Wissen beschränkt bleiben, bis alles unter Dach und Fach ist.

Wenn die Tinte unter den Verträgen trocken ist, wird man sich auf östlicher Seite keine öffentlichen, grenzüberschreitenden Scheuß-lichkeiten erlauben.

©ee 

EwaldEden

 

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OSTwind

Unvorhersehbare geheimnisumwitterte Geschehnisse in den Weiten Sibiriens nach dem Zerfall der Sowjetunion schrecken die Menschen dort auf und stellen sie in ihrem angestammten Lebensraum mitten in rätselhafte Ereignisse zwischen den Welten von Ost und West. Es werden Brücken geschlagen zwischen scheinbar völlig unterschiedlichen Kultur- und Lebensräumen – bis man am Ende erstaunt feststellt, dass es gar keine trennenden Grenzen gibt. bei EwaldEden

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Der Tag der Arbeit

 

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Das großartige Getöse der Neuzeitgewerkschaftsfunktionäre in unserem Lande, mit Blickrichtung auf den 1. Mai als gesetzlichem Feiertag, als „Tag der Arbeit“, hat mich bewogen einen Auszug aus einer früheren [ noch unveröffentlichten ] Arbeit hervorzuholen, und ein wenig darin zu blättern. Dabei ist mir wieder bewusst geworden, dass der Hauptteil der Verantwortung dafür, dass in unserem Lande seit Beginn der Schröderschen Regierungszeit die Masse der lohnabhängig arbeitenden Bevölkerung auf den Weg in die Verarmung geschickt wurde, unzweifelhaft bei den führenden Funktionären der deutschen Gewerkschaftsverbünde liegt – von denen schon kein Beobachter mehr sagen kann, ob sie nun Fisch oder Fleisch sind.

Für einen solchen Spagat, wie ihn die bundesdeutschen Gewerkschaftsführer seit nach 1945 – und verstärkt seit Einführung der Betriebsverfassungsgesetze bzw der betrieblichen Mitbestimmung – in der Arbeitswelt vollführen, würde ein Turner bei Wettkämpfen Goldmedaillen ohne Ende einheimsen.

Ich hege allen Zweifel, ob sich seit dem Wiedererstehen des DGB nach dem Ende des 1000 jährigen Reiches schon einmal jemand Gedanken über die Unmoral der doppelten Blutsauge der [ meisten ] Gewerkschaftsfunktionäre hierzulande gemacht hat.

Das die [ noch ] nach Millionen zählenden und zahlenden Mitglieder der „Arbeitnehmerorganisationen“ es noch immer widerspruchslos hinnehmen, dass die von Ihnen – aus ihrer Mitte heraus – gewählten, und aus den Beitragskassen der Verbände sehr gut entlohnten Organisationsangehörigen, als Vertreter ihrer berechtigten Interessen gegenüber den Kapitaleignern der Unternehmerseite, als Spitzenfunktionäre gleichzeitig von der Gegenseite – die es ja im Grunde im Zaum zu halten gilt – reichlich versorgt und fürstlich alimentiert werden – DAS verstehe ich nur unter dem Aspekt der Hammelherde, in der alle Blöker bedingungs- und gedankenlos dem Vorblöker, dem Leithammel folgen.

Gott segne und erhalte den deutschen Funktionären an der Spitze aller Organisationen den Herdentrieb der tumben Massen. Und was nun den 1. Mai als „Tag der Arbeit“ – vom braunauischen GröFaZ kurz nach seiner Machtübernahme eingeführt und als gesetzlicher Arbeitsruhetag für alle Zeiten festgelegt [ dass es dann am Ende nur 12 statt der vorausgesagten 1000 Jahre wurden, das war vielleicht auch eines gütigen Schicksals Fügung ] – betrifft. Am Tage der Einführung und des erstmaligen Begehens wurde es von den führenden Gewerkschaftsfunktionären in allen Großdeutschen Gauen noch als eine Verwirklichung jahrzehntelanger Gewerkschaftsbemühungen gefeiert, bis, ja bis sie allesamt am Tage danach nichts mehr zu feiern hatten – weil es nämlich „ihre“ Gewerkschaften von jetzt auf gleich nicht mehr gab. Vom gleichen Strategen aufgelöst und verboten bzw. in der „Arbeitsfront“ gleichgeschaltet, der ihnen tags zuvor das [ im Nachhinein ] ziemlich zweifelhafte Geschenk des Tages der Arbeit gemacht hatte. Mit der Beibehaltung des 1. Mai als den „Tag der Arbeit“ nach dem Ende des 2. Weltkrieges, und der Wiedergeburt des DGB und seiner Einzelgewerkschaften haben die Spitzenfunktionäre der Arbeiterbewegung allesamt ihre Unschuld verloren. Daran hat sich in der Folge und bis auf den heutigen Tag nichts geändert, denn die „Unschuld“ die kann nur einmal verloren gehen.

Seitdem umarmt das breite Heer der Führungsspitzen der Gewerkschaftsverbände die Welt eben nach dem von alt her geläufigen Motto:

Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt’ s sich völlig ungeniert“. ©ee 

EwaldEden

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Und plötzlich juckt es wieder …

 

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Zur Jahreswende 1957 / 58 hatte meine Mutter mal wieder auf einen Ruf ihres Ältesten reagiert. Ich sollte ihr am Ende des Schuljahres mit der Bahn nachfolgen. Das Geld für meine Bahnfahrkarte sei im Stubenbüffet deponiert. So lautete ihre Ansage an eine meiner Schwestern, die mit ihrer Familie in unserem Haus in Voslapp zurückblieb. Die Strecke hatte ich schon mehrmals alleine bewältigt.
Einer meiner Brüder benötigte, wie schon so oft, in seinem Betrieb tatkräftige Hilfe. Hilfe in Form von Händen die zupacken konnten. Meiner Mutters Hände waren für diese Art der Unterstützung bekannt.
Fidi S., ein Jugendfreund meines ältesten Bruders, der mit ihm und einer Reihe gleichaltriger junger Männer nach dem Kriege und dem Ende ihrer Lehrzeit in Wilhelmshaven bzw. im Jeverland ins Rheinland gewechselt war, befand sich gerade bei seinen Eltern in Hooksiel zu Besuch. Die Guten feierten das Fest der Rubinhochzeit. Fidi, stolzer Besitzer einer NSU Max, bot sich an, meine Mutter bei seiner Rückreise ins Bergische Land auf seinem Feuerstuhl mitzunehmen.
Da das Geld knapp und meine Mutter von Natur aus nicht ängstlich war, nahm sie das Angebot dankbar an. Zumal die finanzielle Beteiligung an den Treibstoffkosten wesentlich geringer ausfallen sollte, als der Preis für eine Bahnfahrkarte zweiter Klasse. Die Holzklasse – die dritte Klasse – war in deutschen Eisenbahnen leider kurz vorher abgeschafft worden.
Erfahrungen als ‚Sozia’ hatte sie außerdem schon in den ‚98er’ NSUzeiten ihres verstorbenen Ehemannes gesammelt – einschließlich einer gewaltigen Bruchlandung in einem riesigen ostfriesischen Misthaufen, der durch einen sintflutartigen Regen ein Stückchen auf die Landstrasse gerutscht war.
In Solingen angekommen wünschte sie sich allerdings, sie hätte die Anfangs etwas teurer erscheinende Variante Zugfahrt genommen, denn statt der erwarteten 370 Kilometer zeigte der Zähler am Ziel angekommen stolze 790 Kilometer heruntergeratteter Strassenlänge an.
Meine Mutter, als dankbare Mitfahrerin, übernahm natürlich neben den Kosten für die unterwegs notwendig gewordene Marschverpflegung auch die Kosten für den Benzinmehrverbrauch. Der geizige Fidi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und bot seiner honorigen Sozia sofort die nächste Mitfahrgelegenheit an.
Dank Fidis guter Streckenkenntnisse war nämlich die einfache Fahrt von Wilhelmshaven ins Bergische Land zu einer Deutschlandrundfahrt einschließlich der niederländischen und belgischen Grenzgebiete geworden. Meine Mutter hat sich dann mit der Erkenntnis getröstet, auf diese Art viele ihr bis dahin unbekannte Landstriche kennengelernt zu haben. Und noch eines hatte sie unfreiwillig kennengelernt: Die Ängste eines hilflos auf dem Sozius hockenden Beifahrers, wenn der Fahrer vor ihm glaubt der Pilot eines Abfangjägers der Luftwaffe zu sein.

Es nahte meine Abfahrt ins gelobte Land. An der Wesensveränderung meiner Schwester merkte ich, daß irgendetwas ihr Unwohlsein bereitete. Und richtig – das ihr von unserer Mutter anvertraute Geld für meine Bahnfahrkarte war weg. Es hatte sich irgendwie in Luft aufgelöst, oder war unter der Sonne ihrer unerfüllten Wünsche dahingeschmolzen. Nun war Holland in Not – aber wie es im Leben häufig so ist: Ist die Not am größten, ist der liebe Gott am nächsten.
Der liebe Gott hieß in diesem Fall Fritz Grätz. Seines Zeichens war er Kohlenhändler und Frachtfuhrmann. Als Spediteur im Fernverkehr bediente er die Frachtlinie Wilhelmshaven – Süddeutschland im regelmäßigen Turnus.
Seine dunkelblauen schwerfälligen Lastzüge verkehrten damals pünktlicher als heute häufig die Deutsche Bahn mit ihrer überdrehten Technik.
Für die ‚Basalan AG’ – die damals in der ehemaligen Schiffbauhalle an der Gökerstrasse Steinwolle aus Blaubasalt als hervorragendes Isoliermaterial herstellte – karrte er ihre Qualitätsprodukte an die jeweiligen Bestimmungsorte.
Und noch etwas wurde in großer Stückzahl befördert – Passagiere, Menschen die für wenig Geld näher oder weiter weg wollten.
Man nahm nach dem Vorbild der Frachtschiffahrt für jede Tour Fahrgäste an Bord. Der Lastzug wurde sozusagen zum Kombifrachter. Zwei Passagiere konnten jeweils im Führer-haus mitreisen, wenn es mehr waren – und es waren immer mehr – mußten die anderen sich mit einem Platz auf der Ladefläche begnügen. Das war wahrlich nicht bequem – aber man reiste ja billig. Warm war es außerdem – konnte es draußen noch so kalt sein wie es wollte – man war ja von dämmender Steinwolle ‚Marke Basalan’ eingehüllt.
Wer während der oft Stunden dauernden Reise nicht auf Flüssigkeitsaufnahme verzichten konnte, mußte sich vor der Abfahrt ausreichend mit Getränken eindecken.
Sich unterwegs etwas zu kaufen, das war nicht möglich. Cirka alle 150 Kilometer hieß es auf einem Parkplatz am Rande der Fernstrassen: Pinkelpause! Dann lüftete sich die Plane, man klauterte mit oder ohne fremde Hilfe vom Wagen, machte sich soweit wie nötig frei und verrichtete sein Geschäft.
Da überwiegend des Nachts gefahren wurde, gab es auch keine Entsorgungs- oder Schamprobleme. Es erleichterte sich jeder fröhlich hinter dem nächsten Strauch oder Bäumchen in die Dunkelheit hinein. Weiblein neben Männlein. Man denke sich das einmal heute.
Meist waren es vergnügliche Runden, die der Zufall an Bord zusammengewürfelt hatte. Nach dem Ablegen der ersten Fremdheit wurde sich unterhalten, gelacht und auch schon mal gemeinsam gesungen. Nur geschmökt werden durfte auf dem Zwischendeck nicht.
Und alles ging im Konzert der Strasse unter. Der eine oder andere gab sich dann einfach dem Schlafe hin. Mir erging es ebenso. Ich schlummerte die letzte Wegstrecke tief und fest in meiner Basalankoje vor mich hin.
Im Morgendämmern schepperte am Frachtgutsteig des Neusser Hauptbahnhofs die Ladeklappe unserer komfortablen Kabine nach unten und es hieß abmustern. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster erwartete mich im morgendlichen Nebel mit seiner NSU Max der gleiche Pilot, der meine Mutter ein halbes Jahr zuvor auf grandiose Art nach Solingen chauffiert hatte. So lernte ich auf dem Sozius des Feuerstuhls auf der Fahrt vom Rhein in die Klingenstadt in Kurzfassung die gleichen Gefühle kennen, die meiner Mutter auf ihrer Winterreise den Wert des Lebens klar gemacht hatten. Trotz des schneidenden Fahrtwindes war ich bei der Ankunft in Solingen in Schweiß gebadet. Sämtliche Kleidungsstücke, die ich tags zuvor als Neu angezogen hatte, waren nur noch ein Fall für die Lumpenkiste. Tagelang verfügte ich nicht über genügend Finger, um mich an den Stellen kratzen zu können wo es mich durch die feinen Steinwollfitzelchen juckte.
Wenn mich mein Weg heute einmal an der langen Front der ehemaligen Schiffbauhalle vorbei führt, meine ich plötzlich das Jucken von vor fast sieben Jahrzehnten zu verspüren.©ee 

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Dem Himmel ein Stück näher …

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Ein guter alter Freund, mit dem ich über Jahre keinen oder nur sporadischen Kontakt pflegen konnte, war durch des Schicksals Walten mir unversehens wieder ganz nahe gerückt worden. Seine langjährige Partnerin, mit der er gemeinsam in jugendlichen Drangjahren so manchen Strauß mit einer dahinsiechenden politischen Gesellschaft ausgefochten hatte, war, für ihn und sicher auch für andere, vor Jahresfrist ohne große Vorwarnung von seiner Seite abberufen worden. Das war mir aus diversen Nachrufen in den medialen Netzwerken bekannt.

Nun hatte mich eine Mutter aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft gebeten ein paar Momente der kirchlichen Trauung ihrer Tochter zur Erinnerung für sie im Bild festzuhalten. Die Besiegelung des Eheversprechens würde durch den Pastor der Baptistengemeinde in deren Bethaus in Jever stattfinden.

Ohne zu zögern und ohne zu wissen auf wen und auf was ich dort treffen würde, sagte ich zu. Erfreut, verblüfft und verwundert zugleich erkannte ich in dem Bräutigam meinen alten Freund aus einer vergangenen Zeit.

Klar hatte er und auch mich durch nicht so schöne körperliche Unbefindlichkeiten in der äusseren Erscheinung ein wenig verändert – meines Freundes innere Einstellung zum Leben hatte aber offensichtlich auch eine bedeutsame „Kurskorrektur“ erfahren. Von der Rebellion zur Reformation – so war mein Denken bei unserer Begegnung während der Trauzeremonie. Mein Freund war für mich auf der Suche nach einem neuen Weg für alle seine Tage. Die Bitte an mich, doch seiner in Kürze anstehenden Aufnahme in die evangelisch-freikirchliche Baptistengemeinschaft und der damit verbundenen Taufe beizuwohnen habe ich dann mit Freuden und einer gewissen unbekannten Erwartung von etwas Ungewöhnlichem entsprochen.

Irgendwie trieb mich auch die Neugierde, denn die Art und Weise der Taufe sollte ja nicht den allgemein bekannten Ritual der „Kleinstkindstaufe“ – mittels einer priesterlichen handvoll geweihten Wassers auf das Haupt des Täuflings getröpfelt – der christlich ausgerichteten Amtskirchen in unserem Lande entsprechen. Meine Wißbegierde wurde gestillt, mein „Unwissen“ in dieser Hinsicht gründlich ausgeräumt, denn was mich beim Eintritt in den auf allen Plätzen gefüllten Kirchenraum berührte war ein Willkommen der Seelen aller in dem Raum anwesenden Personen. Die hingebungsvoll an der Orgel sitzende Organistin, der Anblick der augenscheinlich mit ihrem Instrument verschmolzenen Flötistin und der mit seiner Klampfe eins gewordene Gitarrist bildeten eine den Ohren wohlgefällige Klammer um die mit fröhlicher Begeisterung singende Gemeinschaft. Und in alldem lebensfrohen Miteinander der Generationen wurden mittendrin schon lebenserfahrene Menschen als Geschöpfe Gottes nach Johannes des Täufers Vorbild „ganzkörpergetauft“.

In dem Moment ging mir auf, dass mein Freund nicht mehr nach seinem Weg suchte, sondern dass er ihn gefunden hatte. Ich muß gestehen, dass auch ich mich in diesen Augenblicken dem Himmel ein Stück näher gefühlt habe.©ee 

 

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Gibt es das Solingen

der ‚aulen Soliger’ eigentlich noch?

 

Ich bin ein Flachlandtiroler – ein ‚norddeutscher Butscher’ hieß es in meinen Kinderjahren – und liebe mein Land am Meer über alles. Natürlich komme ich hier mit den Menschen klar, weil ich ihre Eigenheiten, ihre Ab- und Besonderheiten kenne und respektiere.

Damit meine ich in meinem Denken die urwüchsigen und eingeborenen Ostfriesen. Sie sind eine ‚herbe Kost’ würde ich sagen, wenn ich ein ‚Charakterfeinschmecker’ wäre. Der Hunger wird durch sie gestillt, der Magen wird gefüllt und trotzdem sind sie eher etwas für kalte Tage, an denen man nicht sehr viel spricht, sondern lieber die Wärme des Feuers und das ‚miteinander Schweigen’ genießt.

In der Not- und Drangzeit nach dem 2. Weltkrieg hatte es Teile meiner Familie ins Bergische Land nach Solingen verschlagen. Dadurch bedingt, war die Klingenstadt mit den vielen Bächen und Wasserläufen auch zeitweise mein Zuhause.

Die Erinnerung an die Menschen aus dieser Zeit habe ich bis Heute als etwas sehr Kostbares bewahrt. Im Haus meiner Empfindungen haben sie einen besonderen Platz, sowie man altes und wertvolles Kristall und Porzellan in einer gläsernen Vitrine verwahrt. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich auch genauso damit umgehe – sie hin und wieder in die Hand nehme und poliere – genauso wie meine Großmutter es Herbstens, wenn die Zeit der großen Feste bevor-stand, mit ihrem alten Silber zu tun pflegte.

Dann strahlt sie wieder, die Erinnerung an den „3 Städte-Express“ – die alte Straßenbahn Linie 3 – wenn sie nach der Wende auf der ‚Burger Drehscheibe` wieder in Richtung Solingen los-ratterte und nach schier endloser Rauf- und Runterfahrt durchs Solinger Stadtgebiet am Vohwinkeler Schwebebahnhof haltmachte.

Wieviel mehr Charme besaß die alte Dame doch gegenüber der surrenden Eilfertigkeit der ihr nach-folgenden schmucklosen Blechkisten von Ober-leitungs- den nach einem britischen Konstrukteur benannten Trolley-Bussen.

Wenn sie sich die Steigungen der Burger Landstraße hochmühte, dann konnte man im Bereich der „Bienenhalle“ auch schon mal währ-end der Fahrt Blumen pflücken, obwohl das ei-gentlich strengstens verboten war.

Während meines ersten Besuches in der Stadt der Messer und Gabeln stand ich als kleiner Steppke an der Hand eines alten Schwertfegers in Müngsten staunend am Ufer der Wupper unter einer eisernen ‚Riesenbrücke’, über die hoch im Himmel gerade eine rauchende Dampflokomotive eine Schlange von Eisenbahnwaggons hinwegzog. Die Eisenbahnbrücke, über das Tal der Wupper gespannt, Solingen als Schneidwaren- und Blankwaffenstadt mit Remscheid als der Stadt der Werkzeugmacher miteinander verbindend, hatte für mich plötzlich etwas mit der Heimat verbindendes. Auf den Namen Kaiser Wilhelms war sie nach ihrer Fertigstellung getauft worden – genauso wie die große eiserne Drehbrücke bei uns über den Hafen. Dieser Anblick war für mich etwa so wie bei uns Zuhause der Blick übers Meer vor den Deichen, in seiner unendlichen Weite mit den qualmenden Schiffsschornsteinen über der Kimm am Horizont. Ich war tief beeindruckt.

Dagegen verblasste das Staunen, dass mich einige Tage zuvor in Wuppertal erfasst hatte, als ich mit Onkel Eugen – dem Schwertfeger – unter einer Straßenbahn stand die mit den Rädern nach oben über die Wupper schaukelte. Dieses Werk menschlicher Technik war doch gar nichts gegen-über dem Himmelsflug der Eisenbahn hoch über dem Müngstener Märchenpark.

Wie im Märchen fühlte ich mich auch auf den Wanderungen längs der Wupper, an deren Ufer bei den Schleiferkotten die Wasserräder klap-perten, um in derem Inneren die Wellen mit den Schleifsteinen und Polierbürsten anzutreiben, vor denen die Schlieper und Pliester auf kleinen Schemeln hockten. Vom Tagesanbruch bis in die Dunkelheit hinein gaben sie hier den Solinger Markenprodukten die Schärfe und den Glanz, den alle Welt so sehr an ihnen schätzte. Immer wieder zog es mich in diese schummrigen Werkstätten mit den kleinen Lichtinseln über den surrenden Scheiben und den Männern mit den gebeugten Rücken davor, die so wunderbar Geschichten erzählen konnten – auch wenn sie mit Worten nichts sagten.

Wer weiß heute noch um die zahlreichen kleinen Tante Emma Läden in den abgelegenen Hof-schaften, die sich in den oftmals mit Schiefer-platten verkleideten Fachwerkhäusern verbargen, in deren Fenstern hinter den Butzenscheiben höchstens mal ein Schild mit Persil als Aufschrift, oder eine Reklametafel mit einer Empfehlung für die Erzeugnisse aus Bruchhausens Kornbrennerei oder Beckmanns Bierbrauerei zu sehen war.

So wie zum Beispiel bei Else Rüttgers in ihrer Wunderwelt auf der Höhe des Mittelhöhscheider Häuserrund. Tante Else – oder ‚et Elsken’ wie die Erwachsenen sagten – regierte mit einer Drehung ihres gedrungenen Körpers die ganze Welt ihrer kleinen Faktorei, in der man in Schubladen und Regalen all das vorfand, was Mensch für den All-tag benötigte. ‘Et Elsken’, deren weiteste Reise in ihrem Leben ein Ausflug zum Kloster auf der Krahenhöhe war, und die trotzdem ihren Kunden über alle Vorgänge in der Welt oftmals besser Bescheid tun konnte als der alte Conny in seiner Rosenlaube da überm Rhöndorfer Rheinufer es je vermocht hätte.

So tat sie auch ihrem Walther des Öfteren kräftig Bescheid, wenn sie gespitzt hatte, dass er mal wieder einem gut gebauten Mädchenhintern über langen schlanken Beinen hinterherspürte.

Auch wenn sie von Jugend an ‚leidend’ war, wegen einer verwachsenen Hüfte – so leidend war sie denn doch nicht, dass sie es leiden konnte, ihren Walther von fremden Tellern naschen zu sehen.

Walther war nämlich Forstaufseher in den umliegenden Jagdrevieren.

Er gab schon was her, wenn er in seiner grünen Uniform mit geschulterter Flinte und zwei Mün-sterländern an der Seite durch die Wälder streifte. Dass er einen eleganten Silberblick hatte war ja von weitem nicht zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, ob er es wohl schaffen würde ein Stück Wild zu treffen – erlebt habe ich es allerdings nie. Wahrscheinlich zielte er immer auf die Jagdbeute, die in seinem Doppelblick nicht real war.

Real war dagegen Joostens Karl, der schon mehr als fünfzig Jahre in seiner Frisörstube am Kohls-berg als uneingeschränkter Herrscher über Kamm und Schere thronte, und jedem männlichen Wesen aus der näheren Umgebung zu kleinem Tarif als unveränderliches Kennzeichen den persönlichen Haarschnitt verpaßte. Karls ‚Salon’ war die Nachrichtenbörse der Abseitswohnenden, in der morgens schon die Nachrichten gehandelt wurden, die dann erst nachmittags in ‚Boll’s Blättchen’ standen.

Karl schien immer nach einer für seine Kunden unhörbaren Musik zu tänzeln, wenn er mit erho-benen Händen auf seinen verschieden langen Beinen die Köpfe der Stuhlaspiranten umkreiste.

Der ‚Schlieper’ vom Kotten nebenan – der im Blaumann zwischen dem Pliestscheibenwechsel mal eben zum Haareschneiden und Bartstutzen kam – wurde übrigens nicht anders behandelt wie der ‚Fabrikant’ als Besitzer der am Eselsweg gelegenen Rasierklingenfabrik, wenn er in elegantes bergisches Tuch gekleidet in dem alten Ledersessel Platz nahm.

Überhaupt – bergisches Tuch, die ‚aulen Soliger’ waren stolz auf ihre Lodenanzüge, Joppen und Mäntel die sie trugen, wenn man sie nicht im Blaumann sah. Wenn ich jetzt allerdings so an den Jahren von damals vorbeischaue – bei den jüngeren ‚aulen Soligern’ gab es eine Riege, die mit ihrem Modegebaren ein wenig aus der Reihe tanzte. Mir kleinem Steppke schienen damals diese halbfertigen Alten immer ein wenig gecken-haft, wenn sie in Kniebundhosen gekleidet ihre vermeintlich jugendliche Sportlichkeit zur Schau trugen, selbst wenn ihr Bauch ihnen schon den Blick auf ihren Pittermann verwehrte – sowie der Wirt der Kohlsberger Höhe – der alte Fischers Wilm es einmal in Nachkirchslaune am Stammtisch seiner Sangesbrüder bezeichnete.

Am Stammtisch in der ‚Kohlsberger Höhe’, ge-genüber der alten Klosterkapelle gelegen, kam es auch schon mal vor, dass in den Apfelsaftgläsern plötzlich Cognac funkelte, weil der alte Wilhelm im dunklen Gewölbekeller beim Flaschen nach-füllen zum falschen Demion gegriffen hatte. Dann standen die Karossen der Sangesbrüder auch am nächsten Morgen noch dicht gedrängt auf dem Parkplatz der Wirtschaft gegenüber des ehr-würdigen Gotteshauses, weil sie alle notgedrungen in einer Droschke den Heimweg antreten mußten.

Eine Droschke benutzen zu können hätte Leine-webers August sich auch sicher so manches Mal gerne gewünscht, wenn er per Pedes mit seinem Koffer auf dem Rücken die Haushalte in den abgelegenen Hofschaften und Außenbezirken abklapperte und seine Waren feilbot.

Kurz gesagt war August ein ambulanter Kurz-warenhändler – lang gesagt war er viel mehr. Für die Menschen in den einsam liegenden Kotten und Höfen war er häufig die einzig regelmäßige Ver-bindung zur Außenwelt.

Die Männer betrafen seine Besuche weniger direkt. Da war es eine gemeinsam gerauchte Ziga-rette, vielleicht hier und da ‚een Upjesatten’ mit ein paar Bemerkungen über die alte oder neue Politik im Lande.

Bei den Frauen war es da schon anders, wenn er in den Wohnküchen oder Stuben seinen Koffer öffnete. Einen leichten Hauch von Paris oder Mai-land meinte man dann durchs Zimmer huschen zu sehen – zumindest signalisierten die Augen der Frauen dieses Empfinden angesichts der modischen Knöpfe, der Strümpfe und Strumpf-bänder oder auch Schals der neuesten Kreationen der letzten oder vorletzten Modemesse. Auf jeden Fall – wenn Leinewebers August mit seinen Kostbarkeiten erschien, fühlten sich die Menschen mit der Welt draußen verbunden.

Selbst wenn ich August Jahre später – als er sich schon im hohen Alter befand – hin und wieder noch einmal zu Gesicht bekam, sah ich immer noch den Koffer auf seinem Rücken, obwohl der schon längst den Weg alles Irdischen gegangen war.

Den Weg allen Irdischen ist auch Luchtenbergs Ernst längst gegangen, und besieht sich seitdem von hoher Warte seinen ‚Schulweg’ der ihn jeden Tag von der Lacher Straße in Widdert durchs Tal auf die jenseitige Höhscheider Höhe in die Schule an der Wienerstraße führte.

Wieviel Paar Schuhe mag er wohl auf diesem Weg in den Jahren seines ‚Lehrerseins’ an der Wiener-straße verschlissen haben? Der Luchtenbergs Ernst, der nach der Tradition der Familie eigent-lich hätte Gärtner werden sollen. Irgendwie ist er es ja auch geworden, als er sich stattdessen für den Lehrerberuf entschied, und vielen kleinen mensch-lichen Pflänzchen – die alle noch grün hinter den Ohren waren, wenn sie in seine Obhut kamen – zu geistigem Wachstum und Ansehen verhalf. Wir liebten ihn einfach, diesen urwüchsigen Päda-gogen in seinem alten Tweedjackett und den Kniebundhosen, in denen er, trotz seiner gebeug-ten Gestalt, nie geckenhaft wirkte.

 

Der ‚aulen Soliger‘ zweiter Teil …

 

Die ‚Christliche Gemeinschaftsschule Wiener-strasse’ wie die Lehranstalt offiziell benannt war, war sowieso eine Besonderheit in der damaligen Schullandschaft. Die ‚Volksschulen’ in den Fünf-zigern waren in aller Regel noch konfessionell geprägt und ausgerichtet. Die Bevölkerung war in großen Teilen noch nicht mit dem ökumenischen Denken infiziert. Evangelisch war evangelisch und katholisch war katholisch – und sollte nach dem Willen der Bestimmenden auch so bleiben, wie es mein guter Pastor Stratmann in weinseliger Laune (oder war es das süffige Beckmanns Gebräu?) einmal auf den Punkt brachte: „Jedes Gericht für sich ist gut und bekömmlich, als Mischmasch schmecken aber beide gleich fürchterlich.“

 

Die ‚Katholen’ waren in ‚Solig’ zwar in der Min-derzahl – man kann getrost sagen, sie lebten in der Diaspora – gesellschaftlich und im wirtschaft-lichen Tagesgeschehen spielten sie aber eine nicht unbedeutende Rolle.

Das hatte ‚Eekenberchs Jerd’, wie er stadtweit genannt wurde, neben vielen anderen auch er-kannt.

In der Schwarzmarktzeit, nach dem lauten Getöse des Zusammenbruchs der arischen Ordnung, war er dank gewachsener Beziehungen an einen Butter und Speck Meisterbrief gelangt. Viele Bürger, die in der Klingenstadt über Rang und Namen verfügten, kannten sich halt aus der gemeinsamen Pennezeit an Solingens Oberer Schule, an der Vater ‚Eekenberch’ bis zu seinem Abmarsch in die russische Hölle mit dem Rang eines Studienrates behangen war. ‚Dat Jerdche’ profitierte noch lange davon, denn ‚dat Jerdche’ war ein schlaues Kerlche.

Damit dem Blutkreislauf seines kleinen Hand-werkbetriebes stets genügend ‚Sauerstoffpartikel’ sprich Aufträge zuflossen, hatte er eine ver-blüffend erfolgreiche Strategie entwickelt.

(Wahrscheinlich war es aber wohl seine Angetraute Edith, die den antiken Wert des in russischer Gefangenschaft dahingerafften studien-rätlichen Schwiegervaters mit der ihr eigenen Kreuzumtriebigkeit versilberte.)

‚Dat Jerdche’ trug das lutherische Gesangbuch gut sichtbar in der Tasche, während Eheweib und klein Joachim laut und inbrünstig die Texte aus dem katholischen Meßbuch ihrer Umwelt zu Gehör brachten.

Dadurch landeten in der Regel alle Gewerkauf-träge der Kirchengemeinden beider Konfessionen in seinem Kontor – und das waren in der Erneu-erungsphase nach der NS-Staatsliebedienerei der Kirchenkonzerne wahrlich nicht wenige.

 

Diesen Umstand machten sich auch die Nato – Sauerzapfchen Feldherrnarchitekten zunutze, die vielen sakralen, oder auch profanen, Baukörpern dieser Zeit ihren heute noch oft sichtbaren Stempel aufdrückten. Von den am Bau Schaffenden wur-den sie wegen ihrer unübersehbaren Vorliebe für schwarze und weiße Töne in allen Schattierungen, in Anlehnung an die Restauration der ‚Lustigen Wirte Schwarz-Weiß’ an der Burger Landstrasse in Höhe der Krahenhöhe, auch wohl die Arch-itekten Schwarz-Weiß genannt.

 

Schwarz-weiß war das, was sich so Tag für Tag – oder auch Nacht für Nacht rund ums Höhscheider Denkmal abspielte nun wirklich nicht – es war wohl eher als ein ziemlich buntes Treiben zu bezeichnen.

Über das der agile Schutzmann Thomas vom nahe gelegenen Polizeirevier in der Regerstrasse mit Argusaugen wachte, wenn er seine Runden durch die Parkanlage des Kriegermahnmals und längs der Strassen abschritt. Natürlich tat er das nicht ohne die nötigen Verschnaufpausen einzulegen – vornehmlich am Tresen in der alten Fuhrmanns-kneipe von ‚Tillmann’s’, wo ihm die anwesenden Gäste bereitwillig das eine oder andere ‚Gläschen’ spendierten. Man konnte ja nie wissen …

Seine Uniformmütze – sein ‚Dienstgewissen’ so-zusagen – deponierte er stets bei Oma Tillmann in der Wirtshausküche am Fleischerhaken links neben der Eingangstüre. Nie sah man ihn mit hoheitlicher Kopfbedeckung im Schankraum süp-peln – dafür dann aber später, nach seinen Thekenverschnaufpausen, wieder mit Dienstmütze umso intensiver manch kleinem Sünder aufzu-lauern, wenn dieser gerade der Kneipe mit ihren Verlockungen den Rücken gekehrt hatte und fest darauf vertraute, mit seinen drei spendierten Lagen für den Schutzmann von demselben für diesen Abend einen Ablaßbrief erworben zu haben.

Unzählige Spätheimkehrer sind damit einem Irr-glauben erlegen – bis, ja bis den Judas in stock-finsterer Nacht die Rache der Götter ereilte.

Irgendwelche aufgebrachten und enttäuschten Ge-müter verabreichten dem uniformierten Geset-zeshüter mit seinem eigenen Schlagstock eine Abreibung die sich gewaschen hatte und ihn für die restlichen Dienstjahre in das Innere der muf-figen Revierwache verbannte.

 

In der angrenzenden Kneipe ‚süppeln’ konnten die Kunden vom Barbier Warbruck schon mal auf Kosten des Haarkünstlers, wenn er ihnen ein Getränk freigab, damit den Männern die Wartezeit im Salon nicht auf’s Gemüt schlug und ihnen ihr Wohlbefinden trübte. Von daher war der War-bruck’sche Verschönerungstempel auch immer gut besucht. Der alte Fuchs wußte sich schon seine Wegzehrung zu beschaffen.

 

Wegzehrung brachte auch „Blank’s Fri“ – der immer vergnügte Senior der Bäckerei Blank – unter die Leute, wenn er des Nachmittags mit seinem bis unter das Blechdach vollgepacktem altersschwachem, röchelndem Olympiakombi aus der Familie derer von Opel vom Hof seiner Bäckerei zum Rundkurs durch die abgelegenen Höfe und Hofschaften startete.

Blanks Schwarzbrot zählt mit zu meinen ‚edlen Erinnerungen’ an das ‚aule Solig’.

 

Zu meinen nicht so edlen Erinnerungen zählt eine ‚Großtat’ meiner älteren Brüder. Die beiden hiel-ten ihr Tun auf jeden Fall dafür, obwohl ich verständlicherweise anderer Meinung war.

Es war die Zeit, in der Elvis Presley seinen US Armeedienst in Deutschland ableistete und Deutschlands Jugend begeisterte. Die Köpfe vieler Jungs an der Schule und auch aus meiner Klasse krönte eine Elvis Frisur. Nicht dass es mich danach drängte auch so eine tolle Tolle auf mein Haupt zu fabrizieren – ich dachte gar nicht daran, dafür war mein Gesicht viel zu rundlich – nein, meine Brüder wollten nur allen Eventualitäten vorbeugen, wie sie sagten, als sie mir in einer Nacht- und Nebelaktion den Kopf kahl schoren.

Wer auch nur ein wenig Gefühlsdenken kann, der kann sich denken, wie mir am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule zumute war.

Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich meinen Brüdern diese Missetat schon vergeben habe.

 

Der ‚aulen Soliger‘ dritter Teil …

 

Nicht in Vergessenheit geraten – nicht bei mir und bei vielen anderen sicherlich auch nicht – sind zwei junge Frauen aus der Bergerstrasse.

Die Knospenzeit ihrer ganz jungen Jahre hatten sie gewiß schon eine Weile hinter sich – die beiden Inges, aber trotzdem blühten sie noch ganz heftig, wenn auch jede auf eine andere Art.

Beide waren unbemannt gebliebene Töchter honoriger Geschäftsleute.

Ihre Väter betrieben in ihren Häusern am Hingen-berg jeder einen Kolonialwarenladen mit ange-schlossener Schankwirtschaft. Die Straße talab-wärts linker Seite Hugo Meis und schräg gegen-über auf der anderen Straßenseite Fritz Busch.

Solche Geschäftskombinationen gab es sehr häufig im Bergischen Land. Oftmals war es auch eine Metzgerei, deren Umsatzgewinne die Erträge aus dem Schankbetrieb ergänzten – oder eben umge-kehrt.

 

Die beiden Inges nun waren vom Wert her echte Goldstücke – nur die eine eben in glitzerndem Weiss- und die andere in funkelndem Rotgold.

Im stets schummrigen Halbdunkel der väterlichen Kramläden verbreitete die Weißgoldinge natürlich den helleren Schein, von dem naturgemäß viele bunte Falter angezogen wurden, die sich dann aber an dem kalten Licht regelmäßig ihre Flügel ver-sengten.

Jedes mal wenn ich von einem flügellahm gewor-denen Buttervogel erfuhr, hat es mich, obwohl ich ja noch ein nur drei Käse hoher Steppke war bannig gefreut – brauchte ich dann doch eine Zeitlang nicht um den Verlust ihrer Zuneigung bangen. Irgendwie war ich wohl ganz schön meschugge für mein Alter.

 

Wie meschugge gebärdete sich auch Rolf, der Wolfsspitz von Jüntgens Karl, wenn ich des Abends den Weg durch die Wiesen nahm, um unsere Milchkanne auf dem Hof von der rundlichen Bauersfrau mit frischem Kuhsaft füllen zu lassen.

Ich habe damals noch nicht verstehen können, aus welchem Grunde der graue Wolf mich förmlich anhimmelte. Die alte Bäuerin hätte es mir vermutlich erklären können, so wissend wie sie stets lächelte.

 

Sein jeweiliges Gegenüber freundlich anzulächeln, war dagegen gar nicht die Stärke des Chefs des kleinen, aber feinen Galvanisierbetriebes oberhalb des Hingenberges. Der Gute war aus seiner Kin-derzeit heraus mit einem Kommunikationsmanko behaftet – er stotterte grässlich.

Ob es aus innerem Antrieb, oder ganz einfach aus Geschäftskalkül heraus war, vermag ich nicht zu sagen – jedenfalls engagierte er sich aktiv in der oftmals als Zünglein an der Waage oder später auch als Umfallerpartei bezeichneten blau/gelben politischen Organisation, deren Vorsitzender Erich Mende damals der Wegbereiter für den Einfall der ‚Fonds-Heuschrecken (ich erinnere an Bernie Kornfeld als den Pionier der Finanzzuhälter) von jenseits des Nordatlantiks in den deutschen Finanzmarkt war.

Besagte Organisation hatte denn auch mit tat-kräftiger Unterstützung erfahrener Sprachklemp-ner für die Überdeckung dieses kleinen Makels gesorgt, sodass ihr Parteifreund nach außen hin frei und ungehindert parlieren konnte. Das gelang ihm aber nur in einem wenig umgänglichen Ton-fall, der bei ihm stets mit einer gewissen unan-genehmen Schärfe verbunden war.

Da ‚Robertchen’ auch zu den Pennälerzeit-kontakten unseres damaligen Brötchengebers ge-hörte, hatten wir öfter das ‚Vergnügen’ bei Ar-beiten in seinem Betrieb seine Ein- und Ausfälle ertragen zu müssen.

Wir entdeckten aber ganz schnell seine ‚Schwach-stelle’ – sein Siegfriedsmal – sein Eichenblatt zwischen den Schulterblättern seiner Seele, sozu-sagen.

Wenn er tief Luft holte, um gleich darauf, wie mit einer Kettensäge ausgerüstet, alle in seinen Augen vermeintlich Schwächeren von den Beinen zu holen, dann schauten wir ihm nur standfest direkt in die Augen – und schon fing die Kettensäge an zu stottern, das ‚Kettensägengekreisch’ verstumm-te und unser aufgeblasenes Robertchen fiel wie ein angepiekster Luftballon in sich zusammen.

Wir haben die schlaffe Hülle dann regelmäßig Stunden nicht mehr zu Gesicht bekommen.

 

In sich zusammengefallen ist in den Anfangs-sechzigern auch mein Glaube und mein Vertrauen in die Seriosität so einiger Unternehmen und Betriebe für die bekannte Namen honoriger stadtbekannter Bürger standen.

Im Schatten der ‚Fritz Walther Gedächtniskirche’, wie wir die Stadtkirche wegen ihrer Turmkugel nannten, befand sich ein äußerst beliebtes ‚Promenaden-Café`, das einen exzellenten Ruf in der Region der ‚Metzerschlieper’ und Gesenk-schmiedebarone besaß und dessen bloße Namens-nennung schon vielen Solingern einen Schauer der Genußehrfurcht den Rücken hochjagte.

Wer sich als Otto Normal aus irgendeinem Grunde einmal in diesen Schlemmertempel verirrte, der warf garantiert vor dem Eintreten in die heiligen Hallen der Confiseriepäpste einen prüfenden Blick auf seine Fußbekleidung, um sich zu vergewis-sern, dass er damit nicht das Missfallen der adrett in schwarz/weiß gewandeten Bedienerinnen er-regte.

Mir erging es damit nicht anders, zumal ich ja einer holzschuhgewöhnten ostfriesischen Landbe-völkerung entstamme.

Allerdings währte dieses Ehrfurchtgefühl nur bis zu dem Augenblick, in dem ich meine Ost-friesenfüße in die Profanität der hinter der Schmuckfassade liegenden Backstuben setzte. Im gleichen Moment ist mir – und das als wenig peniblem Alltagsgenießer – die Ehrfurcht vor den Konditorgöttern mit dem großen Namen abhanden gekommen.

 

Völlig parallel dazu lief ein Erleben in einem, wie man es zu der Zeit noch nannte – ‚Schnellimbiß’ der nobleren Art und mit stadtbekanntem Namen als Krone, im Zuge der Hauptstrasse in der Nähe des Ufergartens.

In der Lokalität hatte ich immer gerne und gut gegessen, wenn ich gerade in der Nähe zu tun hatte. Doch als ich eines Morgens dienstlich und auf Knien rutschend die Linie zwischen Gast- und Arbeitsbereich hinter dem Tresen überquerte, um dort Schäden am Fußbodenbelag zu beheben, habe ich mir von der Stunde an eine andere Brutzelbude als Lokalität zur Befriedigung meiner Hungerge-fühle gesucht.

 

Hungergefühle befriedigen und gleichzeitig das Heimwehen der Gedanken an die entfernte Nord-seeküste ein wenig gnädig zu stimmen gelang meiner Mutter und mir in der Mittelhöhscheider Hofschaft immer Freitagnachmittag für eine kurze Zeit.

Die Spanne gefühlten und geschmeckten Glückes reichte stets vom Kauf am Fischwagen bis zu dem Moment, in dem der Geschmack vom frisch-gepulten Granat – den es allzu selten gab, wegen des unerschwinglichen Preises dieser köstlichen Rarität – oder das etwas längere ‚nachschmecken’ von geräucherten Goldbarsch, oder seines noch schmackhafteren Vetters Heilbutt von der Zunge verschwunden war.

Fischhändler Reinshagen – der wegen seines durchdringenden markanten Rufes: „Hüürt ens, hadder all de frisch injeleiten .Herings probeert?“ allgemein in der Gegend nur „De Hüürt ens“ genannt wurde, begab sich nämlich an jedem Freitag den Gott werden ließ, mit seinem knatternden Tempodreirad, als seiner ambulanten Niederlassung, vom Entenpfuhl aus – wo sich in einer hölzernen Nachkriegsnotunterkunft sein stationäres Hauptgeschäft befand – auf Kunden-fang durch die Hoch- und Runtergegend der Stahlwarenkommune.

Er war zu seiner Zeit wohl einer der erfolg-reichsten ‚Käuferangler’ im Bergischen Land, denn in kürzester Frist wandelte sich sein Barackengeschäft zu einer massiven, imposanten Fischbratküche und Muschelsiederei.

 

Mit Fisch und Muscheln hatte Paashaus Mäckes bei seinem Tagesgeschäft in dem hölzernen Büdchen am Rande des Aufderhöher Gummi-bahnhofs nun rein gar nichts im Sinn – wenn man von seinen gutbesetzten Forellenteichen im Kohlsberger Grund einmal absah. Von seinen Forellen hat nämlich nie auch nur eine jemals einen Blick aus glubschen Fischaugen in die Klümpchen- und Zeitungsbude da zwischen Bundesstrassendoppel und Marktplatz werfen dürfen.

Des Paashaus Mäckes Umsatzbilanz wurde nämlich in erheblichem Maße von Bockwürsten gestützt. Bockwürste, die noch echte ‚Knacker’ waren und von denen er in dem kleinen verräucherten Geviert im Inneren der Bude täglich mehrere Hundert Paare an den Mann brachte. Männer waren es nämlich hauptsächlich, die Paashaus Mäckes Brühlinge zu schätzen wussten.

Mäck berichtete jedem der es hören – oder auch nicht hören wollte, von dem sagenhaften 32 Bockwürste Verzehrrekord eines Fernfahrers.

14 Stück dieser kulinarischen Köstlichkeiten habe ich mit eigenen Augen einmal zwischen den Kiefern eines stämmigen Asphaltritters verschwin-den sehen. Und daß seinen Knackern verfallene Fernfahrer oftmals kilometerlange Umwege fuhr-en – und das nur der einmalig schmeckenden Bockwürste wegen – habe ich oft genug von den Kapitänen der Landstrasse bestätigt bekommen.

Beim Paashaus Mäckes brauchte man übrigens nur die Würstchen bezahlen – den Senf von Senf-kocher ‚Strathmann‘ als Würze für den Knacker, in Form eines gelben Klackses auf dem Pappteller und Mäcks eigenen ‚Senf‘, als Wortschwall für die Ohren in humorige Worte verpackt, bekam jeder Gast kostenlos dazu geliefert.

 

Die „Aulen Soliger“ zum vierten …

 

Allerhand humorigen Wortsenf bekamen Besucher jedweder Art auch ein paar Häuser weiter, die Strasse runter in Richtung Landwehr, zu hören. Da residierte Lauterbachs Kurt, dort verbrachte er sein ‚normales’ Leben außerhalb der Karnevalszeit – denn in der närrischen Session war er ständig von Stadt zu Stadt und von Bütt zu Bütt unterwegs – stets mit Regenschirm und Melone, allgemein als seine Markenzeichen bekannt, ausgestattet.

Wer die Gelegenheit hatte, den ‚Kütti’ privat in seinem Domizil aufsuchen zu dürfen, der brauchte zu keiner seiner Büttenreden in irgendeinem überfüllten Saal mehr zu pilgern – bei Lauterbachs Kurt bekam man zu jeder Zeit sein gesamtes Programm gratis und solitär präsentiert. Kurt war nämlich im Alltag genauso, wie er sich stets in der Jeckenbütt zeigte. Total durchgeknallt.

Wo und wann er auch auftauchte – er war immer original und unverwechselbar der ‚Lauterbachs Kurt’.

(Bitte nicht verwechseln mit dem überall rumwäschelnden ‚Fliegenmann‘ der ‚Sozimal-dezokraten‘)

 

Unverwechselbar und original war auch ‚Benders Erna’ wenn sie in der „Benderstube“ auf der Neuenhoferstrasse an der Ecke Erferstrasse, unge-fähr in Höhe des Wegerhofes, tausenderlei Dinge auf einmal machte.

Die „Benderstube“ war baulich auch ein Über-bleibsel der Nachkriegszeit – notdürftig auf den übrig gebliebenen Fundamenten eines zerbombten Patrizierhauses errichtet.

Als genauso ein Überbleibsel aus entschwundener Zeit empfanden die Gäste ‚et Erna’ mit ihren manchmal schrulligen Manieren, wenn sie mit dunkelbraunen Kulleraugen unter brünetter und ungebändigter Lockenpracht über den Rand ihrer randlosen Brille schaute.

Ganz gleich, ob sie gerade hinter der Theke am Büffet für einen Stammgast eines ihrer berühmt-berüchtigten Hausgetränke mixte, oder ob sie in der offenen Hinterküche in einem respektabel großen Kupferkessel die nächsten hundert Liter ihrer in der näheren und weiteren Umgebung berühmten ‚Ochsenschwanzsuppe’ zurechtzau-berte. Das war dann jedesmal so die Menge für einen Abend bei „Ochse mit Korn“.

‘Bruchhausens Doppelkorn mit Maggi’ oder ‘Ratzeputz mit Stratmanns Feuerwehrmostrich’ waren nämlich zwei ihrer vielfältigen Getränke-spezialitäten.

Erna war eben immer Erna – und ob Gast sich nun Hausgetränk oder Ochsenschwanzsuppe zu Gemüte geführt hatte, oder beides – Schreiner Arthur, was ‚et Ernas’ Ehegesponst war, der musste in jedem Fall Hausbrandwehr spielen und für reichlich ‚Löschbier’ sorgen.

Die jungen Kerls gingen denn auch nicht in Ernas Kneipe um sich zu betrinken – wer so etwas denkt ist nicht von dieser Welt – einzig ‚dat leckere Ossensteertsüppche’ zog sie dahin, und ‚dat dat hingerher so intensiv abgelöscht weeden musste, dor kunn doch keiner wat dran maache’.

 

‚Dor kunn doch keiner wat dran maache` bekam man auch des Öfteren von den umliegend Wohnenden zu hören, wenn zufällig das Gespräch auf das etwas lockere vornehmlich nächtliche Treiben in Maaßens Krug in unmittelbarer Nachbarschaft des Klosters Kannenhof kam.

Das Wirtsehepaar Maaßen hatte nämlich eine etwas andere Vorstellung von Lebensqualität als die Leute, die um sie zu die Gegend bevölkerten..

Die Maaßens hatte der Lebenswind unversehens aus dem sittenlockeren Düsseldorf – aus Klein-Paris, und da auch noch aus der Oberbilker Ecke – nach ‚Solig’ verschlagen.

Sie waren sozusagen aus der Welt des Glitzers der Neonreklamen in die Niederungen der bescheiden leuchtenden Solinger Gaslaternen gezogen.

Den Anstoß zu diesem Weltenwechsel hatte Klär-chen Maaßens Busenfreundin aus Jungmäd-chenjahren – Josefine – von ihren Freunden und auch von denen, die sich irrtümlicherweise dafür hielten nur allgemein ‚Fini’ genannt – gegeben.

Fini war einige Jahre zuvor nach fünfzehn Jahren aktiven Dienstes an den Kochtöpfen in den Feldküchen der ‚Legion Francaise’, als der fran-zösischen Fremdenlegion, in ihre Heimat, in die Rheinmetropole zurückgekehrt. Für eine Frau war das ohne Frage ein seltener und respekt-heischender Werdegang.

Dank ihrer körperlichen Fülle – Fini besaß ungefähr die gleiche Statur wie König Tofou vom Südseeinselstaat Tonga – Länge mal Breite mal Höhe ergaben leicht und locker gut zweihundert Kilogramm weibliches Lebendgewicht.

Als Frau war sie somit eine ganz passable Erschei-nung, die von niemandem übersehen werden konnte. Selbst mit der größten Anstrengung nicht.

Über ‚keine Anstellung‘ in Düsseldorf als Köchin wegen ihrer äußeren Erscheinung konnte Fini aber nur lachen.

Zu einem hohen sechsstelligen Betrag auf ihrem Bankkonto, der sich aus französischer Nachdienst-zeitsicherung und erspartem Sold aus den langen Wüsten- und Urwaldjahren zusammensetzte, gesellte sich noch ein von einer Tante geerbtes Haus mit Gastwirtschaft in Solig‘ hinzu.

Bei ihrer Freundin Klärchen und deren Mann Reinhard musste sie keine allzu großen Über-redungskünste mobilisieren, um sie zur Über-nahme des Restaurationsbetriebes in Solig zu bewegen.

Die beiden dümpelten nämlich schon längere Zeit ganz hart an der Kante des Überlebens herum – das heißt, ihnen stand das Wasser häufig bis zur Oberkante Unterlippe. Da war das Wiederauf-tauchen der alten Freundin Fini doch ein Ret-tungsring – ach was sage ich Rettungsring – es war schon mehr ein komfortables Rettungsboot.

Man zog also gemeinsam von der Residenz der Grafen von Bergh am Ufer der Düssel in das Stahlwareneldorado ins Bergische Land.

Fini ergriff das Regiment über Töpfe und Pfannen, während Klärchen und Reinhold fortan die Ab-teilung mit den Flüssigwaren auf Trab hielten.

Ihre Art des Umgangs mit den Gästen war für die ‚aulen Soliger’ im unmittelbaren Umfeld erwart-ungsgemäß erst einmal sehr gewöhnungsbedürftig – aber sie haben sich letzendlich daran gewöhnt, dass Wirtin Klärchen trotz ihrer drallen Figur zur Erheiterung der Stammgäste zu späterer Stunde auf dem Tisch auch schon mal mit „zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ den damals über eine längere Zeit aktuellen Tagesschlager tanzte.

Nach dem spätabendlichen Küchenende fischte Fini sich – frei nach Fremdenlegionärsmanier – aus der anwesenden und noch gebrauchsfähigen männlichen Gästeschar auch schon mal ein Appetithäppchen für ihr bettliches Nachtmahl heraus.

Die von ihr Erwählten sollen durch die Bank stets äußerst ‚befriedigt’ und mit weichen Knien und anderen Körperteilen irgendwann in der mor-gendlichen Dämmerung den Heimweg angetreten haben.

 

In der Dämmerung des neuen Tages trat auch ‚Texas Bill’ oft genug seinen Heimweg an, wenn er mal wieder die Nacht bei seiner ‚Conchita’ verbracht hatte. Wer jetzt unzüchtiges Gedan-kengut in seinem Phantasiedenken herumwälzt, der liegt meilenweit verkehrt damit.

Obwohl wir beide arbeitsmäßig über einige Jahre zum selben verschworenen Haufen trink- und arbeitsfester Malocher gehörten und im Troß quer durch die Republik von Baustelle zu Baustelle gezogen sind, habe ich am Ende unseres gemein-samen Weges nicht einmal mit dem Anflug einer Ahnung sagen können, ob unser Texas Bill’ jemals lustvollen Körperkontakt zu einem weib-lichen Wesen gepflegt hat.

Von den Berührungen seiner Mutter in seiner frühkindlichen Zeit einmal abgesehen.

Seine Conchita war die Wirtin hinter dem Aus-schank in der Gaststätte des Solinger Haupt-bahnhofs unweit der Lutherkirche.

Wahrscheinlich war die dralle Mittfünfzigerin für ihn eine Art Ersatz für die Mutter, der er in den letzten zwanzig Jahren ihres irdischen Daseins einmal im Jahr – stets in der Nacht zu Muttertag – sehr nahe war, ihr aber, nach einem für ihn sehr schlimmen Vorfall, nie mehr unter die Augen treten konnte.

Darum verbrachte er wohl in einem genau fest-gelegten Rhythmus bestimmte Nächte im Sattel hockend vor dem Tresen in Anfassnähe seines Mutterersatzes – seiner Conchita.

Im Sattel hockend deshalb, weil ein profaner Bar-hocker oder auch meinetwegen –schemel für ihn nicht einfach nur Sitzgelegenheit war, sondern von ihm stets als Sattel bezeichnet wurde.

Texas Bill war eben Texas Bill – immer, auch wenn er mit dem stinkenden Wasser des zu seiner Zeit totesten Flusses Deutschlands – der Emscher – getauft worden war – und das auch noch in Quatschkopp-Rauxel. Die Qualität des Emscher-wassers und die es begleitenden Gegebenheiten im Flussbett- und Uferbereich haben sich ent-scheidend zum Positiven hin verändert.

Dafür an dieser Stelle ein leises Dankeschön in die Vergangenheit an den schon längst verstorbenen Heinz Kühn, der nach seiner Wahl zum NRW Ministerpräsidenten Mitte der 60er sein ‚kühnes’ Versprechen von blauem Himmel über der Ruhr ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen in Partei oder Wirtschaft eingelöst, den Anstoß zum Umdenken gegeben und die Grundlagen für den sauberen Wandel im ‚Pütt’ geschaffen hat.

‚Bruder Johannes’ als einer seiner Nachfolger im Amt verstand es zwar prächtig, seinen Mund in der Breite und Höhe lang und rechteckig zu öffnen, bevor er ein vermeintlich wichtiges Satz-gebilde in den Alltag entließ, aber richtig etwas bewirkt – zum Wohle des Landes und der Menschen an Rhein und Ruhr hat er in meinen Augen nie wirklich, der Gute. Nach Abzug aller ‚Gustav Heinemann Boni’ als sein Schwiegeropa der der Gustav ja war, ist da im Nachhinein noch weniger zu erkennen – auch wenn Herr Rau ein tätiger Spiekeroog Freund war – was ihn in meinen Augen sympathisch erscheinen ließ. )

 

 

Der ‚Aulen Soliger‘ zum fünften …

 

Zu einer persönlichen Leidenschaft bekannte sich auch Reichs Helmes vom Schaberger Berg. Seine ‚Zwiebelfarm’ – wie wir sein Anwesen scherzhaft nannten, und auf der er seine Leidenschaft – die Haltung und Zucht dänischer Doggen – mit Begeisterung auslebte – lag am steilen Hang im Schlagschatten der Schaberger Brücke, der kleineren und ganz anderen Schwester der Königin ‚Müngstener Brücke’ – die ja eigentlich den Namen Kaiser Wilhelms durch die Zeiten trägt. Die Realisierung der beiden völlig ver-schiedenen Bauwerke hat es erst ermöglicht, die Schwesterstädte Solingen und Remscheid durch den Bau einer Eisenbahnlinie intensiver mit-einander zu verbinden. Davon war aber wohl nur das eisenbahnverkehrliche Miteinander betroffen, denn wirtschaftlich und was die handwerkliche bzw. industrielle Produktenpalette der beiden Wupperanrainerkommunen betraf, ackerte das rustikalere Remscheid wohl noch eine geraume Zeit der agileren Klingenstadt hinterher.

Reich’s Helmes verkörperte den Typ des typ-ischen ostpreußischen Dickschädels, der, gepaart mit der bauernschläulichen Intelligenz seiner erkennbar jiddischen Vorfahren, jedem seiner Mit-bürger in fast jeder Situation eine Nase drehte.

Wenn Helmes die ‚Westernreiterrunde’ im Saloon Solinger Hauptbahnhof mit seiner Anwesenheit beehrte, erregte das allein durch die gleichzeitige Präsenz seiner Leidenschaft schon allgemeines Aufsehen – zumindest bei Neu- und Kurz-aufenthaltern, deren Zahl sich aber in erträglichen Grenzen hielt, weil am Bahnsteig des Solinger Hauptbahnhofs nur die roten Schienenbusse der im Personenverkehr untergeordneten Zugver-bindung Düsseldorf – Remscheid Halt machten.

Solingens Anknüpfpunkt an die wichtige Eisen-bahnwelt war, und ist auch Heute noch, der Ohligser Bahnhof. Wer von draußen aus der Welt oder aus dem Universum mit dem Zug nach ‚Solig’ strebt, der betritt den Solinger Kosmos immer durch die Ohligser Eingangspforte.

Von Düsseldorf kommend verirrten sich von jeher nur relativ wenig Bahnbenutzer in die Klin-genstadt – obwohl ‚Solig’ in jeder Beziehung einheimischen wie Gästen viel mehr und Schönes bietet. Der Strom der Reisenden von Solingen nach Remscheid war auch zu allen Zeiten leicht überschaubar.

Das Frachtverkehrsaufkommen der umliegenden Großbetriebe, wie etwa das ‚Zwillingswerk’ oder der umliegenden Gesenkschmieden hat der Ein-richtung Solinger Hauptbahnhof wohl über Jahre das Überleben gesichert – oder laxer ausgedrückt: „Es hat dem Bahnhof über die Zeit den Arsch gerettet.“

 

Reich’ Helmes Leidenschaft hat ihm im ‚West-ernsaloon’ der Bahnhofspinte zwar nie den ‚Arsch’ gerettet – jedenfalls nicht erkennbar – die Objekte seiner Leidenschaft haben seine Taler aber so manches Mal vor dem (durchaus be-rechtigtem) Zugriff der Wirtin gerettet.

Seine dänischen Doggen frönten nämlich auch einer bei Hunden eher selten anzutreffenden Leidenschaft – sie verspeisten genüsslich mit Gerstensaft getränkte Bierfilze. Wenn besagte Deckel dann den Weg durch Magen und Darm der rindviechgroßen Prachtexemplare zurückgelegt hatten und die unverdaulichen Reste als ‚Häufchen’ (die Bezeichnung als Haufen oder Hügel wär’ vielleicht zutreffender) war von der ‚Buchhaltung der Wirtin zur Kontrolle des Getränkekonsums und als Grundlage der Zechbe-rechnung nichts mehr zu entziffern.

Wer wagte es dann aber diese ‚Urweltgranden’ – die zudem noch in einem Kraftfahrzeug des Modells „Gangster-Kapitän“ aus der Opelmodell-palette der Vorkriegszeit chauffiert wurden – in ihren treuen Dackelblick hinein ihr sträfliches Tun zu kritisieren?

Conchita wagte es jedenfalls nicht.

 

Die Stammgäste in ‚Tillmann’s Gaststätte & Weber’s Metzgerei’ wagten auch nicht das Spiel zu unterbrechen, welches die füllige Wirtin Frieda des Wochenends zu inszenieren pflegte, um das Geschäftsergebnis, das unter der Woche mehr oder weniger vor sich hinschlummerte, ein wenig zu ‚dopen’ – so würde man ihr Verhalten Heute vielleicht bezeichnen. Ich habe es damals als eine Art Gratwanderung zwischen Beschiss und Verulk der Gäste durch die ansonsten sehr umgangs-joviale Wirtin empfunden.

Samstags und Sonntags ‚deponierte’ et Friedchen nämlich ihre betagte Mutter und Vorgängerin im Amt im Ohrensessel neben der Theke. Fast jeder der eintretenden Gäste hielt sich etwas darauf zugute mit Omma Tinchen auf ihr weiteres Wohl anzustoßen.

Omma Tinchens ‚Kunjäckche’ war aber kein Schnapserl, denn Töchterchen Friedchen (dabei hatte ‚et Frieda’s’ Körper eher die Abmessungen eines Troßschiffes der Reichsmarine) füllte Ommas Stamperl brav mit einem Placebo – Omma Tinchen schüttete tapfer ein Gläschen kalten Tees nach dem anderen in sich hinein.

Sie hatte sich schon den legendären Ruf des trinkfestesten Frauenzimmers zwischen Sengbach und Itter erworben – als eine (Ex)Wirtin, die selbst in hohem Alter noch jeden Fuhrmann der Region unter den Tisch trinken würde.

Wer es von den Gästen anders wusste, der hat wohlweislich darüber geschwiegen, denn beim nächsten Familien-Einkauf in der angrenzenden Metzgerei packte et Frieda – diesmal als Metzger Karls Gattin – die eine oder andere Wurst verschwörerisch lächelnd als Schweigegeld oben-auf.

Ob Meister Karl in seiner Wurstküche davon wusste, weiß ich nicht – obwohl mich manchmal das Gefühl beschlich, er würde in seiner damp-fenden Brühwurstsiederei extra ‚Bestechungs-würstchen’ in die Därme füllen.

Wenn ich Heute wohl noch mal an Webers Karl denke, dann liegt mir sofort wieder das ‚schmecken’ seiner kesselwarmen Fleischwurst auf der Zunge – eine geschmackvollere Brätmischung ist mir in der Folge nirgendwo sonst in der Welt über den Weg gelaufen.

 

 

Der ‚Aulen Soliger‘ goldene 7 …

 

Nach einem ereignisreichen Arbeitstag – 9 Stunden Maloche mit anschließender Richtfest-feier (reichlich Bier und Körnchen auf ‚Mett-brötcher mit veeeel Üllek’ (Zwiebeln) entwichen dem lieben Cornelius aus seinem ‚Achtersteven’ ein paar geräuschlose, aber leider nicht geruch- oder treffender gesagt geschmacklose Winde. In der drangvollen Enge der O-buskonservendose konnten wir Eingezwängten nämlich die gehalt-vollen Pupser förmlich auf der Zunge schmecken.

Alles Kopfdrehen und Nasekräuseln war vergeb-lich – man war gezwungen zu genießen – jeder Fahrgast auf andere Art, und unser Conny genoss es wie stets auf die Seine.

Natürlich verdächtigte jeder der Fahrgäste Jeden der Duftanreicherung – man konnte es an den suchenden Blicken erkennen.

‚König Cornelius’ bereitete der Ungewissheit ein (fast) alle der Umstehenden zufriedenstellendes Ende, indem er einer neben ihm eingezwängten jungen Dame auf seine unnachahmliche Art leutselig ‚Absolution’ erteilte.

Laut und für alle vernehmlich tönte es aus des Urhebers Munde: „Aber Frolleinche – wegen dat kleine Mallörche bruke see doch nit rud zu weede. Dat is angeren ooch schon ungerjekomme.“

Noch nie zuvor sah man einen vor Scham so hochroten Frauenkopf vor erreichen seines eigentlichen Fahrtziels aus einem überfüllten ‚Soliger’ O-Bus flüchten.

 

Vor Scham geflüchtet – oder in den Boden versun-ken – wäre ich am liebsten am Morgen meiner Konfirmation.

Der Einsegnungsgottesdienst war schon in vollem Gange, als ich neben meiner Mutter die imposante Lutherkirche betrat. Unser Zuspätkommen beding-te das Eintreten durch das Hauptportal, während die Schar der Mitkonfirmanden durch die Seitenpforten dem Ort der Einsegnung zugeführt worden waren.

Diese Seitentüren waren schon längst wieder ver-schlossen.

Die fünfzig Schritte von der Eingangstür unter dem Orgelboden bis zu den Konfirmanden-bankreihen unmittelbar vor der Kanzelempore war für mich das reinste Spießrutenlaufen. Hunderte Augenpaare von beiderseits des Mittelganges drückten laut schweigend ihr Missbilligen einer solchen Schlamperei aus. Meine Mutter hat mich den Weg entlang der ‚ach so gottesfürchtig’ den Eingangschoral singenden Schwestern und Brüder begleitet – und sie musste ihn auch noch wieder zurückgehen.

 

Wenn ich in späteren Jahren meiner Einsegnungs-kirche einen Besuch abstattete, war mir jedes Mal, als sähe ich wieder in die empörten Gesichter der im Rund um den Altar gruppierten Presbyter der Gemeinde – so als wenn sie dort am Tage meiner Konfirmation zu Stein geworden wären.

Dafür, dass ich als fröhliches, vollwertiges Ge-meindeglied den sakralen Raum verlassen konnte, hat dann der gütige Pastor Stratmann Sorge ge-tragen, indem er mich aus der großen Schar der kleinen Sünder hervorhob und für mich vor der Gemeinde mit aufgelegter Hand in der Drei-faltigkeit Namen für meinen Lebensweg Gottes Segen erbat.

So war er – der alte Pastor Stratmann.

 

Ganz anders, aber auf ihre Art ebenso liebenswert waren die Brüder Kuckuck und Knaller. Sie hatten natürlich auch einen bürgerlichen Namen, über den war aber in all den Jahren, die sie schon Kuckuck und Knaller gerufen wurden, soviel Gras gewachsen, den kannte von ihrem täglichen Um-gang niemand mehr. Sie waren für alle nur der Kuckuck und der Knaller.

So wie ihre Namen auf das erste Hören sonderbar anmuteten, so sonderbar wirkten auf das erste Sehen auch ihre stets neuen Einfälle zur Erhei-terung der Kollegen oder für die Aufpolsterung ihres stets klammen Geldbeutels.

Wie sollte man es auch anders bezeichnen, wenn der Kuckuck für eine Schachtel Eckstein (zu der Zeit gab es noch Kleinstpackungen mit vier Ziga-retten Inhalt) einen – wohlgemerkt noch leben-digen – Frosch vertilgte?

Die daraus resultierende körperliche Unpäss-lichkeit war natürlich fatal, darum sei dieses Kabinettstückchen auch besser keinem zur Nachahmung empfohlen.

Oder wenn der Knaller für einen ‚Heiermann’ (ein silbernes Fünfmarkstück) seinen Kopf in einen Kübel mit Kaltbitumenanstrich tauchte und in der schwarzen Brühe dreimal mit den Ohren schlackerte.

 

Der dritte im Bunde dieser ‚schrägen Vögel’ in Karl Röhrichts Baufirma war der Reicherts Klaus, der es schaffte, sich während seiner ‚Hunger-perioden’ (sein stattlicher Wochenlohn, den er des Freitags in der Lohntüte ausgehändigt bekam, erlebte in der Regel nämlich nie den Samstag-morgen – dafür war die Nacht in seinem Stammlokal ‚Ponystall’ – am Entenpful gelegen – jedesmal ein Weilchen zu lang) ein ganzes frisches Dreipfundsgraubrot trocken und ohne Zutaten innerhalb von Minuten einzuverleiben – weshalb er in Bauarbeiterkreisen allgemein auch nur der ‚Graubrotmörder’ genannt wurde.

Ein ähnlich originelles Original war Wiekendieks Hein aus der Elsa-Brandström Strasse unweit vom Neumarkt. Seines Zeichens war er ‚Pläächmann’ und in unserer kleinen Truppe zuständig für die Estrichmischung. Seine Zuständigkeit reichte von der richtigen Mischung der Rohstoffe bis zum Transport des Mörtels auf die Arbeitsebenen.

In der Summe seiner Arbeitsleistung war Hein unschlagbar. Von den 32 tons des Morgens ange-liefertem Estrichkies gab es am Abend keine Spur mehr vor seinem Zwangsmischer zu sehen. Die 32 Tausend Kilogramm Kies beförderte er in 12 Stunden samt der erforderlichen Menge an Zuschlagstoffen mittels seiner übergroßen Holländerschaufel in den nimmersatten Schlund der Mischmaschine.

Einen 50 kg schweren Zementsack hievte er, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, in einem Zug mit der Schaufel in die Füllöffnung der Maschine.

Ebenso unschlagbar war Hein aber auch in der Summe seiner Trinkleistung. Die Zeitspanne, die ein normal proportionierter Alkoholvernichter benötigte um den Inhalt eines normalen Schnapspinnekens den Schlund runterlaufen zu lassen, die reichte dem ‚Wiekendieks Heein’ um einem ganzen Liter Bier den Garaus zu machen. Hein war außerdem mit der seltenen Fähigkeit ausgestattet, sich drei- viermal hintereinander besoffen und wieder nüchtern zu saufen. Das hat ihm, soviel mir bekannt ist, in seinem Leben keiner nachgemacht. Trotz aller ‚Trinkbe-geisterung’ hat Hein, während er an der Maschine im Schweiße seines Angesichtes malochte, niemals auch nur einen Tropfen eines alkoholischen Getränks angerührt. Er verstand es exellent den Wahlspruch unserer Altvorderen, nach dem Dienst Dienst und Schnaps Schnaps ist, einzuhalten.

 

Die ‚Aulen Soliger‘ … die „8“ die lacht

 

Der Anblick eines über mir fahrenden Heiß-luftballons, der in der sommerlichen Bläue unbe-irrt seine Bahn zog, berührte mein Erinnern an Leinewebers Anna.

Lingewebersch Anna war die angetraute Ehehälfte vom schon erwähnten August dem Koffermann, der es über die Jahre seines unternehmerischen Wirkens immer wieder verstanden hatte, durch den Inhalt seines Bauchladens – den er sinnig-erweise stets mit der Hand am Koffergriff und dem Arm über die Schulter gelegt auf seinem Rücken trug – in die Wohnküchen der Kotten längs der Wipper- und Wupperauen einen Hauch von Paris oder Mailand, und in die sonst eher von Kargheit und Verzicht gezeichneten Gesichter der Frauen und Mütter ein verträumtes Lächeln zu zaubern.

Ob ‚et Annas Jesich’ jemals ein verzaubertes Lächeln verschönt hatte, war für den zufälligen Betrachter schwer vorstellbar. Besonders wenn ihr Kopf das Viereck des Fensters ihrer kleinen Beiküche zur Gänze ausfüllte. Man konnte dann wohl meinen, die Reklametafel eines Lübecker Marzipanschweinchenherstellers zu betrachten.

Oder wenn sie sich notgedrungen zu Fuß auf kurze Wege begeben musste. Dann konnte man sie nämlich versehentlich leicht für eine wandelnde XXL Vogelscheuche halten – ihre wahrlich nicht schlanken Stummelarme standen waagerecht vom Körper ab, weil die Fettmassen ein anlegen an den Korpus nicht mehr zuließen.

 

Um aber auf das Erinnern an Anna durch den Anblick des Fesselballons zurückzukommen – an das Aussehen und die Form der rosa und blauen Schlüpfer – vom Schnitt her eher einem antiken Schinkenbeutel nachempfunden, außen seidig glänzend und innen angerauht, mit Gummizug an Bein und Hüfte – die bis in die Mitte der fünfziger Jahre getragen wurden, können sich einige meiner Leser sicher noch gut besinnen. Von eben diesen ‚Modellen’ – deren Stoffbedarf für ein Anna-Exemplar dem für die Anfertigung eines mittleren Fallschirmes gleichkam – besaß ‚et Anna‘ etliche an der Zahl – und stets hingen einige Modelle davon an der Wäscheleine im Garten und flatterten aufgebläht lustig im Winde vor sich hin – bis zu dem Tage, an dem ein Nachbar Annas August vertraulich fragte, ob er .nicht auch mal in einem der Fesselballone, die zum trocknen im Garten an der Leine hingen, mitfahren könne. Von Stund an sah man keinen von Annas Satinschlüpfern mehr im Garten sich blähen.

 

Blähen blähte sich aus unerfindlichen Gründen auch der Mageninhalt – oder war es eher der des Darmes – vom Michel Paule aus Widderts Lacherstrasse. Paule fand es aber nun gar nicht zum Lachen, wenn sein ‚Hintern’ bei der gering-sten Bewegung anfing zu grinsen, respektive dicke Backen machte und in seltsamen Tönen prustete. Er war darüber verständlicherweise eher betrübt als erleichtert, denn an dem Ort, an dem er seine ‚Brötchen’ verdiente, war eine solche ‚Hinter-grundmusik’ – die von Fall zu Fall auch noch mit verschiedenen Duftnoten versehen daherkam – äußerst unangebracht.

Paule fungierte nämlich als Bürobote in der Mercedes (Daimler) Benz Niederlassung in der ‚Soliger’ Innenstadt.

Während die Specksohlen mancher Kollegentreter beim Gehen auf den Marmorfliesen der Flure hin und wieder quietschten, produzierte Paules ‚Speckseite’ dagegen peinlichere Töne.

 

Rettung aus seiner Betrübnis erhoffte er sich vom alten Doktor Hülsenkötter, dem langjährigen Hausarzt der Familie. Doch wie sagt man so schön, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft?

Genau: Paule hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Des Doktors Rat beschränkte sich auf die Em-pfehlung, er solle sich doch ein kleines ‚Mopped’ zulegen. Auf Paules erstaunte Entgegnung, er dürfe mangels Fahrerlaubnis so ein Ding doch gar nicht besteigen, antwortete der greise Doktor salomonisch: „Dat is ooch jaanich nüdich. Du bruuchst dat Motörche nur neeven disch herknattere losse – denn hüürt dien Büksenfleut nümmes miii.“

 

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Kopfnicken – und die Folgen …

 

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Kürzlich hatte ich das Vergnügen, mich in einen Aktenberg vertiefen zu dürfen. Es war eine Verfahrensakte, der es eigentlich hätte schwindelig sein müssen vom vielen rotieren zwischen den Ämtern und Gerichten.

Ich dachte so bei mir, nur gut, daß Papier nicht kotzen kann – sonst hätte ich ja nichts mehr von dem darauf geschriebenen lesen können.

Nicht, daß es da um geklautes Geld oder unrechtmäßig erworbene Immobilien ging. Der Aktenberg drehte sich auch nicht um einen Vergewaltigungs-, Mord- oder Totschlags-tatbestand, so wie er gemeinhin in Deutschland von nüchternen Juristen definiert wird.

Es handelte sich also nicht um Dinge, die man anhäufen kann, oder bei denen man das Blut fließen sehen konnte.

Das geschriebene in diesem Papierberg drehte sich ganz einfach um den Wunsch einer Mutter, für ihr behindertes Kind wieder Mutter sein zu dürfen. So wie sie es 24 Jahre lang gewesen war.

Ich habe mit Erschrecken festgestellt, daß in Deutschland sehr viele Menschen sehr viel gegen die Erfüllung eines solch natürlichen Wunsches haben. Sie alle verstecken sich allerdings ganz passabel hinter Ämtern und Behörden-bezeichnungen.

Aus welchen Gründen das auch immer sein mag.

Als ich mich, immer schön der Reihe nach, durch den Blätterwald mühte, bemerkte ich nach einer Weile, daß es im Grunde stets der gleiche Baum war, der sich dem Begehren der Mutter in den Weg stellte.

Die Unfähigkeit der Mutter ihren Sohn sohngerecht zu betreuen mache die Bestellung eines Berufsbetreuers und die Unterbringung in einer stationären Einrichtung unumgänglich.

Es ist doch immer wieder tröstlich, zu erfahren, daß Menschen in Ämtern und Behörden nach der relativ kurzen Zeit von 24 Jahren von einer solchen Erkenntnis heimgesucht werden, und das schaffen sie auch noch ohne neutrale, von außen geschehende Begutachtung.

Wieviel Kompetenz doch in den Köpfen der Entscheider vorhanden ist. Oder ist es vielleicht eher das Bestreben nach eigener Sicherheit und Machtfülle? Machtfülle insofern, daß man über andere bestimmen kann – und Sicherheit unisono, weil man dieses bestimmen können ja auch noch gut bezahlt bekommt.

Eine richterliche Bemerkung in diesem Wirrwarr von Texten hat mich dann doch sehr nachdenklich gestimmt:

Dem Wunsch des Betroffenen müßte in einem solchen Verfahren Rechnung getragen werden. Irgendein Wunsch sei im vorliegenden Fall aber nicht erkennbar, weil der Betroffene nur nicke.

Als ich das las, tat sich mir eine ungeheuere Vorstellung auf:

Wenn ein solches Denken Teil der Entscheidungsrichtlinie ist, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten – entweder stellt man einen großen Teil der deutschen Parlamentarier auch unter die Aufsicht von Berufsbetreuern, weil die ja auch nur mit dem Kopf nicken, wenn es um Entscheidungen geht – oder aber der Betroffene – um den es in diesem Fall geht – gehört nicht unter Betreuung gestellt, sondern ins Parlament.© ee

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Lebensbilder

 

 

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Mitte der 1900er Jahre. Die Stadt am Meer – ein Mix aus Kriegshafenhäuseranhängsel und drei alten bäuerlichen Gemeinden – eine Stadt, aus großen Vorstellungen und noch größeren Hoffnungen entstanden, krebst zum zweiten mal in ihrer noch jungen Geschichte auf der Talsohle des Überlebens herum.

In intaktem Zustand bot sie dem Betrachter stets ein passables Bild. Kurioserweise war sie gerade immer dann am attraktivsten, wenn ihre Ziehväter sich anschickten, die Welt um sie herum in Schutt und Asche zu legen.

Am Ende war sie dann jedesmal ähnlich kaputt wie die übrige Welt. Getreu dem Motto ‘der Teufel frisst seine eigenen Kinder’. Und durch diese, aus dem letzten Loch pfeifende Stadt, radelt nun vergnügt ein kleiner Knirps auf seinem Dreirad.

Vergnügt deshalb, weil er ja noch nichts anderes kennt. Seine Welt wird eingegrenzt vom Backfischtanzschuppen Nordseestation, von den Selbstversorgerkleingärten am Grodendeich, von der Übungsschießanlage für die Polizei und die neu erwachenden
Marinestreitkräfte, denn Vater Staat braucht ja schließlich Männer, die beim Schießen auch treffen – wenn’s mal wieder knallen sollte.

Die Lücken zwischen diesen markanten Punkten schließen das Altenheim Karl-Hinrichs Stift, das Kriegsandenken Bunker an der Ecke der Sportanlage und – ja richtig, der Gottesacker an der Friedenstrasse.

Onkel Hannes hat die Nähe vom Altenheim zum Friedhof einmal auf die ihm eigene Weise erklärt: „Well dor in d’ Heim dodblääven is, de brukt noa d’ Kaarkhoff nich mehr so wiet to lopen.“ ( Wer da im Heim totgeblieben ist, der braucht zum „Kirchhof“ nicht mehr weit zu
laufen )

Der Friedhof war in dieser Zeit so ziemlich das einzige Stück geordnete Welt innerhalb seiner Welt. Dieses Stück geordnete Welt zog den kleinen Knirps auf seinem Dreirad aber magisch an. Dem Dreirad mit dem Korb hinter dem Sattel, in dem man so viele nützliche Dinge verstauen konnte, die man unterwegs fand.

Nachdem der kleine Knirps auf seinem Dreirad der geordneten Welt Friedhof wieder einmal einen Besuch abgestattet hatte, war auch da plötzlich nichts mehr in Ordnung. Friedhofswärter, und Mitarbeiter der Verwaltung, flatterten in den nächsten Tagen wie Hühner ohne Köpfe durch die weitläufigen Gräberfelder.

Onkel Hannes, der alte Seebär, hatte auch dafür gleich einen seiner Sprüche parat.„Dat sücht ut, as wenn dor up d’ Kaarkhoff een de Stüürmann de Kompass wächnoahmen hett.“ (Das sieht aus, als wenn da auf dem Friedhof jemand dem Steuermann den Kompass weggenommen hat)

Wie dicht er doch dran war – der alte Seemann, mit seiner zuerst als abwegig belächelten Vermutung. Hatte der kleine Knirps mit dem Dreirad doch all die schönen, emaillierten Grabnummernschildchen in seinem Korb gesammelt und mit nach Hause genommen.

Papa und Onkel Hannes waren darüber hocherfreut – durften sie doch die Nummernschilder in den folgenden Tagen alle wieder fein säuberlich zurückstecken. Dadurch lernten die beiden in einer Woche so viele tote Leute kennen, wie sonst wohl kaum jemand lebende Menschen in seinem ganzen Leben.

Der Knirps auf dem Dreirad fuhr indessen weiter munter durch das Viertel. „Schau immer nach vorn, und niemals zurück, mien Jung.“ Diese Devise hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm eingebleut.

Ein Schrebergarten in der nahen Grodenkolonie hatte es ihm schon seit längerem angetan – oder vielmehr der Schrebergärtner, der in diesem Garten das Regiment führte. Ganz gleich, zu welcher Tageszeit er seine Pflaumen, Äpfel und Birnen gegen Angriffe von außen auch verteidigte – immer thronte sein Haupthaar streng, und korrekt in der Mitte gescheitelt, zwischen seinen weit abstehenden Segelohren.

Dagegen bot das frische grüne Laub des großen Wurzelbeetes in der Mitte der Gemüsefläche eher den Anblick einer Reihe krauserNegerköpfe mit grün gefärbten Haaren.
Diese krause Unordnung auf seinen Rabatten hatte dem Gartenmann ganz sicher seine blinkende Halbglatze beschert. Da musste doch etwas geschehen.

Und es geschah auch etwas.

Eines schönen Sommermorgens lagen alle jungen Wurzelpflänzchen – jetzt mit plattem Grün – fein säuberlich aufgereiht eins rechts eins links – zu beiden Seiten der Pflanzrille.
Aber wie es nun mal so ist im Leben – auch da verkehrte Welt. Hilft man den Menschen nicht, sind sie wütend – hilft man ihnen, sind sie es auch.

Jetzt lagen zwar die jungen Wurzeln alle platt, und streng gescheitelt, auf dem Acker – aber der Gärtner hatte sich die Haare gerauft, so daß diese jetzt um seinen Kopf herumstanden wie Negerkrause.
Da war der Knirps auf seinem Dreirad aber schon weitergezogen – weitergezogen zu neuen Taten in seiner kleinen Welt am Groden-deich.

Die kleine Welt am Grodendeich, in der auch Johannes lebte.
Johannes – geprägt von seinem Zuhause, und gefangen in einer noch kleineren Welt innerhalb dieser kleinen Welt.
Johannes Eltern befehligten als Generalissimo und Generalin das Altenheim auf dem Areal zwischen Göker-, Freiligrath- und Friedenstrasse. Als unbeschränkte Herrscher in ihrem Revier, und als unbeschränkte Herrscher über Johannes, der selbstredend auf seine Art davon profitierte.

Da sei nur am Rande die komplette Eisenbahnanlage erwähnt, die Schlachter Th. Aus der Nachbarschaft auf Wunsch des Vaters für den weihnachtlichen Johannesgabentisch liefern musste, um auch im nächsten Jahr Fleisch und Wurst für die Altenheimküche liefern zu
dürfen.

Das Zimmer von Johannes konnte all die vielen schönen Spielsachen gar nicht mehr bergen, mit denen er überhäuft wurde.
Der Platz in ihm dagegen, der vom lieben Gott für Spielkameraden und Freunde reserviert war – auf diesem Platz herrschte gähnende Leere.

Das bemerkten seine Eltern aber nicht. Sie waren viel zu sehr mit dem züchtigen und ruhigstellen der aufmüpfigen alten Leutchen in ihrer Aufbewahrungsanstalt beschäftigt.
Und gerade das schmerzte Johannes unbändig. Er unternahm alles nur ihm mögliche, diesen leeren Raum in sich mit Leben zu füllen, aber irgendwie hatte er sich immer gerade einen Fuß verstaucht, wenn die anderen Kinder an ihm vorüberzogen, und er ihnen folgen wollte. So konnte er ihnen denn nur ständig linkisch hinterhertrotten. Wie es im realen Leben seit urchristlichen Zeiten ja nun einmal so ist –

den Letzten beißen stets die Hunde.

General und Generalin Altersheimkommandeur konnten ihrem Filius gar nicht so viele Hosen kaufen, wie die wütenden Alltagshunde ihm zerrissen. Wenn die Meute der Nachwuchsmenschen im Viertel mal wieder etwas ausgefressen hatte, war es stets der Nachzügler Johannes, den die erbosten Opfer bei der Hose zu fassen bekamen.

Auf diese Art war Johannes für die Gemeinschaft denn wenigstens zu,etwas nütze. Er sicherte der Streitmacht den Rückzug, und schluckte die Energie der Verfolger, die dann manchmal auf seiner roten Wange oder Hintern deutlich zu erkennen war. Wie zum Beispiel nach dem Gefecht mit Lehrer Lämpel.

Eine äußerst beliebte und wirksame „Waffe“ unter den Jungs war die „Flitsche“ – in anderen Gegenden vielleicht besser bekannt als „Zwille“. Von diesem wunderbaren Gerät gibt es – wie bei Revolvern auch – verschiedene Ausführungen. Von der Zimmerflak in
Astgabelausführung mit Fahrradschlauchgummi und eisernen Krampen bestückt, bis hin zum kleinen, aber ebenso wirksamen Sologummi für den unauffälligen Nahkampf.

Die Spitzenkanoniere im Viertel konnten mit dem kleinen Ding sogar blind und rückwärts feuern. Nicht so Johannes. Johannes hatte schon beim sehend vorwärtsschießen seine kleinen Probleme mit der Zielgenauigkeit und Treffsicherheit. Was ihm auch prompt – oder besser gesagt der ganzen Klasse – übel angekreidet wurde.

Ausgerechnet in der Rechenstunde beim gefürchteten Lehrer Lämpel wurde ihm diese Schwäche dann zum Verhängnis.

Der gestrenge Schulmeister stand mit dem Rücken zur Klasse an der Tafel, und malte in schönster Paukermanier Hieroglyphen auf die grüne Fläche.

Von vorne, aus der zweiten Bankreihe, von da, wo der Knirps mit dem Dreirad seinen Platz im Klassenzimmer hatte, trafen den guten Johannes unablässig „Rückwärtsgeschosse“.

Er parierte sie so gut es ging, und mit mäßigem Erfolg. Bis – ja, bis Lehrer Lämpel – durch das verhaltene Schlachtengetümmel in seinem Rücken aufgeschreckt – sein Gesicht plötzlich der Klasse zuwandte.

Wie gesagt – an der Fähigkeit, das richtige Ziel zu treffen, haperte es bei Johannes mächtig. Und so traf seine – im selben Augenblick abgefeuerte – „Krampe“ auch nicht den Knirps mit dem Dreirad, sondern landete punktgenau auf des Lehrers unwillig gekrauster
Pädagogenstirn.

Von mäßigem Erfolg wagte denn nach diesem Treffer keiner mehr zu reden, zumal es in der Folge Strafarbeiten für die ganze Klasse hagelte.
Zur Ehrenrettung der Brüder muß noch gesagt werden, daß nicht einer der Krieger, trotz heftiger Aufforderung Lämpels, Johannes als den Schützen denunzierte.

So wurden sie dieses mal alle gebissen – und gegenseitiges Wundenlecken nach verlorener Schlacht schweißt eine Truppe schon seit jeher noch fester zusammen.

Johannes blieb aber noch Jahre seinem Naturell treu, und ließ sich nur ab und zu von einem anderen „Weichei“ des Quartiers in seiner Funktion als Letzter des Rudels vertreten.
Gero stand ihm in der Rangfolge nicht allzu viel voraus. Von drei Tanten zuhause stets und ständig umsorgt, fehlte ihm so ein wenig das Mark in den Knochen – oder anders gesagt, er hatte keinen harten Kern. Was ihn wahrscheinlich selber am meisten ärgerte, wenn er der Truppe immer ein Stück hinterherschlabberte.

So etwas ist bei Eroberungsfeldzügen, auf denen sich die Bengels permanent befanden, natürlich mit einer gewissen Gefahr verbunden. Das nächste Tun und Geschehen war auch mit einer gewissen Gefahr verbunden, aber was ist im Leben eines Kriegers nicht gefährlich.

Das Kriegsandenken Bunker war im Bewusstsein der jungen Krieger natürlich kein Kriegsandenken. Wie sollte es auch. Für sie war er einfach Teil des realen Lebens – eingebaut in den Alltag.

Dieser Bunker hatte nun eine Besonderheit, die ihn von anderen Schutzbauten aus kriegerischen Tagen unterschied. Er hatte leichteSchlagseite – wie wenn Onkel Hannes manchmal heimwärts segelte, nachdem er an der Theke in der Sportklause an der Gökerstraße wieder einmal einen Sturm abgewettert hatte.

Das Bunkerbauwerk hatte gegen Ende des Krieges noch einen Volltreffer abbekommen. „So richtig schön auf die Mütze“, sagte Onkel Hannes.

Es war eine der heimtückischen Panzerknackergranaten gewesen. Durch die Detonation war sogar ein Stück der Treppe im inneren weggesprengt worden. Aber das war Vergangenheit – das war ein Geschehen aus dem Leben der Alten.

Für die jungen Krieger im Viertel war der Koloß oft Ausgangspunkt, Mittelpunkt oder Endpunkt eines Beginnens. Je nach dem, was gerade auf dem Plan stand. Eine besondere Funktion erfüllte er auch noch –
er war der entscheidende Bewährungspunkt, wenn es darum ging, ein neues Mitglied in den Kreis aufzunehmen.

Bevor der Stammesrat Ja zum Aufnahmebegehren sagte, musste der „Neue“ in den Bunker. ‘In den Bunker hieß’, mit einer weißen Fahne über die geborstene Treppe nach oben – bis unters Dach. Wenn die weiße Fahne in einem der oberen Lüftungsschächte erschien, dann gehörte der Fahnenträger zum Stamm. Und nur dann.

Diese weiße Fahne – und das Geschehen darum herum – war einigen verknöcherten Alten in der Umgebung schon lange ein Dorn im Auge,den man neutralisieren musste. Unbedingt.

Eines schönen – oder für die Jungen nicht so schönen – Tages waren alle Zugänge mit Kalksandsteinen zugemauert.
Verbaut.

Anstatt die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden, hatte man sie an so etwas Sinnloses verschwendet. Verstehe einer die Erwachsenen.
Es brach bei den Burschen eine Zeit des Nachdenkens – eine Zeit der verborgenen Tätigkeiten an.
Wieder einmal hatte der Knirps mit dem Dreirad die „zündende“ Idee.

Der Schießstand bekam seine tragende Rolle.
Die Truppe besaß schon enorme Vorräte an Kartuschen. Schöne blanke Messingkartuschen, die von den Kriegern nach jedem Übungsschießen, das auf dem Stand vonstatten ging, gesammelt wurden.

Sicherheitsvorkehrungen nach heutigen Maßstäben darf man sich nicht auf damals denken. Dann sagt man sofort: Unmöglich.
Auch die Güte der Munition war eine andere in dieser Neustartzeit. Es wurde mit allem geübt und geschossen, was sich noch in Depots und Waffenkammern befand.

Darunter befanden sich natürlich auch viele Nichtzünder –
„Blindgänger“, wie Onkel Hannes sagte.
Es machte sich von den Probanden niemand die Mühe, sie wegzuräumen. Wozu auch. Sie waren ja nur ein Teilchen von vielen anderen ebensolchen Überbleibseln aus einer unseligen Zeit.

Nicht so für die Nachgeborenen.

Es erstand eine alte Kultur neu. Ersinnen, erfinden, testen – das alles wiederholte sich. Wie immer im Leben, wenn etwas anderes entsteht.
Die ‚Blindgänger’ unter den Patronen wurden ausgeschlachtet, und einem dienlichen Zweck zugeführt – es wurde getestet und immer wieder getestet. Es geschah alles auf den Erfolg gerichtet und unter strengster Geheimhaltung.

Was da ‚geheimgehalten’ wurde, das schielte nur manchmal unter der Decke hervor, wenn irgendwo in einem der Gärten eine verbeulte Konservendose landete, als Beweis einer gelungenen Übung.

Kleine Schwarzpulverhäufchen unter einer umgestülpten Konservendose, als Lunte einen Baumwollfaden – sorgfältig aus einem von Mutters Feudeln herausgelöst – und angezündet. Das war das ganze Geheimnis. Einfach zu lösen – was war daran schon
geheimnisvolles. Onkel Hannes hatte nämlich mal etwas von ‚Schießbaumwolle’ erzählt.

Nachdem genügend Erbsendosen den Luftraum im Viertel durchflogen hatten, war die Testreihe beendet.
Jetzt galt es den Ernstfall anzugehen. Nichteinmal „Sprenglöcher“ mussten sie bohren – die waren schon in der Steinbäckerei in die Kalksandsteine eingebaut worden. Von der Ziegelei mitgeliefert sozusagen.

Eine Sauarbeit war das Ganze aber doch. Sieben Feudel mußten sorgsam „aufgeribbelt“ werden, bevor genug Lunte zur Verfügung stand.
Dirk hatte mal wieder das Schicksal ereilt. Seine Mutter hatte ihn beim zweiten Feudel zerlegen erwischt, und ihm den nassen Lappen gehörig um die Ohren gehauen.

Feudel zerstören – das war ja schlimmer als Sabotage beim Kommiss.
Die anschließende Woche Stubenarrest hat ihn denn um die Früchte seiner Agententätigkeit gebracht – er konnte die große Sprengaktion, mit der seine Kumpels den Bunker von seinen Fesseln befreiten, nicht miterleben. Ein zweites Mal haben ihre Gegner dann nicht versucht, den Stammsitz zuzumauern.

Das Zielgebiet eines versteckten Kampfeinsatzes war wieder einmal – wie eigentlich so häufig – das Gelände des Reitvereins.

Klassenkampf pur war wohl der tiefere Grund für diese ständigen Feldzüge. Was hatten diese hochnäsigen, eingebildeten und doofen Bessereleutekinder auch in ihrem Viertel zu suchen.
Die sollten mit ihren Ackergäulen doch im Villenviertel rumklabastern. Da, wo ihre Erzeuger auch ihre schicken Benzinkutschen im Stall stehen hatten.

Die hatten sich in der rechtlosen Zeit mit ihren Mähren einfach auf angeblich verlassenem Gelände häuslich niedergelassen.
Von wegen verlassenes Gelände – wertvolle Jagdgründe waren dem Stamm damit einfach geraubt worden.

Die müden Alten des Stammes hatten der Landnahme der Fremden widerstandslos zugeschaut – und das schmerzte die jungen Krieger.
So etwas schrie in den Kriegerköpfen doch förmlich nach Rache. Man musste sich mit seiner Truppe ja leider notgedrungen bescheiden.
Zum großen Krieg reichten die Kräfte nicht – aber die Eindringlinge unaufhörlich mit kleinen Stichen piesacken – das konnte man schon. Und immer war der Knirps mit dem Dreirad irgendwie vorneweg. Auch wenn er schon lange kein Dreirad mehr fuhr.

Die Reitanlage bewachte ein schrecklicher Mensch, dessen Halbglatze und Hakennase in makellos gewichsten Stiefeln steckten. Zwischen Geierkopf und Stiefeln fuchtelte er unaufhörlich mit einer Peitsche in der Luft herum.

So ausstaffiert ging er auch wohl schlafen, denn keiner hatte ihn je anders gesehen. Na ja, den jungen Kriegern fehlte ja auch die Gelegenheit, ihn beim Zubettgehen zu beobachten.

Beobachten konnten sie allerdings seine täglichen Gänge zum Häuschen mit Herz. Häuschen mit Herz klingt lieblich – höre ich jemand sagen. Nicht so lieblich klangen die Töne, die durch die dünnen Bretterwände nach draußen schwebten, wenn der gestiefelte
Kater – so nannten ihn die Burschen unter sich – seine Notdurft verrichtete, wenn sein blanker Achtersteven das Loch in dem Brett über der Grube ausfüllte.

Es klang oftmals so, als wäre ein hungriger Wolf hinter einer schnatternden Gans her. Er litt nämlich unter „Verstopfung“, der Gute.
Seitdem ein Granatsplitter im letzten Kriegsjahr ihn liebevoll am Hintern gestreichelt hatte, konnte er die unverdaulichen Reste seiner Nahrung nur sehr schwer wieder loswerden.

Onkel Hannes hatte es in seiner sonntäglichen Skatrunde mal auf den Punkt gebracht:

„Diederk – dien Mors hett in Frankriek een Schokk kräägen. Du muttst hüm moal düchdich verfäär’n – dat helpt meesttieds.“ (Diederk, dein Hintern hat in Frankreich einen Schock bekommen – Du mußt ihnn mal tüchtig erschrecken, das hilft zumeist.)

Der Knirps auf dem Dreirad nahm diese gehörte Feststellung seines Onkels mit nach draußen – in den Kriegsrat der mutigen Krieger. Beim nächsten Palaver fanden sie „die“ Lösung, um dem geplagten gestiefelten Kater in seiner „Not“ zu helfen.

Am folgenden Tag – einem Sonntag – wartete ein kleiner Stoßtrupp darauf, dass der vom Schock „Gepeinigte“ das stille Örtchen am Rande des Hofes aufsuchte. Kaum dass er darin verschwunden war, schlichen die Burschen zur Rückseite – zum Deckel der Lokusgrube.

Eine Bierflasche mit Schnappverschluß mit einem Bröckchen Karbid und ein wenig Wasser präpariert, und hinein in die Jauche – und alle Mann mit Karacho in Deckung.
Sie schafften es noch gerade, das letzte Hosenbein zu verstecken, als es auch schon rummste.

Der Donner hatte es sich noch nicht mal im Hof bequem machen können, da flitzte der gestiefelte Kater auch schon mit heruntergelassenen Hosen, und von unten bis oben mit dem Inhalt der Grube bekleckert, durch das Gelände. Und der Knirps auf dem Dreirad konnte sich eine neue Feder in seinen Häuptlingsschmuck stecken.

Das nächste Stückchen Straße auf dem Weg in das Erwachsen- werden bescherte keinem der Krieger eine Siegesfeder – was die Truppe sich auf diesem Marsch einhandelte, war wohl eher als das Gegenteil von Kampfesehren anzusehen.

An der inneren Deichseite gab es doch tatsächlich eine große, freie, grüne Fläche. Keine Trümmer, keine verlassenen Flakstände, keine heimtückischen Einmannerdbunker waren auszumachen – nur fette Gräser und verschwenderisch blühende Pferdeblumen – auch
Löwenzahn oder Pusteblume genannt, tummelten sich auf der Weide.

Der Krieg war wohl zu kurz gewesen, sonst hätten die Kriegsherren dieses Fleckchen Erde auch ganz bestimmt noch mit „kriegswichtigen“ Bauten bestückt. Es schien dazuliegen, wie ein vergessenes Land – oder wie eine Paradewiese mit einem Denkmal in der Mitte. Ja, genau – ein Denkmal. Das sagte nämlich einer von der Truppe in die schläfrig am Deich vor sich hindösenden Runde.

„Denk mal einer sich was aus, womit wir die „Kuh“ da vorne ’n büschen ärgern können.“

Es war nämlich so etwas wie „saure Gurkenzeit“ im Grodenviertel. Die Schule machte Sommerpause, und das schon seit einigen Wochen.
Seit einer Woche schon waren sie nicht mehr auf dem „Kriegspfad“ gewesen. Da rosteten ja die Gelenke langsam ein. Das heißt, in den vergangenen Tagen hatte kein Erwachsener im Viertel einen Grund gesehen, über die „Gören“ Klage zu führen.

Die ‚Kuh’ da vorne war die einzige Erhebung in dem weiten Rund. Wenn jeder im Kreise gewusst hätte, was für eine ‚Kuh’ sie sich da anschickten zu ärgern – auweia.

„Guckt mal, was die Kuh für ein komisches Euter hat“ – Benno war ganz verwirrt, und voller Zweifel. Die Kühe bei seinem Patenonkel auf dem Hof sahen zwar ringsrum genauso aus – die hatten aber ganz andere Euter – viel größere, und mit langen Fingern dran, aus denen Milch spritzte, wenn Tante Ella an ihnen zog. Bei dieser ‚Kuh’ hing das Euter zwischen den kräftigen Hinterbeinen. „Lütter ist es auch – und Finger zum melken sind auch nicht zu sehen“ – meinte Benno noch zaghaft.

Das wusste Dirk zu erklären. Dirk hatte zu Hause ein Dreimädelhaus – seine drei Schwestern bestimmten seinen häuslichen Lebensrhythmus. „Weißte dat denn nich? Beie Kühe is dat wie beie Mädchens – die einen haben große Titis, die anneren kleine – bei welche sindse hoch, und bei mansche hängen se tiefer. Weiß ich von meine Schwestern.

Laß uns doch mal gucken, wie die Kuh da durche Gegend wackelt, wenn wir ihr einen an ihr Euter verpuln.“

Und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die langen,, schlanken Zweige, der über die Nachkriegsjahre wild und hoch gewucherten roten Haselnußsträucher am nahen Wallgraben, drängten sich den Burschen förmlich auf.
Eine Haselnußrute als ellenlanger Peitschenstiel – das war die Lösung.
Damit konnte man der Kuh ein wenig das Euter kitzeln.
Gedacht, getan. Der kleine Knirps mit dem Dreirad, der seinen Hintern schon lange nicht mehr auf einem Dreirad durch das Grodenviertel bewegte – konnte geschickt mit dem Schnitzmesser hantieren.

Das Handwerk hatte Onkel Hannes, der alte Seebär, ihm beigebracht, als er mal wieder eine neue Pfeife brauchte. Es war eine Marotte von Onkel Hannes, seinen selbst angebauten Knaster auch nur in kleinen, selbstgeschnitzten Pfeifen zu schmöken.

Einen langen, biegsamen Trieb zu einer Schleuder, mit einer Schlinge am Ende, zurechtzubiegen war eine Sache von Minuten – das ranpirschen an die ‚Kuh’ das dauerte schon etwas länger. Die Gute sollte ja nicht verscheucht werden, bevor man einen ‚Treffer’
gelandet hatte.

Der Stoßtrupp war endlich ganz dicht dran – die ‚Kuh’ hatte sich nicht einen Millimeter vom Fleck bewegt. Der Richtschütze betätigt den Auslöser, und im gleichen Moment schreit Benno, der auf dem Bauchhinter der Kuh liegt: „Mönsch Meier – die Kuh ischa ’n Ochse!“

Die Erkenntnis kam ihm leider zu spät. Das Werk war schon vollbracht, und der ‚Ochse’, der auch noch ein Bulle war, hatte schon leichtfüßig auf der Hinterhand kehrtgemacht, und war losgesaust.

Wer noch wie von der Tarantel gestochen lossauste, das war das Häuflein Krieger.
Die Flucht ging quer durch die Geographie – die Zäune, die sie mühsam überspringen mussten, nahm der wütende Bulle einfach mit.
Und dann kam die Rettung – bis zum Hals standen sie in einer grünbraunen stinkenden Masse.

Der breite, tiefe Gubbelschlot, um den sie sonst immer einen respektvollen Bogen schlugen, erschien ihnen plötzlich wie das Himmelreich. Auf der anderen, der sicheren Seite, wieder auf irdischen Boden zurück, schauten sie aber wahrlich nicht wie Engel aus. Es war eher ein stummes, geschlagenes Heer nach verlorener Schlacht. So ähnlich wohl wie die Franzosen unter Napoleon dunnemals vor Moskau.

Fahrbare Untersätze standen bei dem kleinen Knirps von der Stunde der ersten Gehversuche an als Leitstern über seinem Weg.

Noch keine fünf Jahre auf dem Buckel, war er schon immer erster ‚Mann’ an der Spritze, wenn Papa etwas am Automobil – wie Autos damals noch genannt wurden – zu reparieren hatte.
Die schmerzhaften Erfahrungen, die er dabei häufig machte, haben ihn
nie davon abgehalten, dabeizubleiben.

So zum Beispiel Wintertags in seinen kleinen Händen festgefrorene Schraubenschlüssel, die gnadenlos ein Stück Haut mitnahmen, wenn Papa ihn davon befreite. Oder die nicht gerade zimperlich von der Mutter durchgeführten Reinigungsprozeduren – nach seiner
Beteiligung am Ölwechsel oder Schmiernippelfetten.

Eines Tages kam auch sein Verhältnis zu den fahrbaren Untersätzen in die Pubertät. Es musste plötzlich etwas ‚handfesteres’ als Dreirad und Fahrrad her.
Zum persönlichen Gebrauch, versteht sich.

Der liebe Gott, oder sonst irgendwer, sorgte dafür, dass eine NSU- Quickly seinen Weg kreuzte, und sich in der heimischen Garage häuslich niederließ.

Wie schon gesagt: es war ein Geschenk des Himmels, an dem es viel zu werkeln gab. Es bot sich ihm die Gelegenheit, all das auszuprobieren, was er bis dahin gelernt hatte – und das war wahrlich nicht wenig.

Er schraubte hier – er feilte da ein wenig – er polierte dort – und mit jedem Tun wurde die silbergrüne Quickly ein wenig leichter und einen Tick schneller.
Es war, als wenn dem Mopedbackfisch aus Neckarsulm Flügel wuchsen. Kleine stummelige Ansätze zwar erst – aber immerhin.

Nach jeder Probefahrt fand einer der jungen Krieger, denen jetzt schon der Schein eines Bartes wuchs, noch einen Kniff zur Verbesserung.
Jede durchgeführte Änderung wurde natürlich auf Herz und Nieren getestet. Der Heppenser Groden mit seinen weiten Flächen bot sich ja förmlich als Teststrecke an, zumal Bauer Lüken das hohe Gras schon fein säuberlich gemäht und in großen Reutern zusammengekarrt, zum trocknen aufgestellt hatte.

Mit dem Titel ‚überwältigend’ wagte aber keiner die Verbesserungsergebnisse zu benennen. Es war eher so ein Klein-klein.
Onkel Hannes, der alte Seebär, der das werkeln seiner ‚Schützlinge’ – wie er die Burschen schon mal bei sich bezeichnete, aufmerksam verfolgte, brachte mit einem ‚genialen’ Dreh Bewegung in die ziemlich festgefahrene Quicklygeschichte.

„Das Ding muß richtig gepfeffert und gesalzen werden – was ihm oben in den Tank reingeschüttet wird, muß ihm am Hintern brennen wie bei euch der Achtersteven, wenn eure Currywurst mit zuviel Tabasco gewürzt ist. Füttert sie man mal mit Methylalkohol – dat helpt.“

Damit hatte Onkel Hannes die Krieger mit einem Hupps mitten in ein böhmisches Dorf gesetzt. Methylalkohol – wat is dat denn? Hörte man sich in der Runde
wiederholen.

Nur der Knirps mit dem Dreirad wußte um dieses Zaubermittel. Er hatte ja aufgepasst, wenn Onkel Hannes und Papa schwärmerisch von ihrem Zaubertrank, ihrem Feuerwasser, ihrer Freude der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählten.

Apothekenalkohol war nämlich die Grundlage ihrer Höhenflüge in den trüben Tagen gewesen – allerdings ohne Methylzusatz.
Also, was blieb zu tun?

Den Hut rumgehen lassen, und Pinunsen sammeln, das war nur eine Sache von Minuten. In die nächste Apotheke rein, und dieses ‚Wundermittel’ kaufen, das dauerte auch nicht länger. Gleich darauf kam auf dem abgemähten Grasland von Bauer Lüken der große
Augenblick.

Der Knirps mit dem Dreirad – inzwischen war er zum Häuptling aufgestiegen – hätte liebend gerne die ‚Premierenfahrt’ persönlich gemacht – weil es aber jedem der Krieger danach dürstete, ließ man den großen Manitou entscheiden.

Das Los fiel auf Johannes – der aufmerksame Leser kann sich erinnern: Johannes, das Schlusslicht der jungen Jahre. Herrgott – was war der glücklich in seiner Haut.
Wie ein blitzender Engel stand die Quickly am Rande der Stoppelwüste. Aufgetankt – aufgesessen – Motor angeschmissen – und Start! Generalstabsmäßig lief alles ab. Man sah förmlich die Erfahrung in Kriegsdingen durch die Sommerluft laufen.
Furios zog die kleine Mopeddame los. Die kaum wahrnehmbaren Stummelflügel, zu der die Künste der Burschen ihr schon verholfen hatten, wurden plötzlich zu ausgewachsenen Engelsschwingen – das Gefährt flog buchstäblich über die Steppe. Johannes vermochte nicht mehr zu lenken, er konnte nicht mehr bremsen – er durfte nur noch mitfliegen.

Da dem Quicklyengel vor lauter Flugfreude schier die Augen tränten, sah er nicht den großen Heureuter von Bauer L. in der Flugbahn stehen. Mitten hindurch ging die Passage- und endete etliche Luftmeter weiter mit einer blamablen Bruchlandung in dem großen
Misthaufen, den Bauer Lüken schon zur Düngung seiner Felder von den Höfen der Umgebung zusammengekarrt hatte.

Es war wohl immer noch Johannes sein Schicksal, als letzter zu enden. © ee

Ewald Eden

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Der Wendepunkt …

 

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Was haben Hausfrauen eigentlichen verbrochen, das der Herrgott sie Tag für Tag so furchtbar straft? So oft sich Heidi diese Frage auch schon stellte – eine Antwort darauf hat sie sich bisher noch nicht geben können. Jeden Tag muckert sie stundenlang in der Küche zwischen Speisekammer und Herd herum, um eine andere Frage ständig neu beantworten zu können – nämlich das stereotype Auskunftsbegehren ihres Ehegespons: Was gibt es heute zu essen?

Wenn sie nach, der Hetze des morgendlichen Einkaufs, die drei Treppen zu ihrer Wohnung erklettert hat, hängt ihr schon mal vor Erschöpfung die Zunge aus dem Hals heraus.

Das ist aber überhaupt nichts gegen den Überdruß, den ihr die profane, selbstverständliche Verpflegungserwartung ihres Wohnungsgenossen bereitet. Der Überdruß ist nämlich im Lauf der Jahre so groß geworden, er läßt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr in ihren Alltag hinein.

Heute Morgen nun hat sie die Faxen dicke. Nachdem ihr Angetrauter nach dem Frühstück, hinter der Zeitung weg, verschwunden ist, und Kurs auf seine Frühschoppenkneipe eingeschlagen hat, schnappt sie ihre Einkaufstasche, und nimmt den Weg zum Markt unter die Füße. Sie muß Rohstoff besorgen für die tägliche Raubtierfütterung.

Eine Treppe tiefer verabschiedet sich der Nachbar gerade – wie jeden Morgen um diese Zeit – mit einem zärtlichen Küßchen von seiner Frau.

So etwas kennt Heidi schon seit Jahren nicht mehr – sie bekommt zum Abschied stattdessen immer nur die Frage: Was gibt’s denn heute Mittag zu essen? auf ihren noch immer prachtvollen Busen geknallt. Da hätte sie nun wahrlich manchmal lieber etwas anderes liegen.
Noch eine Treppe tiefer stoppt ihren Abwärtslauf abrupt ein plötzlicher Entschluß. Als wenn sie vor eine Wand gelaufen ist, bleibt sie stehen.

Bis hierher – und nicht weiter. Eine 180 Grad Drehung, und schon geht’s wieder ab nach oben.

So schnell und beschwingt ist sie seit zehn Jahren nicht mehr die Stiegen hochgerattert.

Auf der Dritten angekommen – Tür auf – in die Wohnung rein – Einkaufstasche in die Ecke – Tür zu – zweimal umgeschlossen und innen die Kette vorgelegt.

Ihr Hannes könnte ja mal überraschend früher nach Haus kommen. Das ist zwar noch niemals passiert, denn verfrüht ist er noch nie aus seiner Biergartenkolonie aufgetaucht, verspätet dagegen regelmäßig. Aber besser ist besser, man kann ja nie wissen.

Heidi hat nämlich schon Pferde kotzen sehen – und das auch noch direkt vor der Apotheke.

Sie erkennt sich selbst gar nicht wieder.

Fröhlich vor sich hinträllernd befreit sie sich von ihren Alltagskleidern. Kaum ist das letzte Stück gefallen, räkelt sie sich auch schon in einem duftenden Schaumbad. Sie meint, hundert Engelsfinger an sich herumfingern zu spüren.

Sie freut sich, vor Wochen einmal leichtsinnig gewesen zu sein. Zusammen mit ihrer besten Freundin hat sie sich hauchzarte, verführerische Dessous, und anschließend ein raffiniert geschnittenes Sommerkleid, gekauft.

Ein männermordendes Duftwässerchen hatte die verschwörerisch lächelnde Verkäuferin ihr noch obenauf gepackt. Einmal hat sie doch tatsächlich die tollen Sachen zu Hause angezogen – probeweise, wie sie sich bei sich selber mit schlechtem Gewissen entschuldigte.

Seitdem lagen die Kostbarkeiten, gut versteckt, tief hinten im Wäscheschrank.
Damit war jetzt Schluß – die schicken Klamotten würde sie heute richtig ausführen.

Als sie hüllenlos an dem großen Spiegel in der Diele vorbeihuscht, schickt sie ihrem eigenen Spiegelbild einen lauten Pfiff hinterher. Donnerwetter – das ist ja ein Prachtweib, das ihr da aus dem Spiegel entgegenlächelt. Sie könnte sich glatt in sich selbst verlieben. In diesem Moment wird ihr klar, sie ist ja noch ein echter Knaller.

So – jetzt noch die Handtasche hergeholt, die sie Hannes zu ihrem letzten Geburtstag abgetrotzt hat, und ab geht die Post. Das wird ein Tag. Das wird ein Tag der Freiheit.

Hannes kommt um die Mittagszeit mit leichter Schlagseite, und Wind im Rücken, die Treppenstufen hoch gesegelt. Es verwundert ihn schon, daß das Schloß in der Wohnungstür 2x umgeschlossen ist. Das ist ja noch nie vorgekommen.

Warum schließt Heidi sich denn in der Wohnung ein? Hat sie vielleicht der Schlawiner von der Etage darüber belästigt?

Seitdem der hier eingezogen ist, versenkt er ständig seine Stielaugen zwischen Heidis Brüsten.

Hee – warum ist ihm das nicht schon früher aufgefallen. Der Lustmolch kann was erleben. Oder hat seine Heidi vielleicht freiwillig …?

Nee, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Nach seinem allmonatlichen Skatabend bedient er sie doch regelmäßig – und das auch noch fünf Minuten lang. Welche Ehefrau hat schon solch ein geregeltes Leben.

Neee – er kann es sich partout nicht vorstellen.

Wie sieht sie eigentlich noch aus, wenn sie nichts anhat – schießt es ihm plötzlich blitzartig durch den Kopf

Na ja – er wird es ja gleich erfahren.

Die Tür aufgeschlossen – einen Schritt rein in die Wohnung – was gibt’s heut zu essen? gerufen – die Mütze auf den Haken der
Garderobe geflenzt – rein in die Küche, an den gedeckten Tisch gesetzt – und sich’s wohlschmecken lassen.

Gedeckter Tisch? Von wegen! Einzig und allein ein großer weisser Zettel glänzt im Sonnenlicht auf der roten Tischdecke vor sich hin.

Zweimal muß Hannes die Worte lesen, um einmal zu begreifen, was da auf dem Zettel vor ihm geschrieben steht:

Mein lieber Hannes, ich bin mit Else ins Kino gegangen. Du mußt heute Mittag leider alleine essen – übrigens, das Essen für Dich steht im Kochbuch über dem Herd.

Bamms – das saß. Hannes war auf einen Schlag wieder nüchtern geworden. Na, vielleicht nicht so ganz, aber wenigstens auf einem Auge so dreiviertel.

Was bildete sein Weib sich eigentlich ein? Bringt so einfach unversehens das ganze geregelte Leben durcheinander.

Seine heilige Mittagstunde würde ja richtig Schaden nehmen. Wie sollte er denn da um fünf, zum Dämmerschoppen, ausgeschlafen sein … und dat gerade Heute, wo se doch nachher beim Kalle inne Laube dat Endspiel von vierundfuffzich noch ma kucken wollten. Dat Spiel mit den Jupp Posipal, und so.

Dat is ja …dat is ja … er kann nicht so schnell auf das Wort kommen – weil, dat is ja schonne Weile her, dat der Pfarrer ihn als Messdiener dat gelernt hat …

Jetzt hat er es aber.

Dat is ja ein Sakrileg – dat is ja schlimmer, als wenn der Bölkens Jupp dat Sonntachs inne Kirchzeit mitten Pinsel anne Schlachläden von Tine Müllers Kneipenfenster rumwerkt.

Dat tut der aber ja nur, um den Pfarrer zu ärgern, weil er die neuen Heiligenscheine inne Kirche nich von ihm hat pinseln lassen. Hat dafür extra sonnen Möchtegernkünstler aus Italienien kommen lassen – so einen mittene richtige Schmachtlocke. Da kann man ja versteh’n, dat der Bölkens Jupp nich gut auf den Pfarrer zu sprechen ist. Zumal der Paparazzo – oder wie die Schmachtlümmels da so alle heißen – die Fraunsleut inne Nachbarschaft auch noch richtich den Kopp verdreht hat. Alle liefen se plötzlich durche Strassen, wie so aufgetakelte Gondeln in Venedich.

Hannes muß sich erstmal setzen.

Ein paar Flaschen Doartmunder sind zum Glück noch innen Kasten.

Neeman, wat is bloß in seine Heidi gefahrn – die hat doch überhaupt kein Grund nich, ihm so in seine Männlichkeit zu treten. Letztens hat er ihr doch erst neue Küchenmöbel gekauft – ’nen ganzen Satz Kochlöffeln in alle Größen.

Da hätt’ er innen Supermaakt anne Ecke doch glatt drei Kisten Bier für gekricht.

Ein Nudelholz hatte er auch noch im Auge gehabt, als der fliegende Händler in der Kneipe Rast machte, aber da hat ihm denn sein Kumpel Schorsch von abgehalten, weil dem sein Elsken ihm schon mal mit sowat gefährliches ’nen Scheitel inne Glatze gezogen hat. Dat is doch gut, wenn man Freunde hat, die aufpassen.

Aber sein Heidi di is nich so. Nie nich. Die konnt er sogar mitten Rad nach Herne hinschicken, wenn da beie Aldis dat Bier um zwei Pfennig billiger gab. So war sein Heidi, ährlich.

All das ging Hannes durch den Kopf, während er am Küchentisch saß, und liebevoll die Bierflasche streichelte.

Mit soviel Gefühl hatte er Heidi seit Jahren nicht mehr berührt. So wie er da saß, sah er so ein bißchen aus wie Hans Albers, in seiner Glanzrolle als Eintänzer aus der Fischbratküche auf Sankt Pauli.

So trübe wie damals der Dunst in der Fischbratküche, so trübe waren auch seine Gedanken. Ließ seine Heidi ihn hier einfach so sitzen – mit Essen im Kochbuch, und so.

Überhaupt – was wollte Heidi innen Kino? Kintop hatte sie doch zuhause – sie konnte doch mit ihm Fußball und Sportschau gucken. Er hatte doch extra von Premiere dat Supersportpaket gekauft. Sie konnte sich ruhig ein bißchen mehr „Büldung“ in Sachen Fußball aneignen, anstatt zu schlafen, wenn das Programm lief.

Dat sein Heidi jetzt inned Kino war, dat war nur dat Else in schuld – so wie die immer rumlief, und auffe Männer rumtrat. Er hatte dat sein Kumpel Schorsch schon lange gesaacht. Dein Elsken, hatte er ihm gesaacht – dein Elsken die muß ja für ihre Röcke – und so – ’nen Waffenschein haben. Und dat, wat se inne Bluse hat, dat haut ja die Männer hier inne Strasse glatt die Köppe weg. Aber Schorschi sah dat alles anders – der brauchte dat.

Oder war dat gar nich dat Elsken in schuld? Hatte vielleicht doch der Schlawiner von eine Treppe höher seine Stielaugen in Heidis Brüste eingehakt, und schlabberte jetzt an die süßen Sachen rum. Dem würde er es zeigen – eine Schwester würde er aus ihm machen, von wegen der mit sein Heidi …..

In Hannes Kopf fing es vor lauter Denken an zu qualmen. Sechs Fläsch Doartmunder hatte er schon leergelöscht, als er den Kopf auf die Tischplatte legte, und anfing zu schnarchen.

So fand Heidi ihren Hannes denn auch noch vor, als sie um sechs Uhr durch die Küchentür geschwebt kam. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, und zufrieden und glücklich, wie sie es schon lange nicht mehr kannte.

Eine leichte Mischung von „schlechtem Gewissen“ und „hoffentlich merkt Hannes nichts“ war allerdings auf dem Nachhauseweg um sie herumgeflattert.

Irgendwie hatte sie sich ja an ihren Hannes gewöhnt, nachdem die Schmetterlinge des „Verliebtsein“ irgendwann vor Jahren endgültig aus ihrem Bauch ausgezogen waren – aber irgendwas hatte ihr auch seit langem gefehlt. Das sie da auch nicht früher draufgekommen war … Ihre Freundin Else mußte es ihr heute erst deutlich sagen. Heidi – hatte sie zu ihr gesagt – Heidi, du brauchst wat füred Herz. Heidi hatte zuerst abgewehrt, als sie an Medizin schlucken dachte – sie war doch gesund.

Neenee, hatte Else gemeint, ich hab auch nich an Pillenschlucken gedacht – nimmste übrigens de Pille? – kam ganz spontan hinterher.

Die Pille – warum sollte sie die Pille nehmen – mit Hannes war doch schon lange eh nix mehr los, mit Liebemachen, und so.

Siehste, sagte Else – dat mein ich. Du brauchst füred Herz mal wat Warmes – so von unten rauf.

Und so, wie ihre Freundin Else ihr das sagte, spürte sie auch prompt, das da was mit dran war. Als der schnieke Kerl vom Tisch gegenüber nämlich seine Blicke zu ihr rüberschmiß …

Irgendwie waren da Haken dran – die ließen sie gar nicht wieder los. Ihr Herz klopfte nämlich ganz plötzlich zwischen ihren Schenkeln. Oh Gott – entfuhr es ihr leise – laß mich jetzt bloß keine Herzrhythmusstörungen kriegen …

Else, mit ihren Mauseohren, die hatte das natürlich gehört. Siehste, Heidi – wat hab ich dich gesaacht, du brauchst endlich wat füred Herz – wat richtich Festes.

Tja – und eine Stunde später hatte sie „wat füred Herz“ – wat richtich Festes.

Nicht ohne Grund hatte Elsken ihren Schorschi vor zwei Jahren weich geklopft, ein Wohnmobil zu kaufen. Damals hatte Heidi Else gefragt, was sie denn mit dem Ding wollten – Schorschi führe damit doch sowieso nur immer bis zur Schrebergartenkneipe. Else hatte nur hintergründig gelächelt, und mit einem verklärten Ausdruck im Gesicht geantwortet, daß sie und ihr Schorschi, also daß sie endlich beide mit dem „Ding“ da jetzt wat füred Herz hätten.

Jetzt wußte Heidi, was ihre Freundin damals meinte. Schorschi fühlte sich seitdem als der „Größte“ in der Laubenpieperrunde – weil er unter den Kumpels das größte Auto besaß – und Else fühlte sich so gut, weil sie sich bei Bedarf ungestört „wat füred Herz“ gönnen konnte. Ihr „Herzmittel“ hatte sie auf die Idee mit der „Zweitwohnung“ gebracht – der malochte nämlich bei Laube & Co. Als Wohnwagenverkäufer. War dat nich Schicksalsfügung?

Heute Nachmittag – nach dem Eisessen im Cafè Klump hatten sie sich also beide „wat füred Herz“ gegönnt. Else war sowieso noch mit ihrem „Herzspezialisten“ verabredet gewesen, und Heidi brauchte sie gar nicht mehr mit dem Knüppel in ihr Glück prügeln – ihr „Doktor“ saß ja praktischerweise gleich am Nebentisch.

Heidi hatte sich überhaupt nicht mehr vorstellen können, daß es so was Schönes gab. Sie war ja schon fast der Meinung gewesen, ihr „Schätzken“ zwischen den Beinen wär nur noch zum Wasserlassen da. Sie mußte sich jetzt eingestehen, „dat dat ja sowat von doof“ von ihr gewesen war.

Robert – so hieß nämlich der schnieke Kerl mit den Angel-hakenblicken aus dem Cafè – hatte ihr da ganz wat anderes gezeigt. Pralinen hatte er in ihrem „Schätzken“ versteckt, und sie dann mit seiner Zunge gesucht.

Eijeijei – wat war dat schööööön gewesen …. und dann der Besuch seines strammen Bengels in „ihrem Liebesgarten“, wie er ihr „Schätzken“ flüsternd nannte. Sie hatte den fleißigen Jungen tatsächlich von innen an ihr Herz klopfen fühlen – ääährlich.

Vor lauter Freude war dem Kleinen in ihrem Bauch wohl ganz schwindelig geworden, er fing nämlich so heftig an zu spucken, daß ihr „Schätzken“ überlief. Das „Röschen“ in ihrem dunklen Haarbusch hatte ein richtiges Sahnehäubchen aufgesetzt bekommen.

Wie ein honigverrückter Brummbär schleckerte Robert anschließend aber alles fein säuberlich weg. Er konnte gar nicht wieder aufhören zu naschen, denn mit jedem Schlecker pulste frischer Honig aus ihrem „Schätzken“. Einen solchen „Reihen-knaller“ hatte Hannes ihr selbst in seinen besten Zeiten nicht beschert. Und nun

stand sie wieder in ihrer Küche, mit einem schlafenden Hannes auf dem Stuhl. Aber seltsam war es schon – es störte sie nicht mehr, nicht im Geringsten.

Mit einem Schlag war auch das Gefühl von „schlechtem Gewissen“ wie weggeblasen. Sie hatte ja ihren Hannes nicht betrogen – sie hatte sich ja nur etwas „besorgt“, was er ihr schon lange nicht mehr gab.

Der Geruch des gebratenen Schnitzels, und der Duft des frisch aufgebrühten Kaffee holten Hannes langsam wieder in die Gegenwart zurück. Das Essenmachen für ihren Hannes hatte Heidi plötzlich sogar Freude bereitet, die noch einen Juchzer obendrauf bekam, als Hannes – vom unbequemen Schlaf noch leicht bedrömelt – zu ihr sagte: Heidilein – du riechst heute so anders … so … so … so anders … so … na, eben so wie früher …

© ee

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Die Cameliadame.

 

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Wenn man so recht bedenkt, waren die Zeiten in denen für uns Kinder Sex noch fünf und eins war, eigentlich doch schöne Zeiten. Alles was die Erwachsenen verband, und die Halberwachsenen mit magischen Kräften zueinander hinzog, lag für uns noch wie hinter dicken Nebelwänden verborgen.

Wenn sich der Nebel für uns Kinder in irgendeiner Ecke mal etwas lichtete, wagten wir meist nicht zu fragen – und die, die wir nicht zu fragen wagten, wagten meist nicht zu antworten. Irgendwo biß sich der Hund dann wieder selbst in den Schwanz.

Anders Gabi – für sie hatte sich der Nebel wohl nicht extra zu diesem Zweck gelichtet – sie blickte mehr zufällig durch ein Nebelloch.

Auf Schnüstertour – wie kleine Mädchen nun einmal sind – ehrlich – entdeckte sie in Mamas Schrank ein dickes, blau-weisses Paket. Lesen konnte sie ja schon – wenigstens die balkendicken Großbuchstaben.

CAMELIA – stand da geschrieben – hatte sie noch nie was von gehört. Gabi, das dicke blauweisse Paket unter dem Arm, rein in die Küche. Der Papa saß am Küchentisch – er war gerade von der Schicht gekommen und rückte soeben seiner Flasche Feierabendbier zu Leibe. Na, mein Mädchen….! Zu mehr kam er nicht – sein Mädchen wollte was wissen. Du Papa – war die Mama im Zirkus? Papas Gesichtsausdruck fragte: Wieso?

Wegen dieses Paket – Gabi hielt ihm die blauweisse Packung unter die Nase. Kamele gibt’s doch nur im Zirkus.

Ach so, nee – dat is, wenn die Mama ….! Aber Vatter – nu laß dat Kind doch – kam es von der Küchentür her. Indem sie das sagte, nahm Mutter ihr das blauweisse Paket weg und legte es wieder in den Nachtkasten.

Das war’s. Aber nicht bei Gabi. Nach zehn Minuten stößt sie ihre Mama an – Mama , warst du im Zirkus? Ach Kind – dat is niks aussen Zirkus – in dat Paket – dat sind Ohrwäärmer. Wennsde Ohrnschmerzen hast leechste die um die Ohren.

Gott sei Dank – denkt Mama. Thema durch.

Nach gut vier Wochen – Gabi ist mal wieder allein zu Haus – fällt ihr das blauweisse Zirkuspaket ein. Ach denkt sie – kalte Ohren kann man ja auch ohne Ohrenschmerzen haben – deckt sich ihre Ohren sorgfältig mit einer von Mamas langen CAMELIA – Binden zu, und setzt sich damit an das Fenster, um das Treiben draußen zu beobachten.

Die Nachbarn im Pütt sprechen heute noch von der CAMELIA – Dame.

Ehrlich.

© ee

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Es ist nur anders geworden,

das Paradies unserer Kinderjahre …

ein Paradies ist es aber geblieben.

 

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Irgendein Beweggrund ließ mich gestern und nach langer Zeit und vielen Jahren einmal wieder Voslapp, den Ort meiner Kinderzeit aufsuchen.

Von Rüstersiel kommend, gleich vorne auf der Haupt- ehemals Hanz-Zenker- und schon seit Jahrzehnten Flutstrasse – ein Haus hinter Albert Heerens ehemaligem Ladengeschäft – nach links in die Austernstrasse abbiegend, mußte ich mich zuersteinmal völlig neu orientieren. Nichts war mehr vom hölzernen Sportlerheim des SSV – nichts war mehr von den Grabelandschatzkammern der Voslapper Siedler aus den sie Herbstens die kostbaren Schätze des Sommers schöpften, um Püllpötte (Steintöpfe) Holzfässer und Weck(Einkoch)gläser damit zu füllen, um mit deren Inhalten während der häufig langandauernden Winterzeit ihre und ihrer Kinder hungrige Bäuche zu füllen. Nichts war mehr von Mensens schwarzbunten Milchproduzenten unterhalb des Schlafdeiches – stattdessen nur Häuser, Häuser, Häuser und wohin ich auch blickte … nichts mehr von Kinderzeitlandschaft, nichts mehr an Erinnerungsmosaik. Ein wenig herbe Enttäuschung machte sich in mir breit, die solange anhielt bis ich mein angesteuertes Ziel erreicht hatte, auf mein klingeln mir die Tür geöffnet und ich mit freundlichen Worten aufgefordert wurde einzutreten. Es war als wenn ein Magier mit seinem Stab ein Paradies aus seinem Zylinder hervorgezaubert hätte. Es war zwar nicht mehr mein Erinnerungsparadies vergangener Kinderjahre, aber es war ohne Zweifel ein Paradies. Es hatte sich gewandelt zu einem Zufluchtsort für geschundene, für verletzte, für vom Verhungern bedrohte Tiere. Es war einfach nur anders geworden. Mit dem Wissen im Kopfe, dass mein Paradies der Kinderjahre nicht verschwunden, sondern sich nur ein neues Gewand übergestreift hatte, konnte ich im, Innern beruhigt und zufrieden, nach Hause fahren.

Danke an die Bewahrerin dieses Paradieses, danke an alle fleißigen Helfer und Unterstützer – danke Imke Sindern.©ee 

 

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Der Instrumentenladen …

 

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Jette und Heidi hatten ein schönes, langes Wochenende vor sich. Keine große Planung für eine kleine Reise, oder so. Nix von dat. Jette war man noch so eben an einer kleinen Reise nach Leipzig vorbeigerutscht. Ein Husten quälte sie seit ein paar Tagen.

Sie hatte sich doch im alten Jahr, noch von jemand, den sie gar nicht so recht mochte, zu etwas überreden lassen, was sie auch gar nicht so recht mochte.  Es sah fast so aus, als wenn der liebe Gott da ein bißchen Verhinderer gespielt hätte – er hatte Jette einfach krank werden lassen, sodaß sie den Bus, mit den  abgedrehten Doppelkatholiken aus dem Münsterland, alleine sausen lassen mußte. Kaum das die Abgase des Reisegefährtes in der schönen Siegerlandluft nicht mehr zu riechen waren, ging es ihr auch schon wieder erheblich besser.

Auf diese Weise konnten Heidi und Jette, ein ganz schön verlängertes Wochenende lang, einfach ihren Neigungen freien Lauf lassen. Also – die Seele baumeln lassen, und Lüste streicheln war angesagt. Und das alles ohne gesellschaftlichen Zwang. Schon  am ersten Tag blühten die beiden richtig auf.

Sie konnten malen, schreiben, kochen, essen, schwimmen gehen – so wie es ihnen gerade einfiel, nur nach Lust und Laune. Ach, ja – Skippo spielen natürlich auch. Hee – ihr wißt nicht, was Skippo ist? Skippo ist das Spiel, was richtige Weibsen süchtig macht. Jetzt wißt ihr es – mehr will ich euch dazu auch nicht verraten.

Bei allem, was sie in ihrer Glückseligkeit so anstellten, hörten sie Musik, zu der sie dann am liebsten auch noch eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt hätten.

Für den Sonntagmorgen hatten sich Heidi und Jette einen Saunagang vorgenommen. Diesmal sollte es eine gemischte Sauna sein. Von wem von den Beiden die Idee dazu gekommen war, wussten sie schon nicht mehr. Das war ja auch piepegal. Heidi hatte sich zwar leicht geschüttelt, als sie an die vielen kleinen Probleme dachte, die sie in der „gemischten Sauna“ zu sehen bekommen würden, aber laß es uns angehen – wir werden es überleben, meinte sie nur zu Jette, die angesichts dieser Aussichten schon verhalten in sich rein lachte.

Der Sonntagmorgen stand vor der Tür – die Sauna stand plötzlich auch vor ihnen, also – nix wie raus aus den Klamotten, und nix wie rein in den Schwitzkasten.

So ein ganz klein wenig trieb Heidis unbekümmerte Eingangsbemerkung Jette denn aber doch eine leichte Röte ins Gesicht:

„Mein Gott, Jette – was ist das nur für ein schöner Musikinstrumentenladen. Guck doch nur mal die vielen kleinen Flöten, die hier überall herumhängen.“© ee

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